Zweiwöchige Zehn 18.03.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche haben wir wieder zehn Einträge für zwei Wochen. Der Grund dafür ist einfach: Letzte Woche Dienstag hat sich mein Computer verabschiedet. Die Festplatte war defekt. Da ich ohnehin schon länger überlegt hatte, den Computer zu ersetzen (er ist noch aus Vista-Zeiten und zeigte bereits einige Altersschwächen), kam ich zu dem Schluss, dass eine Reparatur nicht mehr lohnt und so wartete ich eine Woche, um dann gleich ein Ersatzgerät zu beschaffen. In der Zwischenzeit hatte ich zwar mit dem Tablet Zugriff auf die wichtigsten Funktionen, aber schreiben ohne Tastatur ist sehr unangenehm und so ließ ich das Blog in dieser Zeit bis auf einen mir wichtigen Beitrag zum Wahlergebnis letzten Sonntag ruhen. Daher nun also erfreuliche Nachrichten für beide Wochen.

1. Ananasleder

Hier ist etwas, über das ich nie gedacht hätte, je zu schreiben: Piña-Colada-Taschen! - Bild: Ananas Anam

Hier ist etwas, über das ich nie gedacht hätte, je zu schreiben: Piña-Colada-Taschen! – Bild: Ananas Anam

Die Huffington Post verwirrte mich diese Woche mit einer Schlagzeile zu Ananasleder. Fast hätte ich es übergangen, denn Fruchtleder kenne ich aus einem anderen Kontext und dachte daher, es wäre ein Rezept dafür. Aber nein, Piñatex von Ananas Anam ist tatsächlich als Lederalternative aus Ananas gedacht.
Leder ist einer dieser eher problematischen Stoffe im Alltag: Einerseits bin ich der Meinung, dass nur ausreichend existenzielle Bedürfnisse das Töten eines Tiers rechtfertigen und Kleidung eher nicht in diese Kategorie gehört. Andererseits mangelt es an Alternativen und ist Kunstleder im Grunde genommen Plastik.
Ich hoffe sehr, Piñatex kann wenigstens einen Teil dieser Lücke schließen.

2. Glastikflasche

Glastikflasche, Twinbottle - denkt euch halt einen besseren Namen aus, wenn ihr könnt! - Bild: TwinBottle

Glastikflasche, Twinbottle – denkt euch halt einen besseren Namen aus, wenn ihr könnt! – Bild: TwinBottle

Einfaches Prinzip, aber effektiv: Mit einer zusätzlichen Kunststoffhülle sowie ein paar Korkelementen haben zwei sächsische Studenten eine wiederverwertbare Flasche erfunden, die durchsichtig ist, Runterfallen abkann wie eine Plastikflasche, aber bei der nur Glas mit dem Inhalt in Berührung kommt, welches darin garantiert keine Stoffe abgibt.

3. Plastikfresserchen

Sofern es sich bei diesem Plastik um PET handelt (was nahe liegt, da PET unter anderem für Getränkeflaschen verwendet wird), lässt es sich in Zukunft sogar biologisch abbauen. Naja, biologiebasiert. Japanische Forscher haben ein Bakterium gefunden, das Enzyme herstellt, mit denen sich dieser Kunststoff zersetzen lässt.
Wobei, was die meisten Artikel nicht erwähnen: Die Endprodukte sind wiederum fast ausschließlich als Ausgangsstoffe für die Plastikherstellung zu gebrauchen und sollten ebenfalls nicht in der freien Natur verteilt werden. Aber es ist ein Schritt in eine interessante Richtung und eine faszinierende Entdeckung.

4. Pilzstyropor

Ikea arbeitet an einer interessante Variante von Verpackungsmaterial. In Zukunft sollen Pilze in Form wachsen, wobei sie mit Ernteabfällen, von denen sie sich ernähren, ein festes Geflecht bilden. Die Technologie der amerikanischen Firma Ecovocative Design ist bereits gut erprobt, so weit ich weiss ist das aber die erste Anwendung in dieser Größenordnung.

5. Tomatenkraftwerk

Eine interessante Variante von Biomassekraftwerken haben amerikanische Forscher gefunden: In einer so genannten mikrobiellen Brennstoffzelle erzeugten sie Strom aus Tomaten. Die Idee ist es, normalerweise als Ausschuss weggeworfene Tomaten (faule, beschädigte, unansehnliche oder gerissene Früchte) in Regionen mit viel Tomatenanbau für die Stromerzeugung zu nutzen.
Wie viel Strom sich so letztlich erzeugen lässt, bleibt abzuwarten, denn die Forschung ist grade erst gestartet. Bis jetzt sind es 0,3 Watt aus 10 mg Tomatenabfällen, was gar kein schlechter Anfang ist.

6. Graphen-Polymer-Batterien

Aus Spanien kommt der neueste Fortschritt in der Batterie-Technologie: Graphen-Polymer-Akkus mit der dreifachen Energiedichte (=Speicherkraft) von Lithum-Ionen-Akkus. Die Technologie soll für elektrische Autos geeignet sein, weshalb ich davon ausgehen, dass es sich um Akkus handelt.
Abzuwarten bleibt vor allem die Lebenszeit dieser Batterien.

7. Nachhaltiger Transport über lange Strecken

Mit einer Kombi aus Bahn und Radkurieren bietet der Anbieter Imagine Cargo bundesweiten Paketversand mit minimalstmöglicher CO2-Belastung an. Der Dienst wird nach und nach ausgebaut, bis jetzt sind nur einige deutsche Großstädte als Ziel und Ursprung verfügbar.

8. Passivhaus günstig und schnell

Passivhäuser, also Häuser, die nicht mehr Energie verbrauchen, als sie erzeugen, gelten in der Regel als teuer und aufwändig. Nun, hier ist eines für unter 38.000 €, dessen grundgerüst in vier Tagen steht.

Pop-Up House: the affordable passive house from Popup House on Vimeo.

9. Hügelkeller

Warnung: Nicht als Bombenbunker geeignet. Nur vielleicht als Tomatenkraftwerk - Bild: Weltevree

Warnung: Nicht als Bombenbunker geeignet. Nur vielleicht als Tomatenkraftwerk – Bild: Weltevree

Schon letztes Mal hatte ich einen externen Vorratskeller für isolitere Häuser vorgestellt. Hier ist nun ein weiteres Modell, für Leute mit etwas mehr Platz auf dem Grundstück: Der Groundfridge aus den Niederlanden verschwindet im Garten unter einem Hügel. Und obendrauf kann man dann ja Erdbeeren pflanzen oder so — kein cm2 verschwendet!

10. Kurdistan

Eine Region im Norden Syriens wurde von der PYD eine kurdische Autonomieregion ausgerufen. Das schmeckt den syrischen und türkischen Regierungen natürlich nicht, aber was diese beiden Verbrecherregimes so für richtig und falsch halten, interessiert mich vergleichsweise wenig.
Letztlich dürfte eine kurdische Eigenverwaltung ein für Frieden in der Region notwendiger Schritt sein. In Nordsyrien wird dabei im Grunde nur der de facto bereits bestehende Status festgesetzt.


Alternativlos oder: Vom Suizid der Demokratie

Letzte Woche war es hier im Blog sehr ruhig, weil mein Computer defekt ist. Ich sitze aktuell am Tablet, auf dem längere Texte mangels Tastatur schwierig sind. Dennoch ist es mir wichtig, etwas zum Wahlergebnis der gestrigen Landtagswahlen zu schreiben und das wird notwendgerweise ausführlich. Den normalen Ritmus sollte es dann ab nächster Woche wieder im Blog geben. Nun aber erstmal zum Thema der Überschrift, dem (langen) Suizid der Demokratie, wie wir sie kannten.
Warnung vorab: Politik ist kompliziert und hoch abstrakt. Sie besteht quasi vollständig aus Metaphern und Bildnissen. Ich werde also aller Voraussicht nach mit Metaphern nur so um mich werfen, selbst für meine Verhältnisse. Dafür gibt es aus technischen Gründen weniger Bilder.

