Projekt Rana 0.0.1 1 

Einige Velomobile in der Übersicht

Einige Velomobile in der Übersicht – Ausschnitt aus einer Infografik von Icebike.org

Ich hatte ja gestern bereits angedeutet, dass zum Thema Velomobil heute noch was kommt. Für alle, denen der Begriff nichts sagt: Ein Velomobil ist ein mehrspuriges Fahrrad mit Verdeck/Karosserie. Oder anders betrachtet ein Auto mit Pedalantrieb statt Motor. Rechts von diesem Beitrag seht ihr eine Übersicht über einige Bautypen quer durch die letzten 100 Jahre. In der Regel basieren sie auf den Liegedreirädern, die man ab und an im Straßenverkehr sehen kann.
Velomobile sind relativ selten, die meistverkauften Typen bringen es auf ein paar hundert Stück. Das liegt zum einen am hohen Preis im durchgehend vierstelligen Bereich (der wiederum an den niedrigen Stückzahlen liegt, das sind letztlich Handwerksprodukte), zum anderen an der mangelnden Bekanntheit dieser Fahrzeuge.
Ich habe schon ewig Interesse an einem solchen Gefährt. Das Fahrrad ist mein bei weitem bevorzugtes Fortbewegungsmittel. Aber bei aller Hartnäckigkeit und so gut die Kleidung auch ist, bei schlechtem Wetter ohne Verdeck zu fahren ist ganz einfach Scheisse. Die Geschwindigkeit und der durchaus unbequeme Sattel schränken die Reichweite deutlich ein — für mich liegt die Fahrradreichweite bei einem Umkreis von etwa 30 Kilometern (plus Rückfahrt). Das entspricht von Mönchengladbach etwa dem Weg bis zur niederländischen Grenze oder knapp über Düsseldorf hinaus. Meine längste an einem Tag zurückgelegte Strecke sind knapp über 110 Kilometer (Mönchengladbach-Aachen-Lüttich und Lüttich-Charleroi laut Google Maps jeweils 111 km), das allerdings mit Camping-Ausrüstung auf dem Gepäckträger. Das ist alles in allem nicht viel.
Velomobile sind wettergeschützt, angenehmer zu sitzen und bei gleicher Kraftanstrengung schneller (ausser bergauf). Viele haben auch noch einen Kofferraum, aber das ist nur Bonus. So oder so: Deutlich besser. Das ermöglicht es auch, kurz mal per Fahrrad ins Ruhrgebiet oder an die Nordsee zu fahren. Mit dem Fahrrad! An die Nordsee!
Allein, der Preis. Und da kommt der Velomojeep aus Heinsberg ins Spiel. Der ist für mich vor allem beweis für eins: Natürlich kann man solch ein Gefährt selbst bauen. Und in der Tat: Warum nicht? Ich behaupte nicht, dass der Eigenbau weniger kostet, aber das Geld verteilt sich dabei angenehm über einen größeren Zeitraum. Und das ist ein wichtiger Faktor, es ist das Prinzip hinter Ratenzahlung und Krediten, nur hier ohne Bank, quasi materiell umgesetzt. Ich kann morgen nicht in den Fahrradladen gehen und eine Leitra kaufen. Aber ich kann morgen in den Fahrradladen gehen und einen Satz gute Reifen dafür kaufen. Und in der nächsten die Beleuchtung. Und so weiter. Das selbe gilt entsprechend für den Zeitaufwand: Was folgt klingt um einiges umfangreicher, als es tatsächlich werden dürfte. Ich werde den Zeit- und Kostenaufwand des Projekts in den weiteren Beiträgen dieser Reihe fortlaufend festhalten.
Und mit diesen Gedanken begann Projekt Rana. Und dann kamen Ideen. Viele Ideen.

Projekt Rana muss kein Erfolg werden. Es kann eine völlige Fehlplanung sein. Es kann aus vielen Gründen unfertig enden. Das macht nichts. Denn egal, wie weit ich damit komme, es ist interessant.

In diesem ersten Beitrag sammel ich die bisherigen Ideen, die als Basis für alles weitere dienen. Wie ich das umsetzen will ist dann der Inhalt für die nächste Woche. Denn dieser hier wird jetzt schon verdammt lang und voll von Information.

