Abschied von Borschemich: Die sterbenden Toten

Vor einer Woche habe ich begonnen, an das im Abriss befindliche Dorf Borschemich zu erinnern. Natürlich habe ich nicht nur von St. Martinus Bilder gemacht und so gehen die Bilder weiter. Heute möchte ich mich der Begegnungen mit dem Tode widmen, die mich auf meinen Ausflügen nach Borschemich im letzten Sommer erwartet hatten.

Gerd Beeck

Die erste Begegnung mit den Spuren des Ablebens einstiger Einwohner fand nicht wie erwartet auf dem Friedhof statt. Borschemich war ein Dorf, in dem gelebt wurde. Menschen, die leben, erinnern und sie tun dies auch abseits der dafür offiziell zugewiesenen Flächen.
Ich stellte mein Fahrrad am ersten Tag in einem Hintergarten direkt an der Glockengasse ab und schloss es fest. Die verwilderten Gärten boten noch genug Möglichkeiten durchzukommen und so bewegte ich mich ostwärts durch die Hintergärten der Sankt-Martinus-Straße zur Von-Paland-Straße. Dort standen einige Treibhäuser in den Hintergärten, aber diese sind jetzt nicht Thema. Thema ist ein Fund direkt vor den Treibhäusern, in einem großen Hintergarten. Was das da war, was plötzlich vor meinen Füßen unter dem Gras lag, war sofort klar und so fegte ich den Fund schnell frei um zu sehen, wem das Stück gehörte.Grabstein H. Gerd BeeckLiegt hier jemand oder haben nur Angehörige den Grabstein in den Garten genommen, als das Grab Ende der 1990er aufgelöst wurde? Wer war Gerd Beeck? Ich weiss es nicht. Alles, was Google mir auf die Suchanfrage nach Gerd Beeck aus Borschemich liefert, ist mein eigenes Bild dieses Grabsteins.

Das Hündchen

Es ist angesichts der allgegenwärtigen Zerstörung der Gebäude, Wege und Gärten schwierig, auf der Karte von Borschemich, die (gegenwärtig) bei Google Maps aus lebendigeren Zeiten stammt, die Orte wiederzufinden, an denen man war. Am Rande des Ortsrestes, direkt neben einem bereits abgerissenen Baufeld, kam ich in einige weitere Hintergärten. Ein paar Schuppen waren zwischen den Bäumen der bewaldeten Gärten verstreut.
Es war hier, dass ich zum Ende des ersten Tages die unheimlichste Begegnung in Borschemich erfuhr.
Es lag direkt hinter der Tür eines Schuppens, von dem es einst einen Weg zur Straße gegeben haben musste, da ein Autoanhänger darin stand.Hundemumie in BorschemichWieder Fragen: Hatte dieser Hund hier gelebt, war es ein Borschemicher, der die Umsiedlung nicht mitmachen wollte? Vermisst ihn jemand? Oder war es ein entlaufenes oder gar wild geborenes Tier von anderswo, das hier einen trockenen Ort gefunden hatte und unbehelligt sein Leben leben konnte, so kurz oder lang es auch gewesen sein mag?

Der Friedhof

Der zweite Tag brachte mich zum Friedhof des Ortes. Der Friedhof in Borschemich war in großen Teilen bereits geräumt, die Toten nach Neu-Borschemich umgebettet, eine im Vergleich zum alten Dorf lieblos wirkende Neubausiedlung im Norden von Erkelenz. Was zurückbleibt ist ein leerer Friedhof.Leerer Friedhof in Borschemich
Doch es gibt noch Spuren der Umsiedlung: Wo einst die Gräber lagen, finden sich nun kleine Holzschilder. Darauf vermerkt: Der Ortsname, die Nummer des Grabfeldes, Name und Todesjahr der verstorbenen Person, die Zielangabe „→Borschemich(neu)“ und eine Angabe, ob es sich um ein Einzel- oder Gemeinschaftsgrab handelt. Die Holzschilder liegen weit verstreut, offenbar nach der Arbeit der Grabumsiedler achtlos liegen gelassen. Es kümmert ja keinen mehr.grabschilder
Wie schon an der Kirche finden sich auch am Friedhof leere Nischen, wo einst Heiligenbilder oder Totenkerzen zu finden waren. Nur die Familie Lörkens harrte im September noch aus, im Leben mit Haus Paland wie auch im Tode mit der 190 Jahre alten Grabstätte, die allein auf dem sonst bereits umgesiedelten Friedhof mahnt. Inzwischen ist Haus Paland Geschichte. Der Grabstein wartet auf seinen neuen Ort, seine Aufschrift eine perfekte Mahnung in diesen Tagen, in denen das Dorf und sein altes Erbe des schnöden Mammons wegen im Abriss stehen: „Ruhestätte der Familie Lörkens seit 1826 – Haus Paland“.
Leere Heiligennische
Grab der Lörkens in Borschemich


Abschied von Borschemich: St. Martinus

Am heutigen Montag hat RWE Power mit dem Abriss der Kirche St. Martinus begonnen. Während ich die bereits abgerissene uralte Wasserburg Haus Paland nicht mehr dokumentieren konnte, habe ich von der Kirche im September bei meinen letzten Besuchen im Geisterdorf einige Fotos machen können, vor allem auch aus dem Inneren des Gebäudes, ebenso wie bei vielen anderen Gebäuden des Dorfes. Da der heutige Abriss der Kirche als symbolisch für das Ende einer alten, traditionsreichen Siedlung im Dienste unseres anachronistischen Hungers nach Kohlestrom steht habe ich mich entschieden, den Großteil der Bilder heute gesammelt ins Blog zu stellen.
Dass ich kein professioneller Fotograf bin und zudem nur mit dem Handy fotografiert habe, daraus machen die meisten Bilder wohl keinen Hehl, aber sie sind Dokumente eines verschwindenden Ortes, die ich dennoch hier versammeln will. Ich stelle alle Bilder in diesem Beitrag unter die Lizenz CC-BY-SA 4.0 zur freien Weiterverbreitung unter Nennung der Quelle.

