eInstürzende Altbauten: Wer profitiert vom eBook? 0 

Friedrich Forssmann hat im Suhrkamp-Blog eine lange Tirade gegen das eBook verfasst. Kann man machen.
Dass der Text recht einseitig ausgefallen ist, finde ich sogar nachvollziehbar: Als Buchgestalter und Typograph lebt er in einer Berufswelt, die im eBook bestenfalls marginale Daseinsberechtigung hat, denn beide Arbeiten widersprechen fundamental einem Grundvorteil des eBook, der flexiblen Anpassung an unterschiedliche Lesegeräte und Leserwünsche.

Ich möchte deswegen nicht auf die gesamte Tirade eingehen, sondern eine Rosine picken, um ein Thema anzusprechen, dass ich schon lange ansprechen wollte. Betrachtet es als Fortsetzung meines Textes zur Oberflächlichkeit des Bücherregals.

(…)wenn Sie nicht zum Beispiel zwischenzeitlich Ihren Amazon-»Account« gelöscht haben, weil Sie schlechte Arbeitsbedingungen schlecht finden und lebendige Innenstädte mögen (…)

Fettung von mir. Ja, ich picke mir das beiläufigste Argument des ganzen Textes raus, weil ich einen Aufhänger brauche, der zugleich gute Clickbait abgibt. Und es gibt nichts, was ihr dagegen tun könnt. Ha!

„eBooks zerstören die Innenstädte“ ist ein Argument, das zwei Probleme hat. Das einfacher zu benennende Problem ist, dass es die Rolle der Buchhändler im Gesamtensemble der Innenstädte maßlos überschätzt. Die zwei-drei Buchhändler pro Fußgängerzone sind weder die großen Umsatz- und Publikumsbringer der Innenstädte, noch ihre größte Attraktion. Manche Buchhandlung ist ein schönes Kleinod und ich mag sie, aber objektiv muss man konstatieren: Wirtschaftlich sind sie für die meisten Innenstädte unbedeutend.
Sorry, aber für die Innenstädte ist jedes H&M bedeutender als drei Buchläden.

Für das andere Problem muss man hinter die Symbolik der schönen Innenstadt blicken. Sie repräsentiert ja etwas, in der Regel wirtschaftliche Anziehungskraft und Einnahmen. Insbesondere Steuereinnahmen für die Städte.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema meines Beitrages, den Geldfluss des Papierbuchsystems gegenüber dem Selbstverlag mit eBooks:

Das bestehende Modell
Das Geschäftsmodell der Buchproduktion und des Vertriebes ist derzeit auf drei Ebenen organisiert: Verlagswesen, Druckereien und Buchhandel. Verlagsbuchhandlungen und -druckereien lasse ich hier der Einfachheit halber mal raus, obwohl sie meinen Punkt noch deutlicher machen würden.
Verlage und Druckereien sind in der Regel recht große Unternehmen. Druckereien sind in Industriegebieten, Verlage in Innenstädten angesiedelt. Diese Unternehmen haben eine gewisse Zentralisierung und sind fast durchweg in Großstädten oder Hauptstädten von Landkreisen zu finden.
Der Buchhandel ist etwas weiter verteilt, Buchhandlungen findet man – wenn auch durch Urbanisierung und Standortkonzentration mit abnehmender Tendenz – auch in den meisten Klein- und Mittelstädten. Viele gehören allerdings zu Ketten wie Bertelsmann, Thalia oder Weltbild, deren Hauptniederlassungen natürlich wieder in Großstädten sitzen.
Das Geld dieses Systems steckt also in den Großstädten. Da die größten Unternehmen dieser Branchen nur in den größten Städten oder deren direkter Peripherie angesiedelt sind (Vor allem in belrin, Köln und München, in den USA sogar praktisch komplett komplett in New York), erhalten diese einen überproportional hohen Anteil der positiven Auswirkungen der Anwesenheit eines Verlagsbetriebs (vulgo: Geld).
Der Versandhandel verschärft dieses Problem noch, indem er sich auf noch weniger Standorte konzentriert, er hat noch nicht mal mehr Filialen. Das heisst, Amazon ist mit dem Versand von Papierbüchern durchaus problematisch, allein: Um diese geht es hier ja nicht.