Wahlergebnisse

Rheinland-Pfalz als eklatantestes Beispiel, die AfD steht überall ähnlich stark da

Rheinland-Pfalz als eklatantestes Beispiel, die AfD steht überall ähnlich stark da

Ich könnte hergehen und mich einfach über das Ergebnis der Grünen in Baden-Württemberg freuen. Aber dafür müsste ich keinen eigenen Blogbeitrag verfassen. Einerseits erfordert er keine große Analyse, andererseits sind dafür die Freitäglichen Fünf das perfekte Format. Und ausserdem kenne ich von BaWü nur das Ufer des Bodensees und ein paar Ausgewanderte aus Stuttgart und Calw, auch wenn mein Nachname aus der Gegend stammt.
Nein, es ist der große Erfolg der AfD, den ich hier ansprechen will. Diese rechte Partei zieht in ein Parlament nach dem anderen und meiner Meinung nach ziehen fast alle, die sich das ansehen falsche, ja teilweise gefährliche, Schlüsse.

Alternativlosigkeit für Deutschland

Die Frage an dieser Stelle dürfte offensichtlich sein: Was ist los?
Natürlich gibt es viele Ursachen. So halte ich es beispielsweise nicht für falsch, wenn man etwa sagt, soziale Probleme seien eine wichtige Ursache. Aber für zu kurz gegriffen. Denn wenn man das so benennt, müsste eigentlich ein nächste Frage folgen: „Wie konnte es so weit kommen?“ Und dann weiter: „Und wieso schafft es niemand, das anzupacken?“
Darauf gibt es Antworten, aber es handelt sich um Erkenntnisse, die nicht nur im Blinden Fleck der politischen Führungsriege liegen – sie sind der Blinde Fleck.
Was dem heutigen Politikverständnis der Oberen gemein ist, ist eine Art Widerstreben gegen jegliche Positionierung jenseits eines wahrgenommenen gesellschaftlichen Konsenses, der sehr eng begrenzt ist. Visionen sind ein Konzept, das mit dem 19. Jahrhundert starb, spätestens jedoch mit dem Ostblock und wer behauptet, welche zu haben, der möge zum Arzt gehen. Das ist kein neues Problem in Deutschland, es ist schon mindestens ein Mal eskaliert. Damals endete es mit der Gründung der Grünen auf der utopistischen und der Wahl von Bundeskanzler Helmut Kohl auf der konservativen Seite.
Die Ära Kohl bestand zu großen Teilen aus seinem Prinzip, Dinge auszusitzen. Deutschland legte sich in die Sonne und wurde von einer günstigen Entwicklung in der Weltgeschichte getragen, bis hin zur Benennung Kohls als „Kanzler der Wiedervereinigung“, an der er so gut wie keine Mitschuld hatte, die er sich aber dennoch auf die Fahnen schreiben konnte.
Seine Abwahl stand schließlich im Kontext von Reformstau und dem Ende des Kalten Krieges. Soweit das Offensichtliche, aber mit den Folgen muss man auch auf die große Katastrophe der Grünen kommen. Nein, nicht Hartz IV, das war nur eine Auswirkung der tiefer liegenden Katastrophe. Der Visionsverlust.
Die Gründung der Grünen stand unter dem Zeichen, einen „Marsch durch die Institutionen“ anzutreten, damit die alternativen Kräfte die Möglichkeit erhielten, ihre Vorstellungen von politischer Seite umzusetzen. 16 Jahre dieses Marsches aber hatten jene Kräfte gestärkt, die am besten im bestehenden System zurechtkamen. Dazu kam noch, dass die Koalition mit eben jener Partei gebildet wurde, die mit dem Zusammenbruch des so genannten Sozialismus begann, massiv an Profil und noch massiver an eigenen Ideen zu verlieren: Der SPD. Man kann jetzt ganze Buchregale lang über diese Koalition ausführen, über die Spaltungsgschichte mit WASG, SED und Linkspartei und wie diese den Weg freimachte für den aktuell laufenden Niedergang der deutschen Sozialdemokraten. Es wäre hier sogar relevant, aber eben auch viel zu ausführlich.
Wichtig sind jetzt die Folgen der deutschen Politik unter Schröder: Die Sozialdemokraten verloren ihre sozialdemokratischen Positionen und begaben sich fortan auf die Suche nach einer vermeintliche Mitte. Die Grünen waren indes von der SPD enttäuscht, sahen sich nach anderen Partnern um und begaben sich so im Dienste der totalen Koalitionsfähigkeit auf die selbe Suche. Und die CXU tat es beiden gleich, um wieder einen Weg zur Macht zu haben, geführt von Kohls bester Schülerin in Sachen Dinge-Aussitzen, Angela Merkel. Die FDP war schon in de 80ern auf die Idee mit der Mitte gekommen, sie begann eine Art Flucht in einen stammtischgespeisten Wirtschaftsextremismus, der sich nur noch um Nuancen zügelloser auch in der AfD wiederfindet, wenn man bei letzterer kurz hinter das oberflächliche Rassismus-Problem blickt.
Und damit nähern wir uns der Gegenwart: Die deutsche Parteienlandschaft besteht nur mehr aus gesichtslosen Gebilden, die sich mehr duch ihre Farbe als ihre Programmatik definieren. Wahlkämpfe werde medial wie auch parteiintern diskutiert wie Quoten im Privatfernsehen, wie Punktestände in Tetris. Es geht nicht mehr darum, politische Entscheidungen zu gestalten, sondern darum, den Highscore zu erreichen. Profil zu zeigen ist da gefährlich, mit zu viel Profil verliert man im Tetris nämlich das Spiel (und im Fernsehen die werberelevante Zielgruppe). Es gibt nur noch zwei Arten von Alternativen: Die programmatisch seit den 90ern weitgehend unverändert gebliebene (um nicht zu sagen stecken gebliebene) Linkspartei und die Protestparteien, wobei sich das bei vielen Wählern überschneidet.
Innerhalb der Protestparteien ist die AfD für eine Betrachtung sehr interessant, weil sie sich eigentlich gar nicht gegen das System stellt, sondern eine (falsche) Analyse des Systems aufstellt und dann fordert, mitmachen zu dürfen. Seht mal in ihr Wahlprogramm: Die AfD konstatiert Zenur in der Presse und fordert dann, selbst zum Zensor werden zu dürfen. Sie sieht angebliche Propaganda in den Schulen und setzt darauf die Forderung, ihre eigene Propaganda in die Schulen zu bringen. Und so weiter. Absurdität in absoluter Vollkommenheit. Leider wohl unmöglich herauszufinden, ob das Absicht ist.
Aber ich schweife ab, der Punkt ist, dass die Politik an Konturlosigkeit leidet. So sehr, dass jeder Schreihals sich zur Alternative erklären kann, einfach nur indem er das Gegenteil des Mehrheitskonsenses von sich gibt, egal wie schwachsinnig das Ergebnis dann ist. Das können sich auch in ihrem Kern antidemokratische Kräfte wie die AfD zu Nutze machen.
Und hier sehe ich das in der aktuellen Analyse gefährliche Element: Was in Abwehr der AfD auf gar keinen Fall geschehen darf ist eine weitere Vereinheitlichung der etablierten Parteien. Es ist nicht Geschlossenheit, die wir jetzt demonstrieren müssen, es ist Vielfalt.

