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Orlando ist überall – Das Ende der politischen Geografie 1 

Über 100 Opfer forderte am Sonntag ein Anschlag auf einen Schwulenclub in Orlando, Florida, davon 49 Tote. Das zählt nur die körperlich nachweisbar geschädigten. Der Täter, Omar Mateen, war trotz afghanischer Abstammung ein in New York geborener Mitarbeiter einer der größten Sicherheitsfirmen der Welt (G4S). Weitgehend unauffällig und in einem Beruf beschäftigt, in dem man ihm bedenkenlos Schusswaffen anvertraute, samt offizieller Lizenzen. Es gab wohl ein paar Auffälligkeiten um ihn und seinen Vater, er bekannte sich am Ende auch zur IS-Bewegung, aber der Punkt bleibt, dass dies ein Anschlag aus dem Inneren war. Da war ein Amerikaner. Und kein besonders aus der Art geschlagener.
Das ist es, was diesen Anschlag besonders macht: Er verdeutlicht, dass wir in unserem Denken oftmals die Grenzen falsch ziehen. Die Grenzen laufen nicht über den Globus. Sie laufen mitten durch die Gesellschaft. Auch die „westliche“.

Nachteil der Digitalisiserung: Das kann man nicht mal mehr einfach so in den Papierkorb knallen

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Homophobie als Normalität

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte kurz nach dem Attentat einen beachtlichen Artikel, der sich etwa so zusammenfassen lässt:

Ein Anschlag auf die offene Gesellschaft? Schön wär’s! Welche offene Gesellschaft denn?

Das ist sicherlich übertrieben, in vielen Ländern ist anormative Sexualität nicht oder wenigstens nicht stärker stigmatisiert als etwa bestimmte Haarfarben. Aber, und hier ist das Körnchen Wahrheit in der Geschichte, sie ist auch nirgends wirklich akzeptiert.

Der Massenmörder von Orlando war ein Moslem, das ist praktisch unzweifelhaft. Aber es hätte genausogut ein evangelikaler Christ sein können. Tatsächlich sind in den USA Christen insgesamt praktisch genauso homophob wie Muslime, die evangelikalen Gruppen sind deutlich schlimmer,von den Mormonen und Zeugen Jehovas ganz zu schweigen. Mit Ausnahme der Atheisten und Agnostiker (und in geringerem Maße der Juden und Buddhisten) ist die Quote der Homophoben überall erschreckend. Amerikanische Evangelikale spielten bei der Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle in Uganda eine Rolle. Im Ostblock ist der Kampf gegen die Homosexualität politische Agenda, sei es in Russland, wo wir das ganz furchtbar finden oder in der Ukraine, wo wir das ganz toll finden (oder halt medial verschweigen). Natürlich sind auch die rechten Parteien in unterschiedlichem Maße dagegen, Homosexuelle als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft anzuerkennen, sei es die bloße Ablehnung von mit der Ehe gleichgestellten Lebensgemeinschaften oder die Wiedereinführung der Strafbarkeit homosexueller Handlungen oder gar Neigungen. Letztere ist auch in Westdeutschland noch nicht so lange her und so ist es auch in den sich als fortschrittlich sehenden Nationen immer noch weit verbreitet, Homosexualität als eine Art Krankheit zu begreifen.

Es gibt in Deutschland Bewegungen, die dagegen auf die Straße gehen, dass 16-Jährige in der Schule von der Existenz nicht-heterosexueller Neigungen erfahren. Sie nennen sich „besorgte Eltern“, bieten regelmäßig rechten Gruppierungen Plattformen und gehen zwei Tage später auf eine andere Demo, wo sie gegen extremistische Muslime protestieren, deren Weltbild sie nahezu identisch vertreten (nur halt mit Deutschland oder irgendeinem anderen Gott statt Allah).

Dummheit kennt keine Grenzen

Parallel läuft in Frankreich ja die Herren-Fußball-EM und da haben wir schon in den ersten Tagen Dauerberichte von randalierenden Hooligans. Engländer, Russen, Deutsche, scheissegal, alles der selbe Mist. Es gibt keine Grenzen, diese Idiotie ist allgegenwärtig.
Und das galt ja schon für ISIS: Die Bewegung speiste sich nicht etwa nur aus Muslimen, die radikal-muslimischen Bewegungen lockten in Massen Menschen an, die mangels besserer Begrifflichkeit nur als europäische „Einheimische“ bezeichnet werden können. In nicht zu verachtenden Teilen ist der IS keine syrische Milz – er ist eine Invasionsarmee verblendeter Europäer.

Mit Orlando nun ist der große Fehler offenbar gewunden, wie „wir“ uns den „Feind“ vorstellen: Wir verorten ihn geografisch, er kommt aus dem Nahen Osten. Dieser hat Grenzen, da kommen die Bösen her. Aus Arabien, Syrien, dem Iran.
Aber unser Gegner ist kein Land. Unser Gegner ist auch keine Miliz, diese sind austauschbare Moden. Unser Gegner ist ein Heer von Ideen. Stark gewordene Rückständigkeiten, geboren aus nie bewältigten Resten alter Dummheiten, aus der Angst vor Veränderung, aus der Unfähigkeit zur Toleranz dessen, was anders ist als man selbst.
Vielleicht auch motiviert von der all zu großen Radikalität und Geschwindigkeit des Wandels im Westen, der von seiner eigenen Geschwindigkeit abgehängt in ein gefährliches Gemisch aus Halbwissen und Nostalgie übergeht.

Der Konflikt hat keine geografischen Grenzen (mehr). Er geht mitten durch die Gesellschaften. Alle Gesellschaften.

(siehe auch meine Worte zu Charlie Hebdo)

PS: Ja, wir brauchen ein besseres Wort als homophob. Ich habe aber keins. Der Vorschlag „Arschloch“ ist effektiv und korrekt, aber wenig deskriptiv.

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