Bradburys Erbe 0 

Ich finde die derzeit überall im (vor allem englischsprachigen) Internet zu lesenden Nachrufe auf Ray Bradbury hochinteressant. Genauer die Liste jener Werke von ihm, die dabei ständig erwähnt werden: Fahrenheit 451 und The Martian Chronicles.
Das sind natürlich jene Werke, die in vielen Lehrplänen vorkommen und im Englisch-Unterricht im Bereich Utopie/Dystopie oder auch Science-Fiction besprochen werden. Interessant finde ich das, weil es die Bedeutung der Werke völlig verzerrt. Fahrenheit ist mit Sicherheit ein bedeutender Roman über Literatur an sich und auch insofern beachtlich, dass er oft nicht als Science-Fiction gezählt wird. Wenn man die Bedeutung eines Werkes jedoch wie ich an seinem Einfluss auf die Kultur an sich bemisst, sticht ein anderer Text aus Bradburys Werk heraus, eines der meistadaptierten und das am häufigsten nachgedruckte Schriftstück des Genres: A Sound of Thunder.
In der 1952 erstmals publizierten Kurzgeschichte von 10 Seiten reist ein Großwildjäger 65 Millionen Jahre in die Vergangenheit, um einen Tyrannosaurus rex zu erlegen. Sein Reiseveranstalter hat alles exakt geplant und einen Saurier ausgewählt, der Sekunden nach der Jagd ohnehin von einem Baum erschlagen würde um zu verhindern, dass eine Veränderung in der Vergangenheit die Gegenwart unkontrolliert verändert. (Achja, SPOILERWARNUNG) Alles geht gut, doch dann gerät Großwildjäger Eckels vor dem Raubsaurier in Panik, kommt vom Pfad ab und tritt auf einen Schmetterling.

Es ist nicht nur die extrem weite Verbreitung der Geschichte, die sie zu einem der einflussreichsten literarischen Texte des 20. Jahrhunderts macht.
9 Jahre später würde der Meteorologe Edward Lorenz auf ein erstaunliches Phänomen stoßen: Als er beim Eingeben eines Wertes in eine Wettersimulation die letzten drei Nachkommastellen vergisst, ändert sich das Ergebnis radikal. Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien (oder sonstwo), heisst es von nun an, kann in Texas einen Wirbelsturm auslösen. Es war dies eine der Geburtswehen einer Disziplin der Mathematik, die später als Chaostheorie zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Theorien des 20. Jahrhunderts werden würde.

Wie groß Bradburys Einfluss darauf war, dass Lorenz seine verdeutlichende Metapher recht schnell von einer Möwe auf einen Schmetterling wechselte, ist unklar. Vielleicht ist es Zufall. Ich halte es aber für unzweifelhaft, dass Bradburys Kurzgeschichte elementar war für die schnelle Popularisierung des Bildes, denn die Grundidee hinter beiden Schmetterlingen ist identisch: Kleine Dinge können große Auswirkungen haben. Der Schmetterlingseffekt wurde eine feste Metapher zumindest der amerikanischen Kultur.

Und weil sich so ein Kreis irgendwann schließen muss kam der popkulturelle Durchbruch der übrigen Chaostheorie von einem anderen Werk eines inzwischen verstorbenen SF-Autoren, in dem Tyrannosaurus rex und der Schmetterlingseffekt zentrale Rollen spielen: Jurassic Park.
Das ist gar keine so andere Geschichte, denn das Schicksal beider Werke in der Literaturwissenschaft führt zu einer gemeinsamen Erkenntnis: Unser Verständnis von dem, was wichtig ist und Einfluss hat ist häufig auf dem Holzweg. Die Literatur- und Kulturwissenschaften übersehen regelmäßig genau jene Werke, die tatsächlich einen feststellbaren gesellschaftlichen Einfluss haben und schlagen diese einer als minderwertig erachteten Populär- und Trivialliteratur zu.
Bradbury hatte, anders als Michael Crichton, Glück. Sein zweit-bedeutendstes Werk, Fahrenheit 451 gehört zu den wenigen Büchern, die in beiden Betrachtungsweisen als wichtig gelten können.