Jahr 10 ohne Altmedien 0 

Es ist jetzt zehn Jahren her, dass ich den Fernseher rausgeschmissen habe. Die Zeitungen folgten mit kurzer Unterbrechung. Wann ich das letzte Mal ein Radio eingeschaltet habe, weiss ich noch nicht einmal mehr. Es folgt eine Bilanz.

Freie Zeit

Ob man nun mehr freie Zeit hat, liegt letztlich an einem selbst, das hat mit der Wahl der konsumierten Medien überraschend wenig zu tun. Nein, es geht um eine ganz andere Sache. Ich denke, es ist dies das Grundbedürfnis der so unverstandenen generation Y/Millennials/Weiterenunfughiereinfügen: Nicht freie Zeit, freie Zeiteinteilung.
Fernseher und Radio sind Diktatoren. Sie wollen uns vorschreiben, wann wir Nachrichten zu konsumieren haben, wann einen Spielfilm und wann wir uns bei GZSZ die Hirne weichsitzen. Ich verstehe nicht (mehr?), wie eine solche Struktur auch nur die Erfindung der Videokassette überleben konnte. Es gibt Menschen, die ihren ganzen Tagesablauf um irgendeinen Scheiss gestalten, der zu einer vom Sender vorgeschriebenen Zeit im Fernsehen läuft. Warum? Youtube existiert, Netflix existiert. Das Fernsehprogramm steht hier auf einer Ebene mit tatsächlich wichtigen Terminen und Verabredungen — diesen Status hat es schlichtweg nicht verdient.

Nachrichten

Jede Form von Nachrichtenkonsum verzerrt die Wirklichkeit.
Es ist interessant, wie viel momentan bei Facebook und Co von Filterblasen geredet wird. Dabei ist die Filterblase nichts Neues, jeglicher Medienkonsum stellt eine Filterblase dar. Nur: Bei den Altmedien merkt man das nicht, weil alle in der selben Blase, hinter dem selben Filter, sitzen.
Bei den Altmedien sind wir davon abhängig, was der Chefredakteur für berichtenswert, oft auch für politisch opportun erachtet. Das wird berichtet, so wird der Berichterstattung ihr Drall verpasst. Solange ein System keine ausreichend starke Alternative anbieten kann, ist dieses Problem unsichtbar — man weiss ja oft gar nicht, dass andere Nachrichten, andere Positionen und Meinungen existieren, wie soll man sie also vermissen?
Das Internet bricht diesen Konsens aus Unwissenheit auf. Natürlich ist es nun schwierig zu beurteilen, welche Informatonen korrekt, welche Meinungen legitim sind. Das ist aber nicht die Schuld des Internets. Wir kommen aus einer Welt, in der Unmündigkeit fest verankert war, weil wir die Fähigkeit, Informationen einschätzen zu können nie nutzen mussten. Die Medien hielten einen Mythos von Neutralität aufrecht, als wäre Neutralität in der Berichterstattung überhaupt möglich. Die Wut der Erkenntnis, dass diese Neutralität nicht existiert, ist es, die Tausende in die absurdesten Sphären des Online-Schwachsinns treibt.
Aber das Internet ist hier eben auch die Lösung: Nie zuvor hatten wir Zugriff auf so viel Wissen aus so vielen Blickwinkeln. Es ist nur schwer zu erlernen, damit umzugehen.

Die Altmedien kapseln sich unterdessen in einer albernen Selbstbezüglichkeit ein. Das fängt an mit irgendwelchen stundenlang live übertragenen Hochzeiten von Adelsgezücht in den Öffentlich-Rechtlichen, die ihre Bedeutung allein aus dieser absurden Berichterstattung beziehen, welche wiederum die Berichterstattung rechtfertigt. Das endet dann bei Erscheinungen wie Bernd Wollersheim, dessen Namen ich nur kenne, weil er regelmäßig auf den Titelseiten der Bild-für-Leute-die-die-Bild-nicht-lesen-wollen (kurz: Express) auftaucht — irgendein strunzdummer Proll aus einem Puff in Düsseldorf oder so.

Andere Nachrichten dagegen finden in den Altmedien gar nicht erst statt. Wichtige Dinge. Zu den Großdemos gegen Braunkohle im Rheinland und zuletzt der Lausitz musste man lange suchen, um dann etwas in den regionalen Minisendern zu finden. Üblicherweise erfolgt so etwas, wenn das Thema im Internet bereits unübersehbar geworden ist und der Gesichtsverlust, nicht zu berichten, zu groß wäre.

Vermisse ich nichts?

Diese Frage höre ich oft, meist in Bezug auf den Fernseher. Und meine Antwort fällt knapp aus: Ich wüsste nicht, was. Im Ernst, mehr kann ich dazu nicht sagen, ich vermag kaum, die Frage zu verstehen.
Keine Sorge, ich schaffe es auch ohne stundenlange Berieselung, meinen Tag zu füllen. Problemlos auch mit sinnlosem Scheiss – aber eben mit selbstgewähltem sinnlosen Scheiss.

Fazit

Ich kann keinen Grund mehr erkennen, die Altmedien zu konsumieren. Sie nehmen uns aus nicht gerechtfertigten Gründen die Autonomie über unsere Zeit (und im Gegensatz zur Arbeit bezahlen sie uns nicht einmal dafür). Sie berichten unvollständig und nach Gutdünken. Sie leben in einer Welt, die zunehmend aus ihren eigenen Inhalten besteht, welche für die reale Welt bedeutungslos sind.
TV, Radio und Zeitung sind die übelste aller Zeitverschwendungen.