Veganer, Wurst und Weltrettung

Die Überschrift ginge auch als Wurstveganerweltrettung, aber so ist’s auch hübsch.

Thema hier: Veganer und warum sie so oft zu missionieren scheinen. Und warum alle anderen das auch machen, es nur nicht merken — vielleicht sogar noch mehr. Anlass sind einige Beiträge bei Fefe von vorletzter Woche (ja, ich bin spät dran), in denen er sich über missionierende Veganer beschwert. Ich finde das allgemein unfair (und sprachlich unfehr immer attraktiver, aber das geht jetzt vom Thema ab), grade Veganern immer die Mission vorzuwerfen. Ich bin selber kein Veganer, aber an diesen Ernährungsweise grundsätzlich interessierter Nutzer einiger veganer Produkte und habe viel mit Veganern zu tun. Und ganz ehrlich, ich kenne kaum eine Gruppe, die einen besseren Grund zum „Missionieren“ hat als Veganer.
Also: Warum missionieren Veganer eigentlich so oft?

Die einfachen Antworten vorab

Grund für Veganismus ist in Mitteleuropa meistens einer der folgenden drei, seltene Gründe wie jene der Religion (vegane Religionen sind hier sehr selten) mal ignorierend:

  • Ethische Gründe bedeuten in der Regel, dass man dagegen ist, dass Tiere für die Bedürfnisse des Menschen sterben und/oder leiden. Grundlage ist entweder die Ansicht, dass der Mensch kein Recht hat, andere Tiere zu töten (ohne angegriffen worden zu sein) oder dass der Mensch durch seine ungewöhnliche Gabe der Intelligenz die Pflicht erhält, diese zur Vermeidung jeglichen Leides einzusetzen, auch für Nicht-Menschen.
    Dass diese Gruppe zur „Missionierung“ neigt, ist wenig verwunderlich, schließlich ist ihr Ansinnen der Vermeidung von Leid nicht erreicht, solange nur sie selbst auf den Konsum tierischer Produkte verzichten. Etwa so wie es einem Polizisten bei der Verfolgung eines Verbrechers nicht reichen kann, dass er selber keine Straftaten begeht. Aus der ethischen Begründung des Veganismus lässt sich also eine moralische Pflicht ableiten, die Idee weiterzugeben.
  • Umweltschutz ist ein anderer häufiger Grund für Veganismus. Viehwirtschaft ist mit enormem Verbrauch natürlicher Ressourcen verbunden — sowohl direkt bei den Tieren als auch in Form der gewaltigen mengen Nahrung, die durch die Tiere gehen statt wirtschaftlich und ökologisch deutlich günstiger direkt auf den Tellern landen zu können. Besonders Rindfleisch und Milchprodukte sind extrem belastend für die Umwelt. So sehr, dass ein Normalesser bei Milchverzicht sich klimaschonender verhalten als Vegetarier, die zwar auf Rindfleisch verzichten, dafür aber meist mehr Milchprodukte zu sich nehmen.
    Diese Gruppe ist schon seltener „missionarisch“ tätig, da die moralische Pflicht zur Bekehrung weniger akut ist. Zwar ist es natürlich besser, wenn mehr Menschen dabei helfen, die Umwelt zu schützen, aber das Gefühl der Nutzlosigkeiten der eigenen Bemühungen ist weniger stark ausgeprägt, da man das Gefühl hat, „seinen Anteil“ zu erfüllen.
  • Gesundheitliche Gründe sind die letzte simple Gruppe, bevor wir zu den komplizierteren kommen. Sie begründen die Entscheidung zum Verzicht auf Tierprodukte mit der potenziellen Gesundheitsschädlichkeit vieler tierischer Nahrungsmittel, von Wurst über Fleisch bis Milch. In wie weit das den Tatsachen entspricht, ist umstritten, aber hier nicht Thema. Allerdings sind diese Veganer auch oft nicht so strikt und nehmen ab und an Dinge wie Bienenkotze Honig zu sich, was mögliche gesundheitliche Probleme ausgleicht. Zudem ernähren sie sich noch stärker als andere Veganer bewusst und wissen daher, die bei schlecht umgesetztem Veganismus möglichen Mangelerscheinungen zu vermeiden.
    Diese Menschen haben eigentlich nur selten Grund zur Weiterverbreitung ihrer Ansichten, es sei denn, sie wollen ihren Mitmenschen etwas Gutes tun. Das zentrale Wort hier ist eigentlich. Denn jetzt kommen wir dazu, wie Veganer jeglicher Couleur zu Missionaren gemacht werden.

Die karnate Inquisition

Hier wird es komplizierter, das deutet schon die Fremdwörter in der Überschrift an. „Karnat“: fleischlich, „Inquisition“: Befragung.
Um das nachvollziehen zu können empfehle ich jedem Nicht–Veganer einfach mal, für etwa einen Monat Veganer zu spielen. Es ist dazu kein Verzicht nötig, noch nicht ein Mal die Übernahme veganer Ernährung. Spielen Sie, wann immer sie öffentlich sind, einfach mal Veganer. Erwähnen Sie ein oder zwei Mal, dass Sie eine vegane Ernährung ausprobieren. Keine Sore, man wird es Ihnen abnehmen, denn wer sich auf ein solches Experiment einlässt ist offensichtlich offen genug, ab und an etwas Neues auszuprobieren und nicht in den eigenen Vorurteilen zu verharren. Es bedeutet zwar, beim Ausgehen erst später ein Steak essen zu dürfen, wenn man wieder alleine ist (na gut, doch ein bisschen Verzicht), aber für einen Monat sollte das gehen und es bietet erheblichen Erkenntnisgewinn.
Schnell dürfte Ihnen eines auffallen: Menschen, die Fleisch essen, sind unglaublich vehement in ihrer Überzeugung, dass dies etwas Gutes ist. Sobald ihnen auch nur irgendwie zu Ohren kommt, dass Sie sich vegan ernähren, werden die Missionierungsversuche beginnen. Niemand missioniert mehr als Normalos, in deren Gegenwart der Begriff „vegan“ fällt. Sie werden sich ausgiebig und völlig unaufgefordert anhören dürfen, wie schädlich vegane Ernährung sei, dass sie dem Klima ja gar nichts nütze, dass Fleisch zu essen doch ganz natürlich und Fleisch ausserdem doch so lecker sei und so weite rund so fort. Selbst eigentlich gemäßigte Leute fangen plötzlich an, beinahe Verschwörungstheorien um eine Vegetarierlobby aufzubauen. Und dann kommt quasi aus dem Nichts der Vorwurf der Missionierung, sobald man es wagt, dem Redeschwall der Nicht-Veganer zu trotzen. Die Absurdität ist beachtlich.
Man fragt sich unweigerlich, wieso es Allesessern so schwer fällt, als einschränkend wahrgenommene Überzeugungen bezüglich der Ernährung anderer zu akzeptieren. Ja, manche sind einfach Besserwisser, die eine willkommene Gelegenheit wittern, ihr Hobby auszuleben. Aber nicht alle Fälle lassen sich so erklären, dafür sind es zu viele.
Die Veganer fühlen sich da schnell in die Ecke gedrängt und wer in die Ecke gedrängt wird, wehrt sich halt. Und so werden dann auch viele Veganer, die aus eigenem Antrieb nicht missionieren müssten zu Missionaren. Bei denen ist es dann weniger ein Angriff als eine Art offensive Verteidigung; der Versuch, einen Schutzraum um sich zu erschaffen, in dem man nicht ständig von den missionierenden Steak-Gourmands belästigt wird, die einen von den Vorzügen des Fleischgenusses zu überzeugen suchen.
Das erklärt dann vielleicht auch, warum Gruppen wie Peta so oft mit Aktionsformaten arbeiten, die genau niemanden überzeugen, dafür aber viele Menschen abschrecken können.

