Rechte Maßstäblichkeiten (Nachtrag)

Gewähren wir der AfD ausnahmsweise mal etwas Raum. Es könnte sich lohnen. Die Frage, lokal aufgeworfen von der Theo-Hespers-Stiftung ist: Ist die AfD rechts? Gar rechtsextrem oder rechtspopulistisch?

tl;drDie AfD liegt im normalen Spektrum, nur leider ist das normale Spektrum stark rechts eingeschlagen./tl;dr

Der Begriff „rechts&dquo; ist als Einordnung ein schwieriger geworden, war es allerdings immer schon. Einige klassisch zugeordnete Begriffe möchte ich daher gleich rausschmeissen: Rassismus findet sich quer durch das gesamte politische Spektrum, ist also kein geeignetes Kriterium. Grade die AfD hält sich mit Rassismus ohnehin zurück, ihre Fremdenfeindlichkeit speist sich (wenigstens offiziell) aus anderen Beweggründen als Rassismus. Konservativismus funktioniert schon gar nicht, wäre dies das ausschlaggebende Kriterium wären die NSDAP und einige ihrer Nachfolger in ihrer Systemkritik links.

Nein, ich will auf ein Kriterium hinaus, das mir für die AfD zentral erscheint: Sie vertritt eine offen asoziale Ausrichtung. Und das hat sie mit den Rechten gemein.

Eine wichtige Komponente in der innerparteilichen Diskussion fast aller rechten Gruppen ist die Nützlichkeitsdiskussion. Wir finden dort solche Begriffe wie „Sozialschmarotzer“ oder gar die Forderung, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Der Mensch wird nicht als Mensch, sondern als Rädchen in einer Art Staatskonzern betrachtet. Systeme, die dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft dienen, werden weitgehend abgelehnt, weshalb ich die Menschen, die derlei fordern mit dem Begriff „asozial“ belege. Das solche Asoziale nun eben diesen Begriff für Bedürftige verwenden, finde ich allgemein erstaunlich.
Überhaupt ist die ganze Diskussion verkehrt herum: Wir haben eine Gruppe, in der jene, deren einziger Lebenszweck im sinnlosen Anhäufen von Kapital zu bestehen scheint, die dies für unhinterfragt gut befinden und dafür andere Menschen ausbeuten. Diese Gruppe bezeichnet die übrigen als Schmarotzer, als Parasiten. Gleich so, als bezeichne das Virus die Gesunden als Parasiten.

Dies ist ein gemeinsames Phänomen der rechten Gruppen. Beim modernen Prototyp der Rechtsextremen, Hitler, finden wir in Mein Kampf ausgiebige Ausführungen zur Nützlichkeit verschiedener Völker („Rassen“) für die globale Volkswirtschaft – oder, im Falle der Juden, deren unterstellte Schädlichkeit. Auch „Asoziale“ (Begriff wie so oft in der falschrummen Verwendung) landeten schließlich in den KZs.
Entsprechendes zieht sich durch alle rechten Gruppen, aber zur Jahrhundertwende auch einige linke Diskussionen (*hust*Hart IV*hust*).

Und damit kommen wir zur AfD: Die AfD stellt alle sozialen Fragen unter das Primat der Nützlichkeit. Das ist wenig überraschend, besteht sie doch aus (Betriebs-)Ökonomen mit entsprechendem Blickwinkel. Besonders auffällig wird das in der Frage der Zuwanderung, diese soll eingeschränkt werden auf „tatsächlich“ Verfolgte und Nützliche. Menschen werden nicht als Menschen akzeptiert, sondern als Arbeitskräfte und Humankapital verwaltet. Und das, liebe Leute, ist asozial.
Ob es auch rechts ist, hängt davon ab, wie man „rechts“ definieren will.

Schlimmer ist aber, und damit komme ich zu Hartz IV zurück, solche Diskussionen sind inzwischen in der Mitte angekommen. Nach diesem Maßstab sind SPD und CDU leicht rechtslastig, die FDP ist wie die AfD rechts und die BILD ist zum äussersten Rande rechtsextrem.
Und das liegt meines Erachtens nicht daran, dass der Maßstab falsch wäre.

Nachtrag, 22.5.2014 Hier eine just erschienene Studie der Otto-Brenner-Stiftung zum dort so genannten „Wettbewerbspopulismus“ der AfD, passt sehr schön zu diesem Beitrag.


#WasKommunalpolitikerSoMachen

Ich stelle hier ja normalerweise keine Pressemitteilungen der Stadt ein, aber die passt hier ganz gut rein, so zum Abschluss der Ratsperiode. zum Titel siehe hier:

Über 1.150 Beschlüsse gefasst
Die Ratsperiode 2009 – 2014 geht zu Ende: längste Sitzung dauerte acht Stunden und 15 Minuten

Mit der 33. Ratssitzung am kommenden Mittwoch, 21. Mai, (15 Uhr, Rathaus Rheydt) neigt sich die Ratsperiode des bei der letzten Kommunalwahl am 30. August 2009 gewählten Rates dem Ende zu. Bei der Kommunalwahl am kommenden Sonntag, 25. Mai, entscheiden die Wähler auch über die Zusammensetzung des neuen Rates, der dann am 23. Juni in seiner konstituierenden Sitzung erstmals zusammen kommt. Für 17 Mitglieder ist es definitiv die letzte Ratssitzung, da sie nicht mehr erneut für den Rat kandidieren werden.

Mit durchschnittlich 35 Tagesordnungspunkten pro Sitzung hat der Rat seit seiner konstituierenden Sitzung am 6. November 2009 etwa 1.155 Beschlüsse gefasst. Unter anderem sprach sich der Rat im November 2010 für den Bau eines neuen Polizeipräsidiums an der Krefelder Straße aus, gab im Dezember 2010 „grünes Licht“ für das zukünftige Einkaufszentrum durch den Verkauf des Grundstücks auf dem Areal des ehemaligen Schauspielhauses an den Essener Investor mfi, verabschiedete im April 2011 das von der Verwaltung erarbeitete Klimaschutzkonzept und stimmte im März 2012 für den Beitritt Mönchengladbachs zum Stärkungspakt Stadtfinanzen. Zur Zukunftssicherung des Theaters verabschiedete der Rat im Mai 2013 das Konzept „Theater mit Zukunft II“ mit einer mittelfristigen Finanzplanung für die Jahre 2015 bis 2020. Im Juli 2013 beschloss er den Masterplan Mönchengladbach und gab in gleicher Sitzung den Sportstättenentwicklungsplan auf den Weg. Im November vergangenen Jahres beschloss er die anstehende Sanierung der Zentralbibliothek für rund 5,4 Millionen Euro.