Es dürfte offensichtlich sein, dass die Verteilung volkswirtschaftlicher Auswirkungen um so ungerechter ist, je weniger Standorte daran teilhaben. Je weniger Standorte es gibt, desto größer der Kapitalfluss von ausserhalb in die verbleibenden Standorte und umso mehr Kapital sammelt sich an diesen Standorten an und geht an anderen Orten verloren.
Das ist das volkswirtschaftliche Grundproblem des Versandhandels. Hinzu kommt noch, dass die gesamte Branche auf prekäre Beschäftigung setzt – der Kapitalfluss vom Umland in die Standortgemeinden wird auf diesen Umweg quasi direkt in die Konzernkassen weitergeleitet, der sich seine Gewinne über die sozialen Leistungen für die unzureichend bezahlten Beschäftigten kurzerhand subventionieren lässt.
Solche Hartz4-Fabriken wie die Logistikzentren der großen Versandhändler existieren auf dieser Grundlage.
Deswegen sind diese Branchen ein wirtschaftliches Übel, selbst für die Gemeinden, in denen sie beheimatet sind.

Aber was passiert, wenn wir den Blick umwenden und den digitalen Wandel in der Buchbranche auf die selbe Weise betrachten?

Umfluss zu den Autoren
Mit dem eBook hat der Selbstverlag an Bedeutung gewonnen. Das bedeutet, dass kein Geld mehr an die Verlagsstandorte fließt. Es fließt Geld an die Anbieter der Verkaufsplattformen, aber der wichtige Punkt hier: Es fließt ein größerer Teil der Einnahmen aus den Buchverkäufen als je zuvor in Siedlungen und Dörfer. Plötzlich erhalten die Autoren einen bis zu zehnfach höheren Anteil an den Einnahmen ihrer Bücher.
Und Autoren wohnen mehr oder weniger zufällig über die Bundesrepublik verstreut: Hier einer in Düren, da einer in Neuss und ja, dank der höheren Bevölkerungszahl auch gut tausend in Berlin.
Selbst wenn dieses Geld keinen so hohen Betrag ergibt, dass das Finanzamt davon etwas sieht, ist es doch Geld, das ein Einwohner einnimmt und wahrscheinlich auch auf irgendeine Weise wieder ausgibt. Und so kommen die Einnahmen eines Autoren aus – sagen wir mal – Lüchow auch in Lüchow an, statt in Gütersloh zu versacken, wo Lüchow von seinem tollen Schreibtalent nichts hat.
Plötzlich muss ein Dorf keinen großen Verlag mehr im Ort haben, um am Geschäft mit der Literatur mitzuverdienen, es reicht, einen Autoren vorweisen zu können. Autoren gibt es etwa hundertmal so viele wie Buchhändler.
Klar, die bisherigen Profiteure, die Standorte der großen Verlage und Druckereien, verlieren dabei. Aber so ist das halt mit der Herstellung von Gerechtigkeit: Die vielen übervorteilten erhalten ihr Geld zu Lasten der wenigen, die zuvor die Vorteile hatten.

Eine kleine eBook-Utopie
Der große Schwachpunkt dessen ist natürlich die Festigung der eBook-Anbieter. Das Geld, das konzentriert wird, wird noch stärker konzentriert als bisher, auch wenn es relativ zum Gesamtmarkt weniger ist. Auch wenn ein größerer Teil des Geldes als zuvor direkt an die Autoren und damit in deren Heimatorte geht, geht doch noch einiges an einige wenige Standorte.
Das lässt sich eigentlich nur durch einen genossenschaftlichen eBook-Shop lösen: Ein Shop also, der den dort verkaufenden Autoren gemeinsam gehört und der zum Jahresabschluss seine Gewinne an die Autoren verteilt, wobei sich der Anteil an der Gewinnausschüttung am Anteil an der Gewinnerzielung orientiert.
Dann endlich wäre das Problem der Kapitalkonzentration auf einige wenige Standorte gelöst und das Geld gerecht dort verteilt, wo das Talent sitzt.
Und das ist die Chance des eBooks: Mit dem Papierbuch geht ein solches Modell nicht, da es eben der Buchläden, Verlage und Großhändler bedarf. Mit dem eBook fallen die meisten Instanzen der Machtkonzentration weg und es bleiben nur zwei: Autoren und Shop-Betreiber.
Ob so etwas in Deutschland möglich ist, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Aber es ist eine Utopie, für die man sich einsetzen kann.

Der wichtige Punkt aber: Das eBook bewirkt jetzt schon einen größeren volkswirtschaftlichen Gewinn für die bisher übervorteilten Standorte als es in Zeiten des Papierbuchs der Fall war. Und es hat das Potenzial, eine vollkommen gerechte Verteilung dieser Gelder zu erreichen, was das Papierbuch nie könnte.
Entsprechendes gilt übrigens auch für Youtube, Blip & Co. gegenüber dem Fernsehen und für zahlreiche andere Medienrevolutionen. Die Musikindustrie konnte sich erfolgreich gegen eine Umverteilung zu mehr Gerechtigkeit wehren, aber auch dort ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.