Option 0: Nichts

Es ist zur allgemeinen Kultur geworden, solche Probleme wahlweise zu ignorieren, in der Tradition eben jener Filterblasenmentalität einfach aus dem eigenen Wahrnehmungshorizont fortzulabern oder durch das Umhertragen von Bannern auf der Straße sich selbst eine Tätigkeitsillusion zu verpassen (Demos schön und gut, aber sie ersetzen kein echtes Aktivwerden).
Das ist alles nicht gangbar. Das alles wirkt nicht gegen die Ursachen der Probleme. Die AfD ist ja beileibe nicht die erste Protestpartei mit solchen Erfolgen, sie ist nur die erste aus dem rechten Lager mit bundesweitem Erfolg. Als Phänomen ist die – politisch natürlich völlig anders verortete – Piratenpartei durchaus im selben Komplex zu sehen, auch die anderen Kleinparteien (erwähnenswert Linkspartei und Grüne, aber durchaus auch die FDP) profitieren schon seit Jahrzehnten von jenen, die Politik, wie sie sich aktuell gestaltet, an sich ablehnen.
Das und die vorherigen Ausführungen sollten deutlich machen: Die AfD ist die Grippe zum AIDS des politischen Systems. Natürlich müssen wir die Grippe heilen, aber solange wir kein Mittel gegen AIDS haben, bleibt der Körper in einer Verfassung, in der bald schon das nächste für gesunde Menschen harmlose Virus zur tödlichen Bedrohung wird.

Option 1: Neue Streitkultur

Es ist ein weiteres absurd wirkendes Detail im Aufstieg der AfD, die sich ausdrücklich nicht nur gegen eine multikulturelle, sondern ganz grundsätzlich gegen eine vielfältige Gesellschaft stellt, dass sie besser als irgendwer anders vorführt, warum Monokultur eine schlechte Idee ist. Sie macht anfällig gegen ebensolche gesellschaftlichen Krankheiten.
Die Parteien müssen ihre ideologischen Wurzeln wiederfinden, ergründen, definieren, pflegen und durchaus auch trimmen und schneiden.
Ja, wir haben alle ideologische Wurzeln. Das ist nicht schlimm, es ist notwendig. Ohne Ideologie kein Weltbild. Wer behauptet, keine Ideologie zu haben, hat ganz einfach nur die selbe Ideologie wie alle im Umfeld, weshalb die Ideologie nicht auffällt. Etwa eine Wachstumsideologie oder eine Natürlichkeitsideologie in Bezug auf bestimmte Dinge. Eine Ideologie ist nichts weiter als die Begründung des individuellen Wertekanons. Schlecht wird Ideologie, wenn wir sie selbst nicht mehr wahrnehmen, sondern ihre Inhalte als nicht mehr reflektierbare Selbstverständlichkeiten bezeichnen, als könne es so etwas ausserhalb der Mathematik überhaupt geben.
Das erfordert aber auch eine neue Debatten-, ja eine neue Streitkultur. Wir müssen wieder lernen, Ideologie zu erkennen, bei anderen und sich selbst. Wir müssen lernen, über Ideologien und ihre Inhalte diskutieren zu können. Wir müssen lernen, unsere eigene Ideologie zu verstehen, zu reflektieren und auch, zu dieser zu stehen. Wir müssen lernen, andere Meinungen weder als Angriff, noch als Schwäche zu sehen, sondern als das, was sie sind: Andere Meinungen.
Wenn es das wieder gibt, echten Diskurs statt beständige Aufführungen von „Zwei Stühle, eine Meinung“, dann erhalten wir auch wieder Vielfalt und Auswahl in der Wahlkabine und dann kann niemand mehr sagen, alle Parteien seien doch letztlich identisch. Dann gibt es keine Kerbe mehr, in die Hetzer und vermeintliche Systemgegner mit so großem Erfolg schlagen können.
Eine Veränderung dieser Größenordnung ist aber wahrscheinlich ein Generationen-, wenn nicht ein Jahrhundertprojekt, dessen müssen wir uns bewusst sein. Und sie steht genau entgegengesetzt zum Zeitgeist in den auf allgegenwärtigen Konsens getrimmten Eliten der Gegenwart.

Option 2: Postparlamentarismus

Die andere Möglichkeit wäre eine Abschaffung des Systems, wie wir es kennen. Ein postparlamentarisches System, ein Verwaltungsstaat, in dem kurzfristige Bündnisse an die Stelle fester Parteien treten. Eine Mischform aus direkter Demokratie, Anarchismus, klassisch-griechischer Tyrannis und Kommunismus.
Das allerdings stelle ich mir recht dystopisch vor. Wir werden sehen, denn einige Elemente eines solchen Modells zeichnen sich auf kommunaler Ebene quer durch die Bundesrepublik verteilt bereits ab.
Wahrscheinlich wird sich ein solches System an inneren Widersprüchen zerreissen, aber andererseits hat es auch noch niemand in diesem Maßstab versucht.
Es sollte allerdings klar sein, welche Variante ich bevorzuge.


Freitägliche Fünf 04.03.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche gehen wir einkaufen, dann nach Hause und spielen ein wenig.

1. Tante LeMi

Logo von Tante LeMi

Nicht lachen, in 100 Jahren sagt jemand zu dem Schriftzug „Seit 2015 in Mönchengladbach“ „boah!“ – BIld: Tante LeMi

Kommende Woche Samstag eröffnet mit dem Tante LeMi der erste (gezielt) verpackungsfreie Laden in Mönchengladbach. Zwar muss man aufgrund der Struktur zum Einkaufen dort einem Verein beitreten, aber von dieser Formalität abgesehen kann man dort bald Bio-Produkte ohne Verpackungsmüll einkaufen.
Solcher Läden gibt es in ganz Deutschland noch nicht viele, um so erstaunlicher, dass Mönchengladbach nun dabei ist.

2. Vorratskeller 2.0

Der Vorratskeller hat es heute schwer. Selbst die Häuser, die einen Keller haben, können diesen oft nicht zur Vorratshaltung nutzen, weil er als Teil eines rundum gedämmten Hauses dafür schlichtweg zu warm ist. Dafür gibt es nun mit einem anflanschbaren Kühlkeller Abhilfe. Sehr gut!

3. Palettenhaus

Kleines Haus aus alten Paletten

Perfekt! – Bilder: i-Beam

Das ist ein Haus aus Paletten. Die Firma I-Beam hat es als Studie für eine schnell und günstig zu errichtende Flüchtlingsunterkunft im Kosovo gebaut, aber ganz im Ernst: Ich fände ein solches haus super, so eins hätte ich gerne. Klar, man muss schauen, wie man sowas vernünftig isoliert, aber das müsste eigentlich möglich sein.
Das Coole daran ist, so ein Haus kann theoretisch jeder ohne schwere Maschinen selbst bauen. Gut, in Deutschland nicht, Genehmigungen und so, aber grundsätzlich halt. Und Paletten sind ein ausreichend stabiles Material um ein gutes Haus zu geben. Groß anders wird ein Holzbau aus vorgefertigten Elementen ja auch nicht errichtet.
Damit steht also die Idee meines Traumhauses: Ein Bau aus Paletten auf einem gemauerten und separaten Keller (damit er kühl sein kann), eventuell mit Wintergarten für den Anbau von Früchten aus wärmeren Gegenden. Das Ganze in einem lichten Wald, der dank der Bauweise aus einfach zu transportierenden Elementen (der Wintergarten ist noch zu klären) während des Baus geschont werden konnte.

4. Eastshade


Mal was anderes: In Eastshade spielt man einen Maler. Statt Monster zu verkloppen, liefert man bestellte Bilder und löst wohl auch andere Probleme der Einwohner einer, nun, malerischen Fantasywelt. Ich bin gespannt.

5. Exergaming gegen Übergewicht

Wohl kaum jemand hier folgt mir lanbge genug, um mein bislang zweiterfolgreichstes Internetprojekt noch zu kennen: Sporle & Co. war ein Nachrichtenblog aus der Welt des Exergaming, also der Fitness-Videospiele (von Exercise & Gaming). Die Wii stand bei der Gründung kurz vor der Veröffentlichung und Wii Fit war damals eine große Sache. Es war ein schönes Projekt, das irgendwann Zeitmangel zum Opfer fiel, auch das Thema an sich ist inzwischen deutlich weniger groß geworden. Aber die ganzen Entwicklungen um das Thema Videospiele und Gesundheit verfolge ich immer noch.
Und so freue ich mich über eine neue medizinische Studie, die beim Test von Tanzspielen gegen bestimmte Folgen von Übergewicht zu positiven Ergebnissen kommt.


