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dohmen_screen_420Manchmal sagt man als in der Öffentlichkeit stehende Person, insbesondere als Politiker, etwas wirklich, wirklich dummes. Kenne ich. Wirklich, sehr, sehr gut. Haben wir alle oft genug gesehen, schließlich ist grade erst eine Fußballmeisterschaft durch und Fußballer können das ja auch sehr gut. Und dann findet man Screenshots seines Beitrags auf drittklassigen Blogs irgendwelcher anderen Kommunalpolitiker. Insofern Glück gehabt, diesmal war es ein erstklassiger. Gut, da sind die Fußballer besser dran, die landen dann nur in der 11 Freunde.
Das praktische an so einem Screenshot ist, wenn er sich ohne weitere Kommentierung selbst erklärt. Daher: Siehe rechts.

Okay, ungünstig, aber kann passieren, so ein Ausrutscher. Ist ja auch ein komplizierter Einstieg, der erste Satz. Wenn man mit so einem Logikknoten beginnt, macht man es sich nicht leicht. Gut, ein paar durcheinandergewürfelte Tempus ergeben halt einen unnötig verwirrenden Satz. Gemeint war wahrscheinlich: „Was gestern falsch war, muss auch falsch gewesen sein bleiben, auch wenn es heute möglicherweise nicht mehr falsch ist.“
Ein Meisterwerk des deutschen Satzbaus wäre das gewesen! Inhaltlich trotzdem Murks, aber dazu komme ich noch (im Abschnitt „Rettungsleine“).
Tja, und dann fallen die Stichworte „Zeitgeist“ und „scheinbares Unrecht“. „Scheinbares Unrecht“. m(
Nun machte die Geschichte ihre Runden. Als Lokalposse nationaler Aufmerksamkeit aus Mönchengladbach in der Presse, in der Politik, natürlich in der Homosexuellen-Szene. Am kommenden Wochenende ist in Mönchengladbach Christopher-Street-Day.
Okay, das kriegen wir noch hin.

Rettungsleine

Auftritt Dieter Breymann als Retter in der Not. Breymann weiss, wie man Debatten führt, wann welcher Ton anzuschlagen ist und überhaupt, wie man sich benimmt. Er also reagiert nun mit einem Facebook-Beitrag, der sich wohl aus Solidarität ein paar Hiebe auch nicht entgehen lässt und den Begriff „Hexenjagd“ in die Diskussion bringt, aber im Kern enthält sein Beitrag die Rettungsleine für Christoph Dohmen.

Wie eine Gesellschaft bzw. ein Staat mit rechtskräftigen Gerichtsurteilen umgeht, ist zunächst eine rechtsphilosophische Frage. Rechtskraft und Rechtssicherheit sind Auswirkungen des Rechtsstaatsprinzips. Ob man mittels Entschädigungsleistungen rechtskräftige Urteile rechtsstaatlicher Gerichte „heilt“ bzw. „heilen kann“ ist daher eine Frage, die nicht nur diskutierbar ist, sie ist auch des Diskurses würdig. Man muss diesbezüglich nicht die Position des Kollegen Dohmen teilen, allerdings ist ihm die seine zunächst zuzugestehen, zumal bei ihm keine homophobe Begründung erkennbar ist. Soviel in der Sache!

Die Option, das ganze Desaster zu einer juristischen Fachdebatte zu machen, ist hier schlichtweg die eleganteste. Man kann sogar davon ausgehen, dass dies Dohmens Absicht war. Ich halte es sogar für ein Merkmal einer guten Diskussion über juristische Fragen, die persönliche Meinung hinter dem eher auf Logik beruhenden Diskurs von Gesetzen zurückzustellen, auch dann, wenn einem die Gesetze nicht gefallen.
Dohmens Auffassung halte ich ganz klar für falsch, die Strafbarkeit der Homosexualität war schon immer grundgesetz- und menschenrechtswidrig und somit auch dann nicht rechtens, als es in der Bundesrepublik Deutschland ein entsprechendes Gesetz gab. Die grundsätzliche Diskussion um die Frage der Rechtssicherheit und ob sie auch so ausgelegt werden sollte, dass Strafen rückwirkend entschädigt werden sollen, wäre dennoch eine interessante, wenn auch eine vergiftete. Das ist ja bei weitem nicht das erste Mal, dass Deutschland Opfergruppen seiner Politik oder der eines einverleibten Staates für erlittenes Unrecht entschädigt.

