Dino-Dienstag 9

Manche Leute sollten echt keine Saurier benennen dürfen: Dreadnoughtus
Großartig, ein Dinosauriername, den man ohne Kenntnisse des Englischen nicht aussprechen kann.
Nunja, Dreadnoughtus hat es ja schon ausgiebig durch die Presse geschafft, von Nature bis runter zum Düsseldorf Express und der BLÖD. Und weil alle anderen das selbe Bild benutzten, benutze ich das andere offizielle Bild aus der Veröffentlichung.

Illustration: Mark A. Klingler, Carnegie Museum of Natural History


Nein, Dreadnoughtus ist nicht der größte Dinosaurier aller Zeiten, wenigstens nicht nachgewiesenermaßen. Er könnte der größte gewesen sein, denn das gefundene Tier war nicht ausgewachsen. Nur, wie weit es noch gewachsen wäre, wenn es weitergelebt hätte, ist reine Spekulation. Mit Tieren wie Diplodocus oder dem spektakulär in Berlin in voller Größe zu bewundernde Brachiosaurus (bzw. nach moderner Benennung Giraffatitan) kann er nicht ganz konkurrieren.
Er ist allerdings der vollständigste riesige Titanosauride, gepanzerte Vertreter der Sauropoden. Die Titanosaurier waren große Tiere steppenartiger Landschaften und wurden als solche schnell Opfer von Aasfressern, bevor sie zu Fossilien werden konnten.

Ein Ornithischier vom Äquator
Ähnlich wie wir Säugetiere verdanken auch die Dinosaurier ihren größten Erfolgsschub einem Massensterben zu Beginn ihres Zeitalters. In diesem Fall an der Grenze vom Trias zum Jura vor etwa 200 Millionen Jahren.
Kurz nach diesem Massensterben lebten nur wenige Arten von Dinosauriern, aber sie breiteten sich sehr schnell aus, da jetzt die zuvor vorherrschenden Reptilien deutlich seltener geworden waren. Unklar ist bisher noch, wie schnell die Dinosaurier damals die Welt eroberten. Mit dem Fund eines neuen Ornithischiers, noch ohne Namen, ist dazu in Venezuela ein neues Puzzelteil aufgetaucht, denn bisher waren aus dieser Gegend keine so alten Dinosaurierfossilien bekannt.

Nachtaktive Synapsiden
Gehen wir zu eben jenen Herrschern der Welt vor den Dinosauriern, kommen wir zu den Synapsiden, jenen Reptilien, aus denen sich später, unter den Füßen der ersten Dinosaurier, die Säugetiere entwickelten. Bisher dachten Forscher, dass erst die Säugetiere die Nachtaktivität erfanden, da ihre großen Gehirn besser für die Orientierung im Dunkeln geeignet seien.
Untersuchungen an den Knochen um die Augen einiger Synapsiden zeigen aber, dass diese Reptilien lange vor den Säugetieren zu allen möglichen Tageszeiten aktiv waren. So war etwa der bekannteste unter ihnen, Dimetrodon, nachtaktiv. Das gibt auch eine neue mögliche Erklärung für das spektakuläre Rückensegel einiger dieser Tiere wie eben Dimetrodon und seinen Pflanzen fressenden Cousin Edaphosaurus.

Dimetrodon auf Nachtjagd, ein Edaphosaurus als Beute im Hintergrund - Illustration by Marlene Hill Donnelly


Dino-Dienstag 8

Na passt doch perfekt: Heute geht es in einer ansonsten bei den Urtier-Schlagzeilen ruhigen Woche um zwei Sorten gefiederter Dinosaurier. Und glücklicherweise führen diese diesmal nicht gleich dazu, dass ich Schwarzer Schwinge zwei Tage nach Veröffentlichung schon wieder umschreiben darf.

Dinosaurier mit Babysittern

Psittacosaurus-Nest, Bild: University of Pennsylvania

Fangen wir an mit einem unbesungenen Star der Saurierforschung, Psittacosaurus. Ein recht kleines Tier, das vor 120–110 Millionen Jahren mit mehreren Arten in großer Zahl in Asien lebte und ein früher Verwandter des Triceratops, zwar ohne Hörner und Nackenschild, dafür mit einem hohen Federkamm am Ansatz des Schwanzes und dem Schädel eines stacheligen Papageien.
Unbesungener Star, weil er aufgrund seiner Häufigkeit zu den am besten erforschten aller Dinosaurier gehört.
Zu den Funden gehören auch zahlreiche Nester. Hier ist nun eines, in dem ein jugendlicher Saurier zusammen mit einigen deutlich jüngeren liegt. Der größere Saurier war nach Ansicht der Forscher zu jung, um ein Elter (ja, das Wort gibt es) der kleinen zu sein. Allerdings haben einige heutige Vögel ein Verhalten, bei dem ältere Geschwister die spätere Brut ihrer Eltern bewachen. Psittacosaurus-Junge waren für viele andere Tiere leichte Beute und wurden zum Beispiel auch in den Mägen größerer Säugetiere dieser Zeit gefunden. Da wäre ein Babysitter durchaus nützlich.

Plüschraptor im Kickstarter

Awwwwwwww


Wo wir grade bei fluffigen Knuddelsauriern sind, hier ist ein wissenschaftlich korrekter velociraptor. Und er ist fluffig und knuffig und knuddelig. Kickstarter läuft noch einen knappen Monat.
Ich finde solche Sachen recht wichtig. Spielzeug gehört zu den Dingen, die für unseren Eindruck von der Welt meines Erachtens enorm wichtig sind, einfach weil es uns so früh an unbekannte Dinge heranführt und oft (gemeinsam mit Geschichten) die Welt ausserhalb des direkten Erlebens der eigenen Umwelt vermittelt.


Endlich flügge: Schwarzer Schwinge

Wenn ich „Ende August“ sage, dann wird es auch Ende August. Und wenn es sieben Stunden vor dem Ende ist, dürfte das knapp genug sein. Ja, Schwarzer Schwinge ist endlich raus. Ab jetzt. Für 1,49 €. Bei Amazon.
Hat ja auch lange genug gedauert.

