Mediale KW 18/2015 0 

Deutlich bessere Woche als die letzte Woche. Jetzt mit Angabe zu Genre, Herkunft und der Sprachversion, die ich für die Bewertung zum Maßstab nehme (mit Angabe, falls deutsch verfügbar ist).

Wo die Zukunft war: Das Gernsback-Kontinuum (Buch/Kindle)

Fantastic Realism (?), William Gibson 2015, deutsche Übersetzung
William Gibson hat als einer der Begründer des Cyberpunk sehr deutlich erleben können, wie es ist, wenn die Science-Fiction von der Zukunft überholt wird. So verwundert es nicht, dass grade er eine solche Geschichte schreibt: Ein Fotograf reist durch die USA, um die Überreste jener Zukunft festzuhalten, die man sich in den 50ern vorstellte. Spektakuläre Bauten und Ideen einer Zukunft, die nie Gegenwart wurde. Je mehr er sich damit beschäftigt, um so öfter sieht er Stücke dieser Zukunft vor seinen Augen, für kurze Momente werden sie gleichsam wahr.
Das Gernsback-Kontinuum ist weniger eine Kurzgeschichte als ein Setting und hat schon daher etwas von einer Kurzgeschichte, die normalerweise nicht Text wäre. Es ist die textliche Version des Bildes eines surrealistischen Künstlers, der in seinen Bildern Geister der Vergangenheit über die heutige Welt legt. Und wie bei einem Gemälde sind die Fragen nicht im Text oder im Subtext, es sind keine Fragen des Werkes. Die Fragen sind im Geist des Betrachters, es sind seine Fragen. Wohin geht die Zukunft, wenn sie nie war?
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Grüne Schulterbeklopfung: Das konvivialistische Manifest (Buch/Kindle)

Gemeinsame Erklärung, Frankreich 2013, deutsche Übersetzung
Das konvivialistische Manifest ist einer dieser großen Texte, die für andere Leute als mich gedacht sind. Einfach, weil ich das alles nicht nur bereits gelesen habe und weiss, sondern auch, weil es bereits weitgehend mit meinen Überzeugungen übereinstimmt. Wachstum braucht Maß, die Erde geht kaputt, die Gier einiger Mächtiger verschiebt das Gleichgewicht der Mächte zum Schaden der Mehrheit… ich muss diese Selbstverständlichkeiten nicht wieder und wieder in irgendwelchen Manifesten und [Verb]t-Euchs lesen, das ist schlichtweg Zeitverschwendung die davon abhält, den Arsch aus dem Sessel zu bewegen um was an diesen Problemen zu tun.
Wenn sich mein Hintern in einem Sessel befindet um Medien zu konsumieren, verlange ich als allermindestes, etwas Neues zu erfahren.

Nietzsche im U-Boot-Krieg: Arpeggio of Blue Steel (Serie/Netflix)

Science-Fiction, Japan 2013, OmU


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2039: Eine plötzlich auftauchende Flotte gehobener Schiffe des 2. Weltkriegs vernichtet, ausgestattet mit Waffen jenseits allem, was die Menschheit kennt und gesteuert von Künstlichen Intelligenzen, alle Verbindungen zwischen den Kontinenten. Die Nebelflotte genannten Schiffe machen es unmöglich, sich aufs oder über das offene Meer zu begeben. Japan, abhängig von Lieferungen aus Übersee und ohnehin schwer von den steigenden Meeresspiegeln des Klimawandels getroffen, steht am Rande des Zusammenbruchs. Seine letzte Hoffnung ist ein neu entwickelter Torpedo, den es aber in seiner Lage nicht mehr selbst in ausreichender Menge herstellen kann – der Prototyp muss über den Pazifik in die USA gebracht werden. I-401, ein desertiertes U-Boot der Nebelflotte, ist das einzige Schiff, das eine solche Fahrt überleben kann.
Das alles ist nur der Hintergrund für die eigentliche Geschichte. Eingebettet in beeindruckende Seeschlachten und versteckt hinter etwas, was zunächst ein Harem-Anime (Anime-Genre mit einem männlichen Protagonisten unter zahlreichen Frauen, die ihn alle begehren) zu drohen scheint, beginnt Arpeggio of Blue Steel schnell, ernste Fragen zu stellen.
Die Schiffe arbeiten auf Direktive der „Generaldirektive“ ohne zu wissen, woher diese (oder sie selbst) eigentlich kommen. Doch durch ihre neuen menschlichen Avatare und in Kontakt mit I-401 und ihrem Kapitän, Gonzou Chihara, beginnen die KIs der Schiffe, sich zu verändern. Sie entwickeln Persönlichkeiten, Emotionen, beginnen ihre Funktion als Waffen für einen unbekannten Auftraggeber in Frage zu stellen. Diese internen Konflikte der Nebelflotte sind das eigentlich interessante an der Serie. Man kann das auf so viele Arten lesen, ich wage kaum eine Auswahl: Religiöser Schismus, Auswirkungen von Sinnsuche auf die Weltsicht, Gehorsam gegen Autonomie, eine Möglichkeit der Weiterentwicklung einmal geweckter KI, das Wesen des Menschseins, Krieg und seine Waffen. Dass am Ende einige der wesentlichsten Fragen nie beantwortet wurden, ist dabei kein Fehler, es ist ein weiteres Statement. Die Welt ist nicht einfach und am Ende macht sie nicht einmal wirklich Sinn. Dass der Turm der I-401 mit einem Nietzsche-Zitat geschmückt ist, ist kein Zufall.
Serie bei Crunchyroll | Netflix

