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Dass das Wörtchen „Jein“ eine deutsche Erfindung ist, sagt so unglaublich viel über die hiesigen Entscheidungsträger aus. Eine andere beliebte deutsche Phrase ist die „Angst vor der eigenen Courage.“ Trifft beides zusammen und würzt es mit einer Prise Peinlichkeit, kommt das Possenspiel „Ratswebcam Mönchengladbach“ heraus.
Dass es ein Rheydter war, der dem Begriff „possierlich“ zu Ruhm verhalf (Tierfilmer Heinz Sielmann), passt übrigens ebenfalls hervorragend. Doch nun zum Thema „Volksvertreter in geheimer Mission“:

Eine Person, die auffällig dem Oberbürgermeister von Mönchengladbach ähnelt, durch einen Augenbalken anonymisiert

Psst, den darf man online nicht sehen – Ursprungsbild: Wikimedia-User Neozoon CC-BY-SA

Ich mag diese Geschichte ja, die lässt sich so richtig schön als Romanhandlung aufbauen. Wer also auch schon immer Bücher schreiben wollte, aufpassen, ich führ euch das mal vor. Und einige der handelnden Personen führen sich praktischerweise selber vor.

Prolog

Es war einmal, vor langer Zeit (Januar 2010) in einer fremden Galaxie (Twitter), da gab es eine Diskussion über das Thema „Live-Übertragung der Ratssitzungen im Internet“, oder kurz: Ratswebcam. Torben Schultz und ich selbst traten dort als Potagonisten auf, während etwaige Antagonisten in den Schatten verblieben. Wenn ich mich recht entsinne, gab es dazu sogar schon 2009 Gespräche.
Nun war es nicht einfach, alle von dieser Sache zu überzeugen. Schon damals hatte so mancher Sorge um das Recht am eigenen Bild angemeldet. Und so verschwand das Thema wieder. Doch es verblieb immer in den Hinterköpfen, kam hier wie dort mal wieder auf und setzte sich in dieser Form fest.

Akt 1: Aufbau

Ein solches kurzes Aufkeimen des Pflänzchens „Webcam“ gab es 2014. Die Junge Union findet Kameras nämlich allgemein ganz toll und fordert sie daher gerne an jedem sich bietenden Ort. Das ist nur konsequent, wenn auch etwas rückwärts gedacht: Wer die Bürger überwachen will kann dies nicht intellektuell redlich tun, ohne auch deren Vertreter in Amtsausübung unter Beobachtung zu stellen.
Ich würde ja eher sagen, dass relevante öffentliche Veranstaltungen der gewählten Volksvertreter grundsätzlich zugänglich zu machen sind, während es nicht zu rechtfertigen ist, Menschen allein aufgrund ihrer Anwesenheit auf einem öffentlichen Platz mit einer Kamera zu konfrontieren, aber hey, das ist jetzt ein anderes Thema. Na gut, man kann es jetzt schon als Subplot einbauen, immerhin wird es im Finale wichtig.
Nun erwirkte die JU 2014 einen CDU-Beschluss zur Einführung einer Webcam, die Stadtratssitzungen live übertragen sollte. So weit, so gut. Und da die JU dennoch artig als Antagonist agiert, tut sie so, als wäre die Idee auf ihrem eigenen Mist gewachsen, ganz im Gegensatz zu unseren sympathischen Helden, die stets ihre Mitstreiter aufs Podest heben. Ausser ihre Mitstreiter sind Chewbacca, aber das ist jetzt was anderes. Chewbacca kriegt halt keine Medaillen.
So oder so, wir haben jetzt Protagonisten, eine Andeutung, wer sich zum Antagonisten entwickeln könnte und die Grundlagen für einen Konflikt.

Akt 2: Der Konflikt

Irgendwie fehlt dem Konflikt Selbstdarsteller gegen Teamspieler noch ein wenig der Wumms. Kein Problem, da kann ja noch was kommen, erstmal steuern wir jetzt auf das große Überraschungsmoment zu. Eine Weile muss jetzt noch alles gutgehen, dann kommt der Wumms. Und dann muss der Wumms richtig wummsen. Mal sehen, was unsere Figuren so machen.
Zunächst geht alles gut und steuert auf ein vermeintliches Happy Ending zu. Alle in der Geschichte nennenswerten Betroffenen treffen sich, tauschen Positionen aus und finden ein gemeinsames Ziel, welches dann umgesetzt wird. Der Rat beschließt die Live-Übertragung und Aufzeichnung der Ratssitzungen für ein paar Testläufe. Der Beschluss wird einstimmig angenommen. Und in der ersten übertragenen Sitzung macht sogar niemand von seinem eingeräumten Recht Gebrauch, die Übertragung durch Hochhalten blauer Karten für seine oder ihre Beiträge pausieren zu lassen. Schön.
Unsere Antagonistin, nun die CDU als Mutter der JU, bringt zwar zeitgleich ein paar etwas zweifelhaftere Beschlüsse mit, bei der sie die ursprünglich für notwendig erklärte Video-Überwachung des Sonnenhausplatzes kurzum zu „touristischen Webcams“ umdeklariert, aber jedes gute Ensemble in der Literatur hat halt einen Opportunisten, der insgeheim nur darauf wartet, seinen eigenen Nutzen aus der ganzen Sache zu ziehen. Die Sitzung war zur arbeitnehmerunfreundlichen Zeit von 13:00 Uhr angesetzt, da die Sendeleitung Fußball halt wichtiger fand als Politik. Die Presse macht sich etwas über die Sitzung lustig, aber so ist die Presse halt. [Anm. d. Red.: Bitte nochmal ins Lektorat. Der Beitrag vom Schnettler ist zu platt, niemand schreibt ernsthaft so einen politisch voreingenommenen Scheiss]
Aber hier endlich kommt der Wumms.
Und wir haben ihn geschickt versteckt. Ein ranghoher Vertreter unserer Antagonistin, dessen Name übrigens von seinem flegelhaften Benehmen in Ratssitzungen inspiriert ist [Anm. d. Red.: „Doktor Flegemilch“ ist als Name etwas zu platt, können wir da noch was machen?], hat im Laufe der Sitzung wie üblich Argumente durch Lautstärke ersetzt. Er war sich auch nicht zu schade, Leuten anderer Meinung aufgrund dessen gesundheitliche Probleme zu unterstellen, wie wir im Zeitungsartikel subtil angedeutet haben. [Anm. d. Red.: Das nennst du „subtil andeuten“? Stümper!] [Anm. d. Verf.: Jetzt langt’s mir aber! Der Rest wird ohne Redaktion gemacht]
*räusper*
Das ist ihm nunmehr verständlicherweise peinlich. Er lässt sich also aus der später veröffentlichten Aufzeichnung der Übertragung ohne jegliche Begründung rausschneiden. Aber man kann den Grund ja erahnen, es muss ja nicht alles immer so offensichtlich reingeschrieben werden. Man sollte immer damit rechnen, dass die Leser schlauer sind als der Autor und es nicht mögen, wenn man all zu direkt Offensichtlichkeiten ausführt.
In den Reihen der Dezernenten kommt einer dazu, der regelmäßig durch Grimassen und Nickerchen in Ratssitzungen auffällt und dies ebenfalls ungern im Video hätte. Er ist nicht so wichtig, geben wir ihm einen langweiligen Namen. Doc Fischer oder so.
Die restlichen Dezernenten und der Oberbürgermeister bekommen ebenfalls Angst vor der eigenen Courage und lassen sich entfernen. Das ist natürlich ein absolut unerwarteter Twist, sind diese Personen doch sonst nicht grade als kamerascheu aufgefallen.
Übrig bleibt eine Art Greatest-Hits-Album des Duos Schultz & Dr. Wolkowski. Das finden diese sowie der bisher in dieser Geschichte eher im Hintergrund agierende Gutowski nicht ganz so toll, wie man meinen könnte, denn es sind Protagonisten, die als Volksvertreter das Bestreben haben, im Sinne des Volkes zu handeln.
Und da haben wir ihn, den richtig großen Konflikt. Das Volk will wissen, was seine Vertreter tun, doch deren Anführer wollen das Volk nur mit ihnen genehmen Kostproben bei Laune halten. Klare Motivationen, klare Zuordnungen, klare Problemlage. Heimlichtuer gegen Volksfreunde! Herrlich! Hollywood-Material!
Moment, wir brauchen noch einen guten Kontext für das große Finale. Genau, ich weiss: Ein paar Tage später ist Karneval! Großartig! Könnte man nicht besser erfinden!

Akt 3: Finale

Werden unsere Helden triumphieren? Werden unsere Antagonisten geläutert und erkennen, dass sie als Gewählte ihren Wählern diese Transparenz schuldig sind? Werden Sie auf den Herausschnitt bestehen und dafür konsequenterweise die Videoüberwachung des öffentlichen Raumes beenden? Oder werden auf dem Sonnenhausplatz in Zukunft blaue Karten zum Hochhalten verteilt? Wird gar doch die Angst obsiegen? Kommt irgendwann nochmal eine Anspielung auf „Krieg der Sterne“? Wird Schultz der Presse je beigebracht bekommen, dass er mit einem T geschrieben wird?
All das und (wahrscheinlich) noch einiges mehr im Finale dieser großartigen Saga, die mit viel zu viel Anführungszeichen, aber dennoch recht harmlos, begann!

Romankritik

Rezension von Irgendson Fatzke
Ein recht seltsamer komödienhafter Regiokrimi mit starker Provinz-Atmosphäre aus einer vorgeblichen Weltstadt tief im Westen. Viel zu langsamer Anfang, die Motivation einiger Antagonisten bleibt unklar, offenes Ende. Und natürlich wenige Tage vor Karneval, so wie in Hollywood Szenen in Chinatown immer zum chinesischen Neujahr stattfinden. Das Manuskript hätte insgesamt mehr redaktionelle Betreuung gebraucht.
2 von 5 Sternen

Pff, Kritiker, was wissen die schon?


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