Politische KW 38-2012

Dienstag
Am Dienstag gab es ein Treffen des Ortsverbandes Nord der Grünen, in dem wir neben Interna auch das Thema „Umbenennung von Straßen“ besprochen haben. Das ist ja auch so eine unendliche Geschichte: Zuletzt hatte ich ein Gutachten aus Hannover ausgegraben, welches klarstellte, dass man eine Straße heutzutage nicht mehr nach Paul von Lettow-Vorbeck benennen kann.
Mit der Volksabstimmung über den Schlossplatz/Hindenburgplatz in Münster kam das Thema erneut auf. Mir war und ist es hier wichtig festzuhalten, dass Lettow-Vorbeck der mit Abstand problematischste noch im Stadtbild vorhandene Namensgeber ist (danach kommt noch Friedrich Ludwig Jahn, während ich die Darstellung Hindenburgs als „Steigbügelhalter Hitlers“ für eine verfälschend extreme Verkürzung einer komplexen Geschichte halte). Wir sollten nicht anfangen, jetzt eine Welle von Straßennamen durchzuändern. Eine solche Änderung ist ganz offensichtlich kompliziert genug, vor allem bei der zentralen Einkaufsmeile der Stadt in Form der Hindenburgstraße.

Mittwoch
Ich war etwas überrascht, dass meine PM zu den Windkraftanlagen doch noch rausging. Die PM war ursprünglich vor ein paar Wochen verfasst worden und im Prozess stecken geblieben. Ihr ursprünglicher Zweck war es, die NEW vor der erwähnten Infoveranstaltung zu mahnen, diesmal mehr Transparenz erkennen zu lassen als 2011 in Wanlo, wo man sich das heftige Misstrauen der Bevölkerung zugezogen hat.
Auf jeden Fall stehe ich aber weiter dazu, dass ich die Planung von vier neuen Windkraftwerken in MG für eine gute Sache halte. Wir brauchen vor Ort produzierten Strom und die möglichen Flächen sind knapp. Klar, es gibt noch das ehemalige NATO-Hauptquartier Rheindahlen, aber das Gelände müssen Stadt oder ein Investor erstmal in ihren Besitz bekommen.
Und auch wenn, das Gelände wird eine Großstadt wie MG kaum allein versorgen können, wir brauchen also weitere Anlagen an anderen Standorten.

Donnerstag
Kurzfristig musste ich am Donnerstag noch für Karl Sasserath im Hauptausschuss einspringen. Insgesamt bis auf das Haushaltssanierungspaket (auf das ich zur Ratssitzung noch eingehen werde) wenig spannend, aber auf einen Punkt möchte ich noch eingehen: Der Borussia-Kredit.
Bekanntlich ist MG ja die Heimat der einzig wahren Borussia und die Stadt hat vor Jahren den Bau des neuen Stadions im Nordpark mit einem Darlehen finanziert. Dies wäre jetzt fällig geworden, doch die Partner haben verhandelt, dass jetzt noch 10 Jahre ins Land gehen sollen, bis Borussia zurückzahlt.
Ich finde das in Ordnung: Borussia ist ein wirtschaftlich zuverlässiger Partner, was das Darlehen zu einem guten Guthabenposten des Gläubigers Stadt macht, der sich wiederum positiv auf seine Kreditwürdigkeit auswirkt. Zum anderen sind damit für die Jahre 2022-2025 Einnahmen gesichert, die wir dann mit Sicherheit gut brauchen können.
Das Ansinnen der Opposition (hier CDU und Linke), das Darlehen sofort zurückzuzahlen finde ich wenig hilfreich. Es scheint mir für die Stadt unschädlich, das Geld quasi auf die hohe Kante zu legen und dafür Zuflüsse in den 2020er Jahren zu sichern. So oder so ist das Geld für die Stadt buchhalterisch ein Betrag auf der Haben-Seite.
Die Stadt ist gut beraten, für die Zeit nach Auslaufen des Stärkungspaktes 2021 Reserven zu halten, denn diese Jahre mit plötzlichem Wegfall der Zuschüsse vom Land aus dem Stärkungspakt werden nicht einfach. Das liegt auch an Mängeln im Haushaltssanierungsplan, aber vor allem in der Natur wegfallender Föderungen, selbst wenn sie sich ankündigen.