Aussen

Beginnen möchte ich die Reihe nicht mit dem ersten, sondern mit dem allumfassend passendsten Motiv. Die Seitentür des Hauptschiffes an der Westseite ist nicht nur ein wunderschönes Motiv, sondern auch inhaltlich eine perfekte Zusammenfassung der Zerstörung von Kulturgütern, die mit der Barbarei der RWE einhergeht. Alpha und Omega vielleicht, aber wir haben einen weiteren Buchstaben dahintergesetzt: Kohle!borschemich-alpha-omega
Es ist nicht einfach, die große Kirche aus den Straßen des Ortes in Gänze zu fotografieren. Damals, im September, stand noch die im November dann gefällte, große Magnolie in vollem Blatt und es gab Gebäude gegenüber, was ein Bild erschwerte. Entsprechend fehlt allen meinen Aufnahmen ein Stück der Kirche, doch als Eindruck der schieren Größe des Bauwerks ist das vielleicht deutlicher als ein erfolgreiches Gesamtbild. Von weitem schon überragte der Turm die Ortschaft, den ich im dritten Bild südwestlich von der Basis aus nach oben blickend aufgenommen habe um einen Eindruck seiner Höhe zu vermitteln.martinus-frontal-quer
martinus-frontal-hoch
martinus-westturm
Der Haupteingang der Kirche stellt sich künstlerisch nicht ganz so spektakulär dar wie der Seiteneingang, aber eine andere Tür war für mich von deutlich größerem Interesse: Die Tür des Seitenschiffes stand weit offen und dies erlaubte mir die Bilder aus dem Inneren im nächsten Abschnitt. Ignoriert den etwas peinlichen Daumen auf dem Bild, der ist auf beiden Aufnahmen, die ich von dieser Tür gemacht habe.martinus-fronttuer
martinus-seitenschiff-tuer

Innen

Die meisten Gebäude in Borschemich, die ich betreten konnte, waren von Moder und Feuchtigkeit durchzogen, es fanden sich zerbrochene Flaschen, Chips-Tüten und (oft in ihrer qualitativen Ausführung durchaus positiv) Graffiti.
Ganz anders dagegen das Innere der Kirche. Fast einen Zentimeter dick hatte sich ein weisser Staub auf alles gelegt, kein Abfall und kein Graffiti hatte diese Räume berührt. Nur Fußspuren — und auch derer nicht viele — störten die dicke Staubschicht. Bauweise und auch der Respekt der hier immer wieder kampierenden Menschen hatten dieses Gebäude konserviert. RWE spricht in diesem Zusammenhang ja gerne von Verbrechern, Vandalen und Plünderern, aber jeder einzelne davon verfügte offenbar über mehr Anstand als jene, die den Abriss des Dorfes verfügt hatten.martinus-hauptschiff
spuren-im-staub
spinnweben
Doch eines gab es, was nach Zerstörung aussah: Der einstige Altar lag in Trümmern. Das allerdings war kein Werk von marodierenden Unmenschen, es waren Spuren des letzten Aktes offiziellen dörflichen Lebens in dieser Kirche. Nach der Entweihung im November 2014 wurde der Altar demontiert und in Stücken an die Gemeindemitglieder gegeben.martinus-altar-ruine
Ein Motiv, dass sich im Ort immer wieder wiederholt ist der einzeln zurückgelassene Besen, oft mit einem Häuflein des letzten Kehrichts inmitten eines aufgegebenen Raumes. Zeuge eines letzten Aktes des Aufräumens, als sei das Schicksal dieser Räume nicht längst besiegelt. Oft ist es so, dass der ganze Raum leergeräumt ist, doch der Besen, der bleibt. Ein seltsames, leicht unheimliches, Bild. St. Martinus bildet hier keine Ausnahme.besen-st-martinus
In der Martinuskirche ist der Besen allerdings nicht die einzige auffällige Hinterlassenschaft. Während die Bänke bis auf das Kniebrett alle fehlen (so sie jemals vorhanden waren, ich kenne mich mit katholischen Kirchen nicht so aus), findet sich hinten im Hauptschiff der Beichtstuhl. Ein interessantes Objekt, um es zurückzulassen. Für mich persönlich auch eine etwas seltsame Begegnung — als ehemaliger Protestant habe ich noch nie in meinem Leben einen echten Beichtstuhl gesehen, ich kannte die Dinger nur aus Filmen.martinus-beichtstuhl
Wohl eher weniger beabsichtigt die andere auffällige Hinterlassenschaft der einstigen Nutzung, die Umrisse und Beschriftungen der einst an der Ostwand aufgehangenen Christuspassion.bilderschatten
Die Kirche war ein trotz seiner Masse überaus lichtdurchflutetes Gebäude, wie man schon zuvor auf den Bildern erkennen konnte, auf denen ich oft mit dem vielen Licht, welches der weisse Staub noch ein mal verstärkte, zu kämpfen hatte. Daher zum Abschluss des Inneren noch ein Bild von den Fenstern am Südende des Hauptschiffes.martinus-suedfenster

Garten

Die Kirche war im Süden von einem großen Waldgarten umgeben, in dem sich zahlreiche Heiligenfiguren in kleinen Grotten fanden. Die Figuren sind längst fort, was bis zuletzt blieb, waren die leeren Grotten. Ich möchte meine Bilderreihe zur Kirche von Borschemich mit zwei Bildern davon abrunden, die sich auch stärker als die Kirche selber in das Bild des Verfalls einfügen, welches der Ort insgesamt darstellte.grotte-martinus-1
grotte-martinus-2


Samstägliche Sechs 13.02.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Zur Buße des verpassten Freitags diesmal mit einem sechsten Eintrag am Samstag.

1. Klapptisch

Interessante Idee für einen Tisch mit ausklappbaren Sitzflächen.

Okay, die Beine hängt man sich idealerweise über die Schultern, aber das sollte sich verbessern lassen - Bild: Woodworking Tips auf Facebook

Okay, die Beine hängt man sich idealerweise über die Schultern, aber das sollte sich verbessern lassen – Bild: Woodworking Tips auf Facebook

2. Zeitreise, die funktioniert

Hier ist etwas, was selten zu finden ist: Eine Zeitreisegeschichte, die komplett funktioniert. Viele Zuschauer vermuten hier Paradoxien, aber der Kurzfilm enthält keine, jedenfalls keine echten. Es gibt ein Erfinderparadoxon (Wer kam zuerst auf die Idee, wenn ein Charakter sich selbst anweist zu tun, was er grade getan hat?), aber das ist weniger ein Paradoxon als ein leicht verwirrender Umstand ausserhalb unserer konventionellen Vorstellung von Kausalität.

