MicroSF

Ich bin schon seit langem der Überzeugung, dass eine Geschichte genau so lang sein sollte, wie ihr Verfasser braucht, um sie zu erzählen. Von vornherein ihre Länge zu planen, um festzulegen, ob sie eine Novelle, ein Roman oder eine Serie werden soll, halte ich für albern. Eine Geschichte endet, wenn sie fertig ist, es sei denn, das Ergebnis passt nicht mehr zwischen zwei Buchdeckel.

Eine von nur zwei Ausnahmen sind klassische Kurzgeschichten jener Art, wie Edgar Alan Poe sie eingeführt hat: Geschichten um eine sehr zentrale Handlung, die auf eine Art dramatische Pointe hinauslaufen. Allerdings können diese wiederum beliebig lang sein, ihr Stil sorgt automatisch für die Kürze. Kurzgeschichten, echte Kurzgeschichten, sind selten geworden, meist handelt es sich um halbe Romane, die zwar kurz sind, aber keine typischen Elemente der Kurzgeschichte haben.

Die zweite Ausnahme ist interessanter: Unter dem Begriff Twitteratur und zuvor als Microfiction ist eine Form aufgetaucht, die mit strikter Zeichenbegrenzung gewisse Strukturen erzwingt: Andeutungen, Geschlossenheit, kein Schnickschnack.
Es ist das einzige, was in meinen Augen eine Längenbegrenzung rechtfertigen kann, wenn sie Folgen für die Geschichte selber hat, sich also auch in der Art niederschlägt, wie eine Geschichte erzählt wird.
Dass ich Twitteratur dennoch ungern lese liegt daran, dass sie meist weniger eine Geschichte ist als vielmehr ein 140-Zeilen-Ausschnitt aus einer solchen.
Nun hat die Nature einen Wettbewerb für Micro-SF ausgeschrieben, Zeichenlimit: 200 Zeichen (mit Leer- und Satzzeichen). Gut, dachte ich mir, daraus lässt sich was bauen und nahm die Herausforderung an.

Da ich den eingereichten Beitrag gemäß der Wettbewerbsvorgaben nicht vor Abschluss der Auswahl veröffentlichen kann, veröffentliche ich hiermit die nicht eingereichten Beiträge. Natürlich in Englisch, da dies auch die Sprache des Wettbewerbs war:

He looked down the halls full of people with broken legs. The hospital had a whole scetion now for people forgetting earth had gravity. Stupid tourists.

„So, why are we supposed to land?“ Martha was right, Sandy knew. After centuries in space, what did the colonists want with a planet anyway? They’d proven they could live without one.

Like every year, the Tachitirr government would like to remind tourists to Earth that humans are mortal. Killing any is considered extremely rude.

First thing the humans did on first contact was a handwave. Impressed by their braveness, Gleurg accepted this invitation to war. Disappointingly, warfare lasted all of five minutes.


Politische KW 4/2014

Mittwoch 1: Wetscheweller Straße, Odenkirchen
Am Dienstag erreichte uns ein Anruf einer Anwohnerin aus Odenkirchen, dort würde eine alte Hecke abgesägt. Ich sprach mit der Frau und sah mir die Situation daraufhin mit eigenen Augen an.
In der Tat wurde dort eine dichte und breite Hecke teilweise völlig entfernt. Dabei fielen auch einige vermutlich recht große Kirschen. Ich sage vermutlich, weil ich nur noch die offensichtlich frischen Stümpfe der geschlagenen Bäume sah.
Auch wenn die Hecke an der Wetscheweller Straße als nichts besonderes erscheinen mag, hat sie doch eine wichtige Funktion. Sie liegt zwischen dem Gelände eines ehemaligen Güterbahnhofes und der niedriger liegenden Straße. Der Bahnhof ist schon lange abgerissen, doch führen hier Schienen mit dem entsprechenden Lärm durch. Ohne die Bahnhofsgebäude war die Hecke praktisch der einzige Schutz vor dem Lärm der Eisenbahn.
Warum hier überhaupt gefällt wurde, ist mir nicht ersichtlich: Angeblich wegen Überhanges, doch das rechtfertigt keinen Komplettrückschnitt. Der ist auch eher konterproduktiv, da er schnell in die Lücken wachsende Sträucher wie Brombeeren fördert. Schattenwurf kann es auch schlecht sein, da sich die Hecke nördlich der Häuser befindet.
Freuen wird das ganze wohl nur die (von den Anwohnern natürlich unerwünschten) Massen an Lkw, die hier täglich durchfahren, um zwei Ampeln entlang der Karlstraße auf dem Weg zur Autobahn zu umgehen. Nur dass das in einer Anliegerstraße wohl kaum zu den Dingen gehört, die man fördern sollte.
Für uns ist klar: Wir werden uns um eine Ersatzpflanzung bemühen. Und wo wir schon dabei sind suchen wir jetzt auch nach einer Lösung für die Vermeidung des unerwünschten Lkw-Verkehrs. Wir haben da schon was im Auge.

Mittwoch 2: Kuba olé!
Kein richtig politischer Termin, für mich eher als Recherche für ein Buchprojekt verbucht, war ich dann noch bei einer Filmvorführung im Büro der Linken. Aber ich will die Gelegenheit nutzen, in diesem Rahmen auf diesen Film hinzuweisen. Es ist ein Film, den man meines Erachtens gesehen haben sollte, wenn man sich mit dem Thema Peak Oil und der Zeit danach beschäftigt. Und als mit jetzt Anfang 30 bin ich recht sicher, mich noch in meiner Lebenszeit mit diesen Themen beschäftigen zu müssen. Hier isser:

Ich habe leider keine Ahnung, wie man für den Film bezahlen kann, vermute aber, dass er auf dieser DVDamazon dabei ist, was ein Ansatz ist. Die sieht eh interessant aus.
Es gab danach noch eine Gesprächsrunde, aber ich hatte aus dem, was vor dem Film gesagt wurde so ein Gefühl, da dürfte ich mir dann anhören, wie toll es in Kuba ist und das brauche ich nun auch nicht. Es ist so ein Problem vieler politischer Gruppen, auch der Linken, dass alles, was sich vom schlechten unterscheidet schnell als Gut verbucht wird. Also eben zum Beispiel die recht seltsame, gern unter dem Deckmäntelchen des Sozialismus agierenden Castro-Monarchie. Man kennt das ja auch bei uns Grünen in Bezug auf den ganzen Schwachsinn, der sich mit dem Label „Alternativmedizin“ vermarktet.