Also, liebe Normalos: Bevor ihr euch wieder über missionierende Veganer beschwert, kurz an die eigene Nase packen. Natürlich, es gibt Veganer, die eine Art Missionierung als moralische Pflicht ansehen und die wird es immer geben. Aber viele Fleisch-Liebhaber tragen ganz klar ihren Teil zur Radikalisierung von Veganern bei, wenn sie diese nicht sogar auslösen. Ich habe in der Regel Verteidiger des Fleisches als deutlich lauter und missionarischer erlebt als die meisten vegetarisch oder vegan lebenden Menschen. Aber das fällt oft nicht auf, weil sie auf Seiten der gesellschaftlich-mehrheitlichen Norm stehen.

Ersatzprodukte

Kurz noch zu einem Kritikpunkt am Veganismus, den ich nie verstanden habe: Was genau spricht gegen Fleischersatzprodukte?
Das ist relevant, denn ich halte auch das für eine Form von Intoleranz durch die Nicht-Veganer: Wer keine tierischen Produkte zu sich nimmt, der soll gefälligst (unnötigen) Verzicht üben, denn er verdient Strafe? Vegane Ernährung richtet sich ja nicht gegen die Wurst, sondern dagegen, dass für die Wurst ein Tier sterben musste. Warum also sollten vegane Wurst oder auch Ersatzprodukte für in der hiesigen Küche schlichtweg unverzichtbare Zutaten wie Milch ein Problem darstellen?
Mir ist das unbegreiflich. Das ist für mich nichts weiter als ein Ausdruck der Unfähigkeit von Normalos, die aus der Norm fallenden zu verstehen. Für den Wunsch nach einer Form von Buße für die Abweichler.
Ein bisschen so, wie den Homosexuellen das Recht auf Ehe zu verweigern. Es geht nicht um die Sache, denn dafür gibt es gar keine Begründung. Es geht darum, was man als normal zu akzeptieren bereit ist. Und vielleicht um die Angst davor, sich selbst und das eigene Bild von Normalität hinterfragen zu müssen und der Antwort nicht mehr so sicher sein zu können, wie man immer glaubte. Darum, Antworten ernsthaft suchen zu müssen statt die althergebrachten einfach unhinterfragt übernehmen zu können.

Zum Abschluss ein Bild vom Ende der Welt: Vegane Bratlinge mit Salat! (Bild: Wikimedia Commons)

Zum Abschluss ein BIld vom Ende der Welt: Vegane Bratlinge mit Salat! (Bild: Wikimedia Commons)

Meine Position

In einem Artikel zu diesem Thema scheint es mir wichtig, die eigene Position darzulegen, daher folgendes: ich bin selbst kein Veganer, verzichte aber aus ethischen Gründen in allen Bereichen ausser der Ernährung auf tierische Produkte (also z.B. auf Leder) und nutze aus einer Mischung aus ethischen und ökologischen Gründen regelmäßig vegetarische und vegane Lebensmittel, vor allem Ersatz für diverse Milchprodukte.


Freitägliche Fünf 06.11.2015

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche wieder eine selbst für diese Reihe ungewöhnlich klimafreundliche Ausgabe plus Gebärdensprachendolmetscher.

1. Fossilfreies Münster

Kreuzfeier - Bild: Fossil Free Deutschland

Kreuzfeier – Bild: Fossil Free Deutschland


Nein, das Geologisch-Paläontologische Museum Münster wird nicht geschlossen, keine Angst. Immerhin liegt da der größte Ammonit der Welt, sowas macht man nicht zu.
Hier geht es um fossile Brennstoffe: Münster hat als erste Stadt in Deutschland entschieden, keine weiteren Gelder in Kohle, Öl udn Gas zu investieren und zieht ihre bisherigen Investitionen zurück beziehungsweise verkauft diese. Diese Investitionen, die in den letzten Jahren als Verlustgeschäfte zunehmend zu einem Problem für viele Städte vor allem im Ruhrgebiet werden, sind eines der wichtigsten wirtschaftlichen Standbeine für den Weiterbetrieb insbesondere von Kohlekraftwerken.

2. Simax

Simax ist ein in der Entwicklung befindlicher virtueller Gebärdesprachenübersetzer. Die Software wird mit einem Text gefüttert, setzt diesen in die jeweilige Gebärdensprache um und das Ergebnis wird dann noch ein Mal von einem Gebärdendolmetscher geprüft.
Ganz ehrlich: In der aktuellen Phase ist mir der Nutzen noch nicht so wirklich klar. Gehörlose haben ja weniger mit Text als mit Sprechsprache Probleme. Aber vielleicht kommt das in der nächsten Phase? Das Projekt hat jedenfalls noch einen langen Weg vor sich, Maschinenübersetzung ist immer eine anspruchsvolle Aufgabe, die noch keine Software gemeistert hat und die auf absehbare Zeit eine Krücke bleiben wird. Aber besser mit als ohne Krücke.

3. Radabstellen im Flur

Das ist ja gar kein richtiges Fahrrad, da fehlen ca. 2 kg Dreck! - Bild: Manuel Rossel

Das ist ja gar kein richtiges Fahrrad, da fehlen ca. 2 kg Dreck! – Bild: Manuel Rossel


Aus Chile stammt diese Idee von Fahrradabstellmöbeln für kleine (Designer-)Wohnungen. Designer Manuel Rossel hat eine ganze Kollektion dieser Möbel entwickelt, das da oben ist mein Lieblingsstück. Einfach, weil es das alltagstauglichste ist.
Natürlich sind die alle unrealistisch sauber und rechnen ihre Preise in nahezu astronomischen Einheiten (Das Teil da? US$ 191.000, runtergesetzt von 239.000), aber ich sehe das mehr als Inspiration für alle, die selber sowas basteln möchten. Halt in weniger hübsch und sauber, dafür mehr praktisch (mein Deutsch war vorhin auch noch irgendwie besser). Die Idee, Schuhregal und Fahrradständer zu kombinieren ist ja nun nicht grade die schlechteste.

4. Chia und Quinoa aus der Region

Die Tage gab es einen Artikel mit Sarah Wiener, der neben ein paar wahren Worten auch viel Blödsinn über vegane Ernährung enthielt. Der größte Quatsch war der Vorwurf, Veganer würden durch ihren Konsum von Quinoa und Chia-Samen das Weltklima stärker belasten als Allesesser, denn diese Pseudogetreide kämen aus Südamerika. Also anders als das vielgelobte argentinische Rind, das bekanntlich aus Straßburg stammt, welches im Mittelalter den Beinamen Argentina führte. Es wird dort auch nur mit bestem Alpensoja gefüttert. Klar. Nunja, was soll man vom Focus auch erwarten?
So oder so, das Problem könnte sich bald erledigt haben: In Stuttgart ist nun der Anbau von Quinoa gelungen, an Chia wird noch geforscht. Aufmerksamen Lesern wird auffallen, dass das nicht weit von den weltberühmten straßburger Rinderfarmen ist und somit nicht ganz so im klimatischen Hintertreffen liegen sollte. Der Anbau ist sogar in vielerlei Hinsicht sparsamer für Ressourcen wie Wasser und Stickstoff als Weizen.

5. Transparente Solarenergie

Durchsichtige Solarzellen werden ja immer mal wieder erfunden. Hier ist ein neues, recht vielversprechendes Projekt aus Michigan:


Freitägliche Fünf 30.10.2015

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche ziemlich platt. Ich mein jetzt nicht wegen meiner Erkältung.

1. Was, wenn Tiere Fastfood äßen?


Ja, ich weiss, dass das Ballontiere sind, aber ich mag den Titel, unter dem das jetzt rumgeht.
– via Oliver Dittrich

2. Vengeance Delayed

Im vierten Anlauf und dem dritten, der es in die Finalrunde (Lserabstimmung) geschafft hat, habe ich bei der Indies Unlimited Flash Fiction Challenge gewonnen. Wenigstens vorläufig, das „amtliche“ Ergebnis kommt erst am Samstag, aber die Umfrage ist beendet und zeigt für mich den größten Balken mit 45% der Stimmen.
Das ist für mich eine wichtige Sache, weil der Gewinn die Aufnahme der Geschichte in die zur Challenge gehörende Anthologie darstellt, die Anfang Januar mit den 52 Gewinnerbeiträgen erscheint. Das wiederum hilft mir als Werbung, meine Geschichten und Bücher (vor allem) im englischsprachigen Raum bekannter zu machen. Und es ist zeitlich sehr günstig, denn bis dahin sollen die Sammlung Glimpses (November in zwei Versionen) und die Zombiegeschichte Boy (Dezember) erhältlich sein. Die Challenge und ihr möglicher Effekt sind eine gute Motivation, diese Daten auch einzuhalten.
Hinter dem Link hier links versteckt sich der Band vom letzten Jahr, der jetzt grade, während ich dies schreibe, kostenlos ist (regulär 1,02 €). Darin komme ich natürlich noch nicht vor, aber viele andere Autoren von Geschichten mit bis zu 250 Wörtern.
Die Geschichte ist für mich etwas ungewöhnlich, da ich nur selten ausserhalb der Phantastik (genauer: Science-Fiction und Fantasy) schreibe. Die Vorgabe ging aber in diese Richtung und so kam es zu diesem Mini-Charakterstück unter dem Titel Vengeance Delayed (mein Titel für die Aufnahme in Glimpses war ursprünglich Recollections). Was nicht heisst, dass man es nicht als Geschichte aus meiner Feder erkennen kann — dafür sorgen die kleinen Seitenhiebe bei Krabbencocktail und Karpfenröllchen.
Die Geschichte selbst gibt es hier zu lesen (letzter Kommentar).

3. Kühlschränke von Berlin

Am Prenzlauer Berg in Berlin gibt es ein neues Konzept gegen Lebensmittelverschwendung: Nicht mehr benötigte Lebensmittel können dort in drei öffentlichen Kühlschränken verstaut und abgeholt werden, etwa so wie eine für Nahrung. Ich hoffe zwei Dinge: Zum einen, dass das Konzept nicht die Probleme der oft vermüllten Giveboxen erbt (das wäre bei Lebensmitteln fatal) und zum anderen, dass die Idee sich dann auch ausbreitet.

4. Schach fürs kleine Heim

Was fehlt ist, dass auf dem Brett eine Matt-Aufgabe steht, aber man kann halt nicht alles haben - Bild: Fancy

Was fehlt ist, dass auf dem Brett eine Matt-Aufgabe steht, aber man kann halt nicht alles haben – Bild: Fancy


Schach hat unter den Brettspielen eine ganz besondere Eigenschaft: Es eignet sich vom Spielen abgesehen wunderbar als Raumschmuck. Ein Schachbrett macht eigentlich immer etwas her. Der klare Farbkontrast, die perfekte Mischung aus Symmetrie und Asymmetrie der Felder — ein Schachbrett ist nahezu jedem Raum ein Schmuck.
Allerdings braucht es Platz. Dafür gibt es nun also ein Schachbrett für die Wand. Ich muss ehrlich sagen, es fängt nicht ganz die Ästhetik eines normalen Schachbretts ein, aber die Idee ist auf jeden Fall gut. Ich bin allerdings recht sicher, für 300 $ kann ich mehrere davon machen, und das mit richtigen Quadraten, damit es hübscher aussieht.

