Sieben am Sonntag 28.05.2017

Sieben Dinge der Woche, ausgewählt zum Ende der Woche. Eine Chronik des alltäglichen Wahnsinns, der Erfreulichkeiten, Merkwürdigkeiten und sonstigen -keiten, der Fundstücke und Dings. Jeden Sonntag, mehr oder weniger.

Musik der Woche

Literarische Einflüsse zu identifizieren ist entgegen der Behauptungen so mancher Germanisten und Konsorten ein nahezu unmögliches Unterfangen, wenn es nicht um die ganz großen Muster kultureller Entwicklung geht. Praktisch alle von uns sind ständig kulturellen Einflüssen ausgesetzt. Darunter sind eben nicht nur die großen, bekannten Namen, sondern auch ein ständiger Strom von obskur bleibendem Material, welches zufällig grade jene Künstler erreichte, welche es dann beeinflusste.
Ich habe diese Woche erstmals eine Kurzgeschichte an einen professionell zahlenden englischsprachigen Markt geschickt. Ob sie die Geschichte zur Veröffentlichung kaufen, werden wir dann sehen. Zuvor hatte ich sie bereits in einem Wettbewerb eingereicht, den sie aber nicht gewann.
Heute aber fiel mir spontan die wahrscheinliche Inspiration der Geschichte auf. Obwohl nicht Steampunk, sondern pure Science Fiction, fand ich doch eine stare Verbindung zu The Doctor’s Wife von The Clockwork Quartet. Und während ich die Geschichte momentan nicht veröffentlichen kann, weil ich sie ja noch an eine Zeitschrift oder eine Webseite verkaufen will, kann ich durchaus diese kleine Ballade hier einstellen. Vielleicht inspiriert sie ja weiteres.

Buch der Woche

Karsten Schuldt hat sich in wissenschaftlicher Form mit der Frage beschäftigt, was Bibliotheken im Umgang mit Armut tun können, was sie tun und wie arme Menschen Bibliotheken nutzen oder nutzen können. Was ursprünglich als Habilitation geplant war, wurde nun zu einer davon unabhängigen Veröffentlichung, die jedem ans Herz gelegt sei, der sich mit dem Thema kulturellen Zugangs bei finanziell schwachen Menschen beschäftigt: Sozialarbeiter, Bibliothekare, Kommunalpolitiker, kulturell aktive und wer sich sonst noch davon angesprochen fühlt. Einige werden sich an die gradezu giftige Diskussion erinnern, die vor einigen Jahren beim Thema Bibliotheksneubau in Mönchengladbach lief. Und ähnliches passiert wohl regelmäßig, wenn Kommunalpolitiker ernsthaft erwägen, Geld in Bibliotheken zu stecken. Aber sich wundenr, dass wir rekordträchtige Zahlen von Schulabgängenr ohne Abschluss haben.
Direkt vom Autor gibt es auch eine Version als PDF-Datei, die dann kostenlos zu haben ist.

Schuldzuweisung der Woche

Sehr geehrte Besucher, aufgrund Ihres hohen Alters ist unsere Leopardin leider gestorben

Schämen Sie sich!

Ich habe keine Ahnung, wo das hängt und wer es zuerst fotografiert hat, denn es schwirrt grade durch Twitter. Der wichtige Punkt ist, dass wir nun endlich wissen, wer schuld war: Sie!

Statue der Woche

Ein nackter Luther protestiert mit Schrift gegen den vergessenen Antisemitismus des Bibelübersetzers