Ein Blick zurück auf die Sitzungsprotokolle zeigt, dass die konstituierende Sitzung am 6. November 2009 zugleich auch die längste im Laufe der Ratsperiode sein sollte. Sie dauerte exakt acht Stunden und 15 Minuten und hatte unter anderem die Bildung und Besetzung von Ausschüssen und Gremien auf der Tagesordnung. Die kürzeste Sitzung dauerte dagegen nur 30 Minuten, befasste sich ausschließlich mit dem Haushaltsplanentwurf 2014 und fand am 9. September 2013 statt. In den zurückliegenden 32 Sitzungen hat der Rat insgesamt 121 Stunden und 47 Minuten getagt; zusammengerechnet ergäben dies rund fünf Tage rund um die Uhr Dauerberatung.

Nicht mehr erneut für den neuen Rat kandidieren werden aus der CDU-Fraktion: Rolf Besten, Udo Blank, Horst Hübsch, Dietmar Kirschner, Martin Wiertz, Wolfgang Wunderlich und Renate Zimmermanns; aus der SPD-Fraktion: Lothar Beine, Uwe Bohlen, Helga Klump, Ulrich Mones, Klaus Schäfer und Angela Tillmann; aus der FDP-Fraktion: Dr. Anno Jansen-Winkeln und aus der UFG-Fraktion: Bernd Püllen, Karl Schippers und Gisela Stähn.

Soviel zur PM. Das sind natürlich nur die reinen Ratssitzungen. Dazu kommen noch die Ausschüsse, in meinem Fall regelmäßig der Umweltausschuss (26x) und die BV Nord (32x) sowie als Vertretung in Bau- und Planungsausschuss (2x), Vergabeausschuss (10x), Verbandsrat des Niersverbandes (1x), Freizeit-, Sport und Bäderausschuss (2x), Finanzausschuss (1x) und Hauptausschuss (2x), weiter 176 Fraktionssitzungen à 2-3 Stunden und eine nicht näher zu beziffernde Zahl an Vorbereitungs- und Koordinationstreffen sowie Ortsterminen. Ich bin ziemlich sicher, noch etwas vergessen zu haben.


Vom Ende der Schreibschrift

Es ist mal wieder so weit, das Ende der Schreibschrift wird lamentiert. Das ist eine dieser sinnlosen Debatten, die sich vor allem aus dem sinnlosen Bildungsbegriff der Moderne speisen. Denn auch Schreibschrift gehört zur „Bildung“, was auch immer das sein soll (ich kenne die Entstehungsgeschichte des Begriffs, aber seine moderne Verwendung ist sinnentleert beliebig).

Schrift ist ein Resultat der Technologie, mit der sie aufgezeichnet wird. Und um gleich mit einem Mythos auszuräumen: Schrift hat nichts mit Sprache zu tun, zumindest nicht in dieser Detailschärfe. Schrift ist ein System zur Aufzeichnung von Sprache. Es gibt ein paar Einflüsse durch die Frage des verwendeten Schriftsystems, aber solange wir innerhalb eines Schriftsystems bleiben (in diesem Fall lateinische Alphabetschrift mit deutschen Sonderzeichen), macht es für die Sprache keinerlei Unterschied, welches der (grob) vier im Deutschen verwendeten Alphabete wir benutzen. Sie ist damit noch unwichtiger als die Rechtschreibung, die wenigstens hin und wieder Einfluss auf die Sprache nimmt (aber auch nur sehr selten, da ihre Anwendung ein Phänomen der Verschriftlichung ist, nicht der Sprache selber).

Schrift begann deswegen als Keilschrift, weil diese recht einfach mit einem Keil in ein Lehmtäfelchen zu ritzen war. Die Antiqua (Druckschrift) sieht so aus, weil sie eine Weiterentwicklung dessen ist, immer noch werden grade Linien in Lehmtäfelchen geritzt. Die Schreibschriften sind ein Resultat des Schreibens mit Federn auf Pergament/Papyrus/Papier, bei dem das zuvor selbstverständliche Absetzen vom Blatt lästig wurde. Die komplexe Form der asiatischen Schriften mit ihren variierenden Strichstärken resultiert aus dem Schreiben mit einem Pinsel. Und die Frakturschriften resultieren aus der Form der europäischen Schreibfeder, die bei unterschiedlicher Zugrichtung unterschiedlich dicke Linien zieht. Es sind technische Unterschiede, die zu unterschiedlichen Schriften führen, keine Unterschiede im Denken.

Und hier komme ich zum Verschwinden der Schreibschrift in den Schulen. Die Schreibschrift ist einer Zeit geschuldet, als mit Füllfederhaltern auf Papier geschrieben wurde. Mit einem Füller vom Papier abzusetzen ist ein vergleichsweise aufwändiger Akt, eine lästige Unterbrechung des Schreibaktes, bei der immer mal wieder ungewollte Linien verbleiben. Es machte daher Sinn, diese Linien zu normieren und zum Teil des Schriftbildes zu erklären, um den Schrifterwerb einfacher zu gestalten. Das System war nie perfekt, Diakritika und Elemente wie der Punkt des i und der Querstrich des t störten den Schreibfluss weiterhin und fielen in einem solchen auf Fluss bedachten System noch stärker auf, unterbrachen teils die sprachliche Formulierung des Satzes während seiner hakelig verlaufenden schriftlichen Fixierung.
Der Füller als Schreibgerät sieht nun seinem Ende entgegen. Selbst wer mit Hand schreibt, tut dies mit dem Kugelschreiber und ähnlichen Schreibgeräten, die auf einem Ball oder einer abgerundeten Spitze laufen. Mit diesen Schreibgeräten ist es kein Problem, den Stift für jede neue Linie kurz einen Millimeterbruchteil anzuheben und andernorts wieder anzusetzen. Das Erlernen einer separaten Schreibschrift verliert seinen technologisch begründeten Sinn.
Damit stellt sich auch die Frage, warum Kinder eine Schrift erlernen sollten, die für ihr späteres Leben weitgehend nutzlos sein wird.

