Sisyphos‘ automobile Freunde

Gilbert Garcin - Le moulin de l’oubli


Heute will ich über einen Fall sprechen, in dem es eine wirksame Lösung für ein Problem ist, die aber zugleich die Ursache des Problems zur Normalität macht und somit fördert, was weitere Probleme für die Zukunft erzeugt. Nicht ganz eine Teufelsspirale, aber wohl eine wahre Freude für Sisyphos. Womit dieser Eintrag schon einen deutlich besseren Bezug zu Camus hat als der letzte zu Miller. Manche Dinge lern ich dann auch nach 16 Jahren bloggen noch dazu.
Keine Angst, es geht jetzt nicht um Philosophie. Es geht um das deutsche Straßenverkehrsrecht samt ergänzender Rechtsprechung, ein bisschen um Fahrradhelme und um Verkehrspsychologie. Wer allerdings im Vergleich dazu leichte Kost sucht, dem kann ich Camus nur empfehlen, auch wenn ich seine Sisyphos-Interpretation für etwas krumm halte.

Aber zurück zum Thema, um das es eigentlich geht: Das hier. Ein Taxifahrer aus Wesel versucht derzeit, ein besseres Warnsystem einzurichten, um Radfahrern anzuzeigen, dass der Fahrer eines haltenden Wagens aussteigen will. Da Autofahrer selten vor dem Öffnen einer Tür (vorschriftsmäßig und für den langfristigen Erhalt der Tür sinnvollerweise) noch ein Mal nach hinten schauen, sollen wenigstens andere Verkehrsteilnehmer gewarnt werden.

Diese Initiative wiederum geht zurück auf einen Fall, der letzte Woche öffentlichkeitswirksam vor dem Bundesgerichtshof verhandelt wurde. Es ging um die Frage, ob jemandem, der bei einem Unfall mit dem Fahrrad keinen Helm trägt, von der Versicherung eine Mitschuld eingeräumt werden kann. Eine Fahrerin war gegen eine sich plötzlich vor ihr öffnende Autotür gefahren, gestürzt und hatte sich schwere Verletzungen zugezogen. Das Gericht entschied letztlich gegen die Mitschuld. Die Urteilsbegründung ist übrigens ziemlich interessant, aber im Kontext dieses Artikels nicht weiter relevant, weil es mir hier nicht um juristische Fragen geht, auch wenn ich hier (als Nichtjurist, wohlgemerkt) eine Menge juristische Quellen verwende.
Ein Thema, das nun (mal wieder) breit diskutiert wird, ist die Radhelmpflicht. Zu deren volkswirtschaftlichen Auswirkungen haben Martin Randelhoff und Lutz Tesch Bei Deutschlandradio Kultur einiges gesagt, zusammengefasst: Auch wenn ein Radhelm individuell sinnvoll sein kann, ist eine Helmpflicht volkswirtschaftlich möglicherweise schädlich, da sie die Zahl der Radfahrer senkt, was der Volksgesundheit schadet und sogar zu einer höheren Zahl an Fahrradunfällen führen kann.

Mein Ansatz ist ein anderer, eben der sisyphorische: Sowohl Radhelmpflicht als auch Zülfikar Celiks Blinkerlösung verringern zwar potenziell das Problem von Kopfverletzungen bei Fahrradunfällen, führen aber dazu, dass die eigentlichen Ursachen des Problems als Normalität anerkannt werden, was wiederum den Straßenverkehr an sich gefährlicher macht. Und die Ursache sind – pardon, aber – rücksichtslose Autofahrer, vor allem zwei Verhaltensweisen.

Das eine ist der fehlende Rückspiegel- oder Schulterblick aussteigender Fahrer. Den Tipp von Tesch, einfach beim Aussteigen die Tür mit der rechten Hand zu öffnen (bzw. mit der linken, wenn man rechts sitzt), ist hier sehr hilfreich, aber natürlich nicht vorschriftsgeeignet. Nur wäre das gar kein Problem, wenn nicht das viel größere, im übrigen auch viel lästigere Phänomen aufträte: Missachtung von Abständen aus bestenfalls Unkenntnis der Regeln, schlimmstenfalls Anspruchsdenken.

Es ist für Radfahrer alltäglich, angehupt, beschimpft und weggedrängt zu werden, wenn sie sich nicht so eng wie es nur geht an den Fahrbahnrand zwängen. Man sei ein Verkehrshindernis, unverschämt und tue so, als würde einem die Straße gehören (sic!). Radfahrer werden von vielen Autofahrern schlichtweg dazu gedrängt, eine wichtige Vorgabe zu missachten: Den seitlichen Mindestabstand.

Die meisten Autofahrer kennen den hier wahrscheinlich und beziehen sich gerne auf §2 Abs. (2) StVO:

Es ist möglichst weit rechts zu fahren, nicht nur bei Gegenverkehr, beim Überholtwerden, an Kuppen, in Kurven oder bei Unübersichtlichkeit.

Das heisst aber eben nicht, dass man sich am Bordstein entlangschrammen soll, sondern dieses „möglichst weit“ ist definiert, vor allem durch Gerichtsurteile. Der Abstand beträgt ca. 80 cm zum Bürgersteig und zwar nicht erst seit gestern, denn zu finden ist diese Zahl in einem BGH-Urteil von 1957. Parken am Rand der Fahrbahn Autos, sind es sogar 1,5 Meter (bzw. eine realistisch zu erwartende Türbreite), die ein Radfahrer seitlichen Abstand halten muss:

LG Berlin, Az. 24 O 466/95
Radfahrer müssen einen ausreichenden Sicherheitsabstand vom rechten Fahrbahnrand und insbesondere von parkenden Kraftfahrzeugen einhalten. Der Abstand muß so bemessen sein, daß den Radfahrer eine sich öffnende Autotür nicht in eine Gefahrensituation bringen kann

Würden Autofahrer diese Vorgaben kennen und beherzigen, statt vorschriftsmäßig fahrende Radler von der Straße zu drängen und sie auch noch als Kampfradler zu brandmarken, gäbe es kaum noch Unfälle dieser Art. Und da bei Unfällen mit Autotüren für Radfahrer die mit Abstand größte Gefahr besteht, sich zu überschlagen und auf dem Kopf zu landen, gäbe es auch deutlich weniger Tote und Schwerverletzte.
Aber wir reden lieber über eine Helmpflicht oder Blinker und behandeln damit halbherzig die Symptome, während die Straßen immer gefährlicher werden, weil wir gefährliches Fehlverhalten als neue Normalität akzeptieren und damit die Maßstäbe des Akzeptablen ständig zu Ungunsten der schwächeren Verkehrsteilnehmer verschieben. Und die stärkeren finden das auch noch richtig so, wenn nicht gar selbstverständlich. Und so beginnt die Geschichte mit dem Stein, der Grube und den Freuden einer griechischen Sagenfigur aus dem Titel des Artikels.


Tod eines Handlungstwitternden (aktualisiert)

Oh, eine Miller-Referenz im Titel, das wird gut! Aber um ehrlich zu sein gefiel mir nur spontan der Titel. Nunja, und wenn überhaupt, dann leider nicht ob des Anlasses: Twitter hat allem Anschein nach kurzerhand eBooks für lau kastriert.
Und hier, was passiert ist:

Und der Weg dorthin:
Wie einige Leser wissen werden, ist eBooks für lau ein von mir betriebener Twitter-Account, der Links zu jeweils aktuell kostenlosen eBooks mit einer kurzen Beschreibung des betreffenden Buches bringt.
Dies tue ich dort in nicht im geringsten aggressiver Weise: Ich folge mit diesem Account niemandem nur um Gegen-Follows zu erhalten, ich schreibe keine anderen Twitter-Accounts ohne Grund an, ich habe nie eine Direktmitteilung an einen Follower geschickt, geschweige denn eine unverlangte.
Ich schicke täglich um ca. 18 Uhr einige Tweets zu kostenlosen Büchern. Seit 2½ Jahren fast jeden Tag an inzwischen deutlich über 500 Follower, die alle aus eigenem Antrieb und – so hoffe ich doch – in vollem Bewusstsein, dass der Account nichts anderes tut eBooks für lau gefolgt sind. Fast 6.400 Tweets.
Und dann plötzlich schlägt ein Spamfilter an, wenigstens ist es das, was ich aufgrund der automatisierten Natur der Meldungen annehme.