Zweiwöchige Zehn 26.02.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diesmal ein Doppelpack mit zehn Einträgen, weil ich letzte Woche verpasst habe.

1. Plitvice

Seeception! Bild von Misadventures Mag

Seeception! Bild von Misadventures Mag

Das sind die unteren Seen des Nationalparks Plitvice in Kroatien. Ich habe vorletzte Woche das erste Mal davon gehört, es ist ein absolut großartiges Naturschauspiel: Mehrere (natürliche) Seen, deren Ränder durch eine Art pflanzliches Riff gebildet werden, gehen in Wasserfällen in einander über, deren Verlauf und Form sich durch die Veränderungen dieser Riffe immer wieder ändert.

2. Berlin orange verhüllt

Von Ai Weiwei haben wir im letzten Jahr immer mal wieder gehört, weil der chinesische Künstler in China im gefängnis saß. Aber was genau macht der eigentlich als Künstler so? Nun, hier ist das Berliner Konzerthaus, die Säulen verhüllt in Schwimmwesten als Mahnmal für die Ertrunkenen und Ertrinkenden im Mittelmeer.

Bild: dpa

Bild: dpa

3. Paris stapelt

Paris entwickelt sich mit den Ideen der Organisation Les Toits du Monde deutlich in Riichtung einiger Sciencefiction-Ideen zu dieser Stadt. Mancher wird das hässlich finden, aber mal ehrlich: Paris ist in großen Teilen nicht annähernd so hübsch wie die Viertel, die gern auf Fotos vorgezeigt werden. Da wird in den meisten Vierteln nicht viel ruiniert und aus den anderen kann man es ja raushalten.

Pariser Hochstapeleien - Bild: Stéphane Malka Architecture

Pariser Hochstapeleien – Bild: Stéphane Malka Architecture

4. Kostenloses Saints Row

Saints Row ist im Grunde das sich selbst nicht ernstnehmende Gegenstück zu GTA. Der Ableger für Sonys DS-Konkurrenten PSP ist nie erschienen, weil Verleger THQ pleite ging bevor das Spiel fertig war. Das Projekt wurde nun bekannt und die Entwickler haben das Spiel daraufhin als kostenlosen Download zur Verfügung gestellt.

5. Verbesserte Krebsbekämpfung

Forscher aus Ohio haben einen Weg gefunden, Krebsmedikamente besser wirksam zu machen. Dafür werden sie in einem Stück DNS getarnt, welches die Zelle dann aufnimmt. Wenn die Zelle die DNS verdaut, setzt sie das Medikament frei und stirbt ab. Die Methode ist für einige Krebsarten seit längerem in Verwendung, jetzt wurde sie auch für einen der bösartigsten Krebse angewendet: Leukämie.

6. Netzpolitik geht erfolgreich ins Archiv

Netzpolitik hatte Erfolg: Der Bundestag stellt in Zukunft Arbeiten des Wissenschaftlichen Dienstes frei zur Verfügung. Netzpolitik hatte dazu aufgerufen, massenhaft Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz zu stellen, um alle Arbeiten des Dienstes von 2015 zusammenzustellen.
Schließlich sagte die Bundesregierung offenbar, dass es bei den ganzen Anfragen einfacher ist, den Anfragen einfach zuvorzukommen und alle Ergebnisse des Wissenschaftlichen Dienstes zur Verfügung zu stellen.

7. Knie 2.0

Crowdfunding bleibt ein Motor der technischen Fortentwicklung. Diesmal haben wir ein kleines Gerät, dass sie Kraft in den Knien unterstützt. 1.500 Dollar sind nicht grade Kleinkram, aber es ist auf jeden Fall eine interessante Erfindung. Wer genug Geld hat, kann wohl sehr bald ein Superheld werden Die Beine sind mit diesen Dingern und den Meilenstiefeln auf jeden fall abgedeckt.

8. Die Anstalt

Immer wieder gerne dabei: Die Anstalt.

9. Das Rad Das Lauf

Ja, ich weiss, riesiges Gif, aber manchmal muss das halt sein - leider keine Ahnung, wo das ursprünglich herkommt

Ja, ich weiss, riesiges Gif, aber manchmal muss das halt sein – leider keine Ahnung, wo das ursprünglich herkommt

10. Handwerker gegen Rassismus

Leider sind auch Stimmen zu vernehmen, dass Rolladen Müllers sich normalerweise alles andere als hinter seine Mitarbeiter stellt, aber bewerten kann ich dies nicht. Möge jeder selbst abwägen.

Bild: Rolladen Müllers/Facebook

Bild: Rolladen Müllers/Facebook


Dino-Dienstag 39

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diese Woche mit so ziemlich allem ausser Dinosauriern.

Kreidezeitlicher Sockenfisch

Großmaul - Bild: Robert Nicholls

Großmaul – Bild: Robert Nicholls


Die Meere der Kreidezeit waren aussergewöhnlich vielfältig bewohnt. Verschiedenste Tiergruppen erreichten Größen, wie wir sie heute fast nur noch von den Walen kennen, doch seltsamerweise mangelt es in dieser Zeit an den riesigen Planktonfressern, wie wir sie heute kennen. Den Platz der Bartenwale und Walhaie nahm damals eine heute völlig ausgestorbene Gruppe von Fischen ein, zu denen die größten KNochenfische aller Zeiten zählten. Eine Gattung dieser Fische war Rhinconychthis, die vielleicht am stärksten den heutigen Planktonfressern ähnelnden Vertreter dieser Gruppe, auch wenn sie mit zwei Metern Länge nicht die größten waren.
Mit einer neuen Art aus den USA und neuen Untersuchungen an einem Fund aus Japan zeigt sich nun, dass diese Fische durchaus artenreich waren.

Schmetterlingsflorfliege

Sieht aus wie ein Schmetterling, hat aber Beisser: Oregramma - Bild: Vichai Malikul, Smithsonian

Sieht aus wie ein Schmetterling, hat aber Beisser: Oregramma – Bild: Vichai Malikul, Smithsonian

China gibt uns mit Oregramma illecebrosa eine neue Art prähistorischer Florfliegen. Interessant ist, dass die Flügel dieser Art Augenflecken haben, wie sie sonst bei den mit den Florfliegen verwandten Schmetterlingen bekannt sind. Die Forscher gehen davon aus, dass es sich dabei um eine Entwicklung handelt, die beide Gruppen unabhängig voneinander durchlebt haben, aber eindeutig ist das nicht. Die Paläontologie hat oft genug Überraschungen bereitgehalten wie jene, dass die letzten gemeinsamen Vorfahren von Schmetterlingen und Florfliegen den heutigen Schmetterlingen oberflächlich ähnlicher sahen als den primitiver wirkenden Florfliegen.
Oregramma ist mit 200 Millionen Jahren 40 Millionen Jahre älter als die ältesten bekannten Schmetterlinge.

Soziale Ameisen und Termiten

Weiter geht die Liste interessanter Bernsteinfunde aus der Insektenwelt mit zwei Ameisen, die kämpfend im Bernstein verstorben gefunden wurden. Das ist interessant, da Kämpfe unter Ameisen heute nur von Arten bekannt sind, die in Staaten leben. Das ist ein starker Hinweis, dass Ameisen bereits vor 100 Millionen Jahren in irgendeiner Form in Staaten lebten.
Noch stärker sind die Hinweise aus dem selben Fundort in Burma für Termiten. Von einer neuen Termitenart, Gigantotermes rex, wurden ein klar spezialisierter Soldat gefunden, mit 2,5 cm Länge der größte Soldat aller bekannten Termitenarten. Von einer zweiten neuen Termitenart, Krishnatermes yoddha wurden gleich mehrere Formen gefunden: Flieger (künftige Monarchen), Arbeiter und Soldaten.

