Genregedanken – Science-Fiction 2015 0 

Die Welt der literarischen Genres hat sich mit der Zeit massiv verändert. Diesen Donnerstag starte ich, inspiriert von der Tagesschau, eine Reihe von Betrachtungen, was passiert ist.

Ein Panzer der Bundeswehr mit einer gottverdammten Laserkanone (Bild: ARD/Tagesschau)

Ein Panzer der Bundeswehr mit einer gottverdammten Laserkanone (Bild: ARD/Tagesschau)


Die Bundeswehr hat Laserpanzer. Links von mir liegt ein handflächengroßer Supercomputer, der sprechen kann, routinemäßig mit Satelliten kommuniziert und genug Rechenkraft hat, die Besiedlung des Mondes zu koordinieren (ich benutze ihn zumeist für Notizen und Textmitteilungen). Raumfahrt ist in großen Teilen dermaßen uninteressant geworden, dass wir wieder aufgehört haben, auf dem Mond zu landen. Die Hälfte der technischen Anlagen in meinem Besitz ist so kompliziert, ich habe keine Ahnung, wie sie wirklich funktionieren. Europa ist, von ein paar Stolpersteinen abgesehen, politisch und wirtschaftlich geeint. Der Kalte Krieg ist vorüber. Von explodierenden Atomkraftwerke und abstürzenden Raumschiffen hören wir im Geschichtsunterricht.

Ich könnte die Liste noch lange weiterführen, Tatsache ist: In gewisser Weise leben wir in der Zukunft unserer Kindheit und Jugend. Okay, das klingt relativ bescheuert, also veersuchen wir das noch mal: Wir leben in unseren alten Science-Fiction-Romanen. Und das hat seltsame Folgen.

Die Krise der Utopie

Sieht man sich in der Fanszene um, so sieht man immer wieder Klagen, die großen Utopien seien tot. Unsere aktuellen Zukunftsvisionen seien von Dystopien wie den Tributen von Panem beherrscht.
Im Kern steht darin die falsche Vorstellung, positive Visionen seien jemals beherrschend gewesen. Utopia war immer die Ausnahme in der Literatur, vielleicht abgesehen vom Geburtsmoment des Genres als solches, mit den positiven Versionen der Kontinentaleuropäer wie Jules Verne oder Kurd Laßwitz, bereits damals ausgeglichen von den Briten wie H.G. Wells und Mary Shelley. Da ist auch schon eine Erklärung: Utopia war bis auf wenige Ausnahmen (Ernest Callenbach, Thomas Morus) ein Phänomen der Kontinentaleuropäer (Isaac Asimov in einem so kurzen Text kulturell zu verorten ist derweil praktisch unmöglich). Insofern mag es dem Zufall der amerikanischen Vorherrschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken sein, dass SF ein zwischen negativen und militärischen Ausprägungen verortetes Genre wurde. Tatsächlich verschwanden die großen Utopisten mit den Untergängen der Achsenmächte (z.B. Hans Dominik) und des Ostblocks (z.B. Alexei Tolstoi, Stanisław Lem) in zwei großen Phasen aus dem Mainstream der SF-Welt, während Frankreich sich seltsamerem zuwendete (z.B. Jean Giraud/Moebius).
Aber da steckt vielleicht auch mehr hinter: Utopien sind heute aus einem ganz pragmatischen Grund kaum mehr möglich: Wir haben gesehen, was aus den großen Technologien der Zukunft wurde und siehe, es war… langweilig. Ja, das Internet hat unser aller Leben verändert, revolutioniert gar, aber es wirkt von heute aus gesehen alles so trivial. Es scheint, als wäre jede Verbesserung emotional letztlich nur der neue Normalzustand. Als wäre es ein Naturgesetz, dass es leichter ist, Leid zu beklagen als Glück zu genießen.
Wir sind dem Paradies so nahe, dass wir nicht länger den Sinn darin erkennen, es zu erreichen. Oh sicher, wir gehen weiter, aber die große Erwartung an die Ankunft ist verflogen. Es ist wie beim Umzug in eine neue Gegend: Irgendwann ist man halt da und alles wird überraschend schnell wieder normal. Ein paar Monate und man meint, schon immer dort gewesen zu sein.

Der Techno-Thriller

Der beständige Fortschritt hat schon immer die Zukunft aufgefressen und überholt. Vernes U-Boote, Wells‘ Panzer und beider Landungen auf dem Mond sind heute trivial. Aber sie sind so fantastisch und fern dessen, was wir wirklich haben, dass sie ihre Faszination bewahren konnten.
Doch mit dem Näherrücken der Zukunft wurden unsere Visionen von ihr realistischer, bis vollkommen ununterscheidbar wurde, wo die Gegenwart aufhörte und die Zukunft begann. In den 80ern begann man zunehmend, in der nahen Zukunft angesiedelte Science-Fiction unter dem für die Verkäufe besseren Label Techno-Thriller zu verkaufen. Plötzlich verschwand ein großer Teil der Science-Fiction in andere Regale und die Menschen gewöhnten sich daran, dass Geschichten um Supercomputer und revolutionäre technische Durchbrüche keine Science-Fiction mehr darstellten.
Frank Schätzing läuft unter den Mainstream-Romanen, Tom Clancy unter den Thrillern. Die Grenze lief schon länger eher schwammig (Hans Dominiks Kautschuk von 1929 behandelt die damals wirtschaftlich extrem folgenreiche Erfindung künstlichen Gummis, die 1930/31 tatsächlich erfolgte), aber nun war sie ausdrücklich aufgehoben.
Alles, was so wirkte, als könne es bereits morgen in den Geschäften auftauchen, wurde der Science-Fiction entzogen und dem Thriller zugeschlagen. Und das war viel.
Hinzu kommt der Verlust von Science-Fiction-tauglichen Elementen. Ja, Gravity spielt im Weltraum. Es enthält aber dennoch kein einziges SF-Element. Das hat einigen Sub-Genres der SF die Luft genommen — Cyberpunk als besonders eklatantes Beispiel ist ausserhalb des Videospiels praktisch tot, seit das Internet allgegenwärtig wurde und vom Unterschied zwischen einem Mobiltelefon und einem Cyber-Implantat nur noch ein ästetischer verblieben ist.

Extrem-SF

Für die Sf bleibt nur, der Gegenwart möglichst weit aus dem Weg zu gehen.
Entweder in einer seltsamen Form von Selbstreflexion in einer Zukunft, von der bereits erwiesen ist, dass sie nie kommt: Steampunk samt seiner Sprösslinge Dieselpunk, Clockpunk und Bronzepunk nähert sich teils der Fantasy und befreit sich von der Last, die Zukunft vorherzusagen. Manche werden dabei zu reinem Eskapismus, andere nutzen die Freiheit, um in der Technik Metaphern und Wege zur menschlichen Natur aufzubauen.
Oder aber in einer Zukunft, die so weit entfernt liegt, dass sie nur wenige von uns sehen können werden. Die Weltraumoper mit zwischen Planeten umherfliegenden Raumschiffen taucht ebenso wieder auf, wie die militärische SF mit ihren Weltraum- und Planetenschlachten. Neue Autoren wie Andy Weir (Der Marsianer) und Hugh Howey (Silo) führen uns zur Besiedlung anderer Planeten.
Die Science-Fiction hat aufgehört, das Morgen zu beschreiben, es wurde ihr entrissen. An seiner statt beschreibt sie das Übermorgen und auch ganz bewusst das Niemals, denn nur so kann sie überleben.

Nächste Woche: Horror