Freitag: Süchtelner und Klumpenstraße, Neuwerk
Mal eine neue Art von Veranstaltung: Am Freitag fuhr ich zu der Pressekonferenz zur Vorstellung des Gutachtens über Arsen, Antimon und Blei in der Süchtelner und Klumpenstraße. Dies weil ich es als sinnvoll erachtete, bei diesem brandheissen Thema nicht nur das Gutachten zu lesen, sondern auch dessen mündlicher Präsentation beizuwohnen.
Das Gutachten liest sich absolut beunruhigend, insbesondere für das Grundwasser, wenn das Zeug länger im Boden bleibt. Die Stadt hat zum Glück den einzig richtigen Schluss gezogen und wird noch im ersten Halbjahr für die Entfernung sorgen.
Interessant ist dabei die zeitliche Abfolge einiger Ereignisse. Es stellt sich mir angesichts der vorherigen Beschwichtigungen durchaus die Frage, ob die Stadt diese Entscheidung ohne Grünen Anschubser mit dem nötigen Zeitdruck getroffen hätte.

Daneben hatte ich auch einen Mailwechsel mit Karl Sasserath zur Durchsetzung des Lkw-Fahrverbotes an der Aachener Straße, der in dieser PE resultierte.

Termine, zu denen es nix zu erzählen gibt:
Montag Fraktionssitzung


Politische KW 3/2014

Und damit willkommen zurück aus der Winterpause, ich. Winterpause ist, wenn man vor lauter Terminmangel endlich mal dazu kommt, was zu tun. Aber jetzt geht’s wieder an den Terminkram.

Montag: Fraktionssitzung
Eine sehr kurze Sitzung (bedingt durch die Nähe zur Winterpause), aber ich habe mal mit Anträgen angefangen. Zur Zeit sind für den Umweltausschuss vier Anträge in Arbeit; drei zum Fahrradverkehr und einer zum Baumschutz.
Ich würde mehr sagen, habe aber die Erfahrung gemacht, dass gewisse Parteien dazu neigen, dann kurzerhand abzuschreiben und es als ihre Idee zu verkaufen. „Gewiss“ bedeutet hier soviel wie „jene mit mehr als 10 Ratsmitgliedern“.
Sorry, Politik macht halt in gewisser Weise paranoid vorsichtig.

Dienstag: Vorstellung Roermonder Höfe/Bleichwiese
Die Roermonder Höfe sind ein Bauprojekt eines Roermonder Investoren an der Lüpertzender Straße. Aktuell findet sich dort die Bleichwiese, im Grunde ein großer Teich mit Strandbar. Eine der schöneren und überraschenderen Attraktionen der Stadt. Ich hoffe sehr, diese findet eine neue Heimat. Der Geroweiher ist hier im Gespräch, ich fände auch einen Ort in der immer noch hirngespinsternden „City Ost<“, sprich auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofes, gut. Zu der merkwürdigen Rolle der Masterplaner und einigen anderen Auffälligkeiten hat schon die MG Heute etwas geschrieben. Das hatte ich ja bereits in Bezug auf den Verkehrsentwicklungsplan angesprochen, für den Masterplan gilt entsprechendes zuzüglich undurchsichtiger Personenstrukturen (was der Rheinländer gemeinhin Klüngel nennt). Ich denke, wir werden das in Zukunft öfter sehen, dass die Masterplaner versuchen, die lästige Politik auszuschalten.
Für die allgemeinen Inhalte der Vorstellung verweise ich zu Torben Schultz.

Nein, den Aspekt, den ich bei diesem Thema herausarbeiten möchte ist die Herangehensweise des Architekten Dr. Schrammen an Bauprojekte. Und ich meine hier nicht die langweiligen Fassaden, diese scheinen allgemein moderner Architektur zu eigen. Ich vermute, glatte weisse oder gläserne Fassaden haben sich vor allem deswegen durchgesetzt, weil sie den Bau der dazugehörigen Modelle und die Zeichnung der Pläne so schön simpel machen.
Nein, mir geht es um die Frage der Einbindung von Objekten in ihre Umgebung. Die, so hat es den Anschein, geht Schrammen mit respektvollem Abstand am Musculus gluteus maximus vorbei.
Bei den Roermonder Höfen hätten wir: Ersatzlose Abschaffung eines relativ stark genutzten öffentlichen Parkplatzes. Abschaffung eines großen und stark genutzten Spielplatzes, zu dem erst auf der Sitzung sehr zaghaft und nach mehrfacher Kritik Ersatz zugesagt wurde. Vollkommene Ahnungslosigkeit, was man mit der unübersehbaren Brücke über die Fliethstraße machen soll (das allein wäre für mich als Bauherrn Grund genug, den Architekten wegen Unfähigkeit zu feuern). Vollkommene Ahnungslosigkeit zu den aktuell genutzten Laufwegen: Es gibt zwar eine Schneise zwischen den Gebäuden, diese bildet aber einen Weg, den niemand geht und den zu nutzen schlichtweg keinerlei Sinn ergibt, wenn man nicht grade von der Musikschule zu einem leer stehenden Karatedojo gehen will. Ignoranz der Ansicht von den direkt benachbarten Gebäuden aus und umgekehrt, insbesondere in Hinblick auf die Rückseiten der Straße Am Kämpchen.
Schrammen wurde mit der fortlaufenden Kritik immer kleinlauter und zog sich schließlich darauf zurück, beispielsweise öffentliche Parkplätze seien nicht seine Zuständigkeit.
Und das ist genau der Punkt: Schrammen baut. Für ihn existiert nur die Welt innerhalb der Grundstücksgrenzen des aktuellen Projekts. Ihn interessiert nicht, welche Folgen sein Bauvorhaben für die Umgebung hat, ob er eben beispielsweise eine vollkommene Parkplatzkatastrophe in der näheren Umgebung auslöst. Dinge, die ja auch für die Bewohner der dereinst fertiggestellten Projektes Folgen haben werden.
Das erlebe ich nicht zum ersten Mal. An der Aktienstraße haben wir genau das selbe Problem. Seit der Ansiedlung von Nordrhein-Westfalens größer Krankenpflegeschule im ehemaligen Kamillianerkrankenhaus ist hier bis Schulschluss kein einziger Parkplatz mehr frei, meistens sogar mehr als das. Und die meisten kommen schon in Fahrgemeinschaften. Schon dort wurde dies im Vorfeld von den Anwohnern vorhergesagt.
Schrammen kann nicht über den Tellerrand denken. Das macht ihn nicht nur zu einem für Großprojekte ungeeigneten Architekten (immerhin, für Einfamilienhäuser braucht man diese Fähigkeit in der Regel nicht), es macht ihn auch zu einem Problem für jeden Versuch, vernünftige Stadtentwicklung zu planen.

