Filesharing oder: Diesseits und Jenseits der virtuellen Schulhofmauer

Es gibt so Themen, √ľber die jeder jeden m√∂glichen Bl√∂dsinn behauptet obwohl sie keiner versteht. Das Internet ist so ein Beispiel daf√ľr, ebenso das Urheberrecht. Das mag jetzt f√ľr viele keine gro√üe √úberraschung. Die Sache ist nur die: Jene, die behaupten, Ahnung zu haben, sind in der Regel auch nur andersrum ahnungslos.
Aber der Reihe nach.

Materielle Metaphern
Trotz Zweiwort-Alliteration nicht etwa einer meiner Buchtitel, sondern das meiner Meinung nach gr√∂√üte Problem in der Diskussion ums Internet: Das Internet ist eine Technologie, die vollkommen neue Denkmodelle, Wirtschaftsabl√§ufe und Begriffe ben√∂tigt und hervorbringt. Ein linguistisch, philosophisch und psychologisch hochspannender Prozess, um den es mir jetzt grade aber nur am Rande geht. Ich m√∂chte statt dessen ein Problem ansprechen: Praktisch jeder, der √ľber das Internet redet nutzt zumindest teilweise Begriffe aus der materiellen Welt. Und genau diese durch ihre unpassende √úbertragung in die virtuelle Welt missratenen materiellen Metaphern sind das Kernproblem der aktuellen Netzdiskussion.
Ein besonders am√ľsanter und unfugiger (ja, das Wort habe ich grade erfunden, na und?) Auswuchs ist dabei im Positionspapier der digitalen Linken zum Urheberrecht zu finden:

3. Weiterverkauf von MP3s und E-Books erm√∂glichen! Heute ist es oftmals untersagt, gekaufte MP3-Musikdateien oder elektronische B√ľcher weiterzuverkaufen. Dies greift in die Rechte von Verbraucherinnen und Verbrauchern ein. Schlie√ülich d√ľrfen Musik auf CDs oder B√ľcher in Papierform auch legal weiterverkauft werden. DIE LINKE fordert ein Recht auf Weiterverkauf von digitalen Kulturg√ľtern.

Das ist der Wunsch, eine praktische Eigenschaft materieller G√ľter doch bitte auch in der virtuellen Welt zu haben. Weil man es so kennt und f√ľr praktisch erachtet. Das ist einfach nur Quark und ich werde es auch weiterhin so nennen bis mir jemand ein Verfahren nennt, wie das mit virtuellen Waren √ľberhaupt gehen soll. Es m√ľsste ja sichergestellt werden, dass die Originaldatei dabei auch gel√∂scht wird, sonst ist es kein Weiterverkauf, sondern eine kommerzielle Raubkopie (und kommerzielle Raubkopien will niemand, nicht einmal die Piratenpartei).
Womit wir nach dem kleinen Schmankerl auch schon beim eigentlichen Knackpunkt wären: Die Piratenpartei und ihr Verständnis vom Urheberrecht im Netz, genauer vom Umgang mit Filesharing. Da versteckt sich die Metapher etwas, aber man findet sie nach etwas umherstochern in der Argumentation pro Filesharing doch recht schnell: Der virtuelle Schulhof. Und damit kommen wir zu der Ahnungslosigkeit, die ich den scheinbar netzkompetenten vorzuwerfen gedenke.

Der virtuelle Schulhof
Eine der zentralen Forderungen der Piratenpartei ist die Legalisierung von nicht-kommerziellem Filesharing kommerzieller Inhalte. De √úberzeugung, dieses sei vollkommen harmlos wird dabei oft damit untermauert, dass fr√ľher auf den Schulh√∂fen ja auch die mit den Lieblingsbands und neuesten Alben bespielten Kassetten getauscht wurden (f√ľr alle unter 30: Diese Dinger).
Dabei wird der zentrale Unterschied √ľbersehen: Beim Filesharing im Internet (egal ob √ľber P2P oder Cloud-Dienste wie MegaUpload) gibt man seine Dateien an eine unberechenbar gro√üe anonyme Masse von Websurfern weiter. Anonym noch nicht einmal im Sinne von „kein Klarname“, sondern im Sinne von „du kennst alle die doch gar nicht“. Wichtig hieran ist der Punkt mit der Masse: Wenn ein paar Sch√ľler Kassetten tauschen, ist der Schaden gering. Wenn eine Million Nutzer eine einzige Kopie des Albums bei BitTorrent ziehen, dann ist da f√ľr den K√ľnstler ein schmerzhafter Verlust drin, selbst wenn nur 1 Promille der Lader das Album dadurch nicht mehr kaufen.
Durch eine Legalisierung der Weitergabe kommerzieller Inhalte in nicht-kommerzieller Form w√ľrde diese allt√§glich werden. Die Verwertungsindustrie ginge zu Grunde. Das w√§re an sich auch kein Problem, aber wer bezahlt dann beispielsweise die 200.000.000 USD, die die Produktion von Titanic gekostet hat? 200.000.000 USD f√ľr einen Film √ľber ein sinkendes Schiff per Crowdfunding? Vergesst es! Und auf kleinerem Niveau: Wer zahlt denn dann √ľberhaupt noch f√ľr die Werke der Urheber und warum, wenn kostenlos doch v√∂llig legal ist?
Erhalten die Urheber aber kein Geld f√ľr ihre Werke, sinkt nicht nur die Motivation, k√ľnstlerische Werke zu erschaffen. Es sinkt auch die M√∂glichkeit dazu, denn die Zahl der Kulturschaffenden, die „ganz nebenbei“ auch noch arbeiten m√ľssen steigt. Und damit die zur Verf√ľgung stehende Zeit der Urheber. Die in gro√üem Umfang ben√∂tigte Zeit zur Erzeugung von Kultur zusammenzukratzen wird zur Selbstausbeutung, zu der immer weniger bereit sein werden. Es bedarf eines Interessenausgleiches.

Kim Dotcom, Pirate Bay und andere mehr oder Unschuldige
Aber vorher noch zu einer anderen Frage: Wann genau ist der Bruch des Urheberrechts zur nicht-kommerziellen Verteilung ein Problem? Wann ist die Schwelle vom virtuellen Schulhof zur K√ľnstlerausbeutung √ľberschritten? Ich sage: Sobald die Links √∂ffentlich gemacht werden.
Wenn die Links, ob nun ein Weblink zum Filehoster, ein ed2k-Link oder eine Torrent-Datei, √∂ffentlich verteilt werden, geht die datei an die anonyme Masse. Solange man die Dateien oder Links im Bekanntenkreis per eMail, Chat oder Datentr√§ger rumschickt, ist man auf der Ebene des virtuellen Schulhofes. Aus dieser Schwellensetzung aber folgt das genau gegenteilige Rechtsverst√§ndnis, aus dem sich dereinst in Schweden die Piratpartiet gr√ľndete. Pirate Bay, das ja „nur“ Links verteilt w√§re somit der Verbrecher im System, weil es die Dateien aus dem virtuellen Schulhof hinaus in die √Ėffentlichkeit „schmuggelt“. Die Piraten sind Schmuggler. Nun gut, so viel schlechter als Jack Sparrow ist Han Solo als Ikonografie nun auch nicht. Dennoch ist festzuhalten: Wenn etwas unterbunden werden sollte, dann die (vom Urheber) nicht autorisierte Weitergabe der Links.
Der international gesuchte Verbrecher Kim Schmitz Dotcom dagegen hat nach dieser Logik nichts verbotenes getan: Er hat einen Schulhof gebaut. Dort konnten Leute ihre Dateien abspeichern und teilen, indem sie die Links weitergaben. Das war kein Verbrechen. Gut, er hat damit eine Menge Geld gemacht, aber Geld verdienen ist ja nichts Illegales. Auch die Weitergabe der Links war, solange im pers√∂nlichen Bekanntenkreis verbleibend, kein Problem. Problematisch war vielmehr, dass Leute √∂ffentlich Links auf bei MegaUpload gespeicherte Dateien sammelten, die nicht h√§tten √∂ffentlich verteilt werden d√ľrfen.
Womit wir ein Problem gefunden haben: Wir jagen und verteidigen jeweils die Falschen. Jene, die wir als unschuldig und zu Unrecht gejagt erachten, weil sie ja nur Links streuen, sind das eigentliche Problem. Das beste daran: Die öffentlichen Linkstreuer lassen sich problemlos ohne staatliche Spionage bekämpfen, weil man Webseiten relativ einfach abschalten kann, wenn sie illegal sind.

