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Auf in die Butterberge! 0 

oder: Von Milchpreis, Schweinezyklus, Propaganda, Grenzen des Wachstums, Butterbergen und dem Niedergang der Mutanten mit Superkräften. Aber das wäre definitiv ein zu langer Titel gewesen.

Die Milch macht schlapp

Statistik der Milchproduktion, die seit 2005 schneler steigt als die Weltbevölkerung

Zwie Striche und ein Mutant – mein erster Webcomic? – Bild: Zentrale Milch Berichterstattung GmbH (nein, wirklich!)

Kuhmilch ist praktisch in allem und allgegenwärtig. Frischmilch, Käse, Jogurt, Quark, Buttermilch, Kefir, Sahne, Baileys (bäh!), Schokolade, Fertigsuppen, Brot und Brötchen… ich könnte die Liste ewig weiterführen. Es ist gar nicht so einfach, im Supermarkt ein Produkt zu finden, dass nicht in irgendeiner Form Milch, Milcherzeugnis, Molke oder dergleichen enthält.
Angesichts dessen muten zwei Dinge wie ein Wunder an: Zum einen, dass der Milchverbrauch in Deutschland immer noch steigt, zum anderen dass es dennoch eine Milchkrise gibt. Ja, der Wachstumswahn hat es geschafft, bei einem seit Jahrhunderten in fast beliebiger Menge absetzbares Produkt eine Überproduktion hervorzubringen, durch die Ängste vor einem Zusammenbruch des Wirtschaftszweiges aufkommen. Glückwunsch!

Milchschaumschläger

Milch ist ein seltsames Nahrungsmittel. Zum einen natürlich von der Idee, Sekret aus fremden Brüsten zu sich zu nehmen. Aber auch, weil es so widerprüchlich ist: Zugleich nährstoffreich und (für Erwachsene) schädlich, da es für das Wachstum von Babys geschaffen ist und Erwachsene es nur dank eines Gendefekts zu sich nehmen können, der aber nur einen Teil der gesundheitlichen Probleme aufhält.
Europäern wurde Milch so lange schmackhaft gemacht, bis sie ernsthaft glaubten, sie sei für ein gesundes Wachstum unverzichtbar — eine Behauptung, welche den 70% der Weltbevölkerung, welche Milch nicht verdauen können, gradezu absurd erscheinen muss.
Aber es hat funktioniert: Die Milchwirtschaft hat sich ihre eigenen Absätze über Propaganda aufgebläht. Und ja, egal, wie man zur Milch steht, die massive Werbung für Milch nicht nur direkt als Werbung sondern auch im Mantel von Aufklärungs- und Förderkampagnen kann nicht anders denn als Propaganda bezeichnet werden. Das Ergebnis ist eine in ihrem Ausmaß absolut wahnwitzige Milchwirtschaft, eine marktwirtschaftliche Blase. Dass die Milchwirtschaft irgendwann zusammenbrechen würde, war seit Jahrzehnten eben aufgrund dieser Blase offensichtlich.
Aber hier ist das Absurde: Der Markt bricht zusammen, ohne dass die Blase geplatzt wäre. Mit anderen Worten: Es hat noch gar nicht angefangen, eine richtige Krise zu werden. Es ist nicht mehr als ein Schluckauf im Vergleich zum Ausmaß der Milchmarktblase.
Aber Milch ist in Kritik geraten. Die demografische Entwicklung des Planeten bewegt sich zu Gunsten von Völkern, bei denen nur Minderheiten Milch verdauen können. Die Blase spannt heftig. Das wird noch schlimmer.

