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Im folgenden Text geht es um so schöne Dinge wie Etymologie, Genus-Zuweisungen, Prototypentheorie und ähnliches. Oh, und ein bisschen auch um Latein. Ihr seid gewarnt worden.

Morgen feiert die Linguistin Luise Pusch ihren 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch! Pusch gilt als die Begründerin der feministischen Linguistik im deutschen Sprachraum, wir verdanken ihr unter anderem das Binnen-I. Was ich euch ersparen werde ist an dieser Stelle eine Kritik der Idee einer „-istischen Linguistik“, statt dessen fasse ich es mit einem kurzen „problematisch, aber nicht völlig unsinnig“ zusammen.
Jedenfalls gibt es anlässlich des Geburtstages eine InWoche, sprich für eine Woche soll das Suffix -in auch dann verwendet werden, wenn Männer gemeint sind – „Herr Lehrerin“ usw. Dies ist einer Idee Puschs aus den 70ern von der ich offen gestanden nicht sicher bin, ob sie jemals ernst gemeint war. Aber nehmen wir sie mal für eine Weile so ernst, wie sie einige Leute zu nehmen scheinen.
Vorab: ich werde die Idee nun auseinandernehmen um anschließend zu einem Ergebnis zu kommen, das Puschs verworfenen früheren Forderungen nahe kommt. Also bis zum Ende lesen, dann erst losschimpfen. Danke.

Das generische Femininum soll ein Gegenpol sein zum generischen Maskulinum. Sprich, zu der Tatsache, dass man mit „Arbeiter“ Männer wie auch Frauen meinen kann. Das Problem hieran ist die Annahme, „Arbeiter“ (und entsprechende weitere Wortbildungen) würden Männer bezeichnen.
Also lasst uns etwas in die lustige Welt der Sprachwissenschaft eintauchen:

Herkunft des -er
Sprachlichen Unfug wie die Beamtin ignorierend (es heisst der Beamte bzw. die Beamte, so wie der Vorsitzende bzw. die Vorsitzende) findet sich das Suffix (bedeutungsverändernde Anhängsel) -in vor allem hinter dem Suffix -er. -in ist ein altes deutsches Suffix, das weibliche Personen im Wort sichtbar macht (n der Sprachwissenschaft ein „Marker&ldquo). Sein männliches Gegenstück ist im übrigen -ich, wie in Mäuserich, Wüterich, Gänserich.
Das führt zu der interessanten Frage: Wo ist das -ich hin? Dieses Suffix ist heutzutage nicht mehr produktiv, das heisst, es wird in der Sprache nicht mehr verwendet, um neue Wörter zu bilden. Und wieso existiert es überhaupt, wenn doch -er angeblich männlich ist?
Zunächst zur letzten Frage, weil ihre Antwort historisch früher kommt.

Das -er nämlich ist kein ursprünglich deutsches Element. 1)
-er stammt vom lateinischen -ārius/-āria ab, welches ungefähr das selbe bedeutet. Es gibt noch das Neutrum -ārium, bei dem nicht ganz klar ist, ob es je ausserhalb von Fremdwörtern wie Aquarium im Deutschen verwendet wurde (möglicherweise steckt es in „das Lager“). Es wäre in diesem Zusammenhang interessant, aber ich ignoriere es der Kürze halber.
Jedenfalls macht -ārius/-āria im Deutschen eine Veränderung durch und wird im Althochdeutschen zu -āri. Plötzlich ist die Geschlechtsbezeichnung verschwunden und das männliche Wort bezeichnet beide Geschlechter. Wenigstens für eine Weile, dann kommt die weibliche Form -āra auf. Für eine kurze Weile hatte das Deutsche offenbar ein generisches Maskulinum, das schnell wieder verschwand.

Lästig wird die Sache danach. Suffixe neigen dazu, verschliffen zu werden. Dabei werden sie immer kürzer und lautlich (in Ermangelung eines besseren Wortes) unauffälliger. Dabei verschwinden oft auch die Unterschiede zwischen verschiedenen Suffixen.
So werden in den nächsten Jahrhunderten beide Formen unabhängig voneinander zu Mittelhochdeutsch -ære und Hochdeutsch -er, erneut sind die Unterschiede der Geschlechtsformen verschwunden und beide Formen werden männlich gebildet. Aber eigentlich sollten beide Formen heute und auch in ihrer aktuellen Aussprache als -a für beide Geschlechter gelten. So wie im Englischen, wo das -er fast genau die selbe Geschichte hinter sich hat. Warum tun sie das nicht? Und warum gab es zwischendurch die Geschichte mit dem -āra?

Hurra, Prototypentheorie – und Genus
Der größte hier relevante Unterschied zwischen Deutsch und Englisch ist natürlich der/die/das zu the. Das verdeckt das Problem etwas, denn tatsächlich hat das Englische das selbe Problem, nur in anderer Form: Ist ein worker ein he oder eine she (er oder sie)? Vorherrschend ist das he, aber warum? Und warum in beiden Sprachen?

