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Die märtyrische Mauer 1 

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, Symbol der Trennung der Welt in Ost- und Westblock.
Der Kalte Krieg, die vermutlich friedlichste Zeit auf diesem Planeten seit Anbeginn der Geschichtsschreibung, war eine gewaltige Bürde für die Deutschen, die nicht breit waren, ihre einmal konstruierte Nationalität, aus der sie zuvor schon die Österreicher entlassen hatten, noch weiter zu verkleinern. Das gilt für den Westen besonders, aber auch für den Osten, wenn hier auch der beginn einer eigenen Nationalität langsam zu keimen begann. Doch das sollte man erst nach dem Mauerfal merken, als das Land plötzlich in Ossis und Wessis geteilt war, obwohl (oder weil?) die Mauer doch nun weg war. Das nannte man dann „Mauer in den Köpfen“.
Die Deutschen waren so lange sie stand Märtyrer für einen Frieden, den man so nicht gesehen hatte: Die ständige Bedrohung des Atomkrieges und die schiere Macht von USA und UdSSR hatte vermocht, jahrzehntelang brodelnde Konflikte klein zu halten – zum Preis der deutschen Teilung.

Doch mit dem Abriss der Mauer, wechselte die Märtyrerrolle auf diese über. Und das sogar noch wesentlich stärker als sie zuvor die Deutschen trugen.
„Die Mauer“ sollte ein Symbol werden für das Ende des Kalten Krieges und ein propagiertes Zeitalter des Friedens. Dass mit dem Ende des Kalten Krieges all die alten Wunden auf- und sich in desaströsen Konflikten bahn brechen würden, das war damals noch nicht klar. Diese Erkenntnis kam erst langsam auf, als Jugoslawien zerbrach und die USA über zwei Jahrzehnte eine Invasion praktisch des gesamten Nahen Ostens starteten.

Die Mauer sollte ein Symbol werden für ein Unrechtsregime, das dann auch gleich ins übernatürliche dämonisiert wurde, damit man mit dem Finger draufzeigen konnte – bald darauf würde der alte Westen beginnen, sich im Rahmen einer allumfassenden Sicherheitsrhetorik zunehmend dem DDR-geprägten Überwachungsstaat anzunähern.
Doch da man mit dem Finger auf die DDR zeigen konnte, hielt auch hier die Mauer als Märtyrer ihren Kopf hin. Schutzheilige des Überwachungsstaates wurde sie nun, ein märtyrisches Ablenkungsmanöver.

Auch erhielt „die Mauer“ über den bestimmten Artikel eine Einmaligkeit, die sie nicht hatte. Das immerhin hatte sie mit dem NS-Staat gemeinsam, der als singuläres Phänomen dasteht statt als immer noch brodelnde Gefahr, die sich jederzeit wiederholen kann.
das hängt einerseits mit den Sicherheitsbestrebungen Großdeutschlands und des Westens zusammen, aber auch mit dem Willen, ähnliche Phänomene zu verdrängen.
Dass Israel etwa eine Mauer – Verzeihung, einen Schutzwall – quer durchs Land baut, das blendet man gerne aus, schließlich haben wir die historische Pflicht, jede Scheisse, die da unten passiert gutzuheissen Israel zu unterstützen. Und vor allem ist es ja ein großer Unterschied, ob eine Mauer (plus Todesstreifen mit allem drum und dran) nun ein antifaschistischer (DDR) oder ein antiterroristischer (Israel) Schutzwall ist.

Der Fall der Mauer sollte auch eine neue Identität der Deutschen stiften – die datumsgleiche Reichspogromnacht verlor an Bedeutung für die Erinnerung der Deutschen, ebenso die Ausrufung der Weimarer Republik 1918, Hitlers Putschversuch 1923 und viele weitere. Der Begriff „Schicksalstag der Deutschen“ wurde ein bloßes Echo oder gleich komplett auf die Mauer bezogen.
An diesem Tag verloren die Deutschen ihre Geschichte, plötzlich waren historische Ereignisse kein Teil des Gegenwartsverständnisses mehr.

Nicht, dass wir uns missverstehen: Ich freue mich über den Fall der Mauer.
Was mich nicht erfreut ist der Umgang damit – wir dürfen die Mauer nicht als Phänomen der Vergangenheit betrachten. Alles, was je passiert ist liegt im Bereich dessen, zu was Menschen fähig sind – im Guten wie im Schlechten. Wolen wir die mauer wirklich erinnern, müssen wir ihre Wirkungen, ihre Nachahmer in der Gegenwart sehen. Wir dürfen uns nicht ablenken lassen von der Historisierung und immer im Kopf behalten: Die Geschichte ist immer ein Teil unserer Gegenwart, ja sie ist ein Produkt unserer Gegenwart (denn was wie in unseren Geschichtsbüchern steht, dass entscheiden die Menschen der Gegenwart). Wir dürfen nie den Fehler machen zu glauben, sie sei vorbei.
Geschichte ist nicht einfach nur Vergangenheit, sie ist ein Ergebnis menschlichen Handelns. Und wir sind immer noch die selbe Menschheit wie vor 20, 60, 100 Jahren. Vergesst nie: Alles, was bereits geschehen ist, kann jederzeit irgendwo wieder geschehen.
Genau deshalb ist Geschichte auch nicht nur Selbstzweck – sie zeigt uns, wozu Menschen fähig sind. Im Guten wie im Schlechten. Geschichte ist immer ein Abbild der Gegenwart, der menschlichen Psyche. Mögen wir das nie vergessen: Geschichte ist nie Vergangenheit.
Und sie hat besseres verdient als die Behandlung als Ablenkungsmanöver.

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