Dino-Dienstag (vormals Paläo-Pfreitag) 7

Okay, ich dachte mir, dass der Paläo-Pfreitag eine gute Idee für diese Seite war und hebe ihn somit wieder aus der Versenkung. Nur ist Freitag grade ein etwas ungünstiger Tag, da ich neue Bücher tendenziell freitags oder samstags veröffentliche und das kann sich in die Haare kommen, weil ich ungerne zwei Beiträge an einem Tag ins Blog packe. Ausserdem ist Dino-Dienstag ein besserer Titel für die Serie.
Und ja, natürlich hängt diese Serie mit meiner Reihe Meilensteine der Evolution zusammen. Und ein bisschen auch damit, dass deren dritter Band nach vielen Verzögerungen diese Woche endlich erscheint.

Dieses kleine Scheisserchen hier

Kulindadromeus, Bild: Andrey Atuchin

Das possierliche Tierchen hier ist Kulindadromeus zabaikalicus, der erste zweifelsfrei gefiederte Dinosaurier aus der Gruppe der Ornithischia. Zur Erklärung, es gibt zwei Arten von Dinosauriern, die sich gleich zu Anfang aufspalteten: Saurischia (Sauropoden und Theropoden) und Ornithischia (so ziemlich alle anderen).
Bisher kannte man eindeutige Federn nur von den Saurischia, zu denen auch die Vögel gehören. Einige Ornithischia hatten Borsten am Körper, die primitiven Federn ähnlich gewesen sein könnten, aber es war nicht eindeutig. Es gab also lange Debatten darüber, ob Federn eine Besonderheit der Theropoden waren, oder ob schon der gemeinsame Vorfahr aller Dinosaurier Federn hatte, bevor sich die beiden Gruppen trennten. Hinzu kommt noch, dass die Flugsaurier ein Fell hatten, das ebenfalls dem Daunengefieder der Vögel ähnelte, nur dass die Flugsaurier sich bereits vor den ersten Dinosauriern von den Vorfahren der Dinosaurier getrennt hatten, obwohl sie immer noch entfernt verwandt waren.
Damit erbringt Kulindadromeus den lange erwarteten Beweis: Alle Archosaurier ausser den Krokodilen hatten bzw. haben ursprünglich eine Körperbedeckung aus speziellen Schuppen, die Haare oder Federn bildeten. Allerdings haben viele Gruppen von Dinosauriern diese später wieder verloren, wahrscheinlich als sie an Größe gewannen. Kulindadromeus selbst zeigt eine interessante Mischung aus beschuppten und gefiederten Bereichen am Körper.

Sah Spinosaurus ganz anders aus?
Spinosaurus, der seit Jursassic Park III wohl bekannteste Dinosaurier, über den wir kaum etwas wissen. Die wenigen Fossilien, die es von Spinosaurus gab, lagen im 2. Weltkrieg in München und wurden Opfer des Krieges.
Nun gibt es eine Ausstellung mit einer neuen Rekonstruktion auf der Basis neuer Funde aus Ägypten, die ab Oktober in Washington (D.C.) gezeigt werden sollen. Und das auf den Fotos in den Ankündigungen gezeigte Ergebnis ist scheinbar ein völlig anderes Tier als das, was wir bisher kannten. Das Segel war nicht rund und durchgehend, sondern formte zwei Buckel, die in der Silhouette den Buckeln eines Kamels ähnelten. Die Beine waren im Verhältnis zum Körper viel kürzer als bei allen anderen Theropoden.
Wenn sich das im Oktober als richtig erweist und nicht als bloßer Fehler im Werbematerial des Museums, wäre dies der zweite Dinosaurier, von dem sich innerhalb von 12 Monaten herausstellt, dass er völlig anders aussah, als wir dachten. Der erste war Deinocheirus, ein riesenhafter Verwandter des ebenfalls aus Jurassic Park bekannten Gallimimus.

Neuer Pterosaurier: Caiuajara

Caiuajara, Bild Maurilio Oliveira/Museu Nacional-UFRJ; CC-BY

Dieser neue Flugsaurier, den ich kurzerhand Cumbajamylord-o-saurus nenne, damit ich ihn ohne Knoten in der Zunge aussprechen kann, gehört zu einer aus Südameirka und Europa bekannten Gruppe, die alle so riesige Kämme auf ihren Schnäbeln hatten, den Tapejariden.
Cumbajamylord-o-saurus wurde in einer großen Gruppe von 50 Sauriern der selben Art entdeckt. Diie einzelnen Tiere waren verschieden alt und so konnte erstmals das Wachstum der Flugsaurier selbst sowie ihrer Schädelkämme untersucht werden. Dabei stellten sich zwei Dinge heraus: Zum einen hatten alle Exemplare einen Kamm auf dem Schädel, der mit dem Alter wuchs, es gab also keinen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen (anders als etwa beim in Staksigen Schrittes vorgestellten Nyctosaurus). Zum anderen hatten selbst die kleinsten Jungtiere die selbe Anatomie wie die Erwachsenen – sie konnten wahrscheinlich von der Schlupf an fliegen. Das ist etwas, was es bei den Vögeln nicht gibt, dort können selbst die Nestflüchter zwar von Anfang an laufen, aber nicht sofort fliegen. Mit Flügeln aus Haut ist das einfacher zu erreichen als mit solchen aus Federn.
Zudem ist Caiuajara der bislang am weitesten südlich (Südbrasilien) Tapejarid und mit einem Alter von 85 Millionen Jahren der letzte bekannte Vertreter dieser Gruppe.

Wie das Leben vor dem Leben lebte
Bevor die Welt mit jenen Arten von Lebewesen gefüllt wurde, die wir heute kennen, herrschte eine seltsame Gruppe von Tieren (?) über die Ozeane: Die Rangeomorphen und die sie umgebende vendische oder Ediacara-Fauna. Tiere, die im Grunde wuchsen wie Pflanzen. Lange galt als rätselhaft, wie diese Tiere lebten und vor allem, wie sie sich ernährten.
Computersimulationen geben neue Hinweise darauf: Die einmalige Wuchsform der vendischen Lebewesen führte dazu, dass sie im Vergleich zu ihrer Größe gewaltige Oberflächen hatten, mit denen sie Nährstoffe aus dem Wasser um sie herum filtern konnten. Da es damals noch keine Tiere gab, die aktiv nach schwimmender Nahrung suchten, konnten sie sich einfach von der nährstoffreichen „Supper“, die damals die Ozeane füllten, umspülen lassen.
Als dann die ersten Tiere nach heutigem Verständnis (Quallen, Würmer) auftauchten, fanden die Rangeomorphen schlichtweg keine Nahrung mehr, weshalb sie recht schnell wieder verschwanden.

Neuer Ankylosaurier aus China
China hat einen neuen Ankylosauriden, ein Tierchen namens Chuanqilong chaoyanengis. Das ist auch schon so ungefähr was man zu ihm sagen kann. Chuanqilong ist ein früher Ankylosaurier, mittelgroße Dinosaurier mit schwerer Panzerung und einer Knochenkeule am Ende des Schwanzes, die wahrscheinlich zur Verteidigung diente. Diese Knochenkeule fehlt bei Chuanqilong, trotzdem gilt er als primitiver Ankylosaurier und nicht als ein Vertreter der nahe verwandten Nodosaurier, die ebenfalls keine Schwanzkeule hatten.
Die Thyreophora, welche Ankylosaurier, Nodosaurier und Stegosaurier umfassten, waren in Asien recht häufig.

Unverschämte Werbung
Gefiederte Dinosaurier wie Kulindadromeus sind Thema des Ende des Monats erscheinenden Bandes Schwarzer Schwinge in der Reihe Meilensteine der Evolution. Die vendische Fauna wird im für diesen Winter geplanten Band Giftigen Grundes vorgestellt.
Bereits erschienen ist der Band über Flugsaurier, Staksigen Schrittesamazon, auch wenn Caiuajara selbst ein paar Millionen Jahre zu früh gelebt hat, um es dort hineinzuschaffen (es geht in dem Band um das Aussterben der Flugsaurier).


Neues eBook: Introduction

Diesen Monat habe ich mal was neues probiert und erstmals an der Eight Hour Challenge teilgenommen.
Bei dieser geht es darum, innerhalb von acht Stunden ein eBook zu schreiben, zu korrigieren, veröffentlichungsbereit zu machen und zu publizieren (Zeit der Überprüfung durch den Verkäufer nicht eingeschlossen). Die ursprüngliche Idee stammt von Joe Konrath, aber Scott Gordon hat daraus jetzt eine (voraussichtlich) regelmäßige Veranstaltung gemacht.
Für die letzte Challenge erfuhr ich etwas zu spät davon, aber diesmal passte es und schrieb ich in unter acht Stunden diese kleine Tour durch die schwimmende Stadt Pacifica mit den Augen des chinesischen Neuankömmlings Chang Wu auf dem Weg zu seinem Bewerbungsgespräch. Er weiss, dass er in der Botschaft arbeiten soll und dass dies mit seinem akademischen Hintergrund zu tun hat, aber aufgrund der Geheimhaltung von Pacifica in dieser Sache nicht, was genau seine Aufgabe ist.

Pacifica ist ein großer Topf Ideen, zusammengeschmolzen zum Bild einer Stadt, wie es sie heute nicht gibt. Als Handlungsort spukte sie mir schon eine ganze Weile im Kopf herum, zunächst als Atlantis, dann aufgrund der besseren Voraussetzungen im Pazifik. Die Stadt nimmt in meiner Vorstellung von 2028 bis etwa 2100 Form an, absorbiert dabei die technologischen Fortschritte dieser Zeit und bildet einen Ort ständigen Wandels, angetrieben und befüllt von Kreativität, Innovation und Dingen, die nur an einem solchen Ort ohne Geschichte gefunden werden können. Und nur ein kleiner Teil davon, die Situation der Stadt im Jahre 2061, findet in dieser Geschichte Niederschlag. Das Bild einer Stadt, die langsam eine Geschichte erhält und zugleich eine neue Zukunft baut.
Als Kurzgeschichte von nur 2.100 Wörtern (etwa 2.400 mit Impressum und dem ganzen Kram) ist Introduction näher an dem, was ich in der Schule als Kurzgeschichte kennen gelernt habe, als an dem, was heutzutage unter dem Begriff läuft: Sehr kurze Episoden aus der Welt, die komplett auf das Ende als eigentlichen Inhalt der Geschichte ausgerichtet sind. Alles davor ist der Aufbau einer Welt und einer Situation, die dem Ende Kontext verleiht, in manchen Fällen, wie hier in der Science-Fiction, auch Plausibilität.
Zugleich implizieren die hier vorgefundenen Dinge und Ereignisse so viel über den Rest der Welt, dass ich eine einzige große Spielwiese für Science-Fiction-Ideen erhalte. Was ist mit Alt-Venedig passiert? Wie hat Italien und Europa reagiert? Was hat es mit den Hunden auf sich? Oder mit der Strickleiter zu den Sternen? Wer ist/war Laetitia Färber? In dieser Geschichte ist spekulativer Spass für Jahre angelegt!

Unzufrieden bin ich offen gestanden mit dem Cover. Dass ich das Projekt letztlich mit einem so langweiligen Cover abgeschlossen habe liegt daran, dass ich ganz einfach kein brauchbares Motiv gefunden habe. Das war etwas frustrierend. Ich hoffe, ich finde später noch ein Motiv und werde das Cover dann ersetzen.
Theoretisch sollte es möglich sein, ausreichend subtil mit grafischen Elementen auf das Ende hinzuweisen, aber ich habe auf die Schnelle nichts gefunden, was das Ende nicht gleich komplett verraten würde. Schon während des Schreibens war mein größtes Problem, das Ende nicht bereits im Dialog zwischen Chang Wu und seinem Interviewer Aldo Esposito zu verraten. Ich denke, das ist ein Problem, das ganz einfach mit dieser Art Geschichte einhergeht, vor allem als eigenständige Veröffentlichung.

Alles in allem habe ich an dieser Veröffentlichung fünf Stunden gearbeitet, davon vier für die Geschichte. Ich denke, zukünftige Beiträge zur Challenge werden länger sein, jetzt, da ich den zeitrahmen etwas besser kenne und weiss, dass Luft nach oben ist. Eine noch kürzere Geschichte als diese würde ich auf jeden Fall kostenlos anbieten wollen, 2.100 Wörter ist so ziemlich das absolute Minimum, für das ich mich wage, Geld zu verlangen.

Das Einstellen bei Amazon lief wie immer gut und flüssig.
Etwas Sorgen hatte mit Smashwords gemacht. Ich habe noch nie zuvor bei Smashwords veröffentlicht und viel beunruhigendes über den Meatgrinder gehört. Der Meatgrinder (deutsch: Fleischwolf) ist ein Programm, mit dem Smashwords seine Dateien für den Verkauf erzeugt. Anders als Amazon, wo ich eine praktisch fertige Kindle-Datei einreichen kann, nimmt Smashwords eine Word-Datei und erzeugt daraus die diversen eBook-Formate.
Der Meatgrinder ist berüchtigt dafür, beim geringsten Formatierungsfehler in der Word-Datei die Annahme zu verweigern. Innerlich war ich also darauf vorbereitet, gestern nacht zwei oder drei Versuche durchspielen zu müssen, um die Geschichte hochzuladen. Und dann: Erfolg beim ersten Versuch, die Datei wurde sofort konvertiert und zum Verkauf übernommen. Sie wartet jetzt auf Freigabe für den Premium-Vertrieb, was bedeutet, dass das eBook bei erfolgreicher Überprüfung dann auch bei anderen eBook-Verkäufern wie Kobo, Barnes & Noble und iBooks erhältlich sein wird.

Hier erstmal die Links, die bisher verfügbar sind, die weiteren trage ich dann in der englischen Bücherliste nach, wenn sie kommen:
Smashwords (Formate ePub, Mobi/Kindle, PDF, LRF, RTF, PDB, TXT sowie zum online lesen)
Amazon.de (Kindle)

Zur Erinnerung für die Newsletter-Abonnenten: Ihr bekommt heute noch einen Coupon für Smashwords ;-)

Und damit auf zum nächsten Projekt: Schwarzer Schwinge ist so gut wie fertig, es fehlen noch etwa 4.000 Wörter plus ein Tag für den letzten Schliff am Text. Damit werde ich es erstmals schaffen, in einem Monat zwei Projekte fertigzustellen, vorausgesetzt, ich breche mir nicht plötzlich beide Hände. Und die Füße. Und den Hals, dass ich nicht mal mehr mit der Nase tippen kann. Oder… lassen wir die Szenarien, ich mach einfach.
Meine aktuell neu gefundene Produktivität in eigener Sache bringt grade so einen schönen Enthusiasmus-Schub mit sich, den muss ich nutzen. Also, Schwarzer Schwinge in den sieben verbliebenen Tagen des Monats minus je einem Tag fürs Korrigieren und Publizieren? Das pack ich. Tschakka!


Die 2. Internetrevolution und das Buch

Okay, jetzt, da die Arbeiten an der Blogtechnik durch sind ist es an der Zeit, den Artikel zur Zukunft des eBooks fortzusetzen. Letztes Mal ging es darum, warum enhanced eBooks ein völlig überhyptes Konzept sind. Und um Videospiele und Visual Novels als mögliche Zukunft für das Erzählen von Geschichten in der digitalen Welt. Diesmal geht es darum, wie die Medienrevolution dort, wo sie wirkt, stärker wirkt als allgemein gedacht.

Kurz zur Überschrift: Ich gehe momentan davon aus, dass das Internet (mindestens) drei Wellen von Revolution mit sich bringt. Die mit der Durchsetzung des Smartphones weitgehend abgeschlossene Revolution der Kommunikation, die laufende Revolution der Medien (MP3, eBook, Streaming) und die sich für die zweite Hälfte des laufenden Jahrzehnts abzeichnende Revolution der Warenproduktion (3D-Drucker). Durchaus möglich, dass weitere folgen, aber ich kann nicht sagen, welche. Schon die vorliegenden Revolutionen sind tiefgreifend genug, um die Zivilisation an sich für immer zu verändern – sie tun genau dies bereits.

Das mag groß klingen. Doch es ist eine nötige Denkweise, denn die bisherige Erfahrung mit dem Internet zeigt vor allem eines: Wir denken zu klein. Und die Entwicklung des Buches ist dafür ein schönes Beispiel: Dort, wo Text sinnvoll von interaktiven Möglichkeiten profitiert, bringt dies keine verbesserten Bücher hervor, es führt zur Loslösung des Textes vom Buch, zu völlig neuen Medien. Weiterlesen »


Interna: Renovierungsarbeiten 08/14

Es ist mal wieder an der Zeit, ein wenig am Erscheinungsbild des Blogs zu schrauben. Das Blog geht mit meinem Leben und wenn sich dies ändert, macht das Blog das auf die ein oder andere Weise mit.

Konkret wird es in Zukunft einen stärkeren Fokus auf die Schriftstellerei und Themen rund um eBook und Buch geben. Während ich nun anstrebe, mich als Autor deutlich zu professionalisieren, hat dieses Blog damit neue Funktionen zu übernehmen und neue Schwerpunkte zu setzen.
Die grundsätzliche Gestaltung der Seite werde ich behalten, ich finde sie immer noch ansprechend und passend. Allerdings gibt es da ein paar Fehler im Code, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind und die ich ausbügeln werden muss. Durchaus denkbar, dass ich 2015 ein komplett neues Theme baue, diesmal wieder aus eigener Hand. Doch das ist noch weiter hin.

Hier ist, was in den nächsten Tagen passieren wird:

  • Das Werbebanner oben rechts wird ersetzt durch einen deutlichen Hinweis auf eine Übersicht meiner Bücher, für die eine neue Seite dazukommt.
    Ich habe lange überlegt, wie ich angemessen auf meine Bücher hinweisen kann, vor allem wenn sie in Zukunft auch auf anderen Plattformen als Amazon erscheinen. Das Ergebnis sieht so aus, eine eigene Seite für die Bücher mit den Covern und Links zu allen Verkaufsstellen der eBook-Ausgaben (sowie bei Print zu einigen ausgewählten Shops, sobald es Printausgaben gibt).
    Die andere offene Frage war, wie ich auf diese Seite hinweise, ohne dass sie quasi unsichtbar wird. Dafür werde ich in Zukunft den Platz nutzen, auf dem sich momentan ein adf.ly-Banner befindet. Das externe Werbebanner lohnt sich sowieso nicht, da habe ich mehr davon, meine eigenen Produkte zu bewerben.
  • Sobald das umgesetzt ist, verschwindet auch die Übersicht der Bücher in der rechten Seitenleiste. Spätestens bei mehr als zehn Einträgen wäre sie zu umfangreich geworden, ausserdem kann ich in diesem Format nur einen Link pro Buch setzen (eben zu Amazon), ich will aber in Zukunft auch andernorts veröffentlichen und gedruckte Ausgaben ergänzen.
  • Den jetzigen Platz der Bücherlinks nimmt dann ein neues Feature ein: Ein kleiner Graph, in dem ich meine täglichen Schreibziele (500 Wörter am Tag) verfolge. Ich muss ehrlich sagen, das ist mehr ein Feature für mich, um mir mit der Öffentlichkeit dieses Graphs auch selber etwas in den Arsch zu treten.
  • Die Werbebanner unten rechts verschwinden ersatzlos.
  • Sobald ich mein Fiverr-Profil fertig habe denke ich mir noch etwas aus, wie ich das von hier aus verlinke.
  • Ein paar technische Fehler des Blogthemes sind auszubügeln, vor allem die teilweise englischen Beschriftungen bei automatisch erzeugten Textbausteinen und die Tatsache, dass bei Ergebnissen von Suchanfragen die Artikelauszüge aus irgendeinem Grund ohne Titel und Link zum gefundenen Artikel daherkommen. Letzteres ist schon ein grober Fehler und dass der so bei einem Theme eines kommerziellen Anbieters auftritt ist Grund genug, zukünftige Themes wieder selbst zu gestalten.

Also, alles in allem werde ich einen stärkeren Fokus auf das Schreiben legen und auf das, was ich selbst zu verkaufen habe und alles rausschmeissen, was andere zu verkaufen haben (ausser ich habe einen persönlichen Bezug dazu, etwa bei Büchern von Freunden und Bekannten).

edit: So, jetzt hab ich auch noch eben Seitenzahlen eingeführt, das Social-Media-Plugin durch ein deutlich moderneres ausgetauscht, Bilder werden jetzt im Overlay vergrößert und die Blogroll ist geteilt. Der Graph kommt noch morgen früh, dann war’s aber auch mal genug.


Mythos Enhanced eBook

Mal wieder läuten die Glocken vom Ende des traditionellen eBooks, angeblich sterben die ePaper-Lesegeräte zu Gunsten von iPads und iPhones. Verursacher diesmal: „Enhanced eBooks“, also eBooks, die mehr als nur Text und Bilder bieten – etwa Ton, eingebettete Videos und interaktive Elemente.
Nun, ich habe meine Zweifel an der Wahrheit der These, dass klassisch-buchartige eBooks in absehbarer Zukunft ersetzt werden. Ich könnte lange ausführen, wie beispielsweise Romane in den letzten 100 Jahren eine beständige Entwicklung hin zu weniger Zusatzmaterial wie Bildern hatten, nicht zu mehr und wie dies das Erlebnis des Lesens eines Romans verbessert hat. Oder wie viel angenehmer Lesen auf ePaper im Vergleich zu einem Display ist.
Aber ich finde einen anderen Aspekt viel interessanter: Die Geschichte der Zukunft des Buches.