Bautyp

Es gibt grob gesprochen drei Bautypen von Velomobilen, besonders seltsame Exoten mal ausgenommen.
Der wohl älteste Typ sind vierrädrige Fahrzeuge, also quasi Autos mit Pedalantrieb. Oder Kettcars für Erwachsene, wenn man will. Das Bierbike ist ein relativ bekanntes Beispiel, wenn auch alles andere als windschnittig. Relativ langsam, aber sehr stabil.
Als Kinderspielzeug und auch als Seniorenrad bekannt ist das Dreirad Typ Delta (nach dem griechischen Buchstaben): Ein Rad vorne, zwei hinten. Schon besser, aber die Lenkung hat Probleme mit hohen Geschwindigkeiten.
Die beliebteste Variante für Liegeräder und Velomobile ist das Dreirad Typ Tadpole (englisch für Kaulquappe, weil vorne breit und hinten schmal): Zwei Räder vorne, eines hinten. Das Ergebnis ist ein sehr stabiles Rad für schnelles Fahren.
An dieser Stelle mache ich es mir einfach und übernehme ohne Diskussion das häufigste Modell, die Tadpole. Das hat zugegebenermaßen auch damit etwas zu tun, dass ich Tadpoles optisch ansprechender finde und mein Lieblings-Bautyp, die oben kurz erwähnte Leitra, ebenfalls eine Tadpole ist.
Damit wäre übrigens auch der Name geklärt: Rana (Frosch in Latein), denn Babyfrösche sind Kaulquappen. Babymolche und Babykröten auch, aber zuerst denkt man doch an Frösche.

Sitz

Meine Präferenz für die Leitra hat einen ganz spezifischen Grund: Die hohe Sitzposition.
Die meisten Velomobile sind Liegeräder und entsprechend extrem niedrig. Da ist die Gefahr, von Autofahrern übersehen zu werden durchaus gegeben. Im Gegensatz zu normalen Radfahrern, die etwa die Kopfhöhe eines SUV aufweisen können. Die Leitra bringt den Fahrer mit dem Kopf auf eine Höhe mit einem Kleinwagenfahrer. Deutlich besser und somit auch Ziel für meinen Bau: Der Kopf des Fahrers muss mit einem Kleinwagen grob auf Augenhöhe sein.

Transportoptionen

Die meisten Velomobile haben einen gewissen Stauraum. Hier wäre mir genug, wenn ich einen Rucksack verstauen kann. Flickzeug kann man immer irgendwo unterbringen und die Luftpumpe lässt sich an einem Rohr anklemmen, alles kein Problem. ich erwarte nicht, das Velomobil für Einkaufsfahrten zu benutzen, dafür ist mein normaler Arbeitsdrahtesel perfekt ausgestattet.

Denkt euch am Fahrer noch einen Rucksack dazu. Sollte reichen. (Nein, der Autoanhänger hinter dem Rad gehört nicht dazu)

Denkt euch am Fahrer noch einen Rucksack dazu. Sollte reichen. (Nein, der Autoanhänger hinter dem Rad gehört nicht dazu). PS: Nein, ich weiss nicht, wieso das Bild auf manchen Computern auf dem Kopf steht und auf anderen nicht


Allerdings: Ich habe einen Anhänger. Und den anhängen zu können wäre schon cool. Ist also mit in den Pool genommen. Und da ich auch noch eine Kugelkopfkupplung rumliegen habe, kommt die auch mit dran, dann gehen auch Anhänger mit Kupplung oben an der Sattelstange. Anhängerkupplungen vermisse ich bei allen handelsüblichen Velomobilen, meist ist die Karosserie im Weg, wenn man eine anbringen will.
Wenn es nicht klappt, dann halt nicht, aber wenn doch: Cool.

Lichtanlage

Die Lichtanlage soll zum einen gut zu sehen sein, also ab aufs Dach damit.
Zum anderen bringt die Karosserie Probleme in der Kommunikation mit sich, welche die Beleuchtung ähnlich wie beim Auto lösen muss. Also müssen Blinker her (Löten konnte ich schon in der Schule gut, das wird kein Problem) um den ausgestreckten Arm zu ersetzen und ein Bremslicht, denn Fahrer hinter mir sehen nicht wie bei offenen Fahrrädern, wenn ich aufhöre zu treten. Bremslichter für Fahrräder gibt es inzwischen zu kaufen, die haben einen Bewegungssensor eingebaut, der durch die Trägheit beim Bremsen ausgelöst wird.
Das österreichische Recht sieht für mehrspurige Fahrzeuge Lampen vor, mit denen die Breite des Fahrzeugs erkennbar ist. Kein Problem, packen wir je eine LED über den Vorderrädern dazu.

Antrieb

Pedale sind klar, aber eins wird anders: Um eine normale Fahrradkette verwenden zu können wird die Rana einen Frontantrieb aufweisen.
Das hat auch den Vorteil, dass der Antrieb über zwei der drei Räder auf die Straße kommt, was mehr Zugkraft gibt. Auch erscheint es mir bei diesem Bautyp logisch anzunehmen, dass ein ziehender Antrieb eine bessere Stabilität mit sich bringt als ein schiebender. Tadpoles sind zwar recht stabil, aber es kommt doch hin und wieder vor, dass sie beim Bremsen ausbrechen, insbesondere in Kurven.
Frontantrieb ist bei Liegerädern extrem selten. ich kenne ihn nur beim Velayo und bei der Sea Nymph, es gibt wohl noch vereinzelt andere Modelle bei den Liegerädern ohne Verdeck.