Soldat von Gigantotermes und die drei Formen von Krishnatermes (Schwärmer, Arbeiter, Soldat) - Bild: AMNH/D. Grimaldi

Soldat von Gigantotermes und die drei Formen von Krishnatermes (Schwärmer, Arbeiter, Soldat) – Bild: AMNH/D. Grimaldi

Keine Nussknackermenschen

Die kräftigen Zähne so mancher Urmenschenspezies ließen den Gedanken aufkommen, dass diese regelmäßig Nüsse knackten. Das klingt zunächst nicht so dumm, aber eine neue Untersuchung zeigt, dass es damit ein Problem gibt: Zwar können die Zähne ein solches Vorhaben bei Australopithecus sediba; einem der frühesten Menschenvorfahren, gut ab, aber sie renken sich dabei den Kiefer aus.

Plesiosaurier-Baby

Zurück in die Meere der Kreidezeit: Die langhalsigen Plesiosaurier, im Deutschen auch als Schwanenhalsssaurier bekannt (obwohl ihre Hälse nicht wie die der Schwäne gebogen werden konnten, aber das wusste man im 19. Jahrhundetr noch nicht), bargen lange Zeit ein Rätsel: Wie vermehrten sich diese großen Reptilien? Die Vermutung war, dass sie zur Eiablage ähnlich den heute noch lebenden Meeresschildkröten an die Küste kamen, aber mit der Zeit wurde Gruppe für Gruppe klarer, dass sie unter Wasser lebende Junge zur Welt brachten. Nach den Ichthyosauriern und Mosasauriern sidn es nun auch die Plesiosaurier, für nachgewiesen ist, dass die Mütter lebende Junge austrugen. Das gefundene Muttertier hatte ein einzelnes, relativ großes Jungtier im Körper. Das ist interessant, weil eine geringe Anzahl von Nachkommen auf eine enge soziale Struktur hindeutet, ein bei Reptilien sehr seltenes Verhalten.

Trompetennase

Komplexe Kanäle in den Atemgängen waren bisher nur von den zu den Dinosauriern gehörenden Hadrosauriern bekannt, in deren Kopfschmuck sich regelrechte Instrumente befanden. Mit Rusingoryx atopocranion ist nun erstmals ein Säugetier gefunden worden, das über ähnliche Gänge verfügte.
Die Gänge machten die Rufe dieser ungewöhnlichen Antilopenart deutlich tiefer, womit sie für viele Raubtiere, die oft eher hohe Töne hören, schwerer zu hören waren.

Trompetilope - Bild: Todd S. Marshall

Trompetilope – Bild: Todd S. Marshall


Abschied von Borschemich: Die sterbenden Toten

Vor einer Woche habe ich begonnen, an das im Abriss befindliche Dorf Borschemich zu erinnern. Natürlich habe ich nicht nur von St. Martinus Bilder gemacht und so gehen die Bilder weiter. Heute möchte ich mich der Begegnungen mit dem Tode widmen, die mich auf meinen Ausflügen nach Borschemich im letzten Sommer erwartet hatten.

Gerd Beeck

Die erste Begegnung mit den Spuren des Ablebens einstiger Einwohner fand nicht wie erwartet auf dem Friedhof statt. Borschemich war ein Dorf, in dem gelebt wurde. Menschen, die leben, erinnern und sie tun dies auch abseits der dafür offiziell zugewiesenen Flächen.
Ich stellte mein Fahrrad am ersten Tag in einem Hintergarten direkt an der Glockengasse ab und schloss es fest. Die verwilderten Gärten boten noch genug Möglichkeiten durchzukommen und so bewegte ich mich ostwärts durch die Hintergärten der Sankt-Martinus-Straße zur Von-Paland-Straße. Dort standen einige Treibhäuser in den Hintergärten, aber diese sind jetzt nicht Thema. Thema ist ein Fund direkt vor den Treibhäusern, in einem großen Hintergarten. Was das da war, was plötzlich vor meinen Füßen unter dem Gras lag, war sofort klar und so fegte ich den Fund schnell frei um zu sehen, wem das Stück gehörte.Grabstein H. Gerd BeeckLiegt hier jemand oder haben nur Angehörige den Grabstein in den Garten genommen, als das Grab Ende der 1990er aufgelöst wurde? Wer war Gerd Beeck? Ich weiss es nicht. Alles, was Google mir auf die Suchanfrage nach Gerd Beeck aus Borschemich liefert, ist mein eigenes Bild dieses Grabsteins.

Das Hündchen

Es ist angesichts der allgegenwärtigen Zerstörung der Gebäude, Wege und Gärten schwierig, auf der Karte von Borschemich, die (gegenwärtig) bei Google Maps aus lebendigeren Zeiten stammt, die Orte wiederzufinden, an denen man war. Am Rande des Ortsrestes, direkt neben einem bereits abgerissenen Baufeld, kam ich in einige weitere Hintergärten. Ein paar Schuppen waren zwischen den Bäumen der bewaldeten Gärten verstreut.
Es war hier, dass ich zum Ende des ersten Tages die unheimlichste Begegnung in Borschemich erfuhr.
Es lag direkt hinter der Tür eines Schuppens, von dem es einst einen Weg zur Straße gegeben haben musste, da ein Autoanhänger darin stand.Hundemumie in BorschemichWieder Fragen: Hatte dieser Hund hier gelebt, war es ein Borschemicher, der die Umsiedlung nicht mitmachen wollte? Vermisst ihn jemand? Oder war es ein entlaufenes oder gar wild geborenes Tier von anderswo, das hier einen trockenen Ort gefunden hatte und unbehelligt sein Leben leben konnte, so kurz oder lang es auch gewesen sein mag?

Der Friedhof

Der zweite Tag brachte mich zum Friedhof des Ortes. Der Friedhof in Borschemich war in großen Teilen bereits geräumt, die Toten nach Neu-Borschemich umgebettet, eine im Vergleich zum alten Dorf lieblos wirkende Neubausiedlung im Norden von Erkelenz. Was zurückbleibt ist ein leerer Friedhof.Leerer Friedhof in Borschemich
Doch es gibt noch Spuren der Umsiedlung: Wo einst die Gräber lagen, finden sich nun kleine Holzschilder. Darauf vermerkt: Der Ortsname, die Nummer des Grabfeldes, Name und Todesjahr der verstorbenen Person, die Zielangabe „→Borschemich(neu)“ und eine Angabe, ob es sich um ein Einzel- oder Gemeinschaftsgrab handelt. Die Holzschilder liegen weit verstreut, offenbar nach der Arbeit der Grabumsiedler achtlos liegen gelassen. Es kümmert ja keinen mehr.grabschilder
Wie schon an der Kirche finden sich auch am Friedhof leere Nischen, wo einst Heiligenbilder oder Totenkerzen zu finden waren. Nur die Familie Lörkens harrte im September noch aus, im Leben mit Haus Paland wie auch im Tode mit der 190 Jahre alten Grabstätte, die allein auf dem sonst bereits umgesiedelten Friedhof mahnt. Inzwischen ist Haus Paland Geschichte. Der Grabstein wartet auf seinen neuen Ort, seine Aufschrift eine perfekte Mahnung in diesen Tagen, in denen das Dorf und sein altes Erbe des schnöden Mammons wegen im Abriss stehen: „Ruhestätte der Familie Lörkens seit 1826 – Haus Paland“.
Leere Heiligennische
Grab der Lörkens in Borschemich


Abschied von Borschemich: St. Martinus

Am heutigen Montag hat RWE Power mit dem Abriss der Kirche St. Martinus begonnen. Während ich die bereits abgerissene uralte Wasserburg Haus Paland nicht mehr dokumentieren konnte, habe ich von der Kirche im September bei meinen letzten Besuchen im Geisterdorf einige Fotos machen können, vor allem auch aus dem Inneren des Gebäudes, ebenso wie bei vielen anderen Gebäuden des Dorfes. Da der heutige Abriss der Kirche als symbolisch für das Ende einer alten, traditionsreichen Siedlung im Dienste unseres anachronistischen Hungers nach Kohlestrom steht habe ich mich entschieden, den Großteil der Bilder heute gesammelt ins Blog zu stellen.
Dass ich kein professioneller Fotograf bin und zudem nur mit dem Handy fotografiert habe, daraus machen die meisten Bilder wohl keinen Hehl, aber sie sind Dokumente eines verschwindenden Ortes, die ich dennoch hier versammeln will. Ich stelle alle Bilder in diesem Beitrag unter die Lizenz CC-BY-SA 4.0 zur freien Weiterverbreitung unter Nennung der Quelle.