3. Französisch wird ein bisschen einfacher

Das Französische setzt seine letzte Rechtschreibreform um und es kommt zu den selben teils hanebüchenen Diskussionen wie damals bei der deutschen Rechtschreibreform, die einige immer noch nicht verwunden zu haben scheinen.
Besonders amüsant finde ich die Behauptung, ognon (Zwiebel, bisher oignon) müsste von der Schreibweise wie Oh non ausgesprochen werden. Was im Französischen eine überaus seltsame Interpretation der Buchstabenfolge gn wäre.

4. Windkraft für alle

Inspiriert von einem dieser Haribo-Schweinespeck-Dinger - Bild: Ulrich Papenburg

Inspiriert von einem dieser Haribo-Schweinespeck-Dinger – Bild: Ulrich Papenburg


Bei weitem nicht der erste Ansatz, Windkraft von den Dächern zu ernten, aber jede neue Option hilft.

5. Avon und die Killerspiele

Die Avon Longitudinal Study, die vielleicht größte Langzeitstudie in der Wissenschaftsgeschichte, hat sich der Killerspiele angenommen und siehe da: Es gibt keine signifikanten Hinweise, dass so genannte Killerspiele aggressiv machen.

6. Adaptive eInk-Tastaturen werden günstiger

So langsam bewegen sich die Tastaturen mit per Software veränderlicher Tastenbelegung in Richtung erschwinglich. Das ist großartig: Für Leute wie mich, die immer mal wieder mit fremden Sonderzeichen und auch nicht-lateinischen Alfabeten arbeiten sind diese Dinger eine großartige Erfindung. Das mag Menschen im Westen nicht so bewusst sein, aber zum Beispiel als Russe oder Japaner einen englischen Text zu tippen kann durchaus ein Krampf sein, weil die entsprechenden Schriftzeichen einfach kompliziert einzutippen sind.

Soo praktisch, soo teuer - Bild: Fancy

Soo praktisch, soo teuer – Bild: Fancy


Veilchendienstagszug 2016

Vorgeplänkel

Es gilt weiterhin, was ich letztes Jahr schon schrieb:

So sehr ich den rheinischen Karneval mit seiner Schunkelei und dem Schenkelklopferhumor auch verachte, und so sehr ich auch ein ausgeprägtes Unwohlsein in der Nähe von Clowns und kostümierten Menschen verspüre, eines hat auch mir doch immer gefallen: Der Straßenkarneval mit seinem Zug/Zuch/Zoch (je nach Regiolekt).

Wenig weiss ich mehr zu schätzen als gute Satire und die großen Karnevalszüge im Rheinland tragen diese quasi als Markenzeichen. Das ist zwar in Düsseldorf und Köln gegenwärtig vor allem dem ebenso unermüdlichen wie pointenstarken Wagenbauer Jacques Tilly zu verdanken, aber auch Mönchengladbach, mit dem einzigen großen Zug am Veilchendienstag in Deutschland (New Orleans ist keine so direkte Konkurrenz), zeigte hier immer wieder Potenzial. 2010 war ein in diesem Sinne sehr guter Zug, 2015 zeigte Potenzial.
Auf 2016 war ich sehr gespannt, weil Bernd Gothe, der Vorsitzende des Mönchengladbacher Karnevalsvereins (MKV) eine Neuausrichtung des Gladbacher Karnevals angekündigt hatte. Richtig konzipiert hätte das Ansinnen, nicht mehr direkt mit den anderen Hochburgen zu konkurrieren viel Potenzial für einen ganz eigenen Zug. Es hatte aber auch das Potenzial, in der Praxis zu einem „Unser Karneval soll ömmeliger werden“ zu katastrophieren. Also, was ist es geworden? Nun:

Die Bestechung

Eine Ausbeute an Wurfmaterial , wie ich sie sonst nur aus meiner Kindheit in Düsseldorf kenne ist schonmal nicht schlecht. Das lag auch daran, dass ich kurz vor Ende des Zuges meine erhöhte Fotografierposition aufgab und direkt an den Straßenrand ging. Wären mir nicht irgendwann die Jacken- und Hosentaschen ausgegangen, es sähe noch besser aus.
Jetzt habe ich neben einem Bumerang, Einkaufs-Chip und Quietscheentchen noch ein-zwei Süßigkeiten einstecken können:

Ein Einkaufswagenchip! Wie cool ist das denn?

Ein Einkaufswagenchip! Wie cool ist das denn?

Also, bestochen wurde ich schonmal gut, aber ich bin bekanntlich unbestechlich.

Disclaimer

Wenn ich mopper, dann weil ich gesehen habe, wie viel besser der Karneval in MG sein kann, wenn er sich traut, Eisen anzupacken und nicht, weil ich dem Zug Böses will. Im Gegenteil, ich sehne mich gradezu nach einem Veilchendienstagszug mit Chuzpe. Deswegen messe ich ihn an den Zügen der drei Rosenmontagshochburgen und auch an früheren Zügen in Mönchengladbach. Denn früher und anderswo ist immer alles besser.

Der Zug

Pünktlich zu Beginn zog der Regen ab und das bisschen Gedröppel zwischendurch zählt nicht, also gute meteorologische Voraussetzungen für einen gelungenen Zug. Dass der erste Wagen Werbung für die Ritterfestspiele auf Schloss Rheydt als Kamelle warf, ergab einen etwas befremdlichen Auftakt, aber nun gut.
Allerdings war das auch der Einstieg in das, was den Zug durchzog: Er war nicht lustig, dafür war er aber repräsentativ. Die Karnevalsvereine zeigten wie jedes Jahr ihre Prunkwagen vor, wie üblich mit einer aktualisierten Jahreszahl in der Bemalung, fertig ist der Karnevalswagen. Sehr repräsentativ, aber auch sehr, sehr langweilig.
Daneben wurde wie groß in der Presse angekündigt der Rumpf einer Junkers F13 durch die Gegend kutschiert, gefolgt von einer Art Diorama aus Bauteilen des Gladbacher Weihnachtsmarktes mit Werbung für eben jenen Markt. Es folgte das Minto, das sich wenigstens die Mühe gab, ein Motto auf Platt auf den Wagen zu malen. Alle drei Wagen wären hervorragend für eine Art Stadtparade, die man etwa zum Eine-Stadt-Fest zwischen Rheydt und Gladbach fahren lassen könnte (Hey, MGMG, wie wäre es mit einer solchen Stadtparade zum Eine-Stadt-Fest?), aber wenig närrisch oder gar lustig.