Was Behauptungen von der Zukunft des Lesens gerne übersehen ist, dass es nicht nur eine Sorte Bücher gibt und dass Sachbücher, Fachbücher, Romane, Comics, Biografien und etliche andere Formate alle unterschiedliche Anforderungen und auch völlig unterschiedlichen Nutzen von verschiedenen technischen Fortschritten haben. Aber bisher hat sich immer gezeigt, dass der Vorgang des Lesens einer Geschichte sich nicht ändern ließ. Lasst mich euch durch 40 Jahre (nahezu) ausgebliebener Medienrevolution führen. Weiterlesen »


Rock HQ

Kommen wir zu einem Thema, in dem ich vollständig aussen vor bin: Rock HQ bzw. das ehemalige „Rock am Ring“ im ehemaligen JHQ.
Aussen vor bin ich, weil mich persönlich Festivals nicht groß interessieren. Dass ich es zudem mit Lokalpatriotismus nicht so habe, ist hie rim Blog ja schon bekannt, daher ist es mir auch recht wurscht, ob es nun nach MG kommt oder woanders hin.
Ich sehe mich somit als einigermaßen neutral: Festival völlig okay und ich freue mich, wenn Leute da hin gehen und feiern können, aber man sollte es eben als genau das betrachten: Eine Veranstaltung, die einen Ort braucht.

Essenziell dafür sind zwei Dinge. Erstens, dass der Ort geeignet ist, also beispielsweise Zu- und Abfahrten sowie sonstige Infrastruktur vorhanden sind. Das wird beim JHQ eng, geht aber noch so grade eben, wenn man ein paar Milliönchen investiert, die nie direkt zurückkommen müssen. Das ist in Ordnung, es liegt im Wesen einer Stadt als nicht-privatwirtschaftlicher Einrichtung, auch mal wissentlich Geld ausgeben zu können, dass sich nicht lohnt. Sonst wäre sie eine GmbH, keine Stadt.
Das setzt natürlich voraus, dass die betreffende Stadt dieses Geld auch besitzt, aber übergehen wir dieses kleine Problem mal eben.

Das andere ist, dass der Ort die Veranstaltung auch ertragen kann. Und hier kommen wir zu einem echten Problem.
Das JHQ liegt auf dem Gelände des abgeholzten Rheindahlener Waldes und grenzt an die letzte verbliebene große Waldfläche im Stadtgebiet (Hardter Wald) sowie an bedeutende Schwalm-Zuflüsse mit empfindlichen Biotopen. Nicht ohne Grund finden sich hier Naturschutzgebiete, teilweise mit dem Quellgebiet des Hellbaches solche der höchsten überhaupt vorhandenen Schutzstufe diesseits des Nationalparks.
Es sind also Hunderte in der regel gut angeheiterte Festivalbesucher daran zu hindern, in die empfindlichen Naturschutzgebiete zu pinkeln. Wenn einer sich dort mal erleichtert ist das kein Problem, klar. Aber hier ist der Punkt: Das ist nicht nur einer. Ich glaube, so mancher ist sich noch gar nicht bewusst, wie viel Dreck 100.000 Menschen (insbesondere Zelt-Camper mit ihren Konserven und Getränkedosen) machen, selbst in nur drei Tagen. Aber da es da draussen ja keiner sieht, muss man auch nicht dran denken. Denn dreckig ist immer nur da, wo man es sieht.
Aber wen interessiert das schon, schließlich wird mit dem Versprechen von Ruhm und Reichtum für die Stadt um sich geworfen. Wen interessiert da schon diese doofe Umwelt?
Ach ja, Parken müssen die Besucher übrigens auch irgendwo. Freut euch schonmal darauf, wie das Schrumpfen des Hardter Waldes weitergeht, diesmal um einer trostlosen Abstellfläche à la Nordparkparkplatz zu weichen. Und das alles für drei Tage Festival im Jahr.

Und was hätte MG verloren, wenn das Festival andernorts statt findet? Eigentlich nichts. So groß ist die Bedeutung eines solchen Festivals für eine Stadt nicht, wie sie derzeit geredet wird. Wenn ein Dorf wie Wacken für ein paar Tage das tausendfache seiner Einwohnerzahl empfängt, das ist natürlich ein Faktor. Ich bezweifel nur, dass das Rock HQ mit den für vergleichbare Bedeutung nötigen 20 Millionen Besuchern aufwarten kann.
Also, warum ausgerechnet dort?

Warum nicht zB in die Braunkohlengrube? Das ist noch nicht einmal boshaft gemeint, ich kann mir vorstellen, dass der Sound in der Grube absolut großartig ist, wenn man die Topografie richtig einbaut. Oder auf den Elmpter Militärflughafen, der ohnehin größer ist als das JHQ und auf dem daher alles ginge ohne neues Land zu plätten. Von Mönchengladbach sind es nach Elmpt nur ein paar Minuten, selbst mit dem Fahrrad keine Stunde. Wir hätten nichts verloren, selbst auf der Werbung fürs Fest stünde weiter Mönchengladbach, ähnlich wie beim Fantasialand immer Köln draufsteht, damit jemand das jeweilige Dorf auch einigermaßen auf einer Landkarte findet.


Die zwei Arten schlurfender Horden: Zombies und Flüchtlinge

Dieses Blog hatte in letzter Zeit viel zu viele anspruchsvolle Namen in den Prämissen der Artikel. Das geht so nicht, also geht es heute um Zombies und was genau die als literarisches Modell eigentlich repräsentieren. 61,5% aller Zombiefilme stammen aus dem 21. Jahrhundert und da stellt sich schon die Frage, warum Zombies so populär geworden sind. Sie sind ja nun beileibe kein neues Motiv.

Die bekannte Erklärung, Zombies stehen für den Konsumwahn dürfte auf Romeros Nacht der lebenden Toten beschränkt sein, ist also kein Ansatz: Weder ältere Zombiefilme wie Plan 9 from Outer Space, noch Romeros eigene Fortsetzung Zombie enthalten Verweise auf den Kapitalismus. Tatsächlich wage ich zu behaupten, Nacht der lebenden Toten war der einzige Zombiefilm, der jemals diese Bedeutungsvariante genutzt hat und selbst dort war so eher halbgar.

Benjamin Reeves kommt bei Medium aufgrund der oben angedeuteten Statistik zu dem Schluss, dass Zombies eine Verkörperung des Terrors sind. Zombies seien gefühllos, bewusstseinslos und töten jeden, der ihnen zu nahe kommt. Das klingt schon wahrscheinlicher, aber es passt noch nicht zu 100%. Wahrscheinlich hat er in Bezug auf einige Werke aber Recht.

Vor einigen Tagen fiel mir bei der Recherche von Titeln für eBooks für lau das Cover des links eingeblendeten eBooks (ja, böser Amazon-Link, ich weiss, ist halt ein Kindle-Buch) auf. Sieht ziemlich genau aus wie ein typischer Zombie-Titel, nicht wahr?
Doch dieses Buch hat keinen Bezug zum Zombie-Thema, es ist die autobiografische Erzählung einer Frau, die als Palästinenserin nach Israel gekommen und daraufhin nirgendwo mehr als Mitbürgerin akzeptiert wurde. Und ihr Cover sieht aus wie das einer Zombie-Geschichte. Was mich zu der Überlegung bringt: Sind Zombies Flüchtlinge? Gar Moslems?