Aussen

Beginnen möchte ich die Reihe nicht mit dem ersten, sondern mit dem allumfassend passendsten Motiv. Die Seitentür des Hauptschiffes an der Westseite ist nicht nur ein wunderschönes Motiv, sondern auch inhaltlich eine perfekte Zusammenfassung der Zerstörung von Kulturgütern, die mit der Barbarei der RWE einhergeht. Alpha und Omega vielleicht, aber wir haben einen weiteren Buchstaben dahintergesetzt: Kohle!borschemich-alpha-omega
Es ist nicht einfach, die große Kirche aus den Straßen des Ortes in Gänze zu fotografieren. Damals, im September, stand noch die im November dann gefällte, große Magnolie in vollem Blatt und es gab Gebäude gegenüber, was ein Bild erschwerte. Entsprechend fehlt allen meinen Aufnahmen ein Stück der Kirche, doch als Eindruck der schieren Größe des Bauwerks ist das vielleicht deutlicher als ein erfolgreiches Gesamtbild. Von weitem schon überragte der Turm die Ortschaft, den ich im dritten Bild südwestlich von der Basis aus nach oben blickend aufgenommen habe um einen Eindruck seiner Höhe zu vermitteln.martinus-frontal-quer
martinus-frontal-hoch
martinus-westturm
Der Haupteingang der Kirche stellt sich künstlerisch nicht ganz so spektakulär dar wie der Seiteneingang, aber eine andere Tür war für mich von deutlich größerem Interesse: Die Tür des Seitenschiffes stand weit offen und dies erlaubte mir die Bilder aus dem Inneren im nächsten Abschnitt. Ignoriert den etwas peinlichen Daumen auf dem Bild, der ist auf beiden Aufnahmen, die ich von dieser Tür gemacht habe.martinus-fronttuer
martinus-seitenschiff-tuer

Innen

Die meisten Gebäude in Borschemich, die ich betreten konnte, waren von Moder und Feuchtigkeit durchzogen, es fanden sich zerbrochene Flaschen, Chips-Tüten und (oft in ihrer qualitativen Ausführung durchaus positiv) Graffiti.
Ganz anders dagegen das Innere der Kirche. Fast einen Zentimeter dick hatte sich ein weisser Staub auf alles gelegt, kein Abfall und kein Graffiti hatte diese Räume berührt. Nur Fußspuren — und auch derer nicht viele — störten die dicke Staubschicht. Bauweise und auch der Respekt der hier immer wieder kampierenden Menschen hatten dieses Gebäude konserviert. RWE spricht in diesem Zusammenhang ja gerne von Verbrechern, Vandalen und Plünderern, aber jeder einzelne davon verfügte offenbar über mehr Anstand als jene, die den Abriss des Dorfes verfügt hatten.martinus-hauptschiff
spuren-im-staub
spinnweben
Doch eines gab es, was nach Zerstörung aussah: Der einstige Altar lag in Trümmern. Das allerdings war kein Werk von marodierenden Unmenschen, es waren Spuren des letzten Aktes offiziellen dörflichen Lebens in dieser Kirche. Nach der Entweihung im November 2014 wurde der Altar demontiert und in Stücken an die Gemeindemitglieder gegeben.martinus-altar-ruine
Ein Motiv, dass sich im Ort immer wieder wiederholt ist der einzeln zurückgelassene Besen, oft mit einem Häuflein des letzten Kehrichts inmitten eines aufgegebenen Raumes. Zeuge eines letzten Aktes des Aufräumens, als sei das Schicksal dieser Räume nicht längst besiegelt. Oft ist es so, dass der ganze Raum leergeräumt ist, doch der Besen, der bleibt. Ein seltsames, leicht unheimliches, Bild. St. Martinus bildet hier keine Ausnahme.besen-st-martinus
In der Martinuskirche ist der Besen allerdings nicht die einzige auffällige Hinterlassenschaft. Während die Bänke bis auf das Kniebrett alle fehlen (so sie jemals vorhanden waren, ich kenne mich mit katholischen Kirchen nicht so aus), findet sich hinten im Hauptschiff der Beichtstuhl. Ein interessantes Objekt, um es zurückzulassen. Für mich persönlich auch eine etwas seltsame Begegnung — als ehemaliger Protestant habe ich noch nie in meinem Leben einen echten Beichtstuhl gesehen, ich kannte die Dinger nur aus Filmen.martinus-beichtstuhl
Wohl eher weniger beabsichtigt die andere auffällige Hinterlassenschaft der einstigen Nutzung, die Umrisse und Beschriftungen der einst an der Ostwand aufgehangenen Christuspassion.bilderschatten
Die Kirche war ein trotz seiner Masse überaus lichtdurchflutetes Gebäude, wie man schon zuvor auf den Bildern erkennen konnte, auf denen ich oft mit dem vielen Licht, welches der weisse Staub noch ein mal verstärkte, zu kämpfen hatte. Daher zum Abschluss des Inneren noch ein Bild von den Fenstern am Südende des Hauptschiffes.martinus-suedfenster

Garten

Die Kirche war im Süden von einem großen Waldgarten umgeben, in dem sich zahlreiche Heiligenfiguren in kleinen Grotten fanden. Die Figuren sind längst fort, was bis zuletzt blieb, waren die leeren Grotten. Ich möchte meine Bilderreihe zur Kirche von Borschemich mit zwei Bildern davon abrunden, die sich auch stärker als die Kirche selber in das Bild des Verfalls einfügen, welches der Ort insgesamt darstellte.grotte-martinus-1
grotte-martinus-2


Samstägliche Sechs 13.02.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Zur Buße des verpassten Freitags diesmal mit einem sechsten Eintrag am Samstag.

1. Klapptisch

Interessante Idee für einen Tisch mit ausklappbaren Sitzflächen.

Okay, die Beine hängt man sich idealerweise über die Schultern, aber das sollte sich verbessern lassen - Bild: Woodworking Tips auf Facebook

Okay, die Beine hängt man sich idealerweise über die Schultern, aber das sollte sich verbessern lassen – Bild: Woodworking Tips auf Facebook

2. Zeitreise, die funktioniert

Hier ist etwas, was selten zu finden ist: Eine Zeitreisegeschichte, die komplett funktioniert. Viele Zuschauer vermuten hier Paradoxien, aber der Kurzfilm enthält keine, jedenfalls keine echten. Es gibt ein Erfinderparadoxon (Wer kam zuerst auf die Idee, wenn ein Charakter sich selbst anweist zu tun, was er grade getan hat?), aber das ist weniger ein Paradoxon als ein leicht verwirrender Umstand ausserhalb unserer konventionellen Vorstellung von Kausalität.

3. Französisch wird ein bisschen einfacher

Das Französische setzt seine letzte Rechtschreibreform um und es kommt zu den selben teils hanebüchenen Diskussionen wie damals bei der deutschen Rechtschreibreform, die einige immer noch nicht verwunden zu haben scheinen.
Besonders amüsant finde ich die Behauptung, ognon (Zwiebel, bisher oignon) müsste von der Schreibweise wie Oh non ausgesprochen werden. Was im Französischen eine überaus seltsame Interpretation der Buchstabenfolge gn wäre.

4. Windkraft für alle

Inspiriert von einem dieser Haribo-Schweinespeck-Dinger - Bild: Ulrich Papenburg

Inspiriert von einem dieser Haribo-Schweinespeck-Dinger – Bild: Ulrich Papenburg


Bei weitem nicht der erste Ansatz, Windkraft von den Dächern zu ernten, aber jede neue Option hilft.

