Rheydt is Rheydt (nana nanana) 0 

Xenos. Staples. Saturn. C&A. McDonald's. Karstadt. Real.

Das ist jetzt eine kurze Liste der Schließungen in Rheydt, die mir spontan im Gedächtnis sind und deren Namen ich kenne. Es gibt noch ein paar weitere, deren Namen ich nicht kenne, wie etwa einen Laden für Brautmode an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Marktstraße. Und ein paar nicht weiter erwähnenswerte – wenn eine Videothek oder ein kleines Kino schließen, ist man ja eher überrascht, dass die noch existiert haben. Und dann gab es da noch einen Lego-Laden an der Straße Am Neumarkt, der sich halb eingerichtet hat, dann eine Telefonnummer in der Scheibe hängen hatte und wieder verschwand, ohne je geöffnet zu haben.

Okay, dieser letzte Fall war überaus merkwürdig.

Leerstehendes ehemaliges C und A in Rheydt

Der Leerstand des C&A, eine von vielen klaffenden Wunden


Der Punkt ist, Rheydt hat in den letzten Jahren sehr viel verloren. Nun sind innerhalb von zwei Wochen die Schließungen von Karstadt und Real hinzugekommen. Gut, für Karstadt ist es bereits die dritte Schließung, aber es wird wohl kaum eine vierte geben. Die letzte Rettung mit dem Verlust des kompletten Kellergeschosses war ja schon die Herrichtung eines Sterbebettes. Die zudem noch mit dem Leerzug von Rossmann eine neue Wunde in die Innenstadt geschlagen hat, die bis heute eitert. Aber das muss ich niemandem aus Rheydt oder überhaupt vom Niederrhein sagen.

Wichtig ist jetzt die Frage, wie es weitergehen kann.

Was mit Rheydt passiert

Alle Innenstädte leiden an den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Aktuell ist es vor allem die Abwanderung ins Internet, die ihnen zu schaffen macht. Und nein, ich werde jetzt nicht die sinnlosen Appelle in Dauerschleife setzen, lokal einzukaufen. Ich stelle mich ja auch nicht vor Kutschnereien und fordere die Leute auf, keine Fahrzeuge zu kaufen, die nicht von Pferden gezogen werden. Das Internet ist dem lokalen Handel in Angebot, Komfort und Preis oftmals überlegen. In dieser Situation nicht online einzukaufen, ist aus Verbraucher/-innen-Sicht kein sinnvoller Weg.

Das Internet wird den Handel, wie wir ihn kennen, in den meisten Sparten verdrängen. Das ist einfach der Weg des technischen Fortschritts. Sowohl Jammern als auch Durchhalteparolen sind da wirkungslos.

Kaufhäuser wie Karstadt und Real verstärken das sogar noch. Das haben wir schon beim Buchhandel gesehen: Das Verschwinden der inhabergeführten Läden zu Gunsten der Ketten hat den Buchhandel sturmreif geschossen, dann kam Amazon und musste nur noch die Reste aufkehren.
Wobei ironischerweise nach der aktuellen Schließungswelle der größte Laden der Rheydter Innenstadt eine Buchhandlung sein wird, die Mayersche.

Das soll eines klarmachen: Ein Festhalten am Handel ist kein Weg in die Zukunft. Die wiederholt gescheiterten Investitionen in Karstadt sollten das ausreichend klarmachen.

Ein großer Schaden für Rheydt war auch eine Politik, die sich dem Fortschritt nicht nur verschlossen hat, sondern diesen sogar aktiv bekämpfte. Dies mache ich an Entscheidungen fest, die im Namen einer als Geschichtsbewusstsein missverstandenen Nostalgie jegliche Innovation erstickten — etwa die moderne Gestaltung erdrosselnde Gestaltungssatzung (wollen wir über Blumenkübel reden?) oder den Denkmalschutz auf die funktional seit Jahrzehnten hoffnungslos aus der Zeit gefallenen Leitl-Bauten. Sowas kann man mit einer gesunden Innenstadt machen, die fähig ist, solche Schläge zu absorbieren und daraus kreative Kraft zu ziehen, sie zu umgehen. Rheydt war nicht gesund genug, solche Schäden zu verwinden.