Schlaglöcher der Marktwirtschaft

Hatten wir das nicht alles schonmal? Den Älteren müsste das alles bekannt vorkommen, Stichworte „Butterberge“ und „Milchseen“.
Bevor ich dazu komme kurz eine Erklärung zum Schweinezyklus: In der Landwirtschaft ist es normal, dass Angebot und Nachfrage ständig um einander schwanken. Steigt die Nachfrage über das Angebot, steigen die Preise. Daraufhin setzen mehr Bauern auf die stark nachgefragte und daher besonders lohnende Ware (zum Beispiel Schweinefleisch, deshalb Schweinezyklus). Irgendwann ist das Angebot dann höher als die Nachfrage, die Preise sinken rapide und die Bauern wechseln auf andere lohnende Waren, bis die Nachfrage das Angebot erneut übersteigt und der Zyklus von vorne beginnt.
Und jetzt zurück zur Milch: In den 50ern war die Milch grade in einer Phase, in der die Preise zu niedrig waren. Zum einen war Europa grade in einer Phase des Wiederaufbaus nach einem großen Krieg, in dem man eine Krise nicht brauchen konnte; zum anderen war die Wirtschaft inzwischen stark industrialisiert, viele Landwirte waren dazu übergegangen, nichts mehr ausser Milch herzustellen und konnten nun auf kein anderes Produkt ausweichen. Die junge EWG baute ein System zur Subvention von Milch auf, die Bauern erhielten garantierte Abnahmepreise.
Damit wurde die EWG zum neuen Großkunden für Milch, der Schweinezyklus war geschlossen. Doch nun gab es erstmals keinen realen Abnehmer mehr für die Milch, es kam zu einer gewaltigen Überproduktion, mit der niemand etwas anfangen konnte — der „Butterberg“.
In den 70ern wurde das Problem schlimm genug, dass die EG als Nachfolgerin der EWG die Milchquote einführte, eine Beschränkung der Produktion von Milch in der EU. Erst 2007 waren die Butterberge endlich abgebaut. Preise stiegen wieder und 2015 ließ die inzwischen zur EU gewordene EG die Milchquote auslaufen, nachdem die Mengen vorher nach und nach angehoben worden waren.
Nun, nur ein Jahr später, ist der Milchmarkt im Zusammenbruch begriffen. Es gibt wieder zuviel Milch. Der für solche Situationen in der Landwirtschaft gerne genutzte Exportmarkt fehlt, denn im gerne als Agrarmüllkippe Europas genutzten Afrika will ebenso wie in China und Japan kaum jemand Kuhmilch und gegen Russland hat die EU Handelsbeschränkungen erlassen.
Das allein kann es aber nicht sein: Der Milchkonsum in Europa stagniert, was auch bedeutet, er sinkt nicht.

Nein, ich mache das moderne Wirtschaftsdenken verantwortlich. Was sich zwischen den 70ern und den 2010ern verändert hat, ist unsere Einstellung zum Wachstum. Früher war Wachstum ein Nebeneffekt von Erfolg. Heute ist Wachstum so sehr die Definition von Erfolg, dass er gegen jegliche Vernunft zum alleinigen Ziel der Wirtschaft geworden ist. Aber es gab keinen raum mehr, in den man hätte hineinwachsen können.
Der berühmte Bericht des Club of Rome sprach 1972 bei den Grenzen des Wachstums von Grenzen, die sich aus den begrenzten Ressourcen ergaben. Aber es gibt noch eine andere Form von Grenze des Wachstums: Den Punkt, an dem der Markt vollständig gesättigt ist und eine weitere Nachfrage nur sehr eingeschränkt wenn überhaupt erzeugt werden kann. Und das hat bei der Milch auch konkrete medizinische Gründe.

