MicroSF

Ich bin schon seit langem der √úberzeugung, dass eine Geschichte genau so lang sein sollte, wie ihr Verfasser braucht, um sie zu erz√§hlen. Von vornherein ihre L√§nge zu planen, um festzulegen, ob sie eine Novelle, ein Roman oder eine Serie werden soll, halte ich f√ľr albern. Eine Geschichte endet, wenn sie fertig ist, es sei denn, das Ergebnis passt nicht mehr zwischen zwei Buchdeckel.

Eine von nur zwei Ausnahmen sind klassische Kurzgeschichten jener Art, wie Edgar Alan Poe sie eingef√ľhrt hat: Geschichten um eine sehr zentrale Handlung, die auf eine Art dramatische Pointe hinauslaufen. Allerdings k√∂nnen diese wiederum beliebig lang sein, ihr Stil sorgt automatisch f√ľr die K√ľrze. Kurzgeschichten, echte Kurzgeschichten, sind selten geworden, meist handelt es sich um halbe Romane, die zwar kurz sind, aber keine typischen Elemente der Kurzgeschichte haben.

Die zweite Ausnahme ist interessanter: Unter dem Begriff Twitteratur und zuvor als Microfiction ist eine Form aufgetaucht, die mit strikter Zeichenbegrenzung gewisse Strukturen erzwingt: Andeutungen, Geschlossenheit, kein Schnickschnack.
Es ist das einzige, was in meinen Augen eine L√§ngenbegrenzung rechtfertigen kann, wenn sie Folgen f√ľr die Geschichte selber hat, sich also auch in der Art niederschl√§gt, wie eine Geschichte erz√§hlt wird.
Dass ich Twitteratur dennoch ungern lese liegt daran, dass sie meist weniger eine Geschichte ist als vielmehr ein 140-Zeilen-Ausschnitt aus einer solchen.
Nun hat die Nature einen Wettbewerb f√ľr Micro-SF ausgeschrieben, Zeichenlimit: 200 Zeichen (mit Leer- und Satzzeichen). Gut, dachte ich mir, daraus l√§sst sich was bauen und nahm die Herausforderung an.

Da ich den eingereichten Beitrag gem√§√ü der Wettbewerbsvorgaben nicht vor Abschluss der Auswahl ver√∂ffentlichen kann, ver√∂ffentliche ich hiermit die nicht eingereichten Beitr√§ge. Nat√ľrlich in Englisch, da dies auch die Sprache des Wettbewerbs war:

He looked down the halls full of people with broken legs. The hospital had a whole scetion now for people forgetting earth had gravity. Stupid tourists.

„So, why are we supposed to land?“ Martha was right, Sandy knew. After centuries in space, what did the colonists want with a planet anyway? They’d proven they could live without one.

Like every year, the Tachitirr government would like to remind tourists to Earth that humans are mortal. Killing any is considered extremely rude.

First thing the humans did on first contact was a handwave. Impressed by their braveness, Gleurg accepted this invitation to war. Disappointingly, warfare lasted all of five minutes.


Politische KW 4/2014

Mittwoch 1: Wetscheweller Straße, Odenkirchen
Am Dienstag erreichte uns ein Anruf einer Anwohnerin aus Odenkirchen, dort w√ľrde eine alte Hecke abges√§gt. Ich sprach mit der Frau und sah mir die Situation daraufhin mit eigenen Augen an.
In der Tat wurde dort eine dichte und breite Hecke teilweise v√∂llig entfernt. Dabei fielen auch einige vermutlich recht gro√üe Kirschen. Ich sage vermutlich, weil ich nur noch die offensichtlich frischen St√ľmpfe der geschlagenen B√§ume sah.
Auch wenn die Hecke an der Wetscheweller Stra√üe als nichts besonderes erscheinen mag, hat sie doch eine wichtige Funktion. Sie liegt zwischen dem Gel√§nde eines ehemaligen G√ľterbahnhofes und der niedriger liegenden Stra√üe. Der Bahnhof ist schon lange abgerissen, doch f√ľhren hier Schienen mit dem entsprechenden L√§rm durch. Ohne die Bahnhofsgeb√§ude war die Hecke praktisch der einzige Schutz vor dem L√§rm der Eisenbahn.
Warum hier √ľberhaupt gef√§llt wurde, ist mir nicht ersichtlich: Angeblich wegen √úberhanges, doch das rechtfertigt keinen Komplettr√ľckschnitt. Der ist auch eher konterproduktiv, da er schnell in die L√ľcken wachsende Str√§ucher wie Brombeeren f√∂rdert. Schattenwurf kann es auch schlecht sein, da sich die Hecke n√∂rdlich der H√§user befindet.
Freuen wird das ganze wohl nur die (von den Anwohnern nat√ľrlich unerw√ľnschten) Massen an Lkw, die hier t√§glich durchfahren, um zwei Ampeln entlang der Karlstra√üe auf dem Weg zur Autobahn zu umgehen. Nur dass das in einer Anliegerstra√üe wohl kaum zu den Dingen geh√∂rt, die man f√∂rdern sollte.
F√ľr uns ist klar: Wir werden uns um eine Ersatzpflanzung bem√ľhen. Und wo wir schon dabei sind suchen wir jetzt auch nach einer L√∂sung f√ľr die Vermeidung des unerw√ľnschten Lkw-Verkehrs. Wir haben da schon was im Auge.

Mittwoch 2: Kuba olé!
Kein richtig politischer Termin, f√ľr mich eher als Recherche f√ľr ein Buchprojekt verbucht, war ich dann noch bei einer Filmvorf√ľhrung im B√ľro der Linken. Aber ich will die Gelegenheit nutzen, in diesem Rahmen auf diesen Film hinzuweisen. Es ist ein Film, den man meines Erachtens gesehen haben sollte, wenn man sich mit dem Thema Peak Oil und der Zeit danach besch√§ftigt. Und als mit jetzt Anfang 30 bin ich recht sicher, mich noch in meiner Lebenszeit mit diesen Themen besch√§ftigen zu m√ľssen. Hier isser:

Ich habe leider keine Ahnung, wie man f√ľr den Film bezahlen kann, vermute aber, dass er auf dieser DVDamazon dabei ist, was ein Ansatz ist. Die sieht eh interessant aus.
Es gab danach noch eine Gespr√§chsrunde, aber ich hatte aus dem, was vor dem Film gesagt wurde so ein Gef√ľhl, da d√ľrfte ich mir dann anh√∂ren, wie toll es in Kuba ist und das brauche ich nun auch nicht. Es ist so ein Problem vieler politischer Gruppen, auch der Linken, dass alles, was sich vom schlechten unterscheidet schnell als Gut verbucht wird. Also eben zum Beispiel die recht seltsame, gern unter dem Deckm√§ntelchen des Sozialismus agierenden Castro-Monarchie. Man kennt das ja auch bei uns Gr√ľnen in Bezug auf den ganzen Schwachsinn, der sich mit dem Label „Alternativmedizin“ vermarktet.

Freitag: S√ľchtelner und Klumpenstra√üe, Neuwerk
Mal eine neue Art von Veranstaltung: Am Freitag fuhr ich zu der Pressekonferenz zur Vorstellung des Gutachtens √ľber Arsen, Antimon und Blei in der S√ľchtelner und Klumpenstra√üe. Dies weil ich es als sinnvoll erachtete, bei diesem brandheissen Thema nicht nur das Gutachten zu lesen, sondern auch dessen m√ľndlicher Pr√§sentation beizuwohnen.
Das Gutachten liest sich absolut beunruhigend, insbesondere f√ľr das Grundwasser, wenn das Zeug l√§nger im Boden bleibt. Die Stadt hat zum Gl√ľck den einzig richtigen Schluss gezogen und wird noch im ersten Halbjahr f√ľr die Entfernung sorgen.
Interessant ist dabei die zeitliche Abfolge einiger Ereignisse. Es stellt sich mir angesichts der vorherigen Beschwichtigungen durchaus die Frage, ob die Stadt diese Entscheidung ohne Gr√ľnen Anschubser mit dem n√∂tigen Zeitdruck getroffen h√§tte.

Daneben hatte ich auch einen Mailwechsel mit Karl Sasserath zur Durchsetzung des Lkw-Fahrverbotes an der Aachener Straße, der in dieser PE resultierte.

Termine, zu denen es nix zu erzählen gibt:
Montag Fraktionssitzung


Politische KW 3/2014

Und damit willkommen zur√ľck aus der Winterpause, ich. Winterpause ist, wenn man vor lauter Terminmangel endlich mal dazu kommt, was zu tun. Aber jetzt geht’s wieder an den Terminkram.

Montag: Fraktionssitzung
Eine sehr kurze Sitzung (bedingt durch die N√§he zur Winterpause), aber ich habe mal mit Antr√§gen angefangen. Zur Zeit sind f√ľr den Umweltausschuss vier Antr√§ge in Arbeit; drei zum Fahrradverkehr und einer zum Baumschutz.
Ich w√ľrde mehr sagen, habe aber die Erfahrung gemacht, dass gewisse Parteien dazu neigen, dann kurzerhand abzuschreiben und es als ihre Idee zu verkaufen. „Gewiss“ bedeutet hier soviel wie „jene mit mehr als 10 Ratsmitgliedern“.
Sorry, Politik macht halt in gewisser Weise paranoid vorsichtig.

Dienstag: Vorstellung Roermonder Höfe/Bleichwiese
Die Roermonder H√∂fe sind ein Bauprojekt eines Roermonder Investoren an der L√ľpertzender Stra√üe. Aktuell findet sich dort die Bleichwiese, im Grunde ein gro√üer Teich mit Strandbar. Eine der sch√∂neren und √ľberraschenderen Attraktionen der Stadt. Ich hoffe sehr, diese findet eine neue Heimat. Der Geroweiher ist hier im Gespr√§ch, ich f√§nde auch einen Ort in der immer noch hirngespinsternden „City Ost<“, sprich auf dem Gel√§nde des ehemaligen G√ľterbahnhofes, gut. Zu der merkw√ľrdigen Rolle der Masterplaner und einigen anderen Auff√§lligkeiten hat schon die MG Heute etwas geschrieben. Das hatte ich ja bereits in Bezug auf den Verkehrsentwicklungsplan angesprochen, f√ľr den Masterplan gilt entsprechendes zuz√ľglich undurchsichtiger Personenstrukturen (was der Rheinl√§nder gemeinhin Kl√ľngel nennt). Ich denke, wir werden das in Zukunft √∂fter sehen, dass die Masterplaner versuchen, die l√§stige Politik auszuschalten.
F√ľr die allgemeinen Inhalte der Vorstellung verweise ich zu Torben Schultz.

Nein, den Aspekt, den ich bei diesem Thema herausarbeiten möchte ist die Herangehensweise des Architekten Dr. Schrammen an Bauprojekte. Und ich meine hier nicht die langweiligen Fassaden, diese scheinen allgemein moderner Architektur zu eigen. Ich vermute, glatte weisse oder gläserne Fassaden haben sich vor allem deswegen durchgesetzt, weil sie den Bau der dazugehörigen Modelle und die Zeichnung der Pläne so schön simpel machen.
Nein, mir geht es um die Frage der Einbindung von Objekten in ihre Umgebung. Die, so hat es den Anschein, geht Schrammen mit respektvollem Abstand am Musculus gluteus maximus vorbei.
Bei den Roermonder H√∂fen h√§tten wir: Ersatzlose Abschaffung eines relativ stark genutzten √∂ffentlichen Parkplatzes. Abschaffung eines gro√üen und stark genutzten Spielplatzes, zu dem erst auf der Sitzung sehr zaghaft und nach mehrfacher Kritik Ersatz zugesagt wurde. Vollkommene Ahnungslosigkeit, was man mit der un√ľbersehbaren Br√ľcke √ľber die Fliethstra√üe machen soll (das allein w√§re f√ľr mich als Bauherrn Grund genug, den Architekten wegen Unf√§higkeit zu feuern). Vollkommene Ahnungslosigkeit zu den aktuell genutzten Laufwegen: Es gibt zwar eine Schneise zwischen den Geb√§uden, diese bildet aber einen Weg, den niemand geht und den zu nutzen schlichtweg keinerlei Sinn ergibt, wenn man nicht grade von der Musikschule zu einem leer stehenden Karatedojo gehen will. Ignoranz der Ansicht von den direkt benachbarten Geb√§uden aus und umgekehrt, insbesondere in Hinblick auf die R√ľckseiten der Stra√üe Am K√§mpchen.
Schrammen wurde mit der fortlaufenden Kritik immer kleinlauter und zog sich schlie√ülich darauf zur√ľck, beispielsweise √∂ffentliche Parkpl√§tze seien nicht seine Zust√§ndigkeit.
Und das ist genau der Punkt: Schrammen baut. F√ľr ihn existiert nur die Welt innerhalb der Grundst√ľcksgrenzen des aktuellen Projekts. Ihn interessiert nicht, welche Folgen sein Bauvorhaben f√ľr die Umgebung hat, ob er eben beispielsweise eine vollkommene Parkplatzkatastrophe in der n√§heren Umgebung ausl√∂st. Dinge, die ja auch f√ľr die Bewohner der dereinst fertiggestellten Projektes Folgen haben werden.
Das erlebe ich nicht zum ersten Mal. An der Aktienstraße haben wir genau das selbe Problem. Seit der Ansiedlung von Nordrhein-Westfalens größer Krankenpflegeschule im ehemaligen Kamillianerkrankenhaus ist hier bis Schulschluss kein einziger Parkplatz mehr frei, meistens sogar mehr als das. Und die meisten kommen schon in Fahrgemeinschaften. Schon dort wurde dies im Vorfeld von den Anwohnern vorhergesagt.
Schrammen kann nicht √ľber den Tellerrand denken. Das macht ihn nicht nur zu einem f√ľr Gro√üprojekte ungeeigneten Architekten (immerhin, f√ľr Einfamilienh√§user braucht man diese F√§higkeit in der Regel nicht), es macht ihn auch zu einem Problem f√ľr jeden Versuch, vern√ľnftige Stadtentwicklung zu planen.

Die B√ľrger reagierten entsprechend, es hagelte Kritik an Gr√∂√üe der Geb√§ude und mangelnder Ber√ľcksichtigung der umliegenden Wege.

Es scheint √ľbrigens eine v√∂llig andere Parallelveranstaltung zu dem Thema gegeben zu haben, auf der die RP war und von der ich nichts weiss.

Donnerstag: Transition Town
Kein politischer Arbeitstermin, aber es war auch Klimaschutzmanager Antti Olbrisch (die zwei t sind kein Tippfehler sondern finnisch) dort und es verfestigt sich zunehmend mein Eindruck, dass der gerne mehr tun w√ľrde, aber nicht darf.
Dies als Randnotiz, auch da es bisher nur ein sich zunehmend verfestigender Eindruck ist.

Freitag: Gr√ľne Jugend MG
Ein Thema, das wir bei der Gr√ľnen Jugend besprochen haben ist die Frage nach Pl√§tzen f√ľr Jugendliche in MG bzw nach dem Mangel dieser. Hier kamen wir aus aktuellem Anlass auf den so genannten Sonnenplatz, also den Platz an der Stepgesstra√üe, auf dem jetzt das Vis-a-vis steht.
Als der Bau der M√∂nchengladbach Arcaden begonnen wurde, hat man unter anderem die Treppe des ehemaligen Stadttheaters abgerissen, die den Theatervorplatz gepr√§gt hat und ein wichtiger Treff- und Abh√§ngort f√ľr diverse Jugendliche (vor allem Punks, Goths, Emos und √§hnliche Szenen) war. Die sind mit dem Abriss teils komplett verscheucht worden, teils auf den Bereich des Step und des Hans-Jonas-Parks ausgewichen. Wir wollen den Platz diesen Leuten zur√ľckgeben.
Die Idee ist zu sagen, dass f√ľr diesen Platz m√∂glichst stark die W√ľnsche der Jugendlichen ber√ľcksichtigt werden sollen. Daf√ľr m√ľssen die sich nat√ľrlich einbringen. Wir wollen deshalb so weit es geht mit Leuten aus den Szenen reden, um diese zur Vorstellung der Konzepte f√ľr den Platz am 30. Januar zu holen.
Also: 30. Januar, 18:00 Uhr, Stepgesstraße 20. Hopp, hopp.

Wir sind dran und von den Linken hab ich auch schon ein paar angestupst.

Arbeitslosenzentrum
Eine Art Nachtrag, ich hatte das gar nicht mitbekommen, was Heinen da wieder erzählt hat. Zum einen, weil der Mann eh nicht ernstzunehmen ist, zum anderen, weil es die BZMG ebensowenig ist und ich diese sowie ihre Kommentarbereiche nur noch sporadisch lese.
Jedenfalls gab es wohl Korruptionsvorw√ľrfe gegen Karl Sasserath in seiner Funktion beim Arbeitslosenzentrum.
Ich finde das alles extrem seltsam und kann best√§tigen, dass das keinerlei Basis in der Realit√§t hat: Karl nimmt Fragen der Befangenheit grunds√§tzlich sehr ernst und wenn er in einer Fraktionssitzung zu einem Thema spricht, dass das Arbeitslosenzentrum betrifft, so merkt er diese Verbindung jedesmal ausdr√ľcklich als Einschr√§nkung der Unparteiischkeit seiner √Ąusserung an.
Und anders als so manche andere Fraktion nicken wir auch nicht einfach ab, was der Gro√üe Vorsitzende will, sondern wenn Leute der √ľbrigen Fraktion anderer Meinung sind, dann wird das diskutiert. Manchmal stundenlang. Das ist der Grund, warum unsere Fraktionssitzungen manchmal bis tief in die Nacht dauern. Und genug Leute haben kein Problem, wenn es deswegen mal Stunk gibt, bei Gr√ľnens sagen die Mitglieder ihre Meinung und stimmen auch entsprechend ab.
Beim ALZ gab es nach meiner Erinnerung keinen, der die Zusammenarbeit der Stadt mit dieser Einrichtung f√ľr problematisch gehalten h√§tte. Ich wage daher zu behaupten, dass die Entscheidung ohne Karl in keinster Weise anders ausgefallen w√§re.


Lobbyismus

Es ist mal wieder so weit, Lobbyismus ist in aller Mund und Ohr. Aktuell geht es um die (meiner Meinung nach offensichtlich neoliberale) Bertelsmann-Stiftung. Da aber Fakten keine Fakten zu sein scheinen, solange niemand ein Buch dar√ľber geschrieben hat, merken einige das erst jetzt. Und da mal wieder das B√∂se L-Wort gefallen ist, nehme ich das zum Anlass, mal grunds√§tzlich zum Lobbyismus-Begriff zu schreiben.

Zunächst bleibt da bei aller Reizwort-Werferei die Frage: Was ist Lobbyismus eigentlich? Also, ausser Böse.
Gemein scheint allen Erwähnungen zu sein, dass Lobbyismus der Versuch ausserparlamentarischer Kräfte (vor allem Firmen und Verbände) ist, Einfluss auf die Politik zu nehmen. *flamewarschildehochfahr* Oder mit anderen Worten, Lobbyismus ist gelebte Demokratie.
Ja, das ist das inhaltliche Problem hier: Lobbyismus ist eine der Grundpfeiler der Demokratie. Wir vergessen bei allen Beschwerden √ľber BMW, Microsoft, ADAC, Bertelsmann und wie die Lobbyisten alle heissen m√∂gen, dass auch NABU, Greenpeace, das Rote Kreuz, Mehr Demokratie und andere eine Lobby f√ľr jeweils bestimmte Themen und √úberzeugungen sind.

Die Sache ist die: Wenn wir Lobby sagen, meinen wir meist eigentlich einen Korruptionsvorwurf. Da der m√∂glicherweise justiziabel w√§re, sagen wir Lobby. Vor allem bei Wirtschaftslobbys kommt die Vermutung des Eigennutzes dazu und d√ľrfte Teil der Definition sein.
Das Problem hierbei ist, dass wir ein und die selbe Sache pl√∂tzlich mit zwei Begriffen versehen, die beide mehr oder wenig beliebig zugeordnet werden k√∂nnen. Wir kommen an den Punkt, dass Lobbyismus die anderen sind und jene, welche den eigenen politischen √úberzeugungen genehm sind den Stempel „Nichtregierungsorganisation“ (NGO) bekommen, eine inhaltlich beeindruckend nichtkonkretisierbare Komposition.

Wahrscheinlich w√§re einiges gewonnen, wenn sich alle klar machen: Ob Politiker oder nicht, jeder vertritt irgendwelche Ziele, f√ľr die er steht. Ob dies nun wirtschaftliche Interessen oder politische √úberzeugungen (oder sonst etwas) sind, ist dabei wurscht. Das ist eine Grundkomponente von Politik. Das ist der Grund, warum Parlamente aus mehr als einer Person bestehen, damit sich die unterschiedlichen √úberzeugungen und Ziele zum Wohle aller ausgleichen. Lobbyismus ist kein Fehler des Systems, Lobbyismus ist das System.
Ein Problem wird das erst dann, wenn einzelne Lobbygruppen die W√§hler und Entscheidungstr√§ger mit ihrer Meinung √ľberm√§√üig stark beeinflussen k√∂nnen. Wenn die Presse √ľber f√ľnf Ecken vollst√§ndig mit einem Duo wie Mohn/Springer verkn√ľpft ist.
Oder kurz gesagt: Wer Lobbyismus bek√§mpft, k√§mpft ganz einfach gegen die falsche Sache. Weil es keine nicht-lobbyistische Politik gibt, sie nicht geben kann. Weil jeder Mensch ein Lobbyist f√ľr irgendetwas ist und weil das auch gut so ist.

Es gibt Probleme bei der Frage, welche Lobby wo Einfluss hat. Wenn die Autolobby ein Gesetz √ľber Abgasgrenzwerte mitschreibt, l√§uft etwas falsch. Aber das liegt nicht an der Existenz einer Autolobby, es liegt am Ungleichgewicht zwischen ihr und der Gesundheits- und Klimalobby. Was wir brauchen und was auch als einziges √ľberhaupt funktionieren kann, sind Instrumente zur Herstellung und Wahrung des Gleichgewichts des politischen Einflusses der einzelnen Lobbys.
Wie genau das gehen kann, weiss ich noch nicht. St√§rkere Antikorruptionsgesetze sind ein guter Schritt, eine Art offizielle Lobbybeteiligung mit Sicherstellung eines Verfahrens gleicher Augenh√∂he w√ľrde ebenso helfen. Das ist absolut kein einfaches Unterfangen, aber im Gegensatz zur Bek√§mpfung von Lobbyismus an sich (aber nat√ľrlich nur jenen, den man ablehnt) ist es wenigstens m√∂glich und weniger anf√§llig f√ľr Willk√ľr.

Was das nun mit der Bertelsmann-Stiftung zu tun hat? Relativ wenig, ich greife nur ein Stichwort f√ľr ein paar Grunds√§tzlichkeiten auf, die mir schon lange auf dem Geist lasten. Wir sind alle Lobbyisten. Die Konsequenz daraus kann aber nicht sein, uns allen den Mund zu verbieten.


Intern: Oh, ein Newsletter

Mein gro√ües Ziel f√ľr 2014 ist die Professionalisierung und Optimierung meiner Autorent√§tigkeit. Das wird im Laufe des Jahres viele Dinge betreffen, einige davon auch in meinem Internetauftritt.

Jeder Marketingmensch wird √ľber diesen Auftritt die H√§nde √ľber dem Kopf zusammenschlagen, vor allem angesichts des Potpourris an Themen, die ich hier anreisse. Vor allem ist vieles dabei, was einen Teil meiner Leserschaft, n√§mlich jene, die wegen meiner B√ľcher reinschauen, nicht interessieren und eher wieder vertreiben wird.
Dabei vertreibe ich so schon genug sonstige Leser mit ellenlangen Posts √ľber Germanistik.

Ein zweites Blog aufzumachen, ist nicht die ideale L√∂sung, da ich da wiederum diese sonstigen Leser f√ľr meine B√ľcher verlieren w√ľrde. Und ausserdem ist das nur zus√§tzliche Arbeit und ich w√ľsste auch nicht, wie ich das dann nennen sollte.

Die Lösung: Ich schreibe mein Blog weiter wie bisher und betrachte es als privates Medium der öffentlichen Meinungsäusserung mit allem, was ich sagen will. Zu jedem Thema, zu dem ich etwas sagen will.
Und f√ľr die reinen B√ľcherfreunde biete ich ab sofort einen Newsletter an.

Tada!

Der Newsletter enth√§lt ausschlie√ülich Inhalte zu meinen Ver√∂ffentlichungen. Er informiert √ľber Neuerscheinungen und hin und wieder schmeiss ich auch mal eine Kurzgeschichte oder Leseprobe rein. Damit k√∂nnen sich Leser immer auf dem Laufenden halten. Auch, wenn sie sich nicht f√ľr die Lokalpolitik von M√∂nchengladbach oder die Etymologie von Suffixen interessieren.
Haupts√§chlich werde ich diesen Newsletter √ľber Links in den n√§chsten Auflagen aller meiner B√ľcher und in allen kommenden Ver√∂ffentlichungen bewerben, aber es wird eben auch ein Feld zum Eintragen in der linken Seitenleiste dieses Blogs geben. Das bedarf offensichtlich noch einiger Optimierung f√ľrs Layout, aber es ist immerhin schon mal da. So sieht das halt aus, wenn man sowas mal eben in f√ľnf Minuten ins Blog bastelt und den Code noch in G√§nze verstehen muss.

Wahrscheinlich folgt nach meiner ersten englischsprachigen Ver√∂ffentlichung (geplant f√ľr Fr√ľhjahr 2014) noch ein Newsletter f√ľr die englische Welt. Dort w√ľrde er einen Blog komplett ersetzen, da parallel zweisprachiges Bloggen einfach vom Arbeitsaufwand nicht praktikabel ist. Ich will ja zwischendurch auch noch an den B√ľchern schreiben.


Ins, ers, erins, ichs und der ganze Quark

Im folgenden Text geht es um so schöne Dinge wie Etymologie, Genus-Zuweisungen, Prototypentheorie und ähnliches. Oh, und ein bisschen auch um Latein. Ihr seid gewarnt worden.

Morgen feiert die Linguistin Luise Pusch ihren 70. Geburtstag. Herzlichen Gl√ľckwunsch! Pusch gilt als die Begr√ľnderin der feministischen Linguistik im deutschen Sprachraum, wir verdanken ihr unter anderem das Binnen-I. Was ich euch ersparen werde ist an dieser Stelle eine Kritik der Idee einer „-istischen Linguistik“, statt dessen fasse ich es mit einem kurzen „problematisch, aber nicht v√∂llig unsinnig“ zusammen.
Jedenfalls gibt es anl√§sslich des Geburtstages eine InWoche, sprich f√ľr eine Woche soll das Suffix -in auch dann verwendet werden, wenn M√§nner gemeint sind – „Herr Lehrerin“ usw. Dies ist einer Idee Puschs aus den 70ern von der ich offen gestanden nicht sicher bin, ob sie jemals ernst gemeint war. Aber nehmen wir sie mal f√ľr eine Weile so ernst, wie sie einige Leute zu nehmen scheinen.
Vorab: ich werde die Idee nun auseinandernehmen um anschlie√üend zu einem Ergebnis zu kommen, das Puschs verworfenen fr√ľheren Forderungen nahe kommt. Also bis zum Ende lesen, dann erst losschimpfen. Danke.

Das generische Femininum soll ein Gegenpol sein zum generischen Maskulinum. Sprich, zu der Tatsache, dass man mit „Arbeiter“ M√§nner wie auch Frauen meinen kann. Das Problem hieran ist die Annahme, „Arbeiter“ (und entsprechende weitere Wortbildungen) w√ľrden M√§nner bezeichnen.
Also lasst uns etwas in die lustige Welt der Sprachwissenschaft eintauchen:

Herkunft des -er
Sprachlichen Unfug wie die Beamtin ignorierend (es heisst der Beamte bzw. die Beamte, so wie der Vorsitzende bzw. die Vorsitzende) findet sich das Suffix (bedeutungsver√§ndernde Anh√§ngsel) -in vor allem hinter dem Suffix -er. -in ist ein altes deutsches Suffix, das weibliche Personen im Wort sichtbar macht (n der Sprachwissenschaft ein „Marker&ldquo). Sein m√§nnliches Gegenst√ľck ist im √ľbrigen -ich, wie in M√§userich, W√ľterich, G√§nserich.
Das f√ľhrt zu der interessanten Frage: Wo ist das -ich hin? Dieses Suffix ist heutzutage nicht mehr produktiv, das heisst, es wird in der Sprache nicht mehr verwendet, um neue W√∂rter zu bilden. Und wieso existiert es √ľberhaupt, wenn doch -er angeblich m√§nnlich ist?
Zun√§chst zur letzten Frage, weil ihre Antwort historisch fr√ľher kommt.

Das -er n√§mlich ist kein urspr√ľnglich deutsches Element. 1)
-er stammt vom lateinischen -ńĀrius/-ńĀria ab, welches ungef√§hr das selbe bedeutet. Es gibt noch das Neutrum -ńĀrium, bei dem nicht ganz klar ist, ob es je ausserhalb von Fremdw√∂rtern wie Aquarium im Deutschen verwendet wurde (m√∂glicherweise steckt es in „das Lager“). Es w√§re in diesem Zusammenhang interessant, aber ich ignoriere es der K√ľrze halber.
Jedenfalls macht -ńĀrius/-ńĀria im Deutschen eine Ver√§nderung durch und wird im Althochdeutschen zu -ńĀri. Pl√∂tzlich ist die Geschlechtsbezeichnung verschwunden und das m√§nnliche Wort bezeichnet beide Geschlechter. Wenigstens f√ľr eine Weile, dann kommt die weibliche Form -ńĀra auf. F√ľr eine kurze Weile hatte das Deutsche offenbar ein generisches Maskulinum, das schnell wieder verschwand.

L√§stig wird die Sache danach. Suffixe neigen dazu, verschliffen zu werden. Dabei werden sie immer k√ľrzer und lautlich (in Ermangelung eines besseren Wortes) unauff√§lliger. Dabei verschwinden oft auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Suffixen.
So werden in den n√§chsten Jahrhunderten beide Formen unabh√§ngig voneinander zu Mittelhochdeutsch -√¶re und Hochdeutsch -er, erneut sind die Unterschiede der Geschlechtsformen verschwunden und beide Formen werden m√§nnlich gebildet. Aber eigentlich sollten beide Formen heute und auch in ihrer aktuellen Aussprache als -a f√ľr beide Geschlechter gelten. So wie im Englischen, wo das -er fast genau die selbe Geschichte hinter sich hat. Warum tun sie das nicht? Und warum gab es zwischendurch die Geschichte mit dem -ńĀra?

Hurra, Prototypentheorie – und Genus
Der gr√∂√üte hier relevante Unterschied zwischen Deutsch und Englisch ist nat√ľrlich der/die/das zu the. Das verdeckt das Problem etwas, denn tats√§chlich hat das Englische das selbe Problem, nur in anderer Form: Ist ein worker ein he oder eine she (er oder sie)? Vorherrschend ist das he, aber warum? Und warum in beiden Sprachen?

Und damit ab in die Prototypentheorie.
Die Prototypentheorie ist die Theorie, dass unser Hirn die Bedeutung von Wörtern (oder zumindest von Substantiven) auf eine ganz bestimmte Weise abspeichert. Es bildet eine Vorstellung von einem prototypischen Ding, das heisst, der Standardversion von etwas. Ob ein anderes Ding mit dem selben Begriff bezeichnet werden kann hängt davon ab, wie ähnlich es der Standardversion ist.
Ein Standardobst ist ein Apfel, ein Standardgem√ľse eine Karotte, ein Standardvogel ein Spatz und so weiter. Die Methode ist nicht perfekt und deshalb gibt es Grenzf√§lle wie Tomaten und unpr√§zise Begriffe wie f√ľr die diversen Sorten von W√ľrmern und von Fischen.
Das wird bei Menschen zu einem Problem: Offenbar arbeitet unser Gehirn bei Menschen mit Geschlechtszuordnungen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wozu Lebewesen biologisch gesehen √ľberhaupt existieren (zur Weitergabe ihrer Gene) und wird deutlich, wenn man sich Reaktionen von „Normalen“ auf geschlechtlich uneindeutige Personen ansieht. Und einiges deutet darauf hin, dass unser prototypischer Mensch m√§nnlich ist. Daraus folgt, dass unser Gehirn M√§nner auch als Grundlage jener Prototypen nimmt, die „Mensch“ weiter unterteilen. Es sei denn, diese sind explizit weiblich.
Das wiederum w√§re dann der Mechanismus, durch den das Genericum als Maskulinum wahrgenommen wird. Und der das -ich umgebracht hat, denn √ľberfl√ľssige Elemente verschwinden in Sprachen relativ schnell wieder.
Das wiederum ist ganz klar ein Problem in der Frage der Gleichberechtigung. Und das -in macht alles noch schlimmer.

Deutschlands erste Kanzlerin: Ein Problem
Hier ist ein Satz, den ich immer wieder gerne anbringe: Angela Merkel ist ein Problem.
Ausnahmsweise mein ich das mal nicht politisch, sondern linguistisch.
Angela Merkel ist also Deutschlands erste Bundeskanzlerin, erste Regierungschefin usw. Das ist einerseits korrekt, andererseits nat√ľrlich Quatsch: Angela Merkel ist die achte Person im Kanzleramt. Ob sie Deutschlands erste Regierungschefin ist h√§ngt davon ab, wie man Maria Theresia einordnet.
Was hier deutlich wird: Das -in-Suffix erzeugt einen neuen Begriff, der ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Damit wird die Setzung des Männlichen als Standard nur noch bestärkt, Frauen im Beruf werden stärker als zuvor zu einer mehr oder weniger separaten Gruppe, die nicht in der selben Gruppe wie die Männer liegt, sondern als weite daneben steht. Im Extremfall bekommen wir damit neue Rollenklischees wie Friseuse, Politesse und dergleichen. Das empfinde ich persönlich als noch um einiges schlimmer als nur die Subsummierung der Frauen als Sondergruppe innerhalb der Arbeiter.
Das Binnen-I versucht, das zu kitten, f√ľhrt aber zu einem seltsam zwanghaften Zwitter, der zwei separate Begriffe zusammenzufassen versucht, es ist quasi die Narbe zum Schlag der Klinge linguistischer Geschlechtertrennung.

Ein Lösungsvorschlag
Wie nun bekommen wir eine geschlechtergerechte Sprache hin, ohne eine solche Geschlechtertrennung zu beg√ľnstigen? Die Antwort finde ich separat von und dann doch wieder bei Luise Pusch.
In Das Deutsche als M√§nnersprache (amazon-Link) finde ich auch √úberlegungen, das -er als geschlechtsneutral anzuwenden und unver√§ndert in beiden Geschlechtern zu nutzen, dabei aber die dazugeh√∂rigen Adjektive, Verben etc. abh√§ngig von der Person zu nutzen: „Luise Pusch ist eine Sprachwissenschaftler“.
Das funktioniert offensichtlich nicht, da es einige Grundfesten der deutschen Sprache aushebelt. Vor allem ersetzt es Genus (Geschlecht des Wortes) durch Sexus (Geschlecht des gemeinten Lebewesens). Das d√ľrfte, da bin ich mit Pusch einig, so nicht durchsetzbar sein. Ihre letztendliche Folgerung daraus ist das heute bekannte Binnen-I oder allgemeiner die Bildung einer Mischform f√ľr F√§lle, in denen beide gemeint sind.
Mein Vorschlag bleibt etwas n√§her an Puschs Ursprungsidee als sie selber: Warum nicht einfach die -er-Substantive grammatisch als Neutrum setzen? Das Elegante daran w√§re, dass er kaum zu Ver√§nderungen in Texten f√ľhren w√ľrde – nur der Singular (das Arbeiter) w√§re sichtbar betroffen und der tritt nur selten auf ohne dass wir das Geschlecht der gemeinten Person kennen – eigentlich nur in Anweisungen, Lexika und Gesetzestexten. Vor allem aber kann man es – anders als das Binnen-I und Konsorten – auch aussprechen.
Ideal w√§re nat√ľrlich, wenn wir zwecks sprachlicher Gleichstellung der Geschlechter zus√§tzlich ein m√§nnliches Gegenst√ľck zu -in h√§tten, aber ich glaube nicht, dass eine Wiederbelebung des -ich sehr erfolgversprechend w√§re, zumal es im heutigen Deutsch eine Nebenbedeutung als L√§cherlichmachung hat (wie eben beim W√ľterich).
Es ist wahrscheinlich das beste, dies auch auf Personenbezeichnungen ohne -er auszuweiten: Das Pirat, das Professor, das Anwalt usw. Sicherlich gew√∂hnungsbed√ľrftig, aber wenigstens gew√∂hnungsf√§hig. Und durch seine Aussprechbarkeit nicht auf schriftsprachliche Kommunikation beschr√§nkt.

Nun, hat die InWoche doch was gutes: Sie hat mich motiviert, diese schon etwas √§ltere Idee weiter auszuf√ľhren und vorzustellen. Also, f√ľr mich gutes, f√ľr den Rest der Welt steht das Urteil noch aus ;-).

1)Ich ignoriere hier der Einfachheit halber -wari, mit dem V√∂lker bezeichnet wurden und das ebenfalls zum -er wurde: Berliner, D√ľsseldorfer, Schweizer usw.


Kurzer Rant zur Literaturwissenschaft

Ich hatte ja noch ein paar Worte zu McLuhan versprochen, beziehungsweise zu seinen ber√ľhmten Worten „The medium is the message“. Also auf zu der Frage, die McLuhan stellt und die ich in nicht ganz so radikaler Form ebenso stellen m√∂chte: „Was genau erforscht die Literaturwissenschaft eigentlich?“

McLuhans Satz ist eine der Grundlagen der Medienwissenschaft und stammt aus Understanding Media. Grundaussage hier ist, dass das Medium einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft hat als das, was mit ihm transportiert wird und daher vordringlich untersucht werden sollte.
Bevor ich zur Literatur zur√ľckkomme, kurz dazu, was das f√ľr die Medienwissenschaft bewirkt hat.
Durch die Zuweisung gesellschaftlicher Folgen zu den Medien entstand etwas messbares. Die Beschäftigung mit Medien erhielt das Potenzial, zur Wissenschaft zu werden, denn Wissenschaft ist im Grunde genau das: Die Vermessung der Welt.
Ansätze dazu hatte es schon vorher gegeben, aber McLuhan brachte es auf den Punkt und festigte die Dsziplin damit im Reigen der anderen Wissenschaften.