Freitag
Per eMail tat sich eventuell eine Möglichkeit auf, die letzte Woche angesprochenen Platanen zwar nicht zu retten, aber zumindest nicht sofort alle Bäume radikal abzusägen.
Ich habe Signale bekommen, dass es möglich wäre, die Bäume im Laufe mehrerer Jahre zu fällen, statt alle auf einen Schlag zu roden. Dann würden im ersten Jahr die Bäume fallen, die konkret Gebäude beschädigen. Die anderen bekämen noch ein-zwei Jahre, in denen dann in den Lücken schonmal die neuen Bäume anwachsen können. So bekommen wir zumindest keine komplett kahle Bahnstraße.
Nun ist es an der Bezirksvertretung West, diese Möglichkeit nochmal auszuloten.

Sonntag
Nachdem wir am Samstag mit der Familie gegrillt haben und es entsprechend viel Kalorien zu verdauen gab, hab ich die am Sonntag wieder abtrainieren dürfen. Ich denke, einen Marmor-Schirmständer mit dem Fahrrad 4 Kilometer hin und zurück zu transportieren sollte gereicht haben.
Jedenfalls ging es mit dem auf den gesamten Parteifuhrpark (ein Transportdreirad & ein Fahrradanhänger) verteilten Infostand zur Gracht, wo das jährliche multikulturelle Straßenfest stattfand. Immer eine schöne Veranstaltung mit vielen Leuten, Musik und reichlich fremder Küche. Nimmt allerdings auch den ganzen Sonntag in Anspruch.


Spätsommerliche Frühlingsgedanken – Causa Julia Schramm

So, ich schreib jetzt auch mal was über Julia Schramm alias @laprintemps. Ja, da müsst ihr jetzt durch, es ist ein relativ wichtiges Ereignis im Untergang einer Partei in der Auseinandersetzung ums Urheberrecht und in der Entwicklung des Buchmarktes.

Kurzfassung
Einfach diesem Link folgen.

Langfassung
Man kann der Piratenpartei sicherlich nicht vorwerfen, sie habe keine Position zum Urheberrecht. Im Gegenteil, sie hat derer in ihrem Programm mindestens drei. Wie vollkommen widersprüchlich diese Positionen (kurzgefasst: Freies privates Filesharing, vergütete Urheber sowie freier Zugang zu Kunst, Kultur und Wissenschaft) merkt Julia Schramm grade am eigenen Leibe – oder besser, bekommt sie aufgezeigt, zu merken scheint sie es nicht, wenn ich ihre Tweets so lese.
Ich werde jetzt nicht noch einmal die Partei an sich und ihre Meinung zum Filesharing thematisieren. Das habe ich bereits getan, meine eigene Position zum Thema findet sich dort ebenfalls. Und ich denke, ich habe auch schon demonstriert, dass ich meinen Umgang mit Raubkopierern ernst meine.
Das ist auch schon der Punkt aus der Kurzfassung: Es geht um Glaubwürdigkeit. Julia Schramm hat bereits einiges an Spott geerntet, als sie laut unbestätigten Presseberichten 100.000 € für ein Buch erhielt.