Hat es sich gelohnt?
Wenn man die Serie mag… ;-)
Schwarzer Schwinge beschäftigt sich als dritter Band der Reihe mit der Vielfalt an gefiederten Dinosauriern und ihrem Weg zu den Vögeln. Es hat fliegende Agamen, Raptoren, anderes Federvieh und eine Gegenwart, in der Flugsaurier und Fledermäuse um die Lüfte kämpfen, während niemand ein Frühstücksei bekommt. Es ist ganz nebenbei auch der aktuell längste Teil der Serie. Selbst Code und Typografie profitieren von neu gelerntem Wissen, das direkt hier eingeflossen ist.
Das Thema des Ausflugs in die größeren Zusammenhänge der Evolution ist Variation, jener Mechanismus, der dazu führt, dass Lebewesen sich mit der Zeit überhaupt verändern können.

Das Schreiben war ein etwas anderer Prozess als sonst. Es war nicht so einfach wie bei den ersten zwei Bänden, eine Geschichte aus der Sicht der beteiligten Tierarten zu schreiben. Im Laufe der Entwicklung verschob ich den Ort des Geschehens von Bayern (wegen Archaeopteryx) nach Nordost-China, da es hier eine größere Vielfalt von gefiederten Dinosauriern gab, vor allem den für die Forschung der letzten Jahre extrem bedeutenden Microraptor. Als Protagonisten wählte ich dennoch, einfach um mal etwas anderes zu machen, ein Tier, das nichts mit dieser Entwicklung zu tun hatte: Die gleitende Agame Xianglong. Xianglong gab mir die Möglichkeit, ein wenig durch diese Welt zu streifen, viele verschiedene Dinge in dieser Welt zu zeigen, die von für die Entstehung der Vögel wichtigen Momenten zum Bersten gefüllt ist.
Ich muss gestehen, das war ein etwas zäheres Schreiben als sonst, aber schließlich fand ich dann doch einen Weg, den die Geschichte nehmen konnte und sollte und dann kam es doch noch zu Bit und Byte.

Sehr leicht fiel mir dafür das Zusatzmaterial. Trotz einiger kleiner Verzögerungen wie der Entdeckung von Kulindadromeus vor einigen Wochen ist dies ein spannendes Thema, das für mich eine besondere Faszination hat. All die Entdeckungen, die wir erst vor kurzem erkannt haben, die ganze Dramaturgie der Entdeckung von der einzelnen versteinerten Feder aus Bayern über einzelne Vögel zum großen Paukenschlag des Schatzfundes in China. Großartig, kann man kaum besser schreiben. Nur schade, dass die ganze Geschichte 150 Jahre dauerte.
Wie immer ein großer Spass war die Entwicklung der Überlegung, wie die Welt ohne Vögel aussähe. Ich liebe diesen Teil in jedem Band der Serie erneut, die Entdeckung des Möglichen und doch nie geschehenen, wie die Welt sich wie ein Netz um diese eine kleine Veränderung aufrollt, die Entdeckung all dieser kleinen Verknüpfungen in der Geschichte, das ist einfach nur purer Spass. Ich hoffe sehr, dieses Kapitel bringt zudem die Idee zum Tragen, wie aussergewöhnlich eine Welt ist, in der so seltsame Kreaturen wie Vögel existieren und wie sehr die Vögel unsere Welt beeinflussen.

Was mich beim Nachschauen der Amazon-Seite zum Buch grade übrigens begeistert: Die Leseprobe endet an der perfekten Stelle, mit dem Auftritt des Raubsauriers. Das war echt nicht geplant, aber es gefällt mir. Wer bis dahin gelesen hat, könnte keinen besseren Kaufanreiz mehr finden ^^. Aber das könnt ihr ja selbst lesen:

Experiment Querbezüge
Mit diesem Band kommt erstmals ein Konzept zum Tragen, das ich für diese Serie schon länger angedacht habe: Querbezüge. Man muss die Bände der Reihe in keiner bestimmten Reihenfolge lesen und man kann jeden Band für sich lesen, aber ich versuche dennoch, Bezüge einzubauen, an denen man sehen kann, dass all die Geschichten in einer Welt stattfinden, dass all diese großen Meilensteine, nach denen die Serie sich ja richtet, eingebettet sind in eine sich entwickelnde und verändernde Welt, in der manches geht und manches bleibt, doch alles zusammenhängt.
In Schwarzer Schwinge erwähne ich ein Verhalten einiger Raptoren, in den Baumkronen dem durch den Wald schleichenden Tyrannosaurier zu folgen, um Reste seiner Beute erhaschen zu können, wenn er sich nach der Jagd vollgefressen hat. Dieses Verhalten taucht hier nicht zum ersten Mal in der Reihe auf — die ungesehenen Raptoren in Staksigen Schrittes taten das selbe mit einem Tyrannosaurus rex.
Das wird nicht das letzte Mal sein, dass es solche Bezüge gibt, wenn es denn möglich ist, die Jahrmillionen damit zu überbrücken. Die Edmontosaurier aus Staksigen Schrittes sind die selbe Spezies „Hauptdarsteller“ im noch nicht erschienenen Klirrender Kälte und selbstverständlich erhält Flammender Farne (noch nicht erschienen) ein paar Fischlurche ähnlich denen aus Feuchten Fußes als Gastauftritte.
Kurze Zeit habe ich sogar überlegt, die Serie über eine kleine Seitenbemerkung mit meiner Science-Fiction zu verbinden, das aber letztlich gelassen, zumal von meiner SF ja ausser einer sehr kurzen Flash Fiction noch nichts offiziell erschienen ist.

