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Im weltpolitischen Kontext steht der Donnerstag (unverbindlich) beschlossene Brexit, der Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union als Teil einer Kette von Ereignissen da, nach denen die Geschichtsbücher anders geschrieben werden könnten. Hier verändert sich nicht ein Land, nicht Europa, nicht der Westen – hier verändert sich die Welt. Brexit ist ein Teil davon, der Vorwahlkampf in den USA ein weiterer, andere kommen hinzu.

Neulich an der nördlichen Grenze von England - Bild: Ryan McGuire

Neulich an der nördlichen Grenze von England – Bild: Ryan McGuire

Die westliche Ära

Betrachtet man die Menschheitsgeschichte in wirklich großen Kontexten, lässt sie sich zweiteilen in eine östliche und eine westliche Ära.
Die östliche Ära umfasst die Frühgeschichte des Homo sapiens, die Ausbreitung der Menschheit von Afrika zunächst nach Europa im Norden und im weiteren Verlauf immer weiter nach Osten, bis schließlich der Atlantik die Wanderung beendet.
Mit der neolithischen Revolution beginnt die westliche Ära – Zivilisation, wie wir sie kennen, entsteht mit dem Ackerbau im Nahen Osten, von da aus wandern die Erfindungen vor allem nach Westen und nur in deutlich geringerem Maße auch nach Osten. Schließlich stößt sie auf den Atlantik und damit an ein wahrgenommenes westliches Ende. Die ersten Staaten der Menschheitsgeschichte sehen eine Welt, die im Westen ein Ende hat, im Osten dagegen nicht und so wird Europa zum Westen an sich.
Die westliche Ära hätte mit Kolumbus enden können, doch statt dessen verstärkte sich die Macht des Westens: Es waren nach Westen segelnde Europäer, nicht nach Osten segelnde Asiaten, die Amerika für sich beanspruchten und als neues Westende der Welt definierten. Spanier und Portugiesen definierten die finalen Grenzen des Westens, das ihnen folgende britische Imperium schließlich sicherte die Vormacht des nun definierten Westens über den Planeten. Auf sie folgen mit dem Kalten Krieg die Amerikaner und Sowjets.
Doch der Westen vernetzt die Welt beständig. Was mit Handelsrouten begann, wird bald zu Kolonialnetzen, zu Telekommunkationsnetzen und schließlich zum weltweiten Internet. Die Vorherrschaft steht auf immer dünnerem Eis. Neue Spieler auf dem fast ebenso neuen Feld der Weltpolitik tauchen auf und fordern den Westen heraus – China, Indien, Japan, Südafrika, Nigeria und immer mehr weitere. Immer größer werden die Mühen der bisher herrschenden Mächte, ihre Macht zu erhalten, während sie zugleich intern mit ideologischen Auseinandersetzungen kämpfen, die sich seit den demokratischen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts ausbreiten – im Positiven wie im Negativen.
Heute sind wir an einem bedeutenden Punkt dieser Entwicklung: Nach dem Kalten Krieg gab es neue Strukturen aufzubauen und damit Macht neu zu verteilen. Europa steht dabei seit der Jahrtausendwende an einem Scheideweg, die USA kämpfen verzweifelt um einen immer schwieriger erscheinenden Erhalt des Supermacht-Status und China kauft sich nach und nach ein unsichtbares Weltreich zusammen.
Die westliche Ära endet, die einzige Frage ist, wie.

Trump gegen Clinton

Die USA sind intern vom Neoliberalismus zerfressen. Stromnetze brechen zusammen, Armut ist allgegenwärtig. Der Versuch, allen Amerikanern wenigstens eine grundsätzliche Krankenversicherung zu gewährleisten, wird von weiten Teilen der Bevölkerung als Bevormundung empfunden.
Und jetzt gibt es, bei allen Strohhalmen, an die sich Bernie Sanders‘ Unterstützer zu klammern bemühen, nur noch die Entscheidung zwischen dem ultraneoliberalen Vollidioten Donald Trump und der wirtschaftsdogmatischen Hillary Clinton. Beide Optionen sind für die USA eine Katastrophe, beide führen die USA auf genau dem Weg weiter, der gegenwärtig zu ihrem beständigen Machtverlust in der Welt führt.
Es ist möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass die USA nach der nächsten Präsidentschaft in Trümmern liegt. Se wird keinen Krieg verloren haben, sie wird sich selbst auf den Weg in die weltpolitische Bedeutungslosigkeit begeben haben. Armut und zusammenbrechende Infrastruktur werden den amerikanischen Scheinriesen in die Knie zwingen, wenn nicht bald ein Gegensteuern erfolgt.

