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tl;dr Die Würdigung Hans Holleins in Mönchengladbach ist eine oberflächliche. Wer Holleins Ideen würdigen will, sollte in seiner Stadt keine immergleiche 08/15-Architektur à la Burkhard Schrammen protegieren, das zeugt einzig von Unverständnis dieser Ideen./tl;dr

Vergangene Woche starb Hans Hollein, in Mönchengladbach als Architekt des Museums Abteiberg bekannt. Leider ist Hollein genau die Art Architekt, die in MG so schmerzhaft fehlt und überhaupt in Deutschland an Bedeutung zu verlieren scheint.

Es gab in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Bauvorhaben, denen allen gemeinsam war, dass die jeweiligen Siegerentwürfe, oft aber auch die anderen Entwürfe, geprägt waren vom immergleichen Bild: Aufeinandergestapelte weisse Rechtecke mit entweder glatten Wandflächen oder Glasfronten und ohne individuelle Erkennungsmerkmale. Architektur wie vom Fließband.

Von oben nach unten: Zwei Entwürfe für die Friedrich-Ebert-Straße (Baulücke gegenüber Bushaltestelle Hauptstraße), ein aktuelles Projekt im Nordpark und ein Wettbewerbsgewinner für einen Bau gegenüber des Museums Abteiberg.

Unsere Presse spielt mit: Die 08/15-Glasfassade des rechten Entwurfs für die Friedrich-Ebert-Straße findet die Rp „interessant“ das unübersehbar reduziert-moderne weisse Ding mitten im Denkmalbereich „fügt sich […] gut ins Gesamtbild ein“ und der Schrammen-Entwurf gegenüber des Hollein-Museums sei laut Pressemitteilung der Stadt „städtebaulich richtig und wichtig“.
Man könnte die Liste austauschbar gleicher Gestaltung fortführen, etwa mit den Roermonder Höfen, die auch nur eine größere Version davon sind. Grade Schrammen/Jessen baut nur solche Dinger, die jedes Kind mit Legos unterfordern.
Selbst wo das Nutzungskonzept gut ist (wie etwa am Abteiberg), die Gestaltung ist eine immergleiche Soße, die keinerlei Berücksichtigung der Umgebung findet. Und nirgendwo ist das eklatanter als am Abteiberg, gegenüber eines Hollein-Baus.

Ich habe mich bei der Vorstellung des Entwurfs bei Facebook mit meinem KOmmentar bei einigen nicht beliebt gemacht, als ich darauf hinwies, dass das Gebäude nicht in die Ecke passe, insbesondere nicht an der durch sehr alte Bauten geprägten Krichelstraße (die wohl aus gutem Grund in keinem der Pressebilder gezeigt wird). Man kann das Problem erahnen, wenn man sich den architektonischen Kontrast zu den Nebengebäuden klar macht, die im Bild deutlich weiter entfernt aussehen, als sie sind.

Ein Zitat von Bernhard Jansen in der Facebook-Diskussion finde ich nachträglich sehr interessant:

Ob ein post-moderner neo-neu-barocker Bau ehrlich besser sein könnte, wage ich zu bezweifeln.

Warum eigentlich nicht? Gibt es etwas an der Architektur der Jahrhundertwende, dass es heute unmöglich macht, ein Gebäude zu bauen, welches sich in eine solche einfügt und dennoch etwas Individuelles hat, mit dem sich der Architekt verwirklichen kann? Ich sehe nicht, was das wäre.
Hollein würde sich, sofern er bereits beerdigt wurde, im Grabe umdrehen, denn grade sein Ansatz war es, dies wenigstens auszuprobieren. Denn, so verstehe ich Holleins Ansatz inzwischen, Architektur ist alles und deshalb verdient sie es nicht, lieblos angegangen zu werden.