Ja, ein kaputtes Flugzeug. Tätä, tätä, tätä!?! Oka,y das ist ein bisschen unfair der historischen Bedeutung der Junkers F13 gegenüber, aber mal im Ernst, das ist ein Karnevalszug!

Ja, ein kaputtes Flugzeug. Tätä, tätä, tätä!?! Okay, das ist ein bisschen unfair der historischen Bedeutung der Junkers F13 gegenüber, aber mal im Ernst, das ist ein Karnevalszug!

Ja, okay, warum nicht

Ja, okay, warum nicht

Nein, viel lustiger wird's nicht, aber sie haben sich mit dem Spruch wenigstens Mühe gegeben

Nein, viel lustiger wird’s nicht, aber sie haben sich mit dem Spruch wenigstens Mühe gegeben

Motto des Zuges war dieses Jahr „M’r donnt wat m’r könne“, was mich durchaus zu begeistern wusste. Ich nahm es als positives Zeichen, dass Mönchengladbach endlich mal ein Motto auf Platt hat, wie sich das für Karneval gehört. Gleich zu Anfang lief ein Typ quer und jenseits von Reih und Glied durch den Zug und hielt ein Schild hoch, auf dem zu lesen war: „Ech donn wat ech will!“ Die Rückseite des Schildes war ein Spiegel. Dieser Mann hat eine Medaille verdient.
Man kann das Motto durchaus positiv lesen und dazu war ich auch bereit. Was ich nicht ahnte war dabei, dass die Liste dessen, was wir können offenbar keinen Eintrag „lustig“ umfasst. Zu denken geben sollte mir dabei, dass auch der heimische Karikaturist Nik Ebert den Spruch in seinem Beitrag zum Thema städtische Sauberkeit in seiner negativen Auslegung umsetzte. Und immerhin war er derjenige, der dieses Motto vorgeschlagen hatte!
Die Mülltonne sagt: „Na los! Versuch's nochmal!“

Die Mülltonne sagt: „Na los! Versuch’s nochmal!“

Daneben verdankt der Zug Ebert aber in Form der jährlichen rollenden RP-Karikatur auch den einzigen Wagen mit politischer Aussage. Dass diese beiden Wagen recht einfach zu gestalten waren, da es ja nur fahrende Plakatwände sind, kommt Eberts Motiven sicherlich zu Gute. Vielleicht wären mehr solcher Wagen ein Ansatz, um auch in Zukunft Satire im Zug zu haben? Es ist nicht so, als wäre die Heimatstadt von Nik Ebert und Volker Fucking Pispers der politischen Spitzen unfähig, auch wenn man das bei ihrem Karneval ab und an glauben könnte.
Eine Seltenheit 2016, Politik auf dem Korn! Das Asylrecht mit Rennreifen von Nik Ebert

Eine Seltenheit 2016, Politik auf dem Korn! Das Asylrecht mit Rennreifen von Nik Ebert

Lokalpolitisch gab es genau einen aktuellen Bezug, der KjG aus Hardt nahm sich der 30er- und 40er-Zonen in der Stadt an, mit Kappen in Form von Autos und einem Spruch auf dem Wagen. Ich muss damit nicht übereinstimmen, um das gut und vor allem karnevalistisch zu finden. Daumen hoch für den einzigen lokalpolitischen Beitrag des ganzen Zuges 2016!
Auf dem Wagen steht etwas zu klein für das Foto: „30, 40 statt 50. Gladbachs Blitzer sind nicht günstig“

Auf dem Wagen steht etwas zu klein für das Foto: „30, 40 statt 50. Gladbachs Blitzer sind nicht günstig“

Okay, es gab noch ein lokalpolitisches Motiv, aber das war ein wenig älter. Bernd Gothe hatte zuvor zur Neukonzeption auch angekündigt, es werde beim Zug „Nostalgiewagen“ geben, also Nachbauten alter Wagen, deren Erinnerung wachgehalten werden soll. Ich möchte das Ergebnis nicht zu sehr kleinmachen, der Wagen zur Umbenennung von München-Gladbach in Mönchengladbach aus dem Jahre 1949 ist solide, wenn auch etwas fad. Die Idee, das Ereignis sinnbildlich durch einen Bayern und einen Mönch darzustellen, ist durchaus eine neue Aufführung wert. Nur sonderlich aktuell ist das natürlich nicht.
Du weisst, der Karneval hat ein Problem, wenn selbst der Karnevalsverband impliziert, dass der Karneval früher besser war. Allerdings hat er damit ja auch Recht.

Du weisst, der Karneval hat ein Problem, wenn selbst der Karnevalsverband impliziert, dass der Karneval früher besser war. Allerdings hat er damit ja auch Recht.

