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Die Krim und die zwei Nationalismen 1 

So, nachdem ich nun unter der Woche nicht wirklich in der Lage war, längere Texte zu schreiben (fiese Erkältung macht dicken Kopf und ausserdem viel zu früh am Abend müde), hole ich jetzt also ein paar Themen nach. Fangen wir mal mit dem an, was heute wichtig wird, weil die größte Schwarzmeerinsel heute gestern über ihre Staatszugehörigkeit abstimmt abgestimmt hat: Die Krim und was die ganze Geschichte meiner Meinung nach damit zu tun hat, dass es nicht einen, sondern zwei gegensätzliche Nationalismen gibt.

tl;dr In Westeuropa machen sich meist die Staaten ihr Volk. Separatistenbewegungen hingegen machen dem Volk einen Staat. Die Krim ist aktuell ein gutes Beispiel für die Reibungspunkte zwischen beiden Ansätzen.

Es ist schwierig mit Nachrichten zur Krim, weil kaum zu ermitteln ist, wer lügt, wenn es um die Staaten der ehemaligen Sowjetunion geht. Die meisten Medien haben Putin als Bösewicht fest in ihren Drehbüchenr, egal was er macht. Im gegenzug übt sich so mancher Linker als Jubelperser für nahezu alles, was Russland tut. Dass dann mit CIA und KGB auch noch zwei Gruppen auf gegensätzlichen Fronten involviert sind, die jederzeit die Geschichtsbücher fälschen können, hilft nicht grade bei der Übersichtlichkeit.
Entsprechend zögerlich bin ich, mich zu den letzten Aufständen in der Ukraine zu äussern. Zumal mich größere Zusammenhänge meist mehr interessieren als die Vergänglichkeit der Tagesnachrichten. Doch als sich dann die Krim abzuspalten begann und der Westen hiergegen protestierte, fiel mir etwas auf.
Mir fiel auf, dass beide Seiten des Konflikts in absolut gegensätzlicher Weise nationalistisch motiviert waren. Und dass dies noch viel weiter in die Geschichte zurückreicht. Es ist ein Gedanke, der mir den Unterschied zwischen Österreich und der DDR begreifbar macht, warum Hitler nach Berlin statt nach Wien ging, woher der Hass zwischen Kurden und Türken rührt, warum der Balkan plötzlich nach und nach in die EU integriert und vieles mehr.

Die Idee ist, dass es zwei Nationalismen gibt. beiden ist die Vorstellung eigen, dass Staat und Volk im Idealfall deckungsgleich sind. Aber sie gehen jeweils gegensätzliche Wege, um dieses Ziel zu erreichen. Und jede Form ist für die jeweils andere eine Bedrohung.

Grundsätzliches vorab
Es gibt eine reihe hier überlagernder Dinge, die ich für zweitrangig halte.
Natürlich geht es Russland und der EU auch um Zugriff auf Öl und Gas der Krim. Aber das halte ich mehr für opportune Mitnahmeeffekte als für die Ursache des Streits, wenigstens Ukraine-intern. Russland hätte überhaupt nicht die Macht, einen solchen Konflikt aufzubrechen, wenn der Spalt nicht schon vorhanden wäre. Und es ist wahr, dass die Krim eine erst in der Sowjetunion der Ukraine zugeschlagene russische Insel ist, woraus sich die Bevölkerungsstruktur erklärt, das ist aber mehr eine historische Ursache als eine gegenwärtige Strömung oder ein Wirkmechanismus, um den es mir hier geht.
Interessant ist dagegen die räumliche Verteilung der Bevölkerungsgruppen in der Ukraine, da dies erklärt, warum grade die Krim für dieses Thema relevant ist. Bitteschön, das rote sind die Russen (Grafik von hier):

Sprachen in der Ukraine (Ukrainische Volkserhebung 2001)

Sprachen in der Ukraine (Ukrainische Volkserhebung 2001)


Der Rassismus ist ein mit dem Nationalismus verwandtes, aber dennoch separates Phänomen, das hier nicht Thema ist. Ebenso ignoriere ich Afrika und Asien ausserhalb des slawisch bewohnten Raumes sowie Skandinavien, weil ich von dessen Geschichte in dieser Frage zu wenig weiss.