Wer sich eine größere Anzahl Bauten und Entwürfe Holleins ansieht kommt nicht umhin, ihnen allen Individualität zuzugestehen. Jedes Gebäude sieht vollkommen anders aus. Glasfassaden und weisse Rechtecke sind vorhanden, aber immer durch Brüche, Unregelmäßigkeiten, Störer jedweder Form durchstoßen.
Um mal ein Extrem herauszugreifen, hier ist das Institut für Vulkanologie in Clermont-Ferrand, ein aus Vulkangestein gebautes Museum über Vulkane. Mit einem Nebengebäude in Form eines aufgespaltenen Vulkans!
Wer so etwas macht, baut keine langweiligen gestapelten weissen Rechtecke an jede Ecke einer Stadt. Der ignoriert auch nicht mal eben eine riesige mitten über das Grundstück eines Projekts spannende Brücke und sagt nachher, er wisse nicht, was man damit machen solle.

Mönchengladbach ehrt Hollein diese Woche mit Nachrufen und mit der schon zuvor immer wieder in Erinnerung gerufenen Tatsache, dass er unser größtes Museum entworfen hat. Doch es zeigt sich auch ohne jegliches Bewusstsein für Holleins Ansatz, seine Denkweise und seine Verdienste. Hollein war einer der letzten im Westen, die sich noch die Mühe machten, Architektur als Kunst zu behandeln und ihr entsprechende Hochachtung zu gewähren.
Und ich vermute es ist dies, was den Architekten, die unsere Stadt jetzt bauen, fehlt. Das Verständnis, dass was sie bauen mehr ist als eine Hülle für Funktionalitäten. Architektur ist alles, sie umgibt uns ständig. Der Lebensraum des Menschen ist Architektur und da der Lebensraum einer der prägenden Einflüsse auf ein Lebewesen ist, sollte seine Gestaltung entsprechend wichtig genommen werden. Ich wage zu behaupten, dass die aktuelle uniform-glatt-unkreative Bauweise ebensolche uniform-glatt-unkreativen Geister fördert.
Das war eine Erkenntnis Holleins. Ich mag den Hollein-Bau des Museums nicht besonders, aber ich verstehe ihn nach meiner Beschäftigung mit Hollein. Anders als von vielen Freunden des Baus gesagt hat dies meine Einstellung gegenüber der gleichmachenden 08/15-Architektur der Gegenwart aber nur verschlechtert.
Es wäre schön, wenn das aktuelle Gedenken an Hollein tiefer gehen würde. Es lohnt sich.

Wobei auch Hollein mir noch nicht weit genug geht, denn eine Frage erlaube ich mir noch zu stellen: Warum eigentlich muss jedes Gebäude der Gegenwart aussehen wie ein Gebäude der Gegenwart? Die Technologie, einen Erker, Schnörkel oder Arkaden zu bauen, ist ja nicht verloren gegangen. Was hindert einen Architekten des 21. Jahrhunderts eigentlich daran, ein Gebäude im Gründerzeitstil zu bauen? Technisch moderner und vielleicht auch mit ein paar Gestaltungselementen anderer Zeiten. Halt nicht wieder als „Epoche“, sondern als individueller Entwurf eines künstlerisch tätigen Individuums. Denn Epochen sind ohnehin eine unsinnige Idee, geboren aus dem Versuch branchenweiter Gleichmacherei.

Ein gutes Beispiel gibt es in Gladbach übrigens durchaus: Was auch immer man von der im Bau befindlichen Mall halten mag, sie ist individueller gestaltet, schöner und optisch besser in ihr Umfeld eingebettet als so ziemlich alles andere, was in der Stadt aktuell oberhalb des Niveaus eines Eigenheims gebaut und geplant wird (Größe und Funktion ignorierend, es geht nur um die Gestaltung). Und im allgemeinen sind die neuen Platzgestaltungen in der Stadt von hervorragender Qualität, weil hier Gruppen wie die Freimeister aktiv sind, die sich als Künstler verstehen und entsprechend individuelle Konzepte vorlegen. Es könnte allerdings auch daran liegen, dass Plätze in der Regel keine Fassaden haben.


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