5. Avon und die Killerspiele

Die Avon Longitudinal Study, die vielleicht größte Langzeitstudie in der Wissenschaftsgeschichte, hat sich der Killerspiele angenommen und siehe da: Es gibt keine signifikanten Hinweise, dass so genannte Killerspiele aggressiv machen.

6. Adaptive eInk-Tastaturen werden günstiger

So langsam bewegen sich die Tastaturen mit per Software veränderlicher Tastenbelegung in Richtung erschwinglich. Das ist großartig: Für Leute wie mich, die immer mal wieder mit fremden Sonderzeichen und auch nicht-lateinischen Alfabeten arbeiten sind diese Dinger eine großartige Erfindung. Das mag Menschen im Westen nicht so bewusst sein, aber zum Beispiel als Russe oder Japaner einen englischen Text zu tippen kann durchaus ein Krampf sein, weil die entsprechenden Schriftzeichen einfach kompliziert einzutippen sind.

Soo praktisch, soo teuer - Bild: Fancy

Soo praktisch, soo teuer – Bild: Fancy


Veilchendienstagszug 2016

Vorgeplänkel

Es gilt weiterhin, was ich letztes Jahr schon schrieb:

So sehr ich den rheinischen Karneval mit seiner Schunkelei und dem Schenkelklopferhumor auch verachte, und so sehr ich auch ein ausgeprägtes Unwohlsein in der Nähe von Clowns und kostümierten Menschen verspüre, eines hat auch mir doch immer gefallen: Der Straßenkarneval mit seinem Zug/Zuch/Zoch (je nach Regiolekt).

Wenig weiss ich mehr zu schätzen als gute Satire und die großen Karnevalszüge im Rheinland tragen diese quasi als Markenzeichen. Das ist zwar in Düsseldorf und Köln gegenwärtig vor allem dem ebenso unermüdlichen wie pointenstarken Wagenbauer Jacques Tilly zu verdanken, aber auch Mönchengladbach, mit dem einzigen großen Zug am Veilchendienstag in Deutschland (New Orleans ist keine so direkte Konkurrenz), zeigte hier immer wieder Potenzial. 2010 war ein in diesem Sinne sehr guter Zug, 2015 zeigte Potenzial.
Auf 2016 war ich sehr gespannt, weil Bernd Gothe, der Vorsitzende des Mönchengladbacher Karnevalsvereins (MKV) eine Neuausrichtung des Gladbacher Karnevals angekündigt hatte. Richtig konzipiert hätte das Ansinnen, nicht mehr direkt mit den anderen Hochburgen zu konkurrieren viel Potenzial für einen ganz eigenen Zug. Es hatte aber auch das Potenzial, in der Praxis zu einem „Unser Karneval soll ömmeliger werden“ zu katastrophieren. Also, was ist es geworden? Nun:

Die Bestechung

Eine Ausbeute an Wurfmaterial , wie ich sie sonst nur aus meiner Kindheit in Düsseldorf kenne ist schonmal nicht schlecht. Das lag auch daran, dass ich kurz vor Ende des Zuges meine erhöhte Fotografierposition aufgab und direkt an den Straßenrand ging. Wären mir nicht irgendwann die Jacken- und Hosentaschen ausgegangen, es sähe noch besser aus.
Jetzt habe ich neben einem Bumerang, Einkaufs-Chip und Quietscheentchen noch ein-zwei Süßigkeiten einstecken können:

Ein Einkaufswagenchip! Wie cool ist das denn?

Ein Einkaufswagenchip! Wie cool ist das denn?

Also, bestochen wurde ich schonmal gut, aber ich bin bekanntlich unbestechlich.

Disclaimer

Wenn ich mopper, dann weil ich gesehen habe, wie viel besser der Karneval in MG sein kann, wenn er sich traut, Eisen anzupacken und nicht, weil ich dem Zug Böses will. Im Gegenteil, ich sehne mich gradezu nach einem Veilchendienstagszug mit Chuzpe. Deswegen messe ich ihn an den Zügen der drei Rosenmontagshochburgen und auch an früheren Zügen in Mönchengladbach. Denn früher und anderswo ist immer alles besser.

Der Zug

Pünktlich zu Beginn zog der Regen ab und das bisschen Gedröppel zwischendurch zählt nicht, also gute meteorologische Voraussetzungen für einen gelungenen Zug. Dass der erste Wagen Werbung für die Ritterfestspiele auf Schloss Rheydt als Kamelle warf, ergab einen etwas befremdlichen Auftakt, aber nun gut.
Allerdings war das auch der Einstieg in das, was den Zug durchzog: Er war nicht lustig, dafür war er aber repräsentativ. Die Karnevalsvereine zeigten wie jedes Jahr ihre Prunkwagen vor, wie üblich mit einer aktualisierten Jahreszahl in der Bemalung, fertig ist der Karnevalswagen. Sehr repräsentativ, aber auch sehr, sehr langweilig.
Daneben wurde wie groß in der Presse angekündigt der Rumpf einer Junkers F13 durch die Gegend kutschiert, gefolgt von einer Art Diorama aus Bauteilen des Gladbacher Weihnachtsmarktes mit Werbung für eben jenen Markt. Es folgte das Minto, das sich wenigstens die Mühe gab, ein Motto auf Platt auf den Wagen zu malen. Alle drei Wagen wären hervorragend für eine Art Stadtparade, die man etwa zum Eine-Stadt-Fest zwischen Rheydt und Gladbach fahren lassen könnte (Hey, MGMG, wie wäre es mit einer solchen Stadtparade zum Eine-Stadt-Fest?), aber wenig närrisch oder gar lustig.

Ja, ein kaputtes Flugzeug. Tätä, tätä, tätä!?! Oka,y das ist ein bisschen unfair der historischen Bedeutung der Junkers F13 gegenüber, aber mal im Ernst, das ist ein Karnevalszug!

Ja, ein kaputtes Flugzeug. Tätä, tätä, tätä!?! Okay, das ist ein bisschen unfair der historischen Bedeutung der Junkers F13 gegenüber, aber mal im Ernst, das ist ein Karnevalszug!

Ja, okay, warum nicht

Ja, okay, warum nicht

Nein, viel lustiger wird's nicht, aber sie haben sich mit dem Spruch wenigstens Mühe gegeben

Nein, viel lustiger wird’s nicht, aber sie haben sich mit dem Spruch wenigstens Mühe gegeben

Motto des Zuges war dieses Jahr „M’r donnt wat m’r könne“, was mich durchaus zu begeistern wusste. Ich nahm es als positives Zeichen, dass Mönchengladbach endlich mal ein Motto auf Platt hat, wie sich das für Karneval gehört. Gleich zu Anfang lief ein Typ quer und jenseits von Reih und Glied durch den Zug und hielt ein Schild hoch, auf dem zu lesen war: „Ech donn wat ech will!“ Die Rückseite des Schildes war ein Spiegel. Dieser Mann hat eine Medaille verdient.
Man kann das Motto durchaus positiv lesen und dazu war ich auch bereit. Was ich nicht ahnte war dabei, dass die Liste dessen, was wir können offenbar keinen Eintrag „lustig“ umfasst. Zu denken geben sollte mir dabei, dass auch der heimische Karikaturist Nik Ebert den Spruch in seinem Beitrag zum Thema städtische Sauberkeit in seiner negativen Auslegung umsetzte. Und immerhin war er derjenige, der dieses Motto vorgeschlagen hatte!
Die Mülltonne sagt: „Na los! Versuch's nochmal!“

Die Mülltonne sagt: „Na los! Versuch’s nochmal!“

Daneben verdankt der Zug Ebert aber in Form der jährlichen rollenden RP-Karikatur auch den einzigen Wagen mit politischer Aussage. Dass diese beiden Wagen recht einfach zu gestalten waren, da es ja nur fahrende Plakatwände sind, kommt Eberts Motiven sicherlich zu Gute. Vielleicht wären mehr solcher Wagen ein Ansatz, um auch in Zukunft Satire im Zug zu haben? Es ist nicht so, als wäre die Heimatstadt von Nik Ebert und Volker Fucking Pispers der politischen Spitzen unfähig, auch wenn man das bei ihrem Karneval ab und an glauben könnte.
Eine Seltenheit 2016, Politik auf dem Korn! Das Asylrecht mit Rennreifen von Nik Ebert