Druckschrift hat einen großen Vorteil: Technologische Stabilität. Die Antiqua hat von der frühen Zeit des Römischen Reiches bis in die Gegenwart jede technische Veränderung in der Aufzeichnung von Sprache überlebt, von der Lehmtafel bis zum Bildschirm. Ihre einfachen Formen geben ihr die Fähigkeit, an jede Darstellungsform angepasst werden zu können, solange sie nur eine ist, die mit den Augen wahrgenommen wird.
Während die Schreibschriften kommen und gehen und schon ein in Sütterlin (erfunden 1914) geschriebenes Dokument für die meisten heute unlesbar ist, ist die Antiqua über die Jahrtausende leserlich geblieben. Die Inschriften auf römischen Denkmälern und Gebäuden bleiben lesbar, weil sie eben nicht in Schreibschrift verfasst wurden. Grundsätzlich ist ein Text von jemandem mit Sauklaue leichter zu entziffern, wenn er seine Sauklaue auf Antiqua anwendet als auf die Schreibschrift, bei deren Schnörkeln viel mehr schief gehen kann. Und wenn man davon ausgeht, dass Schrift ebenso wie Sprache der Kommunikation dient, spricht das für ihre Überlegenheit in der Erfüllung ihrer zentralen Funktion.

*Anmerkung: Der Autor beherrscht Sütterlin und Fraktur sowie deutsche und russische Schreibschrift. Tatsächlich bevorzugt er persönlich beim Lesen Frakturschriften gegenüber Antiqua. Aber das ist ein reines Geschmacksurteil und solche haben in der Diskussion nichts verloren.


Architektur ist alles

tl;dr Die Würdigung Hans Holleins in Mönchengladbach ist eine oberflächliche. Wer Holleins Ideen würdigen will, sollte in seiner Stadt keine immergleiche 08/15-Architektur à la Burkhard Schrammen protegieren, das zeugt einzig von Unverständnis dieser Ideen./tl;dr

Vergangene Woche starb Hans Hollein, in Mönchengladbach als Architekt des Museums Abteiberg bekannt. Leider ist Hollein genau die Art Architekt, die in MG so schmerzhaft fehlt und überhaupt in Deutschland an Bedeutung zu verlieren scheint.

Es gab in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Bauvorhaben, denen allen gemeinsam war, dass die jeweiligen Siegerentwürfe, oft aber auch die anderen Entwürfe, geprägt waren vom immergleichen Bild: Aufeinandergestapelte weisse Rechtecke mit entweder glatten Wandflächen oder Glasfronten und ohne individuelle Erkennungsmerkmale. Architektur wie vom Fließband.

Von oben nach unten: Zwei Entwürfe für die Friedrich-Ebert-Straße (Baulücke gegenüber Bushaltestelle Hauptstraße), ein aktuelles Projekt im Nordpark und ein Wettbewerbsgewinner für einen Bau gegenüber des Museums Abteiberg.

Unsere Presse spielt mit: Die 08/15-Glasfassade des rechten Entwurfs für die Friedrich-Ebert-Straße findet die Rp „interessant“ das unübersehbar reduziert-moderne weisse Ding mitten im Denkmalbereich „fügt sich […] gut ins Gesamtbild ein“ und der Schrammen-Entwurf gegenüber des Hollein-Museums sei laut Pressemitteilung der Stadt „städtebaulich richtig und wichtig“.
Man könnte die Liste austauschbar gleicher Gestaltung fortführen, etwa mit den Roermonder Höfen, die auch nur eine größere Version davon sind. Grade Schrammen/Jessen baut nur solche Dinger, die jedes Kind mit Legos unterfordern.
Selbst wo das Nutzungskonzept gut ist (wie etwa am Abteiberg), die Gestaltung ist eine immergleiche Soße, die keinerlei Berücksichtigung der Umgebung findet. Und nirgendwo ist das eklatanter als am Abteiberg, gegenüber eines Hollein-Baus.

Ich habe mich bei der Vorstellung des Entwurfs bei Facebook mit meinem KOmmentar bei einigen nicht beliebt gemacht, als ich darauf hinwies, dass das Gebäude nicht in die Ecke passe, insbesondere nicht an der durch sehr alte Bauten geprägten Krichelstraße (die wohl aus gutem Grund in keinem der Pressebilder gezeigt wird). Man kann das Problem erahnen, wenn man sich den architektonischen Kontrast zu den Nebengebäuden klar macht, die im Bild deutlich weiter entfernt aussehen, als sie sind.

Ein Zitat von Bernhard Jansen in der Facebook-Diskussion finde ich nachträglich sehr interessant:

Ob ein post-moderner neo-neu-barocker Bau ehrlich besser sein könnte, wage ich zu bezweifeln.

Warum eigentlich nicht? Gibt es etwas an der Architektur der Jahrhundertwende, dass es heute unmöglich macht, ein Gebäude zu bauen, welches sich in eine solche einfügt und dennoch etwas Individuelles hat, mit dem sich der Architekt verwirklichen kann? Ich sehe nicht, was das wäre.
Hollein würde sich, sofern er bereits beerdigt wurde, im Grabe umdrehen, denn grade sein Ansatz war es, dies wenigstens auszuprobieren. Denn, so verstehe ich Holleins Ansatz inzwischen, Architektur ist alles und deshalb verdient sie es nicht, lieblos angegangen zu werden.

Wer sich eine größere Anzahl Bauten und Entwürfe Holleins ansieht kommt nicht umhin, ihnen allen Individualität zuzugestehen. Jedes Gebäude sieht vollkommen anders aus. Glasfassaden und weisse Rechtecke sind vorhanden, aber immer durch Brüche, Unregelmäßigkeiten, Störer jedweder Form durchstoßen.
Um mal ein Extrem herauszugreifen, hier ist das Institut für Vulkanologie in Clermont-Ferrand, ein aus Vulkangestein gebautes Museum über Vulkane. Mit einem Nebengebäude in Form eines aufgespaltenen Vulkans!
Wer so etwas macht, baut keine langweiligen gestapelten weissen Rechtecke an jede Ecke einer Stadt. Der ignoriert auch nicht mal eben eine riesige mitten über das Grundstück eines Projekts spannende Brücke und sagt nachher, er wisse nicht, was man damit machen solle.

