Nicht in meinem Hintergarten – die S28

Im Englischen gibt es die wunderbare Formulierung „not in my backyard“ (auch als ein Wort: Nimby) – nicht in meinem Hintergarten.
Gemeint sind Dinge, die denen man neutral oder gar positiv gegenüber steht, die man aber möglichst weit weg von sich selbst wissen will. Kraftwerke zählen dazu, Windräder besonders, Krankenhäuser, Sozialwohnungen, die Liste ist lang.

Diese Denkweise hat in Mönchengladbach eine lange Tradition, aktuell sehen wir sie bei der Biogasanlage Güdderath (dazu habe ich schon mehrfach geschrieben) und auch in der Donk, wo sie sogar wörtlich gilt.
Die S28, eine private S-Bahn-Linie, die aktuell von Kaarst nach Mettmann führt, möchte ihr Streckennetz im Westen (vorläufig) bis Viersen ausbauen.
Nun ist es so, dass die Stadt auf der dazu zu verwendenden Trasse Erlaubnisse verteilt und sogar selbst bebaut hat (eine Wasserstelle der NVV, wenn ich das richtig im Kopf habe). Das hätte sie zwar beides nie tun dürfen, liefert nun aber genug Motivation, gegen die Trasse zu sein. Ich gehe auf die Probleme nacheinander ein:

Anwohner
Die haben inzwischen Gärten auf der Bahntrasse errichtet, wofür sie auch Genehmigungen haben. Leider wurden diese von jemandem 8der Stadtverwaltung) ausgegeben, die dazu nie befugt war. das alleine gäbe schon grund zu Schadenersatzforderungen, wenn die Bahn den kommt – oder eventuell von Seiten der RegioBahn GmbH oder Deutsche Bahn AG, wenn durch diese illegale Bebauung der Schienenbau verhindert würde.
Aber die Anwohner wollen die Bahn auch nicht.
Verständlich, weil sich jetzt ihre Gärten im Weg befindne und sie nicht für die falschen Genehmigungen verantwortlich sind. Einige bringen aber auch vor, dass die Schienen „nur“ 8 Meter hinter ihren Häusern vorbei liefen.
Jetzt mal abgesehen davon, dass 8 Meter so wenig nicht sind (zwischen meiner Hauswand und der Straße liegen nur 6 Meter und das ist schon relativ viel) – wer die eingesetzten Bahnen (Typ Bombardier Talent) kennt, weiss, dass eine Straße wesentlich lauter ist als jede mit diesen Wagen befahrene Bahntrasse.

NVV
Okay, die NVV hat auf der Straße gebaut.
Hätte sie mitten auf einer nicht entwidmeten Bahntrasse nicht tun dürfen, scheisse gelaufen.

Stadt
Hier ist der wichtigste Knackpunkt: Die Stadt fürchtet Kosten aus dem Bahnbetrieb.
Das ist angesichts der klammen Finanzlage ein valides Argument – alleridngs hat Mönchengladbach so wenig Anteil an der Strecke, dass da nicht viel zusammenkommen dürfte. Nun gut, Kleinvieh macht auch weiterhin Mist.
Aber: Mit dem Haltepunkt Neersen, direkt an der Stadtgrenze, hat die Bahn das Potenzial, den sterbenden Flughafen zu ersetzen (sie liefert Anschluss an Düsseldorf). Und wenn wir dort tatsächlich ein Gewerbegebiet einrichten wollen (das ist nicht beschlossen, aber meines Eindrucks die Tendenz bei diesem Thema, wobei wir Grüne natürlich die Trietbachaue schützen wollen), dann muss dieses auch erreichbar sein. Ein S-Bahn-Anschluss in direkter Nachbarschaft mit dem Haltepunkt Neersen wäre hier ein sehr positiver Aspekt, da er den zu erwartenden Pendelverkehr von Arbeitnehmern aus dem Bereich Kaarst/Neuss mildern kann.
Und das wiederum senkt Kosten.