Das hohe Gut der Entschuldigung

Die Entschuldigung (im Bündnis mit der Vergebung) halte ich für eine der höchsten und wichtigsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation, irgendwo da oben mit dem Ackerbau und der Schrift. Ein Zeugnis von Verständnis und Demut, dessen Glaubwürdigkeit die fortgesetzte Funktionsfähigkeit einer sozialen Gruppe nach einer persönlich verursachten Krise garantiert. Eine ehrliche Entschuldigung ist ein mächtiges Mittel, Konflikte zu lösen. Allerdings, eine unehrliche oder auch nur unehrlich erscheinende Entschuldigung vermag es, den Weg zur Vergebung zu verbauen. Deswegen ist das Formulieren einer Entschuldigung eine wichtige Fähigkeit.
Zunächst einmal müssen Verständnis und Demut deutlich vorhanden sein. Das bedeutet, man entschuldigt sich nicht nur, man führt aus, wofür man sich entschuldigt und macht so klar, dass man das Problem verstanden hat (Verständnis) und dies als Fehler erkannt hat (Demut).

Clusterfuck

Es gibt genau zwei Dinge, die man in einer Entschuldigung nie tun sollte, weil sie dem Sinn und Zweck einer Entschuldigung widersprechen und diese als fehlerhaft oder gar unehrlich erscheinen lassen. Zum einen bezeichnet man sich nicht selbst als Opfer einer „Hetzkampagne“ oder dergleichen und zum anderen unterlässt man eine Wiederholung des Fehlers noch in der Entschuldigung. Hier ein schlimmstmögliches Beispiel aus der Rheinischen Post:

„Ich habe in mehreren Posts versucht geradezurücken, dass es mir nicht darum geht, Homosexuelle zu diskriminieren. Der Vorwurf der Homophobie ist abstrus.“ Er bleibe bei seinem Standpunkt und der Kritik an Bundesjustizminister Maas. Aber: „Ich bedaure den Post, weil er ungewollt jemanden verletzt haben könnte und nun im Netz eine Hetzjagd stattfindet.“

Sorry, aber das Problem war zu keinem Zeitpunkt die Formulierung. Das Problem lag in der Aussage des Satzes. Damit wäre schonmal ein Beweis fehlenden Verständnisses erbracht. Die ziemlich krummen Vorstellungen bei Christdemokratens, was homophob ist und vor allem, was nicht, helfen da wenig. Und dann folgt sofort die Klage, dass „nun im Netz eine Hetzjagd“ stattfinde, was als Beweis für fehlende Demut erscheint. Somit ist diese Entschuldigung keine, da sie die Wesensmerkmale einer Entschuldigung aus sich heraus negiert und nicht hinterlässt als das enthöhlte Wort „Entschuldigung“, reduziert zu einer reinen Aneinanderkettung von Buchstaben ohne Bedeutung. Da wäre mir lieber gewesen, Dohmen würde einfach zu seiner politischen Position stehen.
Um auf meine Geschichte zurückzugreifen: Der einzige Grund, aus dem das damals bei meiner Guttenberg-Goebbels-Geschichte so ging war, dass damals tatsächlich die Formulierung und nicht die Aussage dahinter das Poblem war. Ich habe damals einen Fehler gemacht, ich habe gezeigt, dass ich die Fehlerhaftigkeit meines Verhaltens erkenne und worin ich diese zu erkennen glaube, habe mich dann entschuldigt und sodann vermieden, den Fehler zu wiederholen. Was ich nie getan hätte: Ich hätte nie eine Entschuldigung geschrieben, wenn ich mich im Recht gewähnt hätte. Vielleicht hätte ich den Fehler falsch erkannt, das kann mit Sicherheit passieren und wäre in der Formulierung der Entschuldigung aufgefallen. Dohmen wähnt sich aber allem Anschein nach weiterhin im Recht und schreibt dennoch eine durchsichtig nicht ehrliche Entschuldigung.
Entschuldigungen sind wichtig, man entwertet sie nicht durch Unehrlichkeit.
Das ist dumm.