Die Bürger reagierten entsprechend, es hagelte Kritik an Größe der Gebäude und mangelnder Berücksichtigung der umliegenden Wege.

Es scheint übrigens eine völlig andere Parallelveranstaltung zu dem Thema gegeben zu haben, auf der die RP war und von der ich nichts weiss.

Donnerstag: Transition Town
Kein politischer Arbeitstermin, aber es war auch Klimaschutzmanager Antti Olbrisch (die zwei t sind kein Tippfehler sondern finnisch) dort und es verfestigt sich zunehmend mein Eindruck, dass der gerne mehr tun würde, aber nicht darf.
Dies als Randnotiz, auch da es bisher nur ein sich zunehmend verfestigender Eindruck ist.

Freitag: Grüne Jugend MG
Ein Thema, das wir bei der Grünen Jugend besprochen haben ist die Frage nach Plätzen für Jugendliche in MG bzw nach dem Mangel dieser. Hier kamen wir aus aktuellem Anlass auf den so genannten Sonnenplatz, also den Platz an der Stepgesstraße, auf dem jetzt das Vis-a-vis steht.
Als der Bau der Mönchengladbach Arcaden begonnen wurde, hat man unter anderem die Treppe des ehemaligen Stadttheaters abgerissen, die den Theatervorplatz geprägt hat und ein wichtiger Treff- und Abhängort für diverse Jugendliche (vor allem Punks, Goths, Emos und ähnliche Szenen) war. Die sind mit dem Abriss teils komplett verscheucht worden, teils auf den Bereich des Step und des Hans-Jonas-Parks ausgewichen. Wir wollen den Platz diesen Leuten zurückgeben.
Die Idee ist zu sagen, dass für diesen Platz möglichst stark die Wünsche der Jugendlichen berücksichtigt werden sollen. Dafür müssen die sich natürlich einbringen. Wir wollen deshalb so weit es geht mit Leuten aus den Szenen reden, um diese zur Vorstellung der Konzepte für den Platz am 30. Januar zu holen.
Also: 30. Januar, 18:00 Uhr, Stepgesstraße 20. Hopp, hopp.

Wir sind dran und von den Linken hab ich auch schon ein paar angestupst.

Arbeitslosenzentrum
Eine Art Nachtrag, ich hatte das gar nicht mitbekommen, was Heinen da wieder erzählt hat. Zum einen, weil der Mann eh nicht ernstzunehmen ist, zum anderen, weil es die BZMG ebensowenig ist und ich diese sowie ihre Kommentarbereiche nur noch sporadisch lese.
Jedenfalls gab es wohl Korruptionsvorwürfe gegen Karl Sasserath in seiner Funktion beim Arbeitslosenzentrum.
Ich finde das alles extrem seltsam und kann bestätigen, dass das keinerlei Basis in der Realität hat: Karl nimmt Fragen der Befangenheit grundsätzlich sehr ernst und wenn er in einer Fraktionssitzung zu einem Thema spricht, dass das Arbeitslosenzentrum betrifft, so merkt er diese Verbindung jedesmal ausdrücklich als Einschränkung der Unparteiischkeit seiner Äusserung an.
Und anders als so manche andere Fraktion nicken wir auch nicht einfach ab, was der Große Vorsitzende will, sondern wenn Leute der übrigen Fraktion anderer Meinung sind, dann wird das diskutiert. Manchmal stundenlang. Das ist der Grund, warum unsere Fraktionssitzungen manchmal bis tief in die Nacht dauern. Und genug Leute haben kein Problem, wenn es deswegen mal Stunk gibt, bei Grünens sagen die Mitglieder ihre Meinung und stimmen auch entsprechend ab.
Beim ALZ gab es nach meiner Erinnerung keinen, der die Zusammenarbeit der Stadt mit dieser Einrichtung für problematisch gehalten hätte. Ich wage daher zu behaupten, dass die Entscheidung ohne Karl in keinster Weise anders ausgefallen wäre.


Lobbyismus

Es ist mal wieder so weit, Lobbyismus ist in aller Mund und Ohr. Aktuell geht es um die (meiner Meinung nach offensichtlich neoliberale) Bertelsmann-Stiftung. Da aber Fakten keine Fakten zu sein scheinen, solange niemand ein Buch darüber geschrieben hat, merken einige das erst jetzt. Und da mal wieder das Böse L-Wort gefallen ist, nehme ich das zum Anlass, mal grundsätzlich zum Lobbyismus-Begriff zu schreiben.

Zunächst bleibt da bei aller Reizwort-Werferei die Frage: Was ist Lobbyismus eigentlich? Also, ausser Böse.
Gemein scheint allen Erwähnungen zu sein, dass Lobbyismus der Versuch ausserparlamentarischer Kräfte (vor allem Firmen und Verbände) ist, Einfluss auf die Politik zu nehmen. *flamewarschildehochfahr* Oder mit anderen Worten, Lobbyismus ist gelebte Demokratie.
Ja, das ist das inhaltliche Problem hier: Lobbyismus ist eine der Grundpfeiler der Demokratie. Wir vergessen bei allen Beschwerden über BMW, Microsoft, ADAC, Bertelsmann und wie die Lobbyisten alle heissen mögen, dass auch NABU, Greenpeace, das Rote Kreuz, Mehr Demokratie und andere eine Lobby für jeweils bestimmte Themen und Überzeugungen sind.

Die Sache ist die: Wenn wir Lobby sagen, meinen wir meist eigentlich einen Korruptionsvorwurf. Da der möglicherweise justiziabel wäre, sagen wir Lobby. Vor allem bei Wirtschaftslobbys kommt die Vermutung des Eigennutzes dazu und dürfte Teil der Definition sein.
Das Problem hierbei ist, dass wir ein und die selbe Sache plötzlich mit zwei Begriffen versehen, die beide mehr oder wenig beliebig zugeordnet werden können. Wir kommen an den Punkt, dass Lobbyismus die anderen sind und jene, welche den eigenen politischen Überzeugungen genehm sind den Stempel „Nichtregierungsorganisation“ (NGO) bekommen, eine inhaltlich beeindruckend nichtkonkretisierbare Komposition.

Wahrscheinlich wäre einiges gewonnen, wenn sich alle klar machen: Ob Politiker oder nicht, jeder vertritt irgendwelche Ziele, für die er steht. Ob dies nun wirtschaftliche Interessen oder politische Überzeugungen (oder sonst etwas) sind, ist dabei wurscht. Das ist eine Grundkomponente von Politik. Das ist der Grund, warum Parlamente aus mehr als einer Person bestehen, damit sich die unterschiedlichen Überzeugungen und Ziele zum Wohle aller ausgleichen. Lobbyismus ist kein Fehler des Systems, Lobbyismus ist das System.
Ein Problem wird das erst dann, wenn einzelne Lobbygruppen die Wähler und Entscheidungsträger mit ihrer Meinung übermäßig stark beeinflussen können. Wenn die Presse über fünf Ecken vollständig mit einem Duo wie Mohn/Springer verknüpft ist.
Oder kurz gesagt: Wer Lobbyismus bekämpft, kämpft ganz einfach gegen die falsche Sache. Weil es keine nicht-lobbyistische Politik gibt, sie nicht geben kann. Weil jeder Mensch ein Lobbyist für irgendetwas ist und weil das auch gut so ist.

Es gibt Probleme bei der Frage, welche Lobby wo Einfluss hat. Wenn die Autolobby ein Gesetz über Abgasgrenzwerte mitschreibt, läuft etwas falsch. Aber das liegt nicht an der Existenz einer Autolobby, es liegt am Ungleichgewicht zwischen ihr und der Gesundheits- und Klimalobby. Was wir brauchen und was auch als einziges überhaupt funktionieren kann, sind Instrumente zur Herstellung und Wahrung des Gleichgewichts des politischen Einflusses der einzelnen Lobbys.
Wie genau das gehen kann, weiss ich noch nicht. Stärkere Antikorruptionsgesetze sind ein guter Schritt, eine Art offizielle Lobbybeteiligung mit Sicherstellung eines Verfahrens gleicher Augenhöhe würde ebenso helfen. Das ist absolut kein einfaches Unterfangen, aber im Gegensatz zur Bekämpfung von Lobbyismus an sich (aber natürlich nur jenen, den man ablehnt) ist es wenigstens möglich und weniger anfällig für Willkür.

Was das nun mit der Bertelsmann-Stiftung zu tun hat? Relativ wenig, ich greife nur ein Stichwort für ein paar Grundsätzlichkeiten auf, die mir schon lange auf dem Geist lasten. Wir sind alle Lobbyisten. Die Konsequenz daraus kann aber nicht sein, uns allen den Mund zu verbieten.


Intern: Oh, ein Newsletter

Mein großes Ziel für 2014 ist die Professionalisierung und Optimierung meiner Autorentätigkeit. Das wird im Laufe des Jahres viele Dinge betreffen, einige davon auch in meinem Internetauftritt.

Jeder Marketingmensch wird über diesen Auftritt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, vor allem angesichts des Potpourris an Themen, die ich hier anreisse. Vor allem ist vieles dabei, was einen Teil meiner Leserschaft, nämlich jene, die wegen meiner Bücher reinschauen, nicht interessieren und eher wieder vertreiben wird.
Dabei vertreibe ich so schon genug sonstige Leser mit ellenlangen Posts über Germanistik.

Ein zweites Blog aufzumachen, ist nicht die ideale Lösung, da ich da wiederum diese sonstigen Leser für meine Bücher verlieren würde. Und ausserdem ist das nur zusätzliche Arbeit und ich wüsste auch nicht, wie ich das dann nennen sollte.

Die Lösung: Ich schreibe mein Blog weiter wie bisher und betrachte es als privates Medium der öffentlichen Meinungsäusserung mit allem, was ich sagen will. Zu jedem Thema, zu dem ich etwas sagen will.
Und für die reinen Bücherfreunde biete ich ab sofort einen Newsletter an.

Tada!

Der Newsletter enthält ausschließlich Inhalte zu meinen Veröffentlichungen. Er informiert über Neuerscheinungen und hin und wieder schmeiss ich auch mal eine Kurzgeschichte oder Leseprobe rein. Damit können sich Leser immer auf dem Laufenden halten. Auch, wenn sie sich nicht für die Lokalpolitik von Mönchengladbach oder die Etymologie von Suffixen interessieren.
Hauptsächlich werde ich diesen Newsletter über Links in den nächsten Auflagen aller meiner Bücher und in allen kommenden Veröffentlichungen bewerben, aber es wird eben auch ein Feld zum Eintragen in der linken Seitenleiste dieses Blogs geben. Das bedarf offensichtlich noch einiger Optimierung fürs Layout, aber es ist immerhin schon mal da. So sieht das halt aus, wenn man sowas mal eben in fünf Minuten ins Blog bastelt und den Code noch in Gänze verstehen muss.

Wahrscheinlich folgt nach meiner ersten englischsprachigen Veröffentlichung (geplant für Frühjahr 2014) noch ein Newsletter für die englische Welt. Dort würde er einen Blog komplett ersetzen, da parallel zweisprachiges Bloggen einfach vom Arbeitsaufwand nicht praktikabel ist. Ich will ja zwischendurch auch noch an den Büchern schreiben.


Ins, ers, erins, ichs und der ganze Quark

Im folgenden Text geht es um so schöne Dinge wie Etymologie, Genus-Zuweisungen, Prototypentheorie und ähnliches. Oh, und ein bisschen auch um Latein. Ihr seid gewarnt worden.

Morgen feiert die Linguistin Luise Pusch ihren 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Pusch gilt als die Begründerin der feministischen Linguistik im deutschen Sprachraum, wir verdanken ihr unter anderem das Binnen-I. Was ich euch ersparen werde ist an dieser Stelle eine Kritik der Idee einer „-istischen Linguistik“, statt dessen fasse ich es mit einem kurzen „problematisch, aber nicht völlig unsinnig“ zusammen.
Jedenfalls gibt es anlässlich des Geburtstages eine InWoche, sprich für eine Woche soll das Suffix -in auch dann verwendet werden, wenn Männer gemeint sind – „Herr Lehrerin“ usw. Dies ist einer Idee Puschs aus den 70ern von der ich offen gestanden nicht sicher bin, ob sie jemals ernst gemeint war. Aber nehmen wir sie mal für eine Weile so ernst, wie sie einige Leute zu nehmen scheinen.
Vorab: ich werde die Idee nun auseinandernehmen um anschließend zu einem Ergebnis zu kommen, das Puschs verworfenen früheren Forderungen nahe kommt. Also bis zum Ende lesen, dann erst losschimpfen. Danke.

Das generische Femininum soll ein Gegenpol sein zum generischen Maskulinum. Sprich, zu der Tatsache, dass man mit „Arbeiter“ Männer wie auch Frauen meinen kann. Das Problem hieran ist die Annahme, „Arbeiter“ (und entsprechende weitere Wortbildungen) würden Männer bezeichnen.
Also lasst uns etwas in die lustige Welt der Sprachwissenschaft eintauchen:

Herkunft des -er
Sprachlichen Unfug wie die Beamtin ignorierend (es heisst der Beamte bzw. die Beamte, so wie der Vorsitzende bzw. die Vorsitzende) findet sich das Suffix (bedeutungsverändernde Anhängsel) -in vor allem hinter dem Suffix -er. -in ist ein altes deutsches Suffix, das weibliche Personen im Wort sichtbar macht (n der Sprachwissenschaft ein „Marker&ldquo). Sein männliches Gegenstück ist im übrigen -ich, wie in Mäuserich, Wüterich, Gänserich.
Das führt zu der interessanten Frage: Wo ist das -ich hin? Dieses Suffix ist heutzutage nicht mehr produktiv, das heisst, es wird in der Sprache nicht mehr verwendet, um neue Wörter zu bilden. Und wieso existiert es überhaupt, wenn doch -er angeblich männlich ist?
Zunächst zur letzten Frage, weil ihre Antwort historisch früher kommt.

Das -er nämlich ist kein ursprünglich deutsches Element. 1)
-er stammt vom lateinischen -ārius/-āria ab, welches ungefähr das selbe bedeutet. Es gibt noch das Neutrum -ārium, bei dem nicht ganz klar ist, ob es je ausserhalb von Fremdwörtern wie Aquarium im Deutschen verwendet wurde (möglicherweise steckt es in „das Lager“). Es wäre in diesem Zusammenhang interessant, aber ich ignoriere es der Kürze halber.
Jedenfalls macht -ārius/-āria im Deutschen eine Veränderung durch und wird im Althochdeutschen zu -āri. Plötzlich ist die Geschlechtsbezeichnung verschwunden und das männliche Wort bezeichnet beide Geschlechter. Wenigstens für eine Weile, dann kommt die weibliche Form -āra auf. Für eine kurze Weile hatte das Deutsche offenbar ein generisches Maskulinum, das schnell wieder verschwand.

Lästig wird die Sache danach. Suffixe neigen dazu, verschliffen zu werden. Dabei werden sie immer kürzer und lautlich (in Ermangelung eines besseren Wortes) unauffälliger. Dabei verschwinden oft auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Suffixen.
So werden in den nächsten Jahrhunderten beide Formen unabhängig voneinander zu Mittelhochdeutsch -ære und Hochdeutsch -er, erneut sind die Unterschiede der Geschlechtsformen verschwunden und beide Formen werden männlich gebildet. Aber eigentlich sollten beide Formen heute und auch in ihrer aktuellen Aussprache als -a für beide Geschlechter gelten. So wie im Englischen, wo das -er fast genau die selbe Geschichte hinter sich hat. Warum tun sie das nicht? Und warum gab es zwischendurch die Geschichte mit dem -āra?

Hurra, Prototypentheorie – und Genus
Der größte hier relevante Unterschied zwischen Deutsch und Englisch ist natürlich der/die/das zu the. Das verdeckt das Problem etwas, denn tatsächlich hat das Englische das selbe Problem, nur in anderer Form: Ist ein worker ein he oder eine she (er oder sie)? Vorherrschend ist das he, aber warum? Und warum in beiden Sprachen?

Und damit ab in die Prototypentheorie.
Die Prototypentheorie ist die Theorie, dass unser Hirn die Bedeutung von Wörtern (oder zumindest von Substantiven) auf eine ganz bestimmte Weise abspeichert. Es bildet eine Vorstellung von einem prototypischen Ding, das heisst, der Standardversion von etwas. Ob ein anderes Ding mit dem selben Begriff bezeichnet werden kann hängt davon ab, wie ähnlich es der Standardversion ist.
Ein Standardobst ist ein Apfel, ein Standardgemüse eine Karotte, ein Standardvogel ein Spatz und so weiter. Die Methode ist nicht perfekt und deshalb gibt es Grenzfälle wie Tomaten und unpräzise Begriffe wie für die diversen Sorten von Würmern und von Fischen.
Das wird bei Menschen zu einem Problem: Offenbar arbeitet unser Gehirn bei Menschen mit Geschlechtszuordnungen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wozu Lebewesen biologisch gesehen überhaupt existieren (zur Weitergabe ihrer Gene) und wird deutlich, wenn man sich Reaktionen von „Normalen“ auf geschlechtlich uneindeutige Personen ansieht. Und einiges deutet darauf hin, dass unser prototypischer Mensch männlich ist. Daraus folgt, dass unser Gehirn Männer auch als Grundlage jener Prototypen nimmt, die „Mensch“ weiter unterteilen. Es sei denn, diese sind explizit weiblich.
Das wiederum wäre dann der Mechanismus, durch den das Genericum als Maskulinum wahrgenommen wird. Und der das -ich umgebracht hat, denn überflüssige Elemente verschwinden in Sprachen relativ schnell wieder.
Das wiederum ist ganz klar ein Problem in der Frage der Gleichberechtigung. Und das -in macht alles noch schlimmer.

Deutschlands erste Kanzlerin: Ein Problem
Hier ist ein Satz, den ich immer wieder gerne anbringe: Angela Merkel ist ein Problem.
Ausnahmsweise mein ich das mal nicht politisch, sondern linguistisch.
Angela Merkel ist also Deutschlands erste Bundeskanzlerin, erste Regierungschefin usw. Das ist einerseits korrekt, andererseits natürlich Quatsch: Angela Merkel ist die achte Person im Kanzleramt. Ob sie Deutschlands erste Regierungschefin ist hängt davon ab, wie man Maria Theresia einordnet.
Was hier deutlich wird: Das -in-Suffix erzeugt einen neuen Begriff, der ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Damit wird die Setzung des Männlichen als Standard nur noch bestärkt, Frauen im Beruf werden stärker als zuvor zu einer mehr oder weniger separaten Gruppe, die nicht in der selben Gruppe wie die Männer liegt, sondern als weite daneben steht. Im Extremfall bekommen wir damit neue Rollenklischees wie Friseuse, Politesse und dergleichen. Das empfinde ich persönlich als noch um einiges schlimmer als nur die Subsummierung der Frauen als Sondergruppe innerhalb der Arbeiter.
Das Binnen-I versucht, das zu kitten, führt aber zu einem seltsam zwanghaften Zwitter, der zwei separate Begriffe zusammenzufassen versucht, es ist quasi die Narbe zum Schlag der Klinge linguistischer Geschlechtertrennung.

Ein Lösungsvorschlag
Wie nun bekommen wir eine geschlechtergerechte Sprache hin, ohne eine solche Geschlechtertrennung zu begünstigen? Die Antwort finde ich separat von und dann doch wieder bei Luise Pusch.
In Das Deutsche als Männersprache (amazon-Link) finde ich auch Überlegungen, das -er als geschlechtsneutral anzuwenden und unverändert in beiden Geschlechtern zu nutzen, dabei aber die dazugehörigen Adjektive, Verben etc. abhängig von der Person zu nutzen: „Luise Pusch ist eine Sprachwissenschaftler“.
Das funktioniert offensichtlich nicht, da es einige Grundfesten der deutschen Sprache aushebelt. Vor allem ersetzt es Genus (Geschlecht des Wortes) durch Sexus (Geschlecht des gemeinten Lebewesens). Das dürfte, da bin ich mit Pusch einig, so nicht durchsetzbar sein. Ihre letztendliche Folgerung daraus ist das heute bekannte Binnen-I oder allgemeiner die Bildung einer Mischform für Fälle, in denen beide gemeint sind.
Mein Vorschlag bleibt etwas näher an Puschs Ursprungsidee als sie selber: Warum nicht einfach die -er-Substantive grammatisch als Neutrum setzen? Das Elegante daran wäre, dass er kaum zu Veränderungen in Texten führen würde – nur der Singular (das Arbeiter) wäre sichtbar betroffen und der tritt nur selten auf ohne dass wir das Geschlecht der gemeinten Person kennen – eigentlich nur in Anweisungen, Lexika und Gesetzestexten. Vor allem aber kann man es – anders als das Binnen-I und Konsorten – auch aussprechen.
Ideal wäre natürlich, wenn wir zwecks sprachlicher Gleichstellung der Geschlechter zusätzlich ein männliches Gegenstück zu -in hätten, aber ich glaube nicht, dass eine Wiederbelebung des -ich sehr erfolgversprechend wäre, zumal es im heutigen Deutsch eine Nebenbedeutung als Lächerlichmachung hat (wie eben beim Wüterich).
Es ist wahrscheinlich das beste, dies auch auf Personenbezeichnungen ohne -er auszuweiten: Das Pirat, das Professor, das Anwalt usw. Sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber wenigstens gewöhnungsfähig. Und durch seine Aussprechbarkeit nicht auf schriftsprachliche Kommunikation beschränkt.

Nun, hat die InWoche doch was gutes: Sie hat mich motiviert, diese schon etwas ältere Idee weiter auszuführen und vorzustellen. Also, für mich gutes, für den Rest der Welt steht das Urteil noch aus ;-).

1)Ich ignoriere hier der Einfachheit halber -wari, mit dem Völker bezeichnet wurden und das ebenfalls zum -er wurde: Berliner, Düsseldorfer, Schweizer usw.


Kurzer Rant zur Literaturwissenschaft

Ich hatte ja noch ein paar Worte zu McLuhan versprochen, beziehungsweise zu seinen berühmten Worten „The medium is the message“. Also auf zu der Frage, die McLuhan stellt und die ich in nicht ganz so radikaler Form ebenso stellen möchte: „Was genau erforscht die Literaturwissenschaft eigentlich?“

McLuhans Satz ist eine der Grundlagen der Medienwissenschaft und stammt aus Understanding Media. Grundaussage hier ist, dass das Medium einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft hat als das, was mit ihm transportiert wird und daher vordringlich untersucht werden sollte.
Bevor ich zur Literatur zurückkomme, kurz dazu, was das für die Medienwissenschaft bewirkt hat.
Durch die Zuweisung gesellschaftlicher Folgen zu den Medien entstand etwas messbares. Die Beschäftigung mit Medien erhielt das Potenzial, zur Wissenschaft zu werden, denn Wissenschaft ist im Grunde genau das: Die Vermessung der Welt.
Ansätze dazu hatte es schon vorher gegeben, aber McLuhan brachte es auf den Punkt und festigte die Dsziplin damit im Reigen der anderen Wissenschaften.

Und damit kommen wir zur Literaturwissenschaft: Was genau misst die eigentlich? Inwiefern ist die Literaturwissenschaft wissenschaftlich?
Es gibt ein paar Felder hier und dort, die mit dem Konzept des Messbaren arbeiten. Aber der Großteil der Literaturwissenschaft besteht aus Literaturinterpretation (die vom Individuum des Lesers abhängt und somit nicht wissenschaftlich ist) und Literaturkritik (dito). Man wirft mit Begriffen wie Qualität um sich, als würden sie etwas objektives messen, dabei messen sie lediglich Meinungen über ein Werk.
Noch sind wir in einer Phase, in der diese Anmaßung der Objektivität von Qualität allgemeiner gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint. Goethes Werke hat man gefälligst für Meisterwerke zu halten sonst fehlt einem „Bildung“ – was immer das eigentlich sein soll, es ist einer dieser wunderschön inhaltlosen Begriffe des Elitismus, der kulturelle Überlegenheit durch Phrasen vorzugaukeln versucht.
Dass Goethes Werk hinsichtlich sämtlicher auch nur theoretisch ansetzbarer Kriterien wild geschwankt hat, interessiert dabei nicht. Was grade bei Goethes Lebens- und Schaffensgeschichte mit zahlreichen teils inhaltlich und ästetisch völlig gegensätzlichen Phasen erstaunlich ist (Kleiner Exkurs: Ich liebe den Werther und hasse die Iphigenie mit Inbrunst).

Das ist das Problem der Literaturwissenschaft in der Moderne: Sie schleppt den Muff einer Zeit mit, als eine Elite aus den Elfenbeintürmen der Universitäten per Gutdünken entscheiden konnte, was Teil eines Kanons sei, über dessen Kenntnis sie sich dann vom Pöbel abheben konnten.
Und dieses Erbe ist gefährlich: So lange die LitWi keine Begründung für sich selbst findet, die ohne die Phrase „Bildung“ auskommt, so lange ist sie von den Streichkonzerten an den Hochschulen bedroht. Die LitWi möge das Bildungsgeschwafel den Feuilletons überlassen und endlich den Schritt wagen, eine echte Wissenschaft zu werden.

Die gute Nachricht ist, dass sie begonnen hat, sich aus dem Elitismus der Kanones zu lösen. Die tatsächlich wissenschaftlichen Teilbereiche der LitWi beschäftigen sich schon längst auch mit der Alltagsliteratur und tun dies nicht mehr (nur) abweisend.

Plädiere ich dafür, den Goethe (und die anderen Klassiker) zu vergessen? Nein, wer ihn lesen will, möge ihn lesen und ich bin sicher, die Geschichts- und Kulturwissenschaftler können aus seinem Werk viele Kenntnisse über das Leben und Denken im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert erlangen. Viele Leser werden aus diesen Werken für sich etwas lernen, aber dieses Potenzial hat jede Literatur, selbst die schlechteste.
Aber hört auf, so zu tun, als wären jene, die ihn nicht gelesen haben irgendwie unterlegen oder, netter ausgedrückt, „ungebildet“. Und vielleicht, wenn wir diesen Elitismus mit seinen Symptomen loswerden, schaffen die Schulen es sogar, den Kindern nicht mit aufgrund ihrer zeitlichen Distanz unverständlichen, jahrhundertealten Büchern das Lesen von Literatur zu vergraulen. Und wenn 100 Kinder überhaupt das Lesen als eine angenehme und, ja, bildende Beschäftigung entdecken, ist viel mehr gewonnen als wenn von diesen 100 Kindern 70 vergrault wurden und dafür 2 Schillers Räuber (um mal nicht Goethe zu nehmen) auswendig zusammenfassen können.
Und die Literaturwissenschaft kann wesentlich freier tatsächlich Wissen schaffen anstatt sich in ihrem selbstreferenziellen Muff der Kanones und Klassiker zu suhlen.

Wieso das nun weniger radikal ist als McLuhan?
Ich billige dem Inhalt der Medien im Gegensatz zu seinem Frühwerk durchaus eine Wirkung zu. Oft genug ist diese auch gesamtgesellschaftlich und genau das zählt zu den Dingen, die eine tatsächlich wissenschaftliche Literaturwissenschaft untersuchen kann. McLuhan erklärt die Inhaltsdisziplinen implizit für obsolet; ich nicht, für mich sind sie nur reformbedürftig.
Literaturwissenschaft ist eine wertvolle Disziplin. Sie leidet nur an ein paar Klötzen am Bein.


Mein Problem mit Verkehrsentwicklungsplan & Co.

Heute morgen hatte mich Detlef Neuß im Kommentarbereich der RP (kollateral) an ein Thema erinnert, zu dem ich noch etwas mehr schreiben wollte: Den Verkehrsentwicklungsplan (VEP).
Ich nehme mir die Freiheit, ihn hier einfach zu zitieren:

Der Verkehrsentwicklungsplan wird in Mönchengladbach bereits seit Jahren diskutiert, man kann auch sagen zerredet und auf die lange Bank geschoben. Es kann und darf nicht Aufgabe der Politik sein, damit weiter zu machen. Aufgabe der Politik muss sein, dafür zu sorgen, dass wir endlich die Diskussion über den Verkehrsentwicklungsplan zum Abschluss bringen um ihn dann umzusetzen.

Ich bin recht häufig mit Detlef Neuß einer Meinung, dies ist eine Ausnahme. Es ist allerdings eine Ausnahme, die mit den Grundüberzeugungen meines Weltbildes zu tun hat und daher möchte ich dazu etwas ausführlicher schreiben.