Die erste kleine Gewitterwolke erschien bereits vor etwa zwei Monaten am Horizont, als Twitter sich plötzlich weigerte, Links von adf.ly zu akzeptieren. Es handelt sich dabei um einen URL-Kürzungsdienst, der bei verlinkten Seiten über die Einblendung eines Werbebanners Einnahmen generiert. Ich nutze ihn immer dann, wenn ein Link auf eine Seite geht, bei der ich keine Werbeeinnahmen aus der eigentlichen Verlinkung erhalte (am häufigsten bei Beam).
Übrigens lustigerweise, wenige Wochen nachdem ich hingegangen bin und die Werbung dort von einer ganzseitigen Anzeige vor Zugriff auf den Link auf ein Banner umgestellt hatte, damit die Werbung weniger stört. Denn ich bin jemand der glaubt, dass Werbung durchaus als positives Informationsorgan dienen kann, wenn sie nur ethisch und moralisch korrekt gestaltet wird und wenn sie den Umworbenen nicht unbotmäßig belästigt.

Nun gut, ich wechselte auf eine andere Kürzungs-URL, die ebenfalls über adf.ly läuft (q.gs) und damit war das Problem erledigt. Vorerst.

Denn dann kam heute: Twitter weigerte sich nun auch, einen q.gs-Link anzunehmen mit dem Vermerk, es bestehe der Verdacht, dieser Link sei fragwürdigen Inhalts. Tatsächlich fand ich bei Überprüfung von Futuretweets für gestern, dass schon dort die zwei Tweets mit q.gs-Links nicht gesendet werden konnten.
Futuretweets ist ein Service, der es ermöglicht, Tweets vorab zu schreiben und die dann später versendet. Ich nutze ihn ab und an, wenn sich Termine oder ähnliches mit meinen Zeiten für Tweets beissen, gestern beispielsweise hatte ich Familienbesuch und wir haben den Abend draussen mit Grillen verbracht (nicht Heuschrecken, Barbecue!). Ich versuche, trotz gelegentlicher verpasster Tage, eine für die Leser verlässliche Zeit einzuhalten und gehe davon aus, dass sie diese Verlässlichkeit zu schätzen wissen. Möglich, dass auch dies dazu beigetragen hat, dass Twitter die Tweets für automatisiert hält, aber das ist das gesamte Ausmaß, in dem ich automatisierte Dienste nutze.
Nun, ich kürzte den gekürzten Tweet nochmal über bit.ly ab, um die Linksperre bei Twitter zu umgehen, was zwar dazu führte, dass ich den Beitrag absenden konnte, wer darauf klickte jedoch zunächst eine Warnung erhielt.

Leser haben wenigstens ganz unten rechts die Option, die Warnung zu ignorieren. Ich habe das beim Posten nicht


Das ist ja noch schlechtere Kommasetzung in der Systemmitteilung als in einem meiner Texte.

Nachdem dieses Problem vorerst überwunden war, mir aber klar war, dass ich später noch eine andere Lösung suchen werden müsste, begab ich mich an den Amazon-Teil der heutigen Liste von nach erstem Augenschein empfehlenswerten kostenlosen Büchern.
Der erste Amazon-Tweet: Es kam erstmalig die ganz oben in diesem Beitrag gezeigte Fehlermeldung, aber bei zweitem Absenden ging der Tweet raus. Ich vermutete zunächst, der kurze Zeitabstand von unter 60 Sekunden zwischen den Tweets habe das ausgelöst.
Nächster Tweet, nächste Fehlermeldung. Der Tweet funktionierte erst, als ich den Link an eine andere Stelle im Tweet setzte, nämlich an den Anfang.

Das ging eine Weile und dann zeigte sich die Fehlermeldung jedes Mal, wenn ich versuchte, einen Link in einen Tweet zu setzen. Egal, wo im Tweet der Link war und egal, was für ein Link es war: Amazon ging nicht (offensichtlich), obwohl dies wohl kaum im Verdacht steht, Malware zu verteilen.
Als ich einen Screenshot des Problems teilen wollte stellte sich heraus, das nicht einmal mehr Twitter-eigene Links für hochgeladene Medieninhalte funktionierten.

Im Moment kann ich noch Beiträge ohne Links schreiben. Ich habe dies genutzt, um die Leser über die Situation zu informieren und die restlichen kostenlosen Titel für den Tag (sowie das auf 0,99 € runtergesetzte Drachenschiffe über Kenlyn vom von mir immer gerne empfohlenen Dane Rahlmeyer) wenigstens mit Titel und Autor zu erwähnen, damit die Leser diese dann bei Amazon ins Suchfeld eingeben können.

Momentan weiss ich nicht, was passiert ist. Ich kann vermuten und momentan sieht alles danach aus, dass ein Twitter-interner Spamfilter auf meine Tweets angeschlagen ist. Ich habe keinerlei diesbezügliche Mitteilungen von Twitter bekommen, weder über die Twitter-Seite noch an die mit dem Account verbundene eMail-Adresse. Keine Warnung, keine Information, keine Belehrung irgendwelcher Klauseln in den Nutzungsbedingungen, nichts.
Der finanzielle Schaden hält sich in Grenzen, in seinen besten Monaten macht eBooks für lau mit den Affiliate-Links und Bannereinblendungen um die 100 €, normalerweise weniger. Aber mein Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Twitter ist damit doch erheblich erschüttert – ohne Vorwarnung und Begründung einen Account zu kastrieren ist übler als das, wofür Youtube zuletzt mächtig Ärger bekommen hat. Die liefern wenigstens gleichzeitig mit Ergreifen der Maßnahme eine inhaltsleer-automatisierte Begründung, wenn sie einen Account sperren.
Ich habe einen Dienst betrieben, der per Twitter für Nutzer kostenlos einen echten Mehrwert erzeugt hat. Ich habe dabei niemandem geschadet, ich habe niemanden belästigt. Ich habe damit etwas Geld gemacht, was wohl kaum in irgendeiner Weise verwerflich ist, vor allem nicht bei diesen Beträgen. Ich verstehe nicht, was ich mit eBooks für lau falsch gemacht haben soll.

Ich werde mich nun mit Twitter in Verbindung setzen um herauszufinden, was passiert ist und den Dienst nach Möglichkeit fortsetzen zu können.

Nachtrag: Der Dienst funktioniert wieder. Es sieht so aus, als habe der q.gs-Link irgendwelche Sicherheitsroutinen im System ausgelöst. Ich finde den Umgang von Twitter mit solchen Diensten ziemlich unmöglich


Selbstverleger-Schlagzeilen zum Aufhorchen

Die letzten Tage gab es zwei Schlagzeilen zum Thema Selbstverlag in Deutschland, die ich sehr interessant fand und die weitere iMplikationen haben. Deswegen wollte ich dazu mehr schreiben, als bei Twitter möglich ist, auch wenn es für einen meiner Blogbeiträge vergleichsweise kurz wird. An alle, die jetzt aufatmen: Das mit der Kürze wird nicht lange halten.