5. Die 2D-Brille!

Wisst ihr was ich wirklich überflüssig, lästig und sogar optisch dem Standard gegenüber minderwertig finde? 3D-Kino. Es mag daran liegen, dass ich Brille trage, aber ich finde das Bild bei 3D-Filmen konstant unscharf und den Effekt meistens albern. Nur sind Brillenträger ein relativ großer Teil der Bevölkerung.
Nun, es gibt Abhilfe: Eine Brille, die 3D-Filme fürs Auge in 2D zurückkonvertiert. Für ungefähr den selben Preis wie normale 3D-Gläser. Keine Ahnung, ob es zufriedenstellend funktioniert, aber die Idee ist auf jeden Fall großartig.

Fick das 21. Jahrhundert, ich will den Film sehen - Bild: DFTBA.com

Fick das 21. Jahrhundert, ich will den Film sehen – Bild: DFTBA.com


Mesozoischer Mittwoch (Dino-Dienstag) 31

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diesmal am Mittwoch, da ich den Dienstag verpasst habe.

Besterhaltenes Säugetier der Kreidezeit

Spinolestes xenarthrosus, um genau zu sein - Bild: Oscar Sanisidro

Spinolestes xenarthrosus, um genau zu sein – Bild: Oscar Sanisidro


Spinolestes ist ein neu entdecktes kleines Säugetier, das vor 125 Millionen Jahren um die Füße spanischer Dinosarier wuselte. Beeindruckend an dem Fossil des Tieres ist, was neben den Knochen noch gefunden wurde: Es zeigten sich Abdrücke eines borstig-stacheligen Fells, unter dem teilweise knöcherne Platten in der Haut saßen. Die Haare, aber auch Spuren von Leber, Lungen und Haut sind detailliert genug erhalten, um sie bis auf die Zellstrukturen hinunter zu untersuchen. Auch Abdrücke der Ohren sind erhalten.
Das alles ist für die Forscher extrem aufschlussreich. So zeigt etwa die Anordnung von Lungen und Leber, dass Spinolestes wahrscheinlich wie moderne Säugetiere bereits ein Zwerchfell hatte. Auch die Ohren sidn interessant, denn es ist mangels Abdrücken nicht klar, wann die Säugetiere Ohrmuscheln entwickelten — jene von Spinolestes sind bereits gut entwickelt, also liegt diese Erfindung der Säugetiere deutlich länger zurück als seine Zeit.
Ebenfalls unerwartet: Spinolestes war relativ klar ein Tier, das viel grub und sich von Insekten ernährte. Dass es so früh in der Entwicklung der Säugetiere bereits klar auf eine bestimmte Lebensweise spezialisierte Arten gab (neben rattenartigen Tieren, die verschiedene Lebensstile führen konnten), hat die Forscher überrascht.

Die Körpertemperaturen der Dinosaurier

Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat die Eierschalen fossiler Dinosauriereier untersucht, um aus der Zusammensetzung bestimmter Mineralien in diesen Rückschlüsse auf die Körpertemperatur der Muttertiere schließen zu können. Demnach hatten die untersuchten Dinosaurier stabile Körpertemperaturen, die je nach Art zwischen 32°C (Oviraptor) und 38°C (Titanosaurier) lagen. Vorherige Untersuchungen dieser an den Zähnen von Titanosauriern hatten für diese ähnliche Ergebnisse geliefert.
Damit häufen sich weiter die Hinweise, dass Dinosaurier wie heutige Säugetiere und Vögel in der Lage waren, ihre Körpertemperatur unabhängig von der Umgebungstemperatur zu regeln.

Neue Haie aus dem Karbon

Zwei spektakuläre, 300 Milllionen Jahre alte Haifunde wurden in in Texas und New Mexico gemacht. Während Texas Überreste eines schätzungsweise acht Meter langen Urhais barg, gibt es aus New Mexico das fast vollständige Skeletts einer neuen Haiart mit Zähnen, wie sie noch nie zuvor gesehen worden waren.
Beide Funde werden aktuell daraufhin untersucht, ob es sich um neue Arten handelt oder um neue Puzzlestücke zu bereits bekannten Arten.


Freitägliche Fünf 23.10.2015

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche mit Klartexten.

1. Die Anstalt mal wieder


Nicht die beste Anstalt diese Woche, aber immer noch gut. Und obwohl mich die Allgegenwart des Themas Vertriebene inzwischen doch zu nerven beginnt, hielt sie mich am Bildschirm. Besonderes Lob für diesen kleinen Satz zur deutschen Leitkultur: „Es ist immer Goethe, niemals Goebbels!“
Denn was wir als unsere Kultur definieren, ist von einer kuscheligen Selektivität geprägt, für welche die Geschichte keine Grundlage hergibt.

2. Albrecht von Lucke

Der Montag brachte mich zu einer Lesung Albrecht von Luckes zu seinem Buch Die schwarze Republik und das Versagen der deutschen Linken. Ein sehr lohnender Abend in Düsseldorf mit einer interessanten Diskussion darüber, ob Pazifismus eine gute Idee ist oder bedingungsloser Pazifismus nicht vielmehr das Leid in Situationen wie in Syrien verschlimmert, indem er uns am Eingreifen hindert. Das klassische Problem: Pazifismus rettet niemanden, wenn die Panzer der Anderen bereits durch die Vorgärten rollen.
Aber auch um die Frage, was von der deutschen Linken (nicht die Partei, das linke Spektrum) übrig ist, was passiert ist und welche Rolle die Linke (jetzt die Partei) beim Niedergang von Sozialdemokratie und SPD spielt. Wäre Hartz IV beispielsweise möglich gewesen, hätte Lafontaine seinen durchaus machtvollen Posten bei der SPD nicht geschmissen um in die sich formierende WASG zu wechseln?
Interessante Fragen, nachdenkenswerte Zusammenhänge. Und für mich auch ein Ansatz zum Weiterdenken: Ist Deutschland schon seit 35 Jahren in einem stetigen Rechtsruck, hat der Verlust der Linksliberalen bei der FDP eine Wanderbewegung ausgelöst, die über die Jahre nahezu alle linken Positionen aus den großen Parteien herausgelöst hat? Etwa so: Die FDP wird neoliberal, die Linksliberalen gehen in die SPD und bringen so die Saat des Liberalismus in allen Ausprägungen ein. Die SPD verliert an ihrem linken Flügel mit der Gründung der Grünen Halt, die diesen Bereich teilweise übernehmen. Mit der Wiedervereinigung schließlich kommt die Idee auf, der Kapitalismus habe gewonnen und bildet das Klima, in dem die neoliberale Saat in der SPD aufgehen kann. Schröder wird Deutschlands erster neoliberaler Kanzler, die SPD verliert mit der Gründung des WASG ihr verbliebenes linkes Potenzial. Die Grünen büßen mit den beiden internen Katastrophen dieser Zeit (Kosovo und Hartz IV) ebenfalls massiv linkes Potenzial ein, das sich nun ausgegrenzt (und auch sich selbst ausgrenzend) in der entstehenden Linkspartei konzentriert oder frustriert ganz aus dem politischen Leben zurückzieht (Politikverdruss). Die CDU wird letzte verbliebene Großpartei und beginnt einen Weg der Assimilation aller anderen Gruppen, die durch die Aussicht, besser etwas zu bewirken als gar nichts, leichte Beute werden.
Erschreckend, aber auch ein interessanter Gedankengang. Und Erkenntnis gilt immer noch als der erste Weg zur Besserung.

3. Navid Kermani

Am Tag zuvor hat Navid Kermani den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Das an sich finde ich verdient, aber nicht weiter bemerkenswert. Bemerkenswert finde ich dagegen die Rede, auf die sich auch der in Punkt 2 benannte von Lucke immer wieder bezog — zu Islam, Radikalisierung, Krieg und der Frage, ob wir wegschauen dürfen.
Die Rede gibt es hier nachzuhören, nur die vorherigen Laudatoren und den Moderator muss man entweder aushalten oder überspringen.

4. Geistersturm

Ich freue mich, in gewisser Weise Michael Cherdchupan unter den käuflich zu erwerbenden Autoren begrüßen zu können. Gemeinsam mit Markus Topf hat er das Hörspiel Schauergeschichten — Der Geistersturm verfasst.
Michael ist ein alter Kollege aus dem nicht mehr existierenden Forum der nicht mehr existierenden Spielezeitschrift GEE, einem der Foren, in denen ich Jahre aktiv war.

5. Babelcube

babelcubeMit Babelcube habe ich mir eine neue Arbeitsplattform erschlossen, die sehr interessant aussieht. Die Seite bietet die Möglichkeit, Werke zu übersetzen (praktisch durchgehend von selbstverlegten Autoren). Übersetzer werden nicht im voraus bezahlt, sondern erhalten einen Anteil an den Erlösen.
Viele professionelle Übersetzer finden das problematisch, da auf diese Art die Bezahlung nicht garantiert ist, aber mal ehrlich: Das ist sie für die Autoren auch nicht und die schreiben dennoch. Natürlich nehmen Übersetzer damit ein Risiko auf sich, dass die Arbeitszeit verschwendet gewesen sein kann, aber damit habe ich nicht das geringste Problem, denn das ist das Los fast aller kreativen Berufe.


Dino-Dienstag 30

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diese Woche kämpfe ich zum Ende zunehmend mit den Namen einiger Kreaturen. Und das mir, der eigentlich ohne absetzen einen Satz mit Scansiopterygidae bilden kann.

Pferd mit Nachwuchs aus Messel

Hier mal ein spektakulärer Fund aus heimischen Gefilden, eine schwangere Stute von Eurohippus aus der Grube Messel bei Darmstadt.


Spektakulär an dem Fund ist auch, dass dank des isolierenden Schlammes des einst hier vorhandenen Sees Details der Gebärmutter als fossiler „Schatten“ erhalten sind, was Einblick in die Evolution der Lebendgeburt gibt.
Deutschland scheint in der Urzeit für schwangere recht gefährlich gewesen zu sein – verschiedene Fundorte haben schwangere oder gebärende Muttertiere hervorgebracht, besonders berühmt die delfinartigen Ichthyosaurier aus Holzmaden bei Stuttgart.

Neues zur Farbe ausgestorbener Arten

Die Behauptung, man könne aus den Abdrücken von Pigmentzellen in den Federn einiger Dinosaurier auf deren Farben zu Lebzeiten schließen, galt immer als kontrovers, wird aber zunehmend akzeptiert.
Nun haben britische und amerikanische Forscher Fossilien der Fledermäuse Palaeochiropteryx und Hassianycteris aus Deutschland untersucht, die Abdrücke des einstigen Fells zeigten. Damit haben erstmals Forscher versucht, die an Federn erprobte Technik auf Fell zu übertragen.
Und sie waren erfolgreich: Nicht nur ist der Befund, dass diese Fledermäuse ein braunes Fell hatten konsistent mit der Farbgebung heutiger Fledermäuse, sie fanden in den Überresten der farbgebenden Zellen auch chemische Spuren von Melanin, dem häufigsten Farbstoff in Säugetierfell und konnten über dessen Verteilung bestätigen, dass die Form der Zellen die Färbung der Tiere zu Lebzeiten erkennen lässt.

Neue Spezies der Woche

Kimbetopsylis - Bild: Sarah Shelley

Kimbetopsalis – Bild: Sarah Shelley


Kimbetopsalis simmonsae war ein überraschend großes Säugetier, dass mehr oder weniger direkt nach dem Ende der Dinosaurier lebte. Sowohl die Größe von einem Meter Länge als auch die Tatsache, dass es ein Pflanzenfresser war, sind ungewöhnlich, da beides zu Zeiten der Dinosaurier unter Säugetieren sehr selten war. Die Forscher vermuten, dass er ein Beispiel dafür ist, dass die Säugetiere sich nach dem Ende der Dinosaurier sehr schnell an die neue, nun dinosaurierfreie Welt anpassten und neue Formen hervorbrachten.
Die Presse hat beschlossen, das Tierchen als einen apokalyptischen Biber zu bezeichnen, weil es in einer wasserreichen Waldlandschaft lebte und entfernt einem Nagetier ähnelte. Mit den heutigen Bibern teilt es allerdings keine nähere Verwandtschaft, es gehört zu einer ausgestorbenen Gruppe von Säugetieren, die zwischen den Eier legenden und den lebend gebärenden Säugetieren standen. Auffällig an ihnen waren die sehr komplexen Zähne und die jenen der Nagetiere ähnelnden Schneidezähne.
Japan gibt uns die fluglose Ente Shiriyanetta hasegawai, die dort vor etwa 120.000 Jahren an den Küsten herumlief.
Bei den Dinosauriern haben wir mit Ugrunaaluk kuukpikensis einen Vertreter, dessen Namen nicht nachschlagen zu müssen ein Kunststück werden dürfte, das nur des Inuktikut Mächtige schaffen dürften. Der Fund ist nicht ganz so spektakulär, wie die Presse gerne betitelt, aber immerhin: Die Forscher dachten bisher, dass die zum Ende des Dinosaurierzeitalters nördlich des Polarkreises in Alaska lebenden Entenschnäbel zu der bekannten und sehr häufigen Gattung Edmontosaurus (über die Jahrzehnte auch bekannt als Trachodon, Anatosaurus, Anatotitan und weitere) gehörten. Tatsächlich aber fanden neue Untersuchungen genug Unterschiede, um sie zu einem ganz neuen Dinosaurier aus der nahen Verwandtschaft von Edmontosaurus zu erklären: Buchstabensuppe Ugrunaaluk eben.
Er versucht auch grade, es auswendig zu lernen, daher der Gesichtsausdruck: Ugrunaaluk - Bild: James Havens

Er versucht auch grade, es auswendig zu lernen, daher der Gesichtsausdruck: Ugrunaaluk – Bild: James Havens


(K)Ein Wort zu Reker

Gestern kam es in Köln zu einem Anschlag, bei dem die OB-Kandidatin Henriette Reker (parteilos) und mehrere weitere Personen mit einem Messer verletzt wurden. Ich wollte dazu nichts schreiben, weil ich weder Reker kenne noch genug über Köln weiss. Nun tue ich es doch, weil mich der Umgang mit dem Thema teilweise erheblich stört.

Tatmotive und die Einzelfallerzählung

Die Tat hatte offenbar nach eigener Aussage des zum Glück direkt gefassten Täters fremdenfeindliche Hintergründe. Reker stünde als zuständige Dezernentin für nicht näher definierte Fehler in der Einwanderungspolitik. Und ganz ehrlich, das ist alles, was man hierzu wissen muss.
Diverse linke Multiplikatoren verbreiteten schnell die Nachricht, Täter Frank S. sei 1994 als Mitglied der später verbotenen rechtsextremen Partei FAP aufgefallen. Und mit Verlaub: Wenig könnte mir mehr am Arsch vorbeigehen, als was irgendein Nazi vor 21 Jahren gemacht hat. Das ist lang genug her, dass damals noch nicht mal geplante Menschen inzwischen die Volljährigkeit erlangt haben. Es ist für die Gegenwart schlichtweg irrelevant und eignet sich auch nicht als Ansatz für die Ursachenforschung, weil dafür in 21 Jahren in der Regel ganz einfach zu viel passiert.
Vielen wird diese Nachricht dennoch gefallen und das liegt an einem entscheidenden Ansatz gegenwärtiger Realitätsbildung: Die Einzelfallerzählung. Erzählungen (oder auch Narrative, selbes Wort in Latein) sind ein derzeit zentraler Ansatz in der Erklärung der Gesellschaft und hier sehen wir eine ganz große bei der Arbeit.
Immer, wenn eine als böse geltende Tat oder ein Unglück geschieht, wird dies zum Einzelfall erklärt, damit wir die Ursachen nicht in der Gesellschaft suchen müssen. Rassistische Einstellungen sind in den letzten Monaten mit erschreckender Geschwindigkeit alltagstauglich geworden. Das will aber keiner wahrhaben und damit wir die Augen verschließen können suchen wir für Frank S. dankbar Möglichkeiten, ihn als eine Person hinzustellen, die nicht in der Mitte der Gesellschaft stand. Doch auch wenn das bei diesem Menschen sachlich nicht falsch ist, dürfen wir nie vergessen: Seine Tat fand in einer Gesellschaft statt, in der Rassismus an allen Ecken zu finden ist. Zwischen „nicht falsch“ und „richtig“ liegen eine Menge Graustufen.
Die damit erfolgende Selbstreflexion der Gesellschaft schmeckt uns nicht. Wir halten lieber weiter die Illusion aufrecht, die jubelnde Massen an den Bahnhöfen zeigt. Da wurde in den Medien die deutsche Willkommenskultur gefeiert, während schon längst die ersten Asylbewerberheime brannten. Es war alles so unglaublich absurd. Und wer dergestalt einer Illusion erliegt merkt dann auch nicht, wenn er selbst zum Rassismus umschwingt, wie beispielsweise in diesen Wochen beim Focus zu beobachten. Man ist schließlich einer der Guten, man meint das ja nicht so. Das Geburtsmoment der Bigotterie.

Entpolitisierende Schockstarre

Ein Spezialphänomen bei Attentaten kommt noch dazu: Der Vorwurf der Politisierung. Das sieht dann beispielsweise so aus, gepostet als Bild bei Facebook:
reker-denkverbot
Man soll also aufhören, ein politisch motiviertes Attentat auf eine Politikerin politisch aufzuarbeiten und gefälligst an die Opfer denken. Hier gab es nun keine Toten, aber auch bei Toten taucht diese Forderung ständig auf. Es ist eine komische Pflicht, die ich seit dem 11. September 2001 wahrnehme: Trauert und haltet die Klappe, auch wenn ihr die Opfer nicht einmal vom Hörensagen kanntet.
Nennt mich sozial defizitär, aber: Trauer ist die Sache der Angehörigen. Meine Aufgabe als Mensch abseits der Ereignisse ist zu reflektieren, wieso so etwas passieren konnte und ob solche Ereignisse in Zukunft verhindert werden können. Und das ist zwangsweise politisch, erst recht, wenn es um ein in sich politisches Ereignis wie ein Attentat geht.
Die Beschäftigung mit solchen Dingen ist nicht Politisierung. Es ist schlichtweg Politik, denn es ist in solchen Fällen genau die Aufgabe der Politik, Ursachen und Gegenstrategien zu diskutieren. Es ist eine Pflicht der Politik, in solchen Situationen nicht in Schockstarre zu verfallen, sondern Lösungen zu diskutieren. Dafür haben wir die Politik!
Wir haben eine wachsende Zahl Rassisten, ja Neonazis, in der Mitte unserer Gesellschaft und dann kommt ernsthaft die Forderung, nicht zu politisieren? Die Gesellschaft hatte politische Arbeit schon lange nicht mehr so nötig wie grade jetzt.
Doch Schockstarre der Betroffenheit ist grade beliebter. Einfacher. Plus chic. More fashionable. Mode. Hübscher. Kameratauglicher.


