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Derzeit schlägt ein vom HR zusammengestellter Bericht über die Arbeitsbedingungen bei Amazons Weihnachts-Arbeitern hohe Wellen. Etwas, was ich in keinster Weise ignorieren kann. Die Sache ist allerdings nicht so einfach: Einerseits zeigt die Reportage ernsthafte Missstände, die anzusprechen sind. Andererseits bleibt sie dabei oberflächlich und vergisst, nach den Ursachen zu fragen.
Aber fangen wir mit der Reportage selbst an:

Der Beitrag zeigt einige sehr problematische Zustände in den Logistikzentren des Versandhauses. Nun muss wenn man Beiträge über Amazon derzeit sehr vorsichtig „genießen“, weil die seit Monaten umfangreiche negative Berichterstattung mE ganz klar eine Kampagne der einflussreichen Buchhandelslobby (Börsenverein des deutschen Buchhandels) darstellt, der die von ihm vertretenen Branchen lieber vor Innovation von aussen schützt als sie bei seinen eigenen Mitgliedern voranzutreiben, um gegen Amazon wettbewerbsfähig zu werden. Diese ist effektiv genug, um selbst gestandene Überall-Verschwörungs-Vermuter sie übernehmen.

Bemerkenswert ist etwa ein fast zeitgleich erschienener überaus alberner Artikel in der FAZ.

So erklärt es sich denn auch, warum der Filmbeitrag des HR an vielen Stellen so oberflächlich bleibt. Hierzu noch ein Zitat, Hendrik Sachtler sei zur Hand genommen:

Dieser Beitrag geht in die richtige Richtung: Das Problem ist das System, dass solche Vorgänge nicht nur ermöglicht, sondern sogar erwünscht. Ich muss das noch deutlicher formulieren: Amazons Verhalten wird vom System nicht toleriert; es wird von ihm ausdrücklich gefördert.
Dabei habe ich mit Saisonarbeitern kein Problem, in Branchen mit starken saisonalen Schwankungen im Bedarf an Arbeitskräften ist sowas völlig in Ordnung. Spargel wird halt nur ein mal im Jahr gestochen und auch Weihnachten als großer Einkommens- und Arbeitsbringer der Händler gibt es pro Jahr nur ein mal (trotz aller Versuche, Ostern und Halloween auf ein vergleichbares Konsumniveau zu bringen).
Nein, das eine Problem ist die Behandlung dieser Arbeiter. Nicht das Schlafen in Doppelbettzimmern, darin erkenne ich nichts unzumutbares. Nicht der Lohn von 8,52 €, der ist bei Saisonarbeitern mehr oder weniger normal, dafür habe ich in meinem Studium öfter als Urlaubsvertretung gearbeitet – klar wäre mehr besser, aber man kann einem Einzelunternehmen nicht vorwerfen, das selbe zu bezahlen wie alle anderen auch (Zalando zum Beispiel bezahlt laut Medienberichten 1€ weniger). Aber die Gängelung durch den Sicherheitsdienst, schon dessen bloßes Vorhandensein in den Arbeiterunterkünften, das ist schlichtweg inakzeptabel. Und das ist der einzige Kritikpunkt, für den ich Amazon Mitverantwortung gebe.
Welchen Sicherheitsdienst das Unternehmen beschäft, ist vollkommen in seinem Ermessensspielraum. Zumal sich die Frage stellt, wozu der überhaupt da ist.

Das andere Problem liegt im System und hier kommen wir zu der Oberflächlichkeit, die ich dem Beitrag vorwerfe.
Amazon hat seine Stellenangebote an das örtliche Arbeitsamt gegeben. Und dieses wiederum ist für die erfolgte Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer verantwortlich. Was in der Reportage nur als Nebensatz vorkommt (wohl um dem Vorwurf der möglicherweise justiziablen Falschdarstellung zu entgehen), ist der Kern der ganzen Sache: Der wahre Täter hier ist der deutsche Staat. Die Leiharbeiterherankarrung aus dem Ausland, die geringen Löhne, der fehlende Kündigungsschutz – hier ist nicht Amazon am Werk, sondern die von Merkel so schön pointiert (aber bei ihr komplett ironiefrei) propagierte „marktkonforme Demokratie“. Einen ähnlichen Skandal gab es in Verbindung mit Amazon bereits vor etwa einem Jahr. Nach späterer Angabe des Konzerns auf ausdrücklichen Wunsch des örtlichen Arbeitsamtes.
Letzten Endes wird Amazon hier als Schild hochgehalten, um das System zu schützen. Amazons Verhalten ist in großen Teilen ein mit Absicht oder zumindest wissentlich gezogener Spross eines Gartens, der nur derlei Kraut hervorbringt. Man kann nun Amazon selbst angreifen, allein es ändert nicht viel. Selbst wenn Amazon etwaige Proteste zu spüren bekommt, was unwahrscheinlich ist, trifft es nicht jenes System, welches solche Auswüchse ermöglicht und fördert. Und die anderen machen unterdessen weiter, teils sogar noch schlimmer.

Der Protest muss dem System gelten. Solange dieses solches Verhalten nicht nur erlaubt, sondern sogar fördert, kann man von den Unternehmen nicht erwarten, ein Unrechtsbewusstsein zu erlangen. Deutschland erklärt es ja explizit für rechtens und erwünscht.

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Ein merklicher Teil meiner Einkünfte stammt aus Werbung für und eBook-Veröffentlichungen bei Amazon.