Mönchengladbach ehrt Hollein diese Woche mit Nachrufen und mit der schon zuvor immer wieder in Erinnerung gerufenen Tatsache, dass er unser größtes Museum entworfen hat. Doch es zeigt sich auch ohne jegliches Bewusstsein für Holleins Ansatz, seine Denkweise und seine Verdienste. Hollein war einer der letzten im Westen, die sich noch die Mühe machten, Architektur als Kunst zu behandeln und ihr entsprechende Hochachtung zu gewähren.
Und ich vermute es ist dies, was den Architekten, die unsere Stadt jetzt bauen, fehlt. Das Verständnis, dass was sie bauen mehr ist als eine Hülle für Funktionalitäten. Architektur ist alles, sie umgibt uns ständig. Der Lebensraum des Menschen ist Architektur und da der Lebensraum einer der prägenden Einflüsse auf ein Lebewesen ist, sollte seine Gestaltung entsprechend wichtig genommen werden. Ich wage zu behaupten, dass die aktuelle uniform-glatt-unkreative Bauweise ebensolche uniform-glatt-unkreativen Geister fördert.
Das war eine Erkenntnis Holleins. Ich mag den Hollein-Bau des Museums nicht besonders, aber ich verstehe ihn nach meiner Beschäftigung mit Hollein. Anders als von vielen Freunden des Baus gesagt hat dies meine Einstellung gegenüber der gleichmachenden 08/15-Architektur der Gegenwart aber nur verschlechtert.
Es wäre schön, wenn das aktuelle Gedenken an Hollein tiefer gehen würde. Es lohnt sich.

Wobei auch Hollein mir noch nicht weit genug geht, denn eine Frage erlaube ich mir noch zu stellen: Warum eigentlich muss jedes Gebäude der Gegenwart aussehen wie ein Gebäude der Gegenwart? Die Technologie, einen Erker, Schnörkel oder Arkaden zu bauen, ist ja nicht verloren gegangen. Was hindert einen Architekten des 21. Jahrhunderts eigentlich daran, ein Gebäude im Gründerzeitstil zu bauen? Technisch moderner und vielleicht auch mit ein paar Gestaltungselementen anderer Zeiten. Halt nicht wieder als „Epoche“, sondern als individueller Entwurf eines künstlerisch tätigen Individuums. Denn Epochen sind ohnehin eine unsinnige Idee, geboren aus dem Versuch branchenweiter Gleichmacherei.

Ein gutes Beispiel gibt es in Gladbach übrigens durchaus: Was auch immer man von der im Bau befindlichen Mall halten mag, sie ist individueller gestaltet, schöner und optisch besser in ihr Umfeld eingebettet als so ziemlich alles andere, was in der Stadt aktuell oberhalb des Niveaus eines Eigenheims gebaut und geplant wird (Größe und Funktion ignorierend, es geht nur um die Gestaltung). Und im allgemeinen sind die neuen Platzgestaltungen in der Stadt von hervorragender Qualität, weil hier Gruppen wie die Freimeister aktiv sind, die sich als Künstler verstehen und entsprechend individuelle Konzepte vorlegen. Es könnte allerdings auch daran liegen, dass Plätze in der Regel keine Fassaden haben.


Mediale KW 16/2014

Machen wir aus der Literarischen KW mal die mediale KW, womit auch andere Medien zu ihrem guten Recht kommen. Übrigens, wer die Literarische KW letzte Woche vermisst hat: Ich habe vorvergangene Woche schlichtweg keine Bücher zu Ende gelesen. Ich habe Rain durchgespielt, aber das ist ja kein Buch.
Nun denn, lasst uns beginnen:

Stadium 7 – Die Invasion
Buch (Science-Fiction-Novelle); Inge Lembke

Amazon
Aliens landen auf der Erde. Sie kommen als Keime an, regnen eher zufällig grade auf die Erde nieder und wachsen dort über die Jahre zu etwas neuem heran. Auf einen Schlag beginnt die Invasion, bevor die Menschen auch nur wissen, was passiert sind schon Millionen tot.
Inge Lembke zeichnet mit Stadium 7 eine andere Art von Invasion, eine Invasion durch Lebewesen, die als Sporen ankommen und die Erde quasi von unten übernehmen. Die Invasion zerstört keine Städte, sie geschieht zunächst wie eine Krankheit und erst später folgt dann die bekannte Form der Invasion gegen die bereits stark geschwächte Menschheit.
Die Idee ist gut ausgearbeitet, leider sagt mir der Schreibstil so gar nicht zu. Zu akademisch-emotionslos liest sich Lembkes Text, zu viel wird geschildert statt es über die Handlungen und Interaktionen der Figuren zu zu implizieren. Zu viel wird an unterschiedlichen Orten der Welt in kleinen Variationen wiederholt.
Letztlich habe ich wegen des interessanten Konzepts weitergelesen, aber nicht wegen des Textes selber. Das ist etwas, was Science-Fiction manchmal kann: Eine gut ausgearbeitete Idee rettet einen mäßigen Text vor dem Nicht-Gelesen-Werden.
Faszinierend ist dieser Novelle eigene Idee eines Lebens nach dem Tod. Was ist „Ich“ und kann es ohne mich weiterleben? Ist das, was andere für mein Ich halten, wirklich mein Ich? Und was genau ist die Erinnerung an „mich“; eigentlich wert? Ich habe das Gefühl, Inge Lembke hat hier unbewusst die Vorgeschichte zu einem wirklich interessanten Roman verfasst, anstatt eben diesen Roman zu schreiben.