Anderdisney: Bärenbrüder (Film/Netflix)

Fantasy-Abenteuer, USA 2003, englisch (deutsche Synchro verfügbar)


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Wie sähe Hollywood aus, wäre es nicht christlich, sondern schamanistisch geprägt? Disneys Ausflug in die Steinzeit gewährt einen Einblick in eine solche Parallelwelt.
Der junge Jäger Kenai provoziert einen Bären zum Angriff, was seinen Bruder das leben kostet. Erfüllt von Wut tötet Kenai den Bären, aber wird dafür von den Geistern der Verstorbenen bestraft: Er wird selbst zum Bären, verfolgt von seinem verbliebenen Bruder, der bei aller vorgetragener Ruhe nach dem zweiten Tod eines Geschwisters nun seinerseits auf Rache aus ist.
Bärenbrüder ist der Disneyfilm mit den klar schlechtesten Kritiken. Das ist unfair, wenigstens nach dem zu urteilen, was ich bisher von Home on the Range gehört habe. Der Film hat seine Fehler, etwa den deutlich schlechter als in Tarzan eingebundenen Phil Collins, der für genau einen Song auftaucht, wahrscheinlich damit man was für den Trailer hat. Die Geschichte ist jetzt auch nicht die kreativste der Welt und der große Twist ist nur für Koda und Kenai selbst ein solcher, Zuschauer dürften ihn beim ersten Treffen mit Koda kommen sehen.
Keines von Disneys großen Meisterwerken, aber trotzdem ein Film, den man wenigstens ein Mal gesehen haben sollte, um etwas gänzlich anderes aus diesem Hause zu sehen.
Film bei Netflix

Diesmal mit Buchbezug: The Congress (Film/Netflix)

Science-Fiction, Frankreich/Israel 2013, englisch (deutsche Synchro verfügbar)


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Stanisław Lems Der futurologische Kongress wurde nie verfilmt, obwohl es einer der Bände um Ijon Tichy ist – die Folge der nach ihm benannten Serie mit dem selben Titel basiert auf einer komplett anderen Geschichte lems. Das ändert auch Ari Folman nur teilweise, denn sein Film ist mehr inspiriert von Lem, als eine Umsetzung. Übenrommen hat er dabei seltsamerweise jene Teile der Geschichte, die am schwersten verfilmbar erscheinen.
Schauspielerin Robin Wright erhält das Angebot, von der Filmfirma Miramount digitalisiert zu werden. Echte Schauspieler verschwinden und werden durch digitale Nachbildungen ersetzt, die für die Studios berechenbarer, günstiger und breiter verwertbar sind. Robin, in ihren 40ern und damit nicht mehr das junge hübsche Mädchen, das Hollywood in ihr sucht, stimmt nach einigen Bedenken zu. 20 Jahre später wird sie erneut von Miramount eingeladen, diesmal zum futurologischen Kongress in Abrahama, einer Stadt, in der alle Einwohner und Besucher durch die Einnahme von Drogen eine gemeinsame Illusion sehen, eine Welt aus Zeichentrickfiguren, in der alles möglich scheint. Bei einem Überfall auf Abrahama bekommt Robin eine Überdosis Hallucinogene ab – sie kann nicht länger zwischen Realität und Illusion unterscheiden und wird eingefroren, bis eine Heilung möglich ist. So kommt sie schließlich weitere 20 Jahre in die Zukunft: Ihr Zustand ist zum Normalzustand der Menschheit geworden, die „andere Seite der Wahrheit“ hinter den Illusionen ein rätselhafter Ort, den niemand mehr wahrnimmt.
Dies sei direkt gesagt: Wer Logiklöcher sucht, der wird sie zuhauf finden. Es ist völlig unklar, wie sich die hallucinogene Welt zur echten verhält, wie irgendjemand in der Illusion überlebt oder wie diverse Aktionen in der Animation auf die echte Welt zurückwirken. Vielleicht ist alles eingebildet und alle stehen nur ins Leer stierend herum, aber dann macht die Autofahrt zum Kongress keinen Sinn.
Bei Lem geht es aus der Welt des Kommunismus in die Halluzination. In gewisser Weise macht es sogar mehr Sinn, die Geschichte nach Hollywood zu verlegen und mit der Digitalisierung in Verbindung zu bringen.Eine Zukunftsvision, in der niemand mehr die reale Welt kennt oder auch nur wahrnimmt hat im Internetzeitalter noch ein Mal einen ganz anderen Schlag.
The Congress gehört zu den Filmen, die man nicht als Film aufnehmen sollte, dann fällt er in sich zusammen. Er ist eine reine Metapher für eine aus den Rudern laufende Welt und die immer mehr zur parallelen Scheinwelt werdende Allgegenwart der Medienkonzerne.
Film bei Netflix

Feminismus-Schau: Die Anstalt 29.04.2015 (Show/Youtube)

Kabarett, Deutschland 2015, deutsch


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Ja, die Anstalt ist auch dann noch gut, wenn ich beim Thema nicht mit den Machern übereinstimme. Konkret stört mich etwas der Singular des Femismus, als würden Alice Schwarzer und Charlotte Roche sich zur selben Bewegung zählen.

Ringelreihen mit Popcorn: Looper (Film/BluRay)

Science-Fiction, USA 2013, englisch (deutsche Synchro verfügbar)


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Ein vergessener Nachtrag aus der letzten Woche. 2044: Eine Art Mafia des Jahres 2074 nutzt die einzige existierende Zeitmaschine, um Menschen in der Vergangenheit töten zu lassen und so ihre Spuren zu verwischen. Das letzte Opfer jedes Killers (so genannte Looper) ist man selbst, dann geht es für die restliche Zeit in eine luxuriöse Rente, bis man an den Punkt seiner Zukunft gelangt, an dem man zu seinem jüngeren Selbst geschickt und erschossen wird. Joe ist ein Looper, macht seine Arbeit und wird dafür reich. Doch plötzlich steht ein Looper nach dem anderen vor seinem letzten Opfer – und da Joe im Alter zu Bruce Willis wird, entkommt dieser. Von jetzt an verfolgt Joe sein älteres Selbst, die Looper-Organisation verfolgt beide und der alte Joe sucht den späteren Boss der Loopers, damit das alles nie geschehen sein wird.
Die Logik von Zeitreisen ist schwierig, aber ich halte mich in solchen Fällen an die Maxime: Wir haben keine Erfahrung mit Zeitreisen, ergo wissen wir auch nicht das Geringste darüber, welche Folgen vermeintliche Paradoxone haben oder wie und ob Kausalität Zeitreisende nach ihrer Ankunft in der Vergangenheit trifft. Okay? Gut!
Nur bleibt ansonsten nicht viel zu sagen: Looper ist unterhaltsames Popcornkino. Was heraussticht, ist das Ende. Nicht nur, weil es überrascht, sondern auch, weil es so unfilmisch ist. Es ist ein Ende, das man vom geschriebenen Text erwarten kann, wo seine Plötzlichkeit in der Beschreibung ausgeglichen wird. Im Film geschieht das Ende in kaum mehr als einer Sekunde und alles ist mit einem einzigen Schnitt vorbei. Womit dieser Beitrag den Kreis mit dem Gernsback-Kontinuum am Anfang geschlossen hat.