Die Sea Nymph (Bild: Megulon Five)

Die eine mehr, die andere weniger normal (Bild: Megulon Five)


Der Frontantrieb dürfte die größte Herausforderung sein, denn das bedeutet, ich muss die Kraft vom Pedal auf zwei Räder übertragen. Dafür gibt es Lösungen (Delta-Dreiräder machen das ja auch), es macht den Antrieb aber halt deutlich komplexer.

Hecklenkung

Der Frontantrieb bringt eine weitere Besonderheit mit sich: Normalerweise lenken Velomobile mit den Vorderrädern. Und auch wenn es auf verschiedene Weisen möglich ist, auf einer angetriebenen Achse zu lenken (Autos können dies ja auch), es ist alles andere als einfach.
Dafür bieten sich zwei Lösungen an. Die eine ist ein Steuern wie bei Kettenfahrzeugen. Dazu müsste jedes Rad eine einzeln ansteuerbare Gangschaltung erhalten. Das Rad auf der Seite in die gefahren werden soll, wird dann runtergeschaltet. Möglich, aber mir erscheint das recht unzuverlässig — das Rad rollt ja noch etwas aus, wenn der Gang wechselt. Ich könnte mir vorstellen, das auszuprobieren oder zur Unterstützung der Lenkung einzusetzen, aber es ist nicht meine Lieblingslösung.
Viel einfacher und weniger fehleranfällig wäre ein gelenktes Hinterrad. Die Steuerung wäre dann ähnlich wie bei einem Aussenbordmotor am Boot. Ich könnte auch umlenken und dann steuern wie bei einer Frontsteuerung, aber warum sollte ich? Hecksteuerung bedeutet natürlich, dass das Hinterrad entsprechend Platz braucht. Das Ergebnis ist entweder ein ausserhalb der Karosserie stehendes Hinterrad, ein ausreichend großer Radkasten hinten oder ein Schwalbenschwanz-Design mit dem Hinterrad zwischen den Auslegern. Im Moment gefällt mir die Idee mit dem Schwalbenschwanz sehr gut.

Material

Gewicht ist das ein, meine Fähigkeiten das andere.
Für den rahmen denke ich momentan hauptsächlich an Bambus oder Holz, aus einem ganz einfachen Grund: ich traue mir zu, mit diesen Materialien zu arbeiten. Ich kann nicht schweissen und mit Alu zu schweissen ist noch eine Schwierigkeitsstufe höher. Immerhin gibt es kaum etwas leichteres als Bambus. Ausserdem ließe sich ein Bambusbau relativ schnell und günstig verändern, wenn mal was nicht funktioniert. Ich kann ja immer noch mit einem besseren Material nacharbeiten, wenn das Fahrzeug ein Mal betriebsbereit ist.
Bei der Verkleidung ist es besser und da habe ich eine ganz klare Idee. Hier kommt wieder der Jeep ins Spiel. Eines der Probleme des Jeep ist die Hülle aus (vermutlich) Zeltplane. In dieser fängt sich der Wind und macht das Ganze alles andere als aerodynamisch. Allerdings ist es auch leicht und klappert nicht so furchtbar wie die Hüllen der meisten Velomobile.
Und das brachte mich auf eine Idee: Eigentlich muss ja nur der direkt im Gegenwind stehende Teil der Verkleidung steif sein. Also mache ich genau das: Eine steife Kunststoffhülle nach vorne, eine Hülle aus einem leichterem, weniger steifem Material dahinter.

Ausserdem

Unter der Nase bekommt das Ding einen Haken, damit das Gefährt im Notfall mit einem Seil gezogen werden kann. Ich verstehe nicht, wieso das bei Velomobilen nicht Standard ist, zum Schieben sind sie schließlich zu sperrig.
Jedes Rad wird mit einem Sperrschloss blockierbar sein, was zugleich als „Handbremse“ und Diebstahlschutz dient. Wobei Diebstahl eines einmaligen Gefährts aus einem relativ wertlosen Material nicht sehr wahrscheinlich ist — ich habe allerdings schon deutlich dümmere Diebe gesehen als jene, die so etwas tun würden. Idealerweise ist auch die Hülle abschließbar.
Alle Räder des Fahrzeugs müssen gebremst sein, wobei die Bremse(n) für die Vorderräder im besten Fall mit den Füßen betätigt werden.

Nächstes Mal

Der Plan und was die Versionszahlen bedeuten, vielleicht ein erstes Entwurfsbild – und was das Helferlein ist.

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