Papierfrei: Meine kleine Medienrevolution

Unter all den persönlichen Entwicklungen des Jahres 2013 staune ich selbst am meisten über diese: Abgesehen von einem Taschenkalender, Sprühschablonen und Bastelbögen habe ich keinerlei Verwendung mehr für Papier. Was ich an Papier besitze, sofern es nicht in Buchform oder als Verpackungsmaterial ist, liegt nutzlos in irgendwelchen Schubladen, auf eine Nutzung wartend, die wohl nie eintreten wird. Jedesmal, wenn ich etwas ausdrucken will (ganze 2x in diesem Jahr) ist das letzte Mal so lange her, dass die Tintenpatronen völlig eingetrocknet sind und nicht mehr funktionieren.
Papier liegt hier rum wie es zuvor diverse Diskettenformate (5¼, 3½ Zip) getan haben, wie es jetzt die durch USB-Sticks ebenso obsolet gewordenen CD- und DVD-Rohlinge tun. Wie diese und wie diverse Videospielmodule, Vinylplatten und Kassetten, ist es für mich zu einem Relikt der Vergangenheit geworden. Und anders als so viele sehe ich die Vergangenheit zwar als interessant und wichtig, aber keineswegs als erhaltenswert an, denn sie ist ihrem Wesen nach vergangen, jeglicher Erhalt von Vergangenem letztlich eine Lüge, denn wer Vergangenes erhält, erhält nicht die Vergangenheit, sondern ein durch seine Anwesenheit in der Gegenwart bzw. die Abwesenheit seines einstigen Kontextes verzerrtes Echo dieser.
Das gilt in ganz besonderem Maße für Medien.

Ich habe keinerlei Nostalgie für Trägermedien.
Ein gutes Medienprodukt (ich nutze den Begriff, um die Frage der Definition von „Kunst“ zu umgehen) ist eines, welches sein Trägermedium irrelevant macht. Nicht seine Medienart: Ein Text bleibt ein Text, ein Spiel bleibt ein Spiel usw.
Wohl aber sein Medium, denn ein gutes Werk steht für sich, bringt den Leser/Zuschauer/Hörer/Spieler/usw. dazu, alle Sinne auf das Mediierte selbst zu konzentrieren. Solaris von Stanisław Lem bleibt das selbe großartige Buch, ob nun in Form eines Codex, einer Schriftrolle oder auf einem eReader. Zu Marshall McLuhans „The medium is the message“ komme ich übrigens auch noch, heute nur so viel: McLuhan widerspricht mir hier nicht (nunja, nicht wirklich), denn McLuhans Blickwinkel ist ein völlig anderer.
Ein Werk, das dies nicht schafft, ist es ohnehin nicht wert, erneut gelesen/gesehen/gehört/gespielt zu werden. Wobei es zugegebenermaßen noch die Option gibt, dass ein Trägermedium eine Fehlkonstruktion für die Wiedergabe einer bestimmten Medienart ist.

Eine viel zu lange Art um zu sagen, dass ich 2013 Bücher auf Papier nur noch antiquarisch gekauft habe, wenn es billig war oder keine andere Option gab. Sie sind schwer, nehmen Platz weg und Umblättern ist so ziemlich die umständlichste Art, eine Seite zu wechseln, die es gibt. Überhaupt, das Umblättern: Wenig stört so sehr den Lesefluss und damit das Eintauchen in die Geschichte eines Texte wie diese vollständige Unterbrechung des Lesens am Ende jeder zweiten Seite.
Eine Tageszeitung nutze ich übrigens schon lange nicht mehr, einfach weil der Anteil der Informationen in einer solchen, die für mich sowohl neu als auch interessant sind so verschwindend gering ist, dass sich die Anschaffung nicht lohnt.

Warum der Medienexkurs?
Nun, weil die Bücher hier nicht alleine stehen. Auch bei Filmen und Videospielen ist mir nach langem Widerstand klar geworden, dass es völlig egal ist, ob das Medium von einem Modul, einer DVD/BD oder von der Festplatte läuft, ich sehe es letzten Endes ja eh auf dem selben Bildschirm und was währenddessen im Abspielgerät vor sich geht, davon bekomme ich so oder so nichts mit.
Dazu, wie sehr das Ins-Regal-Stellen überbewertet ist, habe ich schon vor über einem Jahr etwas geschrieben und daran hat sich bisher nur unwesentlich etwas geändert.

Nachtrag, 29. 12. 2013
Jetzt habe ich mich doch etwas stärker auf Bücher konzentriert, als ich eigentlich wollte.

Aber es ist auch die aktive Nutzung: ich notiere mir nichts mehr auf Papier. Tatsächlich notiere ich gar nichts mehr, ausser Telefonnummern.
Ich bin zu der Überzeugung gelangt dass jenes, was man sich nicht merken kann es auch nicht wert ist, aufgeschrieben zu werden. Einkaufslisten brauche ich nicht un was Ideen angeht, da gilt das ganz besonders: Eine Idee erkenne ich daran als gut, ob ich sie mir merke, ohne sie zu notieren.
Eine Idee, ein Gedanke, der nicht interessant genug ist, dass er sich für ein-zwei Tage im Gedächtnis hält, der ist nicht interessant genug, ihn mit der Welt zu teilen.


Politische KW 51/2013

Vorab: Die Politische KW 50/2013 fällt aus, weil ich in dieser Woche nur nicht-öffentliche Sitzungen (Rechnungsprüfungsausschuss und Vergabeausschuss) hatte.

Montag: Fraktionssitzung
Ich sollte vielleicht ein Thema der letzten Fraktionssitzung ansprechen: Der Segelflugplatz in Wanlo. Dazu hat ja ein Fraktionsprotokoll Presse-Aufsehen erregt.
Dazu ist etwas klarzustellen: Wir haben auf unserer Fraktionssitzung am letzten Montag das Gegenteil beschlossen. Was Reiners da mit Verweis auf Hajo Siemes zitiert hat, war kein Beschluss, sondern eine Empfehlung aus einer nicht beschlussfähigen Sitzung.
Dass Reiners überhaupt aus einem Protokollausschnitt einer Fraktionssitzung in dieser Weise zitiert, ist eine Stillosigkeit, die ich von ihm so nicht erwartet hatte. Aber das wiederum gehört in den Mittwoch.