Nicht zu lachen – Bild: Evelin Frerk/Das 11. Gebot

Ich habe ein ernsthaftes Problem mit der diesjährigen Luther-Verehrung. Wer mir länger folgt, wird das mitbekommen haben.
Luther war einer der einflussreichsten Wegbereiter des modernen Antisemitismus. Meinetwegen war er auch Antijudaist, scheisst der Hund drauf. Die Ideengeschichte bleibt die selbe: Luther war brennender Judenfeind. Und dass das praktisch verschwiegen wird, regt mich auf. Nun ist die Reformation sicherlich ein größeres historisches Verdienst als der Bau von ein paar Proto-Autobahnen, dennoch: Sowas kann man nicht einfach verschweigen. Insbesondere nicht bei Leuten, die grade wegen ihrer Weltanschauung bedeutsam geworden sind.
Entsprechend freue ich mich über diese Installation der Gruppe Das 11. Gebot, deren Kernforderung ist, dass der Kirchentag in Berlin gefälligst von der Kirche selbst bezahlt werden soll. Aber bei der ganzen Lutherjahr-Jubelei bleibt nicht aus, dass auch das zu thematisieren ist.
Auf der Rückseite findet sich dann übrigens konkret Luthers Aussage, wie man mit den Juden zu verfahren habe, zu finden in Luthers eher selten in Schulen besprochener Schrift Von den Juden und ihren Lügen.

Dinosaurier der Woche

Fossil eines Nodosaurus nahezu lebensecht erhalten

Wäre ich ein Fossil, ich würde wohl ähnlich dreinschauen – Bild: national Geographic

Dieses absolut beeindruckende Fossil eines Nodosauriers wurde von Bergarbeitern in Kanada gefunden. Nicht nur wurden ein Skelett und ein paar Teile des Panzers gefunden, das Vorderteil des Tiers ist lebensnah erhalten. Normalerweise vor der Versteinerung verschwundene Details wie die Schuppen oder das die Panzerknollen bedeckende Hornschild sind erhalten und die Form des Panzers ist nicht länger ein Puzzle, sondern zeigt seine Gestalt wie am lebenden Tier.
Die Nodosaurier waren nahe mit den bekannteren Ankylosauriern verwandt. Beide waren schwer gepanzerte mittelgroße Dinosaurier, die auf vier Beinen liefen und sich vermutlich von Pflanzen ernährten. Während die Ankylosaurier eine mächtige Keule am Ende ihres Schwanzes besaßen, fehlte diese den insgesamt schlanker gebauten Nodosauriern.
Erhalten sind auch Spuren der Mageninhalte, was für die Diskussion interessant ist, wie so viele so große Tiere wie zur Zeit der Dinosaurier gleichzeitig leben konnten. Denn dafür ist eine sehr klare Trennung der Nahrungsquellen nötig, damit die Tiere nicht zu stark konkurrieren.

Papier der Woche

Erinnert sich noch wer an das Thema Bürgergartenprojekt in der Innenstadt Mögnchengladbach? Das hier:?

Obstwiese an einem Hang

Ackerdistel Hugo und seine Freunde – Bild: eigen

Das ist jetzt fast ein Jahr her, danach steckte der Prozess aus verschiedenen Gründen heftig fest.
Zwischenzeitlich kam noch ein Imker dazu, der auch auf das Gelände wollte und wir mussten erstmal Bedenken ausräumen, unser Projekt sei damit erledigt. Dabei sind ein Bürgergarten und ein Bienenprojekt ganz hervorragend kompatibel — in einer frühen Phase hatte ich noch selbst überlegt, Bienenvölker anzusiedeln, davon aber mangels Fachkenntnis in der Bienenhaltung Abstand genommen.
Nun, ich habe gute Neuigkeiten: Seit Mittwoch liegt Transition Town prinzipiell ein unterschriftenreifer Vertrag vor, nach dem das Projekt am 1. Juni in Arbeit gehen kann. Ich denke, der Juni selbst wird noch von Vorarbeiten eingenommen und dann kann es losgehen. Wir haben damit dann bis 2022 einen Südhang von 0,6 ha für ein inklusives Gartenprojekt mit Hephata zugesichert. Ich freu mich drauf. Endlich.

Test der Woche

Greenpeace Österreich hat (leider nur bei Facebook) ein Video veröffentlicht, in dem sie einen Test zusammenfassen, wie lange diverse Lebensmittel nach dem angegebenen Mindesthaltbarkeitsdatum genießbar bleiben. Das Ergebnis ist durchaus beachtlich – ic hätte etwa nicht gedacht, dass Jogurt als Milchprodukt so lange anstandslos überlebt. Er bleibt offenbar sehr lange auf dem Stand „kurz umrühren, schon sieht er wieder gut aus und ist genießbar“ stehen, solange die in ihm lebenden Bakterienkulturen, die die Milch ja zu Jogurt machen, stabil bleiben.


Bibliothek der Zukunft

Vor einer Woche hatte ich hier von der Zukunft der Bibliothek gesprochen, orientiert an der aktuellen Diskussion in meiner mönchengladbacher Heimat. Hier nun folgt die logische Fortsetzung: Die Bibliothek der Zukunft und wie eBooks in das System passen, wenn ich es doch für einen Fehler halte, bestehende Bibliotheken auf diese Technologie umzustellen. Und da ich schon aufgrund der räumlichen Entfernung nicht zur Prototype in Leipzig kann, tu ich das hier im Blog.

Normalerweise braucht man keine örtliche Bindung, um eBooks auszuleihen. Daher ist im Grunde kein Bibliotheksgebäude nötig, was aber auch den negativen Effekt hat, dass Literatur sich aus der öffentlichen Wahrnehmbarkeit zurückzieht. Die Schaffung eines Bibliothekskonzepts ist somit Kulturförderung und seien wir ehrlich: Wirtschaftsförderung, denn Kultur ist auch ein Wirtschaftszweig. Es braucht daher ein Konzept, das eBooks lesen mit einer örtlichen Zuordnung verbindet, einen besonderen Ort für eBooks schafft. Zugleich kann es ein Problem lösen, dass bei eBooks nicht annähernd so leicht lösbar ist wie bei Papierbüchern: Der Zugang zu Kultur auch für finanziell schlechter Gestellte.
Dieses Bibliothekskonzept ist in mehrere Ebenen gegliedert und ich geh jetzt Ebene für Ebene durch, von innen nach aussen.

1: Leseraum & lokale Leihpauschale
Der Kern des Konzepts ist die Bibliothek selbst: An die Stelle eines großen Gebäudes mit Regalreihen voller Bücher tritt ein weitläufiger Leseraum mit Couchs und Tischen. Gegen eine jährliche oder monatliche Pauschale können die Kunden hier aus dem gesamten Angebot lesen. Technisch läuft das über ein lokales Netzwerk: Im Laden gibt es einen Sender, der ein relativ kleines kabelloses Netzwerk aufbaut. Lesegeräte in diesem Netzwerk können beliebig Inhalte vom Bibliotheksserver abfragen, der diese liefert. Ob der Sender dabei die komplette Buchdatei überträgt oder immer nur eine Seite, ist relativ egal.
Im Gegenzug haben die Lesegeräte eine entsprechende Software, die die Ausleihfunktion aktiviert, sobald das Netzwerk verfügbar ist. Das Lesegerät selbst bleibt im Besitz der Bibliothek, die es ausgegeben hat, wird den Nutzern aber dauerhaft überlassen und kann bei zusätzlichen Bibliotheken registriert werden (dazu sollte ausreichend selten Bedürfnis bestehen, dass man diesen Service ruhig bieten kann). Wer will kann das Lesegerät auch kaufen.
Als Ort für eine solche Einrichtung eignen sich hervorragend die leer stehenden Plattenläden und Videotheken in den Innenstädten: Groß, geräumig, hell. Perfekt, um ein paar gemütliche Möbel zum Lesen reinzustellen. So soll ein Raum geschaffen werden, in dem man in Ruhe und fern vom Alltag (nicht jeder liest gern zu Hause, wo Familie, Arbeit und Postbote nerven können) einfach nur lesen kann. Hauptprodukt dieser Ebene sind nicht die Bücher, sondern das Lesen.

2: Mitnahmeoption
Was dieses Modell gegenüber Online-Angeboten benachteiligt ist, dass man die Bücher nicht an beliebigen Orten ausleihen kann. Hier kommt die zweite Ebene ins Spiel: Gegen einen geringen Preis (10 Cent pro Woche? 1 Cent pro Tag? Müsste man durchrechnen und auch mit dem Kaufpreis abwägen) erwirbt man das Recht, ein Buch für eine gewisse Zeit auf seinem Lesegerät mitzunehmen.
Das erfordert natürlich eine Rechteverwaltung in dem Gerät, das zeitlich begrenzte Leserechte verwalten kann. Technisch kein Problem, aber meines Wissens bisher auf dem eBook-Markt nicht vorhanden.