Es ist aber auch klar anzumerken: Die Stadt kann die Strecke nicht einfach mit dem Verweis ablehnen, sie brächte Mönchengladbach nichts. Selbst wenn das stimmt, die Verantwortung der Stadt endet nicht an der Stadtgrenze.
Die auf weiter Flur größte Stadt hat auch die Verantwortung, positiv in ihrer Umgebung zu wirken und das Leben im gesamten Niederrhein zu verbessern und zu erleichtern. Und mittelbar profitiert Mönchengladbach dann davon, das größte Zentrum in einem florierenden Großraum Niederrhein zu sein. Man darf Vorteile nicht nur unmittelbar sehen – und ebensowenig darf man in Provinzialität versumpfen – vor allem nicht in einer Stadt dieser Größe und lokalen Bedeutung.
Ja, Mönchengladbach hat Schulden. Aber bis zum Ausbau der RegioBahn ist noch viel Zeit. Und bis dahin sollten wir ein klares Signal aussenden, das etwa wie folgt lautet:

Ja, MG ist für die Bahnstrecke, kann aber derzeit nicht zusagen, dafür Gelder zur Verfügung zu stellen

Soweit meine persönliche Meinung. Und ja, meinetwegen darf die S28 auch an meinem Vorgarten vorbeifahren – wäre nur eine überaus unwahrscheinliche Strecke, so mitten durch Dahl.

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Bild von Skyscraper City geklaut

PS: Etwas grundsätzlicher zum Thema Bahnverkehr in MG habe ich Anfang Dezember etwas geschrieben.


Die Bahn spinnt

Die Deutsche Bahn zu beobachten wird ja grade von Tag zu Tag interessanter.

Angefangen hat alles mit der fahrplanänderung im dezember. Wir erinnenr uns: Wenige Tage bevor die Linie RE13 Hamm-Venlo mit neuen Wagen fahren sollte, wurden diese plötzlich nicht mehr zugelassen.
„Änderungen in den bestimmungen“ – ja nee, is klar.
Die Ersatzleistung kommt jetzt freundlicherweise von der Deutschen Bahn, die sich jetzt wahrscheinlich – na huch – freut, auf der beliebten Strecke durch den Niederrhein in die Niederlande doch noch Geld verdienen zu können. Nicht, dass ich hier was andeuten wollte.

Immerhin funktioniert das: Offenbar hat die Bahn denn 2009 gleich eine Milliarde € Gewinn gemacht.
Zwei Tage später hören wir, dass der Ausbau des Bahnverkehrs in Nordrhein-Westfalen möglicherweise erstmal auf Eis liegt. Wegen Finanzierungslücken. Das ist schonmal sehr seltsam.

Und was darf ich heute lesen? Na, ratet mal!
Die Bahn expandiert nach Polen.
Ich fühle mich leicht verarscht.


Ich hab ein neues Lineal

Hier isses:

ICE-Lineal
Schick, oder?

Achso, Moment, das war ja gar nicht der wichtige Teil. Der wichtige Teil sind die Bilder von der ersten regulären ICE-Einfahrt in Mönchengladbach:

Der erste ICE in MG seit 11 Jahren fährt ein
Da isser – und ich hab das Blitzlicht vergessen

Der ICE fährt ab heute für zunächst zwei Jahre jeden Sonntag um 12:06 nach Berlin (über Düsseldorf, Dortmund, Hannover).
Der Start war… interessant. Vor allem der Rahmen. Nach der dritten Durchsage des Satzes „Auf Gleis 7 bitte beachten Sie, die RE 13 nach Hamm fällt aufgrund fehlender Triebwagen leider aus“ kam dann die wesentlich feierlicher klingende Durchsage:

Meine Damen und Herren, nun ist es soweit: Der ICE nach Berlin über Düsseldorf, Dortmund, Hannover fährt in wenigen Minuten auf Gleis 6 ein. Bitte Vorsicht an der der Bahnsteigkante.

Da kam dann auch schon aus Richtung Rheydt der ICE Altenburg herangefahren und hielt erstmal. Am nördlichen Ende des Bahnsteigs wurde man mit einer Spezialitätenmischung der Endbahnhöfe der neuen Strecke begrüßt: Gladbacher Knööp (eine Trüffelpraline, die ich vorher nicht kannte) und Berliner/Pfannkuchen.
Der Oberbürgermeister hielt eine Rede, dann MdB GÜnther Krings und noch jemand von der Bahn, dessen Namen ich nicht verstanden habe. Man freut sich etc. pp., interessant noch, dass die Bahn das gerne in Zukunft auch täglich anbieten würde, wenn die Strecke denn angenommen wird.
Dann bekam der Bürgermeister ein Streckenschild (dieses Schild im Fenster von Zügen, wo draufsteht, wo die lang fahren) und durfte zur Abfahrt pfeifen.