Eine Seltenheit 2016, Politik auf dem Korn! Das Asylrecht mit Rennreifen von Nik Ebert

Lokalpolitisch gab es genau einen aktuellen Bezug, der KjG aus Hardt nahm sich der 30er- und 40er-Zonen in der Stadt an, mit Kappen in Form von Autos und einem Spruch auf dem Wagen. Ich muss damit nicht übereinstimmen, um das gut und vor allem karnevalistisch zu finden. Daumen hoch für den einzigen lokalpolitischen Beitrag des ganzen Zuges 2016!
Auf dem Wagen steht etwas zu klein für das Foto: „30, 40 statt 50. Gladbachs Blitzer sind nicht günstig“

Auf dem Wagen steht etwas zu klein für das Foto: „30, 40 statt 50. Gladbachs Blitzer sind nicht günstig“

Okay, es gab noch ein lokalpolitisches Motiv, aber das war ein wenig älter. Bernd Gothe hatte zuvor zur Neukonzeption auch angekündigt, es werde beim Zug „Nostalgiewagen“ geben, also Nachbauten alter Wagen, deren Erinnerung wachgehalten werden soll. Ich möchte das Ergebnis nicht zu sehr kleinmachen, der Wagen zur Umbenennung von München-Gladbach in Mönchengladbach aus dem Jahre 1949 ist solide, wenn auch etwas fad. Die Idee, das Ereignis sinnbildlich durch einen Bayern und einen Mönch darzustellen, ist durchaus eine neue Aufführung wert. Nur sonderlich aktuell ist das natürlich nicht.
Du weisst, der Karneval hat ein Problem, wenn selbst der Karnevalsverband impliziert, dass der Karneval früher besser war. Allerdings hat er damit ja auch Recht.

Du weisst, der Karneval hat ein Problem, wenn selbst der Karnevalsverband impliziert, dass der Karneval früher besser war. Allerdings hat er damit ja auch Recht.

Ehrenthalber erwähnt sei noch der von der Pressestelle der Stadt groß angekündigte Fairtrade-Wagen, der 2016 erstmals mitfuhr. Tatsächlich einer der größten Wagen der Parade, wenn auch einer in der langen Reihe konzeptionell nicht weiter erwähnenswerter Beiträge wie die Prunkwagen: Da, aber es findet sich nichts lustiges daran. In einem starken Zug ein willkommener Einschub, so aber nur ein weiteres Glied einer durchweg langweiligen Kette.
Allerdings der aufwändigste und einer der schönsten Prunkwagen im Zug

Allerdings der aufwändigste und einer der schönsten Prunkwagen im Zug

Alles in allem, wie schon angeklungen, ein furchtbar langweiliger Zug, der allein deswegen ein paar Perlen aufwies, weil sich dies bei etwa 50 beitragenden Gruppen praktisch nicht vermeiden ließ. Die Ansage des Karnevalsverbands war, gar nicht erst zu versuchen, mit Düsseldorf und Köln zu konkurrieren, sondern etwas ganz eigenes zu versuchen. Dafür steht auch das diesjährige Motto, aber das ist gradezu eine Verleumdung, denn der Gladbacher Straßenkarneval kann durchaus auch lustig und bissig sein, das hat er in vergangenen Jahren immer mal wieder bewiesen. Das Ergebnis ist der langweiligste Zug, den ich bislang in einer Großstadt erlebt habe. Allerdings weiss der sich zu retten: Selbst ein langweiliger Gladbacher Zug weiss die Zuschauer mit Musik und Süßigkeiten bei Laune zu halten.
Und ganz klare Sache: Wenn wir nun an der Talsohle sind, so kann es nur noch aufwärts gehen. Ich hätte offen gestanden nicht übel Lust, eine Gegenveranstaltung aufzumachen, Arbeitstitel „Karneval in lustig!“ Vielleicht jährlich tagsüber zu Silvester als Jahresrückblick, gezielt mit politisch bissigen Wagen und Satire? Etwas, was schon im Konzept jede Bräsigkeit verhindert. Ich meine, Silvester liegt ja auch zwischen Hoppediz‘ Erwachen und Aschermittwoch.

Herr Prisac, übernehmen Sie!

Selbst mit Bildstörung ziehe ich dieses Jahr ganz klar Prisacs Miniatur-Zug vor, der Mann weiss, wie man standesgemäß moppert und dabei unterhält. Das gehört einfach als alleroberstes zu den Dingen, die ich von einem gelungenen Karnevalszug erwarte.


Freitägliche Fünf 05.02.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche kommen Wahrheiten ans Licht.

1.Die wahren Pinky & Brain

Böse. Ich mag es.

Ich kam darauf, weil die Stadt jetzt eine Stelle hat, die Zorg heisst, was einfach klingt wie etwas, was Pinky sagen würde.

2. Die Wahrheit über falsche Download-Buttons

Google führt eine Warnung vor Seiten ein, die falsche Download-Buttons haben.

Ausserdem: Kurzer Rot-Grün-Blindheits-Test: Das ist Rot

Ausserdem: Kurzer Rot-Grün-Blindheits-Test: Das ist Rot

Diese meist als Anzeige auf Downloadportalen gesetzten falschen Download-Buttons sidn ein beständiges Ärgernis und durchaus eine potenzielle Gefahrenquelle, über die Viren, Trojaner und dergleichen verteilt werden können. Sie sind aber schon deshalb lästig, weil sie es deutlich erschweren, die angesteuerte Seite normal zu nutzen.
Das einzige Problem hierbei ist Googles Bemutterungsart, die Option, nach gelesener Warnung dennoch auf die Seite zu gehen tief in den weiteren Menüs zu verstecken, wenn sie denn überhaupt auftaucht.

3. Die Wahrheit über Meermenschen

Offenbar gibt es in Südostasien tatsächlich Völker, die den Großteil ihres Lebens zur See verbringen, zum Beispiel die Sama-Bajau. Ich hatte mich immer gewundert, dass alle Nationen udn Völker, die man so kennt, landgebunden sind. Ich meine, Gemüseanbau auf dem Wasser kannten schon die antiken Ägypter, es ist also grundsätzlich möglich, eine Nation auf dem Meer zu halten.
Das einzige, was Hochseenationen verhindert sind offenbar die Regeln der UN zur Akzeptanz von Staaten.

4. Der wahre Wurmkomposter

Mein Wurmkomposter ist ein recht einfaches Teil: Ein Eimer mit Deckel und Auslaufhahn aus dem Brauereibedarf, der Boden mit etwas übrig gebliebener Kokoserde gefüllt, Würmer rein und Lebensmittelreste drauf, von denen sich die Würmer ernähren können, fertig. Irgendwann werde ich dann die Würmer in einen zweiten Eimer umsiedeln müssen, um den Kompost zu erhalten.
Der Wurmturm, der mir schon vom Namen ausserordentlich gefällt, entwickelt das Konzept weiter: Die Würmer leben in einem „Turm“, in den auch die Lebensmittelreste kommen. Nur hat der Turm keinen Boden und keinen Auslaufhahn, sondern sitzt direkt in einem Pflanzgefäß mit den zu düngenden Pflanzen. Perfekt und übrigens für mich auch sinnvoller als die traditionelle Permakultur-Anlage mit Fischen unter den Pflanzen, denn was will ich mit dem ganzen Fisch?Wurmturm

5. Die Wahrheit über meine Abende

Sony hat Drei-Monats-Probe-Abos für Maxdome verschenkt. Perfekt, damit sind meine Abende nun gut gefüllt. Auch wenn Maxdome wenig hat, was Netflix nicht hat, aber für lau nehm ich das gerne mit.
Ich bleibe dennoch mittelfristig bei Netflix, die exklusiven Serien machen den Unterschied und beide nebeneinander lohnen nicht.