Alte deutsche Traditionen 0 

Etwas Medienaufmerksamkeit hat es ja bekommen, als gestern in Stuttgart eine Gruppe uninformierter besorgter Eltern so genannte „Killerspiele“ einsammelte. Oder genauer, „nur solche Spiele, die vom amerikanischen Militär entwickelt wurden, um die Gewaltschwelle zu senken“ – solche Spiele aber gibt es gar nicht, es sollte also gar nichts eingesammelt werden?
Nun, die besorgten Eltern hatten das natürlich nicht überprüft und offenbar alles genommen, was nicht unter 18 freigegeben war. Jedenfalls wäre es leicht sbstrus geworden, hätte man die Killerspielegegner erst überzeugen müssen, dass man da wirklich ein Killerspiel mithat. Klar eine leere Positivliste mit Spielen, die vom amerikanischen Militär zur Senkung der Gewaltschwelle entwickelt wurden, wäre etwas peinlich gewesen (lustigerweise hat man aber Schach explizit ausgeschlossen).

Pikant ist dabei die Platzwahl: Ein Opernplatz war es. Denn der Amokläufer von Winnenden war bekennender Opernfan.
Was ironischerweise auffällig ist (anders als Konsum so genannter Killerspiele) und deshalb eigentlich ein viel verdächtigerer Kandidat für den Auslöser oder zumindest ein Warnhinweis wäre – denn bei solch extremen Phänomenen sollte man ja eher nach ungewöhnlichem Verhalten suchen als nach Normalität. Und ein Operngang ist für einen Jugendlichen um Längen ungewöhnlicher als ein Kilerspiel.
Alerdings haben die Plätze vor Opern ja auch ansonsten schöne deutsche Tradition, Unter den Linden in Berlin fält mir hier spontan ein:

Bücherverbrennung Unter den Linden in Berlin

Wer das jetzt für übertrieben hält, dem sei gesagt: Auch die eingesammelten Spiele sollten verbrannt bzw. einer Müllverbrennungsanlage zugeführt werden.
Und jeder, der jetzt anfängt mit: „Es sind doch nur Spiele!“, dem rufe ich ein schallendes „Aber es waren doch nur Buchstaben auf Papier“ entgegen. Kulturträger ist Kulturträger, ob man ihn mag oder nicht, von der hohen Literatur bis zum letzten Bastei-FickLiebesromanschund.

Ich finde es übrigens erstaunlich, dass diese Aktion überhaupt durchgeführt werden konnte: 2006 ging ich bei Schriftstellern und Internetaktivisten mit dem Vorhaben hausieren, aus Protest gegen die zunehmende Zensur in Deutschland, auch damals im Kontext der Killerspieledebatte, eine symbolische Bücherverbrennung zu machen. Bei dieser würden eigens für die Verbrennung gedruckte Bücher mit Texten über oder gegen Zensur sowie dem Zensurparagrafen des Grundgesetzes verbrannt werden, um darauf aufmerksam zu machen, dass das problem auch heute noch besteht.
Das war vor Zensursula und Winnenden, vor dem Beschluss der Innenministerkonferenz, ein Killerspieleverbot zu erlassen. Aber bereits nachdem das Verbot im Koalitionsvertrag der scharz-roten Bundesregierung stand.
Jedenfalls traf das Vorhaben zwar auf Verständnis, aber dennoch durchgehend Ablehnung ob der Erinnerungen, die man damit grade in Deutschland ins Gedächtnis rufen würde. Was aber genau mien Ziel war, aber ein etwaiges Missverständnis war natürlich unausweichlich. Was mich letztlich auch davon abbrachte, wiel das Vorhaben mächtig nach hinten hätte losgehen können.
Und jetzt, drei jahre später, läuft so eine Aktion ab und es gibt kaum einen Aufschrei – keiner ausserhalb der Blogosphäre spricht auch nur von der Tradition, in der das ganze steht. Für mich ist das besorgniserregend. Den größten Aufschrei gab es noch wegen des Logos der Aktion, welches nach Meinung der einflussreichen amerikanischen Seite GamePolitics Killerspieler in die Nähe von nazis rückte, aber das war nur ein (überaus ironisches) Missverständnis.
Ich meine gut, sonderlich erfolgreich war die Aktion wohl ohnehin nicht.

Interessant auhc mal wieder die Meinungen der „Experten“ – das ZDF hat mal ausnahmsweise jemanden gefunden, der ausgewogen urteilt – und dann auf die falsche Pressedarstellung reinfällt. Denn im Gegensatz zu seiner Aussage spielen „Amokläufer“ keineswegs durchgehend „Killerspiele“ – tatsächlich ist dies nur für 20% aller Amokläufer der letzten 10 Jahre bekannt, der Rest ist eher durch Nichtspielen solcher Spiele aufgefallen. Die normale Rate liegt je nach Umfrage zwischen 60 und 80% – „Amokläufer“ sind also statistisch hochsignifikant Nichtspieler!

Mal sehen, worüber ich dann in 5 Jahren berichte. Sollte die Geschichte sich weiter wiederholen… nunja:

Reichskristallnacht

Und so werden aus undeutschem Schrifttum Kilerspiele und statt der Synagogen brennen nächstes mal die Moscheen. Herzlichen Glückwunsch, Deutschland.
Und keiner merkt, was da grade passiert. Genau wie beim letzten Mal.

PS: Dass der Kontext der historischen Wiederholung größer ist als nur dieses eine Ereignis, darauf werde ich in diesem Blog in Zukunft noch zurückkommen. Es ist teils erschreckend, was sich da alles zusammenbraut.