Und was kommt jetzt?
Zwei Bücher in zwei Wochen sind eine gute Bilanz, mal sehen, ob ich das noch eine Weile aufrechterhalten kann. Der beste Kandidat dafür ist das ohnehin für September angekündigte Unter Wittgensteins Löwen, das Buch zu meinem verhältnis zur Religion. Das wird zwar aller Wahrscheinlichkeit nach länger als Schwarzer Schwinge, aber jedes Kapitel ist dank des autobiografischen Charakters des Buches ein wenig wie ein Blogeintrag. Und Blogbeiträge kann ich recht gut in schneller Abfolge schreiben. Also geht es jetzt daran. Nur das Lektorat könnte da ein–zwei zusätzliche Tage fressen. Naja, ich versuch das jetzt einfach.
Und danach? Wahrscheinlich eine englischsprachige Zombie-Geschichte, ich bin nur noch nicht sicher, welche. Entweder Desert King oder Boy. Ich neige zu Desert King, weil mir das im Moment leichter zu schreiben erscheint.
Die „Meilensteine“ gehen später dieses Jahr mit Zackigen Zahnes weiter, wenn alles klappt zum Monatswechsel September/Oktober.

Ich bin froh, mich selbst endlich genug in den Arsch getreten zu haben, um mit so guter Geschwindigkeit an den Büchern arbeiten zu können. 22.078 Wörter dieses Jahr nur in Büchern und Blog, zuzüglich diesem Beitrag. Das sind etwa 2 Novellen und auch 6.578 Wörter über meinem Ziel.


Dino-Dienstag (vormals Paläo-Pfreitag) 7

Okay, ich dachte mir, dass der Paläo-Pfreitag eine gute Idee für diese Seite war und hebe ihn somit wieder aus der Versenkung. Nur ist Freitag grade ein etwas ungünstiger Tag, da ich neue Bücher tendenziell freitags oder samstags veröffentliche und das kann sich in die Haare kommen, weil ich ungerne zwei Beiträge an einem Tag ins Blog packe. Ausserdem ist Dino-Dienstag ein besserer Titel für die Serie.
Und ja, natürlich hängt diese Serie mit meiner Reihe Meilensteine der Evolution zusammen. Und ein bisschen auch damit, dass deren dritter Band nach vielen Verzögerungen diese Woche endlich erscheint.

Dieses kleine Scheisserchen hier

Kulindadromeus, Bild: Andrey Atuchin

Das possierliche Tierchen hier ist Kulindadromeus zabaikalicus, der erste zweifelsfrei gefiederte Dinosaurier aus der Gruppe der Ornithischia. Zur Erklärung, es gibt zwei Arten von Dinosauriern, die sich gleich zu Anfang aufspalteten: Saurischia (Sauropoden und Theropoden) und Ornithischia (so ziemlich alle anderen).
Bisher kannte man eindeutige Federn nur von den Saurischia, zu denen auch die Vögel gehören. Einige Ornithischia hatten Borsten am Körper, die primitiven Federn ähnlich gewesen sein könnten, aber es war nicht eindeutig. Es gab also lange Debatten darüber, ob Federn eine Besonderheit der Theropoden waren, oder ob schon der gemeinsame Vorfahr aller Dinosaurier Federn hatte, bevor sich die beiden Gruppen trennten. Hinzu kommt noch, dass die Flugsaurier ein Fell hatten, das ebenfalls dem Daunengefieder der Vögel ähnelte, nur dass die Flugsaurier sich bereits vor den ersten Dinosauriern von den Vorfahren der Dinosaurier getrennt hatten, obwohl sie immer noch entfernt verwandt waren.
Damit erbringt Kulindadromeus den lange erwarteten Beweis: Alle Archosaurier ausser den Krokodilen hatten bzw. haben ursprünglich eine Körperbedeckung aus speziellen Schuppen, die Haare oder Federn bildeten. Allerdings haben viele Gruppen von Dinosauriern diese später wieder verloren, wahrscheinlich als sie an Größe gewannen. Kulindadromeus selbst zeigt eine interessante Mischung aus beschuppten und gefiederten Bereichen am Körper.

Sah Spinosaurus ganz anders aus?
Spinosaurus, der seit Jursassic Park III wohl bekannteste Dinosaurier, über den wir kaum etwas wissen. Die wenigen Fossilien, die es von Spinosaurus gab, lagen im 2. Weltkrieg in München und wurden Opfer des Krieges.
Nun gibt es eine Ausstellung mit einer neuen Rekonstruktion auf der Basis neuer Funde aus Ägypten, die ab Oktober in Washington (D.C.) gezeigt werden sollen. Und das auf den Fotos in den Ankündigungen gezeigte Ergebnis ist scheinbar ein völlig anderes Tier als das, was wir bisher kannten. Das Segel war nicht rund und durchgehend, sondern formte zwei Buckel, die in der Silhouette den Buckeln eines Kamels ähnelten. Die Beine waren im Verhältnis zum Körper viel kürzer als bei allen anderen Theropoden.
Wenn sich das im Oktober als richtig erweist und nicht als bloßer Fehler im Werbematerial des Museums, wäre dies der zweite Dinosaurier, von dem sich innerhalb von 12 Monaten herausstellt, dass er völlig anders aussah, als wir dachten. Der erste war Deinocheirus, ein riesenhafter Verwandter des ebenfalls aus Jurassic Park bekannten Gallimimus.

Neuer Pterosaurier: Caiuajara

Caiuajara, Bild Maurilio Oliveira/Museu Nacional-UFRJ; CC-BY

Dieser neue Flugsaurier, den ich kurzerhand Cumbajamylord-o-saurus nenne, damit ich ihn ohne Knoten in der Zunge aussprechen kann, gehört zu einer aus Südameirka und Europa bekannten Gruppe, die alle so riesige Kämme auf ihren Schnäbeln hatten, den Tapejariden.
Cumbajamylord-o-saurus wurde in einer großen Gruppe von 50 Sauriern der selben Art entdeckt. Diie einzelnen Tiere waren verschieden alt und so konnte erstmals das Wachstum der Flugsaurier selbst sowie ihrer Schädelkämme untersucht werden. Dabei stellten sich zwei Dinge heraus: Zum einen hatten alle Exemplare einen Kamm auf dem Schädel, der mit dem Alter wuchs, es gab also keinen Unterschied zwischen Männchen und Weibchen (anders als etwa beim in Staksigen Schrittes vorgestellten Nyctosaurus). Zum anderen hatten selbst die kleinsten Jungtiere die selbe Anatomie wie die Erwachsenen – sie konnten wahrscheinlich von der Schlupf an fliegen. Das ist etwas, was es bei den Vögeln nicht gibt, dort können selbst die Nestflüchter zwar von Anfang an laufen, aber nicht sofort fliegen. Mit Flügeln aus Haut ist das einfacher zu erreichen als mit solchen aus Federn.
Zudem ist Caiuajara der bislang am weitesten südlich (Südbrasilien) Tapejarid und mit einem Alter von 85 Millionen Jahren der letzte bekannte Vertreter dieser Gruppe.