3: Verkauf
Zuletzt ist es auch möglich, eBooks ganz normal zum vom Autoren festgelegten Preis zu kaufen. Nach dem Kauf gibt der Server dem Verkäufer entweder eine lizenzfreie Datei des Buches oder trägt es als gekauft in die Rechteverwaltung des Gerätes ein (ersteres wäre kundenfreundlicher, letzteres hätten die Verlage lieber). Um Datenverlust bei Verlust oder Austausch des Lesegeräts zu vermeiden speichert auch die Bibliothek eine Liste der vom Kunden erworbenen Bücher. Diese Liste wird in einer gemeinsamen Nutzerverwaltung der eBibliotheken gespeichert, damit der Nutzer auch dann noch auf seine Bücher zugreifen kann, wenn er umzieht oder die Bibliothek zugemacht hat.

4: Druckerei
Verfolgen wir die Entwicklung anderer verschwindender Technologien wie der Schallplatte, dem Bogenschießen oder der Fortbewegung per Pferd, findet sich ein gemeinsamer Trend: Die bisher normale Technologie wurde zu einem Sport oder Hobby, für das enorm viel Geld ausgegeben wird. Diesen Trend kann man im Buchbereich von vorneherein nutzen.
Ganz in der Tradition der alten Verlagsbuchhandlungen verfügen diese Bibliotheken der Zukunft über genau jene Gerät, dessen Untergang viele momentan vorhersagen: Eine Druckmaschine. Die alten Berufsbilder des Buchdruckers und Buchbinders erleben einen Wiederaufschwung durch die Herstellung handgefertigter gedruckter Editionen der zum Standart gewordenen eBooks. Diese Sparte existiert jetzt schon – gibt man ihr den gewaltigen eBook-Markt als Inhalt für ihre Produkte an die Hand, kann sie nach langem Siechtum wiederkehren. Es wird nicht viele Drucker geben, vielleicht zwei-drei in einer großen Stadt, aber sie werden einmalige Produkte bieten und entsprechend teuer verkaufen können für ein exklusives Publikum. Jenseits eines kollektivistischen Verlagswesens, das zunehmend als überflüssiger Wirtschaftszweig verschwindet werden sie individuelle Schmuckstücke fertigen.

Gesamtbild
Und das ist dann die neue Bibliothek: Ein großer Lesesaal mit einem Server für die Bücher und einer angeschlossenen Handwerksdruckerei, die teure Printeditionen für Sammler und Liebhaber herstellt. Print existiert in den alten Papierbibliotheken und als Handwerksprodukt für jene, denen diese Spezialform eines Buches der Preis wert ist. Buchhandlungen sind zunehmend zu eBibliotheken geworden, ob das Verlagswesen überhaupt noch existiert wage ich zu bezweifeln, sofern es nicht eine stichhaltige Rechtfertigung für seinen Fortbestand findet. Und in irgendeiner Form steht jedem Leser jedes Buch zur Verfügung.
Die technischen Hürden sind gering, im Grunde geht es nur um Software, die noch fehlt. Die Hardware besteht aus einem Server, einem Kabellosnetzwerk und einem eReader pro Kunde. Wenn jemand die Möglichkeiten hat und so etwas umsetzen will, sagt mir Bescheid, ich beteilige mich gerne ideell und berichte auch gerne darüber wie das Experiment läuft.