Rain
Videospiel (Puzzle-Adventure; Playstation 3); Sony

Sony Store
Ein Junge folgt einem unsichtbaren Mädchen, dessen Umrisse sich im Regen abzeichnen, durch ein seltsames Tor aus Licht und wird selbst unsichtbar. Verfolgt von ebenso unsichtbaren Monstern macht er sich in dieser Regenwelt auf die Suche nach dem Mädchen, wobei er sich durch Unterstände an den Monstern vorbeischleichen muss.
Rain ist in jeglicher Hinsicht simpel. Die Geschichte ist einfach, die Rätsel sind fast ohne Nachdenken lösbar, selbst die Musik besteht in der Regel aus recht einfachen Klavierstücken. Aber es ist in etwa drei Stunden durchgespielt und kann es sich daher erlauben, einfach nur schön zu sein, bevor es damit langweilt.
Es ist, alles in allem, nett. Nicht mehr, nicht weniger.


War of the Worlds: Goliath
Film (Science-Fiction-Trickfilm/Dieselpunk); Tripod Entertainment

Keine Ahnung, wo man den Film kaufen kann, sorry. Wobei, eigentlich nicht, aber dazu gleich.
1914: 15 Jahre nach dem ersten Angriff der Marsianer auf die Erde (siehe H.G. Wells sowie den Vorspann dieses Films) im Jahr 1899 steht Europa am Rande des 1. Weltkriegs. Doch der Krieg der Welten hat die Erde verändert: Es gibt eine internationale Einheit zur Bekämpfung der Marsianer, sollten sie je wiederkommen. Mit eigenen dreibeinigen Kampfmaschinen, Flugzeugen und Luftschiffen nutzen sie von den Invasoren erbeutete Technologie, um gegen diese bestehen zu können.
Und tatsächlich kommen sie zurück.
Der Film beginnt vielversprechend mit einer wunderschönen Zusammenfassung der Ereignisse von 1899 in Sepia-Standbildern (oder genauer „limited animation“). Alltag auf der Erde, Kriegsvorbereitungen auf dem Mars. Die Vocorder-Musik ist nicht jedermanns Fall, aber sonst sehr schön.
Das hält leider nicht lange an. Sobald der eigentliche Film beginnt, beginnen sich Charaktere wie Idioten zu verhalten und hören den ganzen Film durch nicht mehr damit auf. Unser Protagonist hat einen Vater, der als beinahe erste Aktion im Film völlig grundlos unter einer marsianischen Kampfmaschine die Deckung verlässt. Die Dummheit ist offenbar erblich, bleibt unsere Hauptfigur doch mitten auf der Flucht vor besagter Kampfmaschine auf der Straße stehen und stiert sie an, was seine Eltern das Leben kostet.
Mit 25 hat er den Rang eines Captain erreicht und leitet Bodeneinsätze von A.R.E.S., besagter Anti-Marsianer-Truppe. Mitten in einer Übung für einen neuen Typ irdischer Kampfläufer und einen Tag nach dem Attentat auf Franz-Ferdinand beginnt eine neue Invasion mit besseren Kampfmaschinen, Flugmaschinen und jetzt gegen irdische Krankheitserreger immune Ausserirdische. Der neue Krieg der Welten beginnt.
Goliath ist ein absolut überflüssiger Film. Eine Fortsetzung zu Krieg der Welten muss zwangsläufig das Ende der Originalgeschichte umgehen. Leider lag in genau diesem Ende der ganze Sinn von Wells‘ Geschichte und Goliath tut nicht das geringste, um dieses Problem auszugleichen oder der Geschichte einen neuen Sinn zu geben, es ist einfach nur Geballer mit vielen Verlusten auf beiden Seiten.
Die ersten 30 Minuten scheinen zu einem deutlich besseren Film zu gehören als der Rest, aber mit dem Auftauchen der Invasoren bricht jeder Erzählstrang abrupt ab. Die angedeutete Freundschaft zwischen unserem Protagonisten und Manfred von Richthofen? Bleibt nur angedeutet. Der Freiheitskampf der Iren und ihre Einstellung zur Invasion von 1899? Schnell beiseite geschoben, obwohl das der einzige Hinweis darauf war, dass jemand im Filmteam das ursprüngliche Buch verstanden haben könnte. Die Barschlägerei? Ohne jegliche Konsequenz für irgendwen. Der titelgebende Goliath? Schlussendlich nicht mehr als ein Kampfläufer unter vielen auf dem Schlachtfeld.
Es gibt bessere Animationsfilme. Viele.


Grün wirkt, aber Wirkung dauert halt

Das Problem bei dem Ernten und Säen ist, dass zwischen beiden Stadien in der Landwirtschaft viel Zeit vergeht. Auf dem Feld sind das ein paar Monate. In der Politik ist das ähnlich, aber hier dauert es bis zur Reife hin und wieder Jahre. In der Zwischenzeit kann ein Feld schon mal den Besitzer wechseln und dann erntet jemand, der nie gesät hat.
Das kann positive wie negative Auswirkungen haben. Etwa, wenn Klaus Töpfer das Dosenpfand beschließt, Angela Merkel das bestätigt und Jürgen Trittin das entsprechende Gesetz dann umsetzt. Und dann ist Trittin natürlich schuld, Töpfer und Merkel sind fein raus.

Aber wenden wir den Blick nach Gladbach und zum Anlass dieses Beitrags: Grün wirkt, aber halt nicht sofort. Ich lasse jetzt mal meinen Kampf um die Viktoriastraße aus, dessen Ergebnis frühestens in der Mitte der nächsten „Kommunalregierung“ zu sehen sein wird.
Statt dessen zwei Themen, die Freitag aufgekommen sind und die zeigen: Die Früchte politischer Saaten werden oft viel später geerntet. Und gerne von anderen.

