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Vorgeplänkel

Es gilt weiterhin, was ich letztes Jahr schon schrieb:

So sehr ich den rheinischen Karneval mit seiner Schunkelei und dem Schenkelklopferhumor auch verachte, und so sehr ich auch ein ausgeprägtes Unwohlsein in der Nähe von Clowns und kostümierten Menschen verspüre, eines hat auch mir doch immer gefallen: Der Straßenkarneval mit seinem Zug/Zuch/Zoch (je nach Regiolekt).

Wenig weiss ich mehr zu schätzen als gute Satire und die großen Karnevalszüge im Rheinland tragen diese quasi als Markenzeichen. Das ist zwar in Düsseldorf und Köln gegenwärtig vor allem dem ebenso unermüdlichen wie pointenstarken Wagenbauer Jacques Tilly zu verdanken, aber auch Mönchengladbach, mit dem einzigen großen Zug am Veilchendienstag in Deutschland (New Orleans ist keine so direkte Konkurrenz), zeigte hier immer wieder Potenzial. 2010 war ein in diesem Sinne sehr guter Zug, 2015 zeigte Potenzial.
Auf 2016 war ich sehr gespannt, weil Bernd Gothe, der Vorsitzende des Mönchengladbacher Karnevalsvereins (MKV) eine Neuausrichtung des Gladbacher Karnevals angekündigt hatte. Richtig konzipiert hätte das Ansinnen, nicht mehr direkt mit den anderen Hochburgen zu konkurrieren viel Potenzial für einen ganz eigenen Zug. Es hatte aber auch das Potenzial, in der Praxis zu einem „Unser Karneval soll ömmeliger werden“ zu katastrophieren. Also, was ist es geworden? Nun:

Die Bestechung

Eine Ausbeute an Wurfmaterial , wie ich sie sonst nur aus meiner Kindheit in Düsseldorf kenne ist schonmal nicht schlecht. Das lag auch daran, dass ich kurz vor Ende des Zuges meine erhöhte Fotografierposition aufgab und direkt an den Straßenrand ging. Wären mir nicht irgendwann die Jacken- und Hosentaschen ausgegangen, es sähe noch besser aus.
Jetzt habe ich neben einem Bumerang, Einkaufs-Chip und Quietscheentchen noch ein-zwei Süßigkeiten einstecken können:

Ein Einkaufswagenchip! Wie cool ist das denn?

Ein Einkaufswagenchip! Wie cool ist das denn?

Also, bestochen wurde ich schonmal gut, aber ich bin bekanntlich unbestechlich.

Disclaimer

Wenn ich mopper, dann weil ich gesehen habe, wie viel besser der Karneval in MG sein kann, wenn er sich traut, Eisen anzupacken und nicht, weil ich dem Zug Böses will. Im Gegenteil, ich sehne mich gradezu nach einem Veilchendienstagszug mit Chuzpe. Deswegen messe ich ihn an den Zügen der drei Rosenmontagshochburgen und auch an früheren Zügen in Mönchengladbach. Denn früher und anderswo ist immer alles besser.

Der Zug

Pünktlich zu Beginn zog der Regen ab und das bisschen Gedröppel zwischendurch zählt nicht, also gute meteorologische Voraussetzungen für einen gelungenen Zug. Dass der erste Wagen Werbung für die Ritterfestspiele auf Schloss Rheydt als Kamelle warf, ergab einen etwas befremdlichen Auftakt, aber nun gut.
Allerdings war das auch der Einstieg in das, was den Zug durchzog: Er war nicht lustig, dafür war er aber repräsentativ. Die Karnevalsvereine zeigten wie jedes Jahr ihre Prunkwagen vor, wie üblich mit einer aktualisierten Jahreszahl in der Bemalung, fertig ist der Karnevalswagen. Sehr repräsentativ, aber auch sehr, sehr langweilig.
Daneben wurde wie groß in der Presse angekündigt der Rumpf einer Junkers F13 durch die Gegend kutschiert, gefolgt von einer Art Diorama aus Bauteilen des Gladbacher Weihnachtsmarktes mit Werbung für eben jenen Markt. Es folgte das Minto, das sich wenigstens die Mühe gab, ein Motto auf Platt auf den Wagen zu malen. Alle drei Wagen wären hervorragend für eine Art Stadtparade, die man etwa zum Eine-Stadt-Fest zwischen Rheydt und Gladbach fahren lassen könnte (Hey, MGMG, wie wäre es mit einer solchen Stadtparade zum Eine-Stadt-Fest?), aber wenig närrisch oder gar lustig.

