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Kuckt mehr Bilder!

Bilder anzuschauen genießt einen schlechten Ruf im Bildungsbürgertum. Das gilt insbesondere für Statistiken, denen der Ruf anhaftet, ohnehin alle gefälscht zu sein. Doch oft ist die Statistik das Beste am ganzen Artikel. Das ist mir zuletzt bei mehreren Artikeln massiv aufgefallen. Daher nun ein kleiner Ausflug in die Wahrheit von Grafiken, die der Text so nicht zeigt.

Quelle: tylervigen.com

Bilder machen Dimensionen begreiflich

Das hier ist ein richtig interessanter Twitter-Artikel in Form mehrerer hintereinander gesetzter Kurzbeiträge, der erklärt, warum genau die Tageszeitungen eigentlich im Sterben liegen. Und er geht dabei weit tiefer als nur das beliebte „Das Internet war’s“, auch wenn das natürlich Teil des Problems ist.

Aber egal, wie intensiv man den Artikel gelesen hat,die ganze Dimension dessen, was da passiert, findet sich in der zweiten Version der einzigen dort auftauchenden Grafik wieder:

Quelle: Jeremy Littau/Twitter

Man kann das in sehr viele Worte fassen. Oder man kann diese Statistik zeigen. Jeremy Littau sagt natürlich noch weiter was da genau passiert ist, aber den Eindruck, wie groß der Zeitenwandel ist, den erlangt man erst an diesem Punkt: Wenn er ein Bild geworden ist.

Was genau macht eigentlich eine Statistik in einem Beitrag?

Es heisst, die Statistik sei die höchste Kunst der Fälschung. Doch da muss ich gegenhalten: Keine Lüge ist leichter nachzuweisen als eine statistische. In der Regel sind die Zahlen korrekt, nur die Darstellung wird etwas hübscher gemacht. Tricks, die ursprünglich der Erzeugung besserer Übersicht dienten wurden manipulativ eingesetzt, um auf den ersten Blick falsche Eindrücke zu vermitteln.

Doch durch die fragwürdige bildliche Darstellung wird die Statistik nicht falsch, man muss lediglich genauer hinschauen und auf die Zahlen achten, die in ihr immer noch erkennbar verarbeitet sind. Tricks wie bei der Arbeitslosenstatistik, die einfach jedes Jahr etwas anderes zählt und sich damit jeder Vergleichbarkeit entzieht, existieren zwar, sind aber selten.

Das bedeutet: Wer weiss, wonach zu schauen ist und wie man Statistiken und vor allem Grafiken liest, kann damit sehr einfach Wahrheiten entdecken, die man gar nicht wissen sollte. Manchmal ist man dann sogar schlauer als die Menschen, die den Artikel ursprünglich geschrieben haben.

Ein schönes Beispiel ist dieser Artikel von der Website cio.de. Es handelt sich um den üblichen jährlichen Jubelartikel über die tollen Prognosen des renommierten Glaskugelei-Instituts Gartner. Da werden munter Zukunftstechnologien und Trends analysiert und wir erfahren die Wahrheit über die Zukunft, präsentiert in einer Inbrunst der Überzeugung, mit der man Menschen alles glauben lassen kann.

Gartner sind bekannt für ihre Idee des vorhersagbaren Hype-Zyklus, der etwa so verläuft: Eine Technologie wird zunächst erfunden, dann weit über ihren tatsächlichen Nutzen hochgejubelt, bevor sie ob der Nichterfüllung ihrer Versprechungen in ein Tal der Desillusionierung fällt. Aus diesem tritt sie schließlich wieder heraus,diesmal nach dem Durchstehen von Hype und Desillusionierung mit einer realistischen Einschätzung ihres wahren Potenzials zwischen diesen beiden Extremen.

Das klingt einleuchtend,wenn man in die Vergangenheit schaut. Aber taugt es auch für eine Vorhersage der Zukunft? Wenn jede neue Technologie diesen Zyklus nimmt, was genau sagt die ihn repräsentierende Kurve dann eigentlich an? Und wie genau erkennt man Produkte, die sich nicht am Markt durchsetzen können? Das klingt für mich nach der wichtigsten Funktion in einer Vorhersage technologischer Entwicklung.

Der Artikel hilft, das alles einzuordnen. Denn zwischen all dem Jubel und der unreflektierten Wiedergabe von Gartners neuesten Weissagungen finden wir Hype-Zyklen vergangener Jahre, schön in einer Galerie. Und wenn man mal ignoriert, dass das, was sich hier als statistische Grafik tarnt, keine ist (es nutzt nur den Anschein, um so zu tun, als wäre das alles irgendwie seriös), bietet sich hier die Gelegenheit, mal in die Vorhersagen der Vergangenheit zu blicken.

Nehmen wir zum Beispiel mal das Jahr 2007:

2007 als Beispiel (Quelle: Gartner via cio.de)

Na huch, da ist aber eine heftige Fehlerquote drin. Klar,ein paar Technologien haben sich später tatsächlich weiterentwickelt. Aber vieles ist eben auch sang und klanglos verschwunden.

Nimmt man sich weitere Jahre dazu fällt auf, dass so gut wie keine Technologie konstant diese Welle surft, fast alle verschwinden kurzerhand von einem Jahr aufs andere oder erscheinen aus dem Nichts an zum Teil sehr späten Punkten der Welle. Gartner ist reiner Bullshit und ihre eigenen Grafiken beweisen es. Des Kaisers neue Kleider sind Teil der Parade geworden.

