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Eine deutsche Vokabel 1 

Die Mär von den 100 Wörtern für Schnee bei den Eskimos ist ebenso altbekannt wie falsch.
Dennoch gibt es solche Phänomene natürlich: Dschungelbewohner werden wohl kaum ein Wort für Schnee haben. Und auf einer subtileren Ebene gibt es noch die ideellen Konzepte, die es nur in einer Sprache gibt und die nur dort einen Begriff gefunden haben.
Ein schönes Beispiel liefert uns das Deutsche.

Gigantomanie.
Ironischerweise ein griechischer Begriff, taucht er in der Gesellschaft erstmals in der Besprechung Albert Speers auf, etwas später auch Adolf Hitlers. Er hat sich weltweit verbreiten können, aber so richtig populär wurde er nie. „Gigantomania“ bringt auf Google ein Gemisch an Sprachen hervor mit vielleicht 100 Treffern pro Sprache, der französische versuch géantomanie bringt es auf genau ein Ergebnis.
Es ist ein typisch deutscher Begriff, eben zur Distanzierung von den Nazis. Dass Speer lediglich – wie praktisch jeder Architekt, der was auf sich hält – sämtliche Möglichkeiten auszunutzen gedachte, die ihm Hitler zur Verfügung stellt und dass sein Werk architektonisch durchaus bedeutend und interessant war (hübsch find ich es auch nicht, aber das ist ein reines Geschmacksurteil), fällt dabei unter den Tisch.
Und ist auch der Grund, warum der Begriff ein Deutscher blieb – anderswo gilt das, was wir als Gigantomanie bezeichnen, als normal. Wer Geld und Macht hat, zeigt es. New York, San Francisco, Kazakhstan, Moskau, Peking, Kuala Lumpur, Dubai. Herrgott, selbst die deutschen Bankenmetropolen Düsseldorf und Frankfurt.

Der letzte Auswuchs solcher Geißelei von Normalität (der Begriff „Neiddebatte“ echot mir aus dem Hinterkopf) ist eine Äusserung der Bundesjustizministerin Sabine Leutheuser-Schnarrenberger:

Mich stört dieses Vorpreschen, diese Gigantomanie, die auch bei der Google-Buchsuche durchscheint.

Was genau sie hier überhaupt mit „Gigantomanie“ meint, bleibt aussen vor.
Sie stört halt, dass Google sehr schnell wächst und neue Produkte einführt. Warum sie das nicht tun sollten, weiss allein Frau Leutheuser-Schnarrenberger Ihre weitere Kritik bezieht sich auf Googles fragwürdige Datensammlung (wobei da auch viel übertrieben wird) und rechtliche Konflikte.
Es geht nämlich gar nicht um Gigantomanie, sondern nur noch um ein Reizwort – der Begriff ist endgültig entwertet und ein reines Codewort für „ich mag die nicht“ geworden.

Und so endet die Kariere eines seltsamen deutschen Begriffs: Von einem Begriff für Hitlers tatsächlich seltsame Faszination an großen Dingen (die in Europa bis 1945 aber normal war) über ein halbwegs gerechtfertigtes Wort für symbolisches Repräsentationsstreben hin zu einem inhaltleeren Neidbegriff.

Ein interessantes Merkmal noch am Schluss: „Gigantomanie“ war immer ein Neidbegriff, der zwischendurch aber wenigstens mal Inhalt hatte. Als gigantoman bezeichnet man im allgemeinen nämlich nur den Bau von Statussymbolen, die durch die Bedeutung des Projektes oder die Macht des Bauherrn tatsächlich gerechtfertigt sind.
Sind sie dies nicht, spricht man von Überheblichkeit, Maßlosigkeit oder Hybris.

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