Ehrenthalber erwähnt sei noch der von der Pressestelle der Stadt groß angekündigte Fairtrade-Wagen, der 2016 erstmals mitfuhr. Tatsächlich einer der größten Wagen der Parade, wenn auch einer in der langen Reihe konzeptionell nicht weiter erwähnenswerter Beiträge wie die Prunkwagen: Da, aber es findet sich nichts lustiges daran. In einem starken Zug ein willkommener Einschub, so aber nur ein weiteres Glied einer durchweg langweiligen Kette.
Allerdings der aufwändigste und einer der schönsten Prunkwagen im Zug

Allerdings der aufwändigste und einer der schönsten Prunkwagen im Zug

Alles in allem, wie schon angeklungen, ein furchtbar langweiliger Zug, der allein deswegen ein paar Perlen aufwies, weil sich dies bei etwa 50 beitragenden Gruppen praktisch nicht vermeiden ließ. Die Ansage des Karnevalsverbands war, gar nicht erst zu versuchen, mit Düsseldorf und Köln zu konkurrieren, sondern etwas ganz eigenes zu versuchen. Dafür steht auch das diesjährige Motto, aber das ist gradezu eine Verleumdung, denn der Gladbacher Straßenkarneval kann durchaus auch lustig und bissig sein, das hat er in vergangenen Jahren immer mal wieder bewiesen. Das Ergebnis ist der langweiligste Zug, den ich bislang in einer Großstadt erlebt habe. Allerdings weiss der sich zu retten: Selbst ein langweiliger Gladbacher Zug weiss die Zuschauer mit Musik und Süßigkeiten bei Laune zu halten.
Und ganz klare Sache: Wenn wir nun an der Talsohle sind, so kann es nur noch aufwärts gehen. Ich hätte offen gestanden nicht übel Lust, eine Gegenveranstaltung aufzumachen, Arbeitstitel „Karneval in lustig!“ Vielleicht jährlich tagsüber zu Silvester als Jahresrückblick, gezielt mit politisch bissigen Wagen und Satire? Etwas, was schon im Konzept jede Bräsigkeit verhindert. Ich meine, Silvester liegt ja auch zwischen Hoppediz‘ Erwachen und Aschermittwoch.

Herr Prisac, übernehmen Sie!

Selbst mit Bildstörung ziehe ich dieses Jahr ganz klar Prisacs Miniatur-Zug vor, der Mann weiss, wie man standesgemäß moppert und dabei unterhält. Das gehört einfach als alleroberstes zu den Dingen, die ich von einem gelungenen Karnevalszug erwarte.


Freitägliche Fünf 05.02.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche kommen Wahrheiten ans Licht.

1.Die wahren Pinky & Brain

Böse. Ich mag es.

Ich kam darauf, weil die Stadt jetzt eine Stelle hat, die Zorg heisst, was einfach klingt wie etwas, was Pinky sagen würde.

2. Die Wahrheit über falsche Download-Buttons

Google führt eine Warnung vor Seiten ein, die falsche Download-Buttons haben.

Ausserdem: Kurzer Rot-Grün-Blindheits-Test: Das ist Rot

Ausserdem: Kurzer Rot-Grün-Blindheits-Test: Das ist Rot

Diese meist als Anzeige auf Downloadportalen gesetzten falschen Download-Buttons sidn ein beständiges Ärgernis und durchaus eine potenzielle Gefahrenquelle, über die Viren, Trojaner und dergleichen verteilt werden können. Sie sind aber schon deshalb lästig, weil sie es deutlich erschweren, die angesteuerte Seite normal zu nutzen.
Das einzige Problem hierbei ist Googles Bemutterungsart, die Option, nach gelesener Warnung dennoch auf die Seite zu gehen tief in den weiteren Menüs zu verstecken, wenn sie denn überhaupt auftaucht.

3. Die Wahrheit über Meermenschen

Offenbar gibt es in Südostasien tatsächlich Völker, die den Großteil ihres Lebens zur See verbringen, zum Beispiel die Sama-Bajau. Ich hatte mich immer gewundert, dass alle Nationen udn Völker, die man so kennt, landgebunden sind. Ich meine, Gemüseanbau auf dem Wasser kannten schon die antiken Ägypter, es ist also grundsätzlich möglich, eine Nation auf dem Meer zu halten.
Das einzige, was Hochseenationen verhindert sind offenbar die Regeln der UN zur Akzeptanz von Staaten.

4. Der wahre Wurmkomposter

Mein Wurmkomposter ist ein recht einfaches Teil: Ein Eimer mit Deckel und Auslaufhahn aus dem Brauereibedarf, der Boden mit etwas übrig gebliebener Kokoserde gefüllt, Würmer rein und Lebensmittelreste drauf, von denen sich die Würmer ernähren können, fertig. Irgendwann werde ich dann die Würmer in einen zweiten Eimer umsiedeln müssen, um den Kompost zu erhalten.
Der Wurmturm, der mir schon vom Namen ausserordentlich gefällt, entwickelt das Konzept weiter: Die Würmer leben in einem „Turm“, in den auch die Lebensmittelreste kommen. Nur hat der Turm keinen Boden und keinen Auslaufhahn, sondern sitzt direkt in einem Pflanzgefäß mit den zu düngenden Pflanzen. Perfekt und übrigens für mich auch sinnvoller als die traditionelle Permakultur-Anlage mit Fischen unter den Pflanzen, denn was will ich mit dem ganzen Fisch?Wurmturm

5. Die Wahrheit über meine Abende

Sony hat Drei-Monats-Probe-Abos für Maxdome verschenkt. Perfekt, damit sind meine Abende nun gut gefüllt. Auch wenn Maxdome wenig hat, was Netflix nicht hat, aber für lau nehm ich das gerne mit.
Ich bleibe dennoch mittelfristig bei Netflix, die exklusiven Serien machen den Unterschied und beide nebeneinander lohnen nicht.


Die Pseudonymfrage

Nachtrag, 07.02.2016:Nachdem ich die Reaktionen in den sozialen Netzwerken durchgelesen habe, habe ich mich entschieden, das Pseudonym nicht zu nutzen. Die Authentizität scheint ein höherer Wert zu sein als die Einheitlichkeit. Pseudonyme sind demnach nur aus rechtlichen oder vergleichbar hohen Gründen einzusetzen. Und nun weiter mit dem ursprünglichen Beitrag:

Ein Projekt, an dem ich derzeit arbeite, ist ein Kochbuch, genauer gesagt mehr ein Kochratgeber. Worum es genau geht, verrate ich noch nicht. Wer meine anderen Buchveröffentlichungen bisher anschaut wird schnell merken, wie weit dieses Projekt aus dem Rahmen fällt, eingebettet in Sachbüchern, Science-Fiction und Fantasy. Bislang bringt das zwei wichtige Erkenntnisse mit sich:

Symbolbild (Pixabay/Public Domain)

Symbolbild (Pixabay/Public Domain)

