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Berlin Breitscheidplatz, eine sich verselbstständigende Terrorangst und warum unsere Öffentlichkeit in Deutschland grade der feuchte Traum jedes Terroristen ist.

Was wir wissen

(Stand 17:30 am 20.12.2016)
Eine unbekannte Person hat am Abend des 19.12.2016 einen mit Metallstangen beladenen polnischen Lkw von einer Baustelle gestohlen. Der polnische Fahrer wird später erschossen im Führerhaus gefunden, wahrscheinlich beim oder kurz nach dem Diebstahl ermordet. Der Lkw wurde dann wohl gezielt in einen Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin gesteuert. 12 Menschen starben bei dem Vorfall, etwa 50 weitere (plus Dunkelziffer von Leuten, die ihre Verletzungen als nicht erwähnenswert erachteten oder den Ort verließen) wurden verletzt.
In der Nacht wurde ein Pakistani als Tatverdächtiger festgenommen, doch inzwischen hat die Polizei erntzunehmende Zweifel an dessen Täterschaft. Erntzunehmend genug, dass sie zur Vorsicht mahnte.seid-wachsamEs erscheint den Aussagen der Polizei folgend zunehmend wahrscheinlich, dass das Täter unerkannt entkommen konnte. Mit diesem letzten Satz kommen wir aber schon in den Bereich der Spekulation.
Und das ist alles, was wir wissen.
Wir wissen nicht, wer es war. Wir kennen weder ein Motiv noch die Vorgeschichte dieser Person. Wir kennen weder ihre Religionszugehörigkeit, noch ihre Nationalität, noch ihre Kontakte. Es erscheint inzwischen durchaus möglich, dass wir all diese Dinge nie erfahren werden. Der Trubel eines Weihnachtsmarktes kombiniert mit dem Chaos einer solchen Tat machen ein Entkommen leicht denkbar. Und nein, auch bei der Polizei arbeiten keine Magier, auch die wissen im Zweifelsfall nur, was die bei der Tat Anwesenden gesehen und gehört haben.

Was daraus wird

Ich bekam den Vorfall kaum mit, da ich gestern Abend mit Arbeit beschäftigt war, die Übersetzung eines Kochbuchs war abzuschließen. Danach sah ich dann die Meldungen auftauchen, es ginge bestimmten Freunden gut. Schön, dachte ich mir, aber warum diese Mitteilungen? Facebook sagte etwas von einem Anschlag in Berlin. Das war dann der besagte Lkw.
Das Neue Deutschland hat bereits alles geschrieben, was ich zu dieser Facebook-Funktion schreiben könnte, also überspringe ich den Teil und komme zu der seltsamen Faktensetzung.
Zwar ist die Tat technisch gesehen ein Anschlag, jedoch ist dieser Begriff inzwischen so sehr mit Terrorismus verbunden, dass diese Verbindung sofort aufkommt. Alles andere wird als Amoklauf bezeichnet. Doch ob es überhaupt ein terroristischer Anschlag war, das wusste und weiss niemand, ausser dem Hintermenschen oder den Hinterleuten der Tat. Ich wünschte, man wäre mit diesem Begriff um einiges vorsichtiger, denn er schürt Angst und Assoziationen.
Assoziationen aber führen zu Spekulationen. Mal wieder, wie schon in München und beim „U-Bahn-Treter“ wollte so manche/r sofort die Religionszugehörigkeit und Nationalität des Täters kennen und zog daraus weitere Schlussfolgerungen, wobei mit jedem Schritt der Assoziationskette die Verbindung zur Realität geringer wurde.
Und so wurde es IS-Terror, egal ob es darauf überhaupt Hinweise gab. Dass die internationale Presse dies dann so aufgriff und dies wieder nach Deutschland zurückspiegelte, machte es dann noch schlimmer. Die Geschwindigkeit, mit der die Meinungsbildung ins Absurde drehte wurde atemberaubend.

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Das nächste, was ich mitbekam, war die Berichterstattung am Dienstag Vormittag. Die ARD hatte einen Terrorexperten ausgegraben, der vor ein Standbild des Bundestages gestellt wurde. In diesem optisch bizarren Bild wurde besagter Experte dann zu Hintergründen befragt, die er ebensowenig kennen konnte wie irgendwer sonst. Und er antwortete brav mit den Sprechblasen, die so ein Fernsehexperte halt aufbläst, um nicht zugeben zu müssen, dass er auch nicht mehr weiss als alle anderen Berichterstatter. Denn berichtete er nur, was bekannt ist, er hätte maximal fünf Minuten Sendezeit damit gefüllt und noch schlimmer: Nicht dem Publikum nach dem Mund gesprochen. Und das wäre Gift für die Quote gewesen.
Man hätte das lösen können, schließlich hat die ARD ja auch Amokexperten und Stimmungsexperten udn Populismusexperten und Internetexperten, die man hätte zusätzlich befragen können. Hat man aber (meines Wissens) nicht.
Und so verfestigte sich der Mythos vom Terroranschlag zur Gewissheit. Immer noch gab es keine neuen Hinweise dafür, aber da Medien und Politiker ungerne zugeben, nichts zu wissen, bedienten sie den Mythos. Und da auch sie im Strudel der öffentlichen Meinungsbildung steckten, glaubten sie wahrscheinlich auch selbst daran. Ob man es etwa Thomas de Maizière zum Vorwurf machen kann, wenn er öffentlich den Ausdruck „Anschlag“ legitimiert, da bin ich nicht so sicher, auf jeden Fall ist es aber ein Problem.

Warum die Terroristen gewinnen

Terrorismus verfolgt im wesentlichen das Ziel, mit möglichst wenig Einsatz möglichst große Angst zu verbreiten. Das ideale Szenario der Terroristen ist daher, wenn sie in aller Munde sind, ohne überhaupt einen Finger krümmen zu müssen. Das haben sie nun allem Anschein nach erreicht.
Vielleicht waren es Terroristen, ja. Aber hinter jedem „vielleicht“ steckt auch ein “vielleicht aber auch nicht“. Vielleicht war es ja auch ein durchgeknallter Amokläufer.
Wenn wir bei jeder Tat sofort mit vollkommener Selbstverständlichkeit von Terroristen sprechen, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht.