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Eine der häufigsten Fragen von Selbstverlegern im eBook-Bereich ist, welche Genres sich am besten verkaufen. Und entsprechend viele Methoden wurden entwickelt, diese Frage zu beantworten. Sei es der Bestsellerrang des bestverkauften Werkes, der Anteil der Genres an den Bestsellerlisten, das Ergebnis von Umfragen oder einfach die Voreingenommenheit des Feuilletons. Mir erscheint das alles wenig brauchbar, weil es jeweils auf zu wenig Daten beruht und schnell von einzelnen Titeln und Autoren, die im Trend liegen, aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann.
Also habe ich noch eine Methode mitgebracht. Die ist hauptsächlich für meine eigene Marktübersicht gedacht, aber wenn ich das schon mache, kann ich es auch gleich noch um ein paar Genres ergänzen und dann das Blog damit füllen.

Die Idee ist, die Top100 jedes Genres zu nehmen und zu schauen, wo die jeweilige Nummer 1 und Nummer 100 in den Gesamtverkaufszahlen stehen. Damit habe ich einerseits den Rang des erfolgreichsten Buches, kann aber auch sehen, ob es sich bei diesem nur um einen Ausreisser handelt. Ich nutze hierfür Kindle, wiel die Daten von dort besonders einfach zu bekommen sind.
Kurzgefasst kann man sagen: Je höher die Nummer 1 im Gesamtranking und je geringer der Abstand zur Nummer 100, desto besser. Verfolgt man das über mehrere Wochen, sollten durch die schiere Datenmenge Trends erkennbar und statistische Spitzen abgefangen werden.
Ungefähr so:

Belletristik
Die Belletristik läuft ausser Konkurrenz, da es in Deutschland nicht üblich ist, diese als Genre zu betrachten. Das führt dazu, dass sich in ihr Bücher diverser Genres wiederfinden, etwa nahezu das komplette Romantik-Abteil. Eine echte Genre-Zuteilung ist für diesen Teil der Literatur nicht mit vertretbarem Aufwand möglich, da das Genre stilistisch definiert ist und somit jedes Buch einzeln bewertet werden müsste.
Am ehesten entspricht der Belletristik bei Amazon die Kategorie „Gegenwartsliteratur“.
Und hier ist auch schon der Beweis. Die #1 ist zugleich der Bestseller bei den Liebesromanen, die #100 kommt im gesamten Kindle-Shop auf Rang 277. Damit wäre die Gegenwartsliteratur das zweit-erfolgreichste Genre auf Kindle, da es aber viele Vertreter der Genreliteratur (vor allem Liebesromane, Thriller, Krimi) mit umfasst, wäre alles andere auch sehr erstaunlich. Seine Top100 sind im Grunde eine Mischung aus den Top20 aller normalerweise in der Gegenwart spielender Genres. Das ist so ziemlich alles ausser Science-Fiction, Fantasy und historischem Roman.
Aber hey, vielleicht kann ja jemand etwas mit diesen Daten anfangen, vielleicht gibt es irgendwann in Zukunft sogar mal eine echte Überraschung und die gesamte Leserschaft stürzt sich auf Science-Fiction, hier sind sie also.
Dennoch interessant: Platz 100 ist übrigens mit 14,99 € das teuerste eingeflossene Buch im Bereich Fiktion. Der erste Platz ist von einer Selbstverlegerin belegt.