Wie das Leben vor dem Leben lebte
Bevor die Welt mit jenen Arten von Lebewesen gefüllt wurde, die wir heute kennen, herrschte eine seltsame Gruppe von Tieren (?) über die Ozeane: Die Rangeomorphen und die sie umgebende vendische oder Ediacara-Fauna. Tiere, die im Grunde wuchsen wie Pflanzen. Lange galt als rätselhaft, wie diese Tiere lebten und vor allem, wie sie sich ernährten.
Computersimulationen geben neue Hinweise darauf: Die einmalige Wuchsform der vendischen Lebewesen führte dazu, dass sie im Vergleich zu ihrer Größe gewaltige Oberflächen hatten, mit denen sie Nährstoffe aus dem Wasser um sie herum filtern konnten. Da es damals noch keine Tiere gab, die aktiv nach schwimmender Nahrung suchten, konnten sie sich einfach von der nährstoffreichen „Supper“, die damals die Ozeane füllten, umspülen lassen.
Als dann die ersten Tiere nach heutigem Verständnis (Quallen, Würmer) auftauchten, fanden die Rangeomorphen schlichtweg keine Nahrung mehr, weshalb sie recht schnell wieder verschwanden.

Neuer Ankylosaurier aus China
China hat einen neuen Ankylosauriden, ein Tierchen namens Chuanqilong chaoyanengis. Das ist auch schon so ungefähr was man zu ihm sagen kann. Chuanqilong ist ein früher Ankylosaurier, mittelgroße Dinosaurier mit schwerer Panzerung und einer Knochenkeule am Ende des Schwanzes, die wahrscheinlich zur Verteidigung diente. Diese Knochenkeule fehlt bei Chuanqilong, trotzdem gilt er als primitiver Ankylosaurier und nicht als ein Vertreter der nahe verwandten Nodosaurier, die ebenfalls keine Schwanzkeule hatten.
Die Thyreophora, welche Ankylosaurier, Nodosaurier und Stegosaurier umfassten, waren in Asien recht häufig.

Unverschämte Werbung
Gefiederte Dinosaurier wie Kulindadromeus sind Thema des Ende des Monats erscheinenden Bandes Schwarzer Schwinge in der Reihe Meilensteine der Evolution. Die vendische Fauna wird im für diesen Winter geplanten Band Giftigen Grundes vorgestellt.
Bereits erschienen ist der Band über Flugsaurier, Staksigen Schrittesamazon, auch wenn Caiuajara selbst ein paar Millionen Jahre zu früh gelebt hat, um es dort hineinzuschaffen (es geht in dem Band um das Aussterben der Flugsaurier).


Neues eBook: Introduction

Diesen Monat habe ich mal was neues probiert und erstmals an der Eight Hour Challenge teilgenommen.
Bei dieser geht es darum, innerhalb von acht Stunden ein eBook zu schreiben, zu korrigieren, veröffentlichungsbereit zu machen und zu publizieren (Zeit der Überprüfung durch den Verkäufer nicht eingeschlossen). Die ursprüngliche Idee stammt von Joe Konrath, aber Scott Gordon hat daraus jetzt eine (voraussichtlich) regelmäßige Veranstaltung gemacht.
Für die letzte Challenge erfuhr ich etwas zu spät davon, aber diesmal passte es und schrieb ich in unter acht Stunden diese kleine Tour durch die schwimmende Stadt Pacifica mit den Augen des chinesischen Neuankömmlings Chang Wu auf dem Weg zu seinem Bewerbungsgespräch. Er weiss, dass er in der Botschaft arbeiten soll und dass dies mit seinem akademischen Hintergrund zu tun hat, aber aufgrund der Geheimhaltung von Pacifica in dieser Sache nicht, was genau seine Aufgabe ist.

Pacifica ist ein großer Topf Ideen, zusammengeschmolzen zum Bild einer Stadt, wie es sie heute nicht gibt. Als Handlungsort spukte sie mir schon eine ganze Weile im Kopf herum, zunächst als Atlantis, dann aufgrund der besseren Voraussetzungen im Pazifik. Die Stadt nimmt in meiner Vorstellung von 2028 bis etwa 2100 Form an, absorbiert dabei die technologischen Fortschritte dieser Zeit und bildet einen Ort ständigen Wandels, angetrieben und befüllt von Kreativität, Innovation und Dingen, die nur an einem solchen Ort ohne Geschichte gefunden werden können. Und nur ein kleiner Teil davon, die Situation der Stadt im Jahre 2061, findet in dieser Geschichte Niederschlag. Das Bild einer Stadt, die langsam eine Geschichte erhält und zugleich eine neue Zukunft baut.
Als Kurzgeschichte von nur 2.100 Wörtern (etwa 2.400 mit Impressum und dem ganzen Kram) ist Introduction näher an dem, was ich in der Schule als Kurzgeschichte kennen gelernt habe, als an dem, was heutzutage unter dem Begriff läuft: Sehr kurze Episoden aus der Welt, die komplett auf das Ende als eigentlichen Inhalt der Geschichte ausgerichtet sind. Alles davor ist der Aufbau einer Welt und einer Situation, die dem Ende Kontext verleiht, in manchen Fällen, wie hier in der Science-Fiction, auch Plausibilität.
Zugleich implizieren die hier vorgefundenen Dinge und Ereignisse so viel über den Rest der Welt, dass ich eine einzige große Spielwiese für Science-Fiction-Ideen erhalte. Was ist mit Alt-Venedig passiert? Wie hat Italien und Europa reagiert? Was hat es mit den Hunden auf sich? Oder mit der Strickleiter zu den Sternen? Wer ist/war Laetitia Färber? In dieser Geschichte ist spekulativer Spass für Jahre angelegt!