Springer wegen Adobe DRM verklagt
Die Buchkette Osiander und eBuch haben Springer verklagt, weil diese eBooks mit und ohne DRM zum gleichen Preis anbieten, also als gleichwertige Produkte.
Auch wenn ich darüber sehr verwundert bin (wo bitte gibt es ein Gesetz, das vorschreibt, dass zwei Produkte unterschiedliche Preise haben müssen?), das Ergebnis sollten Selbstverleger mit großer Spannung erwarten, sind sie doch bei einigen Anbietern (etwa dank Adobe DRM bei fast allen großen deutschen Anbietern) zum Anbieten mit Kopierschutz gezwungen, während dies bei anderen (sowie natürlich auf der eigenen Webseite) freiwillig ist.
Die bisherige Auffassung war meines Wissens überall so, dass ein gleicher Preis sogar verpflichtend ist, schließlich gilt die Buchpreisbindung auch unabhängig davon, ob ein Buch eingeschweisst oder lose verkauft wird. Ein davon abweichendes Urteil hätte große Auswirkungen auf die Preisgestaltung, vor allem würde es diese nicht grade unkomplizierter machen.

Zum Tode von Michael Szameit
Vergangene Woche Freitag verstarb Michael Szameit. Szameit war einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der DDR und zeichnete sich als solcher gegenüber westlichen Autoren durch einen positiveren Zukunftsbegriff aus (etwas, was Ostblock-geprägte Autoren gemeinsam haben, siehe auch den Polen Stanislaw Lem oder den Russen Isaac Asimov).
Wichtig für Selbstverleger ist dabei: Szameit war zuletzt ein ebensolcher. Er hat seine Romane im Selbstverlag für Kindle angeboten und dies genutzt, um die Bücher zu fairen Preisen und sogar in wiederholten Gratisaktionen anzubieten.
Die FFrage, da er nun tot ist, lautet: Was geschieht nun mit diesen Werken? Sicher, sie stellt sich bestimmt nicht zum ersten Mal, aber dennoch: Was geschieht nun mit diesen Einnahmen und vor allem mit dem dazugehörigen Kindle-Konto? Haben Szameits Erben sein Passwort zum Selbstverleger-Bereich von Amazon? Können sie es bekommen? Haben sie ein Recht darauf es zu bekommen oder dürfen sie es am Ende gar nicht bekommen? Und wohin gehen die Einnahmen, wenn die Konten, an die diese fließen doch nun wahrscheinlich abgewickelt werden?
Ich bin gespannt, ob es darauf eine Antwort geben wird.


Postsedative Wohnwelten

Unsere Welt ist voll von Konzepten, ausserhalb derer wir nicht denken können. Meist keine expliziten Ideen, sondern Dinge, die sich zwangsläufig aus unserem Lebensstil, unseren Verhältnissen, unserer Biologie und anderen Faktoren ergeben. Sichtbar sind diese Dinge oftmals nur für jene, die sich als nonkonform verstehen – ob mit Absicht oder eher beiläufig als Folge ihrer Art, die Welt zu sehen. Für alle anderen werden sie erst sichtbar, wenn neue Entwicklungen das alte sinnlos machen.
Und damit kommen wir zum Thema dieses Beitrags: Die Selbstverständlichkeit der Sesshaftigkeit.

Die Geschichte der Menschheit beginnt mit der Erfindung der Sesshaftigkeit, also des Wohnens an festen Standorten. Mit der Landwirtschaft entstehen die Landwirte, welche ihre Felder das ganze Jahr durch bewirten und Häuser bauen, um jahreszeitlich wechselndem Wetter und anderen Herausforderungen des sesshaften Lebens zu widerstehen.
Die Abende finden nun in den sicheren Häusern statt, Zeit, die zuvor zum Wandern und Wachehalten benötigt wurde, wird für andere Aktivitäten frei. Und mit dem neuen Phänomen der Freizeit beginnt das Zeitalter der Erfindungen, denn plötzlich ist viel Zeit zum Denken frei. Und so kommt es, dass die Völker der Erde in jener Reihenfolge als kulturell-technologische Kräfte in den Geschichtsbüchern auftauchen, in der sie sesshaft werden (von den Mongolen abgesehen). Zunächst war der ideale Mensch der Häuslebauer, dann der Bürger (Bewohner einer Burg).
Wenn Sesshaftigkeit so tief in unserer Kultur verwurzelt ist, so sehr ihre Grundzutat ist, erklärt das, warum wir an ihrer Selbstverständlichkeit so selten etwas seltsam finden. Zwar gab es immer Völker, die nicht oder weniger sesshaft waren, doch diese ignorierten wir meist, erklärten sie für primitiv und/oder entwicklungsbedürftig.

Bis heute hat sich das zu einem unterschwelligen Extrem entwickelt. Unsere Vorstellung von Stadtentwicklung ist oft davon geprägt, dass wir Menschen als Bewohner von Häusern verorten und den Raum zwischen den Häusern einzig als Verkehrsfläche betrachten, die dazu genutzt wird, von einem Haus zum nächsten zu gelangen. Wir kennen es in seiner massentauglichsten Variante als die Idee von der „autogerechten Stadt“.
Es ist die Allgegenwart des menschen-leben-in-Häusern-Denkens, die Ansätze wie jene von Jan Gehl so revolutionär erscheinen lassen, der Städte für Menschen bauen will. Städtte, in denen Menschen ausserhalb ihrer Häuser leben.

Doch genau in jener Zeit, als die Idee autogerechter Städte aufkam, ging bereits eine Saat auf, die das Ende der Sesshaftigkeit bedeuten konnte. Es war die Grüne Revolution. Diese hat trotz des Namens wenig mit den Grünen zu tun. Es handelt sich um die Industrialisierung der Landwirtschaft.
Plötzlich brauchte es viel weniger Menschen in der Feldarbeit. Doch die Arbeitswelt basierte auf sesshaften betrieben und verfügbaren Dienstleistungen, alles war auf Sesshaftigkeit ausgelegt. Arbeit, Kommunikation, Gesetze, alles erschwerte ein Leben ohne festen Wohnsitz, alles war auf der Norm aufgebaut, dass ein zivilisiertes Leben ohne einen solchen nicht möglich sei. Es gab kein Ausbrechen aus dieser Norm ohne ein völliges Ausbrechen aus der menschlichen Gesellschaft.
Aber es gab Spuren davon: Das Auto kam und mit ihm etwas Neues: Der Berufspendler. Heim und Arbeitsplatz trennten sich, ein niederschwelliges Nomadentum wurde zur Norm.

Und dann kamen die späten 1980er. Auf den Schulhöfen der westlichen Welt (und Japans) erschien der Vorbote einer Revolution.

Viva la Pling-Geräusch-olucion!


Wie gesagt: Vorbote.