Reduzierungsstopp Grünpflege
Am Freitag gab es auf der Jahresversammlung des Dachverbandes der Gartenfreunde Mönchengladbach (vulgo: Kleingärtner) eine interessante Mitteilung von Oberbürgermeister Bude: Die Standarts in der städtischen Grünpflege werden nicht weiter gesenkt, die dritte Stufe der Absenkung werde nicht umgesetzt.
Dies darf man durchaus auch als Reaktion auf die breite Kritik am Zustand der Grünanlagen sehen. Leider hat es mangels Presse auf der Veranstaltung kaum jemand mitbekommen.
Dass dies überhaupt möglich ist, geht auf ein Verdienst der Grünen zurück. Wir begeben uns in die Historie, das Jahr 2010.
Im Rahmen der Haushaltsplanung 2010/11 befasst sich erstmals die noch junge Ampelkoalition mit den Finanzen der Stadt. Ein wichtiges Thema dabei der Haushaltssanierungsplan (HSP), in dessen Entwurf auch eine massive Senkung der Pflegekosten in der Grünunterhaltung vorgesehen ist.
Erhebliche Zweifel unsererseits führen schließlich zu einem Treffen in der Geschäftsstelle der FDP. Nach langem Hin und Her kommt es zu einem Kompromiss: Die Absenkung wird in drei Stufen vorgenommen und vor jeder Stufe wird überprüft, ob das Einsparungspotenzial tatsächlich vorhanden ist, wie das Grünflächenamt versichert. Es ist dieser Kompromiss, der nun drei Jahre später das Aussetzen der dritten Stufe ermöglicht.
Der große Fehler bei der ursprünglichen Kürzung war meiner Meinung nach übrigens, dass sie nur in einer Budgetkürzung bestand, aber kein Konzept dahinterstand, wie das Geld einzusparen sei. Was zu planlosen Kürzungen quer durch den Gesamtbereich führte.

Übrigens, kleiner Exkurs: Die steigende Anzahl von Bäumen auf der jährlichen Fällliste hat auch damit zu tun. Denn ein Großteil dieses Wachstums geht auf Bäume zurück, die bereits zuvor auf der Liste standen, aber aus Geld- und Personalmangel dann doch nicht gefällt wurden. Oder mit anderen Worten: Die Fällliste wächst, weil weniger gefällt wird. Es ist also keineswegs so, dass mit grüner Beteiligung mehr Bäume gefällt werden als je zuvor, beziehungsweise weil weniger Bäume als „erledigt“ von der Liste verschwinden. Aber die Nichtfällung erzeugt eben diesen Eindruck, da die nicht gefällten Bäume eben diese Liste zum Anschwellen bringen.

Radstation MG
Etwas presseprominenter ist die endlich erfolgte Bewilligung der Fördermittel für die Radstation am Hauptbahnhof Mönchengladbach. Ein Antrag der Grünen von 2011, der 2012 zu einem Beschluss führte und nun, 2014, zum Ergebnis.
Und da der Bau erst nach der Kommunalwahl erfolgen wird, bin ich mal gespannt, wer 2014/15 versuchen wird, diese Lorbeeren aufzutragen. Beide OB-Kandidaten der großen Parteien haben das ja schon anklingen lassen.

Geplante Radstation MG, Bild: Stadt MG

Und erst recht bin ich gespannt, welche Erfolge aus der jetzigen Ratsperiode der nächsten angerechnet werden, einfach, weil sie noch dauern.

Merke: Wer in der Politik agiert, braucht einen langen Atem sowie ein noch längeres Gedächtnis.


Literarische KW 14/2014

Caesar Voghan
Runaway Nun
Geppetto Industries, 0,89 € für Kindle

Die Zukunft: Ein Meteoriteneinschlag in Nordamerika hat die Welt, wie wir sie kennen, vernichtet. Die katholische Kirche sieht das Unglück als eine Botschaft Gottes und bildet Priester zu missionarischen Kriegern aus. Ungläubige sollen konvertieren oder sterben, denn sie sind es, wegen derer laut neu-katholischer Doktrin die alte Welt unterging.
Hinter den Kulissen geht seltsames vor: Ein Wissenschaftler, besessen von der Unsterblichkeit, erzeugt zu unklaren Zwecken Klone historischer Persönlichkeiten wie Churchill, Hitler und Marilyn Monroe. Letztere ist auch die entlaufene Nonne des Titels. Ihr Weg führt zu einer Begegnung mit einem brutalen Missionar und dem Papst, wo sie Unglaubliches enthüllt.
Vermutlich, denn prompt nach der Enthüllung endet das Buch. Runaway Nun ist eine kreative und detailliert ausgearbeitete Zukunftsvision mit einer guten Portion Action, herrlich postapokalyptischer Atmosfäre und etwas Sex (immerhin ist die Monroe in dieser Geschichte). Wäre da nicht die Tatsache, dass das Buch mitten in der Geschichte einfach endet.
Das ist extrem schade, aber vielleicht kommt ja noch eine Fortsetzung. Immerhin war vor kurzem ein Kickstarter erfolgreich, um aus der Geschichte einen Comic zu machen. Dazu ist sie zweifellos geeignet und auch das abrupte Cliffhanger-Ende passt besser zu diesem Format als zu einer Novelle.
Also: Gute Geschichte, aber unvollständig und vielleicht einfach im falschen Medium (Buch statt Comic) gelandet.

Kerstin Ordelt
66 Tipps & Tricks für den Alltag: Schneller, einfacher & lustiger durchs Leben mit Life Hacks
Eigenverlag, 2,91 € für Kindle

Warum ein Post-It besser ist als jeder Tastatursauger und wie man Mücken mit einer Wasserflasche fängt. Das Denglische kennt solche Dinge als „Lifehacks“, alle anderen einfach als Tipps und Tricks. Das ist zwar auch aus dem Englischen abgeleitet, passt aber besser in die deutsche Laut-Buchstaben-Zuordnung. Ganz konservative dürfen meinetwegen auch von Räten und Schlichen sprechen.
Wo war ich? Ach ja, Kerstin Ordelts kleines eBook. Die Tipps in diesem Buch sind zu großen tteilen tatsächlich nützlich und es ist mit Sicherheit für jeden etwas dabei, was er noch nicht wusste. Manche Dinge sind in alltäglichen Produkten so vorgesehen ohne dass jemand es weiss, andere sind clevere Umnutzungen.
Das ist alles sehr schön, nur der Preis ist mit 2,91 € dann doch etwas hoch angesetzt. Dafür hätten es deutlich mehr Tipps sein können, denn da kostet eine umfangreichere Ratgeberzeitschrift auch nicht viel mehr.