Unzufrieden bin ich offen gestanden mit dem Cover. Dass ich das Projekt letztlich mit einem so langweiligen Cover abgeschlossen habe liegt daran, dass ich ganz einfach kein brauchbares Motiv gefunden habe. Das war etwas frustrierend. Ich hoffe, ich finde später noch ein Motiv und werde das Cover dann ersetzen.
Theoretisch sollte es möglich sein, ausreichend subtil mit grafischen Elementen auf das Ende hinzuweisen, aber ich habe auf die Schnelle nichts gefunden, was das Ende nicht gleich komplett verraten würde. Schon während des Schreibens war mein größtes Problem, das Ende nicht bereits im Dialog zwischen Chang Wu und seinem Interviewer Aldo Esposito zu verraten. Ich denke, das ist ein Problem, das ganz einfach mit dieser Art Geschichte einhergeht, vor allem als eigenständige Veröffentlichung.

Alles in allem habe ich an dieser Veröffentlichung fünf Stunden gearbeitet, davon vier für die Geschichte. Ich denke, zukünftige Beiträge zur Challenge werden länger sein, jetzt, da ich den zeitrahmen etwas besser kenne und weiss, dass Luft nach oben ist. Eine noch kürzere Geschichte als diese würde ich auf jeden Fall kostenlos anbieten wollen, 2.100 Wörter ist so ziemlich das absolute Minimum, für das ich mich wage, Geld zu verlangen.

Das Einstellen bei Amazon lief wie immer gut und flüssig.
Etwas Sorgen hatte mit Smashwords gemacht. Ich habe noch nie zuvor bei Smashwords veröffentlicht und viel beunruhigendes über den Meatgrinder gehört. Der Meatgrinder (deutsch: Fleischwolf) ist ein Programm, mit dem Smashwords seine Dateien für den Verkauf erzeugt. Anders als Amazon, wo ich eine praktisch fertige Kindle-Datei einreichen kann, nimmt Smashwords eine Word-Datei und erzeugt daraus die diversen eBook-Formate.
Der Meatgrinder ist berüchtigt dafür, beim geringsten Formatierungsfehler in der Word-Datei die Annahme zu verweigern. Innerlich war ich also darauf vorbereitet, gestern nacht zwei oder drei Versuche durchspielen zu müssen, um die Geschichte hochzuladen. Und dann: Erfolg beim ersten Versuch, die Datei wurde sofort konvertiert und zum Verkauf übernommen. Sie wartet jetzt auf Freigabe für den Premium-Vertrieb, was bedeutet, dass das eBook bei erfolgreicher Überprüfung dann auch bei anderen eBook-Verkäufern wie Kobo, Barnes & Noble und iBooks erhältlich sein wird.

Hier erstmal die Links, die bisher verfügbar sind, die weiteren trage ich dann in der englischen Bücherliste nach, wenn sie kommen:
Smashwords (Formate ePub, Mobi/Kindle, PDF, LRF, RTF, PDB, TXT sowie zum online lesen)
Amazon.de (Kindle)

Zur Erinnerung für die Newsletter-Abonnenten: Ihr bekommt heute noch einen Coupon für Smashwords ;-)

Und damit auf zum nächsten Projekt: Schwarzer Schwinge ist so gut wie fertig, es fehlen noch etwa 4.000 Wörter plus ein Tag für den letzten Schliff am Text. Damit werde ich es erstmals schaffen, in einem Monat zwei Projekte fertigzustellen, vorausgesetzt, ich breche mir nicht plötzlich beide Hände. Und die Füße. Und den Hals, dass ich nicht mal mehr mit der Nase tippen kann. Oder… lassen wir die Szenarien, ich mach einfach.
Meine aktuell neu gefundene Produktivität in eigener Sache bringt grade so einen schönen Enthusiasmus-Schub mit sich, den muss ich nutzen. Also, Schwarzer Schwinge in den sieben verbliebenen Tagen des Monats minus je einem Tag fürs Korrigieren und Publizieren? Das pack ich. Tschakka!


Die 2. Internetrevolution und das Buch

Okay, jetzt, da die Arbeiten an der Blogtechnik durch sind ist es an der Zeit, den Artikel zur Zukunft des eBooks fortzusetzen. Letztes Mal ging es darum, warum enhanced eBooks ein völlig überhyptes Konzept sind. Und um Videospiele und Visual Novels als mögliche Zukunft für das Erzählen von Geschichten in der digitalen Welt. Diesmal geht es darum, wie die Medienrevolution dort, wo sie wirkt, stärker wirkt als allgemein gedacht.

Kurz zur Überschrift: Ich gehe momentan davon aus, dass das Internet (mindestens) drei Wellen von Revolution mit sich bringt. Die mit der Durchsetzung des Smartphones weitgehend abgeschlossene Revolution der Kommunikation, die laufende Revolution der Medien (MP3, eBook, Streaming) und die sich für die zweite Hälfte des laufenden Jahrzehnts abzeichnende Revolution der Warenproduktion (3D-Drucker). Durchaus möglich, dass weitere folgen, aber ich kann nicht sagen, welche. Schon die vorliegenden Revolutionen sind tiefgreifend genug, um die Zivilisation an sich für immer zu verändern – sie tun genau dies bereits.

Das mag groß klingen. Doch es ist eine nötige Denkweise, denn die bisherige Erfahrung mit dem Internet zeigt vor allem eines: Wir denken zu klein. Und die Entwicklung des Buches ist dafür ein schönes Beispiel: Dort, wo Text sinnvoll von interaktiven Möglichkeiten profitiert, bringt dies keine verbesserten Bücher hervor, es führt zur Loslösung des Textes vom Buch, zu völlig neuen Medien. Weiterlesen »


Interna: Renovierungsarbeiten 08/14

Es ist mal wieder an der Zeit, ein wenig am Erscheinungsbild des Blogs zu schrauben. Das Blog geht mit meinem Leben und wenn sich dies ändert, macht das Blog das auf die ein oder andere Weise mit.

Konkret wird es in Zukunft einen stärkeren Fokus auf die Schriftstellerei und Themen rund um eBook und Buch geben. Während ich nun anstrebe, mich als Autor deutlich zu professionalisieren, hat dieses Blog damit neue Funktionen zu übernehmen und neue Schwerpunkte zu setzen.
Die grundsätzliche Gestaltung der Seite werde ich behalten, ich finde sie immer noch ansprechend und passend. Allerdings gibt es da ein paar Fehler im Code, die mir in letzter Zeit aufgefallen sind und die ich ausbügeln werden muss. Durchaus denkbar, dass ich 2015 ein komplett neues Theme baue, diesmal wieder aus eigener Hand. Doch das ist noch weiter hin.

Hier ist, was in den nächsten Tagen passieren wird:

  • Das Werbebanner oben rechts wird ersetzt durch einen deutlichen Hinweis auf eine Übersicht meiner Bücher, für die eine neue Seite dazukommt.
    Ich habe lange überlegt, wie ich angemessen auf meine Bücher hinweisen kann, vor allem wenn sie in Zukunft auch auf anderen Plattformen als Amazon erscheinen. Das Ergebnis sieht so aus, eine eigene Seite für die Bücher mit den Covern und Links zu allen Verkaufsstellen der eBook-Ausgaben (sowie bei Print zu einigen ausgewählten Shops, sobald es Printausgaben gibt).
    Die andere offene Frage war, wie ich auf diese Seite hinweise, ohne dass sie quasi unsichtbar wird. Dafür werde ich in Zukunft den Platz nutzen, auf dem sich momentan ein adf.ly-Banner befindet. Das externe Werbebanner lohnt sich sowieso nicht, da habe ich mehr davon, meine eigenen Produkte zu bewerben.
  • Sobald das umgesetzt ist, verschwindet auch die Übersicht der Bücher in der rechten Seitenleiste. Spätestens bei mehr als zehn Einträgen wäre sie zu umfangreich geworden, ausserdem kann ich in diesem Format nur einen Link pro Buch setzen (eben zu Amazon), ich will aber in Zukunft auch andernorts veröffentlichen und gedruckte Ausgaben ergänzen.
  • Den jetzigen Platz der Bücherlinks nimmt dann ein neues Feature ein: Ein kleiner Graph, in dem ich meine täglichen Schreibziele (500 Wörter am Tag) verfolge. Ich muss ehrlich sagen, das ist mehr ein Feature für mich, um mir mit der Öffentlichkeit dieses Graphs auch selber etwas in den Arsch zu treten.
  • Die Werbebanner unten rechts verschwinden ersatzlos.
  • Sobald ich mein Fiverr-Profil fertig habe denke ich mir noch etwas aus, wie ich das von hier aus verlinke.
  • Ein paar technische Fehler des Blogthemes sind auszubügeln, vor allem die teilweise englischen Beschriftungen bei automatisch erzeugten Textbausteinen und die Tatsache, dass bei Ergebnissen von Suchanfragen die Artikelauszüge aus irgendeinem Grund ohne Titel und Link zum gefundenen Artikel daherkommen. Letzteres ist schon ein grober Fehler und dass der so bei einem Theme eines kommerziellen Anbieters auftritt ist Grund genug, zukünftige Themes wieder selbst zu gestalten.

Also, alles in allem werde ich einen stärkeren Fokus auf das Schreiben legen und auf das, was ich selbst zu verkaufen habe und alles rausschmeissen, was andere zu verkaufen haben (ausser ich habe einen persönlichen Bezug dazu, etwa bei Büchern von Freunden und Bekannten).

edit: So, jetzt hab ich auch noch eben Seitenzahlen eingeführt, das Social-Media-Plugin durch ein deutlich moderneres ausgetauscht, Bilder werden jetzt im Overlay vergrößert und die Blogroll ist geteilt. Der Graph kommt noch morgen früh, dann war’s aber auch mal genug.


Mythos Enhanced eBook

Mal wieder läuten die Glocken vom Ende des traditionellen eBooks, angeblich sterben die ePaper-Lesegeräte zu Gunsten von iPads und iPhones. Verursacher diesmal: „Enhanced eBooks“, also eBooks, die mehr als nur Text und Bilder bieten – etwa Ton, eingebettete Videos und interaktive Elemente.
Nun, ich habe meine Zweifel an der Wahrheit der These, dass klassisch-buchartige eBooks in absehbarer Zukunft ersetzt werden. Ich könnte lange ausführen, wie beispielsweise Romane in den letzten 100 Jahren eine beständige Entwicklung hin zu weniger Zusatzmaterial wie Bildern hatten, nicht zu mehr und wie dies das Erlebnis des Lesens eines Romans verbessert hat. Oder wie viel angenehmer Lesen auf ePaper im Vergleich zu einem Display ist.
Aber ich finde einen anderen Aspekt viel interessanter: Die Geschichte der Zukunft des Buches.