Wir Mutanten: Eine kleine Evolutionsgeschichte des Milchkonsums

Dass der Mensch ein Säugetier ist, ist für die Milchwirtschaft Fluch und Segen zugleich. Einerseits heisst diese Verwandschaft, dass Menschen über ein Gen für die Verdauung von Laktose verfügen, ihr Körper kann Laktase herstellen. Andererseits hören Menschen, wie alle Säugetiere, nach dem Säuglingsalter in der Regel auf, Laktase zu produzieren und werden laktoseintolerant.
Aber: Gut 30% der Menschheit sind Mutanten. X-Men-Style. Laktophagen; sie haben die Superkraft, einen Stoff zu verdauen, den normale Menschen nicht verdauen können — Milch eben.
Den Ursprung dieser Mutation vermuten die Forscher etwa 10.000 Jahre in der Vergangenheit im Nahen Osten, als erstmals Rinder domestiziert wurden. Die folgende Geschichte liegt etwas im Dunkeln. Bekannt ist, dass Rinder zuvor vor allem gehalten wurden, um das Land zu bearbeiten und fruchtbar zu machen, vermutlich auch als Fleischlieferanten. Milchprodukte (Käse, Milch) tauchen in der Archäologie vor etwa 5000 Jahren auf. Da Milch wahrscheinlich vor den von ihr abstammenden Produkten genutzt wurde, muss das also irgendwann in der Zeit dazwischen geschehen sein. Jedenfalls war die Milch für Mensch und Rind praktisch: Die Menschen erhielten eine zusätzliches Lebensmittel, über das sie noch mehr Nährstoffe aus dem Land holen konnten, die Rinder wurden von den Menschen noch stärker gefördert und traten endgültig ihren Weg zu einer weltweit verbreiteten Spezies neben dem Homo sapiens an.
Die Laktophagen breiteten sich im Nahen Osten und Europa aus. Die Europäer (überhaupt ein seltsames Mutantenvolk, diese hellhäutigen Multi-Immunen Keimschleudern) verbreiteten sich schließlich in der Welt und brachten die milchhaltige Ernährung mit sich. Europa, Australien, Amerika und Australien wurden von diesen Mutanten erobert. Praktischerweise war die Mutation dominant, sprich die Eroberer brachten ihre Mutantengene gleich mit in die lokale Bevölkerung ein. Weshalb zum Beispiel viele schwarzafrikanischstämmige Amerikaner Milch zu sich nehmen können, Afrikaner aber nur sehr selten.
Damit springen wir in die Gegenwart und hier sehen wir ein globales Problem: Es schwinden genau jene Bevölkerungsgruppen, bei denen wir Mutanten in so aussergewöhnlicher Zahl vorkommen. Indien ist noch eine Ausnahme, aber in den übrigen Regionen großen Bevölkerungswachstums sind Laktophagen entweder eine Minderheit (Asien) oder gar eine Rarität (Afrika). Auch wenn manche Milchprodukte bei ihrer Verarbeitung soweit verändert werden, dass sie kaum noch Laktose enthalten, ist absehbar, dass die weltweite Nachfrage nach Milch nicht auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben dürfte. Und da dominante Gene sich nur sehr schwer durchsetzen können (klingt paradox, aber dominante Gene erhalten ihr Gegenstück quasi in abgeschalteter Form, weshalb es von der weiteren Evolution praktisch nicht aussortiert wird), ist da die Hoffnung auf eine schnelle Globalisierung des menschlichen Genpools vergebens.

Die Lösung

Das zwanzigste Jahrhundert hält eine gern übersehene Erkenntnis bereit: Planwirtschaft funktioniert. Oder genauer: Es gibt bestimmte Waren, darunter Milch, bei denen Planwirtschaft funktioniert.
Das erscheint auch logisch. Die Nachfrage nach Milch ist konstant, die Produktionsmenge ist verlässlich genug steuerbar, beim Produkt selbst gibt es praktisch keine Innovationen — Kuhmilch bleibt Kuhmilch, auch wenn ab und an neue Milcherzeugnisse erfunden werden. Der Milchmarkt in Europa ist praktisch ohne Verzögerung in dem Moment zusammengebrochen, als er der Marktwirtschaft überlassen wurde.
Es ist dies eine Erkenntnis, die heutigen Marktliberalen unbegreiflich zu sein scheint: Unterschiedliche Angebots-Nachfrage-Strukturen führen zu einem unterschiedlichen Verhalten am Markt. Deshalb ist es nicht sinnvoll, alle Arten von Produkten am Markt identisch zu behandeln. Für manche Waren ist der freie Markt die richtige Struktur, für andere die Planwirtschaft und für wieder andere sind es monopolistische (im Falle der Existenz sichernden Grundversorgung vorzugsweise nicht-profitorientierte) Strukturen.
Darüber wird es vielleicht eine Debatte geben, ganz sicher wird es große Aufregung bei den überall eingenisteten Vulgärliberalen geben, aber in einer solch profunden Krise siegen die Praktiker immer gegen die Theoretiker.

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