Mittwoch: Rat
So, der Mittwoch. Fangen wir zunächst mit den anderen wichtigen Themen an.
Da wäre zunächst der Hornbach in der City-Ost. Das war auch ein interessanter Vorgang. Der Rat sollte beschließen, dass der Bauvoranfrage des Investors positiv beschieden werden sollte. Das ist interessant, weil dies überhaupt nicht Aufgabe der Politik ist: Das Bauamt macht so etwas normalerweise in Eigenregie, es handelt sich ja nur um eine Auskunft für den Bauherrn in spe, ob sein Vorhaben rechtlich machbar ist.
Das ganze hat ja eine etwas längere Geschichte (ich will das schwarz-gelbe Klopapier ja nicht ständig verlinken, aber es ist halt die einzige halbwegs brauchbare lokale Nachrichtenquelle) mitsamt Rechtsstreit usw.
Nun also soll die Politik nicht nur entscheiden, die Bauvoranfrage zu bescheiden, sondern dies sogar positiv zu machen. Ob der Bescheid positiv ist, ist aber überhaupt keine Entscheidung, die die Politik zu treffen hat. Mein Gefühl: Da wollte jemand Verantwortung und vor allem Haftbarkeit abwälzen.
Nach langer Diskussion hat der Obeerbürgermeister die Vorlage zurückgezogen und soll jetzt über den Kauf des Geländes durch die Stadt verhandeln, damit diese dort selbst planen kann.

Dann war da noch die GEM. Ewig langes Thema, offenbar ist jeder dafür, die GEM vollständig in den Besitz der Stadt zu holen, nur über das „wie“ herrscht erhebliche Uneinigkeit.
Ich erwartete eine (erneut) ewig lange Diskussion, doch dann kam Bude mit einem Vorschlag der EGN, dem zweiten Besitzer der GEM mit der Stadt Mönchengladbach. Diese bot an, sich nur zum Teil direkt auszahlen zu lassen und den Rest des Kaufpreises durch Abführung von Dividenden aus der GEM an die EGN zu zahlen. Einen ähnlichen Vorschlag hatte zzuvor schon die CDU gemacht.
Das war dann allgemein annehmbar und so gab es ohne Diskussion einstimmige Zustimmung (soweit ich mich erinnern kann, kann sein, dass ich hier ein paar Gegenstimmen übersehen habe). 30 Sekunden statt einer erwarteten Stunde.

Jetzt doch noch zum Segelflugplatz Wanlo.
CDU/FWG/SPD hatten beantragt, am Segelflugplatz jeglichen Motorbetrieb auszuschließen. Wer sich mit Segelflug ein wenig auskennt weiss, dass das im flachen Land Unfug ist. Ein Segelflugzeug muss ja irgendwie in die Luft kommen.
Entweder man schiebt es einen steilen Hang hinab (ein interessanter Zweitgebrauch des Braunkohlentagebaus, der aber wohl ganz im Ernst nicht tief genug ist), oder man zieht es hoch. Letzteres geht per Hilfstriebwerk, Schleppflugzeug oder Ziehen per Winde. Die Winde ist übrigens auch nicht handgekurbelt.
Die Motoren dürfen dabei per gesetzlicher Vorgabe 60 dB nicht überschreiten – eine Lautstärke, die nach allen Definitionen innerhalb des Begriffs „Zimmerlautstärke“ liegt. Der Testbetrieb verlief vollkommen problemlos, kaum jemand hatte diesen auch nur bemerkt. Von den Initiatoren des Protestes gab es gegenüber den Flugplatzbetreibern sogar die Bitte, man möge vor dem nächsten Testlauf Bescheid sagen, damit man den auch mitbekommt. Muss wahnsinnig laut sein, wenn die Leute den Betrieb nicht einmal mitkriegen, ohne ihn vorher angekündigt zu bekommen.
Aber wie das so ist, sie hatten mit „Motorflug“ ein Reizwort entdeckt und sich dann einfach mal aufgeregt. Die Antragsteller haben dann mal eben einen unsinnigen Antrag aus dem Ärmel geschüttelt.
Überhaupt, die Abstimmung: Die FDP erklärte den Antrag (vollkommen zutreffend) für Unfug, stimmte aber um des lieben Friedens Willen zu. Das war noch nicht bizarr genug und so erklärte die SPD zu ihrem eigenen Antrag sinngemäß, dieser wäre natürlich Unsinn, aber man habe den Wanloern mal entsprechendes versprochen.
Eine sachliche Diskussion, an der aber offenbar nur Grüne und Linke überhaupt Interesse hatten, wäre für den Antrag verheerend gewesen. Nun zauberte Hans-Wilhelm Reiners aber einen Protokollauszug der Grünen-Fraktion hervor und zitierte diesen vollständig und genüsslich.
Leider ließ Karl Sasserath sich davon provozieren und so kam es zu einigen unglücklichen Äusserungen, die für die Rheinische Pest natürlich ein gefundenes Fressen waren. Von da an war jede sachliche Diskussion vergebens, da sie keinen mehr interessierte und es kam zu einer Zustimmung aller ausser Grüne & Linke.
Ein Prozess, der sich nur mit dem näher rückenden Wahlkampf erklären lässt.


Politische KW 49/2013

Vorab: Neu ist der Abschnitt „Termine, zu denen es nix zu erzählen gibt“ – ob nun gar nicht (uninteressant oder vertraulich) oder noch nicht (wenn z.B. kommende Aktionen geplant wurden).

Dienstag: Umweltausschuss
Eine kurze letzte Ausschusssitzung des Jahres mit den Gebührensatzungen, darüber kann man wenig erzählen ohne gleich tief in Tabellen zu graben. Eine interessante Entwicklung gab es allerdings bei Müllcontainern: Die Leute versuchen offenbar, zu sparen, indem sie ihre Container seltener leeren lassen, aber weiterhin so viel Müll produzieren wie zuvor.
Das funktioniert natürlich nicht, denn das führt nur dazu, dass die Kosten im nächsten Jahr stärker steigen, weil sie dann auf weniger Leerungen verteilt werden müssen. Leute, wenn ihr bei den Containern Geld sparen wollt, vermeidet Müll. Ja, ich weiss, es gibt dabei mittelfristig noch das Problem mit den Überkapazitäten der Müllverbrennungsanlagen, aber daran arbeiten die Kollegen im Landesumweltministerium schon, das weiss ich aus Gesprächen.
Dann gab es noch das Thema Schlammfluten an der Talstraße in Odenkirchen. Ein schwieriges Thema, da der Schlamm schwierig zu vermeiden ist, wenn unten am Hügel Wohnhäuser und oben Landwirtschaft sind. Überhaupt lassen die Landwirte in den letzten Jahren auch andernorts immer weniger Grünstreifen zu den Wegen und Straßen übrig, womit im Herbst/Winter immer öfter große Mengen Erde aus den Feldern in die Straßen gespült wird. Das kann eigentlich in niemandes Sinne sein, da auch die Bauern dadurch wertvollen Boden verlieren, aber offenbar verdienen sie durch die zusätzlichen m² Feld mehr, als die durch Ausspülung zusätzlich nötige Düngung kostet.
Ich habe daher angefragt, ob das Problem zu dünner oder verschwundener Grünstreifen an den Felderrändern stadtweit angegangen werden soll.
An der Talstraße selbst will die Stadt das Problem mit zahlreichen kleinen Maßnahmen in den Griff kriegen.

Mittwoch: Finanzausschuss
Nein, ich war am Mittwoch nicht im Finanzausschuss, aber es gab im Vorfeld eine recht heisse Diskussion zu einem kurzfristig aufgeschlagenen CDU-Antrag, nachdem die CDU mich angesprochen und ich die Nachricht an meine Fraktion weitergegeben habe.
Ich persönlich halte die Idee, die EGN für die GEM-Anteile in Form von fortgesetzten Dividendenausschüttungen zu bezahlen für eine sehr elegante. Die Stadt muss kein frisches Geld in die Hand nehmen, wenn die GEM sich dergestalt am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, zugleich kann die GEM voll in die Stadt integriert und eine Ausschreibung (die wahrscheinlich ein Billiglöhner statt der nach Tarif zahlenden GEM gewinnen würde) vermieden werden.
Eine zu 100% städtische GEM ist grünes Ziel, die Frage ist aber der Weg dorthin. Und die beiden anderen Punkte des CDU-Antrags setzen Fristen, für die wir bislang keinen Grund erkennen können.

Donnerstag: Tütchen
Und zwar Nikolaustütchen. Die galt es in der Grünen-Geschäftsstelle zu packen.
Ich bin nicht sicher, wessen Idee es war, zum Nikolaus-Tag mit einem Nikolaus Geschenktüten an Kinder in Flüchtlingswohnheimen zu verteilen. Aber ich find das gut und es war eine kurzweilige Beschäftigung am Donnerstag Nachmittag.

Termine, zu denen es nix zu erzählen gibt:
Montag Fraktionssitzung; Freitag Jahreshauptversammlung Grüne Jugend


PM: Viktoriastraße: Schlechter Radweg wird zu schlechtem Gehweg

Ja, nochmal die Viktoriastraße. Ist aber auch eine lästige Geschichte.
Hiert also die aktuelle Pressemitteilung zum Thema, die heute auch in der WZ zitiert ist:

Mönchengladbach-Dahl. Vielen Radfahrern war der Radweg entlang der Bahnlinie an der Viktoriastraße über Jahre ein Ärgernis. Schilder, Oberleitungsmasten, vom Radweg nicht einsehbare Kreuzungen und vor allem parkende Autos im Abschnitt kurz vor dem Supermarkt machten den Radweg schlecht nutzbar. Grund genug für die Grünen, hier die Aufhebung der Benutzungspflicht zu fordern. „Der Radweg ist in diesem Bereich für die Radfahrer gefährlicher als die Straße, ortskundige Radfahrer meiden ihn“, hatte Grünen-Ratsherr Thomas Diehl festgestellt.

Zwischenzeitlich hat die Verwaltung reagiert und veranlasst, dass die Viktoriastraße künftig in die Tempo-30-Zone um die Dessauer Straße auf der anderen Seite der Bahngleise einbezogen wird. Da in einer Tempo-30-Zone keine Radwege angelegt werden dürfen, wird der Radweg künftig zum Gehweg für Fußgänger. Entsprechendes hat Mönchengladbachs Ordnungsdezernent Hans-Jürgen Schnaß den Mitgliedern der Bezirksvertretung Nord jetzt mitgeteilt. Zugleich soll das Parken von Autos auf dem Gehwegstück vor dem Supermarkt beibehalten werden, da aus Sicht der Verwaltung eine Gehwegbreite von einem Meter völlig ausreiche. „Die bestehende Parkanordnung kann aus straßenverkehrsrechtlicher Sicht bestehen bleiben“, heißt es dazu seitens der Verwaltung.

„Auch wenn sich die Situation auf der Viktoriastraße bessert, das größte Problem bleibt damit aber doch unverändert“, meint Thomas Diehl. Einen Gehweg, der den Fußgängern wegen parkender Autos nur höchstens einen Meter Raum überlasse, hält Diehl für zu eng und nicht an den Bedürfnissen von Fußgängern – die oft auch mit Kinderwagen oder Rollatoren unterwegs sind – ausgerichtet. „Das Thema Inklusion ist bei dieser Vorgabe der Verwaltung leider nur unzureichend beachtet worden, denn Menschen mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Rollator müssen sich hier auf engstem Raum an den Autos vorbeizwängen“, sagt Thomas Diehl. Was, fragt er, wenn sich auf diesem schmalen Weg zwei Fußgänger entgegenkommen? „Müssen die ins Unterholz oder auf die Straße ausweichen?“

Diehl verweist auf das Straßenverkehrsrecht, nach dem das Parken auf dem Gehweg nur dann zulässig ist, wenn für die Benutzung des Gehwegs mindestens 2,20 Meter Raum bleibt. Es müsse genügend Platz für den unbehinderten Verkehr von Fußgängern auch im Begegnungsverkehr bleiben, so der Dahler Ratsherr. Aus seiner Sicht werden zugunsten einer Autovorrangpolitik hier die Rechte schwächerer Verkehrsteilnehmer missachtet. Thomas Diehl: „Die Verwaltung hat an dieser Stelle aus einem schlecht nutzbaren Radweg einen schlecht nutzbaren Fußweg gemacht. Das sollte sie ändern.“

PS: Meine Ursprungsfassung war nicht ganz so freundlich zur Verwaltung, das ist die von mir abgenickte Endfassung der Fraktionsgeschäftsführung. Wahrscheinlich besser so. Ich selbst bin von der ganzen Geschichte trotz des Etappensieges langsam leicht genervt, entsprechend war auch der Ton meines Ursprungstextes.

PPS: Für Pedanten, Rechtgrundlage für die 2,20 Meter ist VwV-StVO (Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung) zu StVO Anlage 2, Punkt 72 in Verbindung mit RASt (Richtlinie zur Anlage von Stadtstraßen) 6.1.6.1


Politische KW 48/2013

Vorab: ich hatte ohnehin geplant, diese Reihe mit dem neuen Ratszug wieder zu starten. Das in dieser Woche auch die Aufstellung der Ratslisten liegt ist eher zufällig, aber ich pack es einfach mit hier rein.
Auf Vorbereitungssitzungenen (Montag & Sonntag) für Gremien geh ich hier nicht ein, wenn es nix besonderes gab.