Ebenfalls ein Problem waren die Ansiedlungen großer Läden ausserhalb des eigentlichen Stadtkerns. Die Idee war ja auch, die Kraft der Innenstadt zu vergrößern, indem man die Innenstadt selbst vergrößerte. Doch statt dessen schuf man der Innenstadt neue Konkurrenz. Real zog die Kundschaft raus, noch schlimmer Martkauf/Edeka, von welchem aus man die Innenstadt noch nicht mal mehr sehen musste, um einzukaufen. Es steht sehr zu hoffen, dass wenigstens der nun wieder schließende Real dann auch bald abgerissen wird, um der Innenstadt nicht weiter zu schaden.

Rheydts Stärken

Genug zu den Problemen. Ich hielt es allerdings für wichtig, auszuführen, welcher Weg bereits gescheitert ist, um diese Fehler nicht erneut zu wiederholen. Jetzt aber zu der Frage, wie es weitergehen kann, wie man aus diesem Trauertal herauskommen kann.

Potenzial für Rheydt

Beispiele für Rheydts Potenzial: Harmonie 20, Wochenmarkt, Klassischer Schuhmachermeister

Rheydt hat zweifellos Stärken zu bieten. Der Wochenmarkt ist der beste im Stadtgebiet. Der Marktplatz und der Marienplatz wurden vor einigen Jahren erfolgreich erneuert, vor allem der Marktplatz ist auch abseits der Markttage belebt.

Zunehmend rückt studentisches Wohnen an Rheydt ran. Das ist gut, das kann neue Impulse bringen, denn studentisches Wohnen bringt auch einen Bedarf nach studentischem Leben mit sich. Davon können Gastronomie, Kultur und Nachtleben profitieren, wobei zwei von diesen drei Zweigen überhaupt erstmal (wieder) in Rheydt existieren müssen.

Na gut, es gibt das Theater. Das ist gut. Da hat allerdings die Innenstadt wenig von, dafür steht es zu weit ausserhalb.

Die Schauzeit ist gut und hat einige frische Ideen in die Stadt gebracht. Ebenso das Provisorium. Beides sind Plattformen zur kurzfristigen Vermittlung von Leerräumen an Kreative und Start-Ups. Allerdings weiss ich auch, dass es wahnsinnig schwer ist, mit einem dieser Projekte genug Leute anzusprechen.

Ein paar Punkte:

  • Dass Rheydt großes Potenzial im Handwerk und mit dem Wochenmarkt hat, schreibe ich nun schon seit 10 Jahren. Das sind Bereiche, die nicht nur ein eigenes Profil neben Alt-Mönchengladbach bieten, sondern in denen zudem auch das Internet nicht mithalten kann. Im Internet bekomme ich billige Schuhe — aber mit Sicherheit keinen Schuhmacher, der sie mir repariert oder mit Beratung an persönliche Bedürfnisse anpasst. Es ist wichtig, dass Rheydt nicht irgendeine Großstadt ist, sondern etwas Rheydt eigenes hat. Da sind diese beiden Elemente große Bausteine.
     
  • Rheydt hat mitten in der Innenstadt eine große und beliebte Bibliothek. Ich denke, es wird endlich Zeit, diese aus dem Dachgeschosss des Karstadtgebäude mit Eingang in einer verschatteten Gasse herauszuholen und sie in ein Erdgeschoss bringen. Genug Leerstand ist vorhanden, um sie unterzubringen. Die Bibliothek profitiert von einer stärkeren Sichtbarkeit, die Innenstadt von einer noch attraktiveren Bibliothek.
     
