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Jahr 10 ohne Altmedien

Es ist jetzt zehn Jahren her, dass ich den Fernseher rausgeschmissen habe. Die Zeitungen folgten mit kurzer Unterbrechung. Wann ich das letzte Mal ein Radio eingeschaltet habe, weiss ich noch nicht einmal mehr. Es folgt eine Bilanz.

Freie Zeit

Ob man nun mehr freie Zeit hat, liegt letztlich an einem selbst, das hat mit der Wahl der konsumierten Medien überraschend wenig zu tun. Nein, es geht um eine ganz andere Sache. Ich denke, es ist dies das Grundbedürfnis der so unverstandenen generation Y/Millennials/Weiterenunfughiereinfügen: Nicht freie Zeit, freie Zeiteinteilung.
Fernseher und Radio sind Diktatoren. Sie wollen uns vorschreiben, wann wir Nachrichten zu konsumieren haben, wann einen Spielfilm und wann wir uns bei GZSZ die Hirne weichsitzen. Ich verstehe nicht (mehr?), wie eine solche Struktur auch nur die Erfindung der Videokassette überleben konnte. Es gibt Menschen, die ihren ganzen Tagesablauf um irgendeinen Scheiss gestalten, der zu einer vom Sender vorgeschriebenen Zeit im Fernsehen läuft. Warum? Youtube existiert, Netflix existiert. Das Fernsehprogramm steht hier auf einer Ebene mit tatsächlich wichtigen Terminen und Verabredungen — diesen Status hat es schlichtweg nicht verdient.

Nachrichten

Jede Form von Nachrichtenkonsum verzerrt die Wirklichkeit.
Es ist interessant, wie viel momentan bei Facebook und Co von Filterblasen geredet wird. Dabei ist die Filterblase nichts Neues, jeglicher Medienkonsum stellt eine Filterblase dar. Nur: Bei den Altmedien merkt man das nicht, weil alle in der selben Blase, hinter dem selben Filter, sitzen.
Bei den Altmedien sind wir davon abhängig, was der Chefredakteur für berichtenswert, oft auch für politisch opportun erachtet. Das wird berichtet, so wird der Berichterstattung ihr Drall verpasst. Solange ein System keine ausreichend starke Alternative anbieten kann, ist dieses Problem unsichtbar — man weiss ja oft gar nicht, dass andere Nachrichten, andere Positionen und Meinungen existieren, wie soll man sie also vermissen?
Das Internet bricht diesen Konsens aus Unwissenheit auf. Natürlich ist es nun schwierig zu beurteilen, welche Informatonen korrekt, welche Meinungen legitim sind. Das ist aber nicht die Schuld des Internets. Wir kommen aus einer Welt, in der Unmündigkeit fest verankert war, weil wir die Fähigkeit, Informationen einschätzen zu können nie nutzen mussten. Die Medien hielten einen Mythos von Neutralität aufrecht, als wäre Neutralität in der Berichterstattung überhaupt möglich. Die Wut der Erkenntnis, dass diese Neutralität nicht existiert, ist es, die Tausende in die absurdesten Sphären des Online-Schwachsinns treibt.
Aber das Internet ist hier eben auch die Lösung: Nie zuvor hatten wir Zugriff auf so viel Wissen aus so vielen Blickwinkeln. Es ist nur schwer zu erlernen, damit umzugehen.

Die Altmedien kapseln sich unterdessen in einer albernen Selbstbezüglichkeit ein. Das fängt an mit irgendwelchen stundenlang live übertragenen Hochzeiten von Adelsgezücht in den Öffentlich-Rechtlichen, die ihre Bedeutung allein aus dieser absurden Berichterstattung beziehen, welche wiederum die Berichterstattung rechtfertigt. Das endet dann bei Erscheinungen wie Bernd Wollersheim, dessen Namen ich nur kenne, weil er regelmäßig auf den Titelseiten der Bild-für-Leute-die-die-Bild-nicht-lesen-wollen (kurz: Express) auftaucht — irgendein strunzdummer Proll aus einem Puff in Düsseldorf oder so.

Andere Nachrichten dagegen finden in den Altmedien gar nicht erst statt. Wichtige Dinge. Zu den Großdemos gegen Braunkohle im Rheinland und zuletzt der Lausitz musste man lange suchen, um dann etwas in den regionalen Minisendern zu finden. Üblicherweise erfolgt so etwas, wenn das Thema im Internet bereits unübersehbar geworden ist und der Gesichtsverlust, nicht zu berichten, zu groß wäre.

Vermisse ich nichts?

Diese Frage höre ich oft, meist in Bezug auf den Fernseher. Und meine Antwort fällt knapp aus: Ich wüsste nicht, was. Im Ernst, mehr kann ich dazu nicht sagen, ich vermag kaum, die Frage zu verstehen.
Keine Sorge, ich schaffe es auch ohne stundenlange Berieselung, meinen Tag zu füllen. Problemlos auch mit sinnlosem Scheiss – aber eben mit selbstgewähltem sinnlosen Scheiss.

Fazit

Ich kann keinen Grund mehr erkennen, die Altmedien zu konsumieren. Sie nehmen uns aus nicht gerechtfertigten Gründen die Autonomie über unsere Zeit (und im Gegensatz zur Arbeit bezahlen sie uns nicht einmal dafür). Sie berichten unvollständig und nach Gutdünken. Sie leben in einer Welt, die zunehmend aus ihren eigenen Inhalten besteht, welche für die reale Welt bedeutungslos sind.
TV, Radio und Zeitung sind die übelste aller Zeitverschwendungen.


Innenstadt neu denken

Leerstände in Rheydt

Die Friedrich-Ebert-Straße am Donnerstag, 25.02.2016, früher Nachmittag

Nein, Rheydt steht nicht alleine da. Rheydt ist besonders eklatant, da es neben den Problemen aller Innenstädte auch noch extrem nah an größeren Zentren liegt, mit denen es nicht mithalten kann. Das liegt nicht an der Struktur von Mönchengladbach mit zwei Kernen, denn die rheydter Innenstadt hat ja früher auch funktioniert und es ist nicht so, als wäre sie in den bald 45 Jahren seit der Zusammenlegung der Städte weiter nach Norden gerückt, als wären die Abstände zwischen den beiden Innenstädten in dieser Zeit kleiner geworden. Das ist einfach nur albern. Die spezielle Lage der Stadt Mönchengladbach, der schon seit Jahren von mir wiederholt angeprangerte Mangel an Differenzierung Rheydts vom nördlichen Nachbarn und die Konzeptlosigkeit der panikhaften Rheydt-Rettungspolitik sind zwar Faktoren, aber sie alleine reichen nicht, die desaströs werdende Entwicklung zu erklären.
Es hat lange gedauert, bis die Presse sich ausdrücklich des Themas annahm, um genau zu sein bis heute und auch dann noch relativiert. Das Strukturproblem der ganzen Stadt wird auf einzelne Straßenabschnitte begrenzt, als seien diese durch eine Mauer vom Rest der Stadt abtrennbar und somit separat zu behandeln. Auch das ist albern.
Um diese Abtrennung der problematischen Bereiche zu rechtfertigen, redet man sich die Entwicklung in den nicht-problematisch beschriebenen Bereichen schön. Da wird jedes Café zum Triumph emporgehoben, das noch nicht kläglich verhungert ist. Die Rettung von Karstadt wird mit dem Einzug von Billigketten zum Schildbürgerstreich und was jubelt die Rheinische Post dazu?

Rossmann und Action Deutschland ziehen ins Basement des Gebäudes am Rheydter Marktplatz ein[…] Für Rheydt und seine Bürger dürfte am Ende somit eine Aufwertung stehen

Nun steht zu vermuten, dass Rossmann dann aus der Hauptstraße wegzieht. Action ist eine dieser Ketten, bei denen man einkauft, wenn man am Ende des Geldes noch zu viel Monat übrig hat — die aber belegen in Rheydt ohnehin schon die gefühlte Hälfte der Ladenlokale und gelten als sichtbares Merkmal des Niedergangs. „Aufwertung“.