Zukunft der Bibliothek

Es gibt vermutlich zwei Lesergruppen, die diesen Beitrag lesen: Jene, die mich als Gladbacher Kommunalpolitiker kennen und jene, die mich als Mitstreiter an der eBook-Front kennen. Jene, die an beiden Gruppen Teil haben werden sich schon wundern, warum ausgerechnet ein eBook-Mensch in der Lokalpolitik den Bau einer neuen Zentralbibliothek unterstützt.
Eine berechtigte Frage und eine, an der ich selber lange herumüberlegt habe. Emotional war mir die Sache schon länger klar: Die kleine, technisch längst veraltete Zentralbibliothek an ihrem gut versteckten Standort an der Blücherstraße in einem gradezu minoischen Einbahnstraßenlabyrinth muss Ersatz bekommen. Ein besserer Standort, geringere Energiekosten, eine bessere Präsentation dieser zentralen Kulturinstitution und nicht zuletzt auch die Möglichkeit, diverse Sammlungen gemeinsam an einen Standort zu bringen.

Rational war das schwieriger: Ich wusste, Bibliothek hatte eine Funktion in der kommenden Bücherwelt, allein welchen? Am besten bin ich, wenn ich herausgefordert werde und da kam mir dieser Artikel in der Rheinischen Post zu Gute, in der ein Doktor aus Wickrath die Modernisierung der Bibliothek fordert – und darunter die Auslagerung von Beständen in ein Archiv verstand. Jetzt hatte ich mein Stichwort, das war es, was mir fehlte. Es folgte dieser Kommentar zum RP-Artikel:

Die Hauptfunktionen einer Bibliothek sind Archivierung, Zugänglichmachung eben jenes Archivs und die Präsentation des Archivs.

Letzteres ist ein wichtiger Faktor: Es ist eine wesentliche Fnktion einer Bibliothek, Lesern Zugang zu ihnen bis dahin unbekannten Büchern zu verschaffen, auf die sie beim Aufenthalt einer Bibliothek stoßen. Ist dies nicht mehr gegeben und die Bände verschwinden statt dessen in einem Magazin, wie Dr. Bode hier vorschlägt, kann man die Bibliothek als Institution auch gleich abschaffen. Denn Bücher, die man bereits kennt, kann man auch anderswo bestellen oder auch eben als eBook kaufen oder über einen Online-Dienst ausleihen. Dafür brauche ich gar keine Bibliothek als Gebäude mehr.

Bodes Vorstoß nimmt der Bibliothek jegliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem eBook und leitet damit die Abschaffung dieser Institution ein.
Wieso soll ich einen ganzen Tag auf ein Buch warten, wenn das gleiche Online in Sekunden geht?
Wie finde ich den Großteil der Bücher (Akademika mal augenommen) und vor allem mir unbekannte Titel, wenn nicht durchs Durchschauen der Regale? Wenn das online geschieht, kann ich auch gleich dort kaufen/leihen.
Eine Bibliothek nach solchem Konzept hätte über kurz oder lang keine Existenzberechtigung mehr.

Bibliotheken müssen, anstatt Unfug wie der Virtuellen Bibliothek anzuhängen (sorry, aber wenn es virtuell ist, braucht es gar kein Gebäude jenseits eines Serverraums irgendwo auf Tuvalu), eigene Stärken und Konzepte entwickeln. Sonst werfen sie sich der virtuellen Konkurrenz zum Fraß vor.

Da sag ich jetzt mal als jemand, der sich sehr viel mit eBooks beschäftigt und auch welche herausgibt. Für mich sind eBooks die Zukunft des Buches.
Ein blindes Aufspringen auf diesen Trend aber, kann dazu führen, dass man – wie meines Erachtens hier – die Konkurrenzfähigkeit durch mangelnde Profilierung verliert und sich so selbst in die Obsolenz scheinmodernisiert.
Zu einer ordentlichen Betrachtung gehört zu erkennen, was genau die eigene Institution auszeichnet und diese Eigenschaften zu stärken. Und das bedeutet mE für die Bibliotheken: Präsenzbestand und somit Verfügbarkeit und Sichtbarkeit ausbauen. Bibliotheken sind keine Orte um Bücher aufzubewahren – sie sind Orte, um Bücher zu entdecken.