1. Kochbücher sind komplex

In der Theorie sind Kochbücher recht simpel zu schreiben: Man nehme ein paar Rezepte, die thematisch einigermaßen zusammenhängen, füge ein paar Formatierungen hinzu und fertig ist das Kochbuch. Nur entspricht das Ergebnis nicht meinen Erwartungen an ein von mir verfasstes eBook. Wenn ich ein Kochbuch mache, dann ein vernünftiges: Mit Bildern und einer Papierausgabe mit richtig schönem Layout speziell für die Präsentation von Rezepten. Die Fotos muss ich natürlich auch selbst machen, wofür ich auch die Gerichte vorher kochen muss, was wiederum erfordert, dass ich alle Zutaten kaufe.
Das ist durchaus mehr Aufwand als bei meinen bisherigen Titeln, sowohl zeitlich als auch finanziell. Aber wenigstens kann man das Arbeitsmaterial nachher verspeisen.
Ich bin dennoch sehr gespannt, ob sich der nicht unerhebliche Aufwand bei der Erstellung eines solchen Buches lohnt.

2. Möglicherweise brauche ich ein Pseudonym

Das ist die eine Frage in dieser Sache, auf die mir keine rechte Antwort einfallen will: Brauche ich ein Pseudonym? Denn immerhin wirkt das Buch unter meinen anderen wie ein Fremdkörper. Es könnte auf manchen befremdlich wirken, Bücher so wild unterschiedlicher Art in einer Liste zu finden. Es könnte den Eindruck mangelnden Profils entstehen lassen und auch zu einer gewissen Unübersichtlichkeit beitragen. Und wer nach dem Namen sucht, um weitere Kochbücher zu finden, stößt zunächst auf eine Liste völlig anders gelagerter Titel bevor er findet, was er sucht.
Andererseits bildet ein Name einen einheitlichen Auftritt für die Bücher und vor allem stellt er einen Einstieeg dazu da, die restlichen Bücher des jeweiligen Autors schnell zu finden, wenn man mehr wissen will oder das bereits Gelesene mag.

Ich hätte sogar schon ein Pseudonym im Ärmel, indem ich meinen zweiten und dritten Vornamen ins Spanische übertrage und dazu einen an einen meinem Nachnamen ähnelnden spanischen Namen stelle. Das Ergebnis: Juan Raul Diego! Kein besonderer Grund, ich mag einfach den Klang dieser Übersetzung meines Namens.

Also, was meinen die Leser: Wenn ich ein Kochbuch herausbringe, sollte ich dies unter meinem Passnamen tun oder unter dem (offenen) Pseudonym Juan Raul Diego?


Freitägliche Fünf 29.01.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche wird gezaubert.

1. Zauberbaum

Für mehr Draussen im Drinnen! - Bild: Radamshome/Reddit

Für mehr Draussen im Drinnen! – Bild: Radamshome/Reddit

Die Tochter von Reddit-Nutzer Radamshome wünschte sich einen „Märchenbaum“ im Zimmer, also baute ihr Vater ihr einen. Wunderschönes Ergebnis, mehr Bilder gibt es hier bei Likemag.

2. Zauberstab

Ich hatte eine Weile wegen dem Fahrrradprojekt nach einer Möglichkeit gesucht, in der näheren Umgebung Schweissen zu lernen. Wie ich diese Woche erfahren habe, gibt es dafür einen Einführungskurs bei der VHS Viersen in Dülken. Da ist zwar auch Löten mit bei, was ich schon in der Schule hatte, aber schadet ja nix. Ich weiss jetzt also definitiv, was ich im Herbstsemester in Dülken machen werde. Das wird spannend.

3. Zaubersee

Die ewige Geschichte um die City Ost in Mönchengladbach, den Raum eines einstmals bedeutenden ehemaligen Güterbahnhofs, der seit Jahren brach liegt, kommt langsam zu einer zufriedenstellenden Zielvorstellung. Die drei Beiträge eines Gestaltungswettbewerbs sollen hier vereint werden und bringen neben einer großen Wasserfläche auch einen Radschnellweg vom Hauptbahnhof Mönchengladbach bis zum Bahnhof Lürrip. Dieser formt dann m.E. einen guten Ansatzpunkt für einen weiteren Radschnellweg bis zum Hauptbahnhof Neuss und letztlich ins Ruhrgebiet.

Und ich bin als einziger nerdig genug, in der Form das Leitwerk einer S 23 Mitchell-Hyundyne Starfury zu sehen, oder? - Aus dem Vorschlagspapier von Machleidt/Sinai

Und ich bin als einziger nerdig genug, in der Form das Leitwerk einer S 23 Mitchell-Hyundyne Starfury zu sehen, oder? – Aus dem Vorschlagspapier von Machleidt/Sinai

4. Zaubertinte

Abgeordnetenwatch hat ein Projekt laufen, um alle Arbeiten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus 2015 öffentlich zu stellen. Damit verbunden ist die Forderung, solche Arbeiten in Zukunft grundsätzlich öffentlich einsehbar zu machen.

5. Zaubertiere

Meinen Kompostwürmern geht es gut. Die hatten zum Jahreswechsel darunter zu leiden, dass entsorgtes Fischfutter aus einer alten, vor zwei Jahren abgelaufenen Dose im Komposter eine Kruste gebildet hat, was die Durchlüftung behinderte und dem Substrat Feuchtigkeit entzog. In der Folge starben einige der Würmer und ich war eine Weile nicht sicher, ob es noch welche gab. Mir fiel wohl auf, dass die Lebensmittelreste nicht klassisch kompostierten, sondern wie in einem Komposter mit Würmern üblich ohne auffällige Wärme- und Geruchsentwicklung abgebaut wurden. Ausserdem hatte ich kurz nach dem Malheur ein paar winzige, frisch geschlüpfte Würmer entdeckt, wusste aber nicht, was aus denen geworden war.
Gestern habe ich im Komposteimer endlich wieder ein paar Würmer entdeckt, schön groß und fett, denen scheint es also gut zu gehen. Und ich habe gelernt, die Bildung solcher Krusten in Zukunft ganz klar zu vermeiden. Wobei ich ohnehin davon ausgehe, dass dieser Fund einer alten Fischfutterdose eine einmalige Sache war. Zurück zu faulem Obst und Brotkrumen für meine Würmer.