Vom Ende der Innenstadt, wie wir sie kannten

Es gibt aber ohne Frage neue Faktoren, welche die Innenstadt an sich bedrohen. Als wichtigster davon gilt in der Diskussion wenig überraschend der Aufstieg des Online-Versandhandels. Mit seinem gewaltigen Angebot von Waren aus der ganzen Welt, einschließlich Nischenwaren, die mangels lokaler Nachfrage kein normaler Laden führen würde, seiner 24-Stunden-Öffnung, seiner sofortigen Verfügbarkeit weiterer Informationen und Bewertungen durch andere Kunden und seiner Einfachheit übertrumpft online lokal in fast jeder für die Kunden wichtigen Kategorie. Fälschlich geht die Diskussion oft in die Richtung zu behaupten, Anbieter wie Amazon punkteten mit billigen Angeboten, aber das ist schlichtweg falsch: Amazon ist preislich in der Regel nicht günstiger als der Handel vor Ort, in manchen Kategorien wie etwa bei den Lebensmitteln sogar weitgehend deutlich teurer.
Nun kann man aber lobend erwähnen, dass Mönchengladbach zu den wenigen Beispielen gehört, wo eine Stadt es geschafft hat, mit einem Pilotprojekt online ein Angebot aufzubauen, welches den Handel vor Ort auf Augenhöhe zu bringen vermag. Die Befürchtungen von Gerritt Heinemann von der Hochschule Niederrhein scheinen sich dabei nicht zu bewahrheiten:

Der Versuch, durch lokale Online-Marktplätze die Innenstädte zu beleben, wird nicht funktionieren. Stadtväter, die das glauben, haben eine rosarote Brille auf und ignorieren die Realität.

Nein, wenigstens die Kooperation zwischen Mönchengladbach und eBay funktioniert nach allem, was ich dazu vernehmen darf, hervorragend und bringt Kundschaft heran.
Und hier zeigt sich dann das nächste Problem: Wo kommen diese Kunden eigentlich her? Wenn es bei Berichten zur Kooperation stolz heisst, man erreiche Kunden von nah und vor allem auch fern, stellt sich doch genau diese Frage. Auf wessen Kosten saniert sich Mönchengladbach-Gladbach da eigentlich? Nun, zum Beispiel auf jene von Mönchengladbach-Rheydt. Und Viersen und Erkelenz und Düren und Krefeld und so weiter. Der Ansatz des lokalen Bündnisses im Internet richtet sich nicht gegen das Problem, es sorgt nur dafür, dass man als dies angehende Kommune möglichst zu den Siegern gehört.
Und ganz ehrlich: Das Problem lässt sich auch gar nicht bekämpfen. Der Online-Handel ist dem lokalen Handel schlicht und ergreifend strukturell überlegen. Einzelne Sparten können hier eine Ausnahme bilden, weil sie besondere Qualitäten wie Frische, Beratung, Genuss-Atmosphäre oder Anprobemöglichkeit erfordern — aber dafür fallen andere Sparten mit der fortschreitenden Digitalisierung bald komplett weg. Innenstädtische Atavismen wie die letzten Plattenläden, Videotheken und mittelfristig wohl auch der Buchhandel werden von der Geschichte überholt wie so viele andere vor ihnen, vom Hufschmied über den Kolonialwarenladen bis zum Internetcafé. Die Überlebenden sind nicht genug, um die Innenstadt als Konzept zu retten. Sie sind entweder zu wenige oder richten sich nur an eine Kundschaft, die für die klassische Innenstadt nicht als attraktiv gilt. Eine Zukunft, in der das Einkaufen in der Innenstadt eine Tätigkeit ist, der nur mehr die verarmten Bevölkerungsschichten nachgehen, ist denkbar geworden.
Da kann man den Verbrauchern so lange ins Gewissen reden, wie man will, es erreicht doch nur eine Minderheit und von dieser Minderheit wird wiederum nur eine Minderheit den Versandhandel boykottieren. Viele können das auch gar nicht, wenn sie Produkte suchen, die es eben offline nur in vereinzelten Läden in den Haupt- und Millionenstädten überhaupt gibt.
Es gibt noch ein paar andere Trends, die unsere Innenstädte zunehmend schwächen: Armut ist natürlich ein Problem für den Handel. Konsumkritik und Selbstversorgung halte ich beides für sehr gute Dinge, aber ich kann nicht verschweigen, dass jeder Apfel, den der Laden weniger verkauft, letztlich eine Mindereinnahme für den Laden ist. Und in diesem Kontext muss man durchaus selbstkritisch an die Frage gehen, ob unsere Innenstädte im 20. Jahrhundert nicht schlichtweg zu groß geworden sind und sich dies nun rächt.

Die postkommerzielle Innenstadt?

Die Geschichte der Stadt und die Geschichte des Handels sind seit Jahrhunderten eng verwoben. Manche sagen, seit Anbeginn der Geschichtsschreibung, aber da darf man zweifeln, ob hier nicht moderne Weltbilder in vergangene Epochen projiziert werden. Auch muss man deutlich unterscheiden zwischen der Art Handel, aus der sich an Knotenpunkten von Handelsrouten Städte bildeten und dem Bau von Supermärkten — also dem Austausch zwischen Geschäftsleuten einerseits und dem reinen Verkaufsbetrieb an Endkunden andererseits.
Aber ich schweife ab. Der Punkt ist der, dass es uns heute extrem schwer fällt, die Innenstadt nicht als Ort des Kommerzes zu denken, als Sammelpunkt für Geschäfte und Märkte. Was seltsam ist, denn wir tuen es dennoch unentwegt.
Denken Sie an Ihre Lieblingsstadt. Was macht diese aus? Woran denken Sie, wieso ist es Ihre Lieblingsstadt? Ich möchte fast wetten, es ist kein Supermarkt an der Hauptstraße, kein Schuhgeschäft am Bahnhof und auch nicht der Elektronikhändler in der lokalen Mall. Nein, es wird meist oder wenigstens zuerst ein Café in einer Nebenstraße sein, der Ausblick auf die Auen des jeweiligen Flusses, die Atmosphäre eines Altbauviertels, ein Museum oder auch die Art der Menschen dort. Soziale Orte und solche der Entspannung, Erholung, des Erlebens. Orte von Geschichte, Kunst und Kultur. Natürlich auch mit Handel, ohne Handel kein Café oder Restaurant, aber immer sekundär. Der Handel bildet die wirtschaftliche Grundlage der Innenstadt, aber er bildet eben nicht ihre Oberfläche, ihre Einladung an Besucher und Einwohner.
Im Zeitalter des Internet ist es nicht mehr sinnvoll, die Menschen mit Konsummöglichkeiten locken zu wollen. Und die attraktivsten Städte, die boomenden Zentren und alles, was in den letzten Jahrzehnten zu Weltruhm gelang, haben dies auch nie getan. Handel ist nur sehr eingeschränkt ein Frequenzbringer und selbst das, was er in der Vergangenheit an Frequenz bringen konnte, schwindet nun, versickert ins Internet. Aber Plätze, Museen, Cafés, Restaurants und dergleichen, diese Art von Ort gibt es online nicht in dieser Form.
Wollen wir unsere Innenstädte und damit die Siedlungsstrukturen der Großstädte, wie wir sie kennen, erhalten, müssen wir weg von der gegenwärtigen Stadtplanung, die Innenstädte als Orte des überbordenden Kommerzes definiert, plant und fördert. Wir müssen zu einem Verständnis von Innenstädten, das nicht mehr fragt, was es dort zu kaufen gibt, sondern vielmehr, was es dort vorzufinden, zu erleben, gibt. Warum man dort hingehen sollte.
Wenn wir das schaffen, werden die Städte vielleicht endlich wieder etwas, was sie schon so lange nicht mehr waren: Einladend. Und vielleicht sogar schön.

Kinder spielen an einem Brunnen in Frankfurt

Frankfurter Innenstadt Sommer 2009 – Bild: FAZ/Anna Jockisch


Veganer, Wurst und Weltrettung

Die Überschrift ginge auch als Wurstveganerweltrettung, aber so ist’s auch hübsch.

Thema hier: Veganer und warum sie so oft zu missionieren scheinen. Und warum alle anderen das auch machen, es nur nicht merken — vielleicht sogar noch mehr. Anlass sind einige Beiträge bei Fefe von vorletzter Woche (ja, ich bin spät dran), in denen er sich über missionierende Veganer beschwert. Ich finde das allgemein unfair (und sprachlich unfehr immer attraktiver, aber das geht jetzt vom Thema ab), grade Veganern immer die Mission vorzuwerfen. Ich bin selber kein Veganer, aber an diesen Ernährungsweise grundsätzlich interessierter Nutzer einiger veganer Produkte und habe viel mit Veganern zu tun. Und ganz ehrlich, ich kenne kaum eine Gruppe, die einen besseren Grund zum „Missionieren“ hat als Veganer.
Also: Warum missionieren Veganer eigentlich so oft?

Die einfachen Antworten vorab

Grund für Veganismus ist in Mitteleuropa meistens einer der folgenden drei, seltene Gründe wie jene der Religion (vegane Religionen sind hier sehr selten) mal ignorierend:

  • Ethische Gründe bedeuten in der Regel, dass man dagegen ist, dass Tiere für die Bedürfnisse des Menschen sterben und/oder leiden. Grundlage ist entweder die Ansicht, dass der Mensch kein Recht hat, andere Tiere zu töten (ohne angegriffen worden zu sein) oder dass der Mensch durch seine ungewöhnliche Gabe der Intelligenz die Pflicht erhält, diese zur Vermeidung jeglichen Leides einzusetzen, auch für Nicht-Menschen.
    Dass diese Gruppe zur „Missionierung“ neigt, ist wenig verwunderlich, schließlich ist ihr Ansinnen der Vermeidung von Leid nicht erreicht, solange nur sie selbst auf den Konsum tierischer Produkte verzichten. Etwa so wie es einem Polizisten bei der Verfolgung eines Verbrechers nicht reichen kann, dass er selber keine Straftaten begeht. Aus der ethischen Begründung des Veganismus lässt sich also eine moralische Pflicht ableiten, die Idee weiterzugeben.
  • Umweltschutz ist ein anderer häufiger Grund für Veganismus. Viehwirtschaft ist mit enormem Verbrauch natürlicher Ressourcen verbunden — sowohl direkt bei den Tieren als auch in Form der gewaltigen mengen Nahrung, die durch die Tiere gehen statt wirtschaftlich und ökologisch deutlich günstiger direkt auf den Tellern landen zu können. Besonders Rindfleisch und Milchprodukte sind extrem belastend für die Umwelt. So sehr, dass ein Normalesser bei Milchverzicht sich klimaschonender verhalten als Vegetarier, die zwar auf Rindfleisch verzichten, dafür aber meist mehr Milchprodukte zu sich nehmen.
    Diese Gruppe ist schon seltener „missionarisch“ tätig, da die moralische Pflicht zur Bekehrung weniger akut ist. Zwar ist es natürlich besser, wenn mehr Menschen dabei helfen, die Umwelt zu schützen, aber das Gefühl der Nutzlosigkeiten der eigenen Bemühungen ist weniger stark ausgeprägt, da man das Gefühl hat, „seinen Anteil“ zu erfüllen.
  • Gesundheitliche Gründe sind die letzte simple Gruppe, bevor wir zu den komplizierteren kommen. Sie begründen die Entscheidung zum Verzicht auf Tierprodukte mit der potenziellen Gesundheitsschädlichkeit vieler tierischer Nahrungsmittel, von Wurst über Fleisch bis Milch. In wie weit das den Tatsachen entspricht, ist umstritten, aber hier nicht Thema. Allerdings sind diese Veganer auch oft nicht so strikt und nehmen ab und an Dinge wie Bienenkotze Honig zu sich, was mögliche gesundheitliche Probleme ausgleicht. Zudem ernähren sie sich noch stärker als andere Veganer bewusst und wissen daher, die bei schlecht umgesetztem Veganismus möglichen Mangelerscheinungen zu vermeiden.
    Diese Menschen haben eigentlich nur selten Grund zur Weiterverbreitung ihrer Ansichten, es sei denn, sie wollen ihren Mitmenschen etwas Gutes tun. Das zentrale Wort hier ist eigentlich. Denn jetzt kommen wir dazu, wie Veganer jeglicher Couleur zu Missionaren gemacht werden.

Die karnate Inquisition

Hier wird es komplizierter, das deutet schon die Fremdwörter in der Überschrift an. „Karnat“: fleischlich, „Inquisition“: Befragung.
Um das nachvollziehen zu können empfehle ich jedem Nicht–Veganer einfach mal, für etwa einen Monat Veganer zu spielen. Es ist dazu kein Verzicht nötig, noch nicht ein Mal die Übernahme veganer Ernährung. Spielen Sie, wann immer sie öffentlich sind, einfach mal Veganer. Erwähnen Sie ein oder zwei Mal, dass Sie eine vegane Ernährung ausprobieren. Keine Sore, man wird es Ihnen abnehmen, denn wer sich auf ein solches Experiment einlässt ist offensichtlich offen genug, ab und an etwas Neues auszuprobieren und nicht in den eigenen Vorurteilen zu verharren. Es bedeutet zwar, beim Ausgehen erst später ein Steak essen zu dürfen, wenn man wieder alleine ist (na gut, doch ein bisschen Verzicht), aber für einen Monat sollte das gehen und es bietet erheblichen Erkenntnisgewinn.
Schnell dürfte Ihnen eines auffallen: Menschen, die Fleisch essen, sind unglaublich vehement in ihrer Überzeugung, dass dies etwas Gutes ist. Sobald ihnen auch nur irgendwie zu Ohren kommt, dass Sie sich vegan ernähren, werden die Missionierungsversuche beginnen. Niemand missioniert mehr als Normalos, in deren Gegenwart der Begriff „vegan“ fällt. Sie werden sich ausgiebig und völlig unaufgefordert anhören dürfen, wie schädlich vegane Ernährung sei, dass sie dem Klima ja gar nichts nütze, dass Fleisch zu essen doch ganz natürlich und Fleisch ausserdem doch so lecker sei und so weite rund so fort. Selbst eigentlich gemäßigte Leute fangen plötzlich an, beinahe Verschwörungstheorien um eine Vegetarierlobby aufzubauen. Und dann kommt quasi aus dem Nichts der Vorwurf der Missionierung, sobald man es wagt, dem Redeschwall der Nicht-Veganer zu trotzen. Die Absurdität ist beachtlich.
Man fragt sich unweigerlich, wieso es Allesessern so schwer fällt, als einschränkend wahrgenommene Überzeugungen bezüglich der Ernährung anderer zu akzeptieren. Ja, manche sind einfach Besserwisser, die eine willkommene Gelegenheit wittern, ihr Hobby auszuleben. Aber nicht alle Fälle lassen sich so erklären, dafür sind es zu viele.
Die Veganer fühlen sich da schnell in die Ecke gedrängt und wer in die Ecke gedrängt wird, wehrt sich halt. Und so werden dann auch viele Veganer, die aus eigenem Antrieb nicht missionieren müssten zu Missionaren. Bei denen ist es dann weniger ein Angriff als eine Art offensive Verteidigung; der Versuch, einen Schutzraum um sich zu erschaffen, in dem man nicht ständig von den missionierenden Steak-Gourmands belästigt wird, die einen von den Vorzügen des Fleischgenusses zu überzeugen suchen.
Das erklärt dann vielleicht auch, warum Gruppen wie Peta so oft mit Aktionsformaten arbeiten, die genau niemanden überzeugen, dafür aber viele Menschen abschrecken können.