Liebesgeschichten
Kommen wir zum ersten echten Genre.
Wie gesagt ist Zauberhafte Weihnachten von Daniela Felbermayr zugleich der Bestseller in der gesamten Gegenwartsliteratur. Das ist ein guter Start für ihr Genre. Im gesamten eBook-Angebot nimmt es Platz 3 ein. Das andere Ende bildet Karola Löwensteins Gloomy Passion auf Rang 182. Das bedeutet, mehr als die Hälfte der Romantik-Top100 sind zugleich in den Gesamt-Top100. Selbst alle anderen Genres zusammen können ein solches Ergebnis nicht übertreffen.
Allerdings wirkt das durch Bände mit mehreren Genres auch in andere Listen hinein: Die Nummer 8 unter den Liebesgeschichten findet sich als Nummer 1 in der Fantasy wieder. Doch dazu später mehr.
Es ist kein Geheimnis dass Romantik auf dem Kindle gut läuft, dieses Ergebnis erstaunt mich dann aber doch. Übrigens ist das noch ohne den ebenfalls sehr lukrativen Bereich der Erotik, da viele Werke aus diesem genre einer eigenen Erotik-Kategorie angehören. Bücher in der Kategorie „Erotik“ erhalten keinen Gesamtverkaufsrang, das ist Amazons Methode, die Bestsellerlisten „sauber“ zu halten.

Krimi/Thriller
Amazon packt beide Genres in eine Kategorie. Da die beiden aber auch nur sehr schwer zu unterscheiden sind, ist das wohl besser so. Sonst müssten wir uns nur streiten, wie legitim die Einordnung einzelner Bücher ist. Davon hat keiner was.
Hier haben wir ein beispiel für einen (allerdings nur sehr leichten) statistischen Ausreisser, den unsere Methode auflöst: Es handelt sich „nur“ um das zweit-erfolgreichste echte Genre (also ohne die Gegenwartsliteratur zu zählen), aber der Bestseller des Genres, Roger Stelljes‘ Die Minnesota-Verschwörung ist zugleich das zur Erhebungszeit meistverkaufte Kindle-Buch überhaupt. Diesmal kein Selbstverleger, aber fast, es handelt sich um die von Amazon angefertigte Übersetzung eines amerikanischen Selbstverlegers. Erstaunlicherweise der einzige deutschsprachige Titel dieses Autors.
Auf Rang 100 begegnet uns eine kleine Überraschung. Robert Galbraith ist Fantasy-Fans besser unter dem Namen Joanne K. Rowling bekannt. Auch wenn Rowlings Ausflug in den Krimi nicht als ihr Meisterstück gilt, ist es doch erstaunlich, dass sich 99 andere Werke, darunter vornehmlich Selbstverleger, vor sie stellen können. Insgesamt ist das eine nur hier und dort mit bekannten Namen gesprinkelte Liste. Dan Brown, Nele Neuhaus und Charlotte Link tauchen auf, spielen aber keine so große Rolle. Die großen Endlos-Serien aus der Bastei spielen überhaupt keine Rolle. Das war zwar auch bei den Liebesgeschichten so, aber angesichts der Größe von Namen wie Jerry Cotton überrascht es dennoch – bei den Romanzen finden sich wenigstens ab und an bewährte Marken wie Julia und Cora.

Fantasy
Immerhin noch auf die 16 im Gesamtangebot bringt es Mella Dumonts Fantasy-Bestseller Himbeermond. Dass das Buch gleichzeitig in der Liebes-Kategorie steht und dort auch gleich Rang 8 belegen kann, hilft sicherlich. Ihr Gegenstück am Hinterende der Top100 trägt den verwirrenden Titel HEROES Jägerherz – Hunter: Jägerherz – Hunter, bei dem ich nicht sicher bin, was nun der Untertitel wovon ist. Allerdings hat es auch hier Romantik-Elemente einschließlich eines Covers, welches so sonst nur in Erotik und Romanze auftaucht. Es erreicht im Gesamtvergleich nur noch die 970. Der Abstand zur den beiden größten Genres ist also schon sehr deutlich.
Die Ähnlichkeit der beiden Vertreter täuscht allerdings: In der Fantasy findet sich ein sehr lebendiges Gemisch von Subgenres, von denen keines echte Dominanz zeigt. Da steht romantische neben düsterer und diese dann neben epischer Fantasy. Urban Fantasy ist allerdings seltener vertreten, als einen der Hype glauben macht. Auffällig ist, dass die einzelnen Bände von Serien in der Fantasy regelmäßig sehr nah beieinander liegen. Nicht nur verkaufen Serien sich in der Fantasy gut, sie verkaufen sich auch noch am Stück.