Dino-Dienstag 38

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diese Woche vom Jura bis fast in die Gegenwart.

Portugiesisches Vogelsterben

Es gibt manchmal diesen besonders traurigen Moment für Biologen, wenn sie eine neue Spezies entdecken, die in geologischen Maßstäben grade erst ausgestorben ist. So ging es mit den Moas und Riesenadlern auf Neuseeland, den letzten sibirischen mammuts und nun auch mit dem wohl jüngsten solchen Fall, mit fünf neuen teils flugunfähigen Rallenarten, die auf Madeira und den Azoren lebten und deren letzte erst im 16. Jahrhundert ausgestorben sein muss.

Streng genommen nicht PRÄhistorisch, aber nunja… Bild: José Antonio Peñas (Sinc)

Streng genommen nicht PRÄhistorisch, aber nunja… Bild: José Antonio Peñas (Sinc)

Die Rallen verschwanden vermutlich im Zuge der Besiedlung der Inseln durch Europäer, die auf ihren Schiffen Mäuse und Ratten mitbrachten, welche die Eier fraßen sowie Hunde und Katzen als direkte Raubtiere an den Vögeln.
Forscher gehen davon aus, das mit der Ausbreitung des Menschen und seiner Begleiter weltweit tausende solcher Rallenarten, die jeweils nur auf einer einzigen Insel lebten, ausstarben.

Der älteste Stammeskampf

In Kenia sind die Überreste eines großen Kampfes gefunden worden, der dort vor 10.000 Jahren zwischen zwei Gruppen von Menschen, möglicherweise Stämmen, stattgefunden haben muss. Von den zwölf kompletten Skeletten zeigen zehn Spuren eines gewaltsamen Todes mit einer Art Knüppel oder durch Pfeile. Die Leichen umfassen auch Frauen (darunter eine gefesselte hochschwangere) und Kinder.
Dies ist der älteste nachgewiesene Kampf unter Menschen und überrascht insofern, als die Teilnehmer zu nomadischen Kulturen gehörten, die als friedlicher gelten. Viele Anthropologen vermuteten bisher, solche Konflikte seien erst mit der Erfindung von Landwirtschaft und damit einem sesshaften Lebensstil einhergegangen. Dem widersprach allerdings schon länger die Erkenntnis, dass auch Schimpansen gewaltsame Konflikte unter Gruppen kennen.

Glubschi

Ich mag Tiere, die ich „Glubschi“ nennen kann. Ausserdem hören wir hier viel zu selten von neuen Wirbellosen, obwohl grade diese so herrlich bizarr werden können. Hier ist wieder einer:

Jepp, definitiv bizarr - Bild: Vannier, J. et al./Nature

Jepp, definitiv bizarr – Bild: Vannier, J. et al./Nature

Dollocaris war eine bis zu zwanzig Zentimeter lange räuberische Garnele, die zu einem Viertel aus zwei riesigen Augen bestand und die Küsten Südfrankreichs vor 160 Millionen Jahren für kleinere Tiere zu einem gefährlichen Ort machte. Mit 18.000 Einzelaugen konnte Dollocaris es mit modernen Libellen aufnehmen, sein Körperbau deutet aber eher auf einen Lauerjäger hin, dessen verhalten mehr dem einer unter Wasser lebenden Gottesanbeterin vergleichbar war.

Dracoraptor

Noch etwas älter ist ein neuer Dinosaurier aus Großbritannien. Dracoraptor war ein kleiner Fleischfresser, der vor etwa 200 Millionen Jahren im heutigen Wales lebte. Zwar ist das gefundene Tier etwa zwei Meter lang und 70 Zentimeter hoch, das heisst aber wenig, da die Knochen offenbar zu einem noch nicht ausgewachsenen Exemplar gehören.

So fluffig! - Bild: Bob Nicholls

So fluffig! – Bild: Bob Nicholls

Ein paar kleinere Meldungen

Argentinien bringt uns den neuen größten Dinosaurier aller Zeiten. Abgesehen von seiner Größe (Stolze 37 Meter lang) gibt es aber wenig interessantes über Notocolossus zu sagen, ausser dass sein Fund einen eigenen Dokumentarfilm mit Richard Attenborough bekommen hat, der sicherlich auch noch im deutschen Fernsehen auftauchen wird.
6.000 Jahre in der Vergangenheit haben Forscher Hinweise auf Sesshaftigkeit und gemeinsame Gräber gefunden, in denen definitiv miteinander verwandte Personen verschiedener Generationen gezielt begraben wurden.


Freitägliche Fünf 22.01.2016

Die wöchentlichen fünf Dinge der Woche, die mich gefreut oder mir gefallen haben. Denn mies gelaunt sind wir hier im Internet oft genug. Alles persönlich, es kann also von großen Nachrichten bis zu kleinen Alltäglichkeiten reichen. Ohne feste Reihenfolge einfach, wie es mir beim Schreiben einfällt.
Diese Woche Braille, Medizin ohne Tierversuche und viel mit Fahrrädern.

1. Braille-eBook-Display

(Screenshot aus dem Youtube-Video unten)

(Screenshot aus dem Youtube-Video unten)

Keine Ahnung, warum es so lange dauert, ein Braille-Display für eBooks auf den Markt zu bringen, aber hier ist mal wieder ein Versuch. Ich hoffe sehr, dass das Gerät Erfolg hat, eBook-Reader für Braille sind ein großer Fortschritt für blinde und sehbehinderte Menschen: Jedes als eBook verfügbare Buch kostenneutral auch in Braille!
Die Entwickler erklären das Konzept und seine Vorteile hier:

2. Ein Buck

So nenn ich das hier mal. Just, wenn man glaubt, alles gesehen zu haben, kommt ein Quadricycle mit Auflieger daher. Fährt in Dänemark für den Fahrradkurierdienst Pling aus.

