Zum offline lesen runterladen:

In einer aktuellen Geschichte der dpa, 1:1 nachgedruckt in diversen „Qualitätsmedien“ ( Schwäbische, Westdeutsche Zeitung, Stern, Grenzecho, Rhein-Zeitung – ja, da merkt man richtig die schwere Arbeit, die im Zeitungsmachen steckt) lesen wir vom Untergang des Bücherregals und vom Bücherregal als „Visitenkarte“. Aber taugt das Bücherregal überhaupt als solche?

Ich sehe in dieser Idee einige Probleme und fange mit dem einfacheren an: Wenn ich jemandes Buchregale sehe kenne ich ihn in der Regel bereits recht gut. Natürlich gibt es Menschen, die eine Wohnung betreten und die man noch nicht kennt – das aber ist in der Regel vor allem unangenehmes Publikum oder solches aus unangenehmen Anlässen: Ärzte, Gerichtsvollzieher, Polizeibeamte, Einbrecher…
Der Punkt ist der: Wer mein Bücherregal sieht, den kenne ich bereits ausreichend gut, dass sich der Informationsgehalt dieses Anblicks in Grenzen hält (und ebenso umgekehrt). Es ist ein ganz brauchbarer Ansatz für Small Talk, aber das ist jeder andere Regalinhalt ebenso. Und wenn keine Regale da sind, dann der Wandbehang. Oder sonst etwas in der Wohnung.
Das ist noch ein eigener Unterpunkt hier: Eine Persönlichkeit schlägt sich im gesamten Wohnraum einer Person nieder, nicht nur im Bücherregal. Eigentlich sogar am allerwenigsten im Bücherregal, aber darauf komme ich im nächsten Punkt.

Das andere Problem ist die inhärente Oberflächlichkeit des Buchregalbetrachtens.
Welche Information bringt es denn, ein Buchregal einer Person anzuschauen? Ein Überblick über die Bücher, die eine Person besitzt. Die Bücher aber erzählen niemandem ausser ihrem Besitzer ihre Geschichte. Wurden sie gekauft, weil sie interessant waren, oder nur hübsch? Oder sind es Geschenke? Pflichtkäufe für Schule und Studium? Oder gar Käufe mit dem expliziten Ziel, sie ins Regal zu stellen, um Besucher zu beeindrucken oder damit das Regal hübscher aussieht?
Wer aus dem Buchregal Informationen über eine Person bezieht riskiert massive Fehleinschätzungen, denn grade diese zentralen Informationen über die Person, jene die sich in der individuellen Geschichte jedes Bandes in diesem Regal ausdrücken, grade die sind von allen Regalbefüllungen beim Buch am wenigsten sichtbar. Einfach weil es so viele mögliche Gründe gibt, Bücher zu kaufen.
Das unterscheidet Literatur von praktisch allen anderen Dingen, die wir in unsere Regale stellen – der bildungsbürgerliche Dünkel der Literatur, ausgerechnet die Überzeugung vom Buchregal als Visitenkarte führt zu bewusster Inszenierung des Bücherregals, zu einer Verfälschung eben jenes Spiegelbildes, welches die Regale darstellen sollen. Im Zweifelsfall ist ein Buchregal kein Blick in eine Seele, sondern Teil einer Maske.
Wie viel Persönlichkeit steckt dagegen in anderen Regalbefüllungen – sei es ästhetischer Geschmack, Kunstfertigkeit des Wohnungsbewohners (etwa bei Modellbauern, ein Hobby, dem ich als Gegentrend zum Digitalen eine glorreiche Zukunft vorhersage) oder der vom Dünkel meist unverfälschte Geschmack in der Musik und bildenden Kunst.
Das bedeutet natürlich eine kleine Revolution: Die Repräsentativität des Regals, ob real oder nicht, hat uns zu literarischen Lügnern erzogen. Wir stellen unsere Regale voll mit Büchern, deren Anblick Besucher beeindrucken soll und sonst nichts (es gibt da einen Buchhändlerwitz mit einer Bestellung von einem Regalmeter Goethe und „ausserdem noch was zum Lesen“, in dem viel Wahrheit steckt). Diese Lüge hat ganze Verlage ernährt, die hochgeistige Literatur verlegten, die in Wahrheit kaum jemanden interessiert. Was passiert mit diesen, wenn Literatur nicht mehr als Fassade taugt? Oder wird es immer ein paar Relikte geben, die diese Funktion beibehalten?