Dem Staat ein Volk: Der Staatennationalismus
Andere Namensvorschläge wären der integrative oder assimilative Nationalismus, Obrigkeitsnationalismus und Leitkulturlehre.
Das ist das im Westen vorherrschende Modell eines Nationalstaates, ein Staat, der ein gewisses Territorium umfasst, dessen Einwohner seine Bürger sind. Die Staaten des „Westens“ sind historisch gewachsene Vielvölkerstaaten, die sich entweder durch das Römische Reich, Territorialverschiebungen in Folge von Kriegen oder Kolonialismus/Zuwanderung erklären.
Die europäisch geprägte Welt (Westeuropa, Amerika und Australien) ist von Vielvölkerstaaten geprägt. Dies zum einen wohl aufgrund der Durchmischung bei der Völkerwanderung und später im Kolonialismus, zum anderen in der Tradition des Römischen Reiches, welches als eine Art Schirmreich über zahlreiche kleinere Länder konstruiert war und später anfing, eine Leitkultur zu etablieren.
Den Anfangspunkt dieser Entwicklung setze ich auf das Dreikaiseredikt im Jahre 380, also die Christianisierung Roms. Bis zu diesem Zeitpunkt bezog sich die Vereinheitlichung der römischen Provinzen auf praktische Dinge wie Verkehrssprache und Währung, während Dinge des privaten Lebens, wie eben die Religion, keine Angelegenheit des Staates waren. Bis zu diesem Zeitpunkt werden Völker und Kulturen zudem über ihre religiöse Zugehörigkeit definiert. Beides endet 380-391 im Bereich des Römischen Reiches schlagartig. Rom beginnt, die Kultur seiner Einwohner zu vereinheitlichen. Zum ersten Mal in der (bekannten) Geschichte erklärt ein Staat von oben herab seine Einwohner zu Angehörigen eines Staatsvolkes, dessen Eigenheiten und Glaube Angelegenheit der Regierung sind.
Diese Idee verfestigt sich in den folgenden Jahrhunderten in den territorialen Nachfolgern Westroms und allgemein in den katholischen Staaten. Religion, Alltagssprache, Küche, verfügbare Technologien und mehr orientieren sich zunehmend am Zuschnitt der Staatengrenzen. Verändert ein Staat seine Grenzen, werden die Betroffenen entweder assimiliert oder wandern den Grenzverschiebungen hinterher.
Das ist natürlich kein reibungsloser Prozess. Gerät eine völlig fremde Volksgruppe in einen Staat, der ansonsten aus wenigstens halbwegs kulturell verwandten Gruppen besteht, kommt es zu Konflikten. Wobei Konflikt hier ein weiter Begriff ist: Die Basken in Spanien und die Kurden in der Türkei werden aktiv unterdrückt, die Sorben in Deutschland hingegen siechen einfach hinfort. Bei den amerikanischen Ureinwohnern geschah beides zugleich.
Und hier kommen wir an einen ersten Knackpunkt: Der ganze letzte Absatz setzt dem Staatsnationalismus sein Gegenstück zuwider, die Annahme, dass jedes Volk einen eigenen Staat bilden sollte.

