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Leben mit Wittgensteins Löwen oder: Religion und ich 0 

Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit wieder häufiger mit dem Thema Religion konfrontiert zu werden. Dafür gibt es diverse Gründe, wobei in meinem Fall aufgrund meiner politischen Verheimatung die überaus unglückliche Wahl der stark missionarisch auftretenden Katrin Göring-Eckhardt zur Grünen-Spitzenkandidatin ein besonders konstanter und besonders lästiger Umstand ist, da es schwer ist, ihren für mich persönlich beleidigenden Aussagen zu entgehen. Später im Text mehr hierzu, vorerst so viel: Ersetzt jedes Mal, wenn G-E vom Glauben bzw Atheismus spricht, diese Begriffe durch Hetero- bzw. Homosexualität und vielleicht wird euch klar, wie ihre Aussagen für mich klingen.
Ich bin religiöser Analphabet. Und ich komme zunehmend zu der Erkenntnis, dass dies eine nicht haltbare Position ist. Doch auch dazu später mehr, zunächst einmal zu meiner Geschichte betreffs Religion bis zu diesem Punkt.

Es ist schwierig, die Herkunft des Begriffs „religiöser Analphabet“ nachzuvollziehen, hauptsächlich, weil er immer wieder mit sehr verschiedenen Bedeutungen auftritt. Er scheint aus der Jahrtausendwende zu stammen, aber die Grundidee verkörpert kein Bild so gut wie Ludwig Wittgensteins Löwengleichnis: „Wenn der Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“
Wittgensteins Verhältnis zur Religion war kompliziert und es ist durchaus möglich, dass er diesen Satz (bewusst oder unbewusst) aus der Erfahrung des Lebens als Areligiöser in einer Welt voller religiöser Menschen geboren hat. Dass der Löwe spätestens seit dem Mittelalter als Symbol des Christentums präsent ist, ist hier wohl ein glücklicher Zufall.
Es ist einfach ein so perfektes Bild für das Erleben von Religion durch die Augen und Ohren von Menschen wie mich.

Die einfache Tatsache hier ist jene, dass ich nie religiös geworden bin. Ich wurde evangelisch getauft, weil man das halt so macht. Danach hatte ich keinen Kontakt mehr zu irgendeiner Religion, bis zu meiner Einschulung war da schlichtweg nichts. Und bis dahin war es bereits zu spät. Als ich schließlich in der (katholischen) Grundschule erstmals in nennenswerten Kontakt zum Christentum kam, ordnete ich dieses ohne Zögern in einen mir bekannten Kontext ein: Die Märchen der Gebrüder Grimm.
Nun war das Thema damit nicht abgehakt, hatte ich doch die meiste Zeit in der Schule Religion als Unterrichtsfach. Das Ersatzfach Philosophie erschien mir genauso unsinnig und so kam ich nie auf die Idee, nicht in Religion zu gehen. Ich wurde recht gut im Zweifeln und im Hinterfragen religiöser Inhalte, was meinen Lehrern gefiel und Reli zu dem Fach mit meinen besten Noten zu machen (gefolgt und in einigen Jahren übertroffen nur von Bio).
Ich ordnete mich als Atheist ein, sobald ich das Wort erlernte, ließ die Konfirmation über mich ergehen, wieder weil sich das so gehörte (und die Geldgeschenke üppig waren) und trat schließlich beim Amtsgericht aus der Kirche aus, bevor ich auch nur meinen ersten Pfennig verdient hatte. Bis dahin war Religion als Unterrichtsfach präsent, aber nie als Überzeugung oder Vorstellung irgendeiner Art. Es blieb mir fremd, wie irgendjemand in religiösen Texten irgendetwas anderes als Märchen sehen konnte und mit zunehmendem Alter wurde es mir noch fremder, wie selbst Erwachsene an dieser komischen Idee festhielten, es gäbe so etwas wie einen Gott. Ein Gott zudem, der mir zunehmend überflüssig erschien, ohne Platz im real existierenden Universum, wie es die Wissenschaftler ergründeten und wie wir es jeden Tag um uns herum sehen konnten. Mein Bild von Gott wurde zu einer anderen Formulierung von „Keine Ahnung“, er saß überall dort, wohin die Wissenschaft noch nicht vorgedrungen war, nicht weiter als ein lückenbüßerisches Phantom.