Es kam das Zeitalter der mobilen Technologie.
Innerhalb weniger Jahrzehnte erschien Technologie, die es ermöglichte, unterwegs auf seine Arbeit zuzugreifen. Zugegebenermaßen galt das nur für Büroarbeit, aber diese wurde etwa zeitgleich zur dominanten Form von Arbeit. Laptop, mobiles Internet, Smartphone… das digitale Nomadentum wurde eine echte Option für Menschen in Bürojobs oder der Kreativwirtschaft. Unsere Besitztümer werden zunehmend digitaler – Filme, Bücher, Musik, Spiele, alles ist digital und wird über das Netz bezogen. Und wenn unsere Städte menschenfreundlicher werden, brauchen manche Menschen nicht mehr als ein Bett für die Nacht, das ganze übrige Leben kann draussen stattfinden – und wieso nicht jahreszeitabhängig in unterschiedlichen Klimazonen?
Das mit dem Bett ist übrigens keine neue Idee: In der Industriellen Revolution gab es Arbeitersiedlungen, in denen die Menschen nur zum Schlafen in ihre Häuser gingen, wobei die Betten von mehreren Personen abwechselnd benutzt wurden, quasi Schlafen im Schichtdienst. Dieses Wohnmodell verschwand mit der Durchsetzung menschenwürdigerer Arbeitszeiten und Löhne, aber nichtsdestotrotz ist festzuhalten, dass Menschen durchaus so gelebt haben. Und wenn sie es diesmal freiwillig tun, wieso eigentlich nicht? Die japanischen Kapselhotels bieten für eine solche Lebensweise den idealen Raum. Denn wenn man den Rest des Tages ohnehin nicht im Haus verbringt, braucht man auch nicht mehr als ein Bett.

Worauf ich eigentlich hinauswollte?
Wie unglaublich kleingeistig ich diese „Zukunftsvision“ in diesem Kontext letztendlich finde:

Das ganze Konzept basiert darauf, dass Menschen in Zukunft weiterhin ihr ganzes Leben in Häusern verbringen. Es fehlt die Reflexion einer Frage: Warum sollten sie? Zumal, wenn die Wohnungen der Zukunft so beschissene Orte zum Leben sein werden, wie hier dargestellt.


Wahlnachbetrachtung 2014

Sitzverteilung der 9. Ratsperiode 2014-2020 in MG


Da ist er also, der neue Rat. Ich werde diesem ab dem 1. Juni nicht mehr angehören, ab dem die neue Zusammensetzung gilt. Das ist durchaus okay so, ich schreibe dazu später noch separat etwas.
Jetzt geht es erstmal um die Kommunalwahl in MG, ihr Ergebnis und meine Eindrücke daraus. Die Prozentverschiebungen finde ich letztlich uninteressant, so lange keine Sitzverschiebungen daraus erwachsen, denn allein diese sind für die Abstimmungen im Rat von Bedeutung. Nun denn, die Eindrücke, als da wären, Partei für Partei in absteigender Größe.

CDU
Dass die CDU sich wieder über die 40 Prozent hieven konnte, kann ich mir einzig aus den Verlusten der anderen bürgerlichen Parteien erklären. Das passt auch ins Bild, ist der Zuwachs der CDU doch geringer als es die Verluste bei FDP und FWG sind.
Einzig in Wickrath Land (sprich u.a. Wanlo) sehe ich inhaltliche Gründe für einen CDU-Erfolg, dank (leider) populärer Haltungen zum Segelflugplatz und zu Windkraftanlagen.
Dennoch ist klar zu konstatieren, dass die CDU erheblich gewonnen hat. Es gibt im nächsten Rat keine Mehrheitsoption ohne die CDU, nur schwarz-rot und schwarz-grün können die Stimmenmehrheit von 35 Stimmen erreichen (schwarz-rot 49, schwarz-grün 36).
Korrektur Da fehlte der OB in der Koalitionsberechnung, wie Torben Schultz richtig einwendete. Mit diesem hätte schwarz-rot 50 Stimmen, schwarz-grün je nach Ergebnis der OB-Wahl 36 (Bude) oder 37 (Reiners).

SPD
Die SPD stagniert. Nach der Ampel ohne Verluste dazustehen ist eine beachtliche Leistung. Ich denke, das ist der Arbeit solcher Leute wie Reinhold Schiffers zu verdanken, der als Bezirksvertreter sehr rührig und volksnah auftritt. Dies konnte die teils heftigen Verluste in Oberbürgermeister Budes Umfeld auffangen, die sie sich durch Untätigkeit und allzu auffällige Nähe zu bestimmten Unternehmen (*hust*Jessen*hust*) reiflich verdient hatten.

Grüne
Dass die Grünen im Stadtrat nur einen Sitz verlieren ist für mich die große positive Nachricht des Wahlsonntags. Ich hatte nach den vielen desaströsen Diskussionen der letzten 12 Monate (z. B. Stadtbibliothek) mit dem Verlust von zwei Sitzen gerechnet.
Dass die Grünen jetzt mit Abstand größte der kleinen Fraktionen sind, lässt mich für die Zukunft der Stadt hoffen. Jetzt müssen sie aufpassen, nicht zu staatstragend und „verantwortlich“ aufzutreten und ihren grünen Kern weiterhin zu bewahren. Dann ist bis zur Kommunalwahl 2020 ein ernsthafter Politikwechsel in Mönchengladbach drin.

FDP
Die FDP ist de facto zusammengebrochen. Da Mönchengladbach lange als Hochburg der FDP galt, ist es ein empfindlicher Schlag, mehr als die Hälfte der Ratsmandate einzubüßen und so grade noch den Fraktionsstatus zu behalten.
Es fiel bei Wahlkampfauftritten ständig auf, dass die FDP nicht auf der Höhe der Zeit ist und darauf mit einem Angriff nach vorn reagierte: Wenn schon reaktionär-neoliberale Positionen, dann richtig! Damit wurde sie selbst vielen FDPlern zu neoliberal und verlor auch den Kontakt zu einflussreichen Bewegungen wie der Verkehrswende oder der IG Schürenweg. Dass FDP sich dann ausgerechnet die Themen Verkehr und Schule als Hauptthemen herausnahm, war fatal, waren doch genau dies die Themen, in denen ihr Weltbild sich schon längst am weitesten von der Realität entfernt hatte.

Linke
Dass die Linke ihre drei Sitze halten konnte, ist ein weiteres positives Zeichen für die weitere Zukunft. Sie hat keine der viel beschworenen Protestwähler an so genannte Protestparteien verloren und damit bewiesen, dass ihr Ergebnis genuin politisch ist.

Einzelpersonen
Ganze sechs Parteien sind mit je nur einem Sitz im neuen Rat vertreten. Unter diesen sticht die FWG raus, die zuvor noch eine Fraktion war. Ihre öffentliche Selbstzerlegung war spektakulär und nachdem öffentlich klar wurde, dass diese „Partei“ nicht mehr ist als ein Erich-Oberem-Puppentheater, war’s das. Ich bezweifel, dass die FWG je wieder kommunalpolitische Bedeutung erlangen wird, zumal sie mit Ausnahme von Oberems Sohn eigentlich alle ihre fähigen Köpfe rausgeschmissen oder vergrault hat.
Gar nicht mehr dabei ist das in Mönchengladbach einst mit stolzer Tradition verwurzelte Zentrum. Wenig verwunderlich, ist diese Partei doch zuletzt durch nichts aufgefallen. Dass sie die mit Abstand jüngste Liste hatte, war da wohl mehr ein Zeichen des mangels an erfahrenem Personal denn von Jugend.
Die Piraten haben sich ihren Sitz verdient und dazu gibt es schon fast nicht mehr zu sagen. Wir werden sehen, was das gibt.
Mit NPD und ProNRW sitzen zukünftig wieder zwei Nazis im Stadtrat. Dazu kommen noch die Asozialen für Deutschland, die manche dazu zählen, manche nicht (ich nicht, ich finde sie aus anderen Gründen widerlich, siehe Link). Dass die AfD kommunal weniger als ein Drittel ihres gladbacher Europaergebnisses holt, ist interessant.
Und dann ist da noch das eine Mitglied von Die PARTEI. *tieflufthol* ich finde das furchtbar. Ähnlich furchtbar wie die Präsenz von Nazis. Ich habe nichts gegen Ulas Zabci als Person, ich habe noch nicht einmal etwas gegen die PARTEI als Satiregruppe. Aber wenn eine solche Gruppe zu einer Wahl antritt, finde ich das unmöglich, dafür sind demokratische Wahlen schlichtweg zu wichtig. Wer die Wahl durch eine solche Spaßgruppe „unterwandert“, der macht letztlich die Demokratie an sich lächerlich und trägt somit zum ohnehin schon zunehmend demokratiefeindlichen Diskurs, zu Nichtwählertum und „Die-da-oben“-Gerede bei; der stützt letztlich (ich hoffe unwissentlich) jene antidemokratischen Diskurse, in denen sich Populisten und Nazis festsetzen können.