Mittwoch: Bezirksvertretung Nord
Zwei Themen fand ich in dieser Bezirksvertretung persönlich interessant.
Das eine waren die „Roermonder Höfe“, jene Wohn- und Geschäftsanlage, die demnächst die Bleichweise ersetzen soll. Wem die Begriffe nichts sagen, es handelt sich um das Gelände des 2001 niedergebrannten Zentralbades (an alle Neusiedler & Ausstädter: ja, bei uns ist ein Schwimmbad abgebrannt. Ihr könnt aufhören zu lachen).
Mir persönlich hätte eine Festigung des Gladbach Docks deutlich besser gefallen, aber in MG legt man wohl keinen Wert auf attraktive und ungewöhnliche Einrichtungen wie diese. Noch besteht aber die Hoffnung, dass es einen neuen Platz findet, etwa am Geroweiher oder auf dem riesigen Brachgelände des einstigen Güterbahnhofes (alias City-Ost).
Bedeutender sind die Pläne des Investors für das Bauvorhaben: Ersatzlose Streichung eines der meistbesuchten Spielplätze im Stadtzentrum und die vollkommene Nichtbeachtung der Laufwege zwischen den Schulen, Turnhallen und Bushaltestellen sind heftige Angriffe auf die Struktur dieses Gebietes.
Der Gladbachlauf wird zwar wie schon oft angedacht durch einen Wassergraben nachvollzogen, dieser ist aber zwischen den Häusern so beengt, dass man das auch gleich lassen kann.

Dann kam eine Nachricht, die mich versteckt in den Mitteilungen der Verwaltung überraschte: Es tut sich was an der Viktoriastraße. Nein, wirklich in der Viktoriastraße.
Die wird in Zukunft Teil der Tempo-30-Zone um die Dessauer Straße auf der anderen Seite der Bahngleise. In 30er-Zonen darf man keine benutzungspflichtigen Radwege einrichten, also wird der gemeingefährliche Radweg am Bahndamm entlang aufgehoben und zum Fußweg. So weit, so gut, das ist ja genau das, was ich seit nunmehr fast vier Jahren immer wieder fordere. Den Schutzstreifen auf der Fahrbahn gibt es damit zwar auch nicht, aber das kann ich verkraften. Viele Probleme des Weges sind damit gelöst.
Bis auf eines: Auch weiterhin sollen Autos auf den letzten 100 Metern vor dem Aldi halb auf dem Gehweg aufparken dürfen. Damit bleibt in diesem Bereich ein Restfußweg mit einer Breite von einem ganzen Meter. Das sieht dann so aus:

Alltag auf der Viktoriastraße: Alle Autos parken hier nach Vorschrift. Hinten versucht ein Fußgänger mit Einkaufstüten, den Radweg zu benutzen, der selbst für ihn als Fußgänger zu eng ist. Dass der Fußgänger hier ausserdem nichts zu suchen hat, ignorieren wir mal. Foto: Dieter Rink


Ordnungsdezernent Schnaß hält das für „straßenverkehrsrechtlich“ unproblematisch, ein Meter Gehwegbreite reiche „angesichts der Fußgängerfrequenz völlig aus“ (siehe Bild). Schnaß scheint ein anderes Verkehrsrecht zu kennen als ich, denn in meinem ist eine Mindestbreite von 2,20 Metern nutzbarem Raum für Bürgersteige vorgeschrieben. Auf dem Bürgersteig darf Parken nur erlaubt werden, wenn diese 2,20 Meter frei bleiben (wer die Rechtsgrundlage nachschlagen will: VwV-StVO zu Anlage 2, Punkt 74 der StVO mit RASt 6.1.6.1).
Somit darf ich mich jetzt statt mit einem unbrauchbaren Radweg mit einem unbrauchbaren Fußweg beschäftigen. Ich vermag meine Freude kaum zurückzuhalten. Und warum? Damit ein paar Autofahrer ein paar Meter weniger laufen müssen.

Samstag: Jahreshauptversammlung Grüne MG
Am Samstag dann die Aufstellung der grünen Ratsliste zur Kommunalwahl im Mai. Wie einige schon wissen, bin ich hier auf Platz 10 gelandet und somit wenigstens für die erste Zeit nach der Wahl nicht mehr im Stadtrat.
Es gibt einiges, was ich dazu öffentlich nicht schreiben werde, das gebietet der Anstand. Ich werde sagen, dass ich enttäuscht bin, dass dies zu großen Teilen keine politischen, sondern personelle Gründe hatte.
Was ich sagen möchte, ist dies: Ich bin damit nicht weg vom politischen Fenster. Ich werde mich nach der Wahl politisch auf einen Fachausschuss (das wird noch zu diskutieren sein) und die ausserparlamentarische Arbeit konzentrieren. Und endlich das Egorama zusammenbauen (was das ist sage ich euch, sobald es vorzeigbar ist). Ich höre erst auf, die Welt zu verändern, wenn sie mir gefällt. Und das dürfte noch dauern.


Hausortografie

Kommen wir zu etwas, was ich schon lange schreiben wollte und wozu es jetzt einen konkreten Anlass gibt, dies endlich zu tun: Meine Rechtschreibung. Wie einigen aufgefallen sein wird, weicht diese stellenweise deutlich von jener des Duden ab. Nicht in der radikalen Form einiger anderer wie etwa der konsequenten Kleinschreibung von allem, die durchaus ihre Befürworter hat, sondern in einzelnen Regeln, die ich in der aktuellen Rechtschreibung schlichtweg für falsch oder inkonsequent halte.
Der Duden ist ein Menschenwerk und als solches nicht vor Fehlern gefeit. Das gilt insbesondere, da es sich um ein Regelwerk in Bezug auf Sprache handelt, ein System, welches ohnehin ständigem Wandel unterliegt. Dieser Wandel schert sich meist wenig um Rechtschreibung, denn Rechtschreibung ist eigentlich nicht Teil der Sprache, sondern nur ein System zu deren Wiedergabe. Eigentlich, weil es durchaus Wechselwirkungen gibt, aber das ist jetzt nicht Tema. Sonst schreib ich am Ende noch einen kompletten Meter Text über die Aussprache des g in richtig.
Das will keiner und somit komme ich zurück zum Tema, meine (bewusst so geschriebene) Hausortografie. Die wichtigsten Punkte in denen ich abweiche, ohne spezielle Reihenfolge, jeweils mit Begründung:

ss/ß
Lasst mich kurz ausholen, denn um das zu erklären muss ich leider ein bisschen in die Sprachwissenschaft tauchen (leider für euch, ich genieße das Tauchen in dieser Disziplin).
Ein Diphtong ist ein Laut, der sich aus zwei Vokalen zusammensetzt (oder genauer, einem Vokal und einem zum Halbvokal reduzierten Folgevokal). Der eindeutigste Unterschied zwischen einem Diphtong und einer einfachen Abfolge von zwei Vokalen ist der, dass ein Diphtong nur eine Vokallänge hat.
Eine Vokallänge ist ist ein sprecher- und sprachabhängiges Merkmal, welches definiert ist als die Sprechlänge eines kurzen Vokals (oder eines Vokals, wenn eine Sprache keine kurzen und langen Vokale unterscheidet, wie es etwa im Italienischen der Fall ist).
Somit ist ein Diphtong per Definition ein kurzer Vokal.
Bei der Rechtschreibreform entschied die Kommission, die ß hinter kurzen Vokalen zu ss umzuwandeln und hinter langen Vokalen zu belassen, um eine eindeutigere Lautzuordnung herzustellen. Das Problem hierbei ist, dass man die Diphtonge wie lange Vokale behandelte und ihnen ebenfalls das ß beließ.
Das ist schlichtweg unlogisch und inkonsequent. Man kann das ß hier problemlos abschaffen und ich bin dafür, diesen immer wieder problematischen Buchstaben (u.a. fehlende Majuskelform, Schreibung mit nicht-deutschen Tastaturen) möglichst weit zu reduzieren. Eine Abschaffung des ß ist nicht möglich, da ss immer einen vorhergehenden kurzen Vokal und s zwischen Vokalen einen stimmhaften Laut [z] impliziert.

th/ph/rh und andere stumme Laute
So ziemlich das Erste, was Kinder in der Schule lernen ist, dass man Wörter im Deutschen so spricht, wie man sie schreibt. Das Zweite ist, dass dies häufig nicht stimmt, denn niemand spricht Phantasie mit einem behauchten p (altgriechisch) oder einem bilabialen f-artigen Laut (neugriechisch), schon deswegen, weil diese Laute im Deutschen gar nicht als eigene Laute existieren.
Als Grund hierfür wird gerne genannt, dass die entsprechenden Wörter in der Tradition ihrer ursprünglichen Herkunft stehen.
Damit gibt es zwei Probleme.
Zum einen sind Geschichte und Tradition grundsätzlich zwar gute Erklärungen für einen gegenwärtigen Zustand, aber in der Regel keine sonderlich guten Begründungen für die Frage, ob dieser Zustand gut oder erstrebenswert ist. Erfahrungen aus der Geschichte können gute Begründungen sein, aber ich sehe keine Erfahrungen in der Geschichte irgendeines Rechtschreibsystems, welche nahelegen würden, dass es eine gute Idee ist, einzelne Wörter abweichend von allen anderen Wörtern einer Sprache zu schreiben. Eine Ausnahme können Wörter bilden, deren Ursprung so verschieden vom Deutschen ist, dass eine Anpassung nicht möglich ist (wie etwa bei „fauxpas“ oder „download“).
Zum anderen ist es nicht so, als würden wir damit echte Autentizität erreichen: Wir schreiben weder Rhythmos noch Orthographia, sondern Rhythmus und Orthographie. Die ganze Sache mit der autentischen Schreibung ist Augenwischerei, weil praktisch alle damit gemeinten Wörter ohnehin nicht mehr autentisch sind. Die größte Ironie in diesem Satz ist, dass Authentizität und die Ableitungen davon (insbesondere das Adjektiv authentisch) so ziemlich die besten Beispiele sind, wie wenig die Wörter nach der grammatischen Adaption ins deutsche noch mit ihren einstigen Ursprüngen gemein haben.

Nichts ist gewonnen, wenn die alten Schreibungen beibehalten werden, aber die Rechtschreibung wird deutlich einfacher und klarer, wenn wir sie abschaffen.
Daher sind abzuschaffen: th, ph, rh. Als eine Ausnahme verbleibt (vorläufig) Thron, da ein die Aussprache besser wiedergebender „Trohn“ ein in seiner Radikalität zu abschreckender Wandel wäre. Unberührt bleiben hiervon Völker- und Ländernamen (Thai, Bhutan).
Ebenso verschwinden die stummen e in Wörtern wie Spontaneität und gerade. Dieser letzte Teil ist dudenkonform, aber im Duden nur als eine Option gelistet.
Diese Änderungsregeln gelten nur für Wörter, die in Aussprache und Grammatik vollständig in die deutsche Sprache integriert wurden. Ebenso nicht betroffen sind Fachbegriffe aus der Wissenschaft wie beispielsweise Methan.

Großschreibung von Adjektiven
Das Deutsche hat eine dermaßen inkonsistente Verwendung der Groß- und Kleinschreibung bei Adjektiven, dass ich es ernsthaft als Hinweis erachte, dass diese Wortkategorien in den germanischen Sprachen nicht annähernd so deutlich abgegrenzt sind, wie uns in der Schule glauben gemacht wird (das Englische kann im Gegenzug in der Umgangssprache die meisten Substantive in bestimmten Kontexten als Adjektive nutzen, insbesondere Personennamen).
Die Rechtschreibreform hat das alles andere als verbessert. Ein Adjektiv kann nicht länger dadurch erkannt werden, dass es die Eigenschaften eines zugehörigen Substantivs näher beschreibt, sondern es gibt jetzt eine lange Liste von Situationen, in denen man Adjektive großschreibt. Die darf man dann lernen, weil sie sich logisch nicht erschließen. Mal sind es tatsächliche Substantivierungen (die Eigenschaft wird als Konzept oder Objektbezeichnung angesprochen, nicht als Eigenschaft von einem Objekt: das Gute, das Gelb, ein Doppelter), mal sind sie dies nicht (etwas Gelbes ist ein Etwas mit der Eigenschaft gelb, Gelb bezeichnet hier nicht die Eigenschaft selbst und vertritt auch kein Objekt, denn diese Funktion fällt dem etwas zu).

Somit gilt: Alle Adjektive werden kleingeschrieben, sofern nicht einer der folgenden Fälle vorliegt:
1) Es handelt sich um ein Adjektiv in der Rolle eines Substantivs, steht also entweder allein („Gelb ist eine Farbe“) oder mit einem Artikel („Das ist ein schönes Gelb“)
2) Es handelt sich um den Bestandteil eines Namens oder einer feststehenden Bezeichnung („Der Heilige Stuhl“, „Der Zweite Weltkrieg“)
3) Bezeichnungen für Sprachen, sofern diese nicht eindeutig als Adjektiv vewendet werden („auf Deutsch“, aber: „ein deutsches Wort“)

Getrennt- und Zusammenschreibung
Der eine Bereich, in dem weder alte noch neue Rechtschreibung irgendeine klare und eindeutige Regelung gefunden haben ist die Frage der Zusammen- und Getrenntschreibung. Die Regeln in beiden Systemen klingen genau so lange eindeutig, bis man anfängt sie anzuwenden.
Die Sache ist die, dass es extrem einfach ist, dies alles mit einer Regel abzudecken. Diese lautet:
„Wörter werden grundsätzlich getrennt geschrieben, es sei denn, die Zusammensetzung wird grammatisch und/oder lexikalisch als komplett eigenes Wort behandelt.“

Das bedeutet im einzelnen, Zusammenschreibungen mehrerer Wurzeln finden nur statt, wenn:
1) Die Zusammensetzung eine Bedeutung hat, die sich nicht allein aus dem Aufeinanderfolgen der Bestandteile ergibt. Dies gilt für alle Adjektiv-Substantiv-Zusammensetzungen, aber auch für kleinschreiben (so statt So), welches eine andere Bedeutung hat als klein schreiben (so statt so).
2) Bei Zusammensetzungen, die als Adjektive dienen, wenn diese als eine Einheit konjugiert und gesteigert werden. Also beispielsweise vielversprechend, weil es als vielversprechender gesteigert wird, nicht als mehr versprechend.
3) Wenn eine Getrenntschreibung zu einem grammatisch falschen Satz führen würde, beispielsweise anstelle, weil an Stelle durch den fehlenden Artikel falsch wäre.

