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Die 2. Internetrevolution und das Buch

Okay, jetzt, da die Arbeiten an der Blogtechnik durch sind ist es an der Zeit, den Artikel zur Zukunft des eBooks fortzusetzen. Letztes Mal ging es darum, warum enhanced eBooks ein völlig überhyptes Konzept sind. Und um Videospiele und Visual Novels als mögliche Zukunft für das Erzählen von Geschichten in der digitalen Welt. Diesmal geht es darum, wie die Medienrevolution dort, wo sie wirkt, stärker wirkt als allgemein gedacht.

Kurz zur Überschrift: Ich gehe momentan davon aus, dass das Internet (mindestens) drei Wellen von Revolution mit sich bringt. Die mit der Durchsetzung des Smartphones weitgehend abgeschlossene Revolution der Kommunikation, die laufende Revolution der Medien (MP3, eBook, Streaming) und die sich für die zweite Hälfte des laufenden Jahrzehnts abzeichnende Revolution der Warenproduktion (3D-Drucker). Durchaus möglich, dass weitere folgen, aber ich kann nicht sagen, welche. Schon die vorliegenden Revolutionen sind tiefgreifend genug, um die Zivilisation an sich für immer zu verändern – sie tun genau dies bereits.

Das mag groß klingen. Doch es ist eine nötige Denkweise, denn die bisherige Erfahrung mit dem Internet zeigt vor allem eines: Wir denken zu klein. Und die Entwicklung des Buches ist dafür ein schönes Beispiel: Dort, wo Text sinnvoll von interaktiven Möglichkeiten profitiert, bringt dies keine verbesserten Bücher hervor, es führt zur Loslösung des Textes vom Buch, zu völlig neuen Medien.

Wiki
1995 installierte Ward Cummingham auf der Seite c2.com eine Form kollaborativer Website: Das WikiWikiWeb. Es wuchs langsam in seiner Popularität, bis Jimmy Wales und Larry Sanger 2001 seine perfekte Anwendung fanden: Die Online-Enzyklopädie. Am 15. Januar 2001 wurde die Wikipedia geboren und schlug schnell Wellen.
Die Geschichte der Wikipedia ist lang und am besten lasse ich sie von der Wikipedia selbst berichten.
Nein, für meine eigene Darstellung werde ich autobiografisch. Wikipedia ist für mich ein besonderes Portal, weil es sich so perfekt in meine Biographie setzte. Mitte 2002 erfuhr ich aus einer Computerzeitschrift von dem Portal. Ich weiss nicht mehr, welche es war, aber das Layout des Artikels ist mir noch im Gedächtnis und von diesem schließend könnte es die Chip gewesen sein. Damals war die deutsche Ausgabe der Wikipedia in den Geburtswehen, die Artikel hatten einen extremen Fokus auf Mathematik, Informatik und Netzthemen, denn noch war es ein fast reines Nerdportal. Ich registrierte mich als 16. Nutzer der deutschen Ausgabe und begann, Artikel zu meinen damaligen Steckenpferden zu ergänzen. Einige davon haben es zwischenzeitlich zu exzellenten Artikeln geschafft, etwa Schnabeltier, Insekten und Aquarium. Ja, es war damals vor allem Biologie, mit der ich mich beteiligte und ja, es fehlten damals noch eine Menge wirklich naheliegender Artikel zu vielen Themen.
Die niedrige Nummer und der damalige Zustand der Seite lassen es mich gerechtfertigt entscheiden, wenn ich behaupte, zum Gründerkreis der deutschsprachigen Wikipedia zu gehören. Ich habe nicht an der eigentlichen Gründung mitgewirkt, aber es war noch die Gründungsphase, als ich dazustieß. Es war August 2002. Wenige Monate später würde ich mein Studium beginnen. Noch war die Wikipedia nur Nerds ein Begriff.
Um es kurz zu machen: Etwa ab Mitte meines Studiums wurde der Hinweis, Wikipedia nachzulesen reiche nicht als Quelle für Referate, geschweige denn Arbeiten, obligatorisch. Die Seite war überall und sie war bald kein Hype mehr, sondern ein selbstverständliches Alltagsphänomen. Jeder nutzte Wikipedia, um etwas nachzuschlagen.
Unterdessen verschwand das papierne Lexikon, es war schlichtweg eine antiquarische Kuriosität geworden, die mit der Aktualität und dem potenziell unbegrenzten Umfang der Wikipedia nicht mithalten konnte. Das Lexikon war auf Text und Bild beschränkt, es hatte den Verweis erfunden, doch wurde darin vom Hyperlink um Längen übertroffen. Nachrufe gab es nur wenige und nur, wenn bekannte Marken aus der Papierwelt verschwanden: Die Encyclopaedia Britannica etwa, der Brockhaus.

Die Wikipedia wurde so schnell selbstverständlich, dass wir es gar nicht richtig gemerkt haben: Ein kompletter, gewaltiger Sektor des Buchmarktes brach in ihrem Schatten zusammen. Es gibt heute noch ein paar Lexika, aber abseits der technisch immer etwas hinterherhinkenden Fachliteratur keinen nennenswerten Markt für Lexika mehr.
Und es geschieht in anderen Segmenten des Buchmarktes ebenso: Es ist eine Ewigkeit her, dass ich eines meiner Wörterbücher aufgeschlagen habe. Nicht, weil ich so gut wäre (mein Irisch ist völlig eingerostet und mein Französisch auch nicht mehr ganz frisch), sondern weil es dafür Apps und Webseiten gibt. Die einem das Wort vorsprechen und dank ihres nahezu unbegrenzten Platzes auch dialektale und Slang-Begriffe aufnehmen können. Wörterbücher auf Papier werden bald so tot sein wie mechanische Schreibmaschinen und die Wellt wird eine bessere sein, weil das so ist.
Ich bin nicht sicher, wie es um die Zukunft anderer Genres bestellt. Kochbücher scheinen sich zu halten, aber ich vermute, das liegt an einer relativ großen Leserschaft in höheren Altersklassen – zudem gibt es grade bei diesen einen Trend, sie mit nötigem Kochzubehör wie Backformen als Extra zu ergänzen. Bestimmungsbücher halten sich, weil die Möglichkeit des Blätterns bei diesen einen echten Vorteil in der Nutzung darstellt, der aber durch Umfang und Gewicht eines wirklich guten Werks ausgeglichen wird; ich denke, hier werden sich mittelfristig Apps durchsetzen. Bücher mit Fitnessübungen sind enorm geschrumpft, hier sind Formate mit Video-Einbindung oder gar interaktive Trainer auf Konsole und Smartphone gleichzeitig weit überlegen und preisgünstiger.

Die Liste geht wahrscheinlich noch um einiges länger, ich will hier aber stoppen und auf den Punkt kommen: Dort, wo die Medienrevolution wirklich wirkt, wirkt sie total. Ich könnte zu jedem dieser Genres einen eigenen Abschnitt schreiben, aber der Punkt ist gemacht und der Artikel kommt jetzt schon auf über 1.000 Wörter, was für ein Blog echt lang genug ist.
Und deswegen ist das enhanced eBook in vielen Fällen zu klein gedacht. Weil es den Versuch darstellt, antiquierte Modelle zwanghaft in eine Zukunft zu führen, in der besseres zur Verfügung steht.
Das Buch wird als Format nicht sterben. es wird sich weiterentwickeln. Aber um das Weiterleben zu garantieren ist es nötig, sich auf den Kern des Mediums zu konzentrieren. Wenn es Dinge gibt, die andere Medien besser können, lasst sie die anderen Medien machen. Es gibt andere Dinge, die nur ein Buch kann, konzentriert euch auf diese. Schreibt, erzählt, berichtet, in epischer Breite all jenes, was keine Ablenkung und bestenfalls minimalste Gimmicks erlaubt. Führt das Buch auf seinen Kern, macht das Buch dadurch einmalig, dass es nicht in einen Wettbewerb um das bunteste, schnellste, interaktivste einsteigt, sondern einen Raum bietet, in dem man ohne all dies einfach nur eine Geschichte erleben kann. In Ruhe. Mit Genuss.
Sei es auch nicht auf Papier, so gilt in einer Welt, in der sonst alles immer spektakulärer, bunter und interaktiver wird, dennoch: Dem einfachen Buch steht eine große Zukunft bereit.