Sind Zombies Flüchtlinge?
Die typische Zombie-Szene sieht immer wieder gleich aus: Hunderte, wenn nicht tausende, abgemagerter Kreaturen füllen die Straßen und drücken sich von Hunger und Verzweiflung getrieben gegen Zäune und Fenster. Sie lungern stöhnend an der Grundstücksgrenze. Findet einer einen Eingang ins Grundstück, strömt eine ganze Flut weiterer Zombies diesem ersten hinterher. Sie sind hungrig und verseucht, tragen Lumpen und sind zu jeder Kommunikation unfähig. Wir kennen dieses Bild aus genau einem anderen Kontext: Es entspricht populären bis populistischen Darstellungen von Einwanderergruppen in die reichen Staaten des Nordens. In Nordamerika mit Zaun aus Mexiko, in Europa über das Mittelmeer aus Afrika. Das Bild des Einwanderers ist jenes eines anonymen Mitglieds einer Masse von Einwanderern, die halbverhungert und in Lumpen gekleidet an unsere südlichen Grenzen treffen und sie ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben zu überwinden suchen. Sie stammen aus Ländern voller schrecklicher Seuchen und wenn sie überhaupt sprechen, so ist die Kommunikation sinnlos, weil sie nicht unsere Sprache sprechen.
Die sich angegriffen fühlenden verstärken ihre Grenzen, bis hin zum Versuch, jeden unerwünschten, der sich der Grenze nähert, zu erschießen.
Denn wenn sie es über die Grenze schaffen, überrennen sie uns und fressen uns auf. Xenophobe Darstellungen von Flüchtlingsströmen und der uns inzwischen vertraute Filmzombie sind in ihrem Erscheinungsbild praktisch identisch. Ich bin daher recht sicher, dass der (heutige) Zombie als Motiv einen xenophoben Kern hat.
Das wichtige hierbei ist, dass dieser Zusammenhang nicht bewusst konstruiert ist, solche Bilder stammen aus dem Unterbewusstsein. Man wird immer wieder in den Medien mit dem Bild von an Zäunen drängenden Horden gefüttert und irgendwann beginnt man, diese Ikonografie in andere Kontexte zu übertragen. Das gefährliche an solchen Dingen ist, dass sie sich auf diese Weise einschleichen – niemand entscheidet sich bewusst, xenophobe Motive zu verwenden oder gar xenophob zu werden. Bewusst dürfte nur die Entscheidung sein, dass Zombies eine hervorragende Bedrohung abgeben. Die meisten Regisseure und Produzenten von Zombiefilmen dürften weit davon entfernt sein, Ausländerfeinde zu sein. Das ist der Grund, warum man als Künstler immer hinterfragen muss, ob man mit seinem Werk grade das tut, was man glaubt zu tun.

Sind Zombies Moslems? Oder der Islam?
Reeves stellt in seinem Artikel den Zusammenhang zu 9/11. In Verbindung mit ein paar Elementen moderner Zombies, welche nicht durch die reine Einwanderer-Analogie erklärt werden können drängt sich daher der Verdacht auf, dass Zombies Muslime sind.

Hier ist mein Bezugspunkt zu der ganzen Sache: Eines meiner im Hintergrund laufenden Projekte ist eine Zombie-Geschichte. Die Zombies dienen dort als Metapher für eine Reihe von Dingen, darunter eben Religion. Zombies können ihre Opfer zu einem der ihren machen, sie können sie konvertieren. Sie haben das mit den in den letzten Jahren ebenfalls extrem populären Vampiren gemein, die aber leider von Stephenie Meyer ruiniert wurden und somit den Zombies das Feld überließen.
Und bei den Zombies wird man nicht etwa ein Sklave wie es bei den als Kommunismus-Metapher dienenden Ausserirdischen der 50er war, man wird selber ein Zombie unter anderen Zombies. Werde ein Zombie oder verlier dein Leben, das sind die Alternativen, die ein Opfer der Zombie-Apokalypse hat. Das ist populistischen Darstellungen des Islam sehr nah. Und tatsächlich findet man die meisten Zombiefilme in den beiden Ländern, in denen die Diskussion um die „Islamisierung“ am größten ist: England und die USA.

Und sonst so?
Zombies können als Metapher für viele Dinge stehen. Grade in Verbindung mit Mediengläubigkeit taucht der Vergleich sehr oft auf. Insofern steht nicht annähernd jedes Zombiebild irgendwie in einem xenophoben Kontext. Und vielleicht ist es ja auch umgekehrt so, dass unsere Darstellung von an Grenzen und Zäunen auflaufenden Menschenmassen von Zombies inspiriert ist, nicht umgekehrt.
Ich meine nur, dass es wichtig ist, alle möglichen Assoziationen eines genutzten Bildes zu reflektieren und zu überlegen, was man da auch unbewusst auslöst oder mitträgt. Das Bild der Zombiehorden vor Tor/Zaun/Mauer birgt einen Beigeschmack der Einwanderungsdebatte, dem wir uns bewusst sein sollten.
Was wir mit diesem Bewusstsein dann machen, ist jedem selbst überlassen.


Leben mit Wittgensteins Löwen oder: Religion und ich

Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit wieder häufiger mit dem Thema Religion konfrontiert zu werden. Dafür gibt es diverse Gründe, wobei in meinem Fall aufgrund meiner politischen Verheimatung die überaus unglückliche Wahl der stark missionarisch auftretenden Katrin Göring-Eckhardt zur Grünen-Spitzenkandidatin ein besonders konstanter und besonders lästiger Umstand ist, da es schwer ist, ihren für mich persönlich beleidigenden Aussagen zu entgehen. Später im Text mehr hierzu, vorerst so viel: Ersetzt jedes Mal, wenn G-E vom Glauben bzw Atheismus spricht, diese Begriffe durch Hetero- bzw. Homosexualität und vielleicht wird euch klar, wie ihre Aussagen für mich klingen.
Ich bin religiöser Analphabet. Und ich komme zunehmend zu der Erkenntnis, dass dies eine nicht haltbare Position ist. Doch auch dazu später mehr, zunächst einmal zu meiner Geschichte betreffs Religion bis zu diesem Punkt.

Es ist schwierig, die Herkunft des Begriffs „religiöser Analphabet“ nachzuvollziehen, hauptsächlich, weil er immer wieder mit sehr verschiedenen Bedeutungen auftritt. Er scheint aus der Jahrtausendwende zu stammen, aber die Grundidee verkörpert kein Bild so gut wie Ludwig Wittgensteins Löwengleichnis: „Wenn der Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.“
Wittgensteins Verhältnis zur Religion war kompliziert und es ist durchaus möglich, dass er diesen Satz (bewusst oder unbewusst) aus der Erfahrung des Lebens als Areligiöser in einer Welt voller religiöser Menschen geboren hat. Dass der Löwe spätestens seit dem Mittelalter als Symbol des Christentums präsent ist, ist hier wohl ein glücklicher Zufall.
Es ist einfach ein so perfektes Bild für das Erleben von Religion durch die Augen und Ohren von Menschen wie mich.