Und das sind die wesentlichen Punkte meiner Hausortografie, wo sie vom Duden abweicht.
Es ist eine gemäßigte Fassung früherer Ideen zur radikalen Vereinfachung der deutschen Rechtschreibung nach dem Vorbild der vollkommen phonetischen Systeme, wie sie im Italienischen und Russischen vorkommen. Ich werde nicht das ck durch kk ersetzen, nicht das q abschaffen, nicht ks ausschreiben und x statt dessen für die beiden ch-Laute des Deutschen verwenden und auch nicht ts schreiben um das z für den stimmhaften alveolaren Frikativ verwenden zu können.
All das wäre durchaus sinnvoll, würde aber eine so radikale Veränderung unseres Schreibsystems darstellen, dass die gegenseitige Verständlichkeit der Leser und Verfasser neuer und alter Texter gefährdet wäre. Gegenseitige Verständlichkeit aber ist die Grundlage jeder Sprache.
Diese erlaubt in einem gewissen Maße verschiedene Rechtschreibungen, so wie sie in gewissem Maße auch regionale Besonderheiten und Einfärbungen der gesprochenen Sprache erlaubt. Wichtig ist dabei, dass die Unterschiede nicht willkürlich zusammengewürfelt werden, sondern auf Systemen beruhen, die jeweils in sich logisch sind.
Es mag damit zu tun haben, dass meine Oberstufenzeit genau mit der Rechtschreibreform zur Jahrtausendwende zusammenfiel, dass ich die Vorschläge des Duden nicht als die allein mögliche Wahrheit betrachte. Der allgegenwärtige Streit um die Richtigkeit der Rechtschreibung war ein Tabubruch, der allgemein meinen Umgang mit weitgehend unhinterfragt akzeptierten Regeln prägte.
Ich kann 100% dudenkonform schreiben, aber ganz im Ernst: Warum sollte ich? Der Duden ist nur ein Buch. Dinge sind nicht automatisch wahr oder richtig, nur weil sie in einem Buch stehen, denn Papier ist geduldig.

PS: Dass es keine Missverständnisse gibt, die Rezension von W.R. Frieling freut mich als solche und in ihrer Gesamtwertung sehr, es ist letztlich mein Fehler, diese Regeln nie öffentlich ausformuliert und begründet zu haben. Ich würde im Traum nicht daran denken, mich über eine 4-Sterne-Bewertung zu mokieren.


eBook-Erotika

Einer der großen Vorteile des eBooks ist, dass sich auch geringste Auflagen noch lohnen, insbesondere für Selbstverleger. Und selbst, wenn es sich nicht lohnt, lockt der aktuelle Hype genug Autoren, um es zu versuchen. Das bedeutet, dass auch kleinste Nischen bedient werden können, was dann sowohl Kunden als auch Autoren freut. Doch wie extrem kann das werden?
Um das zu sehen nehme ich einfach die größte aller Industrien dazu, das Geschäft mit dem Sex. Liebesromane haben ja bereits einige wirklich absurde Subgenres (Zeitreise- und Vampirromanzen sind eigenständige Kategorien mit Kinoverfilmungen und allem), aber was passiert, wenn wir uns ein Genre ansehen, das jetzt schon alle nur erdenklichen Nischen bedient? Was passiert, wenn wir den nischenreichsten Markt der Welt noch nischenreicher machen?
Ganz einfach: eBook-Erotika! In einer Welt, in der Hentai allgemein bekannt ist und Rule 34 eines der Grundprinzipien des Internet ist, wie viel seltsamer kann es noch werden?
Sex mit Monstern und Dinosauriern ist ja grade etwas in die Schlagzeilen gekommen, dabei ist das wirklich vergleichsweise harmlos und vor allem normal. Vergleichsweise.
Da ich täglich für eBooksfuerlau die Listen durchstöbere stoße ich da natürlich auf so einiges. Ich muss nicht einmal suchen. Hier sind die abgefahrensten Beispiele, die ich bisher finden konnte.

Eine Regel: Keine Fanfiction. Ich weiss, es gibt explizite Fanfiction von so ziemlich allem. Von Twilight-BDSM in Millionenauflage zu der ich bereits etwas geschrieben habe bis zu Human Centipede mit Erdbeersperma. Wenn ich damit anfange, wird dieser Artikel nie fertig.

Vielleicht liegt es an der geringeren Größe des deutschsprachigen Marktes oder daran, dass dieser relativ neu ist, aber die deutschsprachigen Werke in dieser Kategorie waren alle relativ zahm. Ab und an mal etwas BDSM oder Vampire und Werwölfe, aber alles im Rahmen entweder üblicher literarischer Erotik oder mehr oder weniger bekannter sexueller Vorlieben.
So fällt Scharfe Schnitte denn auch weniger durch ungewöhnliche Vorlieben als durch eine aussergewöhnliche Story auf: Eine Prostituierte hilft einem Ermittler bei der Suche nach einem Mörder, dessen einziges bekanntes Erkennungsmerkmal ein auffälliges Intimpiercing ist.
Seltsam, aber nicht wirklich etwas, was man nicht in einem x-beliebigen Sexshop finden kann, wenn man nur lang genug sucht. Der Rest der Liste kann das problemlos steigern.
Nur für Kindle

Zum letzten Eintrag in dieser Liste, der dramaturgisch Sinn macht. Elmore DeVille hat sich dem Genre erotische Fantasy verschrieben, also im Grunde richtige Fantasy, in der Sex halt eine besonders prominente Rolle spielt.
Herausragendes Beispiel dieses Stils ist Nymph Mania. Der Punkt ist der, dass in der Welt Eletain Magie eine Art Nebenwirkung von Sex ist. Beim Sex wird die Magie der Partner entfesselt und zu mächtigen Zaubern kombiniert. Und selbstverständlich gibt es in dieser Welt andauernd magische Duelle.
Das ist offengestanden ein ziemlich gutes Beispiel für das Potenzial, das wirklich kreativ eingesetzter Sex in fiktionalen Welten hat. Es ist auch das einzige Werk in dieser Liste, für das ich ohne Zögern Geld ausgeben würde.
Kindle-Version bei Amazon
Diverse Formate bei Smashwords