Und damit ab in die Prototypentheorie.
Die Prototypentheorie ist die Theorie, dass unser Hirn die Bedeutung von Wörtern (oder zumindest von Substantiven) auf eine ganz bestimmte Weise abspeichert. Es bildet eine Vorstellung von einem prototypischen Ding, das heisst, der Standardversion von etwas. Ob ein anderes Ding mit dem selben Begriff bezeichnet werden kann hängt davon ab, wie ähnlich es der Standardversion ist.
Ein Standardobst ist ein Apfel, ein Standardgemüse eine Karotte, ein Standardvogel ein Spatz und so weiter. Die Methode ist nicht perfekt und deshalb gibt es Grenzfälle wie Tomaten und unpräzise Begriffe wie für die diversen Sorten von Würmern und von Fischen.
Das wird bei Menschen zu einem Problem: Offenbar arbeitet unser Gehirn bei Menschen mit Geschlechtszuordnungen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, wozu Lebewesen biologisch gesehen überhaupt existieren (zur Weitergabe ihrer Gene) und wird deutlich, wenn man sich Reaktionen von „Normalen“ auf geschlechtlich uneindeutige Personen ansieht. Und einiges deutet darauf hin, dass unser prototypischer Mensch männlich ist. Daraus folgt, dass unser Gehirn Männer auch als Grundlage jener Prototypen nimmt, die „Mensch“ weiter unterteilen. Es sei denn, diese sind explizit weiblich.
Das wiederum wäre dann der Mechanismus, durch den das Genericum als Maskulinum wahrgenommen wird. Und der das -ich umgebracht hat, denn überflüssige Elemente verschwinden in Sprachen relativ schnell wieder.
Das wiederum ist ganz klar ein Problem in der Frage der Gleichberechtigung. Und das -in macht alles noch schlimmer.

Deutschlands erste Kanzlerin: Ein Problem
Hier ist ein Satz, den ich immer wieder gerne anbringe: Angela Merkel ist ein Problem.
Ausnahmsweise mein ich das mal nicht politisch, sondern linguistisch.
Angela Merkel ist also Deutschlands erste Bundeskanzlerin, erste Regierungschefin usw. Das ist einerseits korrekt, andererseits natürlich Quatsch: Angela Merkel ist die achte Person im Kanzleramt. Ob sie Deutschlands erste Regierungschefin ist hängt davon ab, wie man Maria Theresia einordnet.
Was hier deutlich wird: Das -in-Suffix erzeugt einen neuen Begriff, der ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Damit wird die Setzung des Männlichen als Standard nur noch bestärkt, Frauen im Beruf werden stärker als zuvor zu einer mehr oder weniger separaten Gruppe, die nicht in der selben Gruppe wie die Männer liegt, sondern als weite daneben steht. Im Extremfall bekommen wir damit neue Rollenklischees wie Friseuse, Politesse und dergleichen. Das empfinde ich persönlich als noch um einiges schlimmer als nur die Subsummierung der Frauen als Sondergruppe innerhalb der Arbeiter.
Das Binnen-I versucht, das zu kitten, führt aber zu einem seltsam zwanghaften Zwitter, der zwei separate Begriffe zusammenzufassen versucht, es ist quasi die Narbe zum Schlag der Klinge linguistischer Geschlechtertrennung.

Ein Lösungsvorschlag
Wie nun bekommen wir eine geschlechtergerechte Sprache hin, ohne eine solche Geschlechtertrennung zu begünstigen? Die Antwort finde ich separat von und dann doch wieder bei Luise Pusch.
In Das Deutsche als Männersprache (amazon-Link) finde ich auch Überlegungen, das -er als geschlechtsneutral anzuwenden und unverändert in beiden Geschlechtern zu nutzen, dabei aber die dazugehörigen Adjektive, Verben etc. abhängig von der Person zu nutzen: „Luise Pusch ist eine Sprachwissenschaftler“.
Das funktioniert offensichtlich nicht, da es einige Grundfesten der deutschen Sprache aushebelt. Vor allem ersetzt es Genus (Geschlecht des Wortes) durch Sexus (Geschlecht des gemeinten Lebewesens). Das dürfte, da bin ich mit Pusch einig, so nicht durchsetzbar sein. Ihre letztendliche Folgerung daraus ist das heute bekannte Binnen-I oder allgemeiner die Bildung einer Mischform für Fälle, in denen beide gemeint sind.
Mein Vorschlag bleibt etwas näher an Puschs Ursprungsidee als sie selber: Warum nicht einfach die -er-Substantive grammatisch als Neutrum setzen? Das Elegante daran wäre, dass er kaum zu Veränderungen in Texten führen würde – nur der Singular (das Arbeiter) wäre sichtbar betroffen und der tritt nur selten auf ohne dass wir das Geschlecht der gemeinten Person kennen – eigentlich nur in Anweisungen, Lexika und Gesetzestexten. Vor allem aber kann man es – anders als das Binnen-I und Konsorten – auch aussprechen.
Ideal wäre natürlich, wenn wir zwecks sprachlicher Gleichstellung der Geschlechter zusätzlich ein männliches Gegenstück zu -in hätten, aber ich glaube nicht, dass eine Wiederbelebung des -ich sehr erfolgversprechend wäre, zumal es im heutigen Deutsch eine Nebenbedeutung als Lächerlichmachung hat (wie eben beim Wüterich).
Es ist wahrscheinlich das beste, dies auch auf Personenbezeichnungen ohne -er auszuweiten: Das Pirat, das Professor, das Anwalt usw. Sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber wenigstens gewöhnungsfähig. Und durch seine Aussprechbarkeit nicht auf schriftsprachliche Kommunikation beschränkt.

Nun, hat die InWoche doch was gutes: Sie hat mich motiviert, diese schon etwas ältere Idee weiter auszuführen und vorzustellen. Also, für mich gutes, für den Rest der Welt steht das Urteil noch aus ;-).

1)Ich ignoriere hier der Einfachheit halber -wari, mit dem Völker bezeichnet wurden und das ebenfalls zum -er wurde: Berliner, Düsseldorfer, Schweizer usw.