Die einfache Tatsache hier ist jene, dass ich nie religiös geworden bin. Ich wurde evangelisch getauft, weil man das halt so macht. Danach hatte ich keinen Kontakt mehr zu irgendeiner Religion, bis zu meiner Einschulung war da schlichtweg nichts. Und bis dahin war es bereits zu spät. Als ich schließlich in der (katholischen) Grundschule erstmals in nennenswerten Kontakt zum Christentum kam, ordnete ich dieses ohne Zögern in einen mir bekannten Kontext ein: Die Märchen der Gebrüder Grimm.
Nun war das Thema damit nicht abgehakt, hatte ich doch die meiste Zeit in der Schule Religion als Unterrichtsfach. Das Ersatzfach Philosophie erschien mir genauso unsinnig und so kam ich nie auf die Idee, nicht in Religion zu gehen. Ich wurde recht gut im Zweifeln und im Hinterfragen religiöser Inhalte, was meinen Lehrern gefiel und Reli zu dem Fach mit meinen besten Noten zu machen (gefolgt und in einigen Jahren übertroffen nur von Bio).
Ich ordnete mich als Atheist ein, sobald ich das Wort erlernte, ließ die Konfirmation über mich ergehen, wieder weil sich das so gehörte (und die Geldgeschenke üppig waren) und trat schließlich beim Amtsgericht aus der Kirche aus, bevor ich auch nur meinen ersten Pfennig verdient hatte. Bis dahin war Religion als Unterrichtsfach präsent, aber nie als Überzeugung oder Vorstellung irgendeiner Art. Es blieb mir fremd, wie irgendjemand in religiösen Texten irgendetwas anderes als Märchen sehen konnte und mit zunehmendem Alter wurde es mir noch fremder, wie selbst Erwachsene an dieser komischen Idee festhielten, es gäbe so etwas wie einen Gott. Ein Gott zudem, der mir zunehmend überflüssig erschien, ohne Platz im real existierenden Universum, wie es die Wissenschaftler ergründeten und wie wir es jeden Tag um uns herum sehen konnten. Mein Bild von Gott wurde zu einer anderen Formulierung von „Keine Ahnung“, er saß überall dort, wohin die Wissenschaft noch nicht vorgedrungen war, nicht weiter als ein lückenbüßerisches Phantom.

Ich versuchte zu verstehen, warum Gläubige an diesen Gott glaubten, doch alle Erklärungen, die ich bekam, drehten sich entweder im Kreis, blieben oberflächliches Geschwafel oder im besten Fall noch irgendwelche persönlichen Gefühlserlebnisse, die ich nicht nachvollziehen konnte („Ich spüre Gottes Dasein tief in mir“ und ähnliche Nullaussagen). Ich nahm am (nicht mehr existenten) Religionsforum teil und am Freigeisterhaus, wurde in beiden Moderator und versuchte, die Denkwelt der religiösen Mitglieder zu verstehen. Ich scheiterte vollständig und begriff irgendwann, dass dies eine fremde Welt ist, zu der ich keinen Zugang finden konnte.
Auf die Identifikation als Atheist folgte mit Erlernen der jeweiligen Begriffe jene als Agnostiker, dann Ignostiker und schließlich das heutige Bekenntnis zum religiösen Analphabeten, einer Person, unfähig zu religiösem Glauben, unfähig auch nur zu verstehen, was das ist und wieso es existiert. Glaube soll die wichtigsten Fragen des Lebens beantworten, allein, ich verstehe schon die Fragen nicht oder was an diesen so wichtig sein soll. Und noch viel weniger verstehe ich, wieso grade diese Antworten die richtigen seien sollen, schließlich sind es nichts weiter als von irgendwem aufgestellte Behauptungen, die genauso gut frei erfunden sein können.

Und das ist dann auch mein heutiges Bild von Religion: Religion ist, wenn jemand etwas erzählt und alle glauben es, weil… ?
Mein Satz endet in der Leere, weil hier mein Unverständnis beginnt. Ich weiss nicht, warum Leute irgendeinen abgefahrenen Scheiss glauben, nur weil jemand mit ausreichend zugebilligter Autorität es als Wahrheit verkündet. Oder weil es in irgendeinem Buch steht. Hier fehlt für mich mindestens eine Begründungsstufe. Warum glauben Menschen irgendeinen Kram, der in irgendeinem alten Buch steht oder von jemandem in einer Kutte vorgetragen wurde? Wer sagt denn, dass das nicht alles frei erfunden ist? Da fehlt etwas.

Und hier ist das Bizarre: Christen haben dieses Problem ebenfalls, nur weichen sie dieser Erkenntnis aus, indem sie Religionen, an die sie nicht glauben (vorzugsweise solche, die sie ausgerottet haben), zu Mythologien degradieren. Sie kaschieren so die Tatsache, dass die Vorstellungen der antiken Pantheons den damaligen Menschen keineswegs Mythen waren, sondern Religionen mit einem ebenso großen Wahrheitsanspruch wie die heutigen. Eine gefährliche Erkenntnis, birgt sie doch die Frage, was genau den heutigen Göttern einen größeren Wahrheitsanspruch verleiht als jenen Göttergeschlechtern unter Zeus, Iupiter, Teutates oder Wodan. Oder als den Heerscharen anderer Götter, die durch die Köpfe der Menschen spuken und spukten.
Wir meinen zu wissen, dass diese Götter unwahr sind, doch was macht sie unwahrer als die heutigen Götter? Oder andersrum: Warum sollte Yahweh weniger fiktiv sein als Tiamat?

Doch die Sache ist auch die, dass es mir lange egal erschien. Sollen die Gläubigen sich damit selbst herumschlagen, ich hatte diesen Fragen endlich den Rücken gekehrt. Allein, sie mir nicht.

Immer und immer wieder versuchen Religiöse, sich in die Lebensgestaltung jener einzumischen, die nicht zu ihrer Religion gehören. Sie nennen das dann Teilhabe an ethischen Diskussionen. Dass die ethischen Positionen einer Religion für den Rest der Menschheit völlig unerheblich sein könnten, auf diese Idee kommen sie erst gar nicht.
Und so kommen wir zu einer Welt, in der in Westdeutschland erst in den 90ern die Illegalität von Homosexualität abgeschafft wurde. In der staatliche Friedhöfe immer noch nach christlichen Vorstellungen gestaltet werden, ob es den „Bewohnern“ passt oder nicht (wozu haben die eigentlich ihre eigenen Friedhöfe, wenn die doch wieder ihre Nasen in fremde Einrichtungen stecken?). In der Menschen, die sterben werden und wollen gegen ihren Willen noch etwas länger gequält werden, da ihnen Sterbehilfe aus religiösen Gründen versagt bleibt, an die sie möglicherweise noch nicht mal glauben. Da erlangt der explizit missionarisch angelegte Religionsunterricht Verfassungsrang, aber ein für das Verständnis der Welt essenzielles Fach wie Mathe seltsamerweise nicht. Da werden bei uns die süßen Sternsinger rumgeschickt, um in Geld zu sammeln, mit denen man in Afrika fremde Religionen und Kulturen verdrängt (denn etwas anderes ist Missionierung nicht) und ganz nebenbei gewaltige Glaubenskriege auslöst. Politiker eiden auf „So wahr mir Gott helfe“, was alle Nicht-Theisten im Publikum nur zu dem Schluss führen kann, dass alles davor gelogen ist, denn das Gott ihm/ihr hilft ist ja aus deren Sicht nicht wahr (interessante Frage für die Juristen hier: Wenn ein Atheist mit dieser Formel endet und dann den Eid bricht, hat er gelogen? Hat er den Eid überhaupt jemals geschworen?). Da gibt es ausführliche Debatten, wie weit Religionen sich denn an Menschenrechte zu halten haben (zuletzt die Beschneidungsdebatte) anstatt dass dies wie bei allen anderen gesellschaftlichen Gruppen als eine dem Rechtsstaat unabdingbare Selbstverständlichkeit gilt.
All dies mit Verweis auf irgendwelche Werte und Normen, die offenbar dermaßen schlecht begründet sind, dass sie nicht argumentiert werden können, sondern per Dekret einer höchstwahrscheinlich fiktiven Autorität verordnet werden müssen.

Es ist offenbar keine gangbare Option, die Religiösen einfach in Frieden zu lassen, denn sie sind nicht in der Lage, diese Rücksichtnahme zu erwidern. Das liegt teilweise im Wesen von Mission als einem Kerninhalt vieler Religionen, aber noch mehr liegt es im Unverständnis.
Wenn Göring-Eckhardt (da isse wieder!) meint, in einem Flugzeug gäbe es keine Atheisten mehr, sobald es in Turbulenzen kommt, so spricht daraus eine vollkommen fehlende Einsicht zu verstehen, dass es auch Menschen gibt, die schlichtweg nicht glauben. In so einem Weltbild sind die diversen Areligiösen Denkweisen nur verkappte Religiöse. Und daraus legitimiert sich dann der Anspruch religiöser Gruppen, sich in Fragen einzumischen, die sie schlichtweg nichts angehen – vor allem Dinge, die allein die Betroffenen etwas angehen sollten, wie Sexualität und Sterbehilfe.
Auch diese unsinnige Begrifflichkeit, vom Glauben abgefallen zu sein, existiert und verschwindet nur langsam. Natürlich können Menschen vom Glauben abfallen, aber nicht jeder Ungläubige hatte jemals etwas, von dem er abfallen konnte.
„Man muss doch an etwas glauben“ ist auch so ein beliebter Satz von Gläubigen gegenüber Ungläubigen, ein perfektes Destillat des Problems: Der Aussage liegt völliges Unverständnis zu Grunde und sie ist im Gegenzug für Ungläubige ebenso unverständlich. Ich meine, was soll dieser Satz überhaupt bedeuten? Es ist für mich als Nicht-Glaubenden ein offensichtlich falscher Satz, der zudem einen Begriff als selbstverständlich voraussetzt, den ich etwa so gut verstehe wie ein geboren Blinder den Begriff „blau“.

Und somit komme ich zu dem Schluss, dass die Idee religiöser Toleranz eine gänzlich utopische ist. Die Vertreter von Kirchen und vergleichbaren Einrichtungen zeigen sich unfähig, sich aus anderer Leute Angelegenheiten rauszuhalten. Toleranz aber basiert auf Gegenseitigkeit.
Toleranz den Religionen gegenüber ist erst dann ein gangbarer Weg, wenn die Religionen selbst gelernt haben, die Grenzen ihrer Zuständigkeit zu erkennen und ihrerseits Toleranz den Anders- und Nichtreligiösen gegenüber zu üben. Bis dahin ist es die Pflicht eines jeden, der gleiche Rechte für alle als Ideal hält, ihnen diese Grenzen aufzuzeigen und sich gegen jegliche Grenzüberschreitung, jede unbotmäßige Einmischung in anderer Leute Leben, aufzustehen und zu protestieren, sich zu wehren.

Dieser Beitrag wird bereits viel zu lang. Viele Fragen müssen hier offen bleiben, etwa ob nicht schon die grundlegende Struktur von Glauben, dieses grundlose Übernehmen von Behauptungen, für die Menschheit schädlich ist und als Relikt einer Zeit umfassender Unmündigkeit überwunden werden muss. Um Glaubensinhalte ging es nur bedingt, aber die spielen offengestanden auch kaum eine Rolle. Ich bin sicher, ich werde irgendwann auf die anderen Themen in diesem Komplex zurückkommen.


Wir basteln uns ein Hinterzimmer

tl;dr Die ersten Berichte zu den Vorhaben der GroKo in Mönchengladbach lassen schlimmes befürchten. Während der Kooperationsvertrag ein an die Wand genagelter Pudding ist, deutet bereits der Neuzuschnitt der Dezernate eine neue Dimension des rheinischen Klüngels an./tl;dr

Es verwundert schon sehr, was die Tage in einem Artikel der Rheinischen Post zur beabsichtigten Verwaltungsreform der Großen Kooperation (das Wort Koalition meidet man auf kommunaler Ebene) zu lesen ist, insbesondere dieser Teil:

Klar ist, dass der glücklose Baudezernent Andreas Wurff nicht mehr wie bisher für Bauen als auch für Planung in der Stadt verantwortlich sein wird.

Nochmal zum Mitschreiben: Planen und Bauen sollen separate Dezernatszuständigkeiten werden. Die Planung von Struktur, Infrastruktur und gesamtstädtischer Entwicklung wird von den Bauwerken getrennt, aus denen sie nun einmal besteht. Das ist in etwa so, als würde man das Geld vom Euro trennen.

Man muss natürlich alles, was die RP so schreibt, mit etwas Maggi zu sich nehmen. Eine Woche zuvor haben die uns auch noch erzählt, wenn Reiners gewählt würde, gäbe es in MG schwarz-grün. Aber bisher hat zumindest noch niemand dieser Schilderung widersprochen. Andererseits hat sich eben bei der Dezernatsverteilung einiges als unwahr erwiesen. Doch gehen wir vorerst davon aus, dass die Berhauptung einer solchen Aufteilung stimmt und wenigstens vorab in der Diskussion war. Denn dann kommt eine interessante Frage auf: „Warum?“

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum man eine solch unsinnige Aufspaltung durchführen sollte. Dass die RP Wurff gerne ohne jegliche Begründung oder erkennbare Basis immer wieder als erfolglos und unbeliebt/umstritten darzustellen versucht, sei dabei mal aussen vor gelassen.
Also fragte ich mich, wo es denn Konflikte oder Reibungen zwischen den Bereichen gegeben hat und… da kommt dann der Speck ans Schwein. Es geht um das Bauen eines gemütlichen Hinterzimmers für die bekannten Nutznießer von, sagen wir mal, guten Kontakten in die politische Führungsebene der Volksparteien. Die bereits in einem anderen Zusammenhang hier negativ angesprochene Achse Jessen/Schrammen. Zuletzt fuhr denen beim Bauen der Planungsbereich in die Parade, als aufgefallen ist, dass dieses Projekt Zielen der Stadtentwicklung (hier: Aufbau eines Gladbachtals) zuwiderläuft und dem Investor die Kosten nötiger Änderungen zu hoch wurden.
Oh, und dann ist da noch das Bauprojekt Kaufland Holt, das sich etwas verzögert hatte, weil fraglich war, ob das Projekt für den Stadtteil überhaupt verträglich ist (eine klassische Frage der Stadtplanung).
Die Liste könnte ich noch ewig lang weiterführen. Der Punkt ist, die meisten solchen Konflikte hätte es gar nicht gegeben, wenn es ein Planungsamt gäbe, dessen Zuständigkeit erst so spät im Prozess läge, dass es der Planung widersprechende Bauvorhaben faktisch nicht mehr in nennenswerter Weise beeinflussen könnte. Und in der Tat ist dies der einzige mögliche Sinn, den ich hinter einer Dezernatsaufspaltung erkennen kann.
Man will so lästige Dinge wie langfristige Perspektive zu Gunsten der Stadt möglichst weit aus den Bauvorhaben heraushalten, damit tief eingeklüngelt erscheinende Bauherren sich möglichst rücksichtslos die Taschen füllen können. Auch wenn ich kein großer Freund allzu folgenreicher Pläne bin, dieses genaue Gegenteil ist genauso falsch. Wer sich dann wundert, wieso Gladbach seit den 80ern beständig an Profil und Attraktivität verliert, der sollte vielleicht noch mal scharf überlegen, ob planloses Gebaue einiger weniger Investoren ohne Rücksicht auf Strukturen, Umgebung oder Entwicklungsziele nicht genau der Grund dafür ist.