Kurzer historischer Ausflug: Die Grundlage für die Verkehrsentwicklung in Mönchengladbach ist immer noch der Generalverkehrsplan von 1969 in modifizierter Fassung von 1981. Dieser Plan ist, darüber ist keine Diskussion nötig, vollkommen veraltet, sowohl in seinen Planzielen („autogerechte Stadt“) als auch in seinem Bezug auf die tatsächlichen Verhältnisse und Bedürfnisse in der Stadt.
Das ist unvermeidlich. Die Welt verändert sich beständig, sowohl was unsere Kenntnisse und Vorstellungen angeht, als auch was die zu erfüllenden Bedürfnisse angeht. Ganze Stadtteile und -zentren entstehen und vergehen in solchen Zeiträumen, ebenso Industriegebiete, Vereine und Firmen, Hobbys und Branchen, Gesellschaften, Nachbarschaften, elementare Verhaltensweisen und die Strukturierung eines jedermanns Alltag.
Die gewaltigen Güterbahnhöfe sind in vielen Städten, so auch Mönchengladbach, verschwunden und mit ihnen auch die Schienenanbindungen großer Unternehmen. Handelsstrukturen haben sich deutlich zentralisiert und der Versandhandel hat mit der Verbreitung des Internets ganze Handelssegmente übernommen. Aktuell erlebt das Fahrrad einen gewaltigen Aufschwung, der auch schlechteste Infrastruktur ignorierend selbst an Orten wie diesem einfach statt findet.

Grade der letzte Punkt macht deutlich: Die Veränderungen gehen weiter. Da kommen noch die ideologischen und wissenschaftlichen Veränderungen hinzu: Von der autogerechten Stadt zur Stadt der kurzen Wege und weiter zur menschengerechten Stadt, bereits absehbar gefolgt von Konzepten wie der Erzeugerstadt, der autarken Stadt, der inklusiven Stadt, der Stadt im demografischen Wandel oder der Stadternährungsplanung.

Wenn wir einen Plan zur Verkehrsentwicklung über Jahrzehnte hinweg aufbauen (oder, ebenso, einen Masterplan zur Stadtentwicklung), nehmen wir dies gern als Erfolge unserer Überzeugungen wahr, welche wir für die bestmöglichen Überzeugungen halten. Es liegt in der Natur von Überzeugungen, dass wir unsere aktuellen für die besten denkbaren (oder wenigstens bestmöglichen) halten.
Das Problem ist: Mit ziemlicher Sicherheit sind unsere jetzigen Ideen (auch meine) bereits in wenigen Jahren überholt, veraltet oder wenigstens justierungsbedürftig. Das gilt ganz besonders in der Stadtplanung, denn wie oben schon gesagt: Städte verändern sich unter den Händen ihrer Planer weg, da die Planer nur sehr geringen Einfluss auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und noch geringeren auf Phänomene der unsichtbaren Hand haben.

Bedeutet also, ein VEP (oder Masterplan) stellt den (unbewussten und durchaus gutwilligen) Versuch dar, aktuelles Wissen und aktuelle Ideologie auf eine längere Zukunft festzuschreiben, in der Überzeugung, dies seien die bestmöglichen Ideen, weil „moderne“, im Gegensatz zur veralteten früherer Jahre. Dass die modernen Ideen logischerweise mit dem weiteren Fortschreiten der Jahre ebenso veralten und noch lange nicht das Nonplusultra darstellen, scheint dabei ein blinder Fleck der menschlichen Psychologie zu sein.
Wir müssen uns einfach immer vor Augen halten: Auch der Generalverkehrsplan von 1969, der uns heute so viele Probleme mit unsinnigen Verkehrsprojekten beschert, die ihm entspringen (die millionenschweren Ringe in der Straßenplanung kommen einem in den Sinn), war einst das Nonplusultra moderner Ideen.
Was wir jetzt mit dem VEP bauen, ist eine Wiederholung unserer Probleme mit dem Generalverkehrsplan für die 2030er Jahre. Dann werden Ideen der 2000er/2010er genauso veraltet und problematisch sein wie es heute jene aus den 1960er/1970er Jahren sind. Es wäre arrogant zu glauben, nach 5000 Jahren Städtebau wären ausgerechnet unsere jetzigen Ideen der Endpunkt der Geschichte.

Natürlich steckt hierin auch ein Dilemma: Wir brauchen ein übergreifendes Konzept, um Verkehr vernünftig zu planen und nicht in unkoordinierte Einzelmaßnahmen zu verfallen.
Meine Überzeugung ist, dass solche Konzepte nur funktionieren, wenn sie als Einzelkonzepte mit begrenztem räumlichen und zeitlichen Umfang gedacht werden, bei denen zudem Zusammenspiel mit anderen Projekten und gesamtstädtische Auswirkungen eingeplant werden müssen.
Ein solches Konzept sollte in der Fläche einen Stadtteil nur dann überschreiten, wenn es absolut notwendig ist und in der Zeit nicht mehr als 10 Jahre umfassen, da nach dem Ablauf von 10 Jahren davon ausgegangen werden kann, dass mindestens eine bedeutende Veränderung stattgefunden hat, die Planung über einen weiter in der Zukunft liegenden Punkt hinaus erheblich behindert und kontraproduktiv werden lassen kann. Peak Oil, die Markteinführung des fliegenden Autos, Entstehung eines de facto neuen Stadtteils aus einigen zu nah bei einander geplanten Neubaugebieten, neue große Supermärkte oder Industriegebiete, neue Fahrzeugtypen, Mode- und Sporttrends und dergleichen sind alles Entwicklungen, die eine langfristigere Planung schnell ad absurdum führen.

Und das ist der Grund, warum wir einen VEP besser nie beschließen sollten.
Mal davon abgesehen, was passiert, wenn der VEP eben nicht auf dem Stand der aktuellen verkehrs- und stadtentwicklungstheoretischen Diskussion ist, sondern etwa vom in Mönchengladbach immer noch weit verbreiteten Ideal der autogerechten Stadt geprägt wird, also schon bei seiner Beschlussfassung veraltet ist.