Postsedative Wohnwelten

Unsere Welt ist voll von Konzepten, ausserhalb derer wir nicht denken können. Meist keine expliziten Ideen, sondern Dinge, die sich zwangsläufig aus unserem Lebensstil, unseren Verhältnissen, unserer Biologie und anderen Faktoren ergeben. Sichtbar sind diese Dinge oftmals nur für jene, die sich als nonkonform verstehen – ob mit Absicht oder eher beiläufig als Folge ihrer Art, die Welt zu sehen. Für alle anderen werden sie erst sichtbar, wenn neue Entwicklungen das alte sinnlos machen.
Und damit kommen wir zum Thema dieses Beitrags: Die Selbstverständlichkeit der Sesshaftigkeit.

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Erfindung der Sesshaftigkeit, also des Wohnens an festen Standorten. Mit der Landwirtschaft entstehen die Landwirte, welche ihre Felder das ganze Jahr durch bewirten und Häuser bauen, um jahreszeitlich wechselndem Wetter und anderen Herausforderungen des sesshaften Lebens zu widerstehen.
Die Abende finden nun in den sicheren Häusern statt, Zeit, die zuvor zum Wandern und Wachehalten benötigt wurde, wird für andere Aktivitäten frei. Und mit dem neuen Phänomen der Freizeit beginnt das Zeitalter der Erfindungen, denn plötzlich ist viel Zeit zum Denken frei. Und so kommt es, dass die Völker der Erde in jener Reihenfolge als kulturell-technologische Kräfte in den Geschichtsbüchern auftauchen, in der sie sesshaft werden (von den Mongolen abgesehen). Zunächst war der ideale Mensch der Häuslebauer, dann der Bürger (Bewohner einer Burg).
Wenn Sesshaftigkeit so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, so sehr ihre Grundzutat ist, erklärt das, warum wir an ihrer Selbstverständlichkeit so selten etwas seltsam finden. Zwar gab es immer Völker, die nicht oder weniger sesshaft waren, doch diese ignorierten wir meist, erklärten sie für primitiv und/oder entwicklungsbedürftig.

Bis heute hat sich das zu einem unterschwelligen Extrem entwickelt. Unsere Vorstellung von Stadtentwicklung ist oft davon geprägt, dass wir Menschen als Bewohner von Häusern verorten und den Raum zwischen den Häusern einzig als Verkehrsfläche betrachten, die dazu genutzt wird, von einem Haus zum nächsten zu gelangen. Wir kennen es in seiner massentauglichsten Variante als die Idee von der „autogerechten Stadt“.
Es ist die Allgegenwart des menschen-leben-in-Häusern-Denkens, die Ansätze wie jene von Jan Gehl so revolutionär erscheinen lassen, der Städte für Menschen bauen will. Städtte, in denen Menschen ausserhalb ihrer Häuser leben.

Doch genau in jener Zeit, als die Idee autogerechter Städte aufkam, ging bereits eine Saat auf, die das Ende der Sesshaftigkeit bedeuten konnte. Es war die Grüne Revolution. Diese hat trotz des Namens wenig mit den Grünen zu tun. Es handelt sich um die Industrialisierung der Landwirtschaft.
Plötzlich brauchte es viel weniger Menschen in der Feldarbeit. Doch die Arbeitswelt basierte auf sesshaften betrieben und verfügbaren Dienstleistungen, alles war auf Sesshaftigkeit ausgelegt. Arbeit, Kommunikation, Gesetze, alles erschwerte ein Leben ohne festen Wohnsitz, alles war auf der Norm aufgebaut, dass ein zivilisiertes Leben ohne einen solchen nicht möglich sei. Es gab kein Ausbrechen aus dieser Norm ohne ein völliges Ausbrechen aus der menschlichen Gesellschaft.
Aber es gab Spuren davon: Das Auto kam und mit ihm etwas Neues: Der Berufspendler. Heim und Arbeitsplatz trennten sich, ein niederschwelliges Nomadentum wurde zur Norm.

Und dann kamen die späten 1980er. Auf den Schulhöfen der westlichen Welt (und Japans) erschien der Vorbote einer Revolution.

