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Blau blau blau sind alle meine Routen, blau blau blau ist alles, was ich fahr. Darum lieb ich alles was so blau ist, denn ich bin mit-m Ra-del da

Musik ist immer ein guter Start

Okay, nicht alles (siehe den vorgestrigen Beitrag), aber die Blaue Route MG halte ich eigentlich für eine sehr gute Idee: Eine Fahrradstraße zur Verbindung der beiden großen Stadtzentren von Mönchengladbach, endend jeweils halbwegs in der Nähe der Hauptbahnhöfe Gladbach und Rheydt. Mit dem Hintergedanken, diese irgendwann bis direkt zu den Bahnhöfen weiterzuführen. Wobei ich auch sagen muss, in der ursprünglich präsentierten Planung war das keine Fahrradstraße, sondern nur eine blaue Orientierungslinie auf dem Boden, in deren Verlauf die Wege dann für den Radverkehr optimiert werden sollte.
Nun hat die Route nach ihrer Umsetzung allerdings noch ein paar „Kinderkrankheiten“, an denen man noch etwas feilen muss. Eben weil ich die Route grundsätzlich erhalten will, habe ich nach meiner bisherigen Nutzungserfahrung noch einiges an Änderungsvorschlägen. Das hat gestern in den sozialen Netzwerken einige Leute aufgeschreckt, aber ich bin halt jemand, der Missstände auch dann (insbesondere dann) anspricht, wenn sie Dinge betreffen, die ich unterstütze. Denn ich möchte, dass Dinge, die ich unterstütze, auch ihr maximales positives Potenzial entfalten.
Natürlich war ich gestern auch noch ziemlich sauer. Immerhin bin ich gestern vormittag aufgrund der spezifischen Bedingungen auf genau dieser Strecke fast angefahren worden. Aber deshalb will ich die Strecke ja verbessern. Ich will sie auch aktiv als Keimzelle eines Radwegenetzes nutzen, das den Namen verdient hat und dafür in nächster Zeit in den städtischen Gremien Anträge für die direkte Umgebung der Route stellen. Ein solcher Antrag zur Dessauer Straße ist aktuell bei den Grünen im Umlauf, ein weiterer zur kreuzenden Hofstraße folgt zum nächsten Ratszug im Januar.

Fahrradstraße

Jetz stelle mer uns ma janz dumm: Wat is dat eijentlich, so en Fahrradstraaß?
Sorry, altes rheinisches Mem, da komm ich manchmal nicht rum. Aber um die Frage zu beantworten: Eine Fahrradstraße ist eine Straße, in der Fahrräder besonderen Vorrang genießen. Autos kann dort die Nutzung erlaubt werden, aber sie haben zum Beispiel keinen Anspruch, ein Fahrrad zu überholen. Ausserdem herrscht auf Fahrradstraßen grundsätzlich Tempo 30. Fahrräder dürfen dort auch in beide Richtungen fahren, aber das ignorieren wir mal großzügig, weil es im Gladbacher Fall dank der zwei direkt nebeneinander liegenden, durch einen Mittelstreifen getrennten Trassen nicht nötig ist und de facto auch nicht gemacht wird (wäre allerdings sehr amüsant). Nebeneinander fahren dürfen sie allerdings auch. Dass Fahrradstraßen eigentlich keine Vorfahrtsstraßen wie in Gladbach sein können, sondern dort grundsätzlich „Rechts vor Links“ herrscht, ignoriere ich an dieser Stelle ganz gerne ebenfalls, ohne es zu verschweigen. Es ist, auch wenn es zum Vorteil der Radfahrenden gereicht, symptomatisch für den dezent ahnungslosen Umgang der lokalen Verwaltung mit dem Radverkehr.
Fahrradstraßen verfolgen natürlich einen Zweck und dieser ist auch mein Anspruch an sie: Die Erleichterung, verbesserte Sicherheit und Beschleunigung des Radverkehrs in ihrem Verlauf. ich nehme damit im Übrigen auch Planungsdezernent Dr. Gregor Bonins Aussage zum ADFC beim Wort: „[…] auf der „Blauen Route“ hat der Radverkehr Vorfahrt, ob bequem nebeneinander her radeln oder schnell von einem der beiden Hauptbahnhöfe zur Hochschule oder zur Arbeit kommen, ist kein Problem mehr.“ Und genau hier gibt es nach den Erfahrungen aus meiner eigenen Benutzung der Route noch Knackpunkte. Die lassen sich alle entschärfen, aber noch sind sie da.
Ich gehe die einfach mal die Strecke entlang von Gladbach bis Rheydt durch.