Science-Fiction
Wieder mit ordentlichem Abstand kann Markus Sakeys Die Abnormen die SF-Charts anführen. Platz 40 ist es geworden, mit Sarah Marie Kellers Ein schwarzes Feuer am anderen Ende auf 2.880. Und als wäre das für SF-Autoren noch nicht unschön genug, sind die Top100 auch noch von einer einzigen Serie durchsetzt, mit der man mithalten muss. Ja natürlich, Perry Rhodan in all seinen Iterationen samt Spin-Offs und Sonderbänden. Perry Rhodan; Perry Rhodan Neo, Atlan… gegen den unsterblichen Unsterblichen ist in der deutschsprachigen Science-Fiction kaum ein Kraut gewachsen. Insgesamt laufen auch in der SF Serien gut, verteilen sich dabei aber anders als in der Fantasy über die kompletten Top 100.

Horror
Hier ist der zweite große Ausreisser in der Statistik. Andreas Adlons Bestseller im Horror schafft es insgesamt auf Platz 6. Im steht eine Ausgabe von Bram Stokers Dracula (!) entgegen, die es nur auf Rang 3.380 schafft. Das ist allerdings wenig überraschend, Horror war immer schon ein Genre mit einer solch seltsamen Zusammensetzung – einerseits verkauft er sich schlecht, andererseits macht er einzelne Autoren zu Millionären. Wahrscheinlich sähe es noch schlechter aus, wenn diverse Endzeit-Geschichten, die im Horror auftauchen, der Science-Fiction zugeschlagen würden.

Fachbücher
Wem Horror zu populär ist, dem seien Fachbücher ans Herz gelegt. Die reichen von Platz 442 (Michael Lietser: Endlich selbstbewusst!) bis zu 4.350 (Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst). Mit wenigen Ausnahmen sind das alles Ratgeber zu diversen Themen: Hilfe mit dem iPhone, Hausapotheke von seriös bis Homöopathie, jede Menge Selbstbewusstsein, Geld verdienen, Inspirationen und sonstige Selbsthilfe.
Das sind durchaus noch lukrative Ränge, aber man kann durchaus sagen, dass bei den Fachbüchern nur Geld verdient, wer es unter die ersten 100 schafft. Alles dahinter ist grob überschlagen Groschenpicken.

Naturwissenschaften & Technik
Wo wir grade beim Groschenpicken sind: Nur wahnsinnige und überzeugte gehen in diese Kategorie. Ich sage abe rnicht, zu welcher der beiden Gruppen ich zähle. Dr. Claudia Berger kann noch auf 1.075 warnen: Im Darm steckt der Tod. Das Grundwissen Mathematikstudium wird dagegen auf 10.045 vermittelt. Das bedeutet nach meinen Erfahrungen weniger als ein verkauftes Exemplar am Tag. Dass es zudem ein eBook mit einem Preis von 46,99 € in die Top100 schafft, dürfte als ähnlich große Warnflagge gelten: Wer mit eBooks Geld verdienen will, sollte sich tunlichst von den Naturwissenschaften fernhalten.

Fazit
Noch sind es nur sehr wenige Daten, aber es bestätigt sich, was andere Verfahren sagen: Romantik beherrscht den Kindle-Markt wie nichts sonst, andere Genres der Fiktion folgen mit merklichem, aber überwindbarem Abstand. Sachbücher dagegen sind für die Einkommen ihrer Verfasser eine Katastrophe mit sehr wenig Hoffnung auf nennenswerten Profit. Horror hat aktuell eine seltsame Verteilung in den Verkaufsrängen – insgesamt schwach mit einigen wenigen sehr starken Autoren im vorderen Bereich.
Mal sehen, wie die Trends in den nächsten Wochen laufen.

Daten erhoben am Sonntag, 16.11.2014 um ca. 20 Uhr