Viva la Pling-Geräusch-olucion!


Wie gesagt: Vorbote.

Es kam das Zeitalter der mobilen Technologie.
Innerhalb weniger Jahrzehnte erschien Technologie, die es ermöglichte, unterwegs auf seine Arbeit zuzugreifen. Zugegebenermaßen galt das nur für Büroarbeit, aber diese wurde etwa zeitgleich zur dominanten Form von Arbeit. Laptop, mobiles Internet, Smartphone… das digitale Nomadentum wurde eine echte Option für Menschen in Bürojobs oder der Kreativwirtschaft. Unsere Besitztümer werden zunehmend digitaler – Filme, Bücher, Musik, Spiele, alles ist digital und wird über das Netz bezogen. Und wenn unsere Städte menschenfreundlicher werden, brauchen manche Menschen nicht mehr als ein Bett für die Nacht, das ganze übrige Leben kann draussen stattfinden – und wieso nicht jahreszeitabhängig in unterschiedlichen Klimazonen?
Das mit dem Bett ist übrigens keine neue Idee: In der Industriellen Revolution gab es Arbeitersiedlungen, in denen die Menschen nur zum Schlafen in ihre Häuser gingen, wobei die Betten von mehreren Personen abwechselnd benutzt wurden, quasi Schlafen im Schichtdienst. Dieses Wohnmodell verschwand mit der Durchsetzung menschenwürdigerer Arbeitszeiten und Löhne, aber nichtsdestotrotz ist festzuhalten, dass Menschen durchaus so gelebt haben. Und wenn sie es diesmal freiwillig tun, wieso eigentlich nicht? Die japanischen Kapselhotels bieten für eine solche Lebensweise den idealen Raum. Denn wenn man den Rest des Tages ohnehin nicht im Haus verbringt, braucht man auch nicht mehr als ein Bett.

Worauf ich eigentlich hinauswollte?
Wie unglaublich kleingeistig ich diese „Zukunftsvision“ in diesem Kontext letztendlich finde:

Das ganze Konzept basiert darauf, dass Menschen in Zukunft weiterhin ihr ganzes Leben in Häusern verbringen. Es fehlt die Reflexion einer Frage: Warum sollten sie? Zumal, wenn die Wohnungen der Zukunft so beschissene Orte zum Leben sein werden, wie hier dargestellt.


Wahlnachbetrachtung 2014

Sitzverteilung der 9. Ratsperiode 2014-2020 in MG


Da ist er also, der neue Rat. Ich werde diesem ab dem 1. Juni nicht mehr angehören, ab dem die neue Zusammensetzung gilt. Das ist durchaus okay so, ich schreibe dazu später noch separat etwas.
Jetzt geht es erstmal um die Kommunalwahl in MG, ihr Ergebnis und meine Eindrücke daraus. Die Prozentverschiebungen finde ich letztlich uninteressant, so lange keine Sitzverschiebungen daraus erwachsen, denn allein diese sind für die Abstimmungen im Rat von Bedeutung. Nun denn, die Eindrücke, als da wären, Partei für Partei in absteigender Größe.

CDU
Dass die CDU sich wieder über die 40 Prozent hieven konnte, kann ich mir einzig aus den Verlusten der anderen bürgerlichen Parteien erklären. Das passt auch ins Bild, ist der Zuwachs der CDU doch geringer als es die Verluste bei FDP und FWG sind.
Einzig in Wickrath Land (sprich u.a. Wanlo) sehe ich inhaltliche Gründe für einen CDU-Erfolg, dank (leider) populärer Haltungen zum Segelflugplatz und zu Windkraftanlagen.
Dennoch ist klar zu konstatieren, dass die CDU erheblich gewonnen hat. Es gibt im nächsten Rat keine Mehrheitsoption ohne die CDU, nur schwarz-rot und schwarz-grün können die Stimmenmehrheit von 35 Stimmen erreichen (schwarz-rot 49, schwarz-grün 36).
Korrektur Da fehlte der OB in der Koalitionsberechnung, wie Torben Schultz richtig einwendete. Mit diesem hätte schwarz-rot 50 Stimmen, schwarz-grün je nach Ergebnis der OB-Wahl 36 (Bude) oder 37 (Reiners).

SPD
Die SPD stagniert. Nach der Ampel ohne Verluste dazustehen ist eine beachtliche Leistung. Ich denke, das ist der Arbeit solcher Leute wie Reinhold Schiffers zu verdanken, der als Bezirksvertreter sehr rührig und volksnah auftritt. Dies konnte die teils heftigen Verluste in Oberbürgermeister Budes Umfeld auffangen, die sie sich durch Untätigkeit und allzu auffällige Nähe zu bestimmten Unternehmen (*hust*Jessen*hust*) reiflich verdient hatten.

Grüne
Dass die Grünen im Stadtrat nur einen Sitz verlieren ist für mich die große positive Nachricht des Wahlsonntags. Ich hatte nach den vielen desaströsen Diskussionen der letzten 12 Monate (z. B. Stadtbibliothek) mit dem Verlust von zwei Sitzen gerechnet.
Dass die Grünen jetzt mit Abstand größte der kleinen Fraktionen sind, lässt mich für die Zukunft der Stadt hoffen. Jetzt müssen sie aufpassen, nicht zu staatstragend und „verantwortlich“ aufzutreten und ihren grünen Kern weiterhin zu bewahren. Dann ist bis zur Kommunalwahl 2020 ein ernsthafter Politikwechsel in Mönchengladbach drin.

FDP
Die FDP ist de facto zusammengebrochen. Da Mönchengladbach lange als Hochburg der FDP galt, ist es ein empfindlicher Schlag, mehr als die Hälfte der Ratsmandate einzubüßen und so grade noch den Fraktionsstatus zu behalten.
Es fiel bei Wahlkampfauftritten ständig auf, dass die FDP nicht auf der Höhe der Zeit ist und darauf mit einem Angriff nach vorn reagierte: Wenn schon reaktionär-neoliberale Positionen, dann richtig! Damit wurde sie selbst vielen FDPlern zu neoliberal und verlor auch den Kontakt zu einflussreichen Bewegungen wie der Verkehrswende oder der IG Schürenweg. Dass FDP sich dann ausgerechnet die Themen Verkehr und Schule als Hauptthemen herausnahm, war fatal, waren doch genau dies die Themen, in denen ihr Weltbild sich schon längst am weitesten von der Realität entfernt hatte.

Linke
Dass die Linke ihre drei Sitze halten konnte, ist ein weiteres positives Zeichen für die weitere Zukunft. Sie hat keine der viel beschworenen Protestwähler an so genannte Protestparteien verloren und damit bewiesen, dass ihr Ergebnis genuin politisch ist.

Einzelpersonen
Ganze sechs Parteien sind mit je nur einem Sitz im neuen Rat vertreten. Unter diesen sticht die FWG raus, die zuvor noch eine Fraktion war. Ihre öffentliche Selbstzerlegung war spektakulär und nachdem öffentlich klar wurde, dass diese „Partei“ nicht mehr ist als ein Erich-Oberem-Puppentheater, war’s das. Ich bezweifel, dass die FWG je wieder kommunalpolitische Bedeutung erlangen wird, zumal sie mit Ausnahme von Oberems Sohn eigentlich alle ihre fähigen Köpfe rausgeschmissen oder vergrault hat.
Gar nicht mehr dabei ist das in Mönchengladbach einst mit stolzer Tradition verwurzelte Zentrum. Wenig verwunderlich, ist diese Partei doch zuletzt durch nichts aufgefallen. Dass sie die mit Abstand jüngste Liste hatte, war da wohl mehr ein Zeichen des mangels an erfahrenem Personal denn von Jugend.
Die Piraten haben sich ihren Sitz verdient und dazu gibt es schon fast nicht mehr zu sagen. Wir werden sehen, was das gibt.
Mit NPD und ProNRW sitzen zukünftig wieder zwei Nazis im Stadtrat. Dazu kommen noch die Asozialen für Deutschland, die manche dazu zählen, manche nicht (ich nicht, ich finde sie aus anderen Gründen widerlich, siehe Link). Dass die AfD kommunal weniger als ein Drittel ihres gladbacher Europaergebnisses holt, ist interessant.
Und dann ist da noch das eine Mitglied von Die PARTEI. *tieflufthol* ich finde das furchtbar. Ähnlich furchtbar wie die Präsenz von Nazis. Ich habe nichts gegen Ulas Zabci als Person, ich habe noch nicht einmal etwas gegen die PARTEI als Satiregruppe. Aber wenn eine solche Gruppe zu einer Wahl antritt, finde ich das unmöglich, dafür sind demokratische Wahlen schlichtweg zu wichtig. Wer die Wahl durch eine solche Spaßgruppe „unterwandert“, der macht letztlich die Demokratie an sich lächerlich und trägt somit zum ohnehin schon zunehmend demokratiefeindlichen Diskurs, zu Nichtwählertum und „Die-da-oben“-Gerede bei; der stützt letztlich (ich hoffe unwissentlich) jene antidemokratischen Diskurse, in denen sich Populisten und Nazis festsetzen können.

Fazit
Die Stichwahl des Oberbürgermeisters steht noch aus und ist schwer einzuschätzen. Budes Vorsprung zu Reiners ist hauchdünn und ich denke, am 15. Juni wird es ebenso zu einem Foto-Finish der beiden kommen. Dass Bude im Vergleich zu 2009 heftige Verluste hinnehmen musste, könnte für ihn ein böses Omen sein.
Dessen ungeachtet ist der neue Rat ein ganz brauchbares Ergebnis mit ein paar dunklen Flecken. Er bietet Anlass zu einer Hoffnung für 2020, die für 2014 nie bestanden hat. Die Stadt wird mit einer jessen großen Koalition ein paar unschönen Jahren entgegensehen, aber am Horizont gibt es Anzeichen eines Lichtstreifs. Wollen wir hoffen, dass dieser sich im nächsten Jahrzehnt als Sonnenaufgang entpuppt.
Und nicht zuletzt wird dies begleitet von zunehmender Bewegung ausserhalb der politischen Ebene. Es ist diese Ebene, in die ich meine größten Hoffnungen stecke. Doch auch dazu später mehr, wenn ich über meine eigene politische Zukunftsplanung spreche.


Rechte Maßstäblichkeiten (Nachtrag)

Gewähren wir der AfD ausnahmsweise mal etwas Raum. Es könnte sich lohnen. Die Frage, lokal aufgeworfen von der Theo-Hespers-Stiftung ist: Ist die AfD rechts? Gar rechtsextrem oder rechtspopulistisch?

tl;drDie AfD liegt im normalen Spektrum, nur leider ist das normale Spektrum stark rechts eingeschlagen./tl;dr

Der Begriff „rechts&dquo; ist als Einordnung ein schwieriger geworden, war es allerdings immer schon. Einige klassisch zugeordnete Begriffe möchte ich daher gleich rausschmeissen: Rassismus findet sich quer durch das gesamte politische Spektrum, ist also kein geeignetes Kriterium. Grade die AfD hält sich mit Rassismus ohnehin zurück, ihre Fremdenfeindlichkeit speist sich (wenigstens offiziell) aus anderen Beweggründen als Rassismus. Konservativismus funktioniert schon gar nicht, wäre dies das ausschlaggebende Kriterium wären die NSDAP und einige ihrer Nachfolger in ihrer Systemkritik links.

Nein, ich will auf ein Kriterium hinaus, das mir für die AfD zentral erscheint: Sie vertritt eine offen asoziale Ausrichtung. Und das hat sie mit den Rechten gemein.

Eine wichtige Komponente in der innerparteilichen Diskussion fast aller rechten Gruppen ist die Nützlichkeitsdiskussion. Wir finden dort solche Begriffe wie „Sozialschmarotzer“ oder gar die Forderung, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Der Mensch wird nicht als Mensch, sondern als Rädchen in einer Art Staatskonzern betrachtet. Systeme, die dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft dienen, werden weitgehend abgelehnt, weshalb ich die Menschen, die derlei fordern mit dem Begriff „asozial“ belege. Das solche Asoziale nun eben diesen Begriff für Bedürftige verwenden, finde ich allgemein erstaunlich.
Überhaupt ist die ganze Diskussion verkehrt herum: Wir haben eine Gruppe, in der jene, deren einziger Lebenszweck im sinnlosen Anhäufen von Kapital zu bestehen scheint, die dies für unhinterfragt gut befinden und dafür andere Menschen ausbeuten. Diese Gruppe bezeichnet die übrigen als Schmarotzer, als Parasiten. Gleich so, als bezeichne das Virus die Gesunden als Parasiten.

Dies ist ein gemeinsames Phänomen der rechten Gruppen. Beim modernen Prototyp der Rechtsextremen, Hitler, finden wir in Mein Kampf ausgiebige Ausführungen zur Nützlichkeit verschiedener Völker („Rassen“) für die globale Volkswirtschaft – oder, im Falle der Juden, deren unterstellte Schädlichkeit. Auch „Asoziale“ (Begriff wie so oft in der falschrummen Verwendung) landeten schließlich in den KZs.
Entsprechendes zieht sich durch alle rechten Gruppen, aber zur Jahrhundertwende auch einige linke Diskussionen (*hust*Hart IV*hust*).

Und damit kommen wir zur AfD: Die AfD stellt alle sozialen Fragen unter das Primat der Nützlichkeit. Das ist wenig überraschend, besteht sie doch aus (Betriebs-)Ökonomen mit entsprechendem Blickwinkel. Besonders auffällig wird das in der Frage der Zuwanderung, diese soll eingeschränkt werden auf „tatsächlich“ Verfolgte und Nützliche. Menschen werden nicht als Menschen akzeptiert, sondern als Arbeitskräfte und Humankapital verwaltet. Und das, liebe Leute, ist asozial.
Ob es auch rechts ist, hängt davon ab, wie man „rechts“ definieren will.

Schlimmer ist aber, und damit komme ich zu Hartz IV zurück, solche Diskussionen sind inzwischen in der Mitte angekommen. Nach diesem Maßstab sind SPD und CDU leicht rechtslastig, die FDP ist wie die AfD rechts und die BILD ist zum äussersten Rande rechtsextrem.
Und das liegt meines Erachtens nicht daran, dass der Maßstab falsch wäre.

Nachtrag, 22.5.2014 Hier eine just erschienene Studie der Otto-Brenner-Stiftung zum dort so genannten „Wettbewerbspopulismus“ der AfD, passt sehr schön zu diesem Beitrag.


#WasKommunalpolitikerSoMachen

Ich stelle hier ja normalerweise keine Pressemitteilungen der Stadt ein, aber die passt hier ganz gut rein, so zum Abschluss der Ratsperiode. zum Titel siehe hier:

Über 1.150 Beschlüsse gefasst
Die Ratsperiode 2009 – 2014 geht zu Ende: längste Sitzung dauerte acht Stunden und 15 Minuten

Mit der 33. Ratssitzung am kommenden Mittwoch, 21. Mai, (15 Uhr, Rathaus Rheydt) neigt sich die Ratsperiode des bei der letzten Kommunalwahl am 30. August 2009 gewählten Rates dem Ende zu. Bei der Kommunalwahl am kommenden Sonntag, 25. Mai, entscheiden die Wähler auch über die Zusammensetzung des neuen Rates, der dann am 23. Juni in seiner konstituierenden Sitzung erstmals zusammen kommt. Für 17 Mitglieder ist es definitiv die letzte Ratssitzung, da sie nicht mehr erneut für den Rat kandidieren werden.

Mit durchschnittlich 35 Tagesordnungspunkten pro Sitzung hat der Rat seit seiner konstituierenden Sitzung am 6. November 2009 etwa 1.155 Beschlüsse gefasst. Unter anderem sprach sich der Rat im November 2010 für den Bau eines neuen Polizeipräsidiums an der Krefelder Straße aus, gab im Dezember 2010 „grünes Licht“ für das zukünftige Einkaufszentrum durch den Verkauf des Grundstücks auf dem Areal des ehemaligen Schauspielhauses an den Essener Investor mfi, verabschiedete im April 2011 das von der Verwaltung erarbeitete Klimaschutzkonzept und stimmte im März 2012 für den Beitritt Mönchengladbachs zum Stärkungspakt Stadtfinanzen. Zur Zukunftssicherung des Theaters verabschiedete der Rat im Mai 2013 das Konzept „Theater mit Zukunft II“ mit einer mittelfristigen Finanzplanung für die Jahre 2015 bis 2020. Im Juli 2013 beschloss er den Masterplan Mönchengladbach und gab in gleicher Sitzung den Sportstättenentwicklungsplan auf den Weg. Im November vergangenen Jahres beschloss er die anstehende Sanierung der Zentralbibliothek für rund 5,4 Millionen Euro.

Ein Blick zurück auf die Sitzungsprotokolle zeigt, dass die konstituierende Sitzung am 6. November 2009 zugleich auch die längste im Laufe der Ratsperiode sein sollte. Sie dauerte exakt acht Stunden und 15 Minuten und hatte unter anderem die Bildung und Besetzung von Ausschüssen und Gremien auf der Tagesordnung. Die kürzeste Sitzung dauerte dagegen nur 30 Minuten, befasste sich ausschließlich mit dem Haushaltsplanentwurf 2014 und fand am 9. September 2013 statt. In den zurückliegenden 32 Sitzungen hat der Rat insgesamt 121 Stunden und 47 Minuten getagt; zusammengerechnet ergäben dies rund fünf Tage rund um die Uhr Dauerberatung.

Nicht mehr erneut für den neuen Rat kandidieren werden aus der CDU-Fraktion: Rolf Besten, Udo Blank, Horst Hübsch, Dietmar Kirschner, Martin Wiertz, Wolfgang Wunderlich und Renate Zimmermanns; aus der SPD-Fraktion: Lothar Beine, Uwe Bohlen, Helga Klump, Ulrich Mones, Klaus Schäfer und Angela Tillmann; aus der FDP-Fraktion: Dr. Anno Jansen-Winkeln und aus der UFG-Fraktion: Bernd Püllen, Karl Schippers und Gisela Stähn.

Soviel zur PM. Das sind natürlich nur die reinen Ratssitzungen. Dazu kommen noch die Ausschüsse, in meinem Fall regelmäßig der Umweltausschuss (26x) und die BV Nord (32x) sowie als Vertretung in Bau- und Planungsausschuss (2x), Vergabeausschuss (10x), Verbandsrat des Niersverbandes (1x), Freizeit-, Sport und Bäderausschuss (2x), Finanzausschuss (1x) und Hauptausschuss (2x), weiter 176 Fraktionssitzungen à 2-3 Stunden und eine nicht näher zu beziffernde Zahl an Vorbereitungs- und Koordinationstreffen sowie Ortsterminen. Ich bin ziemlich sicher, noch etwas vergessen zu haben.


Vom Ende der Schreibschrift

Es ist mal wieder so weit, das Ende der Schreibschrift wird lamentiert. Das ist eine dieser sinnlosen Debatten, die sich vor allem aus dem sinnlosen Bildungsbegriff der Moderne speisen. Denn auch Schreibschrift gehört zur „Bildung“, was auch immer das sein soll (ich kenne die Entstehungsgeschichte des Begriffs, aber seine moderne Verwendung ist sinnentleert beliebig).

Schrift ist ein Resultat der Technologie, mit der sie aufgezeichnet wird. Und um gleich mit einem Mythos auszuräumen: Schrift hat nichts mit Sprache zu tun, zumindest nicht in dieser Detailschärfe. Schrift ist ein System zur Aufzeichnung von Sprache. Es gibt ein paar Einflüsse durch die Frage des verwendeten Schriftsystems, aber solange wir innerhalb eines Schriftsystems bleiben (in diesem Fall lateinische Alphabetschrift mit deutschen Sonderzeichen), macht es für die Sprache keinerlei Unterschied, welches der (grob) vier im Deutschen verwendeten Alphabete wir benutzen. Sie ist damit noch unwichtiger als die Rechtschreibung, die wenigstens hin und wieder Einfluss auf die Sprache nimmt (aber auch nur sehr selten, da ihre Anwendung ein Phänomen der Verschriftlichung ist, nicht der Sprache selber).

Schrift begann deswegen als Keilschrift, weil diese recht einfach mit einem Keil in ein Lehmtäfelchen zu ritzen war. Die Antiqua (Druckschrift) sieht so aus, weil sie eine Weiterentwicklung dessen ist, immer noch werden grade Linien in Lehmtäfelchen geritzt. Die Schreibschriften sind ein Resultat des Schreibens mit Federn auf Pergament/Papyrus/Papier, bei dem das zuvor selbstverständliche Absetzen vom Blatt lästig wurde. Die komplexe Form der asiatischen Schriften mit ihren variierenden Strichstärken resultiert aus dem Schreiben mit einem Pinsel. Und die Frakturschriften resultieren aus der Form der europäischen Schreibfeder, die bei unterschiedlicher Zugrichtung unterschiedlich dicke Linien zieht. Es sind technische Unterschiede, die zu unterschiedlichen Schriften führen, keine Unterschiede im Denken.

Und hier komme ich zum Verschwinden der Schreibschrift in den Schulen. Die Schreibschrift ist einer Zeit geschuldet, als mit Füllfederhaltern auf Papier geschrieben wurde. Mit einem Füller vom Papier abzusetzen ist ein vergleichsweise aufwändiger Akt, eine lästige Unterbrechung des Schreibaktes, bei der immer mal wieder ungewollte Linien verbleiben. Es machte daher Sinn, diese Linien zu normieren und zum Teil des Schriftbildes zu erklären, um den Schrifterwerb einfacher zu gestalten. Das System war nie perfekt, Diakritika und Elemente wie der Punkt des i und der Querstrich des t störten den Schreibfluss weiterhin und fielen in einem solchen auf Fluss bedachten System noch stärker auf, unterbrachen teils die sprachliche Formulierung des Satzes während seiner hakelig verlaufenden schriftlichen Fixierung.
Der Füller als Schreibgerät sieht nun seinem Ende entgegen. Selbst wer mit Hand schreibt, tut dies mit dem Kugelschreiber und ähnlichen Schreibgeräten, die auf einem Ball oder einer abgerundeten Spitze laufen. Mit diesen Schreibgeräten ist es kein Problem, den Stift für jede neue Linie kurz einen Millimeterbruchteil anzuheben und andernorts wieder anzusetzen. Das Erlernen einer separaten Schreibschrift verliert seinen technologisch begründeten Sinn.
Damit stellt sich auch die Frage, warum Kinder eine Schrift erlernen sollten, die für ihr späteres Leben weitgehend nutzlos sein wird.

Druckschrift hat einen großen Vorteil: Technologische Stabilität. Die Antiqua hat von der frühen Zeit des Römischen Reiches bis in die Gegenwart jede technische Veränderung in der Aufzeichnung von Sprache überlebt, von der Lehmtafel bis zum Bildschirm. Ihre einfachen Formen geben ihr die Fähigkeit, an jede Darstellungsform angepasst werden zu können, solange sie nur eine ist, die mit den Augen wahrgenommen wird.
Während die Schreibschriften kommen und gehen und schon ein in Sütterlin (erfunden 1914) geschriebenes Dokument für die meisten heute unlesbar ist, ist die Antiqua über die Jahrtausende leserlich geblieben. Die Inschriften auf römischen Denkmälern und Gebäuden bleiben lesbar, weil sie eben nicht in Schreibschrift verfasst wurden. Grundsätzlich ist ein Text von jemandem mit Sauklaue leichter zu entziffern, wenn er seine Sauklaue auf Antiqua anwendet als auf die Schreibschrift, bei deren Schnörkeln viel mehr schief gehen kann. Und wenn man davon ausgeht, dass Schrift ebenso wie Sprache der Kommunikation dient, spricht das für ihre Überlegenheit in der Erfüllung ihrer zentralen Funktion.

*Anmerkung: Der Autor beherrscht Sütterlin und Fraktur sowie deutsche und russische Schreibschrift. Tatsächlich bevorzugt er persönlich beim Lesen Frakturschriften gegenüber Antiqua. Aber das ist ein reines Geschmacksurteil und solche haben in der Diskussion nichts verloren.