Nun ist dieses Buch also erschienen und noch am ersten Tag wird Dropbox per Copyright Notification dazu gebracht, eine PDF des Buches zu löschen. Das ist auf jeden Fall schonmal politisch ungeschickt, zumal man davon ausgehen kann, dass der Verlag den Skandal (wenn auch nicht absichtlich) provoziert hat: Da die Autorin Piratin war wusste der Verlag Albert Knaus selbstverständlich, dass das Buch sofort in den einschlägigen Plattformen auftauchen würde und hat vorsorglich danach Ausschau gehalten.
Das wäre nicht weiter schlimm, ginge es in dem Buch nicht explizit und deutlich auch gegen die „Content-Mafia“. Geistiges Eigentum wird als „Kampfbegriff“ bezeichnet und Künstlern (darunter Schriftstellern) wird die eigene Geistesleistung aberkannt (was den Rezensionen zufolge bei diesem Buch wohl sogar gerechtfertigt sein dürfte). Wer eine solche Position vertritt, der verwirkt ganz einfach seine Glaubwürdigkeit, wenn er dann plötzlich anfängt, sein geistiges Eigentum (das ja nur ein Kampfbegriff ist) zu verteidigen.
Die Option, die Online gestellten Kopien schlichtweg zu ignorieren hat immer bestanden, das demonstriere ich ja selber (Schadet es mir? Vielleicht, vielleicht nicht. Woher zum Teufel soll ich das wissen?). Oder steckt hier einfach der Gedanke hinter, mit Vernunft kommt man zwar in einen Parteivorstand, aber sicherlich nicht auf die Bestsellerlisten?

Schramm und die Piraten sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie standen nie für Inhalte, sondern für einen Stil. Geprägt von Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Entsprechend war ihr Hauptvorwurf den anderen Parteien (vor allem aber den Grünen und der SPD) gegenüber immer der fehlender Glaubwürdigkeit.
Ohne Glaubwürdigkeit aber hat die Piratenpartei nichts zu bieten. Das Programm ist umfangreich, aber leer. Der Reiz der Protestpartei ist raus, weil sie ihre Radikalität fast sofort abgelegt haben, nachdem sie einigermaßen in den Medien waren. Sachthemen werden nur noch am Rande überhaupt behandelt.
Wenn jetzt noch die Glaubwürdigkeit flöten geht war die Piratenpartei Deutschland das kürzeste Strohfeuer in der Geschichte der Bundesrepublik.


In eigener Sache: Position zu den NEW-Windkraftanlagen (Pressemitteilung Grüne MG)

Bündnis 90/Die Grünen Mönchengladbach zeigen sich sowohl über das Vorhaben der NEW, vier neue Windkraftanlagen in Mönchengladbach zu errichten, als auch über die frühzeitige Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in den Informationsprozess erfreut. „Wenn die NEW diesmal alle Fakten von Anfang an auf den Tisch legt und Bürgersorgen ernst nimmt, zeigt sie, dass sie aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Das Online-Forum und die Bürgerversammlungen sind dabei die richtigen ersten Schritte“, so
der umweltpolitische Sprecher der Grünen, Ratsherr Thomas Diehl.

Der Ausbau der lokalen Windkraft ist für die Energiewende unabdingbar. Um den Anteil der regenerativen Energien von aktuell 3,4 Prozent in Mönchengladbach auf die von der schwarz- gelben Bundesregierung vorgegebenen 35 Prozent bis 2020 zu erhöhen, müssen noch große Anstrengungen unternommen werden. „Statt durch teuren und aufwändigen Netzausbau den Strom von den Küsten in den Süden zu transportieren, sollte der Energiebedarf so weit wie möglich dezentral abgedeckt werden“, so Diehl weiter. NRW verfüge über hervorragende Windverhältnisse. Besonders in einer Höhe von hundert Metern ist der Ertrag vergleichbar
mit dem in Küstenregionen.

„Wir hoffen sehr, dass die bisherigen Gegner der geplanten Anlage von deren Notwendigkeit überzeugt werden können“, sagt der Grünen-Ratsherr. Im Vorfeld der Planungen von drei Windkraftanlagen in Hardt am Piperlohof im Jahre 2003 hatte es ebenfalls große Bedenken und erheblichen Widerstand gegeben, sogar seitens der Politik. Gaby Brenner, damals Bezirksvertreterin der Grünen in der Bezirksvertretung Hardt, hatte als einzige Politikerin für die Windkraftanlagen gestimmt.