1: Viktoriastraße beim Gymnasium

Da isser ja wieder, mein alter Dauerbrenner.
Im Bereich der Ausfahrt des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Gymnasiums (und einiger Wohnhäuser) ist die Viktoriastraße deutlich verengt. Das führte in der Vergangenheit zu Problemen mit dem Parken, mit deren Beseitigung ich ein paar Jahre politisch Spass hatte, bevor sie zufriedenstellend beseitigt waren.
Jetzt ist da eine blaue Linie auf der Fahrbahn und siehe da, es gibt neue Probleme. Hurra!
Konkret ist es so, dass der blaue Streifen die Fahrbahn leicht verengt. Das ist nicht viel, aber es reicht, damit die Begegnung von entgegenkommendem Verkehr sehr eng wird. Bisher gab es zwischen einem Auto und einem Fahrrad etwas unter 20 Zentimeter Abstand beim Entgegenkommen. Die blaue Linie führt dazu, dass Fahrer auf jeder Seite etwa 10 cm mehr Abstand vom Fahrbahnrand halten und das Ergebnis kann sich jeder ausrechnen. Das ist eine dieser Auswirkungen, die man den Planenden nicht vorwerfen kann, da sie mehr durch die Reaktion der Verkehrsteilnehmer als durch die Regelung selbst verursacht worden ist.
Priorität: Gering (Nur leichte Verzögerung)
Lösungsvorschlag: Parkende Autos entfernen
Umsetzung: Wünschenswert und einfach

2: Dessauer Straße

Nach ein paar hundert Metern unterquert die Fahrradstraßenführung die Eisenbahn. Dazu führt sie nach links unter der Bahntrasse durch, gradeaus über die Dessauer Straße und dann wieder rechts auf die Buscherstraße. Das ist für Ortsunkundige schon eine leichte Herausforderung, aber dagegen hilft eine bessere Bodenaufzeichnung und Beschilderung.
Dass diese Kurve ein Problem werden würde, war von Anfang an klar, das will ich jetzt gar nicht kritisieren. Da sind einfach die Straßenführungen im Hermges Schrott. Ich habe für den nächsten ratszug eine Vorlag vorbereitet, die Treppen am Ende der Dessauer Straße durch eine Rampe zu ersetzen, damit könnte das Problem bei einer Verlegung des nördlichen Endpunktes der Blauen Route gelöst werden.
Nein, ich möchte einfach nochmal kurz auf den Zustand hinweisen, in dem die Deutsche Bahn AG (oder deren Beauftragte) die Kreuzung nach ihrem Brückenneubau hinterlassen hat.

Die Nordkette in Österreich

Symbolbild, kaum vom Realzustand unterscheidbar – Bild: Ron Porter


Priorität: Mittel (schwere Fahrbahnschäden, aber keine Verkehrsbehinderung)
Lösungsvorschlag: Neuer Deckenüberzug
Umsetzung: Notwendig

3: Richard-Wagner-Straße

Hier kommen wir zum häufigsten Problem der Strecke: Es stehen Autos im Weg. Und hier ist die derzeitige Umsetzung nicht nur verbesserungswürdig, sondern ein Rückschritt gegenüber der bisherigen Situation. Hier ist die Stelle, die mich sagen lässt, dass die Blaue Route in ihrer gegnwärtigen Form genau den gegenteiligen Effekt hat, den eine Fahrradstraße haben sollte.
Wenn eine Fahrradstraße zur Ausbremsung des Radverkehres gegnüber der vorherigen Situation auf der selben Route führt, dann liegt eine Fehlplanung vor.
Und ich kann diese auch konkret benennen. Vorher war es so: Die Richard-Wagner-Straße war eine großzügig angelegte Allee mit zwei Bürgersteigen, zwei Fahrbahnen und in der Mitte einem Fußweg, der auch mit Fahrrädern benutzt werden konnte, aber nicht musste. Das kam sehr nah an eine perfekte Situation für alle Beteiligten. Manchmal spannte eine Hundeleine über den Mittelweg, aber damit muss man eh umgehen können, das passiert ja auch auf Feldwegen regelmäßig. Wenn tatsächlich mal ein Fußgänger auf so einer Strecke ist, nimmt man halt etwas Geschwindigkeit raus, rollt an ihm vorbei und beschleunigt dann wieder. Alles kein Problem. Noch besser wäre nur ein reiner Radweg in der Mitte gewesen, immerhin sind ja auch große Bürgersteige vorhanden.
Mit der Umsetzung der Blauen Route als Fahrradstraße wurde dieser Mittelstreifen zu einem reinen Fußweg. Das bedeutet ein Fahrverbot für Fahrräder sie sind jetzt also gezwungen, auf der Fahrbahn zu fahren. Und genau hier liegt das Problem: Die Fahrbahn ist für ein Überholmanöver zwischen einem Fahrrad und einem Auto nicht breit genug. Ist auch nur ein einziges Auto in der Straße, müssen sich alle hier fahrenden nach dem langsamsten Verkehrsteilnehmer richten, denn das Auto kann weder überholen noch überholt werden.
Das langsamste ist nicht immer ein Fahrrad, meine erste solche Begegnung hatte ich mit einer Kehrmaschine. Ich weiss, Kehrmaschinen in engen Straßen sind allgemein Ärgernisse, aber der Punkt ist: Vor der Änderung konnte ich sie problemlos über den Mittelstreifen umfahren. Das ist mir jetzt verboten. Die Neuregelung stellt hier eine klare Verschlechterung dar. Für meine zweite solche Begegnung, einen Lieferwagen beim Beladen, gilt das Selbe.
Und dann war da die Situation gestern morgen auf dem Arbeitsweg. Ich fahre, wenn ich eigene freie Wege zur Verfügung habe, recht schnell, in der Regel knapp unter 30, mit dem Liegerad auch schonmal ein paar Stundenkilometer drüber. Und so kam ich dann hinter ein Auto, welches mangels Platz gezwungen war, hinter einem deutlich langsameren Radfahrer (ich schätze etwa 12 km/h) herzuschleichen. Der Radler wäre nicht das Problem gewesen, den kann ich ja einfach überholen. Er darf ja auch gerne langsamer fahren als ich, alles kein Problem. Aber neben dem Auto war einfach nicht genug Platz zum Überholen.
Auch das allein war nicht das Problem, sowas kann ja mal passieren. Aber, auch hier muss ich nochmal betonen: Die vorherige Regelung war in dieser Situation deutlich besser. Und das ist mein Maßstab hier: Hat die Fahrradstraße die Situation für den Radverkehr verbessert? Das muss ich hier ganz einfach verneinen, sie hat sie sogar verschlechtert. Vorher konnte ich in dieser Situation auf den Mittelweg schwenken, dort überholen (eine angemessene Geschwindigkeit auf dem Fußweg war immer noch schneller als diese Straßensituation) und dann auf die Straße zurückkehren.
Im Übrigen war auch dem langsameren Radfahrer die Lage sichtlich unangenehm: Er fuhr so weit rechts, wie es irgendwie ging, um den Autofahrer passieren zu lassen, aber was er auch tat: Der Raum reichte nicht aus. Und auf einer Fahrradstraße dafür abzusteigen, kann man auch nicht verlangen. Das würde dem Sinn dieser Anlage ja ebenfalls widersprechen.
Priorität: Mittel (regelmäßiges Einzelfallproblem mit punktuell mäßiger Verkehrsbehinderung)
Lösungsvorschlag: (Wieder-)Freigabe des Mittelstreifens für Fahrräder
Umsetzung: Einfach, aber nicht so wichtig

