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Seit ein paar Tagen ist die stark erweiterte zweiten Auflage des ersten Bandes der Reihe „Meilensteine der Evolution“ , Feuchten Fußes für Kindle erhältlich. Unter den Neuerungen findet sich auch ein Versionslog, das die Veränderungen im Vergleich zur ersten Auflage kurz zusammenfasst. Hier möchte ich für Interessierte detailierter auf die Ändeurngen und die Hintergründe eingehen.

Die Zensur-und-Neger-Debatte
In der Woche, in der ich die letzten Schliffe am Buch vorgenommen habe, ging eine große Debatte durch die deutschen Feuilletons: Otfried Preußlers Verlag hatte angekündigt, den Kinderbuchklassiker Die kleine Hexe zu überarbeiten und dabei neben dem unbestreitbar überholungsbedürftigen „durchwichsen&dquo; auch den „Neger“ gestrichen.
Da es nicht wirklich um meine Meinung zu dieser Debatte geht hier nur eine Kurzfassung: Ich halte „Neger“ historisch für einen unproblematischen Begriff, der aber durch die antirassistische Bewegung nachträglich als rassistisch deklariert wurde. Damit ist der Begriff rassistisch geworden, denn es liegt in der Natur von Sprache, dass Wortbedeutungen im semantisch-lexikalischen Konsens und nicht im historischen Kontext erschlossen werden. Oder anders gesagt: Es ist egal, ob ein Wort einst etwas bestimmtes bedeutet hat oder eine bestimmte Konnotation besaß, ausschlaggebend ist, welche Bedeutung und Konnotation es heutzutage hat. Somit ist Neger heutzutage rassistisch konnotiert. Ich persönlich halte das teils als Eigenbezeichnung schwarzer Deutscher geführte „Afro-Deutsche“ für um einiges rassistischer (weil es de facto Herkunft als genetisch verankert bezeichnet), aber sei’s drum.
Per Schlenker zurück zum Thema: Ist die Änderung des Buches legitim? Kann man ein Kulturerzeugnis nachträglich verändern, um sich verändernden kulturellen Rahmenbedingungen gerecht zu werden? Sollte man das? Das Thema, dass die Szene, in der bei Preußler der „Neger“ vorkommt, mir eher ein Plädoyer für Völkerverständigung zu sein scheint, mal ganz aussen vor gelassen.

Die Frage nach der Legitimität von Veränderungen in Literatur ist auch für mich und für die Änderungen in Feuchten Fußes relevant. Während ich den Sachbuchteil immer an den aktuellen Stand der Forschung anpassen und wann immer nötig aktualisieren wollte, hielt ich mich damit aus dem Teil, den die kleine Kurzgeschichte ausmacht, weitgehend heraus. Das war zumindest der Plan.
Nur gab es einen Punkt in der Geschichte, der ein Problem darstellte. Die Geschichte handelt von einem Acanthostega, einem der ersten Amphibien und seinen Ausflügen an Land. Dabei trifft er mehrfach auf kleine Landamphibien, die ersten echten Landtiere. Unserem wasserbewohnenden Hauptdarsteller erscheinen diese Wesen abstoßend, aus seiner Perspektive sind Amphibien ohne Kiemen so etwas wie bedauernswerte Entwicklungsfehler. Im Laufe der Geschichte wird aber klar, dass diese Tiere ein deutlich müheloseres Leben haben als Acanthostega, der mehr schlecht als Recht auf dem Land leben kann und im Wasser in ständiger Gefahr vor großen Raubfischen lebt. Der Punkt der Geschichte ist, dass scheinbare Nachteile unter den richtigen Bedingungen zu Vorteilen werden können.
Nun war die erste Begegnung wohl etwas stark formuliert und ich überlegte nach dem Hinweis einer Leserin aus der fremden Ferne (Rheydt, kannte die Frau aber zuvor nicht), sie zu entschärfen. Sie konnte sozialdarwinistisch ausgelegt werden. Auch wenn das Ende der Geschichte dieser Interpretation klar widerspricht, war es besser, sie erst gar nicht aufkommen zu lassen. Dennoch haderte ich: Eine bereits veröffentlichte Geschichte verändern? Ist das legitim?
Aber ja, das ist es.