„Damit der Ausbau der lokalen Windkraft in Mönchengladbach erfolgreich wird, halten wir es für sinnvoll und notwendig, den Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit einzuräumen, sich über ein Genossenschaftsmodell am wirtschaftlichen Erfolg der Windkraftanlagen zu beteiligen“, meint Thomas Diehl. Die NEW könne dabei, wie schon beim bewährten Projekt der Bürgersolargenossenschaft, die Rolle des Betreibers ausfüllen.

PS: Leider ist in der redaktionellen Bearbeitung der in meinem ursprünglichen Entwurf vorhandene Hinweis auf Windgas rausgefallen, aber es war mir wichtiger, dass die PM endlich rausgeht.


Politische KW 37-2012

Okay, beleben wir doch mal die Politische KW wieder, die ist ja in den Sommerferien sanft entschlafen.
Neuer Termin ist jetzt immer montags nach der Fraktionssitzung wo die Woche nochmal nachbereitet wurde, also so im Bereich 21-24 Uhr, je nach Fülle und Verlauf der Sitzung.
Wer das Konzept noch nicht kennt: In der Politischen KW stelle ich wöchentlich vor, was ich politisch in der vergangenen Woche bewirken konnte. Dabei lasse ich Präsenztermine (Eröffnungen, Preisverleihungen usw.) aussen vor und konzentriere mich auf die politischen Vorhaben, bei denen ich entweder selbst etwas beigetragen habe oder die mir selbst wichtig sind, aber auch solche, bei denen ich mich ärgere oder die meiner Meinung nach einer Erklärung bedürfen.
Nun denn:

Dienstag: Radstation
Ich bin nicht im Bau- und Planungsausschuss, wo das Thema am Dienstag besprochen wurde, wohl aber (als beratendes Mitglied) in der BV Nord, wo es vor zwei Wochen vorkam. Und die Radstation Nord ist eines der Themen, bei denen ich immer mitgemischt habe. Daher nutze ich die Gelegenheit, nachträglich darüber zu sprechen. Nun also kommt sie. Zwar nicht an meinem Lieblingsort dafür und auch nicht an meinem zweitliebsten Standort (dem Parkhaus hinter dem Vitus-Center), aber sie kommt. Der jetzige Standort gehört der Bahn und verspricht 10 mietfreie Jahre gefolgt von einer Miete von 1€/m².
Dafür muss halt eine etwas ungewöhnliche Gebäudeform in Kauf genommen werden, ein T-förmiges Gebäude, dessen Fußende zwischen Hauptbahnhof und dem danebenliegenden Parkhaus (das, anders als MG Heute behauptet, durchaus noch genutzt wird, sonst könnte man es ja einfach abreissen und bräuchte keine solche Speziallösung bauen) liegt. Wenn wir jetzt noch auf der anderen Seite des Bahnhofs ein D-förmiges Gebäude hinsetzen, habe ich auf jedem Stadtplan meine Initial… lassen wir das ;-)
Jedenfalls führen von diesem Fußende zwei Rampen zur eigentlichen Station, in der dann 666 Fahrräder geparkt werden können. Wenn man sieht, dass die kleinere Station in Rheydt sehr gut ausgelastet ist (sogar ruhig noch etwas größer sein könnte) und die Anwohner im nahen Stadtteil Eicken laut Verkehrserhebung überdurchschnittlich viel Fahrrad fahren, ist das durchaus nicht zu groß dimensioniert. Ausserdem soll eine solche Station allein durch ihre Präsenz den Radverkehr ja zusätzlich fördern, sie muss also grundsätzlich etwas größer angelegt werden als der aktuelle Radverkehr erfordern würde.
Ich freue mich jedenfalls sehr, dass das Projekt „Radstation MG Hbf“ nunmehr in trockenen Tüchern ist.

Mittwoch: Umweltausschuss
Achja, der Umweltausschuss. Zum Haushaltssanierungsplan sage ich pünktlich zur Ratssitzung nochmal dezidiert was. Das ist so eine Geschichte, wo ich mit Bauchschmerzen aber Überzeugung zustimme. Klingt komisch, is aber so. Wie gesagt, ich werde darauf noch gezielt eingehen.
Hier geht es erstmal um die inhaltlich eigenen Themen des Ausschusses.

Zum einen zur Baumfällliste des Grünpflegeamtes. Dort fanden sich wieder recht viele Bäume, aber die meisten – leider – auch fundiert und aus gutem Grund. Immerhin hatte ich bereits zwei Wochen vorher in der Bezirksvertretung Nord eine Zusage erhalten, es sei möglich, in Zukunft in den Listen anzugeben, ob Bäume in der Liste vor Ort ersetzt werden sollen. Mal sehen, ob das 2013 auch umgesetzt wird.
Leider fanden sich auf der Liste auch einige sehr prominente Bäume, einige große Platanen an der Bahnstraße. Die Bahnstraße ist eine wichtige „Einfahrt“ in die Stadt, wenn man von der A61 in Richtung Zentrum fährt und die Bäume prägen das Straßenbild auf ihrem Abschnitt sehr stark. Das sind für das Bild der Stadt nach aussen sehr bedeutende Platanen. Nun ist es aber leider auch so, dass die Bäume zu groß geworden sind und viel zu breit wurzeln, wodurch sie den Bürgersteig und vor allem auch die anliegenden Häuser bis hin zu den Fußböden beschädigen. Die Anwohner stimmten in einer Bürgerversammlung geschlossen für die Fällung der Bäume und bei einem solchen Votum in Verbindung mit den Wurzelschäden ist schwerlich etwas gegenzusetzen. Immerhin erklärte die Verwaltung auf gezielte Nachfrage, dort neue Bäume pflanzen zu wollen, die nicht mehr so breit Wurzeln schlagen.
Diese werden lange brauchen, bis sie die Lücke der großen Platanen füllen können (wenn sie es von der Größe je schaffen), aber dafür werden diese aller Voraussicht nach auch ihr Leben lang dort stehen können.

Das andere Thema ist das Solarkataster. Mönchengladbach bekommt ein Solarkataster, also einen Stadtplan, auf dem zu allen Dächern im Stadtgebiet überprüft werden kann, ob diese grundsätzlich für Solarstrom geeignet sind (als Beispiel sei hier mal Viersen verlinkt). Das ganze wird dann online abrufbar sein, Wahrscheinlich sogar kostenlos, NEW und Volksbank haben bereits angeboten, das Projekt zu sponsern.
Interessant ist die Vorgeschichte des Antrags, der letztlich zu diesem Projekt geführt hat: Das Solarkataster war bei uns in Arbeit, als unser Fraktionsvorsitzender Karl Sasserath es in einer Rede im Rat als erste Initiative zur Stärkung der Erneuerbaren Energien nach Beschluss des Klimaschutzkonzeptes erwähnte. Wenige Tage später veröffentlichte die CDU daraufhin einen entsprechenden Antrag. Da unser Antrag noch in der internen Ansprache war, war uns die CDU somit zuvorgekommen und sie hatte plötzlich das Thema übernommen. Das konnte sie, weil wir noch den Preis recherchierten während der CDU-Antrag im Grund daraus bestand, genau dies der Verwaltung aufzutragen. Dem Antrag selbst konnten wir uns natürlich nicht verschließen, aber aus dem Vorgang haben wir gelernt.