Ich versuchte zu verstehen, warum Gläubige an diesen Gott glaubten, doch alle Erklärungen, die ich bekam, drehten sich entweder im Kreis, blieben oberflächliches Geschwafel oder im besten Fall noch irgendwelche persönlichen Gefühlserlebnisse, die ich nicht nachvollziehen konnte („Ich spüre Gottes Dasein tief in mir“ und ähnliche Nullaussagen). Ich nahm am (nicht mehr existenten) Religionsforum teil und am Freigeisterhaus, wurde in beiden Moderator und versuchte, die Denkwelt der religiösen Mitglieder zu verstehen. Ich scheiterte vollständig und begriff irgendwann, dass dies eine fremde Welt ist, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
Auf die Identifikation als Atheist folgte mit Erlernen der jeweiligen Begriffe jene als Agnostiker, dann Ignostiker und schließlich das heutige Bekenntnis zum religiösen Analphabeten, einer Person, unfähig zu religiösem Glauben, unfähig auch nur zu verstehen, was das ist und wieso es existiert. Glaube soll die wichtigsten Fragen des Lebens beantworten, allein, ich verstehe schon die Fragen nicht oder was an diesen so wichtig sein soll. Und noch viel weniger verstehe ich, wieso grade diese Antworten die richtigen seien sollen, schließlich sind es nichts weiter als von irgendwem aufgestellte Behauptungen, die genauso gut frei erfunden sein können.

Und das ist dann auch mein heutiges Bild von Religion: Religion ist, wenn jemand etwas erzählt und alle glauben es, weil… ?
Mein Satz endet in der Leere, weil hier mein Unverständnis beginnt. Ich weiss nicht, warum Leute irgendeinen abgefahrenen Scheiss glauben, nur weil jemand mit ausreichend zugebilligter Autorität es als Wahrheit verkündet. Oder weil es in irgendeinem Buch steht. Hier fehlt für mich mindestens eine Begründungsstufe. Warum glauben Menschen irgendeinen Kram, der in irgendeinem alten Buch steht oder von jemandem in einer Kutte vorgetragen wurde? Wer sagt denn, dass das nicht alles frei erfunden ist? Da fehlt etwas.

Und hier ist das Bizarre: Christen haben dieses Problem ebenfalls, nur weichen sie dieser Erkenntnis aus, indem sie Religionen, an die sie nicht glauben (vorzugsweise solche, die sie ausgerottet haben), zu Mythologien degradieren. Sie kaschieren so die Tatsache, dass die Vorstellungen der antiken Pantheons den damaligen Menschen keineswegs Mythen waren, sondern Religionen mit einem ebenso großen Wahrheitsanspruch wie die heutigen. Eine gefährliche Erkenntnis, birgt sie doch die Frage, was genau den heutigen Göttern einen größeren Wahrheitsanspruch verleiht als jenen Göttergeschlechtern unter Zeus, Iupiter, Teutates oder Wodan. Oder als den Heerscharen anderer Götter, die durch die Köpfe der Menschen spuken und spukten.
Wir meinen zu wissen, dass diese Götter unwahr sind, doch was macht sie unwahrer als die heutigen Götter? Oder andersrum: Warum sollte Yahweh weniger fiktiv sein als Tiamat?

Doch die Sache ist auch die, dass es mir lange egal erschien. Sollen die Gläubigen sich damit selbst herumschlagen, ich hatte diesen Fragen endlich den Rücken gekehrt. Allein, sie mir nicht.

Immer und immer wieder versuchen Religiöse, sich in die Lebensgestaltung jener einzumischen, die nicht zu ihrer Religion gehören. Sie nennen das dann Teilhabe an ethischen Diskussionen. Dass die ethischen Positionen einer Religion für den Rest der Menschheit völlig unerheblich sein könnten, auf diese Idee kommen sie erst gar nicht.
Und so kommen wir zu einer Welt, in der in Westdeutschland erst in den 90ern die Illegalität von Homosexualität abgeschafft wurde. In der staatliche Friedhöfe immer noch nach christlichen Vorstellungen gestaltet werden, ob es den „Bewohnern“ passt oder nicht (wozu haben die eigentlich ihre eigenen Friedhöfe, wenn die doch wieder ihre Nasen in fremde Einrichtungen stecken?). In der Menschen, die sterben werden und wollen gegen ihren Willen noch etwas länger gequält werden, da ihnen Sterbehilfe aus religiösen Gründen versagt bleibt, an die sie möglicherweise noch nicht mal glauben. Da erlangt der explizit missionarisch angelegte Religionsunterricht Verfassungsrang, aber ein für das Verständnis der Welt essenzielles Fach wie Mathe seltsamerweise nicht. Da werden bei uns die süßen Sternsinger rumgeschickt, um in Geld zu sammeln, mit denen man in Afrika fremde Religionen und Kulturen verdrängt (denn etwas anderes ist Missionierung nicht) und ganz nebenbei gewaltige Glaubenskriege auslöst. Politiker eiden auf „So wahr mir Gott helfe“, was alle Nicht-Theisten im Publikum nur zu dem Schluss führen kann, dass alles davor gelogen ist, denn das Gott ihm/ihr hilft ist ja aus deren Sicht nicht wahr (interessante Frage für die Juristen hier: Wenn ein Atheist mit dieser Formel endet und dann den Eid bricht, hat er gelogen? Hat er den Eid überhaupt jemals geschworen?). Da gibt es ausführliche Debatten, wie weit Religionen sich denn an Menschenrechte zu halten haben (zuletzt die Beschneidungsdebatte) anstatt dass dies wie bei allen anderen gesellschaftlichen Gruppen als eine dem Rechtsstaat unabdingbare Selbstverständlichkeit gilt.
All dies mit Verweis auf irgendwelche Werte und Normen, die offenbar dermaßen schlecht begründet sind, dass sie nicht argumentiert werden können, sondern per Dekret einer höchstwahrscheinlich fiktiven Autorität verordnet werden müssen.

