Schauzeit’n mer mal

Seit Samstag gibt es f├╝r einen Monat in der Ring-Passage (Friedrich-Ebert-Stra├če 53-55 in Rheydt) eine kleine Verweilbibliothek, gef├╝llt mit Werken von Schriftstellern aus ganz M├Ânchengladbach, betrieben von eben jenen Autoren.
Und hier ist ihre Geschichte.

Getane Arbeit, einladender Raum, unsere kleine Bibliothek

Getane Arbeit, einladender Raum, unsere kleine Bibliothek

Etwas Vorgeschichte

Ich glaube, es ist nun zwei Jahre her, dass sich f├╝r einen Monat drei Autoren aus M├Ânchengladbach in den Bestsellerlisten die Hand gaben. Charlotte Roche, Walter Moers und Rebecca Gabl├ę waren das damals. Dadurch und bei der t├Ąglichen Recherche f├╝r eBooks f├╝r lau fiel mir das Potenzial der hiesigen Schriftstellerszene ins Auge. Und so entstand die Idee, dieses Potenzial in Form einer kleinen Verweilbibliothek zu pr├Ąsentieren.
Der erste Gedanke lief auf einen gro├čen Pavillon mit Regalen und Sitzgelegenheiten auf dem Eine-Stadt-Fest hinaus. Das sollte neben der Pr├Ąsentation der B├╝cher auch dazu dienen, dieser etwas charakterarmen Veranstaltung mehr Besonderheit, mehr Bezug zur Stadt zu geben. Denn ich finde, ein solches Fest mit ausdr├╝cklichem Bezug zu dieser und keiner anderen Stadt sollte mehr sein als ein Doppel aus ÔÇ×FressmeileÔÇť und Kunstmarkt. Es sollte ein Schaufenster der Stadt sein, auf dem es auch Dinge gab, die es anderswo nicht gab. Dazu sollte die Bibliothek Ansto├č geben, zu einer Art Messe, die aber mehr Fest- als klassischen Messecharakter hatte.
2016 verpasste ich den Termin f├╝r eine Anmeldung, 2017 dagegen bot sich ├╝berraschend eine andere M├Âglichkeit: Die Schauzeit in Rheydt sollte wiederholt werden. Bei der Schauzeit erhalten Kreative f├╝r einen Monat ein leerstehendes Ladenlokal, welches sie dann mit Leben f├╝llen. Das war erstmals 2015 durchgef├╝hrt worden und damals ein gro├čer Erfolg. Einige blieben sogar, allen voran das Kollektiv in der Harmonie 20 mit Wohnaccessoires und Schmuck.
Der Vorteil der Schauzeit: F├╝r einen geringen Betrag gab es nicht nur einen Platz und einen Kontext samt Werbung f├╝r die Ma├čnahmen, sondern auch noch ein festes Dach ├╝ber dem Ganzen statt eines immer sehr wetterabh├Ąngigen Pavillons oder ├Ąhnlichem.

Fliegt, meine H├╝bschen, fliegt! - Bild: Schauzeit Rheydt

Fliegt, meine H├╝bschen, fliegt! – Bild: Schauzeit Rheydt

Das Kollektiv

Im Fr├╝hsommer begann ich, mir bekannte lokale Autoren anzuschreiben, ob grunds├Ątzlich Interesse an so einer Aktion bestand. Die Reaktionen waren durchgehend positiv. Ich hatte damit gerechnet, dass viele kein Interesse daran hatten, ihre Werke frei zum Lesen zur Verf├╝gung zu stellen, doch das war kein Problem. Im Gegenteil, das Angebot, hier auch einen Verkauf zu organisieren, lie├č ich schnell wieder fallen ÔÇô zu kompliziert, zu riskant, zu teuer und den regul├Ąren Buchhandel wollte auch niemand ver├Ąrgern.
Auch wenn mir im Juli ein Fahrradunfall ins Konzept schlug, durch den ich zeitweise meine Arme kaum einsetzen konnte, wodurch ich einen Monat der Vorbereitung verlor, lud ich Anfang August zu einem ersten Treffen ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ein Dutzend Autoren kontaktiert, von denen 10 positiv geantwortet hatten. Sechs davon trafen sich am ersten Augustwochenende im Caf├ę van Dooren. Es war ein sehr angenehmes Treffen, bei dem wir entschieden, die Idee trotz der etwas knappen Zeit weiter zu verfolgen und weitere Kollegen zu kontaktieren.
Die Bewerbung des Projekts beim Quartiersmanagement Rheydt war da wegen der Fristen bereits rausgegangen. Ich hatte sie pers├Ânlich dort vorbeigebracht, wie ich es bei Empf├Ąngern im Stadtgebiet eigentlich immer tue. Dabei hatte ich mich auch schon mit der anwesenden Mitarbeiterin (Ich glaube, es war Birte J├╝rgens) unterhalten und sie war sehr angetan von dem Projekt, da es neben den anderen Schauzeit-Projekten etwas ganz anderes war, was es so noch nicht gab. Das sah die Jury der Schauzeit offenbar genauso und so erhielt das Projekt den Zuschlag und kam in einem Ladenlokal in der Ring-Passage unter, einer Verbindung zwischen der Friedrich-Ebert-Stra├če und einem Parkhaus an der Wilhelm-Schiffer-Stra├če.

Das Ladenlokal

30 Quadratmeter Glaskasten in einer Passage waren es, die wir da zugeteilt bekommen hatten. Zwar sind Standorte in Passagen immer schwierig, denn da muss ja ├╝berhaupt erstmal jemand reinkommen, aber daf├╝r lag das Ladenlokal genau im Sichtfeld aller, die durch die Passage in Richtung Parkhaus wollten. Die gro├če Glasfront und weite Doppelt├╝r sorgten f├╝r eine einladend offene Atmosph├Ąre. Einrichtung gab es nicht, wenn man eine Heizung an der Wand mal ignoriert. Nichtmal eine T├╝r zum kleinen Lagerraum war vorhanden, da g├Ąhnte das Loch eines einsamen T├╝rrahmens.
Bei einem Besuch des Lokals mit Thomas Maria Cla├čen entstand dann das Konzept f├╝r den Raum: Er hatte noch ein paar St├╝hle da. Die klassisch-h├Ąsslichen weissen Plastikgartenst├╝hle sahen zwar f├╝r sich nicht aus, aber wenn man sie mit Decken ├╝berwarf, wirkte das schon wieder ganz anders. Wegen der knappen Zeit f├╝hrte das zuÔÇŽ

Tag X

Am 2. September war vieles noch im Fluss. Thomas Maria Cla├čen hatte Lesezeichen und Plakate entworfen sowie Aush├Ąnge f├╝r jeden Titel, der in der kleinen Bibliothek vorlag. Das war alles in einheitlichem Design mit der Wortmarke ÔÇ×BuchaktivÔÇť gestaltet worden. Inzwischen war die Gruppe auf 19 Leute angewachsen, obwohl ich definitiv noch einige anzusprechen vergessen oder verpasst habe, denn es gibt wie angedeutet wirklich viele Schreibende in und aus der Stadt. Eine Besonderheit war noch G├╝nter Seuren, unsere einzige Leiche im Team, da ich in den Vorbereitungen erfuhr, dass eine Freundin von mir seine Nachlassverwalterin war. Ich hatte noch am Donnerstag zuvor eine kleine Tour durch die Buchl├Ąden der Stadt gemacht, um dort Werbematerial einzusammeln. Denn wir verkaufen schlussendlich nicht, aber wenn jemand ein Buch kaufen m├Âchte, verweisen wir sie nat├╝rlich an den lokalen Buchhandel. Ebenfalls am Donnerstag zuvor trafen sich wiederum sieben Autoren f├╝r ein erstes Promofoto f├╝r die Schauzeit.

Wer halt grade rechtzeitig da war: Jutta profijt, Karl-Heinz Thifessen, Anja Wedershoven, ich selbst, Susanne Goga und Carsten Steenbergen - Bild: Barbara Schwinges/Quartiersmanagement Rheydt

Wer halt grade rechtzeitig da war: Jutta Profijt, Karl-Heinz Thifessen, Anja Wedershoven, ich selbst, Susanne Goga und Carsten Steenbergen – Bild: Barbara Schwinges/Quartiersmanagement Rheydt

Jedenfalls begann der 2. September fr├╝h. Um acht Uhr morgens fuhren Thomas und ich zu einer Scheune in Wanlo, um besagte St├╝hle zu holen. Und so trugen wir 22 alte Plastikst├╝hle aus dem Dachstuhl einer Scheune die Treppen runter, staubten uns dabei gr├╝ndlichst ein, verteilten sie in einem Pkw-Anh├Ąnger und verteilten sie im Ladenlokal. Das war alles erstmal h├╝bsch h├Ąsslich, da galt es noch nachzuarbeiten. Es galt, St├╝hle zu putzen und jene, die gar nicht mehr in so einem Rahmen vorzeigbar waren, auszusortieren und f├╝r Notf├Ąlle (und Lesungen) in den Lagerraum zu stellen. Da waren dann auch Inge Jansen und Susanne Goga tatkr├Ąftig dabei.

Bevor eine Baustelle fertig wird, wird es halt immer erstmal h├Ąsslich

Bevor eine Baustelle fertig wird, wird es halt immer erstmal h├Ąsslich

Unterdessen machte sich Andrea Rings kurzfristig an einen Ersatz f├╝r die nicht ganz gelungene Idee mit den Decken: Sie schnitt aus Stoffen (ja, das sind in der Tat Reste von Vorh├Ąngen) ├ťberw├╝rfe f├╝r die St├╝hle und die als Beistelltische verwendeten Hocker zurecht. Das Ergebnis hat auf jeden Fall etwas sehr gem├╝tliches, wohnzimmerhaftes. Was vermutlich auf die Vorh├Ąnge zur├╝ckgeht.
Regale gibt es keine, die B├╝cher verteilen sich ├╝ber St├╝hle und Tische. Wer lesen m├Âchte, nimmt sich ein Buch, legt die ├╝brigen in den n├Ąchsten Stuhl und kann sich dann hinsetzen. Auch das tr├Ągt zur offenen Atmosph├Ąre der kleinen Bibliothek bei.

Genug Lesematerial f├╝r alle und ├╝berraschend gem├╝tliche St├╝hle, die perfekte Bibliothekseinrichtung

Genug Lesematerial f├╝r alle und ├╝berraschend gem├╝tliche St├╝hle, die perfekte Bibliothekseinrichtung

Reaktion

Ich kann die Reaktionen einfach nur super nennen. Alle fanden die Idee gut, auch die Buchh├Ąndler. Die Bibliothek hat auf die Aktion verwiesen, ebenso die MGMG, nat├╝rlich die Schauzeit und noch einige andere (ich habe ehrlich gesagt irgendwann den ├ťberblick verloren) und wir fanden eigentlich in jedem Artikel zur Er├Âffnung der Schauzeit noch einmal Erw├Ąhnung, eben weil wir herausstachen. Literatur hat als Kunstform das Manko, sich nicht so sehr f├╝r die Form der Galerie zu eignen, was einen solchen Ansatz zu einer Besonderheit macht.
So waren denn auch am Montag nach der Er├Âffnung die Rheinische Post und der WDR vor Ort. Der WDR brachte seine Aufnahmen am Rande eines Kurzberichts ├╝ber die Gesamtveranstaltung Schauzeit unter (ab 12:50), die Rheinische Post brachte einen gro├čformatigen eigenen Artikel zu der Bibliothek, nachdem sie am Tag zuvor schon ├╝ber die Er├Âffnung der Schauzeit berichtet hatte.
Kommenden Sonntag wird es von 13 bis 17 Uhr Lesungen geben, da bin ich mal sehr auf die Resonanz gespannt.
Ich denke, wir Autoren werden nach dieser Aktion auf jeden Fall in Kontakt bleiben und sicherlich wird es in Zukunft auch mal wieder andere Aktionen und Treffen geben. Wie ich den Autoren schon in meinem Anschreiben sagte, was weitere Formate und Ideen innerhalb des Konzepts betraf: ÔÇ×Wir sind schlie├člich Kreative, uns f├Ąllt sicher noch mehr ein.ÔÇť

Die Bibliothek der M├Ânchengladbacher ist im September jeden Mittwoch bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, jeden Samstag von 11 bis 15 Uhr, am 09.09. (Blumensonntag) von 11 bis 18 Uhr sowie am 17.09. (Tag des offenen Ateliers) von 11 bis 15 Uhr ge├Âffnet.
Die vertretenen Autoren sind Vera Anders (Belletristik), Thomas Maria Cla├čen (Krimi), Thomas R. Diehl (Science-Fiction und Sachbuch), Ansgar & Nadine Fabri (Krimi), Sabine Fischer (Romantik), Susanne Goga (Krimi), Kirstin Grabowski (Kinderbuch), Nicola Grosch (Kinderbuch), Inge Jansen (Romane zum Thema Sucht), Arnold K├╝sters (Krimi), Jutta Profijt (Krimi), Andrea Rings (Jugendroman), G├╝nter Seuren (Belletristik), Carsten Steenbergen (Science-Fiction und Thriller), Karl-Heinz Thifessen (Historische Geschichten), Anja Wedershoven (Familienroman) und Moritz Wigand (Kolumnen). Dabei gewesen w├Ąren, wenn sie nicht aus verschiedenen Gr├╝nden verhindert gewesen w├Ąren, Rebecca Gabl├ę, Fee Grupe, Paul Sonn und Karin Welters. Und ja, in Gladbach werden sehr viele Krimis geschrieben. Wobei man bei einigen auch Titel aus anderen Genres findet ÔÇô Jutta Profijts M├Âhrchenprinz und Kirstin Grabowskis Grenzsteine einer Liebe etwa.