4: Parkbuchten Brucknerallee

Kommen wir von „lästig“ zu „lebensgefährlich“.
An der Brucknerallee endet der Mittelstraße mit der Querung der Nordstraße und es folgt ein konventioneller Straßenschnitt. Das war nicht immer so (deshalb heisst die ja Brucknerallee), aber in meiner Lebenszeit halt schon. Sprich, es gibt eine Fahrbahn mit Bürgersteigen und auf diesen Bürgersteigen liefen bis zur Umstufung zur Fahrradstraße Radwege.
Eine Besonderheit an der Brucknerallee sind die Parkbuchten, die teilweise quer zur Fahrbahn gebaut sind. Sowas wird heutzutage aus gutem Grund nicht mehr gebaut, bestenfalls noch in Parkhäusern, in denen ja auch entsprechend anders gefahren wird. Für den Radweg bedeutet das: Manchmal ragt da eine Motorhaube zu weit über den Parkplatz hinaus, da muss man halt schauen.
Die Radwege sind mit der Umwidmung weggefallen. Das ist rechtlich auch richtig, eine Fahrradstraße kann keine benutzungspflichtigen Radwege haben, das wäre ja auch widersinnig. Nun ist es mir gestern passiert, dass ein Golf rückwärts in genau dem Moment ausparkte, in dem ich hinter ihm vorbeikam. Hätte ich in diesem Moment vor Schreck gebremst statt durchzuziehen, hätte er mich umgeworfen.
Der Fahrer konnte mich nicht gesehen haben, da ist ihm kein Vorwurf zu machen. Ich meine, ich sah von ihm ja auch nicht mehr zwischen den anderen Parkbuchten herausragen als seine hintere Stoßstange. Aber ich kann auch nicht vor jeder Parkbucht halten um zu schauen, ob da nicht grade jemand im Rückwärtsgang aufs Gaspedal tritt.
Glücklicherweise kann man das relativ einfach lösen, indem man die Autos nur noch so einparken lässt, dass sie beim Ausparken vorwärts fahren, die Fahrbahn also im Sichtfeld haben wie an einer Kreuzung. Auch hier gilt: Vorher war es besser. Aber es wäre auch keine gute Lösung, die alte Situation wiederherzustellen, nur stellen die anderen Lösungen eine Verbesserung dar, während ein Zurück nur den Status Quo erhalten würde.

Reihe quer parkender Autos mit dem Heck zur Straße

Und so sehen Autos von hinten aus. Bis auf den schwarzen Wagen in der Mitte, der parkt mit Hirn


Priorität: Hoch (Unfallrisiko ist allein wegen des geringen Verkehrsaufkommen gering)
Lösungsvorschläge (geordnet nach Präferenz): Entweder Abschaffung des Querparkens oder Pflicht zum rückwärtigen Ein- und vorwärtigen Ausparken oder Reaktivierung der Radwege auf dem Bürgersteig
Umsetzung: Reicht von „einfach“ (Alternative 1) über „schwierig und teuer“ (Alternative 2) zurück zu „einfach, aber nicht sonderlich gut“ (Alternative 3). Es ist aber zu betonen, dass nur eine dieser Alternativen umgesetzt werden muss.

Fazit

Die Fahradstraße ist ein typisches Beispiel für ein Projekt, in dem Theorie und Praxis ordentlich auseinanderdriften. Das aber sollte niemanden davon abhalten, dazuzulernen und Fehler zu korrigieren.
Im Grunde war die Richard-Wagner-Straße/Brucknerallee eine denkbar ungeeignete erste Fahrradstraße, einfach weil dort der Autoverkehr nicht herausgenommen werden kann. Aber sie jetzt wieder zurückzunehmen, ist auch keine gangbare Alternative. Also müssen wir das jetzt konsequent durchziehen. Direkt benachbart oder auf die Route zuführend sind Wege, die tatsächlich extrem schlecht sind und die es viel nötiger hätten, verbessert zu werden — da muss man jetzt ran.
Wenn wir es vermeiden können, in der Diskussion Schwarzweissbilder mit Routenfreunden und Routengegnern zu malen, und statt dessen die Anlage auf Grundlage der Praxiserfahrungen verbessern, kann da eine richtig gute Anlage mit positiven Effekten für den gesamten Radverkehr draus werden.


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