Okay, einen Titel aus der Sparte Dinosaurier-Erotika hab ich dann doch in dieser Liste. Der Punkt hier ist Balaur: Ein obskurer Cousin des Velociraptor aus Rumänien mit zwei der berühmten Sichelklauen der Raptoren an jedem Fuß. Einen ausserhalb von Fachkreisen fast völlig unbekannten Dromaeosaurier zum Titelstar eines eBooks zu machen ist einfach eine so seltsame Entscheidung.
Andererseits war Velociraptor vor Jurassic Park auch bestenfalls als der kleine Bruder von Deinonychus bekannt.
Ein praktisches Problem bei der ganzen Sache ist, dass Dinosaurier wahrscheinlich überhaupt keine zur Penetration irgendwelcher Körperöffnungen geeigneten Körperteile hatten. Andererseits ist der Dino auf dem Titelbild definitiv ein Mann in einem Dinosaurierkostüm – man beachte die zusätzlichen Beine, die da aus den Knien ragen. Aber ”Sex mit einem Mann in einem Dinosaurierkostüm“ klingt irgendwie langweilig. Vergleichsweise.

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Paläo Pfreitag 6

Mars: Scheiss Wetter
Die Erde ist nicht der einzige Planet mit einer interessanten Vergangenheit und so geht es diesmal zu unserem roten Nachbarn in tiefster, noch nicht ganz so roter, Vergangenheit.
Dass es auf dem Mars einst flüssiges Wasser gab, gilt inzwischen als erwiesen. Unklar ist noch, wie es sich auf dem Mars verhielt und woher die Flusstäler und Rinnsale stammen, die man auf dem Mars kennt. Mit Hilfe einer Wettersimulation konnten Forscher der Brown Universität zeigen, dass die Flüsse von Niederschlägen gespeist wurden.
Die bekannten Flüsse entstanden genau dort, wo in der Simulation Winde an Bergketten endeten. Das deutet darauf hin, dass es einst Wolken gab, die sich hier sammelten und dann abregneten, ähnlich wie auf der Erde in einigen Regenwäldern in großer Höhe.
Ich persönlich finde noch etwas anderes interessant, wenn ich die Bilder ansehe: Die Flüsse mäandrieren. Normalerweise werden Flüsse mit der Zeit zunehmend grade, wenn sie nicht befestigt werden, auf der Erde hauptsächlich durch Baumwurzeln und andere Pflanzen.

Strahlenflosser verbreiteten sich sehr schnell
Strahlenflosser sind all jene Knochenfische, deren Flossen direkt am Körper ansetzen. Sie bilden damit den Gegensatz zu jenen Knochenfischen, deren Flossen auf beinartigen Gliedmaßen sitzen (Quastenflosser und Lungenfische). Lange Zeit wurden die Wasser vor allem von Quastenflossern und Haien dominiert, aber mit dem großen Massensterben am Ende des Devon drehte sich das Verhältnis plötzlich um und die Strahlenflosser übernahmen die Vorherrschaft.
Die neu identifizierte Gattung Fouldenia liefert einen Hinweis, was damals passiert ist: Nachdem das größte Massensterben der Erdgeschichte vor etwa 360 Millionen Jahren 90% aller Tierarten ausrottete waren die Strahlenflosser schlichtweg diejenigen, die am schnellsten neue Arten entwickelten und so Plätze im Ökosystem für sich besetzten. Dass ein Spezialist wie der Muschelfresser Fouldenia „nur“ 11 Millionen Jahre nach einem so großen Massensterben auftaucht zeugt davon, dass die Strahlenflosser in kurzer Zeit extrem unterschiedliche neue Arten hervorbrachten.
Die Quastenflosser wurden danach zwar deutlich seltener und haben heute nur noch zwei vom Aussterben bedrohte Nachfahren in der Tiefsee, aber sie haben zu dieser Zeit noch eine andere Gruppe Abkömmlinge hervorgebracht: Die Fischlurche, die vor dem Massensterben auf das Festland auswichen und aus denen die ersten Amphibien und schließlich alle Landwirbeltiere entstanden, und eingeschlossen. Und über die ich ein eBook geschrieben habe, was ich hier schamlos bewerbe, siehe links.

Neue kreidezeitliche Riesenschildkröte
Kommen wir zur dieswöchigen neuen ausgestorbenen Spezies: Von der riesigen Meeresschildkröte Ocepechelon bouyai ist leider nur der Schädel bekannt, aber er ist verdammt groß und zudem sehr ungewöhnlich – das spitz zulaufende, relativ kleine Maul ist bei keiner heutigen Meeresschildkröte bekannt.

Schädel von Ocepechelon bouyai (Bardet N et al)

Oreopithecus: Mehr Affe als Mensch
Es gibt Fragen, bei denen Wissenschaftler immer noch seltsam herumdrucksen. Etwa jene, ob der Mensch vom Affen abstammt. Dann wird ganz schnell etwas vom „gemeinsamen Vorfahren“ erzählt, so als sei dieser irgendwie kein Affe. Klar, wir stammen nicht von den heutigen Affen ab, weil es die ebensowenig wie uns gab, als die Menschen sich als eigene Gruppe von Primaten entwickelten.
Dennoch war der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse wohl am ehesten ein Affe.
Forschung an der Wirbelsäule eines der ältesten Vormenschen, Oreopithecus, bestärkt diesen Eindruck: Das Tier war anders als vermutet kein aufrechter Läufer, sondern konnte nur kurze Strecken auf den Hinterbeinen zurücklegen, so wie es heute auch Schimpansen tun, wenn sie beispielsweise Nahrung umhertragen.
Der dauerhaft aufrechte Gang kam offenbar erst später, unsere Vorfahren jedenfalls waren nach jeglichem Maßstab äffisch.
Wobei dazu gesagt werden muss, dass Oreopithecus kein direkter Vorfahre des heutigen Menschen war, sondern eine eigene Menschenaffenspezies, die vor 9-7 Millionen Jahren in Italien lebte, das damals eine Insel war. Er starb aus, als Italien zum Festland wurde und neue Raubtiere (Säbelzahnkatzen, Wölfe und Bären) aus Europa einwanderten.


Paläo Pfreitag 5

Sorry wegen der wenigen Illustrationen diesmal, mein Computer weigert sich seit kurzem, Dateien herunterzuladen und zeigt mir beim Versuch wahlweise „Datei nicht gefunden“ (Firefox) oder „Fehler beim Virenscan“ (Chrome) an. Keine Ahnung, was das soll und wieso ich keine Option erhalte, den Virenscan einfach zu ignorieren.