Mario Lorano
Der 25-Stunden-Tag – Mehr Zeit für Dich!: Praktische Tipps um täglich eine Stunde Zeit zu sparen
Selbstverlag, 0,99 € für Kindle

Juhu, mehr Tipps und Tricks, diesmal zu einem angemessener Preis! Mario Lorano verspricht, Lesern mit seinen Tipps jeden Tag zu helfen, eine Stunden Zeit zu gewinnen. Das wäre toll, wären die Tipps besser als „Stehen Sie morgens fünf Minuten früher auf“ oder „Sehen Sie weniger fern“.
Wäre das Buch nicht monetär kostenlos gewesen, ich fühlte mich veralbert. Nach der Logik des Buches, welches Zeit zu Geld erklärt, hätte ich sogar jedes Recht, mich veralbert zu fühlen. Somit fühle ich mich jetzt einfach mal veralbert.
Ich mag nicht veralbert werden. Ich bin jetzt beleidigt. Und der Mario Lorano ist doof *zungerausstreck*. So!


Literarische KW 13/2014

So, nach dem Ende der Politischen KW habe ich angefangen, das wöchentliche KW-Kürzel zu vermissen. Ich nutze es also um für etwas, was ich schon länger starten wollte: Die Literarische KW.
Die Sache ist die: Da ich selber eBooks schreibe, halte ich es für problematisch, Bücher anderer Autoren auf Amazon zu bewerten, das sieht schnell nach Vetternwirtschaft, Schlechtmachen oder dergleichen aus. Da ich aber dennoch den Drang habe, das über die Woche Gelesene öffentlich zu bewerten, pack ich das jetzt einfach hier ins Blog. Jeden Sonntag, tendenziell abends.
Dass es diesmal alles englischsprachige Sachbücher sind, ist übrigens Zufall.

David Price
OPEN: How we’ll work, live and learn in the future
Crux Publishing; 5,99 € für Kindle

Oh, ein Déjà Vu! Denn Open ist im Grunde das englische Äquivalent zu Wir nennen es Arbeit, dem mit Abstand besten, was der ständige Möchtegernexperte Sascha Lobo (mit Holm Friebe) jemals produziert hat.
Price geht allerdings über das Arbeitsleben weit hinaus, indem er sich der Bildung annimmt. Er beschreibt, wie die ständige Verfügbarkeit von Bildung und Information die Gesellschaft grundlegend verändern kann. Die Arbeitswelt ist dabei mehr eine Fußnote, die gestreift wird, viel wichtiger sind ihm virtuelle Hörsäle, OpenAccess und die Wikipedia. Er baut damit das Grundgerüst, dass Lobo/Friebes „digitaler Bohéme“ fehlte. Ein wenig ist das, als wären hier zwei Ideen in falscher historischer Reihenfolge publiziert worden, als die Zeit Schluckauf hatte.
Was Price hier formuliert ist eine Utopie des allgemeinen Zugangs zu wissen. Schattenseiten wie die ebenso verstärkte Verbreitung von Unsinn (Klimaleugner, Kreazionisten, Homöopathie, der ganze Murks dieser Sorte) und die Selbstüberschätzung (alle mitlesenden Mediziner dürfen jetzt kurz an Wikipedia-Selbstdiagnosen denken und aufstöhnen) finden nicht statt.
Dennoch eine Empfehlung für alle, die sich für die Zukunft der Bildung interessieren und was das für unser gegenwärtiges Verständnis von Wissen bedeuten kann. Und ein angenehmer Kontrast zur These von der digitalen Demenz.

Sam Conolly
The Evolution of Bird Flight: A Third Hypothesis
Selbstverlag; 0,89 € für Kindle

Das ist eines dieser Bücher, die vor dem Zeitalter des massenhaften Selbstverlags kaum eine Chance auf Publikation hatten – im besten Sinne. Eine ungewöhnliche Idee, mit Blick für Details entwickelt von einem autodidaktischen Nicht-Fachmann.
Conolly argumentiert, dass die Geschichte der ersten Vögel deutlich einfacher vorstellbar ist, wenn man sich die ersten Vögel als tauchende und schwimmende Jäger vorstellt, die Flügel ursprünglich als fiederne Flossen. Inspiration für diese Idee scheint der Hoatzin zu sein, ein tropischer Vogel, dessen Küken die einzigen lebenden Vögel mit Händen sind. Diese Küken nutzen laut Conolly ihre Hände weniger zum Klettern, als vielmehr zu Schwimmen.
Die Idee ist fraglos interessant, ob sie allerdings mit neueren Erkenntnissen zum Gefieder der gleitenden Raptoren (Archaeopteryx, Microraptor und Verwandte) zusammenpasst, wage ich zu bezweifeln. Vor allem, dass wir jetzt wissen, dass diese Tiere vier Flügel hatten und ihre Hinterflügel wohl als Seitenruder gebraucht wurden, bekräftigt die Idee, dass die Vögel schon immer Flieger gewesen sind.
Leider leidet das Buch an ein paar Ungenauigkeiten, die Kennern aufstoßen können: Conolly nennt die Theropoden ständig Thecodonten (erstere sind die Fleisch fressenden Dinosaurier, letztere eine Gruppe krokodilartiger Reptilien) und macht in einem kurzen Ausflug zu den Flügeln der Insekten einige empfindliche Fehler. So etwas hilft leider nicht dabei, von der Fachliteratur ernstgenommen zu werden.

Michael Garver
URBAN SURVIVAL: When the World as You Know It Has Changed Overnight
Benesserra Publishing; 5,03 € für Kindle

Prepping ist ein in letzter Zeit stark gewachsener Trend in den USA, bei dem es darum geht, möglichst gut auf etwaige Unglücke vorbereitet zu sein, wenn die Zivilisation plötzlich wegbricht. In gewissem Maße gab es das schon ewig, aber mit der Zerstörung von New Orleans 2005 wurde es relativ schnell ein kulturelles Phänomen.
Da diese Bücher oft auch nützlich sind, wenn man sich mit Selbstversorgung beschäftigt, habe ich schon viel dazu gelesen und vielleicht ist das der Grund, aus dem ich dieses Buch für weitgehend nutzlos halte. Nicht viel anderes als in allen anderen Büchern zum Thema auch, dazu ein extrem starker Bezug auf amerikanische Behördenstrukturen und eine seltsame Abhängigkeit von Spezialprodukten, die im Falle einer großflächigen Katastrophe wohl kaum schnell verfügbar wären.
Für Europäer praktisch nutzlos, für Amerikaner gibt es ebenso gute und bessere Bücher zum Thema zu deutlich günstigeren Preisen.