Da also ist sie, die Funktion einer Bibliothek, die sie dem elektronischen voraus hat und die sie in eine neue Buchwelt einbringen kann. Eine Bibliothek, die sich als eine Art Ausstellungs- und Findestätte für Literatur versteht, die Zugang zu anders nie entdeckter Literatur liefert – das ist eine Funktion, die ein Online-Shop nur schwerlich liefern kann.
Und eine Magazinbibliothek ebensowenig. Dazu ist noch zu sagen: Die alten Bücher verschwinden ja nicht, nur weil die neuen elektronisch erscheinen.

Und weil das nicht die ganze Geschichte ist folgt die Tage noch ein Nachschlag: Nach der Zukunft der Bibliothek (wie wir sie kennen) die Bibliothek der Zukunft. Aber nicht heute, heute muss ich erstmal weg. Die Bibliotheksfinanzierung verhandeln.


Arcandor – was nun

Absehbar war es ja schon seit einiger Zeit, nun ist es endgültig: Arcandor wird wohl zerschlagen.

Bedeutend ist das über den dortigen Karstadt für die rheydter Innenstadt, die bei einem Verlust des Marktes zu veröden droht.
Ich hatte mich damit ja schon einmal beschäftigt – und so, wie die Entwicklung dieser Kette läuft, werde ich das wohl auch noch ein paar mal tun.

Zusammen mit einigen anderen Ideen, die ich in den letzten Wochen hatte, kombiniere ich hier jetzt einmal ein Szenario, wie Mönchengladbach (und Rheydt) gestärkt aus dem eventuellen Verlust des Karstadt hervorgehen kann.
Ob ich das in der Politik vorschlage, hängt von der weiteren Entwicklung bei Arcandor und dem rheydter Standort ab – hier im Blog entwickle ich erstmal.

Ausgangslage
Gehen wir von folgenden Voraussetzungen aus:
1. Arcandor wird zerschlagen, Karstadt verkauft seine Märkte.
2. Durch die starke lokale Konkurrenz (Real, Marktkauf, Galerie am Marienplatz) und die absehbare Baustelle vorm Eingang (Marktplatzumbau ab 2011) hat kein Investor ernsthaftes Interesse an dem Kaufhaus.
3. Die Innenstadt-Ost von Rheydt soll erhalten bleiben, eine Verlagerung der Innenstadt nach Westen Richtung Hauptbahnhof ist nicht erwünscht.
4. Die Zentralbibliothek hat Bedarf an neuen Räumen, bei einem Umzug würde aber die Stiftung des jetzigen Bibliotheksgrundstücks verfallen.
5. Gladbach will sein Profil als Sportstadt stärken

Handlungsoption bei Aufgabe des Karstadt
Wir gehen also davon aus, dass Karstadt einen Erhalt am Standort Rheydt nicht schafft bzw. potenzielle Investoren daran kein Interesse haben. Ein herber Verlust für Rheydt – aber es gibt andere Bedürfnisse in der Stadt, die dies ausgleichen könnten.
Im Juni sprach ich die Option an, die Zentralbibliothek in das Gebäude zu verlegen. Die Bibliothek braucht ein größeres, energetisch modernes Gebäude und der Karstadt-Komplex, in dessen oberen Stockwerken bereits die Zweigbibliothek Rheydt Platz findet, wäre ideal.
Die Stadt spart die Baukosten für ein neues Bibliotheksgebäude (für die Ersparnis kann man das Gebäude dann mal energetisch sanieren), Rheydt hat weiterhin einen Anziehungspunkt für Leute, in den Osten der Innenstadt zu kommen (sogar einen stärkeren als zuvor) und die Bibliothek hat wesentlich mehr Platz zur Verfügung, etwa vergleichbar mit der Landesbibliothek.