Erstes Leben auf dem Festland noch erster
Bereits 1,7 Milliarden Jahre früher als bisher gedacht betraten die ersten mehrzelligen Lebewesen das Land. Bisher dachte man, bis vor etwa über 500 Millionen Jahren sei das Land je nach Darstellung entweder völlig karg oder von Bakterienwiesen überzogen gewesen. Nun haben Untersuchungen mit modernsten Mikroskopen zeigen können, dass eine bekannte, aber bisher unidentifizierte Struktur aus 2,2 Milliarden Jahren alten Gesteinen Fossilien eines bisher unbekannten Lebewesens darstellt.
Diskagma war eine Art Beutel aus Zellen. Die Forscher vermuten, dass diese Lebewesen dem seltenen Pilz Geosiphon ähneln, einem winzigen Wesen, das in feuchten Böden im Schwarzwald lebt und mit Blaualgen gefüllt ist, die es ernähren. Was genau Diskagma war, ist aber noch völlig unklar. Die Erde war zu dieser Zeit so unglaublich anders als heute, dass Diskagma alles mögliche sein könnte.
Waren sie wie Geosiphon mit Sauerstoff produzierenden Bakterien gefüllt, würde das mit erklären, warum zu dieser Zeit plötzlich große Mengen Sauerstoff in die Atmosphäre gerieten, ein Gas, das bis dahin auf der Erde praktisch nicht vorkam.

Nasutoceratops, der Bullhornceratopier

Neue Ceratopier (Horngesichter) sind immer wieder spektakulär und Nasutoceratops ist da keine Ausnahme. Der neu entdeckte Ceratopier hatte kein Nasenhorn, dafür aber eine besonders hohe Nase, der er seinen Namen („großnasiges Horngesicht“) verdankt. Noch auffälliger aber waren seine beiden Stirnhörner – diese wuchsen nicht, wie bei anderen Ceratopiern, nach oben, sondern entsprangen zur Seite, um dann nach vorn weiterzuwachsen. Das Ergebnis waren zwei Hörner, die auffällig denen heutiger Rinder ähnelten.
Kein anderer bisher bekannter Ceratopier hatte auch nur annähernd eine ähnliche Hornkonfiguration.

Und sie rammten doch
Eine kleine, aber spektakuläre Gruppe der Dinosaurier waren die Pachycephalosaurier, zweibeinige Vettern der Ceratopier ohne Hörner, die sich durch ihre extrem dicken Schädel auszeichneten. Jahrzehntelang war es populär, diese Tiere dabei zu zeigen, wie sie mit Anlauf ihre Schädel gegeneinander rammten, um Weibchen zu beeindrucken, Reviere zu verteidigen oder dergleichen. In den 2000er verschwand das zunehmend, da Paläontologen meinten, die Wirbelsäulen der Tiere hätten das nie ausgehalten. Eine Untersuchung von Schädelverletzungen bei unterschiedlichen Arten zeigt aber, dass die Schädelkuppeln wahrscheinlich doch zum Rammen benutzt wurden.

T. rex: Überführt!
Eine der langanhaltendsten Debatten in der Dinosaurierforschung ist die, ob Tyrannosaurus rex ein aktiver Jäger war oder doch eher ein umherstreunender Aasfresser. Ich selbst habe T. rex in Staksigen Schrittes bei einem aktiven Angriff auf einen Edmontosaurus-Brutplatz dargestellt, ein klassisches Beutetier schon zu der Zeit, als diese Entenschnabelsaurier noch Trachodon genannt wurden. Für mich lag das immer nahe, denn wenn T. rex nicht jagte, wogegen haben sich die Ankylosaurier dann gepanzert?
In zwei Schwanzwirbeln eben dieses Tieres nun haben Forscher einen abgebrochenen Tyrannosaurierzahn gefunden. Das interessante daran ist, dass die Knochen um den Zahn ganz klar verheilt war und das über mehrere Jahre. Der Edmontosaurus hatte also den Angriff eines jagenden Tyrannosaurus überlebt.


Windkraft-Update: Die ganze Wahrheit

Gestern abend kam bei mir eine Mail von der Bürgerzeitung Mönchengladbach an, die nach einer Veränderung meiner Position zu geplanten Windkraftanlagen im Westen des Stadtgebietes fragte. Meine heute morgen abgeschickte Antwort wurde von der BZMG postwendend veröffentlicht und das fast vollständig, was zu honorieren ist. Nur am Ende fehlte ein Stück, eine Reaktion auf diesen meiner Meinung nach überaus zweifelhaften Artikel über angeblich in MG nicht vorhandene Unternehmen, die an der Windkraft beteiligt sind.
Damit niemand rätseln muss, was fehlt bzw. wofür die Punkte am Ende des Zitats stehen, hier die volle Mail (minus Anrede- und Grußformeln), Auslassung gefettet:

[…]

Nicht wesentlich, eher im Gegenteil: Der weiterhin näherrückende Braunkohlentagebau mit seinen massiven Auswirkungen und die katastrophale Photovoltaik-Förderpolitik machen die Notwendigkeit der Windenergie zur Überwindung der Abhängigkeit von fossilen Kraftstoffen noch deutlicher.
Die vorhandenen Anlagen bei Wanlo und Venn* zeigen, dass Windkraftanlagen, einmal errichtet, keine nennenswerten Probleme für die Bevölkerung mit sich bringen (jenseits der Ästhetik, welche ein geringer Preis für eine sichere Energieversorgung ist). Man vergleiche dies mit anderen Energiequellen, wie etwa dem auch in Ihrer Zeitung erwähnten Gas (woher hätten Sie’s denn gern? Russische Importe, Fracking oder Biogas?) – einzig die Photovoltaik ist ähnlich unproblematisch.
Natürlich ist das Vorhaben nicht perfekt. Ich würde es fraglos bevorzugen, wenn das Vorhaben von einem Unternehmen umgesetzt wird, an dem nicht massiv die RWE beteiligt sind. Auch ist es wenig innovativ, es sind nach meinem Kenntnisstand einfache Windräder, keine der zahlreichen jungen Technologien in diesem Bereich wie etwa der Einbau von Speichermöglichkeiten über Windgas – da könnte ein Unternehmen mit der finanziellen Ausstattung der NEW mehr leisten. Artenschutzfragen sind auf jeden Fall noch zu klären.
Noch ein Wort, weil es in der Vergangenheit in der BZMG genannt wurde, zur lokalen Wirtschaft: Ich möchte hierzu anmerken, dass große in diesem Bereich tätige Firmen wie Gothe Stahl und die Nexans Kabelwerke in Mönchengladbach oder in der direkten Umgebung in Erkelenz sitzen oder hier Werke unterhalten.

[…]

*Nachtrag: Ich hatte Rasseln versehentlich als Venn bezeichnet. Natürlich ist ersteres gemeint. Das passiert mir bei genau diesen beiden Stadtteilen leider ständig, sorry.