  • Wir müssen gezielt an die dunklen Ecken. Die namenlose Zuliefergasse hinter der Sparkasse oder der Bereich hinter Marienkirche und Mayerscher Buchhandlung sind abschreckende Ecken, die dringend angepackt werden müssen. Da können wir dann als Bonus auch noch die Gladbacher Hinterhöfe reinpacken, Ecken wie die Postgasse sind auch ziemlich übel.
     
  • Die Innenstadt ist durchzogen von diesen seltsamen Galerien, die so massiv nur in Rheydt anzutreffen sind. Gänge innerhalb der Blöcke, in denen man (in der Regel leerstehende) Geschäfte findet, die aber niemand betritt. Diese brauchen eine neue Verwendung, da sie als Geschäftsorte nicht funktionieren. Hier ist Kreativität gefragt. Beispielsweise spiele ich immer mal wieder mit dem Gedanken, die Passage zwischen Marktstraße, Hauptstraße und Harmonieplatz zur Unterstellmöglichkeit für Fahrräder umzufunktionieren. Oder wie wäre es mit einem zentralen Zwischenlager für Einkäufe, damit man die nicht immer rumschleppen muss?
     
  • Die Skaterhalle braucht dringend einen gesicherten Ort und zwar vorzugsweise in der Innenstadt. Dort ist Betrieb und das ist das Wichtigste zur Zeit:Leben in die Stadt holen.
     
  • Vielleicht der brutalste Punkt für einige Nostalgiker, aber: Reisst die „Kammzinnen“ der Leitl-Bauten in der Hauptstraße ab. Das sind unangenehme, dunkle Ecken, die der Stadt schaden. Das mag in den 50ern mal ganz toll gewesen sein, wobei ich selbst daran Zweifel habe, heute sind sie abschreckend.
     
  • Die großen Leerstände bieten Platz für etwas, was in Mönchengladbach bisher komplett fehlt: Wieso haben wir kein naturkundliches Museum? Oder ein angemessen großes historisches (die paar Räume im Schloss Rheydt zähle ich nicht). Oder vielleicht ein Hugo-Junkers-Museum im früheren C&A oder Real?
     
  • Ach ja, die Gestaltungssatzung gehört, wenn schon nicht ausgesetzt, so doch erheblich gelockert. Innenstadt ist Innenstadt und muss auch wie eine solche aussehen dürfen. Wir sind hier doch kein Freilichtmuseum.
     
  • Geht sehr vorsichtig mit der Sparkasse um. Wenn der Rathausneubau kommt, darf diese auf keinen Fall verschwinden, auch nicht übergangsweise. Die Innenstadt ist auf die Nähe der Sparkasse angewiesen.
     

Ich werde in nächster Zeit auf so manche Idee noch näher eingehen oder weitere ergänzen. Ich hoffe, dies tun viele weitere, um gemeinsam die kreative Energie zu finden, hier etwas aufzubauen, was die Innenstadt von früher hinter sich lässt und einen neuen Weg in die Zukunft weist.

Rheydt ist an einem Punkt angelangt, an dem wir im Grunde wieder von Null anfangen. Das ist auch eine Chance.
Wir können an der Vergangenheit festhalten, bis wir mit ihr untergehen. Oder wir können eine Zukunft bauen, für die Rheydt ein Wegweiser werden kann.

Denn eines dürfen wir auch nicht vergessen: Rheydt steht nicht allein da. Viele andere Innenstädte leiden ebenfalls und werden dem Weg Rheydts folgen, ob sie wollen oder nicht. Rheydt ist nur recht früh dran und eben das bedeutet auch: Rheydt kann auch die erste Stadt sein, die aus dem Niedergang wieder zu etwas Neuem heranwächst. Eine Petrischale für die nun dringend notwendigen Experimente.

So oder so müssen wir die Stadt für das 21. Jahrhundert neu denken. Dafür brauchen wir neue Ideen. Die brauchen Raum. Und wenn es eines gibt, was Rheydt hat, dann ist es Raum.

(Soundtrack zu diesem Beitrag: Joan Jett – Bad Reputation)

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