Also, liebe Normalos: Bevor ihr euch wieder über missionierende Veganer beschwert, kurz an die eigene Nase packen. Natürlich, es gibt Veganer, die eine Art Missionierung als moralische Pflicht ansehen und die wird es immer geben. Aber viele Fleisch-Liebhaber tragen ganz klar ihren Teil zur Radikalisierung von Veganern bei, wenn sie diese nicht sogar auslösen. Ich habe in der Regel Verteidiger des Fleisches als deutlich lauter und missionarischer erlebt als die meisten vegetarisch oder vegan lebenden Menschen. Aber das fällt oft nicht auf, weil sie auf Seiten der gesellschaftlich-mehrheitlichen Norm stehen.

Ersatzprodukte

Kurz noch zu einem Kritikpunkt am Veganismus, den ich nie verstanden habe: Was genau spricht gegen Fleischersatzprodukte?
Das ist relevant, denn ich halte auch das für eine Form von Intoleranz durch die Nicht-Veganer: Wer keine tierischen Produkte zu sich nimmt, der soll gefälligst (unnötigen) Verzicht üben, denn er verdient Strafe? Vegane Ernährung richtet sich ja nicht gegen die Wurst, sondern dagegen, dass für die Wurst ein Tier sterben musste. Warum also sollten vegane Wurst oder auch Ersatzprodukte für in der hiesigen Küche schlichtweg unverzichtbare Zutaten wie Milch ein Problem darstellen?
Mir ist das unbegreiflich. Das ist für mich nichts weiter als ein Ausdruck der Unfähigkeit von Normalos, die aus der Norm fallenden zu verstehen. Für den Wunsch nach einer Form von Buße für die Abweichler.
Ein bisschen so, wie den Homosexuellen das Recht auf Ehe zu verweigern. Es geht nicht um die Sache, denn dafür gibt es gar keine Begründung. Es geht darum, was man als normal zu akzeptieren bereit ist. Und vielleicht um die Angst davor, sich selbst und das eigene Bild von Normalität hinterfragen zu müssen und der Antwort nicht mehr so sicher sein zu können, wie man immer glaubte. Darum, Antworten ernsthaft suchen zu müssen statt die althergebrachten einfach unhinterfragt übernehmen zu können.

Zum Abschluss ein Bild vom Ende der Welt: Vegane Bratlinge mit Salat! (Bild: Wikimedia Commons)

Zum Abschluss ein BIld vom Ende der Welt: Vegane Bratlinge mit Salat! (Bild: Wikimedia Commons)

Meine Position

In einem Artikel zu diesem Thema scheint es mir wichtig, die eigene Position darzulegen, daher folgendes: ich bin selbst kein Veganer, verzichte aber aus ethischen Gründen in allen Bereichen ausser der Ernährung auf tierische Produkte (also z.B. auf Leder) und nutze aus einer Mischung aus ethischen und ökologischen Gründen regelmäßig vegetarische und vegane Lebensmittel, vor allem Ersatz für diverse Milchprodukte.


Die Vollhonkisierung des Abendlandes

Hinweis: Ich war von der siebten bis zur zehnten Klasse auf einer Hauptschule (GHS Aachener Straße, Mönchengladbach-Speick). Deshalb darf ich Honk sagen. Das ist so wie bei den Dunkelhäutigen, die Nigger sagen. Nur, dass ich es trotzdem als Beleidigung meine. Das dazu, nun zum Thema:

Warum genau wimmelt es bei bestimmten Themen in den sozialen Netzwerken so von Vollhonks? Ich habe mir hier drei aktuell besonders lästige Debatten (Gamergate, Homo-Ehe und Veganismus) herausgesucht. Immer wieder stolpere ich über Beiträge von Leuten, die offenbar ihre Welt bedroht sehen, wenn Videospiele weniger misogyn werden, wenn Homosexuelle heiraten dürfen oder wenn andere Leute keine Tiere essen.
Sicher, neu ist das nicht. Schon die monotheistischen Religionen zeichnen sich dadurch aus, den Anspruch zu stellen, ständig über die Belange fremder Leute befinden zu dürfen. Und dies nicht aus Erwägungen der gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen (wie sie der Politik idealerweise zu Grunde liegen, Irrtümer natürlich nicht ausgeschlossen), sondern allein aus Rechthaberei. Vielleicht auch, wie beispielsweise der Theologe Friedrich Heer anmerkte, an schwachem Glauben, der sich durch Intoleranz gegen bedrohlich wirkende Ideen wehrt. Es ist wohl allgegenwärtig genug, dass ich darüber ein Buch schreiben konnte.
Allerdings, die Bühne der sozialen Medien scheint da so einiges hochzuspülen, was man sonst nicht hören würde. Vollhonks eben. Und die Vollhonks sind laut. Sie polarisieren eine eigentlich unspektakuläre Diskussion bis zum Bürgerkrieg. Und jedes Mal stellt sich die Frage: „Wieso zum Geier interessiert euch das überhaupt, Vollhonks? Ihr macht die Welt zu einem schlechteren Platz für viele Menschen, bloß weil euch deren Lebensentwürfe, die euch nichts angehen, nicht in den begrenzten Horizont passen!“

Gamergate und FIFA

Die nächste Ausgabe von EAs endloser Sportspielserie FIFA hat erstmals Frauenfußball im Angebot. Oder zumindest Fußball mit Frauen, ob es auch Frauenfußball ist, bleibt abzuwarten. Ich habe mir sagen lassen, Frauenfußball habe eine ganz eigene Kultur und Geschichte mit ganz eigenen Spielstilen und Traditionen. Ich weiss nicht viel vom Fußball, aber ich denke mir so: Tolle Sache! Wurde Zeit.
Manch einer schien das anders zu sehen und regte sich auf. EA solle doch lieber echte Innovationen liefern als Ressourcen für Frauenfußball zu verschwenden. Denn Frauenfußball ins Spiel zu bringen ist offenbar keine Innovation.
Nun habe ich FIFA Soccer zum ersten und letzten Mal auf dem Mega Drive gespielt, aber nach dem, was man so hört, ist es immer noch das selbe Spiel. Kunststück, ist ja auch weitgehend immer noch der selbe Sport.
Ich verstehe nicht, welche großartigen Innovationen dadurch verhindert worden sein sollen. Hat hier wer Insider-Informationen? Wieso bekämpfen die Leute eine großartige neue Option in so einem Spiel, als ginge ihnen etwas verloren? Wenn ihr nicht mit Frauen spielen wollt, spielt halt weiter nur mit Männern. Womit wir eine perfekte Überleitung zum nächsten Punkt hätten.

Ehe für alle

Wisst ihr was, ich halte mich kurz: Was zum Teufel geht das irgendwen etwas an ausser die Personen, die heiraten wollen? Ich meine okay, ich halte die Ehe an sich für weitgehend überflüssig (Steuer- und Erbschaftsregelungen aussen vor), aber wenn die Leute heiraten wollen, warum nicht? Für Heterosexuelle ändert sich durch die gleichgeschlechtliche Ehe exakt gar nichts.

Veganer

Kommen wir zum konstantesten und dämlichsten Punkt dieser Reihe: Die Reaktionen auf vegane Produkte.
Zuletzt etwa auf die vegetarischen (nicht veganen, aber der Effekt auf Vollhonks ist der selbe) Aufschnitte von Rügenwalder.
Vegantarier beließen es meist bei dem Seitenhieb, dass Rügenwalder ja selbst mit Fleisch keine brauchbare Wurst hinbekommen würde. Normalos fangen gleich wieder an vorzutragen, dass sie kein Verständnis haben, wenn Leute auf Fleisch verzichten nur um anschließend Fleischprodukte nachzubauen. Und ich verstehe die Logik einfach nicht — wo ist das Problem? Leute denen Fleisch nicht schmeckt nennen wir nicht Vegetarier/Veganer, die nennen wir Leute, denen Fleisch nicht schmeckt. Vegetarische und vegane Ernährung hat in der Regel andere Gründe. Aber warum sollten ethische Vorbehalte gegen das Töten oder Ausbeuten (in Ermangelung eines besseren Wortes) von Tieren im Widerspruch dazu stehen, etwas essen zu wollen, was Wurst ähnelt? Das selbe gilt für gesundheitliche Bedenken gegen den Fleischkonsum, für ökologische oder volkswirtschaftliche gegen die Nutztierhaltung wegen Schadstoffausstoß und Ressourcenverbrauch und für viele andere Gründe, aus denen Menschen auf eine tierarme oder tierlose Ernährung umstellen. Vegetarischer Aufschnitt ist kein logisches problem. Und wenn ihr weiter Fleisch essen wollt, bitte, in den Supermarktregalen herrscht alles andere als Mangel daran.
Ist es eine Sehnsucht danach, jene die anders sind, sollen doch gefälligst leiden? Denn oft klingt es so. Gibt es Psychologen unter meinen Lesern, die mir das erklären können? Es ist alles so unsäglich vollhonkig.
Nun werden sicher missionierende Veganer vorgebracht. Ja, gibt es, sind lästig. Aber zum einen ist es oft so, dass Normalos sich ja schon missioniert fühlen, wenn sie jemandem begegnen, der offen zugibt Veganer zu sein. Zum anderen finde ich die missionierenden Fleischfans um einiges lästiger. Im Ernst, in Gegenwart von Veganern über Fleischkonsum zu reden ohne missioniert zu werden, ist in der Regel kein Problem. Aber ich habe bisher noch selten geschafft in Gegenwart von Normalessern über Veganismus zu sprechen ohne dass ein Missionierungsversuch für den Fleischkonsum gestartet wurde — und dabei bin ich noch nicht mal Veganer!
Und zum Abschluss noch das hier:


Was eine Vollhonk. Und sie muss auch noch ein verdammt beschissenes Sexleben haben, wenn es nur durch das Bewusstsein genießbar ist, dass für Gleitgel Tiere leiden mussten.


Sisyphos‘ automobile Freunde

Gilbert Garcin - Le moulin de l’oubli


Heute will ich über einen Fall sprechen, in dem es eine wirksame Lösung für ein Problem ist, die aber zugleich die Ursache des Problems zur Normalität macht und somit fördert, was weitere Probleme für die Zukunft erzeugt. Nicht ganz eine Teufelsspirale, aber wohl eine wahre Freude für Sisyphos. Womit dieser Eintrag schon einen deutlich besseren Bezug zu Camus hat als der letzte zu Miller. Manche Dinge lern ich dann auch nach 16 Jahren bloggen noch dazu.
Keine Angst, es geht jetzt nicht um Philosophie. Es geht um das deutsche Straßenverkehrsrecht samt ergänzender Rechtsprechung, ein bisschen um Fahrradhelme und um Verkehrspsychologie. Wer allerdings im Vergleich dazu leichte Kost sucht, dem kann ich Camus nur empfehlen, auch wenn ich seine Sisyphos-Interpretation für etwas krumm halte.

Aber zurück zum Thema, um das es eigentlich geht: Das hier. Ein Taxifahrer aus Wesel versucht derzeit, ein besseres Warnsystem einzurichten, um Radfahrern anzuzeigen, dass der Fahrer eines haltenden Wagens aussteigen will. Da Autofahrer selten vor dem Öffnen einer Tür (vorschriftsmäßig und für den langfristigen Erhalt der Tür sinnvollerweise) noch ein Mal nach hinten schauen, sollen wenigstens andere Verkehrsteilnehmer gewarnt werden.

Diese Initiative wiederum geht zurück auf einen Fall, der letzte Woche öffentlichkeitswirksam vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wurde. Es ging um die Frage, ob jemandem, der bei einem Unfall mit dem Fahrrad keinen Helm trägt, von der Versicherung eine Mitschuld eingeräumt werden kann. Eine Fahrerin war gegen eine sich plötzlich vor ihr öffnende Autotür gefahren, gestürzt und hatte sich schwere Verletzungen zugezogen. Das Gericht entschied letztlich gegen die Mitschuld. Die Urteilsbegründung ist übrigens ziemlich interessant, aber im Kontext dieses Artikels nicht weiter relevant, weil es mir hier nicht um juristische Fragen geht, auch wenn ich hier (als Nichtjurist, wohlgemerkt) eine Menge juristische Quellen verwende.
Ein Thema, das nun (mal wieder) breit diskutiert wird, ist die Radhelmpflicht. Zu deren volkswirtschaftlichen Auswirkungen haben Martin Randelhoff und Lutz Tesch Bei Deutschlandradio Kultur einiges gesagt, zusammengefasst: Auch wenn ein Radhelm individuell sinnvoll sein kann, ist eine Helmpflicht volkswirtschaftlich möglicherweise schädlich, da sie die Zahl der Radfahrer senkt, was der Volksgesundheit schadet und sogar zu einer höheren Zahl an Fahrradunfällen führen kann.

Mein Ansatz ist ein anderer, eben der sisyphorische: Sowohl Radhelmpflicht als auch Zülfikar Celiks Blinkerlösung verringern zwar potenziell das Problem von Kopfverletzungen bei Fahrradunfällen, führen aber dazu, dass die eigentlichen Ursachen des Problems als Normalität anerkannt werden, was wiederum den Straßenverkehr an sich gefährlicher macht. Und die Ursache sind – pardon, aber – rücksichtslose Autofahrer, vor allem zwei Verhaltensweisen.

Das eine ist der fehlende Rückspiegel- oder Schulterblick aussteigender Fahrer. Den Tipp von Tesch, einfach beim Aussteigen die Tür mit der rechten Hand zu öffnen (bzw. mit der linken, wenn man rechts sitzt), ist hier sehr hilfreich, aber natürlich nicht vorschriftsgeeignet. Nur wäre das gar kein Problem, wenn nicht das viel größere, im übrigen auch viel lästigere Phänomen aufträte: Missachtung von Abständen aus bestenfalls Unkenntnis der Regeln, schlimmstenfalls Anspruchsdenken.

Es ist für Radfahrer alltäglich, angehupt, beschimpft und weggedrängt zu werden, wenn sie sich nicht so eng wie es nur geht an den Fahrbahnrand zwängen. Man sei ein Verkehrshindernis, unverschämt und tue so, als würde einem die Straße gehören (sic!). Radfahrer werden von vielen Autofahrern schlichtweg dazu gedrängt, eine wichtige Vorgabe zu missachten: Den seitlichen Mindestabstand.

Die meisten Autofahrer kennen den hier wahrscheinlich und beziehen sich gerne auf §2 Abs. (2) StVO:

Es ist möglichst weit rechts zu fahren, nicht nur bei Gegenverkehr, beim Überholtwerden, an Kuppen, in Kurven oder bei Unübersichtlichkeit.

Das heisst aber eben nicht, dass man sich am Bordstein entlangschrammen soll, sondern dieses „möglichst weit“ ist definiert, vor allem durch Gerichtsurteile. Der Abstand beträgt ca. 80 cm zum Bürgersteig und zwar nicht erst seit gestern, denn zu finden ist diese Zahl in einem BGH-Urteil von 1957. Parken am Rand der Fahrbahn Autos, sind es sogar 1,5 Meter (bzw. eine realistisch zu erwartende Türbreite), die ein Radfahrer seitlichen Abstand halten muss:

LG Berlin, Az. 24 O 466/95
Radfahrer müssen einen ausreichenden Sicherheitsabstand vom rechten Fahrbahnrand und insbesondere von parkenden Kraftfahrzeugen einhalten. Der Abstand muß so bemessen sein, daß den Radfahrer eine sich öffnende Autotür nicht in eine Gefahrensituation bringen kann

Würden Autofahrer diese Vorgaben kennen und beherzigen, statt vorschriftsmäßig fahrende Radler von der Straße zu drängen und sie auch noch als Kampfradler zu brandmarken, gäbe es kaum noch Unfälle dieser Art. Und da bei Unfällen mit Autotüren für Radfahrer die mit Abstand größte Gefahr besteht, sich zu überschlagen und auf dem Kopf zu landen, gäbe es auch deutlich weniger Tote und Schwerverletzte.
Aber wir reden lieber über eine Helmpflicht oder Blinker und behandeln damit halbherzig die Symptome, während die Straßen immer gefährlicher werden, weil wir gefährliches Fehlverhalten als neue Normalität akzeptieren und damit die Maßstäbe des Akzeptablen ständig zu Ungunsten der schwächeren Verkehrsteilnehmer verschieben. Und die stärkeren finden das auch noch richtig so, wenn nicht gar selbstverständlich. Und so beginnt die Geschichte mit dem Stein, der Grube und den Freuden einer griechischen Sagenfigur aus dem Titel des Artikels.