Was Behauptungen von der Zukunft des Lesens gerne übersehen ist, dass es nicht nur eine Sorte Bücher gibt und dass Sachbücher, Fachbücher, Romane, Comics, Biografien und etliche andere Formate alle unterschiedliche Anforderungen und auch völlig unterschiedlichen Nutzen von verschiedenen technischen Fortschritten haben. Aber bisher hat sich immer gezeigt, dass der Vorgang des Lesens einer Geschichte sich nicht ändern ließ. Lasst mich euch durch 40 Jahre (nahezu) ausgebliebener Medienrevolution führen. Weiterlesen »


Rock HQ

Kommen wir zu einem Thema, in dem ich vollständig aussen vor bin: Rock HQ bzw. das ehemalige „Rock am Ring“ im ehemaligen JHQ.
Aussen vor bin ich, weil mich persönlich Festivals nicht groß interessieren. Dass ich es zudem mit Lokalpatriotismus nicht so habe, ist hie rim Blog ja schon bekannt, daher ist es mir auch recht wurscht, ob es nun nach MG kommt oder woanders hin.
Ich sehe mich somit als einigermaßen neutral: Festival völlig okay und ich freue mich, wenn Leute da hin gehen und feiern können, aber man sollte es eben als genau das betrachten: Eine Veranstaltung, die einen Ort braucht.

Essenziell dafür sind zwei Dinge. Erstens, dass der Ort geeignet ist, also beispielsweise Zu- und Abfahrten sowie sonstige Infrastruktur vorhanden sind. Das wird beim JHQ eng, geht aber noch so grade eben, wenn man ein paar Milliönchen investiert, die nie direkt zurückkommen müssen. Das ist in Ordnung, es liegt im Wesen einer Stadt als nicht-privatwirtschaftlicher Einrichtung, auch mal wissentlich Geld ausgeben zu können, dass sich nicht lohnt. Sonst wäre sie eine GmbH, keine Stadt.
Das setzt natürlich voraus, dass die betreffende Stadt dieses Geld auch besitzt, aber übergehen wir dieses kleine Problem mal eben.

Das andere ist, dass der Ort die Veranstaltung auch ertragen kann. Und hier kommen wir zu einem echten Problem.
Das JHQ liegt auf dem Gelände des abgeholzten Rheindahlener Waldes und grenzt an die letzte verbliebene große Waldfläche im Stadtgebiet (Hardter Wald) sowie an bedeutende Schwalm-Zuflüsse mit empfindlichen Biotopen. Nicht ohne Grund finden sich hier Naturschutzgebiete, teilweise mit dem Quellgebiet des Hellbaches solche der höchsten überhaupt vorhandenen Schutzstufe diesseits des Nationalparks.
Es sind also Hunderte in der regel gut angeheiterte Festivalbesucher daran zu hindern, in die empfindlichen Naturschutzgebiete zu pinkeln. Wenn einer sich dort mal erleichtert ist das kein Problem, klar. Aber hier ist der Punkt: Das ist nicht nur einer. Ich glaube, so mancher ist sich noch gar nicht bewusst, wie viel Dreck 100.000 Menschen (insbesondere Zelt-Camper mit ihren Konserven und Getränkedosen) machen, selbst in nur drei Tagen. Aber da es da draussen ja keiner sieht, muss man auch nicht dran denken. Denn dreckig ist immer nur da, wo man es sieht.
Aber wen interessiert das schon, schließlich wird mit dem Versprechen von Ruhm und Reichtum für die Stadt um sich geworfen. Wen interessiert da schon diese doofe Umwelt?
Ach ja, Parken müssen die Besucher übrigens auch irgendwo. Freut euch schonmal darauf, wie das Schrumpfen des Hardter Waldes weitergeht, diesmal um einer trostlosen Abstellfläche à la Nordparkparkplatz zu weichen. Und das alles für drei Tage Festival im Jahr.

Und was hätte MG verloren, wenn das Festival andernorts statt findet? Eigentlich nichts. So groß ist die Bedeutung eines solchen Festivals für eine Stadt nicht, wie sie derzeit geredet wird. Wenn ein Dorf wie Wacken für ein paar Tage das tausendfache seiner Einwohnerzahl empfängt, das ist natürlich ein Faktor. Ich bezweifel nur, dass das Rock HQ mit den für vergleichbare Bedeutung nötigen 20 Millionen Besuchern aufwarten kann.
Also, warum ausgerechnet dort?

Warum nicht zB in die Braunkohlengrube? Das ist noch nicht einmal boshaft gemeint, ich kann mir vorstellen, dass der Sound in der Grube absolut großartig ist, wenn man die Topografie richtig einbaut. Oder auf den Elmpter Militärflughafen, der ohnehin größer ist als das JHQ und auf dem daher alles ginge ohne neues Land zu plätten. Von Mönchengladbach sind es nach Elmpt nur ein paar Minuten, selbst mit dem Fahrrad keine Stunde. Wir hätten nichts verloren, selbst auf der Werbung fürs Fest stünde weiter Mönchengladbach, ähnlich wie beim Fantasialand immer Köln draufsteht, damit jemand das jeweilige Dorf auch einigermaßen auf einer Landkarte findet.


Die zwei Arten schlurfender Horden: Zombies und Flüchtlinge

Dieses Blog hatte in letzter Zeit viel zu viele anspruchsvolle Namen in den Prämissen der Artikel. Das geht so nicht, also geht es heute um Zombies und was genau die als literarisches Modell eigentlich repräsentieren. 61,5% aller Zombiefilme stammen aus dem 21. Jahrhundert und da stellt sich schon die Frage, warum Zombies so populär geworden sind. Sie sind ja nun beileibe kein neues Motiv.

Die bekannte Erklärung, Zombies stehen für den Konsumwahn dürfte auf Romeros Nacht der lebenden Toten beschränkt sein, ist also kein Ansatz: Weder ältere Zombiefilme wie Plan 9 from Outer Space, noch Romeros eigene Fortsetzung Zombie enthalten Verweise auf den Kapitalismus. Tatsächlich wage ich zu behaupten, Nacht der lebenden Toten war der einzige Zombiefilm, der jemals diese Bedeutungsvariante genutzt hat und selbst dort war so eher halbgar.

Benjamin Reeves kommt bei Medium aufgrund der oben angedeuteten Statistik zu dem Schluss, dass Zombies eine Verkörperung des Terrors sind. Zombies seien gefühllos, bewusstseinslos und töten jeden, der ihnen zu nahe kommt. Das klingt schon wahrscheinlicher, aber es passt noch nicht zu 100%. Wahrscheinlich hat er in Bezug auf einige Werke aber Recht.

