Postsedative Wohnwelten

Unsere Welt ist voll von Konzepten, ausserhalb derer wir nicht denken können. Meist keine expliziten Ideen, sondern Dinge, die sich zwangslĂ€ufig aus unserem Lebensstil, unseren VerhĂ€ltnissen, unserer Biologie und anderen Faktoren ergeben. Sichtbar sind diese Dinge oftmals nur fĂŒr jene, die sich als nonkonform verstehen – ob mit Absicht oder eher beilĂ€ufig als Folge ihrer Art, die Welt zu sehen. FĂŒr alle anderen werden sie erst sichtbar, wenn neue Entwicklungen das alte sinnlos machen.
Und damit kommen wir zum Thema dieses Beitrags: Die SelbstverstÀndlichkeit der Sesshaftigkeit.

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Erfindung der Sesshaftigkeit, also des Wohnens an festen Standorten. Mit der Landwirtschaft entstehen die Landwirte, welche ihre Felder das ganze Jahr durch bewirten und HĂ€user bauen, um jahreszeitlich wechselndem Wetter und anderen Herausforderungen des sesshaften Lebens zu widerstehen.
Die Abende finden nun in den sicheren HĂ€usern statt, Zeit, die zuvor zum Wandern und Wachehalten benötigt wurde, wird fĂŒr andere AktivitĂ€ten frei. Und mit dem neuen PhĂ€nomen der Freizeit beginnt das Zeitalter der Erfindungen, denn plötzlich ist viel Zeit zum Denken frei. Und so kommt es, dass die Völker der Erde in jener Reihenfolge als kulturell-technologische KrĂ€fte in den GeschichtsbĂŒchern auftauchen, in der sie sesshaft werden (von den Mongolen abgesehen). ZunĂ€chst war der ideale Mensch der HĂ€uslebauer, dann der BĂŒrger (Bewohner einer Burg).
Wenn Sesshaftigkeit so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, so sehr ihre Grundzutat ist, erklĂ€rt das, warum wir an ihrer SelbstverstĂ€ndlichkeit so selten etwas seltsam finden. Zwar gab es immer Völker, die nicht oder weniger sesshaft waren, doch diese ignorierten wir meist, erklĂ€rten sie fĂŒr primitiv und/oder entwicklungsbedĂŒrftig.

Bis heute hat sich das zu einem unterschwelligen Extrem entwickelt. Unsere Vorstellung von Stadtentwicklung ist oft davon geprĂ€gt, dass wir Menschen als Bewohner von HĂ€usern verorten und den Raum zwischen den HĂ€usern einzig als VerkehrsflĂ€che betrachten, die dazu genutzt wird, von einem Haus zum nĂ€chsten zu gelangen. Wir kennen es in seiner massentauglichsten Variante als die Idee von der „autogerechten Stadt“.
Es ist die Allgegenwart des menschen-leben-in-HĂ€usern-Denkens, die AnsĂ€tze wie jene von Jan Gehl so revolutionĂ€r erscheinen lassen, der StĂ€dte fĂŒr Menschen bauen will. StĂ€dtte, in denen Menschen ausserhalb ihrer HĂ€user leben.

Doch genau in jener Zeit, als die Idee autogerechter StĂ€dte aufkam, ging bereits eine Saat auf, die das Ende der Sesshaftigkeit bedeuten konnte. Es war die GrĂŒne Revolution. Diese hat trotz des Namens wenig mit den GrĂŒnen zu tun. Es handelt sich um die Industrialisierung der Landwirtschaft.
Plötzlich brauchte es viel weniger Menschen in der Feldarbeit. Doch die Arbeitswelt basierte auf sesshaften betrieben und verfĂŒgbaren Dienstleistungen, alles war auf Sesshaftigkeit ausgelegt. Arbeit, Kommunikation, Gesetze, alles erschwerte ein Leben ohne festen Wohnsitz, alles war auf der Norm aufgebaut, dass ein zivilisiertes Leben ohne einen solchen nicht möglich sei. Es gab kein Ausbrechen aus dieser Norm ohne ein völliges Ausbrechen aus der menschlichen Gesellschaft.
Aber es gab Spuren davon: Das Auto kam und mit ihm etwas Neues: Der Berufspendler. Heim und Arbeitsplatz trennten sich, ein niederschwelliges Nomadentum wurde zur Norm.

Und dann kamen die spÀten 1980er. Auf den Schulhöfen der westlichen Welt (und Japans) erschien der Vorbote einer Revolution.

Viva la Pling-GerÀusch-olucion!


Wie gesagt: Vorbote.

Es kam das Zeitalter der mobilen Technologie.
Innerhalb weniger Jahrzehnte erschien Technologie, die es ermöglichte, unterwegs auf seine Arbeit zuzugreifen. Zugegebenermaßen galt das nur fĂŒr BĂŒroarbeit, aber diese wurde etwa zeitgleich zur dominanten Form von Arbeit. Laptop, mobiles Internet, Smartphone… das digitale Nomadentum wurde eine echte Option fĂŒr Menschen in BĂŒrojobs oder der Kreativwirtschaft. Unsere BesitztĂŒmer werden zunehmend digitaler – Filme, BĂŒcher, Musik, Spiele, alles ist digital und wird ĂŒber das Netz bezogen. Und wenn unsere StĂ€dte menschenfreundlicher werden, brauchen manche Menschen nicht mehr als ein Bett fĂŒr die Nacht, das ganze ĂŒbrige Leben kann draussen stattfinden – und wieso nicht jahreszeitabhĂ€ngig in unterschiedlichen Klimazonen?
Das mit dem Bett ist ĂŒbrigens keine neue Idee: In der Industriellen Revolution gab es Arbeitersiedlungen, in denen die Menschen nur zum Schlafen in ihre HĂ€user gingen, wobei die Betten von mehreren Personen abwechselnd benutzt wurden, quasi Schlafen im Schichtdienst. Dieses Wohnmodell verschwand mit der Durchsetzung menschenwĂŒrdigerer Arbeitszeiten und Löhne, aber nichtsdestotrotz ist festzuhalten, dass Menschen durchaus so gelebt haben. Und wenn sie es diesmal freiwillig tun, wieso eigentlich nicht? Die japanischen Kapselhotels bieten fĂŒr eine solche Lebensweise den idealen Raum. Denn wenn man den Rest des Tages ohnehin nicht im Haus verbringt, braucht man auch nicht mehr als ein Bett.

Worauf ich eigentlich hinauswollte?
Wie unglaublich kleingeistig ich diese „Zukunftsvision“ in diesem Kontext letztendlich finde:

Das ganze Konzept basiert darauf, dass Menschen in Zukunft weiterhin ihr ganzes Leben in HĂ€usern verbringen. Es fehlt die Reflexion einer Frage: Warum sollten sie? Zumal, wenn die Wohnungen der Zukunft so beschissene Orte zum Leben sein werden, wie hier dargestellt.


Wahlnachbetrachtung 2014

Sitzverteilung der 9. Ratsperiode 2014-2020 in MG


Da ist er also, der neue Rat. Ich werde diesem ab dem 1. Juni nicht mehr angehören, ab dem die neue Zusammensetzung gilt. Das ist durchaus okay so, ich schreibe dazu spÀter noch separat etwas.
Jetzt geht es erstmal um die Kommunalwahl in MG, ihr Ergebnis und meine EindrĂŒcke daraus. Die Prozentverschiebungen finde ich letztlich uninteressant, so lange keine Sitzverschiebungen daraus erwachsen, denn allein diese sind fĂŒr die Abstimmungen im Rat von Bedeutung. Nun denn, die EindrĂŒcke, als da wĂ€ren, Partei fĂŒr Partei in absteigender GrĂ¶ĂŸe.

CDU
Dass die CDU sich wieder ĂŒber die 40 Prozent hieven konnte, kann ich mir einzig aus den Verlusten der anderen bĂŒrgerlichen Parteien erklĂ€ren. Das passt auch ins Bild, ist der Zuwachs der CDU doch geringer als es die Verluste bei FDP und FWG sind.
Einzig in Wickrath Land (sprich u.a. Wanlo) sehe ich inhaltliche GrĂŒnde fĂŒr einen CDU-Erfolg, dank (leider) populĂ€rer Haltungen zum Segelflugplatz und zu Windkraftanlagen.
Dennoch ist klar zu konstatieren, dass die CDU erheblich gewonnen hat. Es gibt im nĂ€chsten Rat keine Mehrheitsoption ohne die CDU, nur schwarz-rot und schwarz-grĂŒn können die Stimmenmehrheit von 35 Stimmen erreichen (schwarz-rot 49, schwarz-grĂŒn 36).
Korrektur Da fehlte der OB in der Koalitionsberechnung, wie Torben Schultz richtig einwendete. Mit diesem hĂ€tte schwarz-rot 50 Stimmen, schwarz-grĂŒn je nach Ergebnis der OB-Wahl 36 (Bude) oder 37 (Reiners).

SPD
Die SPD stagniert. Nach der Ampel ohne Verluste dazustehen ist eine beachtliche Leistung. Ich denke, das ist der Arbeit solcher Leute wie Reinhold Schiffers zu verdanken, der als Bezirksvertreter sehr rĂŒhrig und volksnah auftritt. Dies konnte die teils heftigen Verluste in OberbĂŒrgermeister Budes Umfeld auffangen, die sie sich durch UntĂ€tigkeit und allzu auffĂ€llige NĂ€he zu bestimmten Unternehmen (*hust*Jessen*hust*) reiflich verdient hatten.

GrĂŒne
Dass die GrĂŒnen im Stadtrat nur einen Sitz verlieren ist fĂŒr mich die große positive Nachricht des Wahlsonntags. Ich hatte nach den vielen desaströsen Diskussionen der letzten 12 Monate (z. B. Stadtbibliothek) mit dem Verlust von zwei Sitzen gerechnet.
Dass die GrĂŒnen jetzt mit Abstand grĂ¶ĂŸte der kleinen Fraktionen sind, lĂ€sst mich fĂŒr die Zukunft der Stadt hoffen. Jetzt mĂŒssen sie aufpassen, nicht zu staatstragend und „verantwortlich“ aufzutreten und ihren grĂŒnen Kern weiterhin zu bewahren. Dann ist bis zur Kommunalwahl 2020 ein ernsthafter Politikwechsel in Mönchengladbach drin.

FDP
Die FDP ist de facto zusammengebrochen. Da Mönchengladbach lange als Hochburg der FDP galt, ist es ein empfindlicher Schlag, mehr als die HĂ€lfte der Ratsmandate einzubĂŒĂŸen und so grade noch den Fraktionsstatus zu behalten.
Es fiel bei Wahlkampfauftritten stĂ€ndig auf, dass die FDP nicht auf der Höhe der Zeit ist und darauf mit einem Angriff nach vorn reagierte: Wenn schon reaktionĂ€r-neoliberale Positionen, dann richtig! Damit wurde sie selbst vielen FDPlern zu neoliberal und verlor auch den Kontakt zu einflussreichen Bewegungen wie der Verkehrswende oder der IG SchĂŒrenweg. Dass FDP sich dann ausgerechnet die Themen Verkehr und Schule als Hauptthemen herausnahm, war fatal, waren doch genau dies die Themen, in denen ihr Weltbild sich schon lĂ€ngst am weitesten von der RealitĂ€t entfernt hatte.

Linke
Dass die Linke ihre drei Sitze halten konnte, ist ein weiteres positives Zeichen fĂŒr die weitere Zukunft. Sie hat keine der viel beschworenen ProtestwĂ€hler an so genannte Protestparteien verloren und damit bewiesen, dass ihr Ergebnis genuin politisch ist.

Einzelpersonen
Ganze sechs Parteien sind mit je nur einem Sitz im neuen Rat vertreten. Unter diesen sticht die FWG raus, die zuvor noch eine Fraktion war. Ihre öffentliche Selbstzerlegung war spektakulĂ€r und nachdem öffentlich klar wurde, dass diese „Partei“ nicht mehr ist als ein Erich-Oberem-Puppentheater, war’s das. Ich bezweifel, dass die FWG je wieder kommunalpolitische Bedeutung erlangen wird, zumal sie mit Ausnahme von Oberems Sohn eigentlich alle ihre fĂ€higen Köpfe rausgeschmissen oder vergrault hat.
Gar nicht mehr dabei ist das in Mönchengladbach einst mit stolzer Tradition verwurzelte Zentrum. Wenig verwunderlich, ist diese Partei doch zuletzt durch nichts aufgefallen. Dass sie die mit Abstand jĂŒngste Liste hatte, war da wohl mehr ein Zeichen des mangels an erfahrenem Personal denn von Jugend.
Die Piraten haben sich ihren Sitz verdient und dazu gibt es schon fast nicht mehr zu sagen. Wir werden sehen, was das gibt.
Mit NPD und ProNRW sitzen zukĂŒnftig wieder zwei Nazis im Stadtrat. Dazu kommen noch die Asozialen fĂŒr Deutschland, die manche dazu zĂ€hlen, manche nicht (ich nicht, ich finde sie aus anderen GrĂŒnden widerlich, siehe Link). Dass die AfD kommunal weniger als ein Drittel ihres gladbacher Europaergebnisses holt, ist interessant.
Und dann ist da noch das eine Mitglied von Die PARTEI. *tieflufthol* ich finde das furchtbar. Ähnlich furchtbar wie die PrĂ€senz von Nazis. Ich habe nichts gegen Ulas Zabci als Person, ich habe noch nicht einmal etwas gegen die PARTEI als Satiregruppe. Aber wenn eine solche Gruppe zu einer Wahl antritt, finde ich das unmöglich, dafĂŒr sind demokratische Wahlen schlichtweg zu wichtig. Wer die Wahl durch eine solche Spaßgruppe „unterwandert“, der macht letztlich die Demokratie an sich lĂ€cherlich und trĂ€gt somit zum ohnehin schon zunehmend demokratiefeindlichen Diskurs, zu NichtwĂ€hlertum und „Die-da-oben“-Gerede bei; der stĂŒtzt letztlich (ich hoffe unwissentlich) jene antidemokratischen Diskurse, in denen sich Populisten und Nazis festsetzen können.

Fazit
Die Stichwahl des OberbĂŒrgermeisters steht noch aus und ist schwer einzuschĂ€tzen. Budes Vorsprung zu Reiners ist hauchdĂŒnn und ich denke, am 15. Juni wird es ebenso zu einem Foto-Finish der beiden kommen. Dass Bude im Vergleich zu 2009 heftige Verluste hinnehmen musste, könnte fĂŒr ihn ein böses Omen sein.
Dessen ungeachtet ist der neue Rat ein ganz brauchbares Ergebnis mit ein paar dunklen Flecken. Er bietet Anlass zu einer Hoffnung fĂŒr 2020, die fĂŒr 2014 nie bestanden hat. Die Stadt wird mit einer jessen großen Koalition ein paar unschönen Jahren entgegensehen, aber am Horizont gibt es Anzeichen eines Lichtstreifs. Wollen wir hoffen, dass dieser sich im nĂ€chsten Jahrzehnt als Sonnenaufgang entpuppt.
Und nicht zuletzt wird dies begleitet von zunehmender Bewegung ausserhalb der politischen Ebene. Es ist diese Ebene, in die ich meine grĂ¶ĂŸten Hoffnungen stecke. Doch auch dazu spĂ€ter mehr, wenn ich ĂŒber meine eigene politische Zukunftsplanung spreche.


Rechte MaßstĂ€blichkeiten (Nachtrag)

GewÀhren wir der AfD ausnahmsweise mal etwas Raum. Es könnte sich lohnen. Die Frage, lokal aufgeworfen von der Theo-Hespers-Stiftung ist: Ist die AfD rechts? Gar rechtsextrem oder rechtspopulistisch?

tl;drDie AfD liegt im normalen Spektrum, nur leider ist das normale Spektrum stark rechts eingeschlagen./tl;dr

Der Begriff „rechts&dquo; ist als Einordnung ein schwieriger geworden, war es allerdings immer schon. Einige klassisch zugeordnete Begriffe möchte ich daher gleich rausschmeissen: Rassismus findet sich quer durch das gesamte politische Spektrum, ist also kein geeignetes Kriterium. Grade die AfD hĂ€lt sich mit Rassismus ohnehin zurĂŒck, ihre Fremdenfeindlichkeit speist sich (wenigstens offiziell) aus anderen BeweggrĂŒnden als Rassismus. Konservativismus funktioniert schon gar nicht, wĂ€re dies das ausschlaggebende Kriterium wĂ€ren die NSDAP und einige ihrer Nachfolger in ihrer Systemkritik links.

Nein, ich will auf ein Kriterium hinaus, das mir fĂŒr die AfD zentral erscheint: Sie vertritt eine offen asoziale Ausrichtung. Und das hat sie mit den Rechten gemein.

Eine wichtige Komponente in der innerparteilichen Diskussion fast aller rechten Gruppen ist die NĂŒtzlichkeitsdiskussion. Wir finden dort solche Begriffe wie „Sozialschmarotzer“ oder gar die Forderung, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Der Mensch wird nicht als Mensch, sondern als RĂ€dchen in einer Art Staatskonzern betrachtet. Systeme, die dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft dienen, werden weitgehend abgelehnt, weshalb ich die Menschen, die derlei fordern mit dem Begriff „asozial“ belege. Das solche Asoziale nun eben diesen Begriff fĂŒr BedĂŒrftige verwenden, finde ich allgemein erstaunlich.
Überhaupt ist die ganze Diskussion verkehrt herum: Wir haben eine Gruppe, in der jene, deren einziger Lebenszweck im sinnlosen AnhĂ€ufen von Kapital zu bestehen scheint, die dies fĂŒr unhinterfragt gut befinden und dafĂŒr andere Menschen ausbeuten. Diese Gruppe bezeichnet die ĂŒbrigen als Schmarotzer, als Parasiten. Gleich so, als bezeichne das Virus die Gesunden als Parasiten.

Dies ist ein gemeinsames PhĂ€nomen der rechten Gruppen. Beim modernen Prototyp der Rechtsextremen, Hitler, finden wir in Mein Kampf ausgiebige AusfĂŒhrungen zur NĂŒtzlichkeit verschiedener Völker („Rassen“) fĂŒr die globale Volkswirtschaft – oder, im Falle der Juden, deren unterstellte SchĂ€dlichkeit. Auch „Asoziale“ (Begriff wie so oft in der falschrummen Verwendung) landeten schließlich in den KZs.
Entsprechendes zieht sich durch alle rechten Gruppen, aber zur Jahrhundertwende auch einige linke Diskussionen (*hust*Hart IV*hust*).

Und damit kommen wir zur AfD: Die AfD stellt alle sozialen Fragen unter das Primat der NĂŒtzlichkeit. Das ist wenig ĂŒberraschend, besteht sie doch aus (Betriebs-)Ökonomen mit entsprechendem Blickwinkel. Besonders auffĂ€llig wird das in der Frage der Zuwanderung, diese soll eingeschrĂ€nkt werden auf „tatsĂ€chlich“ Verfolgte und NĂŒtzliche. Menschen werden nicht als Menschen akzeptiert, sondern als ArbeitskrĂ€fte und Humankapital verwaltet. Und das, liebe Leute, ist asozial.
Ob es auch rechts ist, hĂ€ngt davon ab, wie man „rechts“ definieren will.

Schlimmer ist aber, und damit komme ich zu Hartz IV zurĂŒck, solche Diskussionen sind inzwischen in der Mitte angekommen. Nach diesem Maßstab sind SPD und CDU leicht rechtslastig, die FDP ist wie die AfD rechts und die BILD ist zum Ă€ussersten Rande rechtsextrem.
Und das liegt meines Erachtens nicht daran, dass der Maßstab falsch wĂ€re.

Nachtrag, 22.5.2014 Hier eine just erschienene Studie der Otto-Brenner-Stiftung zum dort so genannten „Wettbewerbspopulismus“ der AfD, passt sehr schön zu diesem Beitrag.


#WasKommunalpolitikerSoMachen

Ich stelle hier ja normalerweise keine Pressemitteilungen der Stadt ein, aber die passt hier ganz gut rein, so zum Abschluss der Ratsperiode. zum Titel siehe hier:

Über 1.150 BeschlĂŒsse gefasst
Die Ratsperiode 2009 – 2014 geht zu Ende: lĂ€ngste Sitzung dauerte acht Stunden und 15 Minuten

Mit der 33. Ratssitzung am kommenden Mittwoch, 21. Mai, (15 Uhr, Rathaus Rheydt) neigt sich die Ratsperiode des bei der letzten Kommunalwahl am 30. August 2009 gewĂ€hlten Rates dem Ende zu. Bei der Kommunalwahl am kommenden Sonntag, 25. Mai, entscheiden die WĂ€hler auch ĂŒber die Zusammensetzung des neuen Rates, der dann am 23. Juni in seiner konstituierenden Sitzung erstmals zusammen kommt. FĂŒr 17 Mitglieder ist es definitiv die letzte Ratssitzung, da sie nicht mehr erneut fĂŒr den Rat kandidieren werden.

Mit durchschnittlich 35 Tagesordnungspunkten pro Sitzung hat der Rat seit seiner konstituierenden Sitzung am 6. November 2009 etwa 1.155 BeschlĂŒsse gefasst. Unter anderem sprach sich der Rat im November 2010 fĂŒr den Bau eines neuen PolizeiprĂ€sidiums an der Krefelder Straße aus, gab im Dezember 2010 „grĂŒnes Licht“ fĂŒr das zukĂŒnftige Einkaufszentrum durch den Verkauf des GrundstĂŒcks auf dem Areal des ehemaligen Schauspielhauses an den Essener Investor mfi, verabschiedete im April 2011 das von der Verwaltung erarbeitete Klimaschutzkonzept und stimmte im MĂ€rz 2012 fĂŒr den Beitritt Mönchengladbachs zum StĂ€rkungspakt Stadtfinanzen. Zur Zukunftssicherung des Theaters verabschiedete der Rat im Mai 2013 das Konzept „Theater mit Zukunft II“ mit einer mittelfristigen Finanzplanung fĂŒr die Jahre 2015 bis 2020. Im Juli 2013 beschloss er den Masterplan Mönchengladbach und gab in gleicher Sitzung den SportstĂ€ttenentwicklungsplan auf den Weg. Im November vergangenen Jahres beschloss er die anstehende Sanierung der Zentralbibliothek fĂŒr rund 5,4 Millionen Euro.

Ein Blick zurĂŒck auf die Sitzungsprotokolle zeigt, dass die konstituierende Sitzung am 6. November 2009 zugleich auch die lĂ€ngste im Laufe der Ratsperiode sein sollte. Sie dauerte exakt acht Stunden und 15 Minuten und hatte unter anderem die Bildung und Besetzung von AusschĂŒssen und Gremien auf der Tagesordnung. Die kĂŒrzeste Sitzung dauerte dagegen nur 30 Minuten, befasste sich ausschließlich mit dem Haushaltsplanentwurf 2014 und fand am 9. September 2013 statt. In den zurĂŒckliegenden 32 Sitzungen hat der Rat insgesamt 121 Stunden und 47 Minuten getagt; zusammengerechnet ergĂ€ben dies rund fĂŒnf Tage rund um die Uhr Dauerberatung.

Nicht mehr erneut fĂŒr den neuen Rat kandidieren werden aus der CDU-Fraktion: Rolf Besten, Udo Blank, Horst HĂŒbsch, Dietmar Kirschner, Martin Wiertz, Wolfgang Wunderlich und Renate Zimmermanns; aus der SPD-Fraktion: Lothar Beine, Uwe Bohlen, Helga Klump, Ulrich Mones, Klaus SchĂ€fer und Angela Tillmann; aus der FDP-Fraktion: Dr. Anno Jansen-Winkeln und aus der UFG-Fraktion: Bernd PĂŒllen, Karl Schippers und Gisela StĂ€hn.

Soviel zur PM. Das sind natĂŒrlich nur die reinen Ratssitzungen. Dazu kommen noch die AusschĂŒsse, in meinem Fall regelmĂ€ĂŸig der Umweltausschuss (26x) und die BV Nord (32x) sowie als Vertretung in Bau- und Planungsausschuss (2x), Vergabeausschuss (10x), Verbandsrat des Niersverbandes (1x), Freizeit-, Sport und BĂ€derausschuss (2x), Finanzausschuss (1x) und Hauptausschuss (2x), weiter 176 Fraktionssitzungen Ă  2-3 Stunden und eine nicht nĂ€her zu beziffernde Zahl an Vorbereitungs- und Koordinationstreffen sowie Ortsterminen. Ich bin ziemlich sicher, noch etwas vergessen zu haben.


Vom Ende der Schreibschrift

Es ist mal wieder so weit, das Ende der Schreibschrift wird lamentiert. Das ist eine dieser sinnlosen Debatten, die sich vor allem aus dem sinnlosen Bildungsbegriff der Moderne speisen. Denn auch Schreibschrift gehört zur „Bildung“, was auch immer das sein soll (ich kenne die Entstehungsgeschichte des Begriffs, aber seine moderne Verwendung ist sinnentleert beliebig).

Schrift ist ein Resultat der Technologie, mit der sie aufgezeichnet wird. Und um gleich mit einem Mythos auszurĂ€umen: Schrift hat nichts mit Sprache zu tun, zumindest nicht in dieser DetailschĂ€rfe. Schrift ist ein System zur Aufzeichnung von Sprache. Es gibt ein paar EinflĂŒsse durch die Frage des verwendeten Schriftsystems, aber solange wir innerhalb eines Schriftsystems bleiben (in diesem Fall lateinische Alphabetschrift mit deutschen Sonderzeichen), macht es fĂŒr die Sprache keinerlei Unterschied, welches der (grob) vier im Deutschen verwendeten Alphabete wir benutzen. Sie ist damit noch unwichtiger als die Rechtschreibung, die wenigstens hin und wieder Einfluss auf die Sprache nimmt (aber auch nur sehr selten, da ihre Anwendung ein PhĂ€nomen der Verschriftlichung ist, nicht der Sprache selber).

Schrift begann deswegen als Keilschrift, weil diese recht einfach mit einem Keil in ein LehmtĂ€felchen zu ritzen war. Die Antiqua (Druckschrift) sieht so aus, weil sie eine Weiterentwicklung dessen ist, immer noch werden grade Linien in LehmtĂ€felchen geritzt. Die Schreibschriften sind ein Resultat des Schreibens mit Federn auf Pergament/Papyrus/Papier, bei dem das zuvor selbstverstĂ€ndliche Absetzen vom Blatt lĂ€stig wurde. Die komplexe Form der asiatischen Schriften mit ihren variierenden StrichstĂ€rken resultiert aus dem Schreiben mit einem Pinsel. Und die Frakturschriften resultieren aus der Form der europĂ€ischen Schreibfeder, die bei unterschiedlicher Zugrichtung unterschiedlich dicke Linien zieht. Es sind technische Unterschiede, die zu unterschiedlichen Schriften fĂŒhren, keine Unterschiede im Denken.

Und hier komme ich zum Verschwinden der Schreibschrift in den Schulen. Die Schreibschrift ist einer Zeit geschuldet, als mit FĂŒllfederhaltern auf Papier geschrieben wurde. Mit einem FĂŒller vom Papier abzusetzen ist ein vergleichsweise aufwĂ€ndiger Akt, eine lĂ€stige Unterbrechung des Schreibaktes, bei der immer mal wieder ungewollte Linien verbleiben. Es machte daher Sinn, diese Linien zu normieren und zum Teil des Schriftbildes zu erklĂ€ren, um den Schrifterwerb einfacher zu gestalten. Das System war nie perfekt, Diakritika und Elemente wie der Punkt des i und der Querstrich des t störten den Schreibfluss weiterhin und fielen in einem solchen auf Fluss bedachten System noch stĂ€rker auf, unterbrachen teils die sprachliche Formulierung des Satzes wĂ€hrend seiner hakelig verlaufenden schriftlichen Fixierung.
Der FĂŒller als SchreibgerĂ€t sieht nun seinem Ende entgegen. Selbst wer mit Hand schreibt, tut dies mit dem Kugelschreiber und Ă€hnlichen SchreibgerĂ€ten, die auf einem Ball oder einer abgerundeten Spitze laufen. Mit diesen SchreibgerĂ€ten ist es kein Problem, den Stift fĂŒr jede neue Linie kurz einen Millimeterbruchteil anzuheben und andernorts wieder anzusetzen. Das Erlernen einer separaten Schreibschrift verliert seinen technologisch begrĂŒndeten Sinn.
Damit stellt sich auch die Frage, warum Kinder eine Schrift erlernen sollten, die fĂŒr ihr spĂ€teres Leben weitgehend nutzlos sein wird.

Druckschrift hat einen großen Vorteil: Technologische StabilitĂ€t. Die Antiqua hat von der frĂŒhen Zeit des Römischen Reiches bis in die Gegenwart jede technische VerĂ€nderung in der Aufzeichnung von Sprache ĂŒberlebt, von der Lehmtafel bis zum Bildschirm. Ihre einfachen Formen geben ihr die FĂ€higkeit, an jede Darstellungsform angepasst werden zu können, solange sie nur eine ist, die mit den Augen wahrgenommen wird.
WĂ€hrend die Schreibschriften kommen und gehen und schon ein in SĂŒtterlin (erfunden 1914) geschriebenes Dokument fĂŒr die meisten heute unlesbar ist, ist die Antiqua ĂŒber die Jahrtausende leserlich geblieben. Die Inschriften auf römischen DenkmĂ€lern und GebĂ€uden bleiben lesbar, weil sie eben nicht in Schreibschrift verfasst wurden. GrundsĂ€tzlich ist ein Text von jemandem mit Sauklaue leichter zu entziffern, wenn er seine Sauklaue auf Antiqua anwendet als auf die Schreibschrift, bei deren Schnörkeln viel mehr schief gehen kann. Und wenn man davon ausgeht, dass Schrift ebenso wie Sprache der Kommunikation dient, spricht das fĂŒr ihre Überlegenheit in der ErfĂŒllung ihrer zentralen Funktion.

*Anmerkung: Der Autor beherrscht SĂŒtterlin und Fraktur sowie deutsche und russische Schreibschrift. TatsĂ€chlich bevorzugt er persönlich beim Lesen Frakturschriften gegenĂŒber Antiqua. Aber das ist ein reines Geschmacksurteil und solche haben in der Diskussion nichts verloren.