Brexit

Das britische Weltreich war ein Reich mit langem Abschied. Geblieben sind ein Vereinigtes Königreich (minus Irland) und ein paar Kolonien, die man allesamt problemlos zu Fuß durchlaufen kann. Und auch dieses Königreich ist fragil, nur knapp entkam es 2015 einem Austritt Schottlands.
Nun hat ein Referendum für einen Austritt des Landes aus der EU votiert. Die Auswirkungen sind katastrophal: Schon zwei Tage nach dem Referendum sehen wir wichtige Wirtschaftswerte für Großbritannien wegbrechen. Das Pfund verliert an einem einzigen Tag 11% seines Wertes. Das europafreundliche Schottland kündigt neue Bestrebungen an, unabhängig zu werden. Nordirland denkt an eine Wiedervereinigung mit Irland. Spanien meldet Ansprüche auf Gibraltar an. Oh, und der Wortführer der Befürworter des Austritts in England gibt praktisch sofort nach Schluss der Wahllokale zu, über die wirtschaftlichen Vorteile des Austrittes gelogen zu haben.
Und das Votum war alles andere als eindeutig: Ob 52,8% eine ausreichend starke Mehrheit für eine solch fundamentale Entscheidung sind, damit wird sich die britische Regierung noch befassen müssen. Knapper geht es schließlich kaum noch.
Vor allem aber, wie schon bei der Präsidentenwahl in Österreich, haben wir erneut ein tief gespaltenes Land in Europa. Das ist etwas, was sich unionsweit seit einigen Jahren andeutet.

Europas Einheit

Frieden in Europa ist ein sehr junges Phänomen. Es ist erstaunlich, dass man daran bereits jetzt erinnern muss.
Die letzten Anschläge von nordirischen und baskischen Separatisten sind noch nicht so lang her. Der Jugoslawienkrieg ist praktisch noch Zeitgeschichte, der Friedensplan für die Region immer noch mitten in der Umsetzung.
Ende der 90er sah es so aus, als könne Europa dies alles überwinden. Diese Hoffnung zu erhalten, wird zunehmend schwieriger, die Schweissnähte des Kontinents reissen.
Der Nationalismus kam wieder. Wäre Europa den Weg zu zivilisierterem Umgang mit völkerrechtlichen Fragen weitergegangen, ließen sich viele Probleme mit ruhigem Kopf lösen. Katalonien will von Spanien unabhängig werden? Klar, reine Formsache! Belgien teilen? Warum nicht, wenn die Bevölkerung das will?
Doch es kam anders. Europas Peripherie versinkt im Krieg – die Ukraine in einem von beiden Seiten propagandistisch ausgeschlachteten Bürgerkrieg, die Türkei ist im Vorlauf eines Genozids an den Kurden, europäische Konvertiten speisen die Kriegsmaschine des ISIS, nationalistische Kräfte verhärmen das Klima innerhalb der Union bis zur Zerreissprobe. Ist es so absurd anzunehmen, dass die Nordiren sich im Falle eines Falles auch erneut bewaffnen würden?
Aber: Die Mitgliedsstaaten Europas haben ohne die EU kaum eine Chance, mehr zu bleiben als Randnotizen der künftigen Weltpolitik. Deutschlands gesamte Macht in der Welt baut auf den wirtschaftlichen und politischen Strukturen der EU auf. Mit Ausnahme des international präsenten Frankreich ist kein europäischer Staat in der Lage, in der heutigen Welt seine aktuelle Bedeutung zu erhalten.

Eine bessere Europäische Union ist unsere einzige Option zu einer Zukunft in Europa, die der Gegenwart wenigstens ebenbürtig ist. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass die EU ein demokratischeres, direkteres, gelebteres Element unserer Welt ist.
Ich habe einfach keine Lust drauf, in ein paar Jahrzehnten meinen Lebensabend als Kolonialbürger von China oder in einem nationalistisch-rückwärtsgewandten Deutschland zu verbringen.