Posieren für die Presse
OB Bude, Borussia-Maskottchen Jünter, der Berliner Bär und der Typ von der Bahn, dessen Namen ich nicht kenne, posieren für die Presse
Und damit verlässt der erste reguläre ICE dieses Jahrhunderts Gladbach wieder
Und da isser wieder weg – Ausfahrt klappt auch ohne Blitzlicht

Und das war’s dann auch schon. Der Bürgermeister durfte das Schild behalten, der ICE hat sein Ziel hoffentlich auch ohne solches gefunden und praktisch gleichzeitig mit der ICE-Ausfahrt ging es zurück in den hiesigen Zugalltag mit der einfahrenden S8, immer noch ausgestattet mit „für Gladbach noch gut genug“-Zügen.

Der Alltag kehrt sofort zurück - ICE raus, S8 rein
Begegnung zweier Welten bei der Ausfahrt

Noch im Wahlkampf war der ICE-Anschluss für MG krönender Höhepunkt einer Liste von Forderungen mönchengladbacher Politiker an die Bahn, die dort für unrealistisch erachtet wurden und endlich gestrichen werden sollten. Der ICE wurde gar als „völlig unrealistisch“ bezeichnet:

Tatsache ist nun mal, […] dass die Bahn AG [sich nicht] auch nur im Ansatz konzeptionell damit befasst.

Das war vor 6 Monaten.

Alle Bilder: Eigenaufnahmen


7. Türchen 2009

Es ist Dezember und weil ich von einem Pizza-Anbieter einen Adventskalender mit Schokolade als Werbegeschenk bekommen habe, werde ich für jedes Türchen einen Blogeintrag schreiben. den 1. Dezember habe ich verpasst, da war ein Flugzeug drin.
Was in den Beiträgen drin ist? Woher soll ich das vorher wissen?

7. Dezember: Lastwagen
Blogkonversion: Vergebens auf die Schiene

Einer der großen grünen Kämpfe ist jener um die Rückführung der Warenverkehre von der Straße (zurück) auf die Schiene. Allein: das wird nix.
Die Schienen wurden schon längst aus dem Boden geholt, Städte so umgebaut, dass die alten Schienenstrecken nicht mehr sichtbar sind und die alten Schneisen auch nicht mehr einfach so freigeräumt werden können. Selbst wo alte Trassen nicht entwidmet wurden, haben Anwohner inzwischen geduldet ihre Gärten über diese ausgedehnt.
Und den Lärm will natürlich auch niemand haben.

Das Thema ist in Mönchengladbach grade doppelt relevant.
Zunächst einmal – in aller Munde – der Eiserne Rhein. Dessen Führung durch oder nahe der Stadt führt zu paradoxen Situationen.
So will man natürlich den Bahnverkehr fördern, um die Schadstoffemissionen des Warentransports zu reduzieren. Aber bitte doch nicht in unserer Stadt. Wie die Waren aber auf den Zug kommen sollen, wenn dieser die Stadt gar nicht passiert, bleibt offen.
Wahrscheinlich doch wieder mit dem LKW…

Dann ist da noch die S28. Die S28 ist eine als S-Bahn in den Fahrplan integrierte Regiobahn, die von Kaarst über Neuss und Düsseldorf nach Mettmann Stadtwald verkehrt.
Die Stadt ist bei Pendlern sehr beliebt, auch weil sie den besten S-Bahn-Anschluss für Pendler bietet, die zu einem der Bahnhöfe zwischen Neuss und Düsseldorf Hbf wollen. In dne Stoßzeiten sind die kurzen Doppelwagen der S28 etwa so voll wie man sich das sonst bei japanischen U-Bahnen vorstellt. Das ist keine Übertreibung, ich fahr die Bahn sechsmal pro Woche, ich kann das bestätigen.
Nun will sich diese Bahn über Mönchengladbach nach Viersen verlängern, wozu eine alte Trasse wieder mit Schienen angebunden werden soll. Die Anwohner alleridngs haben, wie oben angedeutet, inzwischen (genehmigungslos) ihre Gärten über die Trasse ausgedehnt. Uns stehen auch hier lange Diskussionen bevor – dabei ist die S28 eine relativ unproblematische und leise Bahn.

Was das alles zeigt: Wir mögen die Verlagerung der Warenverkehre von der Straße auf die Schiene wollen – nur will offenbar niemand mehr Schienenverkehr (während zunehmender Straßenverkehr zumeist als „normal“ geduldet wird).
Das bedeutet nicht, dass wir aufgeben sollten. Aber so oder so müssen wir uns auch darum kümmenr, den Warenverkehr auf der Straße besser zu organisieren. Denn bis der Schienenverkehr auch nur annähernd ausreichende Kapazitäten aufbauen kann, gehen noch ein paar Jahr(zehnt)e ins Land. Wenn es überhaupt noch durchsetzbar ist.