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Ich hatte ja noch ein paar Worte zu McLuhan versprochen, beziehungsweise zu seinen berühmten Worten „The medium is the message“. Also auf zu der Frage, die McLuhan stellt und die ich in nicht ganz so radikaler Form ebenso stellen möchte: „Was genau erforscht die Literaturwissenschaft eigentlich?“

McLuhans Satz ist eine der Grundlagen der Medienwissenschaft und stammt aus Understanding Media. Grundaussage hier ist, dass das Medium einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Gesellschaft hat als das, was mit ihm transportiert wird und daher vordringlich untersucht werden sollte.
Bevor ich zur Literatur zurückkomme, kurz dazu, was das für die Medienwissenschaft bewirkt hat.
Durch die Zuweisung gesellschaftlicher Folgen zu den Medien entstand etwas messbares. Die Beschäftigung mit Medien erhielt das Potenzial, zur Wissenschaft zu werden, denn Wissenschaft ist im Grunde genau das: Die Vermessung der Welt.
Ansätze dazu hatte es schon vorher gegeben, aber McLuhan brachte es auf den Punkt und festigte die Dsziplin damit im Reigen der anderen Wissenschaften.

Und damit kommen wir zur Literaturwissenschaft: Was genau misst die eigentlich? Inwiefern ist die Literaturwissenschaft wissenschaftlich?
Es gibt ein paar Felder hier und dort, die mit dem Konzept des Messbaren arbeiten. Aber der Großteil der Literaturwissenschaft besteht aus Literaturinterpretation (die vom Individuum des Lesers abhängt und somit nicht wissenschaftlich ist) und Literaturkritik (dito). Man wirft mit Begriffen wie Qualität um sich, als würden sie etwas objektives messen, dabei messen sie lediglich Meinungen über ein Werk.
Noch sind wir in einer Phase, in der diese Anmaßung der Objektivität von Qualität allgemeiner gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint. Goethes Werke hat man gefälligst für Meisterwerke zu halten sonst fehlt einem „Bildung“ – was immer das eigentlich sein soll, es ist einer dieser wunderschön inhaltlosen Begriffe des Elitismus, der kulturelle Überlegenheit durch Phrasen vorzugaukeln versucht.
Dass Goethes Werk hinsichtlich sämtlicher auch nur theoretisch ansetzbarer Kriterien wild geschwankt hat, interessiert dabei nicht. Was grade bei Goethes Lebens- und Schaffensgeschichte mit zahlreichen teils inhaltlich und ästetisch völlig gegensätzlichen Phasen erstaunlich ist (Kleiner Exkurs: Ich liebe den Werther und hasse die Iphigenie mit Inbrunst).

Das ist das Problem der Literaturwissenschaft in der Moderne: Sie schleppt den Muff einer Zeit mit, als eine Elite aus den Elfenbeintürmen der Universitäten per Gutdünken entscheiden konnte, was Teil eines Kanons sei, über dessen Kenntnis sie sich dann vom Pöbel abheben konnten.
Und dieses Erbe ist gefährlich: So lange die LitWi keine Begründung für sich selbst findet, die ohne die Phrase „Bildung“ auskommt, so lange ist sie von den Streichkonzerten an den Hochschulen bedroht. Die LitWi möge das Bildungsgeschwafel den Feuilletons überlassen und endlich den Schritt wagen, eine echte Wissenschaft zu werden.

Die gute Nachricht ist, dass sie begonnen hat, sich aus dem Elitismus der Kanones zu lösen. Die tatsächlich wissenschaftlichen Teilbereiche der LitWi beschäftigen sich schon längst auch mit der Alltagsliteratur und tun dies nicht mehr (nur) abweisend.

Plädiere ich dafür, den Goethe (und die anderen Klassiker) zu vergessen? Nein, wer ihn lesen will, möge ihn lesen und ich bin sicher, die Geschichts- und Kulturwissenschaftler können aus seinem Werk viele Kenntnisse über das Leben und Denken im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert erlangen. Viele Leser werden aus diesen Werken für sich etwas lernen, aber dieses Potenzial hat jede Literatur, selbst die schlechteste.
Aber hört auf, so zu tun, als wären jene, die ihn nicht gelesen haben irgendwie unterlegen oder, netter ausgedrückt, „ungebildet“. Und vielleicht, wenn wir diesen Elitismus mit seinen Symptomen loswerden, schaffen die Schulen es sogar, den Kindern nicht mit aufgrund ihrer zeitlichen Distanz unverständlichen, jahrhundertealten Büchern das Lesen von Literatur zu vergraulen. Und wenn 100 Kinder überhaupt das Lesen als eine angenehme und, ja, bildende Beschäftigung entdecken, ist viel mehr gewonnen als wenn von diesen 100 Kindern 70 vergrault wurden und dafür 2 Schillers Räuber (um mal nicht Goethe zu nehmen) auswendig zusammenfassen können.
Und die Literaturwissenschaft kann wesentlich freier tatsächlich Wissen schaffen anstatt sich in ihrem selbstreferenziellen Muff der Kanones und Klassiker zu suhlen.

Wieso das nun weniger radikal ist als McLuhan?
Ich billige dem Inhalt der Medien im Gegensatz zu seinem Frühwerk durchaus eine Wirkung zu. Oft genug ist diese auch gesamtgesellschaftlich und genau das zählt zu den Dingen, die eine tatsächlich wissenschaftliche Literaturwissenschaft untersuchen kann. McLuhan erklärt die Inhaltsdisziplinen implizit für obsolet; ich nicht, für mich sind sie nur reformbedürftig.
Literaturwissenschaft ist eine wertvolle Disziplin. Sie leidet nur an ein paar Klötzen am Bein.