Dem Volk ein Staat: Der Volksnationalismus
Oder auch disintegrativer oder separativer Nationalismus, Geburtsnationalismus und Rassenlehre.
In gewisser Weise die ursprüngliche Idee, ein Volk ist eine Nation. Wenn ein Staat national sein soll, muss er sich aus der Volkszugehörigkeit ableiten.
Der erste Staat in der Geschichte, den ich so charakterisiert finde, ist Griechenland. Griechenland war ein staatsartig agierender Bund von Städten, der danach definiert wurde, wer griechisch sprach und an die griechischen Götter glaubte. Hier also wurde der Zuschnitt des Staates von einem Konzept der Volkszugehörigkeit bestimmt.
Es ist (das ist selten bei den Griechen) die genau gegenteilige Idee vom Nationalstaat, die später die Römer entwickeln würden. Aber die Gleichung Staat=Nation ist dennoch identisch und ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Römer die griechische Idee mit den anderen griechischen Ideen verbreiteten, bevor sie aus eben dieser Gleichung andere Schlüsse zu ziehen begannen.
Nun muss ich ehrlicherweise sagen, dass sich die nationalen Bewegungen kleinerer Völker auch ohne Griechenland erklären lassen. Die Leute mögen es nicht sonderlich, wenn Leute von aussen ihnen ihre Lebensweisen und Glaubensbekenntnisse verbieten wollen.
Aber: Was sich ohne diese griechische Vorgeschichte schwerer erklären lässt, ist die Spaltung Eurasiens in dieser Frage.
Es fällt auf, dass die territorialen Nachfolger Osttroms sowie die direkter unter griechischem Einfluss stehenden slawischen Länder deutlich stärker dazu neigen, Staatsgrenzen auf der Grundlage von Volksgrenzen zu ziehen. Die Kleinstaaten des Kaukasus sind ein deutliches Testament hiervon.
Wirklich interessant ist hier die Konfliktlinie: Die Bildung von Staatengrenzen auf Grundlage von Bevölkerungsverteilungen erfolgt historisch ausschließlich ausserhalb des ehemaligen Territoriums des weströmischen Reiches. Womit sich übrigens auch erklärt, warum ausgerechnet Deutschland so ein Problem mit Bewegungen wie dem Faschismus hat: Deutschland steht zwischen den Nationalismen und neigt zwischen diesen hin und her, ohne einen beständigen Konsens zu finden. So zeigt sich in der DDR ein Volksnationalismus („Wir sind ein Volk!“), im ohne jeglichen Widerspruch (ausser von ein paar Nazis) von Deutschland separaten Österreich hingegen ein Staatsnationalismus. Und das wiederum erklärt sogar, wieso es im Osten im Vergleich zum Westen so unglaublich viele Nazis gibt: Das Verständnis vom Verhältnis Volk/Staat ist schlichtweg ein anderes.
Es vermag auch zu erklären, warum ausgerechnet England das Vereinigte Königreich anführte und warum der Kolonialismus innerhalb Europas praktisch nur die Staaten weströmischer Prägung erfasste. Beides sind Entwicklungen, die nur unter der Annahme der Existenz einer Leitkultur Sinn machen. Wenn aber Staatsgrenzen ohnehin nur Volksgrenzen wiedergeben, macht die Eroberung fremder Gebiete nur sehr eingeschränkt Sinn. Die Idee, einen Krieg zur Ausbreitung des eigenen kulturellen Einflusses zu führen, lässt sich nur aus dem Staatsnationalismus herleiten. Was nicht heissen soll, dass andere Staatskonstrukte keine Kriege führten, sie tun es nur aus anderen Gründen.

