Apnoe-Flachköpper: Rezension zu Free Rainer

Dank Netflix sehe ich in letzter Zeit einige Filme, die ich schon lange schauen wollte. Einer davon war Free Rainer. Es kommt selten vor, dass ich zu einem konsumierten Medium nachher so viel sagen will, dass ich dafür einen Blogbeitrag bemühe. Free Rainer ist ein solcher Fall, einfach, weil er so ein seltsames Erlebnis war, zugleich aber auch unfreiwillig einige Probleme der gegenwärtigen Kulturdiskussion veranschaulicht.

Die Geschichte
Rainer ist der verkokste Produzent von strunzdämlichen Unterhaltungssendungen beim Privatsender TTS, einem hauchdünn verpackten Klon von RTL2. Nachdem er einen Anschlag schwer verletzt überlebt, kommt er als veränderter Mensch zurück – seine Fieberträume und die Geschichte der Attentäterin Pegah bringen ihn zu der Erkenntnis, dass seine Produkte den Menschen und der Gesellschaft insgesamt geschadet haben. Sein Versuch, eine Sendung mit mehr Anspruch ins Programm zu bringen, scheitert kläglich und er kündigt beim Sender, um der Ursache für die Volksverblödung durch das Fernsehen auf den Grund zu gehen: Den Quoten.
Nachdem er herausfindet, dass die Quoten tatsächlich die Sehgewohnheiten einiger weniger gemessener Haushalte darstellen, entwickelt er einen neuen Plan. Mit Hilfe einer kleinen Gruppe Arbeitsloser (und des paranoiden Sozialphobikers Philipp) manipuliert er die Einschaltquoten, um niveauvolle Sendungen plötzlich profitabel erscheinen zu lassen.

Kritik
Free Rainer anzuschauen ist ein seltsames Erlebnis. Man sieht ihn und während der Abspann läuft ist da dieses angenehme, warme Gefühl, etwas gehaltvolles gesehen zu haben. Kulturkritik, die Entwicklung der Vorstellung einer besseren Welt, nah genug an der unseren um wahr zu werden, ein Hoffnungsschimmer der Möglichkeiten, eine Eulenspiegeliade. Die Mischung aus konsensfähigen Überzeugungen (Marke „Reality TV ist scheisse und verblödet“), Humanismus (Der Mensch ist zu besserem fähig, man muss ihn nur anstupsen) und der Regisseur Weingartner eigenen Revolutionsromantik (noch deutlicher im Vorgänger Die fetten Jahre sind vorbei) ist die perfekte Droge für so manchen eher links gesinnten Geist. Dieses warme Gefühl, das da entsteht muss in etwa das sein, was andere beim Betrachten eines Heimatfilms empfinden, nur halt mit Revoluzzer- stat Alpenromantik.
Für einen Moment. Dann kommen die Fragen. Dann kommt die Erkenntnis, dass diese ganze Kulturkritik doch sehr simpel gestrickt ist.
Es sind anfangs nur kleine Misstöne, die man im Film bemerkt, aber als Nebensätze übersprungen hat. Dass der Film ein paar mal Schwarz-Weiss-Bild als visuellen Hinweis auf hohen kulturellen Wert des neuen Fernsehprogramms nutzt — geschenkt. Dass die Mathematik erschreckende Salti schlägt, wenn bei einem Prozentanteil ein Balken schrumpft, ohne dass andere steigen — na gut, das ist halt kein Film über Mathematik. Immerhin wird das Fernsehen ausgewogen dargestellt: Gutes wie schlechtes Programm existieren, das Medium selbst kann auf verschiedene Arten genutzt werden.
Aber schon da ist dieser kleine Moment, den der Film anschließend übergeht. In einer Diskussion, welche Programme gut sind, wirft einer der engagierten Arbeitslosen American Chopper ein. Im Film ist es nicht mehr als ein Gag, aber der wahre Kern geht dabei unter: Qualität ist zu großen Teilen subjektiv. Des einen Prollo-Mist auf Sendern wie DMax ist des anderen Arte-Äquivalent. Und warum eigentlich nicht? Einem Kunstkritiker eine Folge der Chrom anbetenden amerikanischen Motorradfans vorzuführen wäre ein ebenso amüsantes wie potenziell fruchtbares Experiment. Was genau macht einen Picasso (oder wegen der industriellen Reproduzierbarkeit vielleicht passender, einen Warhol) eigentlich wertvoller als eine Harley Davidson? Den Film interessiert die Frage nicht weiter. Aber das ist schon in Ordnung, denn der Film lässt für eine solche Diskussion keine Zeit, sie den Rezensenten zu überlassen ist wahrscheinlich kein Fehler.
Dann jedoch kodiert der Film weiter den Kontrast zwischen guter und schlechter Kultur. Kann man machen, wenn man über Inhalte spricht. Das aber tut Weingartner nicht. Er arbeitet mit Oberfläche. Bücher und die Oper werden als Indikatoren dafür benutzt, dass es der Kultur besser gehe. Videospiele und Musicals sind die Stellvertreter verdummender Unkultur. Während das Fernsehen differenzierte Betrachtung erhält, tauchen am Rande andere Medien als gänzlich gut oder schlecht auf. Sie sind auf Schlüsselreize reduziert, die ebenso unterkomplex die angelernten Reflexe der Zielgruppe auslösen, wie es jenes schlechte Fernsehen tut, dem der Film dies vorwirft. Dass der Großteil aller Bücher (auch aus den Verlagen) nach den meisten Maßstäben Schund ist, dass Videospiele sich mit ihren ganz eigenen narrativen Möglichkeiten zunehmend neben den anderen Kunstformen etablieren, fällt da unter den Tisch. Oper=Gut, Musical=Schlecht ist sogar eine Unterscheidung, die man nur treffen kann, wenn man ordentlich aus Vorurteilen schöpft (mir ist noch nicht mal klar, was genau der Unterschied sein soll).

