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Aktuell geistert ja eine vorgebliche Migrantendebatte. Dass es sich um eine Islamdebatte handelt, dürfte offensichtlich sein: Beschwerden über italienische oder französische Einwanderer habe ich bisher nicht wahrgenommen. Nun ist „Debatte“ zwar oftmals ebenso übertrieben was die Bezeichnung dieser Vorgänge angeht, aber naja, irgendwie muss man es ja nennen.

Die Debatte selbst interessiert mich inzwischen nicht mehr wirklich.
Sie ist in Mönchengladbach „dank“ der hierhin ziehenden Sekte Einladung zum Paradies überaus gegenwärtig und ich werde mich daher am Mittwoch unter anderem mit einem Burkaverbotsantrag im Rat beschäftigen – den wir hoffentlich ablehnen werden.
Ich lehne die Burka ab, aber ein Verbot der Burka für jeden, der ein städtisches Gebäude nur betritt ist ein unzulässiger Eingriff ins Privatleben der Leute. Davon ab wird die Stimmung in Eicken, wo die inzwischen deutschlandweit bekannte „Islamschule“ hinzieht dadurch nur angestachelt und die Sektierer werden nur noch stärkere Präsenz zeigen. Und ein weiteres Argument für ihre behauptete Unterdrückung finden sie auch gleich auf dem Servierteller präsentiert.

Nein, es geht mir um eine konstruktivere, interessantere Frage:
Warum jetzt?

Osama bin Laden ist vermutlich seit Jahren tot, es gibt keinen Krieg mehr mit der „muslimischen Welt“, Ahamadinedschad ist auch seit Monaten relativ ruhig (oder die Presse ist seiner überdrüssig geworden) und neue Anschläge gab es auch nicht. Die Sache mit der Paketbombe im Frachtflugzeug passierte so spät, dass es niemand mehr wirklich wahrgenommen hat.
So wirklich ernstnehmen kann man die meisten Beiträge mit nüchternem Kopf auch nicht: Da erklärt die Kanzlerin eines landes, in dem Bayern, Schwaben, Sachsen, Friesen, Sorben, Dänen usw. seit über einem jahrhundert zusammenleben mal eben „Multikulti“ für gescheitert. Ein Mann namens Sarrazin klagt über die angeblich erbliche Dummheit der muslimischen Einwanderer. Und ein niederländischer Schreihals nutzt die Redefreiheit dazu zu behaupten, er dürfe seine (bei dieser Gelegenheit auch gleich ausführlich ausgebreitete) Meinung nicht äussern. Diese Liste hätte noch vor zwei Jahren höchstens fürs Kabarett und NPD-Veranstaltungen (was in etwa das selbe ist) gereicht.

Ausgerechnet heute, während ich seit drei Tagen über diesen Text brüte, schlägt Eiropaforscher Timothy Ash in der taz eine Brücke, die das ganze doch wieder zu einer Integrationsdebatte macht.

[…]die Intensität der tagtäglichen Berührung mit der alten Heimat hat heute eine neue Qualität – durch das Satellitenfernsehen, durch das Internet, auch durch das billige Reisen. Heute kann man faktisch in zwei Ländern gleichzeitig leben.

Ich vermute, bei Ash ist das eher unfreiwillig, aber: Kann es sein, dass wir es mit ener weitaus umfassenderen Integrationsdebatte zu tun haben, als wir alle dachten?

Ash verweist auf die Wirkung des Internets als Kultur(über)träger.
Das passt zu der Vermutung, die ich schon seit längerem über das WWW habe – es löst die geografisch definiertern Einheiten wie „Volk“, „Nation“, „Staat“ und dergleichen ab und ersetzt sie durch virtuelle, ortsunabhängige Zusammenschlüsse ähnlich denkender Menschen.
Die klassischen Arten von Gesellschaft haben kein Integrationsproblem – sie liegen im Sterben. Die technische Entwicklung hat begonnen, etliche Gesellschaftskonstrukte zu desintegrieren.

Doch chronologisch:

Phase 1: Digital Gap
Eine solche revolutionäre und mehr oder weniger totale Desintegration der Gesellschaft sollte sich erwartungsgemäß zunächst bei denen bemerkbar machen, die nie integriert waren: Die Jugend.
Das frühe 21. Jahrhundert ist von einem Generationenkonflikt geprägt, den es in dieser Form seit der Einführung der Demokratie nicht mehr gegeben haben dürfte: Die „digital natives“, also die geborenen Netzbürger. Ihr Denken, ihr Wissen, ihre Herangehensweisen sind von jenen ihrer Vorgänger so verschieden, dass die Älteren sie oftmals nicht einmal mehr zu verstehen in der Lage sind.
Die Netzbewegung droht alles zur evolutionieren: Urheberrecht, das Verständnis von Privatsphäre, Informationsflüsse, Kunst, Medien, ja ganze Wirtschaftssysteme werden vom Internet und seinen Schwestertechnologien (Mobiltelefon, iPod, Videospiel) unterminiert. Das Ergebnis ist ein kollektives Umsichschlagen mit Abwehrreaktionen seitens des (ja, ich verwende das Wort jetzt einfach mal) Establishments.
Urheberrechts- und Copyrightverschärfung, Netzsperrendebatte, Jugendschutzverschärfung, Google Street View – die neuen Medien stehen einem Feldzug gegenüber wie zuletzt der Buchdruck.

Zugleich bildet die digitale Welt ihre eigenen Kulturen aus. Und diese sind eben nicht mehr geografisch definiert wie die alten Nationalstaaten, die den Digital Natives mehr als Ärgernis denn als Identifikationsmerkmal dienen. Nationalstaaten sind üblicherweise Quelle von Zensur und Verboten, bestenfalls lokale Dienstleister wie es in der alten Weltordnung Energieversorger und Verkehrsbetriebe waren.
Neue Kulturen bildeten sich im Netz. Zunächst waren es Zusammenschlüsse von Wissenschaftlern und Hobbyisten (Mailinglisten, Foren), dann kulturelle und philosophische Chaträume, Foren und Communities und schließlich ganze Bewegungen ohne geografischen Bezug (Brights, Piraten). Netzbürger haben nur noch durch Zufall ein Heimatland und eine Muttersprache, das sind mehr Artefakte einer vordigitalen Antike. Im besten Falle sind sie so etwas wie Religion, die irgendwo als Teil des kulturellen Hintergrunds verankert ist, aber letztlich nicht wirklich Einfluss auf uns hat.

Phase 2: Migranten
Und hier ist der Übergang zu den klassischen Migranten.
Wir lasen oben, dass Migranten über das Internet Kontakt zu ihrer Heimat halten. das klingt im Lichte des vorherigen Abschnitts paradox, ist es aber nur auf den ersten Blick:
Wie eingangs gesagt gibt es kein Migrantenproblem. Es gibt ein Islamproblem (ob es das wirklich gibt oder nur Medienhype ist, ist hier mal irrelevant).
Der Islam aber ist eine Religion. Religion gehört aber zu den Dingen, die auch ohne eine geografische Zuordnung existieren können. Im Grunde sogar besser: Im alten System würde die Umgebung eine Konversion zur dortigen Religion fördern, weil nur zu dieser Bezüge aufbaubar sind.
Im neuen System kann selbst eine Einzelperson über das Internet mit anderen Anhängern der eigenen Religion in Kontakt bleiben. Es entsteht eine Gemeinschaft ohne räumliche Nähe. Da räumliche Nähe nun nicht mehr nötig ist, um eine Gemeinschaft zu bilden, werden Religionsgemeinschaften stabiler. Die fast komplett über das Netz organisierten Salafisten in Deutschland sind ein gutes Beispiel für eine solche Entwicklung. Ihr hoher Anteil an Einheimischen zeigt die geografische Diffusion der Religionsgemeinschaften an.
Ich zitiere mich unverschämterweise mal selber:

Der Anteil der deutschen Frauen unter den Salafisten-Anhängerinnen läge bei bis zu drei Vierteln. »Bei den Vollverschleierten wird es ähnlich sein, sehen kann man es ja nicht«, so Diehl.

Nun haben die Muslime gegenüber anderen Netzbewegungen den Nachteil, recht stark mit einer leichter identifizierbaren Gruppe zu korrelieren, eben den Migranten aus – tatsächlich oder angeblich – muslimischen Ländern. Die kriegen nun die volle Breitseite einer Attacke ab, die sich nur oberflächlich betrachtete gegen sie richtet.
Tatsächlich handelt es sich um panikhafte Reaktionen einer Gesellschaft, die den Wandel, in dem sie sich befindet einfach nicht zu verstehen in der Lage ist.

Phase 3: Gesellschaftsneubildung
Währenddessen formt die Netzbewegung weiter die Gesellschaft um.
Demonstrationen nehmen wieder zu, seit sie schnell und effektiv übers Netz organisiert werden können. Organisationsplattformen sind dabei häufig eben jene digitalen Gemeinschaften Gleichgesinnter, die jenseits geografischer Schranken zu arbeiten beginnen.
Es begann mit dem Flashmob, dann wurde der Flashmob politisch. Und nun stellt die schiere Anzahl an Protestlern in Gorleben und Stuttgart alles in den Schatten, was unsere Generation jemals kannte. Ich kenne Zeiten, da war bei einem CASTOR-Transport ganz Dannenberg (die Hauptstadt des Kreises Lüchow-Dannenberg, zu dem auch Gorleben gehört) leer. Das war die alte Gesellschaft. Dieser Tage ist Dannenberg zum Transporttag vollkommen überfüllt mit Menschen aus allen Ecken Europas. Das ist die neue Gesellschaft.

Wohin geht’s
Meine Gedanken in diesem Beitrag sind noch relativ ungeordnet weil frisch, aber: ich denke im Endeffekt werden wir den Niedergang der klassischen Gesellschaftsideen von der Nation, vom Volk und Staat sehen.
Einige davon werden völlig verschwinden, andere radikal andere Rollen spielen und wieder andere durch neue Konzepte ersetzt werden. Die Implikationen sind im Endeffekt noch wesentlich größer, doch dafür reicht dieser Beitrag in seiner noch skizzenhaft ungeordneten Form nicht aus. Mit jedem Saztz, den ich hier schreibe, werden mir die Implikationen gewahrer, werden sie umfassender und passen sie wneiger in den Rahmen eines einzigen Blogbeitrages.

Der Punkt auf den ich hinaus will ist: Die Integrationsdebatte behandelt nicht das Problem fehlender Integration, sie ist eine (Abwehr-)Reaktion auf die Desintegration des klassischen Gesellschaftskonzeptes an sich.

Und das bringt einen ganzen Rattenschwanz an Fragen mit sich. Mindestens die Hälfte davon sind mir momentan noch nicht einmal selbst klar.

PS: Als ich diesen Text begann war mein Gedanke noch, das Integrationsproblem läge daran, dass es keine Gesellschaft mehr gibt, in die man sich integrieren könne. Nur für’s Protokoll.