Postsedative Wohnwelten

Unsere Welt ist voll von Konzepten, ausserhalb derer wir nicht denken können. Meist keine expliziten Ideen, sondern Dinge, die sich zwangsläufig aus unserem Lebensstil, unseren Verhältnissen, unserer Biologie und anderen Faktoren ergeben. Sichtbar sind diese Dinge oftmals nur für jene, die sich als nonkonform verstehen – ob mit Absicht oder eher beiläufig als Folge ihrer Art, die Welt zu sehen. Für alle anderen werden sie erst sichtbar, wenn neue Entwicklungen das alte sinnlos machen.
Und damit kommen wir zum Thema dieses Beitrags: Die Selbstverständlichkeit der Sesshaftigkeit.

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Erfindung der Sesshaftigkeit, also des Wohnens an festen Standorten. Mit der Landwirtschaft entstehen die Landwirte, welche ihre Felder das ganze Jahr durch bewirten und Häuser bauen, um jahreszeitlich wechselndem Wetter und anderen Herausforderungen des sesshaften Lebens zu widerstehen.
Die Abende finden nun in den sicheren Häusern statt, Zeit, die zuvor zum Wandern und Wachehalten benötigt wurde, wird für andere Aktivitäten frei. Und mit dem neuen Phänomen der Freizeit beginnt das Zeitalter der Erfindungen, denn plötzlich ist viel Zeit zum Denken frei. Und so kommt es, dass die Völker der Erde in jener Reihenfolge als kulturell-technologische Kräfte in den Geschichtsbüchern auftauchen, in der sie sesshaft werden (von den Mongolen abgesehen). Zunächst war der ideale Mensch der Häuslebauer, dann der Bürger (Bewohner einer Burg).
Wenn Sesshaftigkeit so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, so sehr ihre Grundzutat ist, erklärt das, warum wir an ihrer Selbstverständlichkeit so selten etwas seltsam finden. Zwar gab es immer Völker, die nicht oder weniger sesshaft waren, doch diese ignorierten wir meist, erklärten sie für primitiv und/oder entwicklungsbedürftig.

Bis heute hat sich das zu einem unterschwelligen Extrem entwickelt. Unsere Vorstellung von Stadtentwicklung ist oft davon geprägt, dass wir Menschen als Bewohner von Häusern verorten und den Raum zwischen den Häusern einzig als Verkehrsfläche betrachten, die dazu genutzt wird, von einem Haus zum nächsten zu gelangen. Wir kennen es in seiner massentauglichsten Variante als die Idee von der „autogerechten Stadt“.
Es ist die Allgegenwart des menschen-leben-in-Häusern-Denkens, die Ansätze wie jene von Jan Gehl so revolutionär erscheinen lassen, der Städte für Menschen bauen will. Städtte, in denen Menschen ausserhalb ihrer Häuser leben.

Doch genau in jener Zeit, als die Idee autogerechter Städte aufkam, ging bereits eine Saat auf, die das Ende der Sesshaftigkeit bedeuten konnte. Es war die Grüne Revolution. Diese hat trotz des Namens wenig mit den Grünen zu tun. Es handelt sich um die Industrialisierung der Landwirtschaft.
Plötzlich brauchte es viel weniger Menschen in der Feldarbeit. Doch die Arbeitswelt basierte auf sesshaften betrieben und verfügbaren Dienstleistungen, alles war auf Sesshaftigkeit ausgelegt. Arbeit, Kommunikation, Gesetze, alles erschwerte ein Leben ohne festen Wohnsitz, alles war auf der Norm aufgebaut, dass ein zivilisiertes Leben ohne einen solchen nicht möglich sei. Es gab kein Ausbrechen aus dieser Norm ohne ein völliges Ausbrechen aus der menschlichen Gesellschaft.
Aber es gab Spuren davon: Das Auto kam und mit ihm etwas Neues: Der Berufspendler. Heim und Arbeitsplatz trennten sich, ein niederschwelliges Nomadentum wurde zur Norm.

Und dann kamen die späten 1980er. Auf den Schulhöfen der westlichen Welt (und Japans) erschien der Vorbote einer Revolution.

Viva la Pling-Geräusch-olucion!


Wie gesagt: Vorbote.

Es kam das Zeitalter der mobilen Technologie.
Innerhalb weniger Jahrzehnte erschien Technologie, die es ermöglichte, unterwegs auf seine Arbeit zuzugreifen. Zugegebenermaßen galt das nur für Büroarbeit, aber diese wurde etwa zeitgleich zur dominanten Form von Arbeit. Laptop, mobiles Internet, Smartphone… das digitale Nomadentum wurde eine echte Option für Menschen in Bürojobs oder der Kreativwirtschaft. Unsere Besitztümer werden zunehmend digitaler – Filme, Bücher, Musik, Spiele, alles ist digital und wird über das Netz bezogen. Und wenn unsere Städte menschenfreundlicher werden, brauchen manche Menschen nicht mehr als ein Bett für die Nacht, das ganze übrige Leben kann draussen stattfinden – und wieso nicht jahreszeitabhängig in unterschiedlichen Klimazonen?
Das mit dem Bett ist übrigens keine neue Idee: In der Industriellen Revolution gab es Arbeitersiedlungen, in denen die Menschen nur zum Schlafen in ihre Häuser gingen, wobei die Betten von mehreren Personen abwechselnd benutzt wurden, quasi Schlafen im Schichtdienst. Dieses Wohnmodell verschwand mit der Durchsetzung menschenwürdigerer Arbeitszeiten und Löhne, aber nichtsdestotrotz ist festzuhalten, dass Menschen durchaus so gelebt haben. Und wenn sie es diesmal freiwillig tun, wieso eigentlich nicht? Die japanischen Kapselhotels bieten für eine solche Lebensweise den idealen Raum. Denn wenn man den Rest des Tages ohnehin nicht im Haus verbringt, braucht man auch nicht mehr als ein Bett.

Worauf ich eigentlich hinauswollte?
Wie unglaublich kleingeistig ich diese „Zukunftsvision“ in diesem Kontext letztendlich finde:

Das ganze Konzept basiert darauf, dass Menschen in Zukunft weiterhin ihr ganzes Leben in Häusern verbringen. Es fehlt die Reflexion einer Frage: Warum sollten sie? Zumal, wenn die Wohnungen der Zukunft so beschissene Orte zum Leben sein werden, wie hier dargestellt.


Das Mausolibrarium

Die Nicht-Raute von Wickrathberg gibt mir Gelegenheit, mal etwas anzusprechen, was ich schon länger ansprechen und vor allem vorschlagen wollte. Aber zunächst etwas Vorgeschichte, sonst ist dieser Text nicht langweilig genug.

Gräber, ihre Funktion und die Kirche
Auch wenn mir als Atheist (bzw inzwischen eher Ignostiker oder Apatheist) gerne nachgesagt wird, mir sei nichts heilig, so halte ich doch den Letzten Willen und den Respekt davor für einen der wichtigsten Werte der menschlichen Zivilisation und das meine ich durchaus so hoch gehängt, wie ich es hier schreibe. Die Erinnerung an einen Menschen ist alles, was nach seinem Ableben von ihm bleibt und entsprechend sollte diese auch behandelt werden. Verblassen wird sie auch ohne unser Zutun früh genug.
Der Letzte Wille kann natürlich nicht uneingeschränkt gelten, aber so lange er niemanden unzumutbar beeinträchtigt und nicht zu irgendwelchen größeren Problemen führt, ist er zu gewähren. Damit steht er für mich auf einer Stufe mit den Menschenrechten. Das gilt übrigens nicht nur für die Grabgestaltung, sondern auch für andere Teile des Letzten Willens, die Existenz etwa von Pflichtanteilen am Erbe finde ich eine Unverschämtheit, da Entscheidungen über die Verteilung der Erbschaft allein dem Vererbenden zustehen und nur in Ermangelung eines rechtskräftigen Letzten Willens von anderen vorgenommen werden dürfen.
Nun versuchen immer wieder Gruppen, vor allem Religionsgemeinschaften, die Rechte der Toten durch eigene Maßgaben zu beschränken, wofür gerne Begriffe wie Pietät verwendet werden. Pietät ist ursprünglich einer dieser von sich aus inhaltslosen Begriffe, die je nach grade nützlichem Gebrauch mit Inhalt gefüllt werden, ähnlich Begriffen wie Bildung und Kultur (letztere als Kultur im engeren Sinne). Man kann Pietät in der modernen Verwendung aber als den Respekt gegenüber den Toten zusammenfassen.
Nun ist es nicht grade besonders respektvoll den Toten gegenüber, ihnen einfachste Wünsche zu verwehren. Klar kann man jetzt sagen, man kann ja auf einem anderen Friedhof bestattet werden, aber was, wenn jemand in seinem Heimatort beigesetzt werden möchte und dort nur ein konfessioneller Friedhof vorhanden ist?
Auch wenn ich auf Facebook vorgeschlagen habe, alle Friedhöfe städtisch zu machen, um das Problem zu lösen, ist das doch nur eine halbgare Lösung – religiöse Gruppen versuchen schon ewig und durchaus erfolgreich, auch auf die Regeln auf nicht-konfessionellen Friedhöfen Einfluss zu nehmen, zumeist werden sie gar als Experten geladen für wasauchimmer. Der Bevormundung durch die Religionen entkommt man so also nicht, die mischen sich wie so oft nämlich gerne auch in die Angelegenheiten jener ein, deren Angelegenheiten sie schlichtweg nichts angehen.

Das ist also die eine, m.E. naheliegende Forderung, die ich hier aufstellen will: Schmeisst die Religiösen aus den Friedhöfen raus. Sie können die Friedhöfe gerne nutzen und ihre eigenen Gräber gestalten, wie sie wollen, aber sie sollen endlich (wie in so vielen anderen Dingen) lernen, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern und den Rest der Menschheit in Ruhe zu lassen.
Und insbesondere sollen sie endlich lernen, dass man Respekt nicht einfach einfordert. Respekt verdient man sich, die beste Art von Respekt verdient man sich aus Gegenseitigkeit. Bringt den Toten den Respekt entgegen, den ihr von den Hinterbliebenen fordert. Ihr Christen kennt das, ist eine Abwandlung der Goldenen Regel, wir Ungläubige nennen es den Kantschen Imperativ, aber das ist essenziell das selbe.

Die Idee: Das Mausolibrarium
Und hier ist der Grund, aus dem dieser Beitrag nicht in die in diesem Blog vorhandenen Kategorien passte. Und die größere Idee, die ich seit etwa zwei Jahren mit mir heurmtrage, für die es nun einen Anlass gibt.

Meine Prämisse ist die, dass Gräber der Erinnerung an die verstorbenen Personen dienen. Das war historisch nicht immer so, ursprünglich waren sie wohl dazu da, dass herumliegende Leichen keine Raubtiere anlockten, aber bereits seit der Zeit der Neanderthaler sind Gräber aufwendig in Gedenken an die Toten gestaltet und werden mit Grabbeigaben ausgestattet.
Nun ist es aber eine Tatsache, dass Gräber nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, diese Aufgabe zu erfüllen. Was ein Grab vom Toten bewahrt sind bestenfalls Spurenelemente und selbst das nur, wenn das Grab sehr durchdacht und in Kenntnis der beerdigten Person gestaltet wird. Die meisten Friedhofssatzungen machen diese Unpersönlichkeit des Grabes durch all zu enge Vorgaben in der Grabgestaltung nur noch schlimmer, alle Gräber sehen im Grunde gleich aus.
So manchem war das schmerzlich bewusst. Einige, die genug Geld und/oder Macht hatten, taten etwas dagegen.

Man kann nicht sagen, es hätte nicht funktioniert - Bild © 2006 Ricardo Liberato

Ja, ich will auf Mausoleen hinaus. Allerdings nicht ganz so groß und auch nicht ein Mausoleum für jeden, dann hätten wir sehr bald ganze Totenstädte und dafür ist auf der Erde schlichtweg kein Platz.

Die Tatsache ist, wer erinnert werden will, muss der Welt etwas hinterlassen. Nur die wenigsten schaffen das. Und noch weniger schaffen es, in dieser Erinnerung irgendwie eine Mitsprache zu haben. Doch die moderne Welt bietet jedem die Möglichkeit, etwas zu hinterlassen.
Ich spreche von einer Bibliothek der Toten.

Die Idee ist ein Kolumbarium, allerdings mit mehr Individualität für die Verstorbenen als jede andere Art der normalen Bestattung sie bietet. Jeder Verstorbene erhält dort einen Urnenplatz (hinter Panzerglas) und das Recht, ein zu Lebzeiten vorbereitetes Totenbuch präsentieren zu dürfen (oder auch mehrere). Wie viel Platz er dazu hat, hängt davon ab, wie die Möbel gebaut werden, sprich wie viele Urnen auf wie viel Regalfläche entfallen.
Der Zugang ist öffentlich, Bücher können bei Beschädigung durch eine hauseigene Druckerei aus digitalen Vorlagen ersetzt werden. Was in den Büchern steht, ist allein Sache der Verfasser. Beleidigendes, nicht jugendfreies oder sonstwie bedenkliches Material kommt in eine nichtöffentliche Abteilung, wo nur (gegebenenfalls Erwachsene) Angehörige Zugriff haben.
Verweigert werden können dem Toten in dieser Einrichtung nur physisch unmögliche oder unzumutbare Wünsche (Urnenbestattung etwa ist Pflicht, weil ganze Leichen zu viel Platz brauchen), Wünsche, die sich auf eine andere als die eigene Grabstätte beziehen und solche, die den Grund- und Menschenrechten widersprechen. Aber er kann so viele Rauten in und auf sein Buch drucken lassen, wie er will und wie auf den zur Verfügung stehenden Platz passen.

Das ganze Konzept könnte privat betrieben werden. Es könnte sich aus Beiträgen jener finanzieren, die dort in Zukunft bestattet werden wollen, sagen wir beispielsweise 10 € im Monat bis zum Tode, womit man das zeitlich unbegrenzte Recht auf ein dort angelegtes Grabregal erhält.
Nur zwei Dinge sind sicherzustellen: Dass kommerzielle Interessen nicht über den Interessen derer stehen, die dort bestattet wurden und dass die Einrichtung weltanschaulich-religiös neutral bleibt.

Was wir damit bekommen würden wäre eine Art von Grabstätte, die endlich allen die Möglichkeit bietet, mehr zu hinterlassen als nur einen Stein mit Namen und Lebensdaten. Und für die Besucher ein Fenster in Leben, Ideen und Ansichten derer, die vor ihnen gelebt haben, seien dies nun eigene Vorfahren oder Unbekannte, in deren Bücher man bei einem Besuch hineinstöbert.

Ein paar Hürden gibt es noch: Wie gesagt mischen sich die Kirchenleute ständig in Dinge ein, die sie nichts angehen, so auch in die Bestimmungen für nicht-kirchliche Bestattungen. Und auch sind privat betriebene Grabstätten in Deutschland vom Gesetzgeber nicht gern gesehen. Ob die Bestattung in einer solchen Einrichtung die Friedhofspflicht erfüllen kann, muss noch geklärt werden.
Oh, und natürlich die Tatsache, dass es für den Start einer Finanzierung und natürlich eines geeigneten Gebäudes bedarf, wobei letzteres ersteres voraussetzt. Mal sehen, als wie erfolgversprechend es sich in den nächsten Tagen erweist, so etwas anzustoßen. Oder ob jemand anders die Idee aufnimmt.