Vor einigen Tagen fiel mir bei der Recherche von Titeln für eBooks für lau das Cover des links eingeblendeten eBooks (ja, böser Amazon-Link, ich weiss, ist halt ein Kindle-Buch) auf. Sieht ziemlich genau aus wie ein typischer Zombie-Titel, nicht wahr?
Doch dieses Buch hat keinen Bezug zum Zombie-Thema, es ist die autobiografische Erzählung einer Frau, die als Palästinenserin nach Israel gekommen und daraufhin nirgendwo mehr als Mitbürgerin akzeptiert wurde. Und ihr Cover sieht aus wie das einer Zombie-Geschichte. Was mich zu der Überlegung bringt: Sind Zombies Flüchtlinge? Gar Moslems?

Sind Zombies Flüchtlinge?
Die typische Zombie-Szene sieht immer wieder gleich aus: Hunderte, wenn nicht tausende, abgemagerter Kreaturen füllen die Straßen und drücken sich von Hunger und Verzweiflung getrieben gegen Zäune und Fenster. Sie lungern stöhnend an der Grundstücksgrenze. Findet einer einen Eingang ins Grundstück, strömt eine ganze Flut weiterer Zombies diesem ersten hinterher. Sie sind hungrig und verseucht, tragen Lumpen und sind zu jeder Kommunikation unfähig. Wir kennen dieses Bild aus genau einem anderen Kontext: Es entspricht populären bis populistischen Darstellungen von Einwanderergruppen in die reichen Staaten des Nordens. In Nordamerika mit Zaun aus Mexiko, in Europa über das Mittelmeer aus Afrika. Das Bild des Einwanderers ist jenes eines anonymen Mitglieds einer Masse von Einwanderern, die halbverhungert und in Lumpen gekleidet an unsere südlichen Grenzen treffen und sie ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben zu überwinden suchen. Sie stammen aus Ländern voller schrecklicher Seuchen und wenn sie überhaupt sprechen, so ist die Kommunikation sinnlos, weil sie nicht unsere Sprache sprechen.
Die sich angegriffen fühlenden verstärken ihre Grenzen, bis hin zum Versuch, jeden unerwünschten, der sich der Grenze nähert, zu erschießen.
Denn wenn sie es über die Grenze schaffen, überrennen sie uns und fressen uns auf. Xenophobe Darstellungen von Flüchtlingsströmen und der uns inzwischen vertraute Filmzombie sind in ihrem Erscheinungsbild praktisch identisch. Ich bin daher recht sicher, dass der (heutige) Zombie als Motiv einen xenophoben Kern hat.
Das wichtige hierbei ist, dass dieser Zusammenhang nicht bewusst konstruiert ist, solche Bilder stammen aus dem Unterbewusstsein. Man wird immer wieder in den Medien mit dem Bild von an Zäunen drängenden Horden gefüttert und irgendwann beginnt man, diese Ikonografie in andere Kontexte zu übertragen. Das gefährliche an solchen Dingen ist, dass sie sich auf diese Weise einschleichen – niemand entscheidet sich bewusst, xenophobe Motive zu verwenden oder gar xenophob zu werden. Bewusst dürfte nur die Entscheidung sein, dass Zombies eine hervorragende Bedrohung abgeben. Die meisten Regisseure und Produzenten von Zombiefilmen dürften weit davon entfernt sein, Ausländerfeinde zu sein. Das ist der Grund, warum man als Künstler immer hinterfragen muss, ob man mit seinem Werk grade das tut, was man glaubt zu tun.

Sind Zombies Moslems? Oder der Islam?
Reeves stellt in seinem Artikel den Zusammenhang zu 9/11. In Verbindung mit ein paar Elementen moderner Zombies, welche nicht durch die reine Einwanderer-Analogie erklärt werden können drängt sich daher der Verdacht auf, dass Zombies Muslime sind.

Hier ist mein Bezugspunkt zu der ganzen Sache: Eines meiner im Hintergrund laufenden Projekte ist eine Zombie-Geschichte. Die Zombies dienen dort als Metapher für eine Reihe von Dingen, darunter eben Religion. Zombies können ihre Opfer zu einem der ihren machen, sie können sie konvertieren. Sie haben das mit den in den letzten Jahren ebenfalls extrem populären Vampiren gemein, die aber leider von Stephenie Meyer ruiniert wurden und somit den Zombies das Feld überließen.
Und bei den Zombies wird man nicht etwa ein Sklave wie es bei den als Kommunismus-Metapher dienenden Ausserirdischen der 50er war, man wird selber ein Zombie unter anderen Zombies. Werde ein Zombie oder verlier dein Leben, das sind die Alternativen, die ein Opfer der Zombie-Apokalypse hat. Das ist populistischen Darstellungen des Islam sehr nah. Und tatsächlich findet man die meisten Zombiefilme in den beiden Ländern, in denen die Diskussion um die „Islamisierung“ am größten ist: England und die USA.

Und sonst so?
Zombies können als Metapher für viele Dinge stehen. Grade in Verbindung mit Mediengläubigkeit taucht der Vergleich sehr oft auf. Insofern steht nicht annähernd jedes Zombiebild irgendwie in einem xenophoben Kontext. Und vielleicht ist es ja auch umgekehrt so, dass unsere Darstellung von an Grenzen und Zäunen auflaufenden Menschenmassen von Zombies inspiriert ist, nicht umgekehrt.
Ich meine nur, dass es wichtig ist, alle möglichen Assoziationen eines genutzten Bildes zu reflektieren und zu überlegen, was man da auch unbewusst auslöst oder mitträgt. Das Bild der Zombiehorden vor Tor/Zaun/Mauer birgt einen Beigeschmack der Einwanderungsdebatte, dem wir uns bewusst sein sollten.
Was wir mit diesem Bewusstsein dann machen, ist jedem selbst überlassen.