Ein Thema, das die Grünen in die Sondierungsgespräche mit der CDU mitnahmen war übrigens Korruptionsbekämpfung.


Sisyphos‘ automobile Freunde

Gilbert Garcin - Le moulin de l’oubli


Heute will ich über einen Fall sprechen, in dem es eine wirksame Lösung für ein Problem ist, die aber zugleich die Ursache des Problems zur Normalität macht und somit fördert, was weitere Probleme für die Zukunft erzeugt. Nicht ganz eine Teufelsspirale, aber wohl eine wahre Freude für Sisyphos. Womit dieser Eintrag schon einen deutlich besseren Bezug zu Camus hat als der letzte zu Miller. Manche Dinge lern ich dann auch nach 16 Jahren bloggen noch dazu.
Keine Angst, es geht jetzt nicht um Philosophie. Es geht um das deutsche Straßenverkehrsrecht samt ergänzender Rechtsprechung, ein bisschen um Fahrradhelme und um Verkehrspsychologie. Wer allerdings im Vergleich dazu leichte Kost sucht, dem kann ich Camus nur empfehlen, auch wenn ich seine Sisyphos-Interpretation für etwas krumm halte.

Aber zurück zum Thema, um das es eigentlich geht: Das hier. Ein Taxifahrer aus Wesel versucht derzeit, ein besseres Warnsystem einzurichten, um Radfahrern anzuzeigen, dass der Fahrer eines haltenden Wagens aussteigen will. Da Autofahrer selten vor dem Öffnen einer Tür (vorschriftsmäßig und für den langfristigen Erhalt der Tür sinnvollerweise) noch ein Mal nach hinten schauen, sollen wenigstens andere Verkehrsteilnehmer gewarnt werden.

Diese Initiative wiederum geht zurück auf einen Fall, der letzte Woche öffentlichkeitswirksam vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wurde. Es ging um die Frage, ob jemandem, der bei einem Unfall mit dem Fahrrad keinen Helm trägt, von der Versicherung eine Mitschuld eingeräumt werden kann. Eine Fahrerin war gegen eine sich plötzlich vor ihr öffnende Autotür gefahren, gestürzt und hatte sich schwere Verletzungen zugezogen. Das Gericht entschied letztlich gegen die Mitschuld. Die Urteilsbegründung ist übrigens ziemlich interessant, aber im Kontext dieses Artikels nicht weiter relevant, weil es mir hier nicht um juristische Fragen geht, auch wenn ich hier (als Nichtjurist, wohlgemerkt) eine Menge juristische Quellen verwende.
Ein Thema, das nun (mal wieder) breit diskutiert wird, ist die Radhelmpflicht. Zu deren volkswirtschaftlichen Auswirkungen haben Martin Randelhoff und Lutz Tesch Bei Deutschlandradio Kultur einiges gesagt, zusammengefasst: Auch wenn ein Radhelm individuell sinnvoll sein kann, ist eine Helmpflicht volkswirtschaftlich möglicherweise schädlich, da sie die Zahl der Radfahrer senkt, was der Volksgesundheit schadet und sogar zu einer höheren Zahl an Fahrradunfällen führen kann.

Mein Ansatz ist ein anderer, eben der sisyphorische: Sowohl Radhelmpflicht als auch Zülfikar Celiks Blinkerlösung verringern zwar potenziell das Problem von Kopfverletzungen bei Fahrradunfällen, führen aber dazu, dass die eigentlichen Ursachen des Problems als Normalität anerkannt werden, was wiederum den Straßenverkehr an sich gefährlicher macht. Und die Ursache sind – pardon, aber – rücksichtslose Autofahrer, vor allem zwei Verhaltensweisen.

Das eine ist der fehlende Rückspiegel- oder Schulterblick aussteigender Fahrer. Den Tipp von Tesch, einfach beim Aussteigen die Tür mit der rechten Hand zu öffnen (bzw. mit der linken, wenn man rechts sitzt), ist hier sehr hilfreich, aber natürlich nicht vorschriftsgeeignet. Nur wäre das gar kein Problem, wenn nicht das viel größere, im übrigen auch viel lästigere Phänomen aufträte: Missachtung von Abständen aus bestenfalls Unkenntnis der Regeln, schlimmstenfalls Anspruchsdenken.

Es ist für Radfahrer alltäglich, angehupt, beschimpft und weggedrängt zu werden, wenn sie sich nicht so eng wie es nur geht an den Fahrbahnrand zwängen. Man sei ein Verkehrshindernis, unverschämt und tue so, als würde einem die Straße gehören (sic!). Radfahrer werden von vielen Autofahrern schlichtweg dazu gedrängt, eine wichtige Vorgabe zu missachten: Den seitlichen Mindestabstand.

Die meisten Autofahrer kennen den hier wahrscheinlich und beziehen sich gerne auf §2 Abs. (2) StVO:

Es ist möglichst weit rechts zu fahren, nicht nur bei Gegenverkehr, beim Überholtwerden, an Kuppen, in Kurven oder bei Unübersichtlichkeit.

Das heisst aber eben nicht, dass man sich am Bordstein entlangschrammen soll, sondern dieses „möglichst weit“ ist definiert, vor allem durch Gerichtsurteile. Der Abstand beträgt ca. 80 cm zum Bürgersteig und zwar nicht erst seit gestern, denn zu finden ist diese Zahl in einem BGH-Urteil von 1957. Parken am Rand der Fahrbahn Autos, sind es sogar 1,5 Meter (bzw. eine realistisch zu erwartende Türbreite), die ein Radfahrer seitlichen Abstand halten muss:

LG Berlin, Az. 24 O 466/95
Radfahrer müssen einen ausreichenden Sicherheitsabstand vom rechten Fahrbahnrand und insbesondere von parkenden Kraftfahrzeugen einhalten. Der Abstand muß so bemessen sein, daß den Radfahrer eine sich öffnende Autotür nicht in eine Gefahrensituation bringen kann

Würden Autofahrer diese Vorgaben kennen und beherzigen, statt vorschriftsmäßig fahrende Radler von der Straße zu drängen und sie auch noch als Kampfradler zu brandmarken, gäbe es kaum noch Unfälle dieser Art. Und da bei Unfällen mit Autotüren für Radfahrer die mit Abstand größte Gefahr besteht, sich zu überschlagen und auf dem Kopf zu landen, gäbe es auch deutlich weniger Tote und Schwerverletzte.
Aber wir reden lieber über eine Helmpflicht oder Blinker und behandeln damit halbherzig die Symptome, während die Straßen immer gefährlicher werden, weil wir gefährliches Fehlverhalten als neue Normalität akzeptieren und damit die Maßstäbe des Akzeptablen ständig zu Ungunsten der schwächeren Verkehrsteilnehmer verschieben. Und die stärkeren finden das auch noch richtig so, wenn nicht gar selbstverständlich. Und so beginnt die Geschichte mit dem Stein, der Grube und den Freuden einer griechischen Sagenfigur aus dem Titel des Artikels.