Es ist offenbar keine gangbare Option, die Religiösen einfach in Frieden zu lassen, denn sie sind nicht in der Lage, diese Rücksichtnahme zu erwidern. Das liegt teilweise im Wesen von Mission als einem Kerninhalt vieler Religionen, aber noch mehr liegt es im Unverständnis.
Wenn Göring-Eckhardt (da isse wieder!) meint, in einem Flugzeug gäbe es keine Atheisten mehr, sobald es in Turbulenzen kommt, so spricht daraus eine vollkommen fehlende Einsicht zu verstehen, dass es auch Menschen gibt, die schlichtweg nicht glauben. In so einem Weltbild sind die diversen Areligiösen Denkweisen nur verkappte Religiöse. Und daraus legitimiert sich dann der Anspruch religiöser Gruppen, sich in Fragen einzumischen, die sie schlichtweg nichts angehen – vor allem Dinge, die allein die Betroffenen etwas angehen sollten, wie Sexualität und Sterbehilfe.
Auch diese unsinnige Begrifflichkeit, vom Glauben abgefallen zu sein, existiert und verschwindet nur langsam. Natürlich können Menschen vom Glauben abfallen, aber nicht jeder Ungläubige hatte jemals etwas, von dem er abfallen konnte.
„Man muss doch an etwas glauben“ ist auch so ein beliebter Satz von Gläubigen gegenüber Ungläubigen, ein perfektes Destillat des Problems: Der Aussage liegt völliges Unverständnis zu Grunde und sie ist im Gegenzug für Ungläubige ebenso unverständlich. Ich meine, was soll dieser Satz überhaupt bedeuten? Es ist für mich als Nicht-Glaubenden ein offensichtlich falscher Satz, der zudem einen Begriff als selbstverständlich voraussetzt, den ich etwa so gut verstehe wie ein geboren Blinder den Begriff „blau“.

Und somit komme ich zu dem Schluss, dass die Idee religiöser Toleranz eine gänzlich utopische ist. Die Vertreter von Kirchen und vergleichbaren Einrichtungen zeigen sich unfähig, sich aus anderer Leute Angelegenheiten rauszuhalten. Toleranz aber basiert auf Gegenseitigkeit.
Toleranz den Religionen gegenüber ist erst dann ein gangbarer Weg, wenn die Religionen selbst gelernt haben, die Grenzen ihrer Zuständigkeit zu erkennen und ihrerseits Toleranz den Anders- und Nichtreligiösen gegenüber zu üben. Bis dahin ist es die Pflicht eines jeden, der gleiche Rechte für alle als Ideal hält, ihnen diese Grenzen aufzuzeigen und sich gegen jegliche Grenzüberschreitung, jede unbotmäßige Einmischung in anderer Leute Leben, aufzustehen und zu protestieren, sich zu wehren.

Dieser Beitrag wird bereits viel zu lang. Viele Fragen müssen hier offen bleiben, etwa ob nicht schon die grundlegende Struktur von Glauben, dieses grundlose Übernehmen von Behauptungen, für die Menschheit schädlich ist und als Relikt einer Zeit umfassender Unmündigkeit überwunden werden muss. Um Glaubensinhalte ging es nur bedingt, aber die spielen offengestanden auch kaum eine Rolle. Ich bin sicher, ich werde irgendwann auf die anderen Themen in diesem Komplex zurückkommen.

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