Freitägliche Fünf 16.10.2015

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche voller Dinge, die ich gerne öfter sehe.

1. Stadtbaum

Das ist ein City Tree, eine Erfindung aus Dresden, die nun in Oslo (und schon etwas längeer in Jena) herumsteht. Das Problem ist bekannt: Bäume wachsen mit der Zeit und in den beengten Verhältnissen in der Stadt kann das mit der Zeit ein Problem sein. Hier in Mönchengladbach etwa haben wir seit einigen Jahren auszubaden, wie viele Bäume in den 70ern gepflanzt wurden ohne zu bedenken, dass diese mit der Zeit schlichtweg größer werden und dann Bürgersteige, Straßen und Häuser beschädigen können.
Nun sind die Städte gebaut und mal eben den Platz zu schaffen, um überall Bäume zu setzen (was nötig wäre, damit die Städte mittelfristig nicht überhitzen und versmoggen), ist kaum mehr möglich. Und genau da kann der City Tree als eine Option einspringen: Eine Mooswand, entworfen vor allem um Feinstaub zu filtern.

Bild: Green City Solutions

Bild: Green City Solutions


Ich denke allgemein, dass die Zukunft der Stadtbegrünung in die Höhe geht. Seien dies nun Fassaden- oder Dachbegrünung oder eben solche Lösungen. Nur so kann der Konflikt zwischen den ökologischen Zielen der Stadtverdichtung („Innen- vor Aussenentwicklung“) und der Stadtbegrünung gelöst werden.

2. Schreibtipp von Chuck Wendig

Während alle anderen einem erzählen, wie man Geschichten zu schreiben hat, gibt US-Autor Chuck Wendig den besten Schreibtipp überhaupt. Kurzgefasst:: Schreib nicht, was die Leute dir zu schreiben sagen, dann schreibst du nur das selbe wie alle anderen. Schreibe das Buch, das nur du schreiben kannst. Und scheiss auf die Regeln.

3. 8rad

Und hier ist das 8rad, das größte Transportfahrrad der Welt. Kurvt normalerweise in Berlin rum.

Platz? Da! - Bild: Icebike.org

Platz? Da! – Bild: Icebike.org


(Ja, Fahrräder werden zu einem roten Faden der Freitäglichen Fünfer)

4. Schaufelradrad

Und wo wir schon bei aussergewöhnlichen Fahrrädern sind:

5. Musik

Meine aktuelle musikalische Dauerschleife.


Freitägliche Fünf 09.10.2015

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche: Zweite Chancen für alles!

1. Kampfmais

kampfmais

2. Styropor ist gegessen

Mehlwürmer sind dank Bakterien in ihrem Darm in der Lage Styropor zu verdauen und das scheinbar schadlos. Das macht Styropor zu einem der ganz wenigen biologisch abbaubaren Kunststoffe. Da Styropor sehr verbreitet ist, ist das durchaus sinnvoll.
Interessant ist das auch für die Zukunft des Fleisches: Es gibt einen starken Trend, Insektenprodukte auf den Speisekarten der westlichen Welt zu etablieren. Noch ist das Untergrund, aber es wird ziemlich sicher bald größer werden. Mehlwürmer sind zusammen mit Heuschrecken ein großer Teil davon. Die Frage ist natürlich, ob es gesund ist, Mehlwürmer mit beigefüttertem Styropor zu essen. Aber das lässt sich ja rausfinden.
So oder so, besser als Verbrennung ist es auf jeden Fall.

3. Flash-Fiction-Finale

Ich habe zum zweiten Mal eine Flash Fiction im Wettbewerb bei Indies Unlimited eingereicht und sie ist wie schon die erste in die Endabstimmung gekommen. Hier ist sie:

Finalist ist übrigens nicht der Titel, der Beitrag ist nur ein Finalist in der Abstimmung. Wäre aber ein guter Titel

Finalist ist übrigens nicht der Titel, der Beitrag ist nur ein Finalist in der Abstimmung. Wäre aber ein guter Titel


Lieder hat sie nur den 2. Platz belegt. Allzu überrascht bin ich davon (leider) nicht, denn es war auch eine Geschichte von Zack Lester im Wettbewerb und der schafft es, jede Abstimmung dort zu gewinnen, in der er dabei ist. Ja, davon bin ich ganz ehrlich ein wenig genervt.
Naja, die Geschichte geht in meine englischsprachige Sammlung Glimpses und ich habe auch schon eine interessante Idee, wie ich diese ins Deutsche übertrage. Übersetzung als Event. Das wird lustig.

4. Neues Wort gelernt: Butyl

Fahrradschläuche gehören zu den Dingen, bei denen ich immer dachte akzeptieren zu müssen, dass sie als Restmüll enden. Aber nein: Schwalbe nimmt Fahrradschläuche zum Recycling zurück und stellt daraus wieder die Ausgangsstoffe für neue Reifen her.

5. Velomobil-Unikat aus Köln

Erinnert sich noch jemand an das Jeep-Velomobil vom Juni? Gestern fand ich bei ebay einen würdigen Nachfolger, gebaut für den Kölner Karneval und nun zum Verkauf. Sieht gut aus und ist laut. Und wahrscheinlich nicht straßentauglich, aber irgendwas ist halt immer.

Wer ihn haben will und 999 € übrig hat, kann ihn hier bei ebay finden und in Köln abholen.


Dino-Dienstag 29

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diese Woche mit vielen neuen Arten seit dem letzten Mal.

Pentecopterus

Pentecopterus - Illustration: Patrick Lynch, Yale University

Pentecopterus – Illustration: Patrick Lynch, Yale University


Aus Iowa stammt der älteste Großräuber der bekannten Erdgeschichte. Pentecopterus erreichte vor 500 Millionen Jahren etwa die Größe eines Menschen und gehörte zu den Seeskorpionen, einer Gruppe mariner Gliederfüßer, welche die Meere beherrschten, bevor große Raubfische diese Nische übernahmen.
Die Seeskorpione lösten in der Rolle als Spitzenräuber der Meere die seltsamen Anomalocariden ab, bei denen allerdings mittlerweile Hinweise auftauchen, dass sie gar keine Fleischfresser waren, sondern sich von Plankton ernährten. Anomalocariden lassen sich am ehesten als eine Mischung aus Krabben udn Handstaubsaugern beschreiben und ähnelten nichts, was heute noch lebt.