Man muss sich vor Augen führen, dass ein Großteil der Literatur, die wir hierzulande lesen ohnehin Übersetzungen sind, also nicht der ursprüngliche Text des Autoren. Darunter übrigens auch Pippi Langstrumpf, um das es eine ähnliche Diskussion (der Vater als Negerkönig und Pippis Idee von der Transformation zur Negerprinzessin) gab. Die andere Sache ist die, dass der Rest dessen, was wir lesen oft mehrfach lektoriert wurde.
So ein Lektorat hat man sich nicht als einfache Rechtschreib- und Kommasetzungsprüfung vorzustellen. Der Lektor bearbeitet auch – gewöhnlich gemeinsam mit dem Verfasser – Stil und Satzbau; er analysiert und kritisiert Logik, Realismus, Vermarktbarkeit (!) und Plot der Geschichte und schlägt dem Autoren Änderungen für eine überarbeitete Fassung vor, bevor diese dann in zwei bis drei Anläufen bis zum Druck durchgereicht wird. Wohlgemerkt erst, wenn der Lektor zufrieden ist.
Was wir Leser schließlich in den Fingern halten ist nur sehr selten der ursprüngliche Text des Autoren. Die Autorenautorität ist eine schöne Vorstellung, die uns die Illusion leben lässt, Literatur sei grundlegend authentisch. Die Zerstörung dieser Illusion führt bei vielen Menschen zu einer Art Kulturschock, auf den in der Regel mit Verdrängung und Erkenntnisverweigerung reagiert wird. Es ist dieser Kulturschock, aus dem sich die Wut gegen die Streichung von Preußlers Neger speist (das und der Versuch der Fremdbestimmung von Sprache als sehr intimen Teil der Persönlichkeit ihres Sprechers, was den entscheidenden Unterschied zwischen dem Durchwichsen und dem Neger ausmacht).
Ich bin unter vorrangig deswegen selbstverlegt, weil ich genau dieses Lektoratstheater nicht mitmachen, sondern die Autorität über meine Texte behalten will. Viele mir persönlich bekannte Kollegen geben ihrerseits den selben Grund an.

Das hat aber auch Konsequenzen: Wenn wir die volle Verantwortung für unsere Texte übernehmen, sind wir eben auch verantwortlich, wenn etwas falsches oder missverständliches drinsteht. Darauf müssen wir reagieren – wir können den Fehler belassen oder wir können ihn verändern. Natürlich können wir ihn auch ignorieren.
Ich entschied mich letztlich, dass alle Teile von Feuchten Fußes, auch die Kurzgeschichte, einen klaren Lehrzweck verfolgen und diesem unterworfen sind. Daher ist auch für diesen Teil eine Änderung legitim, wenn sie nötig erscheint. Wir unabhängige Autoren haben als solche die Verantwortung, unsere Werke so gut wie möglich zu machen und notfalls zu diesem Zweck auch mit Augenmaß Änderungen vorzunehmen, wenn es dem Zweck der Geschichte dienlich ist.

Neue Kapitel
Das ist schnell erklärt: Die zweite Auflage hat einige jene Kapitel dazugewonnen, die zuvor im zweiten Band Staksigen Schrittes erstmals aufgenommen wurden.

Cover
Auf das überarbeitete Cover hatte ich ja bereits bei der Veröffentlichung von Staksigen Schrittes hingewiesen. Die Cover der Reihe sollen ein einheitliches Erscheinungsbild haben und das erreiche ich mit der Überarbeitung hin zu einer professioneller wirkenden Bildkomposition recht gut.
Die Schriften sind neu, die Proportionen sind neu und der kleine Greererpeton nimmt jetzt weniger Platz ein und ist gespiegelt, um dem Titelschriftzug Platz zu machen. Nebenbei habe ich auch den Untertitel geändert, er ist jetzt präziser. Leider habe ich vergessen, das auch im Buch anzupassen, die Anpassung erfolgt dann mit der nächsten Aktualisierung.
Was ich diesmal anders als bei Staksigen Schrittes sehr gut tun kann unc auch tun werde ist noch ein Vergleich des alten mit dem neuen Coverstil (alt links, neu rechts):

Die Wissenschaft dahinter
Hier habe ich ein Detail der Forschungsgeschichte ergänzt. Es geht darum, wie ein schwedischer Paläontologe jahrelang die Forschung aufgehalten hat, indem er wichtige Fossilien in seinen Besitz brachte und als einziger untersuchen konnte, was zu deutlich falschen Vorstellungen über die Entwicklung der ersten Landwirbeltiere führte. Das ganze ist eine spannende Geschichte für Freunde der Wissenschaftsgeschichte, im Buch ist nunmehr eine Kurzfassung zu finden.

PS
Bisherigen Käufern sollte die neue Version in den nächsten Tagen zur Verfügung stehen. Amazon ist, was das angeht, leider sehr langsam.