Fazit
Die Stichwahl des Oberbürgermeisters steht noch aus und ist schwer einzuschätzen. Budes Vorsprung zu Reiners ist hauchdünn und ich denke, am 15. Juni wird es ebenso zu einem Foto-Finish der beiden kommen. Dass Bude im Vergleich zu 2009 heftige Verluste hinnehmen musste, könnte für ihn ein böses Omen sein.
Dessen ungeachtet ist der neue Rat ein ganz brauchbares Ergebnis mit ein paar dunklen Flecken. Er bietet Anlass zu einer Hoffnung für 2020, die für 2014 nie bestanden hat. Die Stadt wird mit einer jessen großen Koalition ein paar unschönen Jahren entgegensehen, aber am Horizont gibt es Anzeichen eines Lichtstreifs. Wollen wir hoffen, dass dieser sich im nächsten Jahrzehnt als Sonnenaufgang entpuppt.
Und nicht zuletzt wird dies begleitet von zunehmender Bewegung ausserhalb der politischen Ebene. Es ist diese Ebene, in die ich meine größten Hoffnungen stecke. Doch auch dazu später mehr, wenn ich über meine eigene politische Zukunftsplanung spreche.


Rechte Maßstäblichkeiten (Nachtrag)

Gewähren wir der AfD ausnahmsweise mal etwas Raum. Es könnte sich lohnen. Die Frage, lokal aufgeworfen von der Theo-Hespers-Stiftung ist: Ist die AfD rechts? Gar rechtsextrem oder rechtspopulistisch?

tl;drDie AfD liegt im normalen Spektrum, nur leider ist das normale Spektrum stark rechts eingeschlagen./tl;dr

Der Begriff „rechts&dquo; ist als Einordnung ein schwieriger geworden, war es allerdings immer schon. Einige klassisch zugeordnete Begriffe möchte ich daher gleich rausschmeissen: Rassismus findet sich quer durch das gesamte politische Spektrum, ist also kein geeignetes Kriterium. Grade die AfD hält sich mit Rassismus ohnehin zurück, ihre Fremdenfeindlichkeit speist sich (wenigstens offiziell) aus anderen Beweggründen als Rassismus. Konservativismus funktioniert schon gar nicht, wäre dies das ausschlaggebende Kriterium wären die NSDAP und einige ihrer Nachfolger in ihrer Systemkritik links.

Nein, ich will auf ein Kriterium hinaus, das mir für die AfD zentral erscheint: Sie vertritt eine offen asoziale Ausrichtung. Und das hat sie mit den Rechten gemein.

Eine wichtige Komponente in der innerparteilichen Diskussion fast aller rechten Gruppen ist die Nützlichkeitsdiskussion. Wir finden dort solche Begriffe wie „Sozialschmarotzer“ oder gar die Forderung, wer nicht arbeite, solle auch nicht essen. Der Mensch wird nicht als Mensch, sondern als Rädchen in einer Art Staatskonzern betrachtet. Systeme, die dem sozialen Zusammenhalt einer Gesellschaft dienen, werden weitgehend abgelehnt, weshalb ich die Menschen, die derlei fordern mit dem Begriff „asozial“ belege. Das solche Asoziale nun eben diesen Begriff für Bedürftige verwenden, finde ich allgemein erstaunlich.
Überhaupt ist die ganze Diskussion verkehrt herum: Wir haben eine Gruppe, in der jene, deren einziger Lebenszweck im sinnlosen Anhäufen von Kapital zu bestehen scheint, die dies für unhinterfragt gut befinden und dafür andere Menschen ausbeuten. Diese Gruppe bezeichnet die übrigen als Schmarotzer, als Parasiten. Gleich so, als bezeichne das Virus die Gesunden als Parasiten.

Dies ist ein gemeinsames Phänomen der rechten Gruppen. Beim modernen Prototyp der Rechtsextremen, Hitler, finden wir in Mein Kampf ausgiebige Ausführungen zur Nützlichkeit verschiedener Völker („Rassen“) für die globale Volkswirtschaft – oder, im Falle der Juden, deren unterstellte Schädlichkeit. Auch „Asoziale“ (Begriff wie so oft in der falschrummen Verwendung) landeten schließlich in den KZs.
Entsprechendes zieht sich durch alle rechten Gruppen, aber zur Jahrhundertwende auch einige linke Diskussionen (*hust*Hart IV*hust*).

Und damit kommen wir zur AfD: Die AfD stellt alle sozialen Fragen unter das Primat der Nützlichkeit. Das ist wenig überraschend, besteht sie doch aus (Betriebs-)Ökonomen mit entsprechendem Blickwinkel. Besonders auffällig wird das in der Frage der Zuwanderung, diese soll eingeschränkt werden auf „tatsächlich“ Verfolgte und Nützliche. Menschen werden nicht als Menschen akzeptiert, sondern als Arbeitskräfte und Humankapital verwaltet. Und das, liebe Leute, ist asozial.
Ob es auch rechts ist, hängt davon ab, wie man „rechts“ definieren will.

Schlimmer ist aber, und damit komme ich zu Hartz IV zurück, solche Diskussionen sind inzwischen in der Mitte angekommen. Nach diesem Maßstab sind SPD und CDU leicht rechtslastig, die FDP ist wie die AfD rechts und die BILD ist zum äussersten Rande rechtsextrem.
Und das liegt meines Erachtens nicht daran, dass der Maßstab falsch wäre.

Nachtrag, 22.5.2014 Hier eine just erschienene Studie der Otto-Brenner-Stiftung zum dort so genannten „Wettbewerbspopulismus“ der AfD, passt sehr schön zu diesem Beitrag.


#WasKommunalpolitikerSoMachen

Ich stelle hier ja normalerweise keine Pressemitteilungen der Stadt ein, aber die passt hier ganz gut rein, so zum Abschluss der Ratsperiode. zum Titel siehe hier:

Über 1.150 Beschlüsse gefasst
Die Ratsperiode 2009 – 2014 geht zu Ende: längste Sitzung dauerte acht Stunden und 15 Minuten

Mit der 33. Ratssitzung am kommenden Mittwoch, 21. Mai, (15 Uhr, Rathaus Rheydt) neigt sich die Ratsperiode des bei der letzten Kommunalwahl am 30. August 2009 gewählten Rates dem Ende zu. Bei der Kommunalwahl am kommenden Sonntag, 25. Mai, entscheiden die Wähler auch über die Zusammensetzung des neuen Rates, der dann am 23. Juni in seiner konstituierenden Sitzung erstmals zusammen kommt. Für 17 Mitglieder ist es definitiv die letzte Ratssitzung, da sie nicht mehr erneut für den Rat kandidieren werden.