Modelle des Interessenausgleichs
Aufgrund der globalen Struktur des Netzes werden wir das Streuen von Links allerdings niemals komplett unterbinden k√∂nnen. Also bedarf es eines Interessenausgleiches. Die meisten Modelle setzen damit an, Internetnutzer f√ľr die (meist nur vermutete) Nutzung der Plattformen bezahlen zu lassen.
Besonders beliebt scheint im Moment die Idee einer Kulturflatrate. Anh√§nger finden sich quer durch alle gr√∂√üeren demokratischen Parteien: Piraten, Gr√ľne, Linke, SPD, FDP – teilweise sogar in der CDU. Aber die Kulturflatrate birgt auch Probleme. Neben dem Grundproblem eines Gemeinverdachtes (jeder zahlt, ob er kopiert oder nicht) jenes des Verteilungsschl√ľssels. Die Kulturflatrate w√ľrde auf eine Art √úber-GEMA hinauslaufen. Und wie toll die GEMA ist, dazu muss ich glaube ich nicht sehr viel erz√§hlen.
Ganz h√ľbsch finde ich die vom CCC vorgeschlagene Kulturwertmark, also eine Art Flattr f√ľr K√ľnstler. Ich muss aber ehrlich gestehen: Ich verstehe Flattr, Kachingle & Co. einfach nicht. Ich habe es auch nicht versucht. Genau das ist aber das Problem: Eine Technologie muss in ihrer Nutzung von einer breiten Bev√∂lkerungsmehrheit verstanden werden, wenn sie solch zentrale Bedeutung f√ľr eine Volkswirtschaft erlangen soll, siehe Bitcoin. Oder kurz gesagt: Dieses System ist zu sehr vom bekannten Alltag der nicht-vernerdeten Normalbev√∂lkerung entfernt.

Mein Vorschlag: DigiThek
Gerne h√∂rt man von den Filesharing-Apologeten, runtergeladene Inhalte w√§ren nur ein Test, bei Gefallen wird gekauft. Nun gut, nehmen wir diese beim Wort und bauen unser System darauf auf: Man kann Medien ¬ßbdquo;ausleihen“ und kostenlos oder gegen eine Pauschale f√ľr einen gewissen Zeitraum ausleihen. Sagen wir, je nach Medieninhalt, eine Woche bis einen Monat, analog zu normalen Bibliotheken. Das mE ideale Mittel dazu w√§re nicht die in der Zahl der Ausleiher begrenzte Onleihe und √§hnlicher Quatsch, sondern eine P2P-Plattform wie BitTorrent. Die Besonderheit hierbei w√§re, dass diese Plattform eine digitale Rechteverwaltung (DRM) nutzt. Nach dem Download sind Dateien f√ľr den Ausleihzeitraum auf dem runterladenden Rechner und ein-zwei vom Besitzer des Rechners autorisierten Ger√§ten nutzbar (beispielsweise 2 PCs, ein MP3-Player, ein Handy und ein eBook-Reader oder Tablet-PC). Bis zum Ende des Ausleihzeitraumes ist die Nutzung in diesem Rahmen kostenlos. Ob die Dauer dessen vom Urheber, Verwerter oder nach Medienart festgelegt wird, das m√∂gen die Betreiber regeln.
Der Nutzer hat bis zum Ende des Ausleihzeitraumes jederzeit die M√∂glichkeit, f√ľr die Entfernung des Kopierschutzes zu bezahlen. Und ich meine Entfernung: Wer f√ľr eine Ware bezahlt hat, dem sollte das Recht zuteil werden, sein erworbenes Produkt ohne weitere Einschr√§nkungen zu nutzen, er erh√§lt die pure Datei ohne jede weitere Kopierschutzma√ünahme. Er hat daf√ľr bezahlt, jetzt darf er damit (ausser weiterverkaufen oder ausserhalb des metaphorischen Schulhofes verteilen) machen, was er will, wo er will und in welcher Form er will. Den Preis daf√ľr legt der Urheber oder sein Verwerter fest.
Inhalte werden von den Urhebern ins System gespeist, die dabei auch festlegen, was die Befreiung vom DRM kosten soll. Dabei können sie selbstverständlich auch die Option wählen, diese Befreiung kostenlos zu machen oder gar Dateien gleich ohne DRM zu verteilen (ähnlich den Inhalten bei Legaltorrent).

Ich bin kein Programmierer, erst recht nicht mit Erfahrung im Einrichten von P2P-Clients und Multi-Device DRM, ich kann sowas nicht bauen. Aber als Kunde und Urheber wäre ich bei einer solchen Plattform von Anfang an dabei. Ich erinnere mich an geleakte eMails an Dotcom (finde die URL nicht wieder, Fefe hatte vor Monaten mal darauf hingewiesen), die durchscheinen ließen, dass auch die Film- und Musikindustrie so etwas durchaus nicht abgeneigt wäre.
Also wer ist Programmierer mit entsprechender Erfahrung und m√∂chte das Konzept des Medienkaufs im Internet mal gr√ľndlich umkrempeln? Und klar, richtig Geld steckt da auch drin, denn nat√ľrlich darf der Betreiber der Plattform einen Anteil am Verkaufspreis behalten.

Nachtrag: Auf das uns√§gliche Argument, K√ľnstler seien ja nur „Filter“ die aus dem kulturellen gemeingut schaffen sage ich mal nichts weiter als das: Erz√§hlt ihr auch einem Bauarbeiter, er habe keine eigene Arbeit geleistet, weil die Steine, aus denen er grade ein Haus gebaut hat vorher schon in der gegen rumlagen?