Und damit kommen wir zur Literaturwissenschaft: Was genau misst die eigentlich? Inwiefern ist die Literaturwissenschaft wissenschaftlich?
Es gibt ein paar Felder hier und dort, die mit dem Konzept des Messbaren arbeiten. Aber der Gro√üteil der Literaturwissenschaft besteht aus Literaturinterpretation (die vom Individuum des Lesers abh√§ngt und somit nicht wissenschaftlich ist) und Literaturkritik (dito). Man wirft mit Begriffen wie Qualit√§t um sich, als w√ľrden sie etwas objektives messen, dabei messen sie lediglich Meinungen √ľber ein Werk.
Noch sind wir in einer Phase, in der diese Anma√üung der Objektivit√§t von Qualit√§t allgemeiner gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint. Goethes Werke hat man gef√§lligst f√ľr Meisterwerke zu halten sonst fehlt einem „Bildung“ – was immer das eigentlich sein soll, es ist einer dieser wundersch√∂n inhaltlosen Begriffe des Elitismus, der kulturelle √úberlegenheit durch Phrasen vorzugaukeln versucht.
Dass Goethes Werk hinsichtlich sämtlicher auch nur theoretisch ansetzbarer Kriterien wild geschwankt hat, interessiert dabei nicht. Was grade bei Goethes Lebens- und Schaffensgeschichte mit zahlreichen teils inhaltlich und ästetisch völlig gegensätzlichen Phasen erstaunlich ist (Kleiner Exkurs: Ich liebe den Werther und hasse die Iphigenie mit Inbrunst).

Das ist das Problem der Literaturwissenschaft in der Moderne: Sie schleppt den Muff einer Zeit mit, als eine Elite aus den Elfenbeint√ľrmen der Universit√§ten per Gutd√ľnken entscheiden konnte, was Teil eines Kanons sei, √ľber dessen Kenntnis sie sich dann vom P√∂bel abheben konnten.
Und dieses Erbe ist gef√§hrlich: So lange die LitWi keine Begr√ľndung f√ľr sich selbst findet, die ohne die Phrase „Bildung“ auskommt, so lange ist sie von den Streichkonzerten an den Hochschulen bedroht. Die LitWi m√∂ge das Bildungsgeschwafel den Feuilletons √ľberlassen und endlich den Schritt wagen, eine echte Wissenschaft zu werden.

Die gute Nachricht ist, dass sie begonnen hat, sich aus dem Elitismus der Kanones zu lösen. Die tatsächlich wissenschaftlichen Teilbereiche der LitWi beschäftigen sich schon längst auch mit der Alltagsliteratur und tun dies nicht mehr (nur) abweisend.

Pl√§diere ich daf√ľr, den Goethe (und die anderen Klassiker) zu vergessen? Nein, wer ihn lesen will, m√∂ge ihn lesen und ich bin sicher, die Geschichts- und Kulturwissenschaftler k√∂nnen aus seinem Werk viele Kenntnisse √ľber das Leben und Denken im sp√§ten 18. und fr√ľhen 19. Jahrhundert erlangen. Viele Leser werden aus diesen Werken f√ľr sich etwas lernen, aber dieses Potenzial hat jede Literatur, selbst die schlechteste.
Aber h√∂rt auf, so zu tun, als w√§ren jene, die ihn nicht gelesen haben irgendwie unterlegen oder, netter ausgedr√ľckt, „ungebildet“. Und vielleicht, wenn wir diesen Elitismus mit seinen Symptomen loswerden, schaffen die Schulen es sogar, den Kindern nicht mit aufgrund ihrer zeitlichen Distanz unverst√§ndlichen, jahrhundertealten B√ľchern das Lesen von Literatur zu vergraulen. Und wenn 100 Kinder √ľberhaupt das Lesen als eine angenehme und, ja, bildende Besch√§ftigung entdecken, ist viel mehr gewonnen als wenn von diesen 100 Kindern 70 vergrault wurden und daf√ľr 2 Schillers R√§uber (um mal nicht Goethe zu nehmen) auswendig zusammenfassen k√∂nnen.
Und die Literaturwissenschaft kann wesentlich freier tatsächlich Wissen schaffen anstatt sich in ihrem selbstreferenziellen Muff der Kanones und Klassiker zu suhlen.

Wieso das nun weniger radikal ist als McLuhan?
Ich billige dem Inhalt der Medien im Gegensatz zu seinem Fr√ľhwerk durchaus eine Wirkung zu. Oft genug ist diese auch gesamtgesellschaftlich und genau das z√§hlt zu den Dingen, die eine tats√§chlich wissenschaftliche Literaturwissenschaft untersuchen kann. McLuhan erkl√§rt die Inhaltsdisziplinen implizit f√ľr obsolet; ich nicht, f√ľr mich sind sie nur reformbed√ľrftig.
Literaturwissenschaft ist eine wertvolle Disziplin. Sie leidet nur an ein paar Klötzen am Bein.


Mein Problem mit Verkehrsentwicklungsplan & Co.

Heute morgen hatte mich Detlef Neuß im Kommentarbereich der RP (kollateral) an ein Thema erinnert, zu dem ich noch etwas mehr schreiben wollte: Den Verkehrsentwicklungsplan (VEP).
Ich nehme mir die Freiheit, ihn hier einfach zu zitieren:

Der Verkehrsentwicklungsplan wird in M√∂nchengladbach bereits seit Jahren diskutiert, man kann auch sagen zerredet und auf die lange Bank geschoben. Es kann und darf nicht Aufgabe der Politik sein, damit weiter zu machen. Aufgabe der Politik muss sein, daf√ľr zu sorgen, dass wir endlich die Diskussion √ľber den Verkehrsentwicklungsplan zum Abschluss bringen um ihn dann umzusetzen.

Ich bin recht h√§ufig mit Detlef Neu√ü einer Meinung, dies ist eine Ausnahme. Es ist allerdings eine Ausnahme, die mit den Grund√ľberzeugungen meines Weltbildes zu tun hat und daher m√∂chte ich dazu etwas ausf√ľhrlicher schreiben.

Kurzer historischer Ausflug: Die Grundlage f√ľr die Verkehrsentwicklung in M√∂nchengladbach ist immer noch der Generalverkehrsplan von 1969 in modifizierter Fassung von 1981. Dieser Plan ist, dar√ľber ist keine Diskussion n√∂tig, vollkommen veraltet, sowohl in seinen Planzielen („autogerechte Stadt“) als auch in seinem Bezug auf die tats√§chlichen Verh√§ltnisse und Bed√ľrfnisse in der Stadt.
Das ist unvermeidlich. Die Welt ver√§ndert sich best√§ndig, sowohl was unsere Kenntnisse und Vorstellungen angeht, als auch was die zu erf√ľllenden Bed√ľrfnisse angeht. Ganze Stadtteile und -zentren entstehen und vergehen in solchen Zeitr√§umen, ebenso Industriegebiete, Vereine und Firmen, Hobbys und Branchen, Gesellschaften, Nachbarschaften, elementare Verhaltensweisen und die Strukturierung eines jedermanns Alltag.
Die gewaltigen G√ľterbahnh√∂fe sind in vielen St√§dten, so auch M√∂nchengladbach, verschwunden und mit ihnen auch die Schienenanbindungen gro√üer Unternehmen. Handelsstrukturen haben sich deutlich zentralisiert und der Versandhandel hat mit der Verbreitung des Internets ganze Handelssegmente √ľbernommen. Aktuell erlebt das Fahrrad einen gewaltigen Aufschwung, der auch schlechteste Infrastruktur ignorierend selbst an Orten wie diesem einfach statt findet.

Grade der letzte Punkt macht deutlich: Die Veränderungen gehen weiter. Da kommen noch die ideologischen und wissenschaftlichen Veränderungen hinzu: Von der autogerechten Stadt zur Stadt der kurzen Wege und weiter zur menschengerechten Stadt, bereits absehbar gefolgt von Konzepten wie der Erzeugerstadt, der autarken Stadt, der inklusiven Stadt, der Stadt im demografischen Wandel oder der Stadternährungsplanung.

Wenn wir einen Plan zur Verkehrsentwicklung √ľber Jahrzehnte hinweg aufbauen (oder, ebenso, einen Masterplan zur Stadtentwicklung), nehmen wir dies gern als Erfolge unserer √úberzeugungen wahr, welche wir f√ľr die bestm√∂glichen √úberzeugungen halten. Es liegt in der Natur von √úberzeugungen, dass wir unsere aktuellen f√ľr die besten denkbaren (oder wenigstens bestm√∂glichen) halten.
Das Problem ist: Mit ziemlicher Sicherheit sind unsere jetzigen Ideen (auch meine) bereits in wenigen Jahren √ľberholt, veraltet oder wenigstens justierungsbed√ľrftig. Das gilt ganz besonders in der Stadtplanung, denn wie oben schon gesagt: St√§dte ver√§ndern sich unter den H√§nden ihrer Planer weg, da die Planer nur sehr geringen Einfluss auf gesellschaftliche und technologische Entwicklungen und noch geringeren auf Ph√§nomene der unsichtbaren Hand haben.

Bedeutet also, ein VEP (oder Masterplan) stellt den (unbewussten und durchaus gutwilligen) Versuch dar, aktuelles Wissen und aktuelle Ideologie auf eine l√§ngere Zukunft festzuschreiben, in der √úberzeugung, dies seien die bestm√∂glichen Ideen, weil „moderne“, im Gegensatz zur veralteten fr√ľherer Jahre. Dass die modernen Ideen logischerweise mit dem weiteren Fortschreiten der Jahre ebenso veralten und noch lange nicht das Nonplusultra darstellen, scheint dabei ein blinder Fleck der menschlichen Psychologie zu sein.
Wir m√ľssen uns einfach immer vor Augen halten: Auch der Generalverkehrsplan von 1969, der uns heute so viele Probleme mit unsinnigen Verkehrsprojekten beschert, die ihm entspringen (die millionenschweren Ringe in der Stra√üenplanung kommen einem in den Sinn), war einst das Nonplusultra moderner Ideen.
Was wir jetzt mit dem VEP bauen, ist eine Wiederholung unserer Probleme mit dem Generalverkehrsplan f√ľr die 2030er Jahre. Dann werden Ideen der 2000er/2010er genauso veraltet und problematisch sein wie es heute jene aus den 1960er/1970er Jahren sind. Es w√§re arrogant zu glauben, nach 5000 Jahren St√§dtebau w√§ren ausgerechnet unsere jetzigen Ideen der Endpunkt der Geschichte.

Nat√ľrlich steckt hierin auch ein Dilemma: Wir brauchen ein √ľbergreifendes Konzept, um Verkehr vern√ľnftig zu planen und nicht in unkoordinierte Einzelma√ünahmen zu verfallen.
Meine √úberzeugung ist, dass solche Konzepte nur funktionieren, wenn sie als Einzelkonzepte mit begrenztem r√§umlichen und zeitlichen Umfang gedacht werden, bei denen zudem Zusammenspiel mit anderen Projekten und gesamtst√§dtische Auswirkungen eingeplant werden m√ľssen.
Ein solches Konzept sollte in der Fl√§che einen Stadtteil nur dann √ľberschreiten, wenn es absolut notwendig ist und in der Zeit nicht mehr als 10 Jahre umfassen, da nach dem Ablauf von 10 Jahren davon ausgegangen werden kann, dass mindestens eine bedeutende Ver√§nderung stattgefunden hat, die Planung √ľber einen weiter in der Zukunft liegenden Punkt hinaus erheblich behindert und kontraproduktiv werden lassen kann. Peak Oil, die Markteinf√ľhrung des fliegenden Autos, Entstehung eines de facto neuen Stadtteils aus einigen zu nah bei einander geplanten Neubaugebieten, neue gro√üe Superm√§rkte oder Industriegebiete, neue Fahrzeugtypen, Mode- und Sporttrends und dergleichen sind alles Entwicklungen, die eine langfristigere Planung schnell ad absurdum f√ľhren.

Und das ist der Grund, warum wir einen VEP besser nie beschließen sollten.
Mal davon abgesehen, was passiert, wenn der VEP eben nicht auf dem Stand der aktuellen verkehrs- und stadtentwicklungstheoretischen Diskussion ist, sondern etwa vom in Mönchengladbach immer noch weit verbreiteten Ideal der autogerechten Stadt geprägt wird, also schon bei seiner Beschlussfassung veraltet ist.