Zum offline lesen runterladen:

Update: SpON hat den Personenverdreher um Heindorf und Wächter inzwischen korrigiert und auch die Schlaganfallspatienten haben nun keinen Herzinfarkt mehr. Das wiederum möchte ich der Seite positiv angerechnet wissen, eine nachträgliche Korrektur ist auch online nicht selbstverständlich.
Alle wesentlichen Kritikpunkte meinerseits an dem Artikel sind somit ausgeräumt.
Ich lasse den Artikel zur Dokumentation online.

Spiegel Online hat im Internet einen zunehmend schlechten Ruf. Das ist in einem Medium, in dem man schnell für den kleinste Kommafehler in Verruf geraten kann, ein Troll zu sein, wenig überraschend.

Wie schlimm es ist merkt man erst, wenn man über ein Thema liest, zu dem man Wissen aus Erster Hand hat. Etwa bei der Berichterstattung über eine Konferenz auf der man war.
So jetzt geschehen bei der Serious Games Conference 2008, die am Mittwoch in Hannover statt fand und bei der ich anwesend sein durfte.
Und der Spiegel auch.

An dem Artikel ist aber dermaßen viel falsch, dass ich mich frage, ob der Verfasser der Meldung denn auch wirklich eigentlich anwesend war. Mir ist zwar niemand vom Spiegel aufgefallen, was nichts heissen muss, da ich Mathias Hamann nicht kenne, aber der Text lässt offen gestanden nicht den Schluss zu, dass ich ihn dort hätte antreffen können.
Achja, für das Lesen des folgenden Textes empfehle ich einen Kaffee und gemütlichen Sitzplatz. Ich liste genüsslich die mir aufgefallenen Fehler und Unstimmigkeiten auf und das wird lang.

Fangen wir an mit Susanne Wolters. Die Dame ist dem Spiegel zufolge erklärte „militante Game-Gegnerin“, benutzt vollkommen selbstverständlich das eher unter Zockern gebrauchte Wort „Game“, hat einen Bruder, der dem Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU) vorsitzt, setzt im Krankenhaus eine Wii ein und will ein (okay, therapiestützendes) Ballerspiel für ihre Patienten (sie ist Kinderärztin) – ergibt das irgendwie eine koheränte Personenbeschreibung?
Wobei man fairerweise anmerken muss, dass es sich ja um eine Selbstbezeichnung der dame handelt. Was das ganze irgendwie noch schräger macht.

Wieso der Satz „Früher waren ernsthafte Spiele meist langweilig, aber langsam gibt es immer mehr, die Spaß machen“ beim Spiegel in Anführungszeichen steht weiss wohl auch niemand, ein wörtliches Zitat vom Podium ist es jedenfalls nicht.
Am nächsten kommt noch die Aussage Ute Ritterfelds, der Großteil aller Serious Games sei nachgewiesen langweilig – dass es inzwischen aber besser geworden ist, hat niemand behauptet, ausser vielleicht Lea Treese von Nintendo in einem Beitrag, der mehr peinliche Marketing-Vorstellung als Konferenzbeitrag war.

Ursache dafür könnte aber auch sein, dass der anwesende Spiegel-Schreiberling kein Englisch sprach. Die englischen Beiträge des Vormittags (Sara de Freitas über Virtuelle Welten in der Medizinerausbildung, Ute Ritterfeld über Serious Games Design) blieben nämlich unerwähnt – bis auf den ersten zu Re-Mission, was vermutlich daran lag, dass der mit gut leserlichen und leicht verständlichen PowerPoint-Statistiken daherkam.

So etwas zurück, in den Teil des Textes, der direkt unter dem Eigenwerbeblock beginnt. Nachdem ich mit Erstaunen feststellen durfte, dass Bruno Kollhorsts Name korrekt geschrieben und zugeordnet wurde kommen wir zu Oliver Wächter, bei dem das nicht der Fall ist.
Er und der vorhin kurz erwähnte Ralf Heindorf tauschen mal eben die Rollen.
Also: Wächter gehört zum Medienunternehmen Abraxas und hat die angesprochene Software entwickelt. Heindorf ist jener Psychotherapeut, der damit arbeitet. Da Heindorf im Text aber gar nicht erst existiert, ist das nicht so einfach rauszufinden – um nicht zu sagen gar nicht.

Ich hab im zweiten Satz zu Heindorf und Wächter mal kurz alle Wörter durchgestrichen, die falsch sind:

Der therapiert im Reha-Zentrum Friedehorst Herzinfarktpatienten mit Lesestörungen.

Immerhin, die richtige Klinik wurde angegeben.

„Der“ ist falsch, weil es sich auf Wächter bezieht, hier aber müsste Heindorfs Name stehen.

„Herzinfarktpatienten“ in einem neurologischen Rehazentrum haben sich definitiv verfahren. Die Klinik behandelt Schlaganfallpatienten. Schlaganfall ist zwar auch als Hirninfarkt bekannt und hat die ungefähr selben Ursachen wie ein Herzinfarkt, trotzdem sind das zwei grundlegend unterschiedliche gesundheitliche Zustände.

„Lesestörungen“ kommen zwar bei Schlaganfallpatienten durchaus vor, sind aber nicht das Hauptproblem. Vor allem wäre eine Lesestörung als Folge eines Herzinfarkts, wie es der Text ja ohne Korrekturen behauptet eine ziemlich seltsame Sache. Zwar haben Heindorf und Wächter mit Buchstabenerkennung gearbeitet, aber nicht nur und dass dies der Behebung von Lesestörungen diene haben sie mit keinem Wort erwähnt – dafür aber die Behandlung von Gesichtsfeld-, Rotations- und Mustererkennungsstörungen.

Liest beim Spiegel eigentlich jemand Korrektur? Zumindest die durch einen Herzinfarkt ausgelöste Lesestörung sollte bei einer solchen Anlass zum Stirnrunzeln geben.