Free Rainer leidet damit an Halbreflektiertheit. Der Film hat das sprichwörtliche Herz am rechten Fleck, trägt aber in sich die Saat dessen, was er kritisiert. Das Ansprechen von Schlüsselreizen in der Zielgruppe, letztlich die Grundlage, auf der das gerne kritisierte Schrottfernsehen es schafft, so viele Zuschauer anzuziehen: Es konzentriert sich auf die Schlüsselreize seiner (allerdings viel größeren) Zielgruppe.
So kann sich der links geneigte Zuschauer dem warmen Gefühl in der Brust hingeben, er habe grade etwas profundes, wahres, revolutionäres gesehen. Und wird damit selbst Opfer der Einlullung in einfache Denkmuster.
Es gibt nichts, was Free Rainer wirklich hinterfragt. Der Film baut Vorurteile des Kultursnobismus zu einer angenehmen Gutenachtgeschichte für die Anhänger eben jener.

Damit illustriert Free Rainer das Hauptproblem der gegenwärtigen Kulturdebatte: Es wird nur noch mit Vorurteilen umhergeschmissen. Diese und jene Medienerscheinung verblödet, jene andere hingegen ist richtige Kultur, was auch immer das eigentlich sein soll. Der gesamte Kulturbetrieb ist zu einem an mangelnder Selbstreflexion leidenden Zirkus geworden, dessen Publikum sich nur zu bereitwillig von einfachen Erzählungen einlullen lässt.

Aber wisst ihr was: Das geht in Ordnung. Das angenehm warme Gefühl in der Brust beim Ansehen einer Schmonzette ist durchaus ein Wert für sich, wenn man ihn zu dosieren weiss. Angenehme Gefühle dieser Art sollen ja sogar das Leben verlängern. Ob dieses Gefühl nun aus der Hochzeit am Ende oder der erfolgreichen Revolution folgt, ist dabei allerdings nur eine Frage von Nuancen. Beides ist in der selben Weise Schmonzette.

Andererseits, wenn ich mir die Verwendung von Musik im Film ansehen, die gerne mal dem Publikum vorschreibt, was es grade zu empfinden hat, kann es durchaus auch sein, dass das Regisseur Weingartner durchaus bewusst ist.


Die zwei Arten schlurfender Horden: Zombies und Flüchtlinge

Dieses Blog hatte in letzter Zeit viel zu viele anspruchsvolle Namen in den Prämissen der Artikel. Das geht so nicht, also geht es heute um Zombies und was genau die als literarisches Modell eigentlich repräsentieren. 61,5% aller Zombiefilme stammen aus dem 21. Jahrhundert und da stellt sich schon die Frage, warum Zombies so populär geworden sind. Sie sind ja nun beileibe kein neues Motiv.

Die bekannte Erklärung, Zombies stehen für den Konsumwahn dürfte auf Romeros Nacht der lebenden Toten beschränkt sein, ist also kein Ansatz: Weder ältere Zombiefilme wie Plan 9 from Outer Space, noch Romeros eigene Fortsetzung Zombie enthalten Verweise auf den Kapitalismus. Tatsächlich wage ich zu behaupten, Nacht der lebenden Toten war der einzige Zombiefilm, der jemals diese Bedeutungsvariante genutzt hat und selbst dort war so eher halbgar.

Benjamin Reeves kommt bei Medium aufgrund der oben angedeuteten Statistik zu dem Schluss, dass Zombies eine Verkörperung des Terrors sind. Zombies seien gefühllos, bewusstseinslos und töten jeden, der ihnen zu nahe kommt. Das klingt schon wahrscheinlicher, aber es passt noch nicht zu 100%. Wahrscheinlich hat er in Bezug auf einige Werke aber Recht.

Vor einigen Tagen fiel mir bei der Recherche von Titeln für eBooks für lau das Cover des links eingeblendeten eBooks (ja, böser Amazon-Link, ich weiss, ist halt ein Kindle-Buch) auf. Sieht ziemlich genau aus wie ein typischer Zombie-Titel, nicht wahr?
Doch dieses Buch hat keinen Bezug zum Zombie-Thema, es ist die autobiografische Erzählung einer Frau, die als Palästinenserin nach Israel gekommen und daraufhin nirgendwo mehr als Mitbürgerin akzeptiert wurde. Und ihr Cover sieht aus wie das einer Zombie-Geschichte. Was mich zu der Überlegung bringt: Sind Zombies Flüchtlinge? Gar Moslems?

Sind Zombies Flüchtlinge?
Die typische Zombie-Szene sieht immer wieder gleich aus: Hunderte, wenn nicht tausende, abgemagerter Kreaturen füllen die Straßen und drücken sich von Hunger und Verzweiflung getrieben gegen Zäune und Fenster. Sie lungern stöhnend an der Grundstücksgrenze. Findet einer einen Eingang ins Grundstück, strömt eine ganze Flut weiterer Zombies diesem ersten hinterher. Sie sind hungrig und verseucht, tragen Lumpen und sind zu jeder Kommunikation unfähig. Wir kennen dieses Bild aus genau einem anderen Kontext: Es entspricht populären bis populistischen Darstellungen von Einwanderergruppen in die reichen Staaten des Nordens. In Nordamerika mit Zaun aus Mexiko, in Europa über das Mittelmeer aus Afrika. Das Bild des Einwanderers ist jenes eines anonymen Mitglieds einer Masse von Einwanderern, die halbverhungert und in Lumpen gekleidet an unsere südlichen Grenzen treffen und sie ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben zu überwinden suchen. Sie stammen aus Ländern voller schrecklicher Seuchen und wenn sie überhaupt sprechen, so ist die Kommunikation sinnlos, weil sie nicht unsere Sprache sprechen.
Die sich angegriffen fühlenden verstärken ihre Grenzen, bis hin zum Versuch, jeden unerwünschten, der sich der Grenze nähert, zu erschießen.
Denn wenn sie es über die Grenze schaffen, überrennen sie uns und fressen uns auf. Xenophobe Darstellungen von Flüchtlingsströmen und der uns inzwischen vertraute Filmzombie sind in ihrem Erscheinungsbild praktisch identisch. Ich bin daher recht sicher, dass der (heutige) Zombie als Motiv einen xenophoben Kern hat.
Das wichtige hierbei ist, dass dieser Zusammenhang nicht bewusst konstruiert ist, solche Bilder stammen aus dem Unterbewusstsein. Man wird immer wieder in den Medien mit dem Bild von an Zäunen drängenden Horden gefüttert und irgendwann beginnt man, diese Ikonografie in andere Kontexte zu übertragen. Das gefährliche an solchen Dingen ist, dass sie sich auf diese Weise einschleichen – niemand entscheidet sich bewusst, xenophobe Motive zu verwenden oder gar xenophob zu werden. Bewusst dürfte nur die Entscheidung sein, dass Zombies eine hervorragende Bedrohung abgeben. Die meisten Regisseure und Produzenten von Zombiefilmen dürften weit davon entfernt sein, Ausländerfeinde zu sein. Das ist der Grund, warum man als Künstler immer hinterfragen muss, ob man mit seinem Werk grade das tut, was man glaubt zu tun.

Sind Zombies Moslems? Oder der Islam?
Reeves stellt in seinem Artikel den Zusammenhang zu 9/11. In Verbindung mit ein paar Elementen moderner Zombies, welche nicht durch die reine Einwanderer-Analogie erklärt werden können drängt sich daher der Verdacht auf, dass Zombies Muslime sind.

Hier ist mein Bezugspunkt zu der ganzen Sache: Eines meiner im Hintergrund laufenden Projekte ist eine Zombie-Geschichte. Die Zombies dienen dort als Metapher für eine Reihe von Dingen, darunter eben Religion. Zombies können ihre Opfer zu einem der ihren machen, sie können sie konvertieren. Sie haben das mit den in den letzten Jahren ebenfalls extrem populären Vampiren gemein, die aber leider von Stephenie Meyer ruiniert wurden und somit den Zombies das Feld überließen.
Und bei den Zombies wird man nicht etwa ein Sklave wie es bei den als Kommunismus-Metapher dienenden Ausserirdischen der 50er war, man wird selber ein Zombie unter anderen Zombies. Werde ein Zombie oder verlier dein Leben, das sind die Alternativen, die ein Opfer der Zombie-Apokalypse hat. Das ist populistischen Darstellungen des Islam sehr nah. Und tatsächlich findet man die meisten Zombiefilme in den beiden Ländern, in denen die Diskussion um die „Islamisierung“ am größten ist: England und die USA.

Und sonst so?
Zombies können als Metapher für viele Dinge stehen. Grade in Verbindung mit Mediengläubigkeit taucht der Vergleich sehr oft auf. Insofern steht nicht annähernd jedes Zombiebild irgendwie in einem xenophoben Kontext. Und vielleicht ist es ja auch umgekehrt so, dass unsere Darstellung von an Grenzen und Zäunen auflaufