Sieben am Sonntag 28.05.2017

Sieben Dinge der Woche, ausgewählt zum Ende der Woche. Eine Chronik des alltäglichen Wahnsinns, der Erfreulichkeiten, Merkwürdigkeiten und sonstigen -keiten, der Fundstücke und Dings. Jeden Sonntag, mehr oder weniger.

Musik der Woche

Literarische Einflüsse zu identifizieren ist entgegen der Behauptungen so mancher Germanisten und Konsorten ein nahezu unmögliches Unterfangen, wenn es nicht um die ganz großen Muster kultureller Entwicklung geht. Praktisch alle von uns sind ständig kulturellen Einflüssen ausgesetzt. Darunter sind eben nicht nur die großen, bekannten Namen, sondern auch ein ständiger Strom von obskur bleibendem Material, welches zufällig grade jene Künstler erreichte, welche es dann beeinflusste.
Ich habe diese Woche erstmals eine Kurzgeschichte an einen professionell zahlenden englischsprachigen Markt geschickt. Ob sie die Geschichte zur Veröffentlichung kaufen, werden wir dann sehen. Zuvor hatte ich sie bereits in einem Wettbewerb eingereicht, den sie aber nicht gewann.
Heute aber fiel mir spontan die wahrscheinliche Inspiration der Geschichte auf. Obwohl nicht Steampunk, sondern pure Science Fiction, fand ich doch eine stare Verbindung zu The Doctor’s Wife von The Clockwork Quartet. Und während ich die Geschichte momentan nicht veröffentlichen kann, weil ich sie ja noch an eine Zeitschrift oder eine Webseite verkaufen will, kann ich durchaus diese kleine Ballade hier einstellen. Vielleicht inspiriert sie ja weiteres.

Buch der Woche

Karsten Schuldt hat sich in wissenschaftlicher Form mit der Frage beschäftigt, was Bibliotheken im Umgang mit Armut tun können, was sie tun und wie arme Menschen Bibliotheken nutzen oder nutzen können. Was ursprünglich als Habilitation geplant war, wurde nun zu einer davon unabhängigen Veröffentlichung, die jedem ans Herz gelegt sei, der sich mit dem Thema kulturellen Zugangs bei finanziell schwachen Menschen beschäftigt: Sozialarbeiter, Bibliothekare, Kommunalpolitiker, kulturell aktive und wer sich sonst noch davon angesprochen fühlt. Einige werden sich an die gradezu giftige Diskussion erinnern, die vor einigen Jahren beim Thema Bibliotheksneubau in Mönchengladbach lief. Und ähnliches passiert wohl regelmäßig, wenn Kommunalpolitiker ernsthaft erwägen, Geld in Bibliotheken zu stecken. Aber sich wundenr, dass wir rekordträchtige Zahlen von Schulabgängenr ohne Abschluss haben.
Direkt vom Autor gibt es auch eine Version als PDF-Datei, die dann kostenlos zu haben ist.

Schuldzuweisung der Woche

Sehr geehrte Besucher, aufgrund Ihres hohen Alters ist unsere Leopardin leider gestorben

Schämen Sie sich!

Ich habe keine Ahnung, wo das hängt und wer es zuerst fotografiert hat, denn es schwirrt grade durch Twitter. Der wichtige Punkt ist, dass wir nun endlich wissen, wer schuld war: Sie!

Statue der Woche

Ein nackter Luther protestiert mit Schrift gegen den vergessenen Antisemitismus des Bibelübersetzers

Nicht zu lachen – Bild: Evelin Frerk/Das 11. Gebot

Ich habe ein ernsthaftes Problem mit der diesjährigen Luther-Verehrung. Wer mir länger folgt, wird das mitbekommen haben.
Luther war einer der einflussreichsten Wegbereiter des modernen Antisemitismus. Meinetwegen war er auch Antijudaist, scheisst der Hund drauf. Die Ideengeschichte bleibt die selbe: Luther war brennender Judenfeind. Und dass das praktisch verschwiegen wird, regt mich auf. Nun ist die Reformation sicherlich ein größeres historisches Verdienst als der Bau von ein paar Proto-Autobahnen, dennoch: Sowas kann man nicht einfach verschweigen. Insbesondere nicht bei Leuten, die grade wegen ihrer Weltanschauung bedeutsam geworden sind.
Entsprechend freue ich mich über diese Installation der Gruppe Das 11. Gebot, deren Kernforderung ist, dass der Kirchentag in Berlin gefälligst von der Kirche selbst bezahlt werden soll. Aber bei der ganzen Lutherjahr-Jubelei bleibt nicht aus, dass auch das zu thematisieren ist.
Auf der Rückseite findet sich dann übrigens konkret Luthers Aussage, wie man mit den Juden zu verfahren habe, zu finden in Luthers eher selten in Schulen besprochener Schrift Von den Juden und ihren Lügen.

Dinosaurier der Woche

Fossil eines Nodosaurus nahezu lebensecht erhalten

Wäre ich ein Fossil, ich würde wohl ähnlich dreinschauen – Bild: national Geographic

Dieses absolut beeindruckende Fossil eines Nodosauriers wurde von Bergarbeitern in Kanada gefunden. Nicht nur wurden ein Skelett und ein paar Teile des Panzers gefunden, das Vorderteil des Tiers ist lebensnah erhalten. Normalerweise vor der Versteinerung verschwundene Details wie die Schuppen oder das die Panzerknollen bedeckende Hornschild sind erhalten und die Form des Panzers ist nicht länger ein Puzzle, sondern zeigt seine Gestalt wie am lebenden Tier.
Die Nodosaurier waren nahe mit den bekannteren Ankylosauriern verwandt. Beide waren schwer gepanzerte mittelgroße Dinosaurier, die auf vier Beinen liefen und sich vermutlich von Pflanzen ernährten. Während die Ankylosaurier eine mächtige Keule am Ende ihres Schwanzes besaßen, fehlte diese den insgesamt schlanker gebauten Nodosauriern.
Erhalten sind auch Spuren der Mageninhalte, was für die Diskussion interessant ist, wie so viele so große Tiere wie zur Zeit der Dinosaurier gleichzeitig leben konnten. Denn dafür ist eine sehr klare Trennung der Nahrungsquellen nötig, damit die Tiere nicht zu stark konkurrieren.

Papier der Woche

Erinnert sich noch wer an das Thema Bürgergartenprojekt in der Innenstadt Mögnchengladbach? Das hier:?

Obstwiese an einem Hang

Ackerdistel Hugo und seine Freunde – Bild: eigen

Das ist jetzt fast ein Jahr her, danach steckte der Prozess aus verschiedenen Gründen heftig fest.
Zwischenzeitlich kam noch ein Imker dazu, der auch auf das Gelände wollte und wir mussten erstmal Bedenken ausräumen, unser Projekt sei damit erledigt. Dabei sind ein Bürgergarten und ein Bienenprojekt ganz hervorragend kompatibel — in einer frühen Phase hatte ich noch selbst überlegt, Bienenvölker anzusiedeln, davon aber mangels Fachkenntnis in der Bienenhaltung Abstand genommen.
Nun, ich habe gute Neuigkeiten: Seit Mittwoch liegt Transition Town prinzipiell ein unterschriftenreifer Vertrag vor, nach dem das Projekt am 1. Juni in Arbeit gehen kann. Ich denke, der Juni selbst wird noch von Vorarbeiten eingenommen und dann kann es losgehen. Wir haben damit dann bis 2022 einen Südhang von 0,6 ha für ein inklusives Gartenprojekt mit Hephata zugesichert. Ich freu mich drauf. Endlich.

Test der Woche

Greenpeace Österreich hat (leider nur bei Facebook) ein Video veröffentlicht, in dem sie einen Test zusammenfassen, wie lange diverse Lebensmittel nach dem angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatum genießbar bleiben. Das Ergebnis ist durchaus beachtlich – ic hätte etwa nicht gedacht, dass Jogurt als Milchprodukt so lange anstandslos überlebt. Er bleibt offenbar sehr lange auf dem Stand „kurz umrühren, schon sieht er wieder gut aus und ist genießbar“ stehen, solange die in ihm lebenden Bakterienkulturen, die die Milch ja zu Jogurt machen, stabil bleiben.


Sieben am Sonntag 21.05.2017

Sieben Dinge der Woche, ausgewählt zum Ende der Woche. Eine Chronik des alltäglichen Wahnsinns, der Erfreulichkeiten, Merkwürdigkeiten und sonstigen -keiten, der Fundstücke und Dings. Jeden Sonntag, mehr oder weniger.

Musik der Woche

Angedacht war ein weiterer Titel vom letztwöchigen Grand Prix Eurovision,aber erneut hat der Lauf der Geschichte reingespielt. Denn vor wenigen Tagen ist der Sänger von Soundgarden gestorben. OB es ein Selbstmord war, darüber wird noch gestritten. So oder so ist er nun tot und als Sänger eines der mir am besten in Erinnerung gebliebenen 90er Metal Songs bekommt er natürlich ein Tribut in Form eben dieses Titels.

Rückkehr der Woche

Fliegt, meine Hübschen, fliegt! - Bild: Schauzeit Rheydt

Fliegt, meine Hübschen, fliegt! – Bild: Schauzeit Rheydt

Die Schauzeit in Rheydt ist wieder da. Die einmonatige Veranstaltung, bei der leer stehende Ladenlokale in Rheydt an Künstler und Kreative verliehen werden, hat die Stadt 2015 erfolgreich belebt und einigen dieser Kreativen Kontakte und einen Einstieg in die lokale Szene ermöglicht. Und einige der Einrichtungen sind ja auch geblieben, mir kommt da insbesondere das nach seinem Standort benannte Harmonie 20 in den Sinn.
Eine gute Aktion, auf deren Wiederholung ich mich freue. Ich selbst habe auch eine Idee dazu, aber dafür muss ich noch ein wenig mit ein paar Leuten sprechen.

Verbotsforderung der Woche

Da sag noch einer, Technoskeptizismus (was ein Wort!) wäre ein rein deutsches Phänomen: In San Francisco laufen grade Versuche, ein geplantes Roboter-Liefersystem zu verbieten.

Stoff der Woche

T-Shirt-Fabrik der Zukunft? - Bild: IGV Biotech

T-Shirt-Fabrik der Zukunft? – Bild: IGV Biotech

Falschmeldungssender NTV berichtet in einem neuen Beitrag ganz ohne Falschmeldung über den Einsatz von Algen als Rohstoff in der Textilproduktion. Das ist ein interessanter Ansatz gegenüber der problematischen Baumwolle mit ihrem enormen Pestizid- und Wasserverbrauch.
Die alteingesessenen Unternehmer halten da natürlich wenig von und kommen mit einem der merkwürdigsten Argumente aller Zeiten:

Algen und Milch seien gute Ideen, eine Lösung der Probleme des Textilkonsums sieht sie in ihnen jedoch nicht. 25 Millionen Tonnen im Jahr liefere allein die Baumwollproduktion, die nur ein Drittel des Faserbedarfs abdeckte. „Wo sollen die ganzen Algen herkommen? Wie viele Kühe wollen wir uns hinstellen?“, fragt sie.

Das kommt von Alexandra Perschau. Nicht etwa einer Lobbyistin der alten Industrie (hoffe ich), sondern die für den Bereich zuständige Frau bei Greenpeace. Nunja, Frau Perschau, im Falle der Algen kann ich ruhig darauf hinweisen, dass diese Dinger im Ozean wachsen. Sie wissen schon, dieses große blaue Ding, das 71% der Erdoberfläche bedeckt. Da sollte Platz sein.

Radteil der Woche

Warum nicht? - Bild: Bridgestone

Warum nicht? – Bild: Bridgestone


Bridgestone kündigt ein Rad ohne Luftreifen an, welches statt dessen mit thermoplastisch verformbarem Kunststoff federt. Wem diese Technik vage bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich schon vom Loopwheel gehört, welches mit einer Carbon-Kunststoff-Feder im Rad die Federung des Rahmens überflüssig macht.
Beide brauchen im Gegensatz zu Luftreifen etwas Spiel nach oben, da sich das gesamte Rad beim Federn verformt. Das dürfte zu Problemen bei sehr knapp gebauten Rahmen führen, aber mit einem richtig dimensionierten Rahmen und Rad wird das eine ganz gute Option für unkaputtbare Reifen.
Nur vermutlich recht teuer.

Fahrrad der Woche

Die neue Form von Trethilfe

Die neue Form von Trethilfe

Hier noch ein Nachtrag von der Sternfahrt letzte Woche Samstag. Dieses Rad fuhr in der dieses Jahr etwas sehr von Normalofahrrädern dominierten Sternfahrt nach udn durch Düsseldorf ein paar mal vor mir her. Das Gestänge funktioniert auch tatsächlich und das sieht dann ein wenig aus, wie wenn jemand auf einem Bügelbrett durch den Verkehr trockenschwimmt. Eine Alltagssituation, die sicher alle hier kennen werden, weswegen sie sich so gut als Vergleich eignet.

Kissen der Woche

kackkissenMein Sofa ist nun komplett.


Vorm Abgrund stehen und weitergehen

Ich hatte nicht erwartet, dass der Misserfolg der Grünen in NRW dermaßen hohe und vor allem langlebige Wellen schlägt. In der Debatte geht grade eine Menge schief. Es ist alles andere als einfach, das in eine vernünftige Reihenfolge zu vertexten, aber ich will es mal versuchen. Gleich als Ausblick: Ich halte thematische und konzeptionelle Oberflächlichkeit und mangelnde Kommunikation für das Hauptproblem. Weiter geht es in den Abschnitten nach dem Bildchen.

Ja, das 1. und 2. hat einen Sinn. Den hat nur niemand verstanden. Einschließlich der meisten Wahlkämpfer

Ja, das 1. und 2. hat einen Sinn. Den hat nur niemand verstanden. Einschließlich der meisten Wahlkämpfer.
Dazu komme ich nachher noch.


Professionalisierung kontra Profil

2015 gab es auf der LDK (Landesdeligiertenkonferenz=Landesparteitag) einen Antrag zum Thema „Keine religiösen Symbole an und in Gebäuden des Landes“. Völlig gleich, was man von diesem Thema hält, es war eine wichtige Debatte zu der Zeit. Debattiert wurde es freilich nicht, es wurde von der Tagesordnung genommen mit dem Hinweis, der Vorstand bespreche das nochmal intern. Das war wegweisend: Fortan gab es keine Debatten. Wir waren voll auf die Presse hereingefallen, die jegliche Prozesse öffentlicher Findung von Positionen gerne als Zerstrittenheit darstellt. Und wir tun dies im übrigen immer noch, selbst jetzt grade in Bezug auf die Landtagswahl. Bloß keine Kontroversen führen! Es soll eine missverstandene Geschlossenheit demonstriert werden, die verhindert, dass man die Probleme anspricht.
Die Partei, insbesondere die Parteileitung, jagt einem Phantom der Professionalisierung hinterher.

Bloß nichts sagen

Kann sich jemand an konkrete Forderungen der Grünen zur Landtagswahl erinnern? Nein? Nun, das hat einen Grund: Das Nachäffen der Wahlkämpfe anderer (vornehmlich Österreich und Baden-Württemberg), kombiniert mit Professionalisierung in Form von Zielgruppenanalyse. Das eine ist, dass uns dank Zielgruppenanalyse alle weggebrochen sind, die nicht zu unserer Kernzielgruppe gehörten. Das andere ist die grundsätzlich mangelnde Konkretheit.
Eine Lehre, die aus Österreich immer wieder betont wurde, war der Erfolg politisch hohler Lifestyle-Events. Forderungen machen nur schlechte Presse, Events machen gute Laune. Wenn der Landesverband etwa feststellt:

Die wirtschaftliche Zukunft des Industrielandes NRW hängt vom Gelingen der Energiewende und dem ökologischen Umbau der Wirtschaft ab. Es ist uns nicht gelungen, die Chancen dieses Wandels herauszustellen.

dann kann ich dazu nur sagen: Wir haben es ja auch gar nicht versucht! Ich wüsste keine einzige Veranstaltung auf Landesebene, bei der dies getan wurde. Wir waren aktiv so unpolitisch wie es für eine Partei nur ging. Leichte Beute für eine umso politischer agierende konservative bis neoliberale Seite, die den Leuten erfolgreich einreden konnte, sie seien in NRW unsicher und überhaupt wäre alles ganz schlimm. Wir hatten genug im Programm, aber nur abstrakte Sprüche ohne konkrete Aussagen auf den Plakaten.
Das gilt allerdings für alle Ebenen: Die Führung hat es präsentiert, aber wir an der Basis haben es geschluckt, bestenfalls geschwiegen.

Und manchmal haben wir diskutiert, dann aber halt Blödsinn. Wen interessiert es, ob die Kinder bis zum Abitur acht oder neun Jahre brauchen? Das interessiert niemanden. An diese Stelle hätte eine Debatte über Unterrichtsinhalte und Vermittlungsmethoden gehört, um diesem Blödsinn den Wind aus den Segeln zu nehmen, bevor er verfängt.
Doch ob G8, Ganztagseinrichtungen oder Inklusion: Der Karren ist vor die Wand gesetzt worden, weil wir das Ziel im Auge hatten, aber niemand den Weg kannte. Und wenn man in so einer Situation einfach eine grade Linie von Start zu Ziel fährt, der läuft halt Gefahr, dazwischen ein paar Wände zu übersehen. Oder auch ein paar Bergketten.

Kurz vor der Wahl kamen nochmal ein paar Themen auf den Tisch. Das Ticket um für 2 € am Tag durch ganz NRW fahren zu können (zum Vergleich für alle, die das zu teuer finden, das entspricht für einen Monat etwa drei Tagen hin und zurück für meine alte Pendelstrecke Mönchengladbach-Düsseldorf) kam und das Thema Bienen.

Die Blindheit, mit der wir übersehen haben, dass soziale Fragen das sind, was die Menschen zur Zeit umtreibt, war beachtlich. Nein, Martin Schulz‘ Kanzlerkandidatur war keine Überraschung. Das war von dem Moment an offensichtlich, als er sich am Höhepunkt seiner Popularität aus Brüssel zurückzog. Und selbst wenn — man brauchte keinen Schulzzug, um die Bedeutung der Themen Armut und Verelendung zu erkennen. Wir selbst zeigen ja immer wieder auf das Thema der sich öffnenden wirtschaftlichen (ich finde die Bezeichnung als soziale Schere etwas bekloppt, es geht ja um Einkommen, nicht um den Freundeskreis) Schere. Alle reden über die Flüchtlinge (ja, immer noch), wo bleiben unsere Konzepte zur Integration? Gut, wir haben ja auch keine für die Inklusion, wir hoffen bei solchen Wörtern mit „In-“ stets, das sich das von selber löst, wenn wir nur fest genug daran glauben (siehe obige Aussage mit den Wänden).

Aber welcher Teufel treibt eigentlich eine bereits kriselnde Partei dazu, Koalitionen auszuschließen? Ich meine, ich will auch keine schwarz-grüne Koalition, aber um Himmels Willen, durch einen solchen Beschluss gewinnt man niemanden und vertreibt dafür so manche Wechselwähler.

Und dann die interne Kommunikation: Unsere Kampagne wurde intern als Geheimsache behandelt, als könne man den Orts- und Kreisverbänden nicht vertrauen. Was auch zur Folge hatte, dass nur eine kleine Anzahl von Mitgliedern die Erklärung der auf unaufgeklärte albern wirkenden 1.-2.-Plakate kannte. Solche Marketing-Eskapaden jenseits der Lebenswelt der Kundschaft sind ein typisches Phänomen fehlgeleiteter Professionalisierung.

Alle gegen uns

Natürlich hat das auch externe Ursachen. Die Berichterstattung über die Grünen ist unterirdisch und von Sensationsgier geprägt.
Randnotizen und vorsichtige Überlegungen, ob etwas vielleicht eine sinnvolle Idee sein könnte, werden zu massiven Forderungen aufgebläht. Jede Diskussion darüber wird zu einem Streit stilisiert. Damit haben wir umzugehen verlernt. Statt dies als Gelegenheit aufzugreifen, für seine Positionen zu werben oder die Debatte ins Rollen zu bringen, ziehen wir uns zurück und überlassen jenen das Feld, die daraus einen Strick für die Partei drehen. Wir meisseln unsere Aussagen immer glatter, immer inhaltsloser, damit sich ja niemand daran stößt.
Doch warum sonst werden wir denn an der anderen statt gewählt wenn nicht, um genau das anzusprechen, was die anderen nicht ansprechen?

Hier ist, was ich von der Grünen Partei in Zukunft als Ziel ihrer politischen Kultur erwarte:
Mehr Mut zur Meinung.
Mehr Mut zur Debatte.
Mehr Mut zur Individualität.
Weniger Marketing-Bla.

Dann wird das auch wieder was.

Ich verstehe den Ruf nach Geschlossenheit, aber ich befürchte, wir verwechseln diese mit demonstrativer Lernresistenz. Letztere wäre der berühmte Schritt, den man in Zukunft weitergehen will, wenn man heute am Abgrund steht.



Sieben am Sonntag 14.05.2017

Sieben Dinge der Woche, ausgewählt zum Ende der Woche. Eine Chronik des alltäglichen Wahnsinns, der Erfreulichkeiten, Merkwürdigkeiten und sonstigen -keiten, der Fundstücke und Dings. Jeden Sonntag, mehr oder weniger.
Diese Woche mit ein paar zusätzlichen Einträgen aus der Vorwoche, da ich die übersprungen habe. Der heute endende Wahlkampf kann ziemlich viel Zeit kosten, da fallen andere Dinge manchmal runter. Ein Blog zum Beispiel. Aus dem selben Grund geht dieser Beitrag auch online, während ich nicht zu Hause bin. Also nicht wundern, wenn die Verweise in den sozialen Netzwerken erst einen Tag später kommen.

Musik der Woche

Es interessiert mich nicht, ob der sülzige Portugiese letzte Nacht des ESC gewonnen hat, das hier ist mein Gewinner der Herzen. Beim Publikumsvoting fett abgeräumt, bei der Kritik rasselnd durchgefallen: Hip Yod, wie ich es jetzt nenne, ist ebenso großartig wie bescheuert.
Ich weiss, der Portugiese mit der Gargamel-Gestik hat eine Menge Herz in sein Lied gesteckt (coração kam gefühlte 100 mal darin vor), aber er hat halt nicht gejodelt. Und deswegen sind hier jetzt Ilinca und Alex Florea statt des ursprünglich angedachten Everybody Wants to be a Cat aus Aristocats, das mir bis dahin die ganze Woche im Ohr hing.
Das ist einfach mal was anderes und es macht Spass.

Übersetzungsarbeit der Woche

"Bis dann und danke für all den Fisch!" - Bild: Pexels

„Bis dann und danke für all den Fisch!“ – Bild: Pexels

Das neue schwedische KI-Unternehmen Gavagai hat Pläne angekündigt, bis 2021 mit Hilfe künstlicher Intelligenz (KI) delfinisch zu übersetzen.
Die Idee, dass die Kommunikation von Delfinen sich übersetzen lässt ist nicht neu und wird dadurch verkompliziert, dass Delfine nicht ausschließlich mit Lauten kommunizieren, aber es ist dennoch ein interessantes Projekt. Delfinsprache(n) dürften allerdings deutlich einfacher zu übersetzen sein als menschliche Sprachen. Menschen sprechen einfach über ganz andere Dinge als Delfine es vermutlich tun. Deshalb ist diese Arbeit als Vorläufer der Übersetzung menschlicher Sprachen durchaus interessant. Übersetzung bei Menschen ist ja schon bei Texten mehr als unperfekt (Video hinter dem Link).

Inhaftierung der Woche

ki-autofalleHier ist das komplette Video. Mehr muss ich dazu eigentlich gar nicht mehr sagen.

Reform der Woche

Saudi-Arabien hat überraschend seine Gesetze gegen Frauen gelockert. Konkret dürfen Frauen dort künftig:

– künftig arbeiten, ohne vorher Männer zu fragen.
– Krankenhäuser und Universitäten besuchen, ohne eine Erlaubnis einzuholen.
– staatliche Angebote wie Sozialleistungen nutzen – auch ohne Vormundschaft.

Als nächstes wird ihnen noch erlaubt, Auto zu fahren. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.
Ja, es ist alles absurd und Länder wie Saudi-Arabien sind in einer vorsintflutlichen Welt gefangen. Doch die Entwicklung zeigt, dass es nicht mehr möglich ist, in der heutigen Welt noch als Hort der Ungerechtigkeit dazustehen. Es sei denn, man macht es wie Nordkorea und schottet sich komplett von allen äusseren Einflüssen ab. Und selbst das wird nicht ewig halten.

Fahrrad der Woche

Schräg! - Bild: ebay

Schräg! – Bild: ebay

Ich glabe, das ist eine Art von Drift-Trike. Da ich nichts von Drift-Trikes verstehe, bin ich da aber nicht sicher. Auf jeden Fall ist es mit diesen riesigen Hinterrädern ein recht kurioses Kettenfahrzeug und im übrigen noch etwa eine Woche lang bei eBay zu ersteigern. Wenn es also jemand haben möchte: Viel Erfolg!

Richterspruch der Woche

Ein kleines bisschen weniger Vernichtung -  Bild: Flickr/350.org

Ein kleines bisschen weniger Vernichtung –
Bild: Flickr/350.org


Die Besetzung von Teilen des Tagebaus Garzweiler II 2015 im Rahmen von Ende Gelände war legal. Der Vorwurf des Hausfriedensbruches sei nicht haltbar, da das Gelände nicht ausreichend abgegrenzt gewesen sei.
Das ist ein guter Sieg für die Widerstandsbewegung gegen die Zerstörungen von RWE im Namen des Profits.

Depri-Aufnahme der Woche

Wrack eines Traums - Bild: Claus Hecking/Spiegel Online

Wrack eines Traums – Bild: Claus Hecking/Spiegel Online

Zugleich eine absolute Leseempfehlung ist Claus Heckings mit vielen ausgezeichneten Fotos versehener Artikel auf Spiegel Online über das Schicksal der Transrapid-Teststrecke im Emsland. Einst ein Vorzeigeprojekt deutscher Ingenieurskunst, zeigt es auch, mit welchen Widerständen große Erfindungen immer wieder zu tun haben und wie schwer es ist, sie umzusetzen. Das ist weder etwas neues, noch etwas, was man nur in der Vergangenheit findet. Die Bilder und der Bericht sind dafür aber so wundervoll stellvertretend.
Immerhin steht es nicht um alle Transrapids so schlimm. Drei sind in Shanghai im Einsatz, die meisten der anderen stehen als Andenken vor Museen und Firmen, darunter auch die andere Hälfte des im Bild zu sehenden TR-06.

Frage der Woche

Es gibt Fragen im Leben, die muss man sich einfach stellen. „Warum eigentlich kämpfen Ritter in den Schmuckbildern mittelalterlicher Buchabschriften ständig mit Killerschnecken?“ hat bisher nicht dazu gehört. Nun erkenne ich inzwischen dank des untigen Videos, welch großer Fehler das war. Warum das Video die Lombarden des siebten Jahrhunderts und die Lombarden genannten italienischen Kaufleute am Niederrhein des 13. Jahrhunderts zusammenwirft, weiss ich allerdings auch nicht. Zwischen den beiden Gruppen liegt fast ein Jahrtausend. Ein Jahrtausend in Unterdrückung durch die großen Schneckentyrannen der Lombardei, von späteren Generationen voll Scham aus den Chroniken getilgt.
Wenige Leute wissen das, aber die Ballade von Hans Olos Widerstand und seiner tapferen Schneckentöterin Leja ist bis heute eine der einflussreichsten Überlieferungen aus dieser Zeit.

Überflieger der Woche

Das ist so ziemlich das seltsamste Flugzeug, das ich seit einiger Zeit gesehen habe. Und ich sehe einiges an seltsamen Flugzeugen. Seltsam anmutende Gefährte sind so eine Art Hobby von mir. Das überrascht wahrscheinlich niemanden, der dieses Blog etwas länger verfolgt.
Der Lilium Jet ist ein voll elektrisches Flugzeug mit Senkrechtstart-Fähigkeit. Eine interessante Variante des fliegenden Autos, schon allein, weil es mit Strom betrieben wird und daher nicht wie alle anderen mir bekannten Konzepte auf fossile Energien angewiesen ist.
Das einzige Problem dürfte die Form sein: Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Fahrzeug bei einem Ausfall noch gleitet. Es sieht aus, als würde es ohne Motor fallen wie ein Stein. Dafür ist immerhin ein Fallschirm drin.
Ich denke inzwischen, es ist nahezu unvermeidlich, dass wir bis 2020 in einigen Städten fliegende Taxidienste sehen, wahrscheinlich in China oder den Ölmetropolen Arabiens. Dubai hat entsprechende Pläne ja schon Anfang des Jahres vorgestellt.


Grün muss

Es gibt derzeit diesen seltsamen Mythos, die Grünen hätten sich erledigt. Ihr Ziele seien erreicht, es gäbe nichts mehr für sie zu tun. Das ist absurd. Natürlich haben die Grünen einiges erreicht, aber sie, wir, sind weit davon entfernt, zu erreichen, wofür wir einst als neue Kraft angetreten sind.
Ja, wir haben unsere Probleme. Beispielsweise konnte ich im internen Netz schlichtweg keines unserer Plakate als einfache Bilddatei zum Einbinden auf einer Webseite finden und muss daher nun die 11 Ziele nehmen. Und ja es gibt auch politische Probleme. Ich komme da weiter unten noch zu. Aber vor allem: Unsere Mission ist noch nicht am Ende. Umes ganz klar zu sagen: Die Welt ist am Arsch und niemanden ausser uns scheint das zu interessieren.

Bild: Bündnis 90/Die Grünen NRW

Bild: Bündnis 90/Die Grünen NRW

Die Welt retten

Ja, richtig gelesen, die Welt ist am Arsch. Und die Volksparteien geht das passenderweise an selbigem vorbei. Wenn sie die Probleme nicht ausdrücklich per Dekret für nichtexistent erklären, wie das die marktradikalen Parteien FDP und AfD beim Klimawandel tun.
Der Klimawandel läuft, ob es den Lobbyisten der fossilen Energien gefällt oder nicht und er ist ein echtes Problem. Selbst jene, die es besser wissen müssten, sehen ihn als abstraktes Phänomen, welches den gegenwärtigen Profiten gefälligst nicht im Weg zu stehen hat. Eine Suppe, die spätere Generationen gefälligst auszulöffeln haben. Dabei beginnen wir bereits die Folgen zu sehen. Jahrelange Dürren treiben Länder in den Bürgerkrieg. Neue Krankheitserreger breiten sich in exotischen Ländern wie Hawaii oder — mancher wird schon dort gewesen sein — Deutschland aus.

Bild: Bündnis 90/Die Grünen NRW

Bild: Bündnis 90/Die Grünen NRW

Kann man den Grünen vorwerfen, nicht genug zu tun? Vielleicht. Aber zum einen sind sie die einzigen, die überhaupt etwas dagegen tun, zum anderen tun sie dies im ständigen Kampf mit jenen Kräften, die in ihrer Kurzsichtigkeit lieber den Planeten vor die Hunde gehen lassen als auch nur einen Euro weniger Profit zu machen. Gegen jene, die meinen, es brächte ja eh nichts, dann könnten wir auch gleich mit Öl ins Feuer gießen.
Und das selbe Problem sehen wir auch anderswo. Deutschland versagt grade massiv dabei, an den wichtigen Zukunftstechnologien teilzuhaben. Erneuerbare Energien? In die Pleite getrieben! Elektromobilität? Nach Lippenbekenntnissen ignoriert! Und wo andere uns ablösen wollen, fangen sie Stimmen mit Rückschritt — ich meine, Jagderlaubnis auf Katzen, wirklich? Unterdessen will die SPD nicht mal die moderate Forderung mitmachen, wenigstens die 10 schlimmsten Dreckschleudern im Rheinischen Braunkohlenrevier abzuschalten.

Lippenbekentnisse und Gier

Überhaupt, die Altetablierten und ihre Blendgranaten. „Seht, wir tun was“, wird da gerne gerufen und dann tropft es vor laufender Kamera auf den heissen Stein mit einem Schnitt in dem Sekundenbruchteil, bevor der Tropfen zischend als Dampfwölkchen verpufft. Da lässt sich dann die Bundesregierung für lächerliche 25 Millionen € für Radschnellwege feiern, ein Betrag, mit dem man auf Höhe Düsseldorfs noch nicht mal die Hälfte der Strecke vom Rhein an die deutsche Westgrenze schafft. Merkel lässt sich als Klimakanzlerin feiern, während ihre Regierung die Solarindustrie zu Grund richtet und mit dem Dieselskandal eine zunehmend veraltende deutsche Autoindustrie deckt, statt ihr endlich mal in den faulen Arsch zu treten, damit sie als einstige Erfinderin des Automobils nun den Anschluss nicht verliert.
Die Presse gefällt sich unterdessen darin, möglichst plakative Halbwahrheiten zu verbreiten, die sich besser verkaufen als die Fakten. So wie beim Veggie-Day. Oder zuletzt auch bei der Frage nach einer deutlichen Vereinfachung der Steuerformulare, die ganz nebenbei auch der Gleichberechtigung dienen würde.

Das Problem mit den Opportunisten

Natürlich haben die Grünen auch interne Probleme. Wenn ein Winfried Kretschmann beispielsweise aus seinem Kalkül als Ministerpräsident die großen Autobauer in Stuttgart deckt, ist die Zeit gekommen, Willy Brandt rauszukramen und einfach die Sozialdemokraten durch die Grünen zu ersetzen:brandt-sozenJede ausreichend große Partei hat das Problem, dass einzelne Gruppen dazu übergehen, lieber im Dienste guter Wahlergebnisse Opportunismus zu betreiben statt für ihre Sache einzutreten.
Aber das sind Einzelpersonen. Wir können es uns nicht leisten, ihren Verfehlungen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken und darüber aus den Augen zu verlieren, dass es um so viel mehr geht, als die Dummheiten von ein paar Opportunisten, die es geschafft haben, auf dem grünen Ticket mitzufahren.

Wie es ist

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Und die Grünen sind die einzigen in der Politik, die sowohl willens als auch in der Lage sind, sich ihnen zu stellen. Sie sind nicht perfekt, sie sind nicht allmächtig, aber sie sind das Beste, was wir haben.