Kurz noch zum Begriff: Mauso- von Mausoleum, was heutzutage ein Oberbegriff für Grabgebäude ist und nicht mehr nur das Grab des Mausolos bezeichnet, weshalb ich diese Ausgliederung für machbar halte. Theoretisch wäre auch Nekrolibrarium denkbar, wenn Mauso- nicht auf Zustimmung trifft. -libr- von Latein liber für Buch, -arium ist der Lokativ zu -ārius, mit dem ich mich in diesem Blog schon einmal dezidiert beschäftigt habe und der für Örtlichkeiten das tut, was -ārius für Menschen tut.


Print – Rückkehr in die Fremde

Mein Ausstieg aus der Welt der alten Medien ist inzwischen fast ein Jahr her. Inzwischen besitze ich gar keinen Fernseher und kein Radio mehr.

Zurückgekehrt sind aber die Zeitungen. Und es ist eine seltsame Rückkehr.
Offenbar wird von einem politisch aktiven Menschen, vor allem in einer Partei und vor allem von einem Kandidaten für ein Amt (wie bei mir für den Gladbacher Stadtrat) erwartet, sich regelmäßig dem Printjournalismus zu widmen – die Frage, welche Zeitung ich lese kam öfters, meine übliche Antwort war „keine“, sehr zur Verwunderung meiner Parteigenossen. Man müsse doch eine zeitung lesen, wie sei man sonst informiert, so die Rückantwort.
Dabei sollten grade die Grünen auf John Yemma hören, wenn er sagt: „Printjournalismus macht einfach keinen Sinn: Da werden Bäume gefällt, fässerweise Farbe durchs Land gefahren, Zeitungen gedruckt, die tags darauf im Altpapier landen.“ Baumvernichtung, CO2-Ausstoß und Müllproblem ohne wirklichen Zwang dazu – und kosten tut der Spass auch noch (kostenlose Tageszeitungen wie in san Francisco scheint es in Deutschland nicht zu geben).

Nun denn, meine Wahl fiel auf die Westdeutsche Zeitung (WZ) – die hat (anders als die taz) einen Lokalteil und ist vergleichsweise günstig (85 bis 95 Cent, je nachdem ob ich grade die gladbacher oder düsseldorfer Ausgabe erwische). Vor allem erstreckt sich der Lokalteil auch auf die Nachbarstädte, was gegen den Zwang wirkt, diese mit Belanglosigkeiten zu füllen.
Die politische Ausrichtung ist dezent sozialdemokratisch – nicht ideal, aber okay. Dass das Verhältnis zwischen dieser Zeitung und dem AStA in Düsseldorf eher zerrüttet ist (erster Artikel einen Tag nach unserer Ernennung zum Vorstand: „Der AStA beschäftigt sich nur mit sich selber“ – na herzlichen Dank) spielt dabei eine eher geringe Rolle.
Dass die WZ vergleichsweise dünn ist, ist durchaus von Vorteil – im Gegensatz etwa zur Rheinischen Post (RP) kann man sie auf der täglichen Fahrt MG-Düsseldorf hin und zurück gemütlich durchlesen (dafür mag die RP den aktuellen düsseldorfer AStA mehr – tja…) ohne größere Teile auszulassen.

So steigert sich der Leseschnitt: Immerhin lese ich jetzt gut 10% komplett – und weitere 10% gar nicht. Zuvor las ich bis zu 80% gar nicht.
Grund für das Nichtlesen war bei der RP zunehmendes Desinteresse, bei der Wz ist es das Treffen von Freunden und Bekannten im Zug. Insgesamt also angenehmer.
Und dennoch – mit tagesaktuellen Lokalseiten wie der Bürgerzeitung MG, großen Nischenseiten wie Telepolis und der grundsätzlichen Schnelligkeit des Internet bei Themen überregionaler Bedeutung erscheinen diese Papierstapel überflüssig. Ihre Informationen sind grundsätzlich mehrere Stunden veraltet, weil Zeit für den Druck draufgeht. Wer behauptet, Zeitungen seien besser recherchiert verkennt entweder den Aktualitätsdruck der Zeitungen oder die Qualität der Netzschreiber.
Essays und Dossiers gibt es zu selten und wenn, sind sie oft zu kurz um wirklich interessant zu sein – das Essayformat funktioniert besser mit praktisch unbegrenztem Raum und Verlinkungen, welche die Informationen und Meinungen vertiefen und verknüpfen.
Hinzu kommt noch das poitische und gesellschaftliche Engagement – bei Ereignissen und Veranstaltungen dabei zu sein und später in der Zeitung darüber zu lesen – der Vergleich ist fast immer desillusionierend. Reduzierte Darstellungen und die Sprache von menschen, die seit Jahren nur noch PR-blabla ertragen und davon geistig langsam infiziert werden, beherrschen das Bild.

Etwas anders ist das bei den Wochenmagazinen. Von diesen habe ich mir die Zeit empfehlen lassen.
Recherchiert, jenseits der erdrückenden Tagesaktualität – und erfüllt von einem Geist der Pseudointellektualität und des Kulturkampfes gegen das böse Internet.
Dennoch, immer wieder greifen die Zeitler gute Themen auf – zuletzt in einem Dossier über eine Wirtschaft ohne Wachstum. Aber die Darstellungen bleiben oberflächlich, letztlich inhaltslos und fallen in die Kategorie „schön, mal drüber gesprochen zu haben“.
Seine Energie verschwendet man unterdessen in Abwehrgefechten gegen das Internet und die digitale Welt, die fast durchgehend aus Unverständnis und Zukunftsangst gespeist sind, die das alte deutsche Makel fortführen, intellektuell und intelligent, unverständlich und komplex zu verwechseln.
Alles in allem ist die Zeit zum Lesen uninteressant, zum Überfliegen aber ein hervorragendes Blatt – mehr als ein Blatt bräuchte es aber oft auch nicht für den tatsächlich interessanten Inhalt einer Ausgabe dieser Zeitschrift.

Bleibt zu guter Letzt eine einzige Frage: Warum tue ich mir den Unfug eigentlich an? Nur, weil alle meinen, man müsste?
Und kann die Zeitung im Zeitalter des Internet überhaupt mehr sein als ein Pendant zur Krawatte – ein nutzloses Statussymbol für Wichtigtuer, welches seine Wichtigkeit allein durch die wiederholte Behauptung dieser Wichtigkeit erhält?


Welt ohne Banken

Just vorgestern habe ich mir überlegt, wie wohl eine moderne Welt ohne Banken aussehen könnte.
Geld ist ja nicht mehr aus unserer Welt wegzudenken, was die Frage verkompliziert: Wie kriegt man Geld ohne Banken hin?

Meine Lösung sah so aus: Jeder Mensch besitzt eine Karte und ein Lesegerät. Beide werden monopol vom Staat ausgegeben, um Fälschungen zu verhindern.
Will/muss man nun Geld ausgeben, werden die Lesegeräte der Transferpartner verbunden und die Karten eingesteckt. Dann wird in beiden Geräten eine Geheimzahl eingegeben, um den Transfer freizugeben. Idealerweise ändert sich diese Zahl (wie beim Online-Banking) jedesmal. Dabei gibt es einige Optionen, wer welche Geheimzahl in welches Gerät eingibt – was sinnvoller ist halt.
Die Geldbeträge auf den Geräten werden regelmäßig abgeglichen (über einen oder mehrere zentralen Server in Staatsbesitz oder über ein P2P-Netz), um Übertragungsfehler und Betrüge zu korrigieren.

Zinsen und Währungen wären in einem solchen System überflüssig (aber möglich), jeder, der eine neue Karte erhält, hat ein Startguthaben, um am System teilnehmen zu können.
Überweisungen würden durch ein Botensystem oder über den Abgleichserver abgewickelt.

Das ist natürlich ein radikaler Schritt, an dessen Umsetzung ich nicht glaube.
Und dann kam Bill Gates mit einem im Grunde nicht unähnlichen Ansatz:

Ein ausgeklügeltes Code-System schaltet den Zwischenhandel von Kapital aus, der uns in der Ersten und Zweiten Welt derzeit Löcher vom Ausmasse Afrikas in die Staatshaushalte gerissen hat.

Sollte meine Idee doch nicht so weit entfernt sein?