Osteuropa
Zurück zum Konflikt zur Hand. Mehr oder weniger.
Erstmal nach Russland. Russland ist ein Land unter starkem kulturellen Einfluss Griechenlands und Ostroms. Das zeigt sich in der russisch-orthodoxen Kirche ebenso wie in der kyrillischen Schrift.
Russland ist oft ein Staat, der bei europäischen Entwicklungen auf kuriose Weise ausschert. Der russische Kolonialismus etwa umfasst nur direkt angrenzende Gebiete und erreicht andere Kontinente nur fast beiläufig in Alaska, das später an die USA verkauft wird.
Russland bildet mit dem Auftreten des sich selbst so bezeichnenden Nationalismus im 19. Jahrhundert die Idee des Panslawismus aus, den man in der obigen Überlegung als volksnationationalistisch begründeten Staatsnationalismus bezeichnen kann. In der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts werden im slawischen Raum mehrere Vielvölkerstaaten gebildet: Die Sowjetunion, die Tschechoslowakei und Jugoslawien. Bis zum Ende des Jahrhunderts sind alle drei zusammengebrochen, die Völker dieser Staaten streben alle nach eigenen Staaten.
1922 übernimmt der Usbeke (!) Stalin den Parteivorsitz der KPdSU, gefolgt vom Ukrainer Chruschtschow. Stalin ist die Spitze des Staatsnationalismus in der SU, er versucht mit brutalsten Mitteln gezielt, die Bevölkerung des Landes zu vereinheitlichen. Nach Stalins Brutalität ist die Idee des Staatsnationalismus in der SU de facto tot, keiner seiner Nachfolger versucht mehr, die Union zum kulturell einheitlichen Staat zu formen. Anders sieht das bei einzelnen Mitgliedsstaaten der UdSSR aus und hier kommen wir zur Krim: 1964 überträgt Chruschtschow die russische Krim an die Ukraine. Betrachtet man die UdSSR dem Sozailismus gemäß als postnational, ist das kein großes Thema. Und es wäre wohl eine reine Verwaltungsfrage geblieben, wäre die Sowjetunion nicht in den 1990ern zerbrochen.

Und jetzt haben wir unsere Konfliktlinie: Die Ukraine orientiert sich in den Folgejahren zunehmand westlich. Sie ist unter den ostslawischen Staaten der einzige, der dies in diesem Umfang tut. Als Nationalstaat hat sie es einfach, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Wäre da nicht dieser Fremdkörper Krim.
Was wir jetzt haben, sind eine volksnationalistische russische Bevölkerung („Wir sind ein Volk“ kehrt zurück), ein Russland, dem diese Tendenzen gelegen kommen und das daher ebenfalls volksnationalistisch argumentiert (inklusive Erinnerung an die Aufteilung Jugoslawiens auf Grundlage der Völkergrenzen), eine staatsnationalistisch argumentierende Ukraine („staatliche Integrität“) und einen Westen, der ohnehin Staaten und nicht Völker als Subjekte internationalen Rechts betrachtet (also der staatsnationalistische Ansatz).

Und das ist meiner Meinung nach der Grund, warum Westen und Russland hier nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Ihre jeweiligen Ansätze sind ganz einfach nicht vereinbar.
Die ukrainischen Russen pochen hier auf die Souveränität der Völker, die Ukraine auf jene des Staates. Das entspricht der vorherrschenden Ideologie bei beiden Gruppen. Warum Russland und der Westen als Dritte nun den jeweiligen Seiten zur Hilfe springen, tut dabei nichts zur Sache, da es hier um die internen Ursachen des Konfliktes innerhalb der Ukraine geht.

Offenes
Es gibt viele Aspekte, die bei dieser Überlegung offen bleiben. Ich bin nicht auf die Rolle der rechten Bewegungen in der Ukraine eingegangen. Der Wankelmut insbesondere Deutschlands und Russlands zwischen den beiden Auslegungen ist interessant und verdient genauere Betrachtung, ebenso dass grade diese beiden Staaten besonders auffällige Beispiele für Vielvölkerstaaten sind, die sich selbst nicht als solche wahrnehmen. Es ist auch offensichtlich, dass zwischen den extremen ein Spektrum existiert, insbesondere wenn der Staatsnationalismus zur erfolgreichen Bildung eines Staatsvolkes führt.
Aber dieser Text ist ohnehin schon viel zu lang und ich hatte nicht vor, ihn als Buch zu publizieren. Vorerst nicht.

Nachtrag: Gut passend dazu Tammox (man beachte den Anriss zu multiethnischen Staaten) und Augstein.

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