eBook-Löschung: Die Überlebenden – feat @Prinz_Rupi

In den letzten Tagen habe ich in meinen beiden eBook-Sammlungen (Kindle und ePub-Bücher) die Ratgeber-Abteilung durchforstet. Um genau zu sein die Diät- und Eigenverleger-Ratgeber. Der Ansatz war, nur die wirklich nützlichen zu behalten, jene, die mir neues brachten.
Nach einigen Tagen, in denen ich alle einschlägigen Titel durchforstet habe blieben 2 übrig. Der Zähler auf meinem Kindle sank um 58 Titel (ich habe sie nicht nur vom Gerät, sondern auch in meiner Kindle Cloud gelöscht), wie viele ePubs und PDFs ich gelöscht habe, weiss ich nicht einmal. Sie alle zeichneten sich dadurch aus, mir nichts zu erzählen, was ich nach fast einem Jahr im Geschäft nicht schon wusste und hunderte Male in Blogs gelesen hatte. Bei vielen dauerte das Blättern länger als das Durchfliegen des Textes. Welche zwei also schafften es, dem großen Löschen zu entgehen, warum und wie können andere Ratgeber-Autoren davon lernen?

Nun, diese zwei.

Es sind zwei sehr unterschiedliche Bände, jeder ist aus einem anderen Grund auf dem Lesegerät verblieben.

Zunächst zum einfachen: Rechterhands haben wir How I Made Over $42,000 in 1 Month Selling My Kindle eBooks von Cheryl Kaye Tardif. Sie durfte bleiben, weil sie sehr frisch und zugleich ehrlich schrieb.
Überzeugt hat mich ihr erster Rat zum Thema Marketing:

Be a blowfish

Die meisten Marketing-Ratgeber erzählen dir etwas vom Verkaufen deiner Qualitäten, von Zielgruppen, deren Ermittlung und deren Ansprache. Tardif sagt klar und gradeheraus: Pluster dich etwas auf.
Das also ist der eine Trick, um mich zum Weiterlesen zu bringen und auf meinem Lesegerät bleiben zu dürfen: Originalität gepaart mit Ehrlichkeit.

Der Band links ist Wilhelm Ruprecht Frielings Wie man erfolgreich E-Books verkauft, ein Interviewband des Verlegers mit erfolgreichen Selbstverlegern vor allem aus Deutschland.
Frielings Band macht etwas, was leider noch viel zu wenige machen und eigentlich im elektronischen Verlegen ein logischer Schritt sein sollte: Updates. Das Buch verspricht mir einfach, hin und wieder mit etwas neuem ergänzt zu werden, es hat dies mit einem Blog gemein: Was sich einmal interessant las verspricht, mehr davon zu liefern und gelegentlich auch den selten gewordenen völlig neuen Gedanken zu bringen. Selbst wenn das Buch mir aktuell wenig neues bietet, so kann doch mit jeder Aktualisierung ein Interview dazukommen, welches eine wirklich aussergewöhnliche Erkenntnis mit sich bringt, die das Geschäft potenziell komplett umkrempelt. Oder zumindest einen meiner sicherlich inzwischen eingefahrenen Fehler, den ich selbst nicht bemerke, ausbessert.
Amazon macht Aktualisierungen mangels automatischer Benachrichtigung der Kunden nicht grade komfortabel, aber es geht auf jeden Fall und ich hoffe sehr, dass die das mit der Automatisierung auch noch hinkriegen, wenn der Bedarf groß genug wird.

Ich arbeite mit beiden Methoden und die Resonanz in Rezensionen und Leserbriefen war bisher durchgehend überaus positiv. Also, liebe Sachbuchautoren: Nutzt diese Möglichkeit, im digitalen Zeitalter einen Zusatznutzen anzubieten und schreibt in einem angenehmen Stil, der näher am Blog als am klassischen Sachbuch ist. Die Leser werden es danken.

Mir bleibt noch, schleichwerbenderweise darauf hinzuweisen, dass für beide Bücher eine Aktualisierung in Arbeit ist, bei der jedes auch um ein neues Kapitel erweitert wird. Im Falle von Feuchten Fußes setze ich dabei direkt den Vorschlag eines Lesers um.
Das ist denn vielleicht auch mein dritter Tipp für zufriedene Leser: Bietet Kontaktmöglichkeiten. Alle meine eBooks enden mit einer Seite, auf der ich eMail, Twitter und Blogadresse aufliste und um Anmerkungen, Anregungen und Kritik bitte. Es ist sehr wirkungsvoll und ich denke, selbst jene Leser, die daraufhin nicht schreiben (etwa 99% aller Käufer), wissen zumindest die Möglichkeit zu schätzen.