Mit durchschnittlich 35 Tagesordnungspunkten pro Sitzung hat der Rat seit seiner konstituierenden Sitzung am 6. November 2009 etwa 1.155 Beschlüsse gefasst. Unter anderem sprach sich der Rat im November 2010 für den Bau eines neuen Polizeipräsidiums an der Krefelder Straße aus, gab im Dezember 2010 „grünes Licht“ für das zukünftige Einkaufszentrum durch den Verkauf des Grundstücks auf dem Areal des ehemaligen Schauspielhauses an den Essener Investor mfi, verabschiedete im April 2011 das von der Verwaltung erarbeitete Klimaschutzkonzept und stimmte im März 2012 für den Beitritt Mönchengladbachs zum Stärkungspakt Stadtfinanzen. Zur Zukunftssicherung des Theaters verabschiedete der Rat im Mai 2013 das Konzept „Theater mit Zukunft II“ mit einer mittelfristigen Finanzplanung für die Jahre 2015 bis 2020. Im Juli 2013 beschloss er den Masterplan Mönchengladbach und gab in gleicher Sitzung den Sportstättenentwicklungsplan auf den Weg. Im November vergangenen Jahres beschloss er die anstehende Sanierung der Zentralbibliothek für rund 5,4 Millionen Euro.

Ein Blick zurück auf die Sitzungsprotokolle zeigt, dass die konstituierende Sitzung am 6. November 2009 zugleich auch die längste im Laufe der Ratsperiode sein sollte. Sie dauerte exakt acht Stunden und 15 Minuten und hatte unter anderem die Bildung und Besetzung von Ausschüssen und Gremien auf der Tagesordnung. Die kürzeste Sitzung dauerte dagegen nur 30 Minuten, befasste sich ausschließlich mit dem Haushaltsplanentwurf 2014 und fand am 9. September 2013 statt. In den zurückliegenden 32 Sitzungen hat der Rat insgesamt 121 Stunden und 47 Minuten getagt; zusammengerechnet ergäben dies rund fünf Tage rund um die Uhr Dauerberatung.

Nicht mehr erneut für den neuen Rat kandidieren werden aus der CDU-Fraktion: Rolf Besten, Udo Blank, Horst Hübsch, Dietmar Kirschner, Martin Wiertz, Wolfgang Wunderlich und Renate Zimmermanns; aus der SPD-Fraktion: Lothar Beine, Uwe Bohlen, Helga Klump, Ulrich Mones, Klaus Schäfer und Angela Tillmann; aus der FDP-Fraktion: Dr. Anno Jansen-Winkeln und aus der UFG-Fraktion: Bernd Püllen, Karl Schippers und Gisela Stähn.

Soviel zur PM. Das sind natürlich nur die reinen Ratssitzungen. Dazu kommen noch die Ausschüsse, in meinem Fall regelmäßig der Umweltausschuss (26x) und die BV Nord (32x) sowie als Vertretung in Bau- und Planungsausschuss (2x), Vergabeausschuss (10x), Verbandsrat des Niersverbandes (1x), Freizeit-, Sport und Bäderausschuss (2x), Finanzausschuss (1x) und Hauptausschuss (2x), weiter 176 Fraktionssitzungen à 2-3 Stunden und eine nicht näher zu beziffernde Zahl an Vorbereitungs- und Koordinationstreffen sowie Ortsterminen. Ich bin ziemlich sicher, noch etwas vergessen zu haben.


Vom Ende der Schreibschrift

Es ist mal wieder so weit, das Ende der Schreibschrift wird lamentiert. Das ist eine dieser sinnlosen Debatten, die sich vor allem aus dem sinnlosen Bildungsbegriff der Moderne speisen. Denn auch Schreibschrift gehört zur „Bildung“, was auch immer das sein soll (ich kenne die Entstehungsgeschichte des Begriffs, aber seine moderne Verwendung ist sinnentleert beliebig).

Schrift ist ein Resultat der Technologie, mit der sie aufgezeichnet wird. Und um gleich mit einem Mythos auszuräumen: Schrift hat nichts mit Sprache zu tun, zumindest nicht in dieser Detailschärfe. Schrift ist ein System zur Aufzeichnung von Sprache. Es gibt ein paar Einflüsse durch die Frage des verwendeten Schriftsystems, aber solange wir innerhalb eines Schriftsystems bleiben (in diesem Fall lateinische Alphabetschrift mit deutschen Sonderzeichen), macht es für die Sprache keinerlei Unterschied, welches der (grob) vier im Deutschen verwendeten Alphabete wir benutzen. Sie ist damit noch unwichtiger als die Rechtschreibung, die wenigstens hin und wieder Einfluss auf die Sprache nimmt (aber auch nur sehr selten, da ihre Anwendung ein Phänomen der Verschriftlichung ist, nicht der Sprache selber).

Schrift begann deswegen als Keilschrift, weil diese recht einfach mit einem Keil in ein Lehmtäfelchen zu ritzen war. Die Antiqua (Druckschrift) sieht so aus, weil sie eine Weiterentwicklung dessen ist, immer noch werden grade Linien in Lehmtäfelchen geritzt. Die Schreibschriften sind ein Resultat des Schreibens mit Federn auf Pergament/Papyrus/Papier, bei dem das zuvor selbstverständliche Absetzen vom Blatt lästig wurde. Die komplexe Form der asiatischen Schriften mit ihren variierenden Strichstärken resultiert aus dem Schreiben mit einem Pinsel. Und die Frakturschriften resultieren aus der Form der europäischen Schreibfeder, die bei unterschiedlicher Zugrichtung unterschiedlich dicke Linien zieht. Es sind technische Unterschiede, die zu unterschiedlichen Schriften führen, keine Unterschiede im Denken.

Und hier komme ich zum Verschwinden der Schreibschrift in den Schulen. Die Schreibschrift ist einer Zeit geschuldet, als mit Füllfederhaltern auf Papier geschrieben wurde. Mit einem Füller vom Papier abzusetzen ist ein vergleichsweise aufwändiger Akt, eine lästige Unterbrechung des Schreibaktes, bei der immer mal wieder ungewollte Linien verbleiben. Es machte daher Sinn, diese Linien zu normieren und zum Teil des Schriftbildes zu erklären, um den Schrifterwerb einfacher zu gestalten. Das System war nie perfekt, Diakritika und Elemente wie der Punkt des i und der Querstrich des t störten den Schreibfluss weiterhin und fielen in einem solchen auf Fluss bedachten System noch stärker auf, unterbrachen teils die sprachliche Formulierung des Satzes während seiner hakelig verlaufenden schriftlichen Fixierung.
Der Füller als Schreibgerät sieht nun seinem Ende entgegen. Selbst wer mit Hand schreibt, tut dies mit dem Kugelschreiber und ähnlichen Schreibgeräten, die auf einem Ball oder einer abgerundeten Spitze laufen. Mit diesen Schreibgeräten ist es kein Problem, den Stift für jede neue Linie kurz einen Millimeterbruchteil anzuheben und andernorts wieder anzusetzen. Das Erlernen einer separaten Schreibschrift verliert seinen technologisch begründeten Sinn.
Damit stellt sich auch die Frage, warum Kinder eine Schrift erlernen sollten, die für ihr späteres Leben weitgehend nutzlos sein wird.

Druckschrift hat einen großen Vorteil: Technologische Stabilität. Die Antiqua hat von der frühen Zeit des Römischen Reiches bis in die Gegenwart jede technische Veränderung in der Aufzeichnung von Sprache überlebt, von der Lehmtafel bis zum Bildschirm. Ihre einfachen Formen geben ihr die Fähigkeit, an jede Darstellungsform angepasst werden zu können, solange sie nur eine ist, die mit den Augen wahrgenommen wird.
Während die Schreibschriften kommen und gehen und schon ein in Sütterlin (erfunden 1914) geschriebenes Dokument für die meisten heute unlesbar ist, ist die Antiqua über die Jahrtausende leserlich geblieben. Die Inschriften auf römischen Denkmälern und Gebäuden bleiben lesbar, weil sie eben nicht in Schreibschrift verfasst wurden. Grundsätzlich ist ein Text von jemandem mit Sauklaue leichter zu entziffern, wenn er seine Sauklaue auf Antiqua anwendet als auf die Schreibschrift, bei deren Schnörkeln viel mehr schief gehen kann. Und wenn man davon ausgeht, dass Schrift ebenso wie Sprache der Kommunikation dient, spricht das für ihre Überlegenheit in der Erfüllung ihrer zentralen Funktion.

