Das war 2016

Okay, es ist der 31. Dezember und damit Zeit für den Jahesrückblick. Und es war ein Jahr, in dem man gut sehen konnte, wieso Jahresrückblicke nicht vor dem letzten Tag geschrieben werden sollten. Ich meine, Carrie Fisher und ihre Mutter starben beide in der Woche zwischen Heiligabend und Neujahr. Liebe Fernsehsender, nehmt euch einfach an mir ein Beispiel: Jahresrückblicke gibt es ausschließlich am 31. Dezember.
Nun, da das klargestellt ist, weiter zum Rückblick auf mein 2016. Mein öffentliches 2016, den Rest erfahren jene, die es etwas angeht. Andernorts. Vielleicht. Wenn sie fragen. Vielleicht. Aber jetzt erstmal Musik und dann weiter im Text.

Weg ins Fahrradies

Das Jahr begann mit einem Fahrradtransport, als ich am 2. Januar meinen Eltern half, ein Dreirad aus einem Dorf am tiefsten Niederrhein (oder ist Gronau schon Münsterland?) abzuholen, also kann ich auch mit den Rädern weitermachen. Es war ja auch mein erstes Jahr mit Liegerad.

Ausschnitt aus der Fahrraddemo Sternfahrt Düsseldorf 2016 mit verschiedenen Rädern und Fahrern, im Vordergrund der Autor des Blogs

Entspannt, cool und ein tolles Fotomotiv: Ich in Düsseldorf – Bild: Zoe Duisberg/ADFC NRW

Trotz einiger Reparaturen, die anfangs nötig wurden und einer gebrochenen Schraube, die zu weiterem Reparaturbedarf führte muss ich sagen: Ich bin zufrieden. Das Gefährt brachte mich zu den Sternfahrten des Jahres in Düsseldorf und Mönchengladbach (Köln übersprang ich trotz anderer Absichten wegen des Wetters), aber auch zu meinen Touren ins Braunkohlenrevier und auf der längsten Tour des Jahres zu einer Tihange-Demo in Aachen.
Das Fahren ist nach kurzer Eingewöhnung angenehm und schnell, nur die Rennhaken an den Pedalen waren mehr lästig als hilfreich und so lernte ich sie praktisch sofort zu ignorieren. Als kleinen Bonus konnte ich dank der hohen Lage der Beine mehrmals trockenen Fußes recht tiefe Pfützen durchqueren. Das war natürlich keine Absicht aber wenn der Radweg bei Aachen plötzlich unter der Landstraße durchführt, um die Seite zu wechseln, macht man daran nach einem Wolkenbruch recht wenig.
Wie erwartet teilt sich das Liegerad nun mit meinem alten Mountainbike die Aufgaben. Das MTB zieht Lasten und trät mich, wenn ich einen Rucksack brauche, das Liegerad übernimmt die längeren Strecken und Tagesausflüge. Was nicht heissen soll, dass der Lieger nicht ebenfalls einiges an Transportvolumen hätte, was ich im August ausprobieren konnte, als mir auffiel, dass bei einem Stand in Neuwerk alles bereits im Vorfeld vor Ort gebracht war, ausser dem Tisch. Das hat übrigens überraschend gut funktioniert, als wäre der Tisch dafür gemacht.
Liegefahrrad mit einem mit Kabelbindern daran befestigten Klapptisch

Mein Beitrag zum Wikipedia-Eintrag für das Stichwort Eleganz

Die andere Option für die Überschrift dieses Abschnitts wäre übrigens Road to EldoRADo gewesen. Schätzt euch glücklich.

Schrifstellerei und so

Cover of How to Sing Butterflies How to Sing Butterflies DX Edition2016 war kein so produktives Jahr, wie ich mir das gewünscht hatte. Ein großer Teil davon war das, was ich als „Unglück des 11. März“ im Gedächtnis behalten werde. An diesem Tag kam es auf meinem Laptop zu einem umfassenden Festplattenausfall, ausgelöst durch einen Systemabsturz,der wiederum auf einen Absturz von Flash zurückging. Ich hatte kein aktuelles Backup und tatsächlich grade erst mein letztes Backup auf genau diesem Rechner zwischengespeichert. Das war eine ziemliche Katastrophe.
Nun, ich habe dennoch eines meiner anvisierten Projekte zum Abschluss bringen können. Die englische Sammlung How to Sing Butterflies vereint den Großteil meiner Kurzgeschichten in einem Band, von dem zwei Varianten erschienen sind: Eine Standardausgabe mit den Geschichten und eine DX-Ausgabe, ergänzt um Hintergründe zu jeder Geschichte. Ich zähle einige der Kurzgeschichten wie die Titelgeschichte und Sleeper Hit derzeit als meine besten kreativen Arbeiten.
Eine dieser Arbeiten schaffte es dann auch 2016 in meinen ersten Beitrag in einer Anthologie, wobei die Auswahl schon 2015 getroffen wurde. Die Indies Unlimted 2015 Flash Fiction Anthology enthält 52 Geschichten mit je bis zu 250 Wörtern. Flash Fiction ist nicht einfach, aber eine sehr willkommene Herausforderung. Bei mir funktioniert das üblicherweise so, dass ich einen spontanen Gedanken habe und den dann umsetze um selbst zu schauen, was daraus erwächst. Kombiniert mit der Kürze des Formats, welches zu einer sehr bewusst gewählten und dichten Sprache führt, eine sehr schöne Literaturform sowohl zum Lesen als auch zum Schreiben.
Mein Beitrag in dieser Anthologie war Delayed Vengeance, eine für mich eher untypische, weil vollkommen in der Gegenwart verhaftete Geschichte um einen Polizisten und seine Pensionszeit auf einem Kreuzfahrtschiff. Sie ist in beiden Sammlungen erschienen, in denen ich dieses Jahr vertreten war.
Im Dezember folgte der Veröffentlichung dieser Anthologie eine Papierausgabe, meine erste Veröffentlichung auf Papier, wenn man redaktionell de facto nicht bearbeitete Fanzines ignoriert.
Eine SF-Weihnachtskurzgeschichte schaffte es nicht in die Anthologie, für die ich sie geschrieben habe. Sie wird 2017 gute Verwendung finden. Eine weitere SF-Weihnachtskurzgeschichte verfasste ich diesen Monat für eine Blogparade im englischen Blog, auch sie wird nächstes Jahr eine weitere gute Verwendung finden.

Zum 1. Mai beendete ich das (vor allem für Twitterverhältnisse) langjährige Projekt eBooks für lau. Es war mein erfolgreichstes Internetprojekt seit dem Exergaming-Blog Sporle & Co. im letzten Jahrzehnt, aber irgendwann war seine Zeit dann vorbei. Es wurde zunehmend schwieriger, das Verlinken kostenloser eBooks wirtschaftlich tragbar zu halten. Andere Plattformen wie XTME begannen, auch runtergesetzte Angebote bezahlter Bücher zu verlinken, das aber war in diesem Twitterkonzept schwieriger, da jeder Link für sich selbst stand. Und so beendete ich eBooks für lau nach fast fünf Jahren. Letztlich war es einfach an der Zeit.

Das Jahr endet schriftstellerisch mit dem ersten Auftrag, ein komplettes Buch aus dem Englischen zu übersetzen. Mehr oder weniger schriftstellerisch, es handelt sich um ein Kochbuch für Schmortöpfe. In einer besonderen Premiere ist das mein erster Vertrag mit Partnern auf drei Kontinenten (Nordamerika, Europa, Asien) – auch mal was neues.
Diese Übersetzung seht ihr dann 2017.

2017 deutet in diesem Bereich mit meinem ersten Besuch eines Autorentreffs in Mönchengladbach an, etwas, was ich weiterführen will. Es sieht nach diesem ersten Mal so aus, als würde das auch meiner Produktivität helfen. Ich muss sowieso wieder mehr im deutschsprachigen Raum machen.

Etwas anderes im kreativen Bereich war dann noch die Bildgestaltung. Ich habe mich zwischendurch daran versucht, mal ein Bild gezielt auf die sozialen Medien ausgerichtet zu erstellen, statt den jeweiligen Text einfach als Text zu schreiben. Hier die Ergebnisse.

Tatsächlich extrem entspannend

Tatsächlich extrem entspannend

Ich mag Füchse und das Original dieses Liedes war gemein zu ihnen

Ich mag Füchse und das Original dieses Liedes war gemein zu ihnen

Von solchen Experimenten wird es in Zukunft mehr geben.

Politisch immer voran

Dass es 2016 mehrmals galt, bei Aufmärschen rechter Gruppen und Bündnisse Flagge zu zeigen, darauf hätte ich gern verzichten können, aber leider war 2016 ein großes Jahr für den politischen Rückschritt. International wie national war es 2016 überaus frustrierend, als Politiker im linken Spektrum zu stehen. Ich bin dieses Jahr müde geworden, immer das Schlechte zu bekämpfen.
Glücklicherweise gab es aber auch noch andere Anlässe für Demos. Okay, glücklicherweise ist hier nicht ganz richtig, aber ihr wisst, was ich meine. Tihange hatte ich ja schon erwähnt, Garzweiler II war ebenfalls ein sehr präsentes Thema. Die beiden Infostände gegen Massentierhaltung vor Lidl-Filialen in Rheydt und Gladbach waren aber sehr angenehm und effektiv.
Im Gegenzug ist es mir wichtig geworden, das Gute zu fördern und mich dafür einzusetzen. 2016 trat ich bei den Fachgruppen (Landesarbeitsgemeinschaften) Verkehr und Säkulares der Grünen NRW bei, um auf Landesebene aktiv daran arbeiten zu können. Das gipfelte vorerst am ersten Dezemberwochenende auf dem Landesparteitag in Oberhausen, mit dem ich sehr zufrieden bin (hinter dem Link: Eine lange Liste von Forderungen, die wir aus Mönchengladbach ins Landtagswahlprogramm der Grünen einbringen konnten).
Zufrieden war ich zuvor auch mit der Podiumsdiskussion zum Radverkehr in Mönchengladbach, veranstaltet vom ADFC. Hier konnte ich unter Beifall mein Ansinnen vorstellen, Mönchengladbach zu einem wichtigen Knotenpunkt eines landesweiten Radschnellwegenetzes zu machen, das sich nun ja auch in allgemeinerer Form im Landtagswahlprogramm wiederfindet. Hier im Blog brachte ich dazu innerstädtisch ein vielleicht etwas utopisch anmutendes, aber dankbar diskutiertes Konzept ein.

Exkursion an den Braunkohlentagebau Garzweiler II

Heute noch stehen wir am Abgrund, doch morgen schon sind wir einen Schritt weit… äh, Moment mal

Abseits der Parteipolitik gab es dann noch ein Gartenprojekt. Ein Bürgergarten in meiner Nachbarschaft. Doch auch wenn ich mich sehr freue, kommen die Unterschriftsberechtigten nicht so richtig in die Hufe mit den letzten Details zum Pachtvertrag. Das ist eien seltsame Mischung aus Begeisterung und Enttäuschung, aber noch läuft der Prozess. 2017 muss das was werden,momentan sieht es immer noch so aus wie im Sommer, nur halt winterlicher.
Obstwiese an einem Hang

Ackerdistel Hugo und seine Freunde

Weiter im Blog

Vergleich der Gestaltung des Blogs von Mitte 2015 bis Ende 2016

Ein Blog, zwei Jahre

Möglicherweise habe ich etwas zu viel am Blogdesign rumgeschraubt, aber das Ergebnis ist ein perfekt auf meine Bedürfnisse zugeschnittenes, einmaliges und ennoch schlichtes Design mit ein paar hübschen Finessen. Das einst in meinen Augen recht hässliche Blog hat sich zu einem modernen Stück Internet entwickelt, in dem übrigens so gut wie alles ohne spezielle Skripte umgesetzt ist.
Für das letzte Beispiel habe ich einen anderen Beitrag ausgewählt, um meinen veränderten Umgang mit Bildern zu betonen. Jeder Beitrag hat inzwischen auf den ersten Blick ein Bild oder ein Video eingebettet, damit es nicht mehr nach trostloser Buchstabenwand aussieht. Das hat auch den Effekt, dass es in den sozialen Netzwerken ein schöneres Vorschaubild gibt.
Die Reihe Less Litter Lifestyle ist gestalterisch als Experiment gestartet, gezielt Pinterest anzusprechen und zugleich das Design des Blogs auch für andere Medieninhalte zu verwenden.
Ich glaube, damit ist das Blog nun so gut wie fertig. Es ist vor allem auch bereit für meine Pläne für 2017. Doch dazu morgen mehr.

Soweit die großen Dinge. Es gibt viele kleine Dinge, viele persönliche Dinge. Menschen, die ich getroffen habe, Dinge, die ich erlebt und gelernt habe, vieles, von dem ich glaube, dass es nicht in dieses Blog gehört oder wenigstens nicht in einen Jahresrückblick. Ich war nicht so produktiv, wie ich von mir selbst erwarte, aber das bedeutet in keinster Weise ein Jahr, in dem nichts geschehen ist. Ich könnte jetzt eine Diaschau mit mehreren hundert Fotos aus 2016 starten. In keinem Jahr zuvor habe ich je so viele Fotos gemacht.
Es war für mich auch ein Jahr vieler Vorbereitungen für ein aufregendes Folgejahr. Privat, beruflich, politisch.

Wir sehen und morgen zum Ausblick auf 2017. Esst bis dahin mal wieder was Gesundes. Macht euch einfach einen Smoothie mit eurem Lieblingsobst und Nüssen. Bis bald!

Eine Tüte Jellybeans und Rumkugeln vor einem Küchenmixer

Bestes Rezept meiner Sammlung. Mit Abstand. Und 2016 ganz allein ausgedacht!


Breitscheidplatz: Die Terroristen gewinnen

Berlin Breitscheidplatz, eine sich verselbstständigende Terrorangst und warum unsere Öffentlichkeit in Deutschland grade der feuchte Traum jedes Terroristen ist.

Was wir wissen

(Stand 17:30 am 20.12.2016)
Eine unbekannte Person hat am Abend des 19.12.2016 einen mit Metallstangen beladenen polnischen Lkw von einer Baustelle gestohlen. Der polnische Fahrer wird später erschossen im Führerhaus gefunden, wahrscheinlich beim oder kurz nach dem Diebstahl ermordet. Der Lkw wurde dann wohl gezielt in einen Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin gesteuert. 12 Menschen starben bei dem Vorfall, etwa 50 weitere (plus Dunkelziffer von Leuten, die ihre Verletzungen als nicht erwähnenswert erachteten oder den Ort verließen) wurden verletzt.
In der Nacht wurde ein Pakistani als Tatverdächtiger festgenommen, doch inzwischen hat die Polizei erntzunehmende Zweifel an dessen Täterschaft. Erntzunehmend genug, dass sie zur Vorsicht mahnte.seid-wachsamEs erscheint den Aussagen der Polizei folgend zunehmend wahrscheinlich, dass das Täter unerkannt entkommen konnte. Mit diesem letzten Satz kommen wir aber schon in den Bereich der Spekulation.
Und das ist alles, was wir wissen.
Wir wissen nicht, wer es war. Wir kennen weder ein Motiv noch die Vorgeschichte dieser Person. Wir kennen weder ihre Religionszugehörigkeit, noch ihre Nationalität, noch ihre Kontakte. Es erscheint inzwischen durchaus möglich, dass wir all diese Dinge nie erfahren werden. Der Trubel eines Weihnachtsmarktes kombiniert mit dem Chaos einer solchen Tat machen ein Entkommen leicht denkbar. Und nein, auch bei der Polizei arbeiten keine Magier, auch die wissen im Zweifelsfall nur, was die bei der Tat Anwesenden gesehen und gehört haben.

Was daraus wird

Ich bekam den Vorfall kaum mit, da ich gestern Abend mit Arbeit beschäftigt war, die Übersetzung eines Kochbuchs war abzuschließen. Danach sah ich dann die Meldungen auftauchen, es ginge bestimmten Freunden gut. Schön, dachte ich mir, aber warum diese Mitteilungen? Facebook sagte etwas von einem Anschlag in Berlin. Das war dann der besagte Lkw.
Das Neue Deutschland hat bereits alles geschrieben, was ich zu dieser Facebook-Funktion schreiben könnte, also überspringe ich den Teil und komme zu der seltsamen Faktensetzung.
Zwar ist die Tat technisch gesehen ein Anschlag, jedoch ist dieser Begriff inzwischen so sehr mit Terrorismus verbunden, dass diese Verbindung sofort aufkommt. Alles andere wird als Amoklauf bezeichnet. Doch ob es überhaupt ein terroristischer Anschlag war, das wusste und weiss niemand, ausser dem Hintermenschen oder den Hinterleuten der Tat. Ich wünschte, man wäre mit diesem Begriff um einiges vorsichtiger, denn er schürt Angst und Assoziationen.
Assoziationen aber führen zu Spekulationen. Mal wieder, wie schon in München und beim „U-Bahn-Treter“ wollte so manche/r sofort die Religionszugehörigkeit und Nationalität des Täters kennen und zog daraus weitere Schlussfolgerungen, wobei mit jedem Schritt der Assoziationskette die Verbindung zur Realität geringer wurde.
Und so wurde es IS-Terror, egal ob es darauf überhaupt Hinweise gab. Dass die internationale Presse dies dann so aufgriff und dies wieder nach Deutschland zurückspiegelte, machte es dann noch schlimmer. Die Geschwindigkeit, mit der die Meinungsbildung ins Absurde drehte wurde atemberaubend.

Was zum Geier hat Merkel denn jetzt damit zu tun? Und das ist nicht Fox News oder Russia Today, das ist CNN

Was zum Geier hat Merkel denn jetzt damit zu tun? Und das ist nicht Fox News oder Russia Today, das ist CNN

Das nächste, was ich mitbekam, war die Berichterstattung am Dienstag Vormittag. Die ARD hatte einen Terrorexperten ausgegraben, der vor ein Standbild des Bundestages gestellt wurde. In diesem optisch bizarren Bild wurde besagter Experte dann zu Hintergründen befragt, die er ebensowenig kennen konnte wie irgendwer sonst. Und er antwortete brav mit den Sprechblasen, die so ein Fernsehexperte halt aufbläst, um nicht zugeben zu müssen, dass er auch nicht mehr weiss als alle anderen Berichterstatter. Denn berichtete er nur, was bekannt ist, er hätte maximal fünf Minuten Sendezeit damit gefüllt und noch schlimmer: Nicht dem Publikum nach dem Mund gesprochen. Und das wäre Gift für die Quote gewesen.
Man hätte das lösen können, schließlich hat die ARD ja auch Amokexperten und Stimmungsexperten udn Populismusexperten und Internetexperten, die man hätte zusätzlich befragen können. Hat man aber (meines Wissens) nicht.
Und so verfestigte sich der Mythos vom Terroranschlag zur Gewissheit. Immer noch gab es keine neuen Hinweise dafür, aber da Medien und Politiker ungerne zugeben, nichts zu wissen, bedienten sie den Mythos. Und da auch sie im Strudel der öffentlichen Meinungsbildung steckten, glaubten sie wahrscheinlich auch selbst daran. Ob man es etwa Thomas de Maizière zum Vorwurf machen kann, wenn er öffentlich den Ausdruck „Anschlag“ legitimiert, da bin ich nicht so sicher, auf jeden Fall ist es aber ein Problem.

Warum die Terroristen gewinnen

Terrorismus verfolgt im wesentlichen das Ziel, mit möglichst wenig Einsatz möglichst große Angst zu verbreiten. Das ideale Szenario der Terroristen ist daher, wenn sie in aller Munde sind, ohne überhaupt einen Finger krümmen zu müssen. Das haben sie nun allem Anschein nach erreicht.
Vielleicht waren es Terroristen, ja. Aber hinter jedem „vielleicht“ steckt auch ein “vielleicht aber auch nicht“. Vielleicht war es ja auch ein durchgeknallter Amokläufer.
Wenn wir bei jeder Tat sofort mit vollkommener Selbstverständlichkeit von Terroristen sprechen, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.


Sieben am Sonntag 18.12.2016

Sieben Dinge der Woche, ausgewählt zum Ende der Woche. Eine Chronik des alltäglichen Wahnsinns, der Erfreulichkeiten, Merkwürdigkeiten und sonstigen -keiten, der Fundstücke und Dings. Jeden Sonntag, mehr oder weniger.

Musik der Woche

Wir starten wieder mit Hintergrundmusik. Diese Woche ein politischer Mottosong für all die Tröten dieser Welt. Es gibt eine Menge Tröten in dieser Welt.

eBook der Woche

Okay, ja, diese Geschichte über mit einem lauten BRUALP! aus dem Unterholz springende Haie, die Menschen verschlingen, ist mit voller Absicht Trash. Aber was bei Filmen einigermaßen geht, tatsächlich guten Trash zu produzieren, ist bei Büchern sehr schwer und so ist Hypershark durchaus eine Leistung.
Und er liefert dann auch alles, was er verspricht, zum Beispiel:

  • Charaktere, so platt wie eine Flunder
  • Witze und coole Sprüche, so platt wie die Charaktere
  • Völlig hirnloses, pseudowissenschaftliches Geschwafel
  • Dialoge, noch hirnloser als das pseudowissenschaftliche Geschwafel

Das ist mal eine echte Leistung. Wie gesagt, ein schlechtes Buch unterhaltsam zu schreiben, das ist eine heftige Aufgabe und das hier ein Meisterwerk dieser. Und ich habe jetzt endlich genug Text geschrieben, damit es das Layout nicht verhaut, also weiter zu…

Dinoding der Woche

godzilla-sweaterIst der nicht herrlich hässlich? Aber mit den Hubschraubern udn Panzern, den ganzen Details, das ist fast schon zu liebevoll gestaltet um als hässlicher Weihnachtspullover zu enden. Doch genau das ist dieses Angebot bei Teespring.
Und ja, Godzilla ist ein Dinosaurier, wenn auch kein echter, das zählt.

Bepflanzung der Woche


This photo of Tengkleng Mba Dyah is courtesy of TripAdvisor
Die Deutsche Welle hatte diese Tage die Geschichte eines Herstellers von Tellern aus Blättern gebracht. Das wurde auf Facebook durchaus kontrovers diskutiert. Eine interessante Entdeckung aus der Diskussion sind aber Pincuks wie oben abgebildet, die aus Bananenblättern gefaltet werden. Und bei den Bananen gibt es ja auch Arten, die in unseren Breiten wachsen können, was das Ganze sehr interessant macht.

Sprachfehler der Woche

Ein glücklicherweise inzwischen dementierter Eintrag, wobei ich die Dementierung auch für beachtlich halte. Ich finde, man sollte bei dem ganzen Gender-Zeug mal einen Gang runterschalten und auch mal akzeptieren, dass es halt nicht für jede/n passt. Es ist eine völlige Überbewertung persönlicher Empfindungen, dafür den sprachlichen Ausdruck so zu verkomplizieren, dass am Ende niemand mehr weiss, was wann wo zu sagen ist. Und das alles nur, weil es niemand gebacken kriegt, sprachliches, gesellschaftliches und biologisches Geschlecht auseinanderzuhalten.
Ach ja, die ursprüngliche Meldung war die Behauptung, in Oxford würde demnächst das neuneutrale Pronomen ze eingeführt.
Dabei gibt es ja schon ein neutrales Pronomen: it. Dass dies im Deutschen problemlos auf Menschen angewendet werden kann („das Kind“) ohne, dass die Betroffenen dadurch als Objekte behandelt würden (ausser natürlich als grammatische Objekte), entkräftet auch schon so ziemlich das einzige Argument dagegen.
Im Ernst, dieser Quatsch geht mir auf den Senkel.

Radanlage der Woche

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Kleve will mit einem „Radschnellweg“ zwischen Kleve und Kranenburg am Aufbau eines landesweiten und länderübergreifenden Netzes von Radschnellwegen mitbauen. Schlussendlich würde der Weg nach Nijmegen in den Niederlanden führen. Der Name stimmt nicht ganz, der Weg ist für diese Bezeichnung mindestens einen Meter zu schmal und die Vorrang der Autos an einigen Kreuzungen geht auch gar nicht, aber immerhin ist es eine deutliche Verbesserung der Wege für größere Strecken.
Hat eigentlich jemand eine Karte mit allen angedachten Strecken auch von kommunaler Ebene? Allein Mönchengladbach hat da ja schon drei zuzüglich der Überlegungen um Garzweiler II. Mir kommt das alles sehr unkoordiniert vor.

Weltraummission der Woche

japan-space-netDas ist KOUNOTORI6, ein unbemanntes japanisches Weltraumfahrzeug, das eine erstaunliche einfache Lösung eines modernen Problems erproben soll. Es ist mit einem Fischernetz ausgestattet, welches Weltraumwale fangen im All herumschwirrenden Abfall und andere Kleinteile im Orbit auffangen soll.
Müll aus vergangenen Missionen ist eine große Gefahr für die moderne Raumfahrt, an deren Lösung alle raumfahrenden Nationen stetig arbeiten. Nun hat die japanische Raumfahrtbehörde JAXA erstmals tatsächlich eine Lösung dafür in einen Erdorbit geschickt.


Sieben am Sonntag 11.12.2016

Willkommen beim Nachfolger der Freitäglichen Fünf. Die Serie hat zuletzt doch sehr gestottert. Das lag zum einen an sehr vollen Frei- und Samstagen, zum anderen aber auch an der Prämisse. Es ist nicht einfach, jede Woche fünf nennenswerte positive Nachrichten zu finden. Vor allem nicht, wenn man in der Woche kaum Zeit übrig hatte, überhaupt näher die Nachrichten zu verfolgen. Und manchmal will man sich auch einfach über manche Dinge aufregen. Mein natürlicher Sarkasmus und die rein positive Ausrichtung ringen immer wieder um Dominanz und das kam in der Reihe auch immer wieder hervor.
Das bedeutet nicht, dass das Format nun negativ wird. Der positive Grundton wird bleiben, aber er wird näher an meiner Herangehensweise an Dinge rücken. Wo auch kathartisches Aufregen einfach dazugehört. Nun gibt es also statt fünf positiver Nachrichten jeden Freitag sieben „X der Woche“ am Sonntag, bei denen es sich um so ziemlich alles handeln kann.
Ich gehe davon aus, dass sich einige davon festigen werden, weil es Dinge sind, die ich ständig mitbekomme – Musik der Woche, eBook der Woche und Dinoding der Woche fallen auf. Ansonsten mal schauen, was draus wird.

Musik der Woche

Erstmal passende Musikunterlegung für den restlichen Artikel. Draufklicken, weiterscrollen.

Rückschritt der Woche

Das in Internetdingen gefürchtete Landgericht Hamburg hat wieder zugeschlagen. Nach dem neuesten Beschluss sind nun also Links auf Urheberrechtsverletzungen selbst als Urheberrechtsverletzungen zu werten.
Der Beschluss selbst liest sich mit seinen durchaus zahlreichen Einschränkungen nicht annähernd so schlimm wie die Berichterstattung dazu, dennoch ist das eine mindestens problematische Entscheidung.

eBook der Woche

Auf Amazon schwirrt eine Menge seltsamer Kram durch die Gegend. Da ich jahrelang eine Plattform für kostenlose eBooks betrieben und dafür täglich die verschiedenen Anbieter abgesucht habe, bekam ich da so einiges von mit und komme auch heute noch ständig daran vorbei. Es reicht von grottenschlechten vermeintlichen Meisterwerken, die man erwarten würde, über religiöse Ergüsse und pseudologische Theorien bis zu reiner Nazi-Propaganda. Aber der amüsanteste Teil sind dabei natürlich die puren Spinner.
Nun ist ein Buch über Elektrosmog ein guter Einstieg, aber damit allein hat sich Stefan Salsa den Eintrag noch nicht verdient. Nein, das sichert ihm einer der zitierten Wissenschaftler, ein gewisser Prof. Konstantin Meyl. Nach diesem googelte ich dann und davon abgesehen, dass er schlichtweg kein Physiker ist, hat der ein paar abgefahrene Theorien zu bieten.
Mein absoluter Favorit ist die Idee, Hühner seien biologisch in der Lage, Kernfusion zu betreiben. Natürlich nicht zur Energiegewinnung, sondern um das für die Eier nötige Kalzium herzustellen. Logisch.

Dinoding der Woche

Aus China stammt ein weiterer spektakulärer Fund im Bereich der gefiederten Dinosaurier. Diesmal ist es ein Stück des Schwanzes eines kleinen Raubsauriers, das im Bernstein erhalten wurde. Es ist nicht die erste Dinosaurierfeder in Bernstein, aber dennoch ein beachtlicher Fund, der viele Informationen über die Entstehung der Feder bergen kann.
bernstein-dinosaurier-schwanz

Armee-Einsatz der Woche

Die Vermessungs- und Liegenschaftenabteilung der US-Armee hat das Projekt einer Pipeline mitten durch das Reservat der Sioux von Standing Rock gestoppt. Das Vorhaben, das die Sioux massiv bekämpften, während die USA mit zunehmender Brutalität versuchten, den Bau durchzusetzen, machte zuvor den Eindruck eines beginnenden Bürgerkrieges — angesichts der Geschichte der USA mit den Amerikanern eine traurige und nicht ganz unwahrscheinliche Fortsetzung der Geschichte.
Es gab sogar eine Vergebungszeremonie usaner Veteranen bei den Sioux.

Sprachfehler der Woche

In Mönchengladbach wird eine neue Büroanlage verbaut mit dem wunderbaren Namen… Paspartou. Nein, ich habe mich nicht verschrieben, das ist der offizielle Name. Er steht so auch in der Pressemitteilung der Stadt, die ich leider nicht verlinken kann, da sie sich in meiner Mailbox befindet.
Ich habe ja die leise Befürchtung, dass auch das ou nur deshalb drin ist, weil jemand im letzten Moment merkte, dass Paspartuh irgendwie so komisch unfranzösisch aussieht. Der Begriff schreibt sich übrigens Passepartout und bezeichnet die Papierrahmung in einem Bilderrahmen. Was das mit Büros zu tun haben soll, weiss ich zwar nicht, aber vielleicht sollte es ja tatsächlich als Wortspiel Paspartout (=„nicht überall“) werden. Wer will das schon wissen? Es gibt auch noch die Bedeutung „Generalschlüssel“, aber das will auch nicht so recht passen.

Rezept der Woche

Super-Kohlenhydrat-Smoothie. Das Bild reicht, den Rest könnt ihr euch selber denken.
Die Jelly Beans sind gelatinefrei, es ist also vegetarisch, wenn auch nicht vegan (Milch, Bienenwachs, Schellack).

Ich sehe kein Problem damit. Ihr?

Ich sehe kein Problem damit. Ihr?


LDK 2016 in Oberhausen, die Zweite

Dieses Jahr gab es zwei Landesdelegiertenkonferenzen (LDK, so nennen u.a. die Grünen ihren Parteitag) in Oberhausen. Von der ersten im September berichtete ich nicht, da ich diese reine Wahlveranstaltung für nicht sooo wahnsinnig spannend hielt. Konnte man ja auch alles online verfolgen. Eine kurze Suche bei Youtube hilft.
Am vergangenen Wochenende dagegen ging es um das Landtagswahlprogramm, also um Inhalte. Das finde ich dann deutlich interessanter.

Viele Kreise, ein Landesprogramm - Bild: Bündnis 90/Die Grünen NRW

Viele Kreise, ein Landesprogramm – Bild: Bündnis 90/Die Grünen NRW


Natürlich kann man auch diese über drei Tage gehende Konferenz bei Youtube nachschauen: Tag 1 (vier Stunden), Tag 2 (zwölf Stunden) und Tag 3 (sechs Stunden). Aber es gibt mehr zu erzählen, als das.

Wahlzeugs

Tag zwei war dann doch zu großen Teilen ein Wahlmarathon, denn ich nach vorne stellen möchte, weil er kurz angesprochen werden kann. Denn es gab mit Peter Walter einen Kandidaten aus Mönchengladbach. Dessen nachdenkliche Wahlrede zur Friedenspolitik gibt es ab etwa 3:27:50 in der Aufzeichnung zum zweiten Tag nachzuhören. Er konnte sich damit auf Platz 30 der Liste zur Bundestagswahl behaupten. Dafür durfte er einen dieser komischen Grabkränze mitnehmen, die wohl den Versuch eines weihnachtlichen Blumenstrausses darstellten.
Wir sind stolz auf unseren Peter!
Daneben gab es noch eine Debatte zur Kandidatur Christoph Butterwegges zum Bundespräsidenten, vorgeschlagen von der Linkspartei. Eine Abstimmung dazu gab es nicht da der Antrag zurückgezogen wurde. Ich habe mir die letzten Tage eine Meinung zu Butterwegge gebildet: Butterwegge ist fraglos ein Populist, allerdings genau die Art von Populist, die wir grade dringend brauchen. Einer, der deutliche linke Positionen zurück in eine verneoliberalisierte Bundesrepublik bringt, die es zu diskutieren lohnt.

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Scheiss auf die Mitte

Siehe oben. Und nun siehe unten.

Bild: Google

Bild: Google

Donald Trump wird der 45. Präsident der USA. Es gibt keinen anderen Satz, mit dem man diesen Beitrag einleiten kann. Einzig totale Sachlichkeit fängt das Entsetzen ein, das diese Tatsache mit sich bringt. Donald Trump wird der 45. Präsident der USA.
Ich erwarte, dass dies den Niedergang der USA in der Weltpolitik einleitet. Die Welt wird sich auf eine Zukunft einstellen müssen, in der die USA keine auch nur annähernd so ausgeprägte internationale Rolle spielen werden, wie es derzeit der Fall ist. Das kann gut finden, wer mag und ich kenne genug, die es tun werden. Es hat ja auch potenziell durchaus positive Auswirkungen, wenn die USA sich weniger in die Angelegenheiten des Rests der Welt einmischen. Aber es sind halt auch Zeiten, in denen eingesessene Strukturen verschwinden werden, in der die ganze Welt sich neu ordnen, Staaten ein neues Verhältnis untereinander finden müssen. Das kann ungemütlich werden, insbesondere, weil etliche der anderen Staaten ebenfalls populistische bis rechte Staats-Chefs haben.
Wir werden sehen, was genau kommt und was es für Europa bedeutet. Mir geht es jetzt um die Lehren, die für die vielen progressiven Wahlverlierer zu ziehen sind, welche die letzten Jahre hervorgebracht haben.

Die Personalisierung als Problem

Ich mag das, was als Wahlkampfstrategie präsentiert wird, nicht mehr als solchen bezeichnen. Wahlkampf hat was politisches. Was Parteien heute führen, ist nicht mehr politisch. Es ist Kandidaten-Marketing, mit Zuspitzung auf die Spitzenkandidaten. Das ist etwas, was im föderalistischen System der Bundesrepublik eigentlich aus gutem Grund (*hust*1933*hust*)nicht möglich sein sollte.
Es ist ja nicht nur bei uns bereits schiefgegangen. Auch die USA hatten ein paar charismatische, aber katastrophale Präsidenten, wenn auch nicht annähernd so furchtbar wie in Deutschland. Auch Trump ist definitiv kein Hitler. Er ist ein Vollidiot, aber kein Wahnsinniger.
Nun, eben jenes sehr problematische System wollen die diversen Wahlkampfmanager auch in Deutschland einsetzen, wo sie es nicht bereits tun. Eine Person spricht die Menschen an, sie ist einfach zu verkaufen. Politik? Wen interessiert schon, welche Politik man da wählt? Seriöser Wahlkampf, seriöse Politik würden versuchen, den Leuten zu erklären, worum es geht. Das ist anstrengend, also macht es keiner.
Die absurden Folgen im US-Wahlkampf waren Diskussionen, ob Hillary Clinton grade eine Grippe habe. Was auch immer das mit ihrer Eignung für die Präsidentschaft zu tun haben soll. Es erinnert an die Frage, ob Gerhard Schröder sich die Haare färbt — nur dass die Amis diese Fragen tatsächlich ernstzunehmen scheinen. Das ist es, worauf wir hinsteuern.

Das Geseier von der Mitte

Hillary Clinton war eine Kandidatin aus Angst. Aus Angst der Demokraten, man könne mit dem zur Nominierung aktiv bekämpften demokratischen Gegenkandidaten Bernie Sanders Wähler verschrecken. Also hat man eine Kandidatin bekommen, die genau nichts Mutiges zu sagen wagt.
Das kennen wir in Deutschland als „die Mitte ansprechen.“ Es hat sich soweit ausgebreitet, dass nur noch die Rechten es wagen, mit Positionen vorzupreschen, die kontrovers sein könnten. Und das wird ihnen honoriert, weil die Menschen danach dürsten, dass endlich mal wieder jemand etwas anderes sagt als das immergleiche Geseier aus der Mitte.
Symptomatisch dafür ist bei mir Sarah Wagenknecht, wie sie vor einigen Jahren bei Richard David Precht saß und sich auf mehrmaliges Nachfragen ausdrücklich weigerte, eine Utopie oder auch nur irgendeine nennenswerte Zukunftsvision aufzustellen. Und wenn die Leute keine Utopie kriegen, keine mutig vorspreschenden Ideen, dann nehmen sie halt die Dystopie, die rückschreitenden Anti-Ideen. Hauptsache, Vision. Hauptsache, Bewegung.
Man darf dumme Ideen haben, man darf spinnen. Das erzeugt Diskussion, das erzeugt Aufmerksamkeit, das erzeugt unter den ähnlich Denkenden Achtung und unter den anders Denkenden meist nichts, wovor man sich fürchten muss. Versucht nicht ständig, die anderen anzusprechen, sprecht die an, die eurer Meinung sind und zeigt ihnen, dass es jemanden gibt, der sie vertritt. Gebt euch und ihnen Visionen, die man vertreten, für die man einstehen, die man präsentieren kann.
Traut euch was oder ihr überlasst das Feld jenen, die sich was trauen. So einfach ist das.


Wir basteln einen Radschnellweg Lürrip-Innenstadt

Ich hatte in den letzten Tagen mehrfach angedeutet, dass ich mir einen Radschnellweg südlich des Hauptbahnhofes MG vorstellen könnte, quasi als Ergänzung zum SPD-Vorschlag eines solchen Weges im Norden der Stadt (der in meinen Augen irgendwie kein wirkliches Streckenziel hat, er wäre halt da). Ich will das nun etwas genauer ausführen. Aber zunächst ein paar Karten zum Erschrecken, dann die Erklärung:

Grün: Ebenerdig/vorhandener Bahndamm dunkelblau: Hochtrasse gelb: Rampe hellblau: potenzielle Fahrradverbindung Heinrich-Sturm-Straße Zum Vergrößern aufs Bild klicken

Grün: Ebenerdig/vorhandener Bahndamm
dunkelblau: Hochtrasse
gelb: Rampe
hellblau: potenzielle Fahrradverbindung Heinrich-Sturm-Straße
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Hinweis: Eine Rampe zur Kranzstraße fehlt hier nur versehentlich

dunkelblau: Hochtrasse gelb: Rampe hellblau:potenzielle Weiterführungen

dunkelblau: Hochtrasse
gelb: Rampe
hellblau:potenzielle Weiterführungen

Ziele

Ein Radschnellweg ist meines Erachtens dann sinnvoll, wenn er vorhandene Strukturen verknüpft oder zusammenfasst oder aber wenn er lohnende Ziele ansteuert.
Also zunächst zu den vorhandenen Strukturen: Es gibt in Mönchengladbach einige gute oder potenziell gute Verbindungen. Der von Wickrath weit in den Niederrhein führende Nierswanderweg sticht hervor, daneben gibt es noch die Richard-Wagner-Straße/Brucknerallee (Hermges-Rheydt), die Landwehr (Dahl-Ohler-Pongs), die Korschenbroicher Straße (Mönchengladbach-Neuss) und einige wenig bis nicht genutzte Straßen im Raum Rheindahlen/Hardt, über die Fahrten in Richtung Süden (Erkelenz, Heinsberg, Aachen) und Niederlande (Roermond) möglich sind. Hinzu kommen Planungen für eine Fahrradstraße in der Heinrich-Sturm-Straße (als auch heute schon nutzbare Unterquerung des Bahndammes) und der genannte Radschnellweg weiter nördlich. Im Bereich der von mir angedachten Strecke gibt es noch ein paar kleinere Verbindungen, die ich nicht alle aufzählen möchte.
Relevante Ziele in Gladbach sind sicherlich die beiden Hauptbahnhöfe mit ihren Radstationen und der jeweiligen Anbindung zur Innenstadt, die größeren Stadtteilzentren (Wickrath, Rheindahlen), das Umland (u.a. Krefeld, Viersen, Neuss/Düsseldorf, Heinsberg, Niederlande) und natürlich die Verknüpfung der Stadtteile untereinander.

Definition Radschnellweg

Okay, das ist für die nächsten Ausführungen wichtig, vorab zu klären: Ich definiere den Radschnellweg im Folgenden als eine zu anderen Verkehrsträgern kreuzungsfreie Verbindung, die rein für die Benutzung durch Fahrräder (der Einfachheit halber einschließlich Pedelecs und Mofas) gedacht ist. Es gibt noch ein paar weitere Bedingungen für die Bezeichnung, die unabhängig vom Konzept leicht umsetzbar sind und daher hier keine Rolle spielen sollen. Also quasi als Fahrradgegenstück zur Autobahn.
Damit lege ich einen höheren Standard an, als der Radschnellweg 1 im Ruhrgebiet. Daraus folgt: Eine Umsetzung mit Abstrichen ist natürlich möglich, das hier ist die Maximalvariante.

RS-MG-OS

Der Radschnellweg Mönchengladbach Ost-Süd (hoffentlich offensichtlicher Arbeitstitel) fände seinen Anfangspunkt am S-Bahn-Haltepunkt MG-Lürrip, unweit der Korschenbroicher Straße, die hier ostwärts über den Nierswanderweg und in Richtung Neuss führt. Diese Nähe kann in der weiteren Zukunft als Anknüpfungspunkt für eine Verbindung des Gladbacher OS-Weges mit dem Endstück der bereits geplanten Verbindung Monheim-Düsseldorf-Neuss dienen. In Kombination mit den Überlegungen, den nördlichen Radschnellweg nach Krefeld anzubinden, würde Mönchengladbach dann zu einem zentralen Knotenpunkt des landesweiten Radschnellwegenetzes.
Von hier aus bietet sich zunächst an, den Weg auf dem derzeit noch leeren ehemaligen Bahndamm zu führen, der sich schon jetzt vom Bahnhof Lürrip bis zur Breitenbachstraße befahren lässt, allerdings als abgeräumtes ehemaliges Bahngelände nur mit einem guten Mountainbike. Das ist der einfache Teil, der praktisch sofort umgesetzt werden könnte. In der Karte ist das das große ebenerdig (grün) angelegte Stück.
An der Breitenbachstraße kann man den Weg natürlich in das Straßennetz zurückführen. Für den Namen „Radschnellweg“ wäre dies aber dann doch etwas mickrig. Aber wie kommen wir weiter? Nun, wie wäre es damit:

Also, der radweg, nicht der Hafen natürlich - Bild: Ole Malling für Dissing und Weitling Architektur

Also, der radweg, nicht der Hafen natürlich – Bild: Ole Malling für Dissing und Weitling Architektur

Das ist Cykelslangen, ein auf einer Hochtrasse angelegter Radweg in Kopenhagen. Am oberen Ende auf dem Bild beginnt er mit einer Rampe und steigt auf eine Höhe von 5,50 Metern.
Ich könnte mir vorstellen, mit einer solche Hochbahnführung auf Höhe der Bahntrasse den Radschnellweg weiterzuführen, mit mehreren Rampen an geeigneten Stellen. Wohlgemerkt auf Höhe der Bahntrasse, nicht auf der vorhandenen Bahntrasse. Der Weg würde südlich an die Bahntrasse angeflanscht. Da sich der Weg an der Südseite des Bahndammes befinden würde, gäbe es auch nichts, was durch den Radweg verschattet würde, die Sonne steht ja in unseren Breiten eher selten im Norden. Dieser erhöhte Teil kann dann an unterschiedlichen Stellen in Höhe des Berliner Platzes enden, beispielsweise in Form einer Rampe zur Oststraße, die abzweigende Schienenverbindung ins Rheydter Industriegebiet begleitend oder in die geplante Unterführung zwischen Theodor-Heuss-Straße und Korschenbroicher Straße hinein.
Man muss aber auch ehrlich sein: Das ist ein teures Vorhaben. Ein Brückenbauwerk dieser Länge dürfte über den Daumen gepeilt so etwa 2-3 Millionen Euro kosten. Das kann die Stadt nicht tragen, das müsste ganz klar im Landesprogramm für Radschnellwege getragen werden, wenn man es umsetzen will.

Weiter in die Zukunft

Der südliche Endpunkt kann in der weiteren Entwicklung natürlich noch weiter entwickelt werden. Es könnte sich beispielsweise sehr lohnen, den Weg entlang der abspaltenden Bahntrasse bis zum Geneickener Bahnhof weiterzuführen, wo die Bahntrasse endet und ein bereits vorhandener Radweg anschließt, der bis zur Odenkirchener Straße läuft. Dort endet er zwar recht abrupt, aber immerhin.
Die attraktivere Verbindung wäre eine Lösung, um die Theodor-Heuss-Straße zu überqueren und auf die Dessauer Straße oder die August-Oster-Straße zu kommen, wo eine Verbindung zur Richard-Wagner-Straße und somit zur angedachten Radwegeführung zum Hauptbahnhof Rheydt möglich wäre. Ist die Theodor-Heuss-Straße einmal gequert, kann man den Radverkehr auch zur Landwehr leiten, an der entlang es zum Stadtwald und von da aus ins westliche Umland geht. Hier haben wir dann unsere Verbindung zur Schiene Erkelenz-Aachen und in die Niederlande.
Andernorts im Streckenverlauf ist es dann noch nötig, die Lücke zwischen diesem Radschnellweg und dem im Norden zu schließen.
So oder so wäre Mönchengladbach mit einem solchen Vorhaben ein bedeutender Knotenpunkt für den überörtlichen Radverkehr. Das kann sich für die Stadt enorm lohnen.

Spinne ich?

Vermutlich. Aberich halte spinnen für den wichtigsten Schritt auf dem Weg in die Zukunft. Erstmal spinnen, dann auf das realisierbare runterbrechen und dann machen. Aber man muss auch sagen: Wir haben es geschafft, in relativ wenigen Jahren ein Autobahnnetz durch die gesamte Bundesrepublik zu bauen. Da ist das hier nichts gegen.



Freitägliche Fünf 21.10.2016

Jede Woche Freitag oder Samstag, je nachdem, wann es zeitlich klappt, die fünf beziehungsweise samstags sechs Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.

1. Ethanol aus CO2

Ich möchte darauf hinweisen, dass einer von den drei den selben Bart trägt wie ich - Bild: Oak Ridge National Laboratory

Ich möchte darauf hinweisen, dass einer von den drei den selben Bart trägt wie ich – Bild: Oak Ridge National Laboratory

Ein amerikanisches Experiment, um Kohlendioxid in Ethanol umzuwandeln, war nicht nur erfolgreich, es war erfolgreicher als erwartet. Die Forscher konnten mit Hilfe von Nanotechnologie genug Ethanol erzeugen, um es direkt als Treibstoff zu verwenden.
Das Konzept bringt ein paar neue Fragen mit sich, was den Kohlenstoffkreislauf der Industrie angeht. Wenn wir unsere Antriebe auf diesen Prozess umstellen, müssen wir vollkommen anders mit CO2 umgehen. Ein solches System müsste nicht nur auf ein Zuviel, sondern auch auf ein Risiko des Zuwenig Acht geben. Aber wir können damit eben auch die aktuelle Überdosis abbauen. Wir werden sehen, wie diese Methode eingesetzt wird.
Ein Versehen war der Erfolg übrigens nicht: Die Methode tat genau, was sie sollte, nur deutlich effizienter als geplant.

2. Hacker in der smarten Stadt

Weniger eine gute Nachricht, als eine rechtzeitige Warnung: Smart Cities sind eine schlechte Idee. Das Gute daran ist zum einen die Warnung, zum anderen mein Amüsement.

3. Schiaparelli auf dem Mars

Abschiedfoto - Bild: ESA

Abschiedfoto – Bild: ESA

Mit Schiaparelli ist in Zusammenarbeit mit Russland erstmals eine (west-)europäische Sonde auf dem Mars gelandet.
Schiaparelli sollte vor allem eine Landung auf dem Mars erproben, bevor 2020 ein europäischer Roboter-Rover zum Mars geschickt, der dort nach Zeichen von Leben suchen soll.

Es sieht so aus, als hätte Schiaparelli die Landung nicht überstanden.

4. Rogue One Weird

Falls irgendwem der letzte Trailer zu Rogue One zu langweilig gewesen sein sollte, hier eine aufpolierte Version:

5. CETA gescheitert

Das demokratiefeindliche Wirtschaftslobbyistenprogramm CETA wurde von der kanadischen Handelsministerin für gescheitert erklärt, nachdem die Wallonie sich nicht zu einer Zustimmung bewegen ließ.


Samstägliche Sechs 15.10.2016

Jede Woche Freitag oder Samstag, je nachdem, wann es zeitlich klappt, die fünf beziehungsweise samstags sechs Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.

1. Bootsbau für Neulinge

Angel und Motor weg, Pedale und evtl. Räder dran, dann isses fertig - Bild: Quelle unklar, wahrscheinlich BoatsArePeopleToo.com (offline)

Angel und Motor weg, Pedale und evtl. Räder dran, dann isses fertig – Bild: Quelle unklar, wahrscheinlich BoatsArePeopleToo.com (offline)

Das Tischchen in der Mitte macht den Unterschied. Bootsbau kann so einfach sein. Nur noch eine Pedale dran, eine zweite Pedale oder Umschaltung mit Rädern und ich habe mein unaufhaltbares Amphibienfahrrad. Niemand kann mich aufhalten, NIEMAND!

2. Veganes Straussenei

An der Farbe arbeitet die Lebensmittelindustrie noch - Bild: Manuel Ha/Facebook

An der Farbe arbeitet die Lebensmittelindustrie noch – Bild: Manuel Ha/Facebook

Wisst ihr, was noch besser ist, als die Überschrift, unter der Facebook-Nutzer dies eingestellt hat? Die Liste der Inhaltsstoffe!

Hab die Packung leider nicht mehr, aber im groben handelt es sich um mit Stärke (Achtung: Pure Kohlenhydratbombe) und Eiweiß eingedicktes Wasser unter Zusatz von Magnesium, Kalium, Kalzium, Phosphor und Eisen. Um das ganze als Functional Food auf den Markt zu bringen wurde auch noch Vitamin C, B1, B2 und B6 zugesetzt. Vitamin C vermutlich nur, um es haltbarer zu machen. Tja… moderne Industrienahrung eben…

3. Ölfrei 2030

Der Bundesrat hat beschlossen, dass nach diversen anderen Staaten auch Deutschland das Ende des Verbrennungsmotors einleitet. Die Empfehlung des Bundesrates ist nicht annähernd so weitgehend, wie das so manche Schlagzeile suggeriert, aber sie ist ein Einstieg.
Letztlich soll die Förderung von Verbrennungsmotoren bis 2030 eingestellt werden.

4. Strom in Steinen

steinspeicherIn Hamburg wird eine neue Art von Stromspeicher für Erneuerbare erprobt. Der Wärmespeicher aus Steinen ist im Grunde ein Haufen Steine, die erhitzt werden und aus deren Hitze bei Bedarf wieder Strom gewonnen wird. Die Technik ist simpel, günstig und problemlos in die Umgebung zu integrieren.

5. Nobelpreis für Bob Dylan

Dass Bob Dylan den diesjährigen Nobelpreis gewonnen hat, haben die Meisten wohl schon mitbekommen. Der Preis ist ja nicht so obskur, wie er es verdient hätte zu sein und Bob Dylan ist auch nicht grade ein Unbekannter.
Ich wollte es hier nur nochmal erwähnt haben.

6. Podiumsdiskussion zum Radverkehr

Ich durfte diese Woche bei einer sehr guten Podiumsdiskussion des ADFC zum Radverkehr in der Stadt Mönchengladbach teilnehmen. Das war eine sehr gute Veranstaltung mit klaren Ansagen aus der Politik. Auch ich konnte dabei einige Ideen einbringen. Und ich wurde für die Aussage, man muss den Autofahrern durchaus auch mal was wegnehmen, denn der über alle Maßen gepäppelte Autoverkehr muss auf ein vernünftiges Maß gestutzt werden, weder vor Ort noch hinterher gesteinigt.


Less Litter Lifestyle 5: Die Haare schön

Die ganze Serie

Der Herbst bringt viel Frucht mit sich. Essbare Nüsse sammeln wahrscheinlich viele, die diese Serie lesen, aber richtig interessant ist auch, was man mit nicht essbaren Nüssen machen kann. Die auffälligste unter den nicht essbaren Nüssen dürfte die Rosskastanie sein. Mal abgesehen von ihrem Nutzen als Pferdefutter, dem sie ihren Namen verdankt, reinigt sie auch noch gut. Wie, dazu komme ich nach dem Bild zum Artikel.

Ich schreibe weiter, sobald ich mich davon abhalten kann, mir für diese Bildkomposition auf die eigene Schulter zu klopfen

Ich schreibe weiter, sobald ich mich davon abhalten kann, mir für diese Bildkomposition auf die eigene Schulter zu klopfen

Vor ein paar Jahren kam die aus Indien stammende Waschnuss bei ökologisch denkenden Menschen in Mode, eine an so genannten Saponinen reiche Nuss, die in ihrem Herkunftsland traditionell zum Waschen von Kleidung genutzt wird. Leider führte der westliche Bedarf an Waschnüssen zu einem starken Preisanstieg und inzwischen können viele Inder sich die Nuss nicht mehr leisten und müssen auf eben jene Waschmittel ausweichen, die im Westen durch die Waschnuss ersetzt werden sollten. Vom langen Weg aus Asien zu uns ganz zu schweigen. Das konnte nicht Sinn der Sache sein und so suchte man nach Alternativen zur Waschnuss.
Und tatsächlich, auch in Europa sind Pflanzen mit hohem Saponingehalt heimisch. Mit der Rosskastanie gar eine, deren Saponingehalt ähnlich hoch bis höher war als jener der Waschnuss.lll-shampoo

Phase 1: Waschmittel und Flüssigseife

Flüssigwaschmittel aus Kastanien ist sehr einfach herzustellen. Man nehme je nach Größe 5-8 Kastanien, zerschniede oder zerhämmere sie und bedecke sie mit Wasser. Die Kastanien müssen vollständig mit Wasser bedeckt sein. Das Ganze lässt man dann über Nacht stehen und gießt die gelbliche, leicht Blasen schlagende Flüssigkeit durch ein nicht zu feines Sieb. Das Sieb sollte so sein, dass es die Kastanienstücke rausfiltert, aber die Seife gut durchlässt.
Für Weisswäsche ist das Waschmittel so nicht geeignet, aber auch das geht mit ein paar zusätzlichen Schritten. Dazu entfernt man die braune Schale von den Kastanien (das geht bei geschnittenen leichter als bei ganzen oder mit dem Hammer zerschlagenen) und gibt bei der Wäsche noch einen Teelöffel Backpulver dazu.
Im Grunde kann man das Waschmittel auch als Flüssigseife nutzen. Aber wir können noch einen drauflegen und auf dieser Basis Shampoo herstellen.
Nicht zu viel machen: Die Kastanienseife hält sich etwa eine Woche. Zur Vorratshaltung sollte man Kastanien nehmen und entweder einfrieren, oder zerkleinert trocknen (etwa 2 Stunden zerschnitten oder zerhämmert bei 50°C im Ofen oder Trockner).

Phase 2: Shampoo

Für das Shampoo brauchen wir zwei Ladungen von dem Waschmittel. Der Grund dafür ist unsere zweite Zutat: Eine Quitte oder ein halber Apfel ergänzen die Seife um deren Vitamine und Fruchtsäuren, die bei der Haarpflege helfen. Natürlich geht auch eine andere Menge, ¼ Apfel ist nur ein etwas unpraktisches Maß für Rezepte.
Das Obst wird mitsamt der Kerngehäuse kleingeschnitten.
Obst und Seife kommen in einen Kochtopf und werden etwa 25 Minuten abgedeckt köcheln gelassen, danach werden mit einem groben Sieb die restlichen Obststücke rausgefiltert. Wenn das Shampoo zu flüssig ist, kann man es mit Speisestärke andicken.
Manche Rezepte verwenden andere Mittel zum Andicken (etwa Pektin oder Flohsamenschalen), aber Speisestärke bindet am schnellsten ab, ist am günstigsten, in jedem Supermarkt zu finden und in den meisten Haushalten ohnehin vorhanden.
Auch das Shampoo hält im Kühlschrank etwa eine Woche. Für die Vorratshaltung kann man es einfrieren oder wie Marmelade einkochen.

Anwendung

Das Waschmittel wird wie normales Flüssigwaschmittel benutzt. Zu beachten ist aber, dass es das Wasser nicht entkalkt, das muss man also hin und wieder zusätzlich machen, um die Waschmaschine zu pflegen.
Ähnlich wie die Zahnpasta schäumt auch das Shampoo nicht annähernd so stark wie vertraute Industrieprodukte, die gezielt mit Stoffen versehen werden, die das Schäumen fördern. Das tut der Reinigungswirkung keinen Abbruch, ist aber halt ungewohnt.

Müllvermeidung

Aus eigener Ernte vermeidet man natürlich den gesamten Verpackungsabfall von Waschmittel- und Shampooflaschen, aber auch gekauft gibt es Obst und Kastanien reicht leicht unverpackt zu kaufen. Bei Weisswäsche und Shampoo fallen die Verpackungen von Stärke und Backpulver an, das ist aber im Vergleich zur normalen Abfallmenge für diese Produkte so gut wie nichts.

Nächste Woche geht es weiter mit unserer Herbsternte. Wir machen kuhfreie „Milch“ aus Nüssen. Denn für eine eigene Kuh dürften die meisten dann doch etwas wenig Platz haben.