Wirklich spannend wird es, wenn die berichtende Zeitung oder Zeitschrift (oder Website oder der Videokanal oder, oder, oder) mit ihrer Berichterstattung ein politisches Ziel verfolgt. Zum Beispiel jenes, Amazon zu dämonisieren. Das ist in Deutschland seit ein paar Jahren recht beliebt.
So auch in diesem Artikel auf Spiegel Online.
Ich meine, die Überschrift lautet „Im Bann der Amazonisierung“, die URL enthält den Satz „Warum Amazon kleine Läden vernichtet“, da ist die Richtung des Artikels ja schon klar.

Der erste Absatz? „Deutsche Händler müssen den Kampf gegen Amazon aufnehmen. Sonst wird es viele von ihnen bald nicht mehr geben.“ Wobei ich zu Gute halten muss, dass der Artikel auch anspricht, dass die Läden Amazon als Vertriebskanal nutzen können

Und dann kommt da diese Grafik:

Quelle: HDE via Spiegel Online

Oh mein Gott, ist diese Grafik spannend. Nein, ganz im Ernst, schaut sie euch mal an und setzt sie in Verbindung mit dem, was der Artikel erzählt, in dem sie auftaucht.

Der Spiegel erzählt uns hier ja, dass Amazon der große Gegner ist, der den Einzelhandel vernichtet. Und in der Tat zeigt die Grafik,dass der Online-handel (Der gesamte Onlinehandel! Alle Anbieter zusammen!) seit 2000 auf 4,4% gewachsen ist. Im selben Zeitraum ist der Fachhandel von 31,9% auf 17,1% geschrumpft. Wer jetzt merkt „Moment mal, das sind ja mehr als 4,4% Schrumpfung!“, der hat damit bewiesen, dass er nicht an Dyskalkulie (quasi Analphabetismus, aber mit Zahlen) leidet. Naja, es ist ein Indiz. Die Rechnung ist so einfach, auch so mancher Mensch mit Dyskalkulie wird sie noch durchschauen können.

Nun, das hat mich dann inspiriert, mal genauer in die Grafik zu schauen. es ist eine sehr praktische interaktive Grafik. Wenn man mit der Maus über ein Jahr geht,zeigt sie die Markanteile im jeweiligen Jahr als Text an. Klasse!

Also, wir haben ein Wachstum im Online-Handel, welches irgendwo nur knapp oberhalb des Wachstums des gesamten Handelsvolumens liegen dürfte (welches wir aus dieser Grafik nicht erfahren). Währendddessen verliert der Fachhandel massiv an Marktanteil. Aber wer wächst im selben Zeitraum stark genug, um den Verlust beim Fachhandel zu erklären?

Die Antwort ist nicht im dunklen Türkis des Internets zu finden — sondern im rosa und limettengrün der Discounter und Fachmärkte. Richtig gesehen, der Feind des Tante-Emma-Ladens ist nicht Amazon, sondern Aldi! Was, wenn man genau überlegt, keine Überraschung sein dürfte.

Aber Aldi ist eine tolle deutsche Erfolgsgeschichte. Da will der Spiegel natürlich nichts gegen schreiben. Macht aber nichts. Wer sich die Bilder genau genug ansieht, findet schnell mehr Wahrheit, als der ganze Artikel je enthalten hat.

Das ist eine zentrale Wahrheit über den Einsatz von Statistik in der Presse: Oft werden sie in der Hoffnung eingesetzt, dass niemand zu genau hinschaut und die Grafiken als rein psychologischer Effekt einen abstrakten Eindruck von Seriosität erzeugen. Ob der Text etwas damit zu tun hat oder die Statistik ihm sogar widerspricht, ist dann eher minderwichtig. Schaut ja eh keiner so genau an.

Das funktioniert hier in diesem Artikel ja auch super: Ihr seht viel Text, gewürzt mit ein paar Bildern. Aber nicht mit irgendwelchen Bildern, wie in allen anderen Artikeln hier im Blog, sondern mit richtig wissenschaftlich aussehenden Statistiken.  Von denen eine noch nicht mal eine Statistik ist, aber so aussieht, um seriöser zu wirken, als sie tatsächlich ist. Macht nix, wirkt trotzdem. Das ist ja der Punkt.

Mein Apell

Beschäftigt euch mit Statistik! Der Einstieg mag trocken und schwierig erscheinen, aber wenn man es kann, bringt das wirklich viel. Leichte,r als ein Musikinstrument zu erlernen, ist es allemal. Meine Empfehlung ist Walter Krämers So lügt man mit StatistikAmazon-Link, welches auch noch unterhaltsam ist und gezielt vermittelt, worauf man achten sollte, wenn man sich von Statistiken nicht in die Irre führen lassen will.

Bilder können manipulieren. Sie können verfälschende Ausschnitte der Wirklichkeit darstellen oder auch komplett aus dem Computer (oder Pinsel) stammen. Letztlich kann alles eine Lüge sein. Aber: Wer sie zu deuten weiss, findet in ihnen auch so manche verborgene Wahrheit. Und auch wenn Bilder lügen können, Worte können noch viel einfacher lügen.