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Vor einer Woche habe ich begonnen, an das im Abriss befindliche Dorf Borschemich zu erinnern. Natürlich habe ich nicht nur von St. Martinus Bilder gemacht und so gehen die Bilder weiter. Heute möchte ich mich der Begegnungen mit dem Tode widmen, die mich auf meinen Ausflügen nach Borschemich im letzten Sommer erwartet hatten.

Gerd Beeck

Die erste Begegnung mit den Spuren des Ablebens einstiger Einwohner fand nicht wie erwartet auf dem Friedhof statt. Borschemich war ein Dorf, in dem gelebt wurde. Menschen, die leben, erinnern und sie tun dies auch abseits der dafür offiziell zugewiesenen Flächen.
Ich stellte mein Fahrrad am ersten Tag in einem Hintergarten direkt an der Glockengasse ab und schloss es fest. Die verwilderten Gärten boten noch genug Möglichkeiten durchzukommen und so bewegte ich mich ostwärts durch die Hintergärten der Sankt-Martinus-Straße zur Von-Paland-Straße. Dort standen einige Treibhäuser in den Hintergärten, aber diese sind jetzt nicht Thema. Thema ist ein Fund direkt vor den Treibhäusern, in einem großen Hintergarten. Was das da war, was plötzlich vor meinen Füßen unter dem Gras lag, war sofort klar und so fegte ich den Fund schnell frei um zu sehen, wem das Stück gehörte.Grabstein H. Gerd BeeckLiegt hier jemand oder haben nur Angehörige den Grabstein in den Garten genommen, als das Grab Ende der 1990er aufgelöst wurde? Wer war Gerd Beeck? Ich weiss es nicht. Alles, was Google mir auf die Suchanfrage nach Gerd Beeck aus Borschemich liefert, ist mein eigenes Bild dieses Grabsteins.

Das Hündchen

Es ist angesichts der allgegenwärtigen Zerstörung der Gebäude, Wege und Gärten schwierig, auf der Karte von Borschemich, die (gegenwärtig) bei Google Maps aus lebendigeren Zeiten stammt, die Orte wiederzufinden, an denen man war. Am Rande des Ortsrestes, direkt neben einem bereits abgerissenen Baufeld, kam ich in einige weitere Hintergärten. Ein paar Schuppen waren zwischen den Bäumen der bewaldeten Gärten verstreut.
Es war hier, dass ich zum Ende des ersten Tages die unheimlichste Begegnung in Borschemich erfuhr.
Es lag direkt hinter der Tür eines Schuppens, von dem es einst einen Weg zur Straße gegeben haben musste, da ein Autoanhänger darin stand.Hundemumie in BorschemichWieder Fragen: Hatte dieser Hund hier gelebt, war es ein Borschemicher, der die Umsiedlung nicht mitmachen wollte? Vermisst ihn jemand? Oder war es ein entlaufenes oder gar wild geborenes Tier von anderswo, das hier einen trockenen Ort gefunden hatte und unbehelligt sein Leben leben konnte, so kurz oder lang es auch gewesen sein mag?

Der Friedhof

Der zweite Tag brachte mich zum Friedhof des Ortes. Der Friedhof in Borschemich war in großen Teilen bereits geräumt, die Toten nach Neu-Borschemich umgebettet, eine im Vergleich zum alten Dorf lieblos wirkende Neubausiedlung im Norden von Erkelenz. Was zurückbleibt ist ein leerer Friedhof.Leerer Friedhof in Borschemich
Doch es gibt noch Spuren der Umsiedlung: Wo einst die Gräber lagen, finden sich nun kleine Holzschilder. Darauf vermerkt: Der Ortsname, die Nummer des Grabfeldes, Name und Todesjahr der verstorbenen Person, die Zielangabe „→Borschemich(neu)“ und eine Angabe, ob es sich um ein Einzel- oder Gemeinschaftsgrab handelt. Die Holzschilder liegen weit verstreut, offenbar nach der Arbeit der Grabumsiedler achtlos liegen gelassen. Es kümmert ja keinen mehr.grabschilder
Wie schon an der Kirche finden sich auch am Friedhof leere Nischen, wo einst Heiligenbilder oder Totenkerzen zu finden waren. Nur die Familie Lörkens harrte im September noch aus, im Leben mit Haus Paland wie auch im Tode mit der 190 Jahre alten Grabstätte, die allein auf dem sonst bereits umgesiedelten Friedhof mahnt. Inzwischen ist Haus Paland Geschichte. Der Grabstein wartet auf seinen neuen Ort, seine Aufschrift eine perfekte Mahnung in diesen Tagen, in denen das Dorf und sein altes Erbe des schnöden Mammons wegen im Abriss stehen: „Ruhestätte der Familie Lörkens seit 1826 – Haus Paland“.
Leere Heiligennische
Grab der Lörkens in Borschemich