Achtung, Schwertransport! - Bild: Pling

Achtung, Schwertransport! – Bild: Pling

3. Apropos

Keine Ahnung, wo das herkommt, aber ich mag's

Keine Ahnung, wo das herkommt, aber ich mag’s

4. CERST

Die Uni Düsseldorf beherbergt seit dieser Woche das CERST – Centrum für Ersatzmethoden zum Tierversuch. Hier sollen neue Forschungsmethoden ergründet werden, die es einfacher machen, auf Tierversuche zu verzichten. Denn egal, was manche Gruppen erzählen, leider sind Tierversuche noch nicht vollständig vermeidbar, einfach weil wir nicht genug über den Körper wissen um nur aus Simulationen und Laborversuchen an Zellkulturen sicherstellen zu können, ob ein Mittel nicht eher schadet als nutzt.

5. Kofferraum

Im Moment ist es mir schlichtweg zu kalt, im Hof am Liegerad zu basteln, aber gestern kam mein „Kofferraum“ und den hab ich dann schnell mal angeflanscht. Hier ein Vorher-Nachher:

Gepäckspinne gegen Tasche - Tasche sieht auf jeden Fall besser aus

Gepäckspinne gegen Tasche – Tasche sieht auf jeden Fall besser aus

Der angebaute Gepäckträger des Rades ist leider wenig brauchbar, also musste eine andere Lösung her. Für eine Klemmfeder ist kein Platz, Seitentaschen wollte ich wegen dem Luftwiderstand vermeiden, also sollte es eine Tasche sein, die im Windschatten des Fahrers auf dem Gepäckträger aufsitzt. Diese Tasche habe ich relativ günstig bei Banggood gefunden, als ich eine Lichtanlage mit Blinker und Bremslicht bestellt habe (nich unterwegs) und dann kurzerhand mitgeordert. Im Nachhinein muss ich sagen, ich hätte ruhig die etwas größere Version nehmen können. Naja, Versuch macht kluch, nech?
Dennoch ist das deutlich besser als die provisorische Lösung mit der Gepäckspinne. Die Seiten werden übrigens durch Platten aus geschäumtem Kunststoff abgedeckt, weniger zur Aerodynamik denn als Werbeträger – je auf einer Seite für MG Nachhaltig und für meine Bücher.
Aktueller Inhalt der Tasche ist übrigens der Gurt, mit dem der Sitz bespannt werden wird, sobald die Temperaturen wieder zweistellig werden. Nein, ich manövrier das Rad nicht durch den Flur, nur um das drinnen im Warmen machen zu können. Ich hab schließlich keinen Grund zu übertriebener Eile.


Dino-Dienstag 37

Nachrichten aus der Welt der Paläontologie, (so gut wie) jeden Dienstag hier im Blog. Denn Dinosaurier und das Leben der Urzeit sind Themen, von denen ich nie genug haben werden. Ausserdem verspreche ich es den Lesern der Meilensteine der Evolution.
Diesmal mit näherem Blick auf einige Dinosaurierschädel.

Die Geheimnisse der Ceratopsier-Babys

Das Wachstum junger Ceratopsier ist für Paläontologen überraschend interessant, da sich die Form der Schädel dieser Tiere im Laufe des Wachstums stark zu verändern scheint. Das ist der Grund, weshalb vor einiger Zeit die Idee umging, Triceratops könnte nie existiert haben: Einige Wissenschaftler entwickelten damals den Gedanken, Triceratops und Torosaurus könnten das selbe Tier sein, wobei der sehr anders geformte Schädel von Torosaurus damit erklärt wurde, dass diese schlichtweg deutlich ältere Individuen darstellten als jene Schädel, die als Triceratops eingeordnet wurden. Bislang bleibt offen, ob die Vermutung stimmt, dass sich die Schädel der Ceratopsier im Laufe des Lebens so sehr veränderten.
Ein neuer Fund aus Kanada liefert dazu neue Hinweise: Ein zum Zeitpunkt seines Todes wohl etwa drei Jahre alter Chasmosaurus.

Awwww... (Bild: Michael Skrepnick)

Awwww… (Bild: Michael Skrepnick)

Chasmosaurus gehört unter den Ceratopsiern zu den Arten mit besonders langen Nackenschildern, doch bei dem jungen Tier im Bild ist der Schild bei weitem nicht so groß wie bei den bekannten erwachsenen Tieren, auch wenn der Schädel insgesamt eindeutig Chasmosaurus zugeordnet werden kann. Das stützt die These, dass sich die großen Nackenschilder vieler Ceratopsier erst in späteren Jahren entwickelten.
Ebenfalls gestützt wird das von einer fast zeitgleich veröffentlichten Untersuchung am mongolischen Ceratopsier Protoceratops. Protoceratops, ein hornloser Ceratopsier von der Größe eines Schweines ist der am häufigsten gefundene Dinosaurier in der Mongolei und dank der Menge an Funden gibt es von diesem Saurier Exemplare aller Altersstufen. Und ein großer Vergleich der Schädel dieser Tiere zeigt: Die Schädel, insbesondere die Nackenschilde, dieser Art verändern sich nicht nur im Laufe des Lebens, sie verändern sich erheblich. Frisch geschlüpfte Tiere haben so gut wie keinen Schild, erwachsene Tiere haben einen großen Schild, der sich deutlich vom Hals absetzt. Die Tatsache, dass die Schilde sich erst bei erwachsenen Tieren so stark entwickelten nehmen die Forscher dieser Untersuchung als Hinweis, dass sie der Brautwerbung dienten.
Im gesamten Tierreich ist es Schmuck für die Partnerwerbung gemein, dass er sich erst gegen Ende des Wachstums ausprägt, vom bunten Gefieder der Vögel über Löwenmähnen bis zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen beim Menschen.

Spinosaurus der Schlinger

Spinosaurus ist ein Dinosaurier, der nach den neuen Erkenntnissen der letzten Jahre rasant seltsamer wird. Der riesige Raubsaurier, der inzwischen zum einzigen eindeutig auf das Leben im Wasser angepassten Dinosaurier wurde, hatte offenbar speziell veränderte Kiefer, mit denen er kleinere Beutetiere in einem Stück verschlingen konnte. Dazu gehören auch Hinweise auf einen Kehlsack wie er auch bei Krokodilen vorkommt. Für einen schwimmenden Fischfresser durchaus praktisch.