*Anmerkung: Der Autor beherrscht Sütterlin und Fraktur sowie deutsche und russische Schreibschrift. Tatsächlich bevorzugt er persönlich beim Lesen Frakturschriften gegenüber Antiqua. Aber das ist ein reines Geschmacksurteil und solche haben in der Diskussion nichts verloren.


Architektur ist alles

tl;dr Die Würdigung Hans Holleins in Mönchengladbach ist eine oberflächliche. Wer Holleins Ideen würdigen will, sollte in seiner Stadt keine immergleiche 08/15-Architektur à la Burkhard Schrammen protegieren, das zeugt einzig von Unverständnis dieser Ideen./tl;dr

Vergangene Woche starb Hans Hollein, in Mönchengladbach als Architekt des Museums Abteiberg bekannt. Leider ist Hollein genau die Art Architekt, die in MG so schmerzhaft fehlt und überhaupt in Deutschland an Bedeutung zu verlieren scheint.

Es gab in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Bauvorhaben, denen allen gemeinsam war, dass die jeweiligen Siegerentwürfe, oft aber auch die anderen Entwürfe, geprägt waren vom immergleichen Bild: Aufeinandergestapelte weisse Rechtecke mit entweder glatten Wandflächen oder Glasfronten und ohne individuelle Erkennungsmerkmale. Architektur wie vom Fließband.

Von oben nach unten: Zwei Entwürfe für die Friedrich-Ebert-Straße (Baulücke gegenüber Bushaltestelle Hauptstraße), ein aktuelles Projekt im Nordpark und ein Wettbewerbsgewinner für einen Bau gegenüber des Museums Abteiberg.

Unsere Presse spielt mit: Die 08/15-Glasfassade des rechten Entwurfs für die Friedrich-Ebert-Straße findet die Rp „interessant“ das unübersehbar reduziert-moderne weisse Ding mitten im Denkmalbereich „fügt sich […] gut ins Gesamtbild ein“ und der Schrammen-Entwurf gegenüber des Hollein-Museums sei laut Pressemitteilung der Stadt „städtebaulich richtig und wichtig“.
Man könnte die Liste austauschbar gleicher Gestaltung fortführen, etwa mit den Roermonder Höfen, die auch nur eine größere Version davon sind. Grade Schrammen/Jessen baut nur solche Dinger, die jedes Kind mit Legos unterfordern.
Selbst wo das Nutzungskonzept gut ist (wie etwa am Abteiberg), die Gestaltung ist eine immergleiche Soße, die keinerlei Berücksichtigung der Umgebung findet. Und nirgendwo ist das eklatanter als am Abteiberg, gegenüber eines Hollein-Baus.

Ich habe mich bei der Vorstellung des Entwurfs bei Facebook mit meinem KOmmentar bei einigen nicht beliebt gemacht, als ich darauf hinwies, dass das Gebäude nicht in die Ecke passe, insbesondere nicht an der durch sehr alte Bauten geprägten Krichelstraße (die wohl aus gutem Grund in keinem der Pressebilder gezeigt wird). Man kann das Problem erahnen, wenn man sich den architektonischen Kontrast zu den Nebengebäuden klar macht, die im Bild deutlich weiter entfernt aussehen, als sie sind.

Ein Zitat von Bernhard Jansen in der Facebook-Diskussion finde ich nachträglich sehr interessant:

Ob ein post-moderner neo-neu-barocker Bau ehrlich besser sein könnte, wage ich zu bezweifeln.

Warum eigentlich nicht? Gibt es etwas an der Architektur der Jahrhundertwende, dass es heute unmöglich macht, ein Gebäude zu bauen, welches sich in eine solche einfügt und dennoch etwas Individuelles hat, mit dem sich der Architekt verwirklichen kann? Ich sehe nicht, was das wäre.
Hollein würde sich, sofern er bereits beerdigt wurde, im Grabe umdrehen, denn grade sein Ansatz war es, dies wenigstens auszuprobieren. Denn, so verstehe ich Holleins Ansatz inzwischen, Architektur ist alles und deshalb verdient sie es nicht, lieblos angegangen zu werden.

Wer sich eine größere Anzahl Bauten und Entwürfe Holleins ansieht kommt nicht umhin, ihnen allen Individualität zuzugestehen. Jedes Gebäude sieht vollkommen anders aus. Glasfassaden und weisse Rechtecke sind vorhanden, aber immer durch Brüche, Unregelmäßigkeiten, Störer jedweder Form durchstoßen.
Um mal ein Extrem herauszugreifen, hier ist das Institut für Vulkanologie in Clermont-Ferrand, ein aus Vulkangestein gebautes Museum über Vulkane. Mit einem Nebengebäude in Form eines aufgespaltenen Vulkans!
Wer so etwas macht, baut keine langweiligen gestapelten weissen Rechtecke an jede Ecke einer Stadt. Der ignoriert auch nicht mal eben eine riesige mitten über das Grundstück eines Projekts spannende Brücke und sagt nachher, er wisse nicht, was man damit machen solle.

Mönchengladbach ehrt Hollein diese Woche mit Nachrufen und mit der schon zuvor immer wieder in Erinnerung gerufenen Tatsache, dass er unser größtes Museum entworfen hat. Doch es zeigt sich auch ohne jegliches Bewusstsein für Holleins Ansatz, seine Denkweise und seine Verdienste. Hollein war einer der letzten im Westen, die sich noch die Mühe machten, Architektur als Kunst zu behandeln und ihr entsprechende Hochachtung zu gewähren.
Und ich vermute es ist dies, was den Architekten, die unsere Stadt jetzt bauen, fehlt. Das Verständnis, dass was sie bauen mehr ist als eine Hülle für Funktionalitäten. Architektur ist alles, sie umgibt uns ständig. Der Lebensraum des Menschen ist Architektur und da der Lebensraum einer der prägenden Einflüsse auf ein Lebewesen ist, sollte seine Gestaltung entsprechend wichtig genommen werden. Ich wage zu behaupten, dass die aktuelle uniform-glatt-unkreative Bauweise ebensolche uniform-glatt-unkreativen Geister fördert.
Das war eine Erkenntnis Holleins. Ich mag den Hollein-Bau des Museums nicht besonders, aber ich verstehe ihn nach meiner Beschäftigung mit Hollein. Anders als von vielen Freunden des Baus gesagt hat dies meine Einstellung gegenüber der gleichmachenden 08/15-Architektur der Gegenwart aber nur verschlechtert.
Es wäre schön, wenn das aktuelle Gedenken an Hollein tiefer gehen würde. Es lohnt sich.

Wobei auch Hollein mir noch nicht weit genug geht, denn eine Frage erlaube ich mir noch zu stellen: Warum eigentlich muss jedes Gebäude der Gegenwart aussehen wie ein Gebäude der Gegenwart? Die Technologie, einen Erker, Schnörkel oder Arkaden zu bauen, ist ja nicht verloren gegangen. Was hindert einen Architekten des 21. Jahrhunderts eigentlich daran, ein Gebäude im Gründerzeitstil zu bauen? Technisch moderner und vielleicht auch mit ein paar Gestaltungselementen anderer Zeiten. Halt nicht wieder als „Epoche“, sondern als individueller Entwurf eines künstlerisch tätigen Individuums. Denn Epochen sind ohnehin eine unsinnige Idee, geboren aus dem Versuch branchenweiter Gleichmacherei.

Ein gutes Beispiel gibt es in Gladbach übrigens durchaus: Was auch immer man von der im Bau befindlichen Mall halten mag, sie ist individueller gestaltet, schöner und optisch besser in ihr Umfeld eingebettet als so ziemlich alles andere, was in der Stadt aktuell oberhalb des Niveaus eines Eigenheims gebaut und geplant wird (Größe und Funktion ignorierend, es geht nur um die Gestaltung). Und im allgemeinen sind die neuen Platzgestaltungen in der Stadt von hervorragender Qualität, weil hier Gruppen wie die Freimeister aktiv sind, die sich als Künstler verstehen und entsprechend individuelle Konzepte vorlegen. Es könnte allerdings auch daran liegen, dass Plätze in der Regel keine Fassaden haben.


Mediale KW 16/2014

Machen wir aus der Literarischen KW mal die mediale KW, womit auch andere Medien zu ihrem guten Recht kommen. Übrigens, wer die Literarische KW letzte Woche vermisst hat: Ich habe vorvergangene Woche schlichtweg keine Bücher zu Ende gelesen. Ich habe Rain durchgespielt, aber das ist ja kein Buch.
Nun denn, lasst uns beginnen:

Stadium 7 – Die Invasion
Buch (Science-Fiction-Novelle); Inge Lembke

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Aliens landen auf der Erde. Sie kommen als Keime an, regnen eher zufällig grade auf die Erde nieder und wachsen dort über die Jahre zu etwas neuem heran. Auf einen Schlag beginnt die Invasion, bevor die Menschen auch nur wissen, was passiert sind schon Millionen tot.
Inge Lembke zeichnet mit Stadium 7 eine andere Art von Invasion, eine Invasion durch Lebewesen, die als Sporen ankommen und die Erde quasi von unten übernehmen. Die Invasion zerstört keine Städte, sie geschieht zunächst wie eine Krankheit und erst später folgt dann die bekannte Form der Invasion gegen die bereits stark geschwächte Menschheit.
Die Idee ist gut ausgearbeitet, leider sagt mir der Schreibstil so gar nicht zu. Zu akademisch-emotionslos liest sich Lembkes Text, zu viel wird geschildert statt es über die Handlungen und Interaktionen der Figuren zu zu implizieren. Zu viel wird an unterschiedlichen Orten der Welt in kleinen Variationen wiederholt.
Letztlich habe ich wegen des interessanten Konzepts weitergelesen, aber nicht wegen des Textes selber. Das ist etwas, was Science-Fiction manchmal kann: Eine gut ausgearbeitete Idee rettet einen mäßigen Text vor dem Nicht-Gelesen-Werden.
Faszinierend ist dieser Novelle eigene Idee eines Lebens nach dem Tod. Was ist „Ich“ und kann es ohne mich weiterleben? Ist das, was andere für mein Ich halten, wirklich mein Ich? Und was genau ist die Erinnerung an „mich“; eigentlich wert? Ich habe das Gefühl, Inge Lembke hat hier unbewusst die Vorgeschichte zu einem wirklich interessanten Roman verfasst, anstatt eben diesen Roman zu schreiben.


Rain
Videospiel (Puzzle-Adventure; Playstation 3); Sony

Sony Store
Ein Junge folgt einem unsichtbaren Mädchen, dessen Umrisse sich im Regen abzeichnen, durch ein seltsames Tor aus Licht und wird selbst unsichtbar. Verfolgt von ebenso unsichtbaren Monstern macht er sich in dieser Regenwelt auf die Suche nach dem Mädchen, wobei er sich durch Unterstände an den Monstern vorbeischleichen muss.
Rain ist in jeglicher Hinsicht simpel. Die Geschichte ist einfach, die Rätsel sind fast ohne Nachdenken lösbar, selbst die Musik besteht in der Regel aus recht einfachen Klavierstücken. Aber es ist in etwa drei Stunden durchgespielt und kann es sich daher erlauben, einfach nur schön zu sein, bevor es damit langweilt.
Es ist, alles in allem, nett. Nicht mehr, nicht weniger.


War of the Worlds: Goliath
Film (Science-Fiction-Trickfilm/Dieselpunk); Tripod Entertainment

Keine Ahnung, wo man den Film kaufen kann, sorry. Wobei, eigentlich nicht, aber dazu gleich.
1914: 15 Jahre nach dem ersten Angriff der Marsianer auf die Erde (siehe H.G. Wells sowie den Vorspann dieses Films) im Jahr 1899 steht Europa am Rande des 1. Weltkriegs. Doch der Krieg der Welten hat die Erde verändert: Es gibt eine internationale Einheit zur Bekämpfung der Marsianer, sollten sie je wiederkommen. Mit eigenen dreibeinigen Kampfmaschinen, Flugzeugen und Luftschiffen nutzen sie von den Invasoren erbeutete Technologie, um gegen diese bestehen zu können.
Und tatsächlich kommen sie zurück.
Der Film beginnt vielversprechend mit einer wunderschönen Zusammenfassung der Ereignisse von 1899 in Sepia-Standbildern (oder genauer „limited animation“). Alltag auf der Erde, Kriegsvorbereitungen auf dem Mars. Die Vocorder-Musik ist nicht jedermanns Fall, aber sonst sehr schön.
Das hält leider nicht lange an. Sobald der eigentliche Film beginnt, beginnen sich Charaktere wie Idioten zu verhalten und hören den ganzen Film durch nicht mehr damit auf. Unser Protagonist hat einen Vater, der als beinahe erste Aktion im Film völlig grundlos unter einer marsianischen Kampfmaschine die Deckung verlässt. Die Dummheit ist offenbar erblich, bleibt unsere Hauptfigur doch mitten auf der Flucht vor besagter Kampfmaschine auf der Straße stehen und stiert sie an, was seine Eltern das Leben kostet.
Mit 25 hat er den Rang eines Captain erreicht und leitet Bodeneinsätze von A.R.E.S., besagter Anti-Marsianer-Truppe. Mitten in einer Übung für einen neuen Typ irdischer Kampfläufer und einen Tag nach dem Attentat auf Franz-Ferdinand beginnt eine neue Invasion mit besseren Kampfmaschinen, Flugmaschinen und jetzt gegen irdische Krankheitserreger immune Ausserirdische. Der neue Krieg der Welten beginnt.
Goliath ist ein absolut überflüssiger Film. Eine Fortsetzung zu Krieg der Welten muss zwangsläufig das Ende der Originalgeschichte umgehen. Leider lag in genau diesem Ende der ganze Sinn von Wells‘ Geschichte und Goliath tut nicht das geringste, um dieses Problem auszugleichen oder der Geschichte einen neuen Sinn zu geben, es ist einfach nur Geballer mit vielen Verlusten auf beiden Seiten.
Die ersten 30 Minuten scheinen zu einem deutlich besseren Film zu gehören als der Rest, aber mit dem Auftauchen der Invasoren bricht jeder Erzählstrang abrupt ab. Die angedeutete Freundschaft zwischen unserem Protagonisten und Manfred von Richthofen? Bleibt nur angedeutet. Der Freiheitskampf der Iren und ihre Einstellung zur Invasion von 1899? Schnell beiseite geschoben, obwohl das der einzige Hinweis darauf war, dass jemand im Filmteam das ursprüngliche Buch verstanden haben könnte. Die Barschlägerei? Ohne jegliche Konsequenz für irgendwen. Der titelgebende Goliath? Schlussendlich nicht mehr als ein Kampfläufer unter vielen auf dem Schlachtfeld.
Es gibt bessere Animationsfilme. Viele.