Zack, veraltet!

Manchmal hab ich echt Pech. Zum Beispiel, wenn der Stand der Wissenschaft fortschreitet, während ich ein Buch über genau jenes Thema vorbereite, zu dem es neue Erkenntnisse gibt. In diesem Fall geht es um Zackigen Zahnes. Die einführende Kurzgeschichte baut bisher auf der Vorstellung auf, dass die bizarren Anomalocariden die größten Fleischfresser in den Meeren des frühen Kambriums waren, bevor die Fische diese Stellung übernahmen. Und nun sieht es so aus, als wäre das falsch, wenigstens potenziell. Kurzgefasst wurde ein Vertreter der Gruppe gefunden, der sich höchstwahrscheinlich von Plankton ernährte. Das sieht auf den ersten Blick nicht wie ein großes Problem aus, immerhin gibt es auch Haie die Plankton fressen und ebenso räuberische Wale wie Plankton fressende Wale.

ich versuche gar nicht, diese Tiere zu beschreiben und stelle einfach ein Bild ein. Illu: Renato de carvalho ferreira, Wikimedia

Die Sache ist die: Sieht man sich nach diesem Fund die restlichen Anomalocariden an, wird klar, dass ihre Mundwerkzeuge für Planktonfresser weit mehr Sinn machen als für einen Beutegreifer an der Spitze der Nahrungskette. Es war lange ein Rätsel, wie diese Wesen fraßen und Spekulationen darüber haben die Paläontologie die letzten 30 Jahre beschäftigt. Die Mundwerkzeuge sind nicht geeignet, harte Schalen von Tieren wie Trilobiten zu zerbrechen, gleichzeitig ging man aber lange davon aus, dass sie diese fraßen, weil es entsprechende Überreste von zerbrochenen Trilobiten gab, die nur von Tieren von der Größe eines Anomalocaris stammen konnten.
Nun scheint es endgültig so, dass irgendetwas anderes diese Trilobiten gefressen hat. Und das alleine zeigt, dass wir noch längst nicht alles über die damalige Welt wissen.

So ist die Wissenschaft: Ständig gibt es neue Erkenntnisse. So verbessert sich unser Wissen um die Welt. Aber das bedeutet eben auch, dass Bücher veralten.

Das kann lästig sein, aber es passiert manchmal halt. In Zeiten des Papierpublizierens wäre das ein Problem gewesen, weil das Buch Monate später erschienen wäre und inzwischen vollkommen veraltet gewesen wäre.
Aber das Zeitalter des Papiers geht langsam zu Ende und was früher eine Katastrophe gewesen wäre, ist jetzt nicht mehr als eine kleine Hürde. Es verzögert vielleicht die Veröffentlichung um ein paar Tage, aber es gibt keinen Grund, mit einer veralteten Version eines Sachbuchs zu leben. Es gibt Updates und im schlimmsten Fall gibt es ein paar Tage Verzögerung.


7 auf einen Streich, Teil 3: Känozoikum

Nach dem großen Knall in Form eines Meteoriteneinschlags, mit dem das Mesozoikum endete, kommen wir mit den drei verbliebenen Bänden der Meilensteine der Evolution ins Känozoikum, das Zeitalter der Säugetiere einschließlich der Gegenwart.
Uns erwartet ein kurzer Blick in die Vorzeit, dann zu den frühen Menschen und schließlich ein kleines bisschen in die Gegenwart und nächste Zukunft.
Alle drei Bände sollen am 31. März für Kindle erscheinen, weitere Plattformen sollen folgen.


Klaubender Klaue
Mexiko vor 3 Millionen Jahren

Der vorerst letzte Ausflug in die Zeit vor dem modernen Menschen führt zum großen amerikanischen Faunentausch, einem Ereignis, bei dem die zuvor getrennten Tierwelten von Nord- und Südamerika zusammentrafen, als die beiden Kontinente sich verbanden.
In der darauf folgenden Zeit kam es zu großen Veränderungen und schlussendlich verschwanden viele Tierarten, insbesondere fast alle südamerikanischen Beuteltiere und die spektakulären Riesenfaultiere (unten auf dem Cover) und Glyptodonten (oben zu sehen).

Entsprechend geht es im Brennpunkt der Ausgabe auch um Verdrängung und Wettbewerb zwischen den Arten.


Gefälliger Gestalt
Europa vor 10.000 Jahren

Mit Gefälliger Gestalt geht es in die Welt, wie der Mensch sie zu verändern beginnt. Da liegt das Thema des Bandes natürlich nahe: Zucht.

Mit dem aktiven Eingriff des Menschen in die Evolution beginnt ein neues Phänomen, es entstehen Tier- und Pflanzenarten, die nur dank der Hilfe des Menschen überhaupt existieren können: Getreide, Hunde, Katzen, Schweine und so weiter. Felder, Weiden, Masthöfe – der Mensch verändert die Welt schon mit seiner Nahrungsproduktion tiefgreifend und beeinflusst aktiv den Lauf der Evolution.


Künstlichen Chromosoms
Antarktis im Jahr 2031

Und hier ist das große kontroverse Thema: Gentechnik.
Ich möchte es gleich sagen: Wenn ich Sachbücher wie diese schreibe, bin ich um inhaltliche Neutralität bemüht. Und das wird einigen beim Thema Gentechnik nicht gefallen. Natürlich spreche ich Themen wie Monsantos Giftmischerei an, aber ebenso spreche ich über Golden Rice und Insulin.

Wenn ich von Zucht spreche, kann ich von Gentechnik nicht schweigen. Nicht davon, was sie anders macht als konventionelle Zucht, nicht davon, was sie problematisch macht. Und nicht davon, wozu sie gut sein kann und ist. Schon allein die Wichtigkeit des Themas gebietet ausgewogene Aufklärung und Information darüber.
Das Thema ist für die Gegenwart zu wichtig, um es auszulassen. Und es ist vor allem zu wichtig für Vorurteile und Phrasen.