Ja, ein kaputtes Flugzeug. Tätä, tätä, tätä!?! Oka,y das ist ein bisschen unfair der historischen Bedeutung der Junkers F13 gegenüber, aber mal im Ernst, das ist ein Karnevalszug!

Ja, ein kaputtes Flugzeug. Tätä, tätä, tätä!?! Okay, das ist ein bisschen unfair der historischen Bedeutung der Junkers F13 gegenüber, aber mal im Ernst, das ist ein Karnevalszug!

Ja, okay, warum nicht

Ja, okay, warum nicht

Nein, viel lustiger wird's nicht, aber sie haben sich mit dem Spruch wenigstens Mühe gegeben

Nein, viel lustiger wird’s nicht, aber sie haben sich mit dem Spruch wenigstens Mühe gegeben

Motto des Zuges war dieses Jahr „M’r donnt wat m’r könne“, was mich durchaus zu begeistern wusste. Ich nahm es als positives Zeichen, dass Mönchengladbach endlich mal ein Motto auf Platt hat, wie sich das für Karneval gehört. Gleich zu Anfang lief ein Typ quer und jenseits von Reih und Glied durch den Zug und hielt ein Schild hoch, auf dem zu lesen war: „Ech donn wat ech will!“ Die Rückseite des Schildes war ein Spiegel. Dieser Mann hat eine Medaille verdient.
Man kann das Motto durchaus positiv lesen und dazu war ich auch bereit. Was ich nicht ahnte war dabei, dass die Liste dessen, was wir können offenbar keinen Eintrag „lustig“ umfasst. Zu denken geben sollte mir dabei, dass auch der heimische Karikaturist Nik Ebert den Spruch in seinem Beitrag zum Thema städtische Sauberkeit in seiner negativen Auslegung umsetzte. Und immerhin war er derjenige, der dieses Motto vorgeschlagen hatte!
Die Mülltonne sagt: „Na los! Versuch's nochmal!“

Die Mülltonne sagt: „Na los! Versuch’s nochmal!“

Daneben verdankt der Zug Ebert aber in Form der jährlichen rollenden RP-Karikatur auch den einzigen Wagen mit politischer Aussage. Dass diese beiden Wagen recht einfach zu gestalten waren, da es ja nur fahrende Plakatwände sind, kommt Eberts Motiven sicherlich zu Gute. Vielleicht wären mehr solcher Wagen ein Ansatz, um auch in Zukunft Satire im Zug zu haben? Es ist nicht so, als wäre die Heimatstadt von Nik Ebert und Volker Fucking Pispers der politischen Spitzen unfähig, auch wenn man das bei ihrem Karneval ab und an glauben könnte.
Eine Seltenheit 2016, Politik auf dem Korn! Das Asylrecht mit Rennreifen von Nik Ebert

Eine Seltenheit 2016, Politik auf dem Korn! Das Asylrecht mit Rennreifen von Nik Ebert

Lokalpolitisch gab es genau einen aktuellen Bezug, der KjG aus Hardt nahm sich der 30er- und 40er-Zonen in der Stadt an, mit Kappen in Form von Autos und einem Spruch auf dem Wagen. Ich muss damit nicht übereinstimmen, um das gut und vor allem karnevalistisch zu finden. Daumen hoch für den einzigen lokalpolitischen Beitrag des ganzen Zuges 2016!
Auf dem Wagen steht etwas zu klein für das Foto: „30, 40 statt 50. Gladbachs Blitzer sind nicht günstig“

Auf dem Wagen steht etwas zu klein für das Foto: „30, 40 statt 50. Gladbachs Blitzer sind nicht günstig“

Okay, es gab noch ein lokalpolitisches Motiv, aber das war ein wenig älter. Bernd Gothe hatte zuvor zur Neukonzeption auch angekündigt, es werde beim Zug „Nostalgiewagen“ geben, also Nachbauten alter Wagen, deren Erinnerung wachgehalten werden soll. Ich möchte das Ergebnis nicht zu sehr kleinmachen, der Wagen zur Umbenennung von München-Gladbach in Mönchengladbach aus dem Jahre 1949 ist solide, wenn auch etwas fad. Die Idee, das Ereignis sinnbildlich durch einen Bayern und einen Mönch darzustellen, ist durchaus eine neue Aufführung wert. Nur sonderlich aktuell ist das natürlich nicht.
Du weisst, der Karneval hat ein Problem, wenn selbst der Karnevalsverband impliziert, dass der Karneval früher besser war. Allerdings hat er damit ja auch Recht.

Du weisst, der Karneval hat ein Problem, wenn selbst der Karnevalsverband impliziert, dass der Karneval früher besser war. Allerdings hat er damit ja auch Recht.

Ehrenthalber erwähnt sei noch der von der Pressestelle der Stadt groß angekündigte Fairtrade-Wagen, der 2016 erstmals mitfuhr. Tatsächlich einer der größten Wagen der Parade, wenn auch einer in der langen Reihe konzeptionell nicht weiter erwähnenswerter Beiträge wie die Prunkwagen: Da, aber es findet sich nichts lustiges daran. In einem starken Zug ein willkommener Einschub, so aber nur ein weiteres Glied einer durchweg langweiligen Kette.
Allerdings der aufwändigste und einer der schönsten Prunkwagen im Zug

Allerdings der aufwändigste und einer der schönsten Prunkwagen im Zug

Alles in allem, wie schon angeklungen, ein furchtbar langweiliger Zug, der allein deswegen ein paar Perlen aufwies, weil sich dies bei etwa 50 beitragenden Gruppen praktisch nicht vermeiden ließ. Die Ansage des Karnevalsverbands war, gar nicht erst zu versuchen, mit Düsseldorf und Köln zu konkurrieren, sondern etwas ganz eigenes zu versuchen. Dafür steht auch das diesjährige Motto, aber das ist gradezu eine Verleumdung, denn der Gladbacher Straßenkarneval kann durchaus auch lustig und bissig sein, das hat er in vergangenen Jahren immer mal wieder bewiesen. Das Ergebnis ist der langweiligste Zug, den ich bislang in einer Großstadt erlebt habe. Allerdings weiss der sich zu retten: Selbst ein langweiliger Gladbacher Zug weiss die Zuschauer mit Musik und Süßigkeiten bei Laune zu halten.
Und ganz klare Sache: Wenn wir nun an der Talsohle sind, so kann es nur noch aufwärts gehen. Ich hätte offen gestanden nicht übel Lust, eine Gegenveranstaltung aufzumachen, Arbeitstitel „Karneval in lustig!“ Vielleicht jährlich tagsüber zu Silvester als Jahresrückblick, gezielt mit politisch bissigen Wagen und Satire? Etwas, was schon im Konzept jede Bräsigkeit verhindert. Ich meine, Silvester liegt ja auch zwischen Hoppediz‘ Erwachen und Aschermittwoch.

Herr Prisac, übernehmen Sie!

Selbst mit Bildstörung ziehe ich dieses Jahr ganz klar Prisacs Miniatur-Zug vor, der Mann weiss, wie man standesgemäß moppert und dabei unterhält. Das gehört einfach als alleroberstes zu den Dingen, die ich von einem gelungenen Karnevalszug erwarte.