Die Innenstadt Mönchengladbach auf dem Abteiberg würde so natürlich einen Anziehungspunkt verlieren – wenn auch einen ohnehin etwas peripher gelegenen. Das Grundstück ist zudem so gestiftet, dass dort nur ein Museum oder eine Bibliothek stehen kann, sonst verfällt der städtische Besitz daran.
Hier nun kommt der Sportpart der Annahmen ins Spiel.
In meinem Artikel über Joseph Pilates deutete ich die Möglichkeit eines Pilates-Museums in Gladbach an. Dazu nun mehr.
Die Idee wäre das Joseph-Pilates-Museum für Fitnessgeschichte. Im Stile moderner Museen ist es ein Mitmachmuseum: Gezeigt werden historische Trainingsgeräte von der Antike bis in die Gegenwart, die als Replika auch benutzt werden können. Weitere nicht-interaktive Exponate zur Ideengeschichte der Fitness und dem Körperbild würden diese Einrichtung ergänzen – von den alten Griechen über die Nazis bis zur modernen Fitnessbewegung. Diese Kombination aus Museum und Fitnesseinrichtung wäre weltweit einmalig und stellt für Mönchengladbach eine einmalige Gelegenheit dar, sein Profil als Sportstandort und Geburtsort von Joseph Pilates und zahlreicher weiterer Sportler zu stärken.

Peripherie
Ein paar andere Projekte lassen sich damit auch noch verbinden:
Die von Gerd Schaeben (Grüne) vorgeschlagene Bibliothek zwischen den gladbacher Altstadtgymnasien Math-Nat, Huma und Geroweiher auf dem Gelände des alten Zentralbades könnte kleiner und komplett auf die Bedürfnisse der Schulen zugeschnitten gebaut werden. Vor alem die an alten Schriften reiche Bibliothek des Huma würde von der professionell-bibliothekarischen Behandlung und Archivierung profitieren, während die Schüler einen speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Lernraum erhalten, was die Unterrichtsqualität erhöht.
Auch würden die Schüler einen Verweilraum erhalten, in dem weitere kulturelle Einrichtungen angesiedelt werden können – es entstünde im Idealfall eine Art Bildungsviertel aus Bibliothek, Gymnasien, Musikschule und eventuellen weiteren Einrichtungen mit einem ganz eigenen, positiven Flair am Fuße des Abteibergs, von dem die ganze Stadt profitiert. Vor allem würde dadurch wiederum die Stadt ihre (aktuell nicht vorhandene) Attraktivität für Jugendliche wiedergewinnen.

Folgen
Die rheydter Innenstadt gewinnt durch die nun in Rheydt ansässige Zentralbibliothek an Attraktivität für Peripheriekunden (Kunden der Bibliothek, die – wo sie schonmal da sind – auch gleich einkaufen gehen).
Die Innenstadt von Mönchengladbach erreicht das selbe Ziel mit einem weltweit einmaligen Museum und einem benachbarten Schulviertel, welches eventuell auch die Attraktivität der Gesamtstadt für Jugendliche erhöht.
Zugleich steigert das Joseph-Pilates-Museum Bekanntheit und Profil der Gesamtstadt, auch hiermit einem besonderen Fokus auf junge Leute. Das neue Stadtprofil ist ein Schritt, Bevölkerungsverlust und demografischen Wandel in Gladbach zu besänftigen.
Durch einen einzigen Umzug, einen Einzug und einen Bau haben wir hier die Möglichkeit, das Bild und die Attraktivität der Stadt nachhaltig zu verbessern.
Nun zu den Nachteilen: Die Karstadt-Mitarbeiter wären arbeitslos, so sie nicht für den Einsatz in den Bibliotheken und dem Musuem umgeschult werden können. Und das ganze dürfte die Stadt schätzungsweise 8-10 Millionen € kosten, wobei die meisten Kosten auf den Neubau an der Lüpertzender Straße (Gelände altes Zentralbad) entfallen. Und ja, die Schätzung liegt bewusst am oberen Ende der möglichen Kosten, damit niemand die kurzfristige Belastung unterschätzt. Und weil ich in solchen zahlen nicht so die große Erfahrung habe – da setze ich lieber vorsichtigerweise sehr hoch an. Nicht enthalten ist der eventuell anfallende Kaufpreis für das Karstadt-gebäude. Andererseits könnte das Museum von einer Stiftung übernommen werden, statt der Stadt zu Last zu fallen.

Und das wäre der aktuelle Stand meiner Ideen zu diesem Thema in unserer Stadt. Ich bin ziemlich sicher, da kommen mit der Zeit noch Details hinzu.
Über Input von rundherum würde ich mich sehr freuen.