Rezensionen und ich

In den letzten Tagen haben einige Skandale das Ansehen von Rezensionen auf Online-Portalen erschüttert: John Lockes gekaufte Jubelkritiken und RJ Ellorys Sockenpuppen. Im Moment trifft das nur Amazon, aber es kann sich durchaus weiter ausbreiten. Allem Anschein nach zieht der Fall mit John Locke bereits weitere Funde bei anderen Autoren nach sich.
Glücklicherweise (in gewissem Sinne) ist das kein Problem, das man nur verlagsunabhängigen Autoren vorwerfen kann: Ellory ist ein erfolgreicher Krimi-Autor, der bei Orion bereits zwölf künstlerisch und finanziell erfolgreiche Romane veröffentlicht hat und 2013 einen dreizehnten folgen lassen wird.
John Locke war der erste unabhängige Autor, der eine Million Exemplare seiner eBooks verkaufen konnte und darüber prompt ein eBook geschrieben hat. Inzwischen ist er allerdings weitgehend vergessen (was die Frage erlaubt, ob der Skandal Absicht war). Locke gibt offen zu, sich wenig um das schriftstellerische Handwerk zu kümmern und mehr auf Geld aus zu sein. Er gilt auch als der Autor, der für die extreme Verbreitung des 0,99-€-Preises verantwortlich ist. Keine Verbindung zu diversen anderen John Lockes.

Rezensionen sind ein faszinierendes Thema für Schriftsteller: Als Lebenselixier verklärt, als Pfeilgift gefürchtet, Quell von Amüsement, Hoffnung, Streit und Verzweiflung. Rezensionen haben ihre eigene Geschichte als Beiläufer der Literatur, jenes Leben, was man in der Biologie mit dem so perfekt übertragbaren Begriff der Kulturfolgertum bezeichnet. Die Bekanntheit Marcel Reich-Ranickis zeigt, wie weit man es als guter Rezensent bringen kann.

Skandale wie die obigen schaden dem Ansehen nicht nur der Rezensionen und Rezensenten, sondern auch der Autoren. Wer solche Methoden nötig hat, der zeigt mangelndes Vertrauen in die Qualität seiner Werke (ob nun gerechtfertigt oder nicht). Und auch wenn das Phänomen keineswegs nur Indies betrifft bestärkt es letztlich die Vorurteile gegen diese, wogegen ich die Einstellung Joe Konraths, es handele sich um eine Hexenjagd und man solle sich auf „den eigentlichen Feind“, die großen Verlagshäuser, konzentrieren wenig hilfreich finde. Allerdings wird es solch schwarzen Schafe immer geben.

Die Ursache hierfür liegt aber tiefer. Wenn Autoren eine Rezension schreiben, haben sie einen Gewissenskonflikt. Sie bewerten öffentlich einen direkten Konkurrenten ihres eigenen Produktes. Auch wenn man das kann, sobald man ein Buch schlecht findet und ihm eine entsprechende Wertung verpasst, wird man verdächtig, andere Autoren schlechtmachen zu wollen. Das schadet einem selbst. Schreibt man eine gute Kritik und der Leser identifiziert einen als Autoren vermuten viele Leser eine Gefälligkeitsrezension, also eine Bewertung anhand persönlicher Bekanntschaft und Sympathie anstelle literarischer Qualität. Das schadet dem gelobten Autoren.
Aus diesem Grund gibt es von mir keine Buchbesprechungen bei Amazon. Ich empfehle hin und wieder gute Bücher im Blog oder auf Twitter (wo das Verhältnis zu den Lesern ein anderes ist), aber auf den Rezensionsseiten wird es von mir nichts geben.