Homo naledi

Ein neues Familienmitglied ist aufgetaucht: Homo naledi aus Südafrika ist die südlichste bekannte Menschenart. Die meisten frühen Menschenarten breiteten sich vom Horn von Afrika nach Westen und Norden aus, H. naledi dagegen repräsentiert einen Zweig, der nach Süden wanderte.
Wirklich spektakulär war aber wohl die Bergung der Überreste. Knochen von H. naledi fanden sich in einer engen, tiefen und windungsreichen Höhle, weshalb Ausgrabungsleiter Professor Leo Berger per Internet Menschen suchte, die möglichst Erfahrungen im Erkunden von Höhlen haben.
Diese fanden sich und so wurden insgesamt 1.550 Knochen aus der Höhle geborgen. Interessanterweise fanden die Forscher Hinweise, dass die Verstorbenen absichtlich in die Höhle gebracht wurden.

Neue Spezies

Noch ein paar weniger spektakuläre neu entdeckte Arten sind in den letzten Wochen dazugekommen:

Desmatochelys padillai - Illustration: Jorge Blanco

Desmatochelys padillai – Illustration: Jorge Blanco


Mit Desmatochelys padillai haben Forscher die bisher älteste Meeresschildkröte gefunden. Interessant daran ist, dass die Schildkröte sich kaum von heutigen Meeresschildkröten unterscheidet, obwohl sie immerhin 120 Millionen Jahre alt ist, so alt wie die ältesten halbwegs modernen Vögel. Die Meeresschildkröten hatten ihre Blütezeit gemeinsam mit den letzten Dinosauriern, als sie Exemplare von der Größe einer Tischtennisplatte hervorbrachten. Sie sind die einzigen unter den Meeresreptilien dieser Zeit, die das Massensterben vor 65 Millionen Jahren überlebten und noch heute umherschwimmen, vermutlich, weil sie anders als die meisten Meeresreptilien nie aufgehört haben Eier zu legen, um lebende Junge zu gebären. So konnten die Eier ihre Eltern überleben, als in den Ozeanen praktisch alles ausstarb, was zu nah an der Oberfläche lebte.
Unter den richtigen Dinosauriern ist Horshamosaurus als Neuzugang zu vermelden. Leider wissen wir nicht viel darüber, wie dieser gepanzerte Dinosaurier aussah, da nur Wirbel erhalten sind. Wahrscheinlich ähnelte er den großen Ankylosauriern Nordamerikas und Asiens, mit denen er nahe verwandt war. Die Fossilien waren schon in den 80ern in England gefunden worden, aber für Überreste von Polacanthus gehalten worden. Erst jetzt zeigten Untersuchungen, dass die Knochen zu einer neuen Art gehörten, die wesentlich robuster gebaut war als Polacanthus.
Asien bringt mit Mosaiceratops einen neuen Ceratopier, in diesem Fall eine kleine Art ohne Hörner oder auffälligen Nackenschild, die stark den ersten Ceratopiern ähnelte, aber auch anatomische Merkmale der bekannten Riesen späterer Zeiten wie Triceratops aufweist (etwa die Zahnverteilung). Dieser auf den ersten Blick recht unspektakuläre Dinosaurier ist innerhalb der Ceratopier ein Missing Link, den bei diesen Tieren gibt es immer noch viele Lücken im Verständnis ihrer Herkunft. Ähnliches gilt auch für den südafrikanischen Sefapanosaurus, einen neuen Dinosaurier, der zwischen den berühmten langhalsigen Giganten des Jurazeitalters und ihren zweibeinigen Vorfahren steht, welche als erste Dinosaurier vergleichsweise riesige Formen erreichten.
Bleibt noch Ichibengops zu erwähnen, ein räuberischer Vorfahr der Säugetiere, der möglicherweise einen giftigen Biss hatte, eine Eigenschaft, die bei heutigen Säugetieren nicht mehr existiert. Entsprechend überraschend ist dieser Befund bei einem frühen Vorfahren der Säugetiere. Ichibengops lebte vor etwa 260 Millionen Jahren in Sambia und ist damit deutlich älter als die ältesten Dinosaurier.

Evolutionen

Neue Erkenntnisse dazu, wie genau etwas entstanden ist, erscheinen oft uninteressant, aber tatsächlich geben sie Einblick, wie die Evolution funktioniert. Sie zeigen, wie eine Form zur anderen wurde und stärken somit die Beweislage für die Evolution ebenso wie unser Verständnis von ihr. Ich schreibe dies, da es in den letzten Wochen zwei neue Forschungen in dieser Richtung gab.
Das eine ist eine Untersuchung, die zeigt, dass bei den Ankylosauriern erst die versteiften Schwanzwirbelsäulen entstanden und dann die großen Knochenkeulen an den Schwanzspitzen, für die viele der späteren Ankylosaurier bekannt sind
Für uns als Menschen viel interessanter sind natürlich die eigenen Verwandten. Bei unseren entferntesten eindeutig zuzuordnenden Verwandten, den Quastenflossern, gibt es hier ebenfalls Neuigkeiten. Wissenschaftler konnten anhand der Entwicklung im Wachstum der modernen Quastenflosser-Art Latimeria chalumnae nachweisen, dass deren Vorfahren in der Tat Lungen gehabt haben müssen. Diese bei Jungtieren noch vorhandenen Lungen verkümmern allerdings, wenn die Fische altern. Wahrscheinlich ist dies ein Grund, warum diese Quastenflosser das Ende der Dinosaurier überlebten während alle anderen Fische dieser Gruppe verschwanden: Sie sind Tiere der Tiefsee, ganz im Gegensatz zu den einst eher an den Küsten vorkommenden anderen Arten. Und es zeigt auch erneut: Die Evolution verläuft nicht in eine bestimmte Richtung.
Neue Organe wie Lungen können bei manchen Tieren neue Möglichkeiten eröffnen (die Eroberung des Landes), während sie bei anderen irgendwann wieder verschwinden, weil sie für ihren Lebensstil nutzlos sind.