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Die folgende Kurzgeschichte habe ich Ende November für einen Weihnachtsgeschichtenwettbewerb geschrieben. Leider war sie ein paar hundert Zeichen zu kurz für die Mindestanforderungen. Stärker wollte ich sie aber wirklich nicht strecken. Und ein wenig unkonventionell ist sie auch.
Nun, da heute Heiligabend ist, gebe ich die Geschichte statt dessen einfach frei an alle Leser weiter.

Schöne Weihnachten allen Lesern


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Die Gegend war leicht heruntergekommen, es war kein großes Haus und erst recht keines einer reichen Familie. Das elektronische Türschloss zu knacken und in den Flur zu kommen, war eine Sache von nicht einmal einer Sekunde, das machte die Ausrüstung ohne dass er auch nur einen Finger krümmen oder ein Wort sagen musste. Der Marmor im Flur machte es einfach, geräuschlos voranzukommen. Nur der Fußabtreter am Ende dieses Raumes konnte rascheln. Ein kurzer Hüpfer auf die Schwelle ins Treppenhaus und dieses Hindernis war sicher überwunden.
Die Treppenhauskameras hatten keinen toten Winkel und das Wohnzimmer ging links von dort ab. Zeit für die Tarnkappe.
Ein Knopfdruck und er war verschwunden, verborgen durch die Wunder modernster Elektronik. Unsichtbar strich er über den Fliesenboden und betrat den türlosen Wohnzimmereingang.
Teppich. Das würde eine Herausforderung werden.
Zwar konnten die Kameras den nächtlichen Einbrecher dank der Tarnkappe nicht sehen, wohl aber seine Fußabdrücke. Modernen Sicherheitssystemen reichte das schon, um eine unsichtbare Person im Raum wahrzunehmen. Die Überwachung wollte er nicht unterschätzen, es gab trotz des äußeren Eindrucks des Hauses und der Gegend keinen Grund zu solcher Leichtsinnigkeit.
Er sah sich kurz nach den Möbeln um: Ein Tisch etwas zur Rechten, links ein offenbar fest verankerter Wandschrank, halb hinter einem mittelgroßen Christbaum ein recht neuer Holzstuhl. Das musste reichen, die restliche Möblierung war leder- oder stoffbezogen und damit ebenso verräterisch wie der Teppichboden.. Er schnallte den halbvollen Sack etwas enger an den Rücken, überprüfte den festen Sitz von Werkzeug und Waffen mit beiden Händen, dehnte kurz sämtliche Muskeln um sie direkt wieder anzuspannen.
Für solche Situationen hatte er jahrelang trainiert, jetzt wurde es ernst.
Mehr Spannung in die Beine und… Sprung!
In einem Halbsalto flog er voran, seine Ausrüstung hielt eng an seinem Körper angeschmiegt, alle Gurte und Taschenverschlüsse hielten. Nichts klapperte, als er kopfüber die rechte Hand auf der Tischplatte landen ließ, um sich sofort wieder mit einem deutlichen Linksdrall abzustoßen. Das brachte ihn in der Luft leicht in Rotation.
Die Füße positionierte er so, dass sie möglichst weich aufkommen würden – mit den Spitzen voran aber locker genug, um bei Kontakt ohne Abfedern nachzugeben. Sie fanden das Holz des Schranks, sein Körper glitt nach, bis er mit Füßen und Händen zugleich die senkrechte Fläche berührte und sich erneut abstoßen konnte, diesmal schräg geradeaus.
Noch während er sich abstieß warf er einen seiner Wurfsterne zur Decke, oberhalb des Erfassungsbereichs der Kameraüberwachung. Der Stern fand mit einem etwas zu hörbaren „tock“ in der Decke Halt, genau über der Tannenspitze.
Unterdessen landete der Einbrecher lautlos auf einem Holzstuhl und erstarrte sofort. Das Geräusch des Sterns, wie er in das Holz drang hatte die Überwachung aufmerksam gemacht. Verdammt, das würde ihn eine ganze Minute kosten. Schlecht. So lange musste er jetzt reglos ausharren, während die Kamera so feine Instrumente einsetzte, dass sie auch die Gewichtsverlagerung wahrnehmen würde, wenn sich ein Unsichtbarer auf einem Holzstuhl bewegte. Glücklicherweise kosteten diese Instrumente recht viel Strom, sie blieben daher nur im Notfall und nie länger als eine Minute eingeschaltet, es sei denn, sie fanden etwas.

Statt dessen sah er sich soweit um, wie es möglich war, ohne dabei den Kopf zu bewegen.
Die Möblierung ließ nicht viele andere Möglichkeiten als den Weg zurückzugehen, den er gekommen war. Wirkliche Lust auf noch so eine Athletikeinlage hatte er nicht, schließlich waren in einer Nacht ungefähr 300 Wohnungen zu erledigen. Überall eine solche Aktion durchzuführen würde genug Kraft kosten sowohl seinem Zeitplan als auch seiner Geräuschlosigkeit gefährlich zu werden.
Keuchen oder Hast waren das letzte, was er im Einsatz gebrauchen könnte.
Die Decke wäre glatt genug für ein Begehen mit aktiven Saugglocken, aber nach der verlorenen Minute konnte er die Option vergessen. Zu langsam. Die Wand hingegen war zum Begehen zu glatt. Kurz wünschte er sich, Raufaser würde wieder in Mode kommen.
So oder so lief es wohl doch wieder auf die anstrengendste Option hinaus.

Das Ticken einer nahen Uhr verriet ihm, dass die Minute um war. Der Einbrecher griff nach hinten in den Sack auf seinem Rücken, zog fünf Karten heraus und warf sie unter die Tanne.
Sie verließen ebenso wie zuvor der Wurfstern das Feld der Tarnkappe, blieben aber durch den Baum vor den Sensoren verdeckt. Jede landete ein Stück von der nächsten entfernt, sie alle bildeten einen Halbkreis auf der ihm zugewandten Seite des Baumes. Fünf grün blinkende Punkte in der Kontaktlinse des rechten Auges zeigten an, dass sich die Karten erfolgreich ins Haussystem eingehackt und mit den daraus bezogenen Daten personalisiert hatten.
Nun zurück. Über Schrank, Tisch und Eingang ins Treppenhaus. Weiter in den Flur, durch die Tür raus aus dem Haus, die Tarnung deaktiviert und…

„Die Zeit ist um!“ schallte es über den Hof.
Die rundliche Silhouette des Prüfers erschien im Türrahmen, halb verdeckt im Schatten der Tür. Ein Wink deutete dem Einbrecher zu folgen. Augenblicklich wurde er wieder zum Schüler. Die beiden gingen zum Wohnzimmer, eine Lautsprecherdurchsage bestätigte, dass die Hausüberwachung außer einem kurzen Verdachtsmoment durch den lauten Wurfstern nichts bemerkt hatte. Ausführlich musterte der Lehrer den Raum. Ein kurzes Zögern über der Tanne beim Anblick des Weihnachtswurfsterns, ein kurzes Zucken der Mundwinkel nach unten. Ein Fehler? Was hatte der Ninjaschüler falsch gemacht?
Ein rasch prüfender Blick nach oben: Der Wurfstern steckt mit zwei Spitzen statt einer in der Decke. Eine peinliche Unachtsamkeit, so etwas durfte auch einem Neuling nicht passieren. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie der Prüfer seinen Blick bemerkt hatte und verfolgte. Das und dann noch die Sache mit dem Geräusch und der dadurch verlorenen Minute. Die Zeit hatte gereicht, aber es hätte keine Sekunde weniger sein dürfen. Viel zu knapp für einen Schüler seines Rufs.
Der Prüfer ging zum Baum und nahm die Karten auf, um jede einzeln zu prüfen. Anrede, Namen, Botschaft, eingeblendeter Gutscheincode. Zumindest damit schien er zufrieden. Nach einer vollen Woche zur Programmierung der Karten wäre alles andere auch sein endgültiges Aus gewesen. Die Geschenke waren schließlich das Herzstück seiner Arbeit. Dennoch, der Rest floss natürlich mit in die Bewertung.
„Sensei, ich…“
Eine harsche Geste bedeutete dem Schüler, zu schweigen.
„Nunja, wir werden sehen, ob das reicht“, war sein ruhiger, aber zögernder Kommentar.
Wie er später mitteilte, reichte es. Knapp. Nicht für die Elite, aber immerhin für jene Haushalte, die nicht ganz soviel Geld für den allährlichen Weihnachtsninja ausgeben wollten oder konnten und dafür kleinere Fehler akzeptierten oder die keine vernünftige Überwachung im Haus hatten. Die Überwachung hatte ihn nicht bemerkt und die Geschenke waren richtig, das waren die wichtigsten Punkte in der Bewertung. Und das reichte. Er war jetzt bereit, erstmals seinen Dienst zu versehen und die stolze Tradition der Weihnachtsninja fortzuführen, wie sie schon seit dem 21. Jahrhundert bestand. Und diese neumodischen Nikolaus-Samurais übertrumpfen. Moderner Unfug.

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Bonus: Werkstattbericht
Da die Frage, woher kreative Ideen stammen so gerne kommt, kann ich hier einen kurzen Einblick geben.
Mein ursprünglicher Gedanke für einen Beitrag war es, Weihnachten in einem möglichst fremden Land zu zeigen, in dem das Christentum keine Bedeutung hat, das Weihnachtsfest aber dennoch gefeiert wird.
So kam ich auf Japan und unter den zahlreichen Wortassoziationen mit Japan tauchten auch Ninjas auf. Ninjas sind unsichtbar, schleichen nachts ins Haus und verschwindne ungesehen wieder – was lag also näher, als die Figur des Weihnachtsmanns und jene des Ninja zu verschmelzen?
Ihc spielte ein wneig mit dem Ergebnis und ging in eine Zukunftsvision, in der der Weihnachtsmann ebenso selbstverständlich ein Ninja ist wie er heutzutage einen roten Mantel mit weissem Futter trägt. Es ging mir um die Scheinbarkeit von Traditionen, wie sich immer wieder einzelne Elemente hinzugesellen, die nie dazugehörten. Ein paar andere Aspekte (Kommerzialisierung, Professionalisierung) spielen auch rein, aber das sind im grunde nur natürliche Fortentwicklungen dessne, wie sich Weihnachten seit ein-zwei Jahrhunderten entwickelt.
Um diese Aussage rübezrubringen kamen im letzten Satz noch kurz die Samurai auf – und als kleiner Gag zur Rivalität der beiden Gruppen.

Im Endeffekt hoffe ich, die kleine Geschichte hat gefallen und wünsche noch einmal fröhliche Feiertage bzw. einen lohnenden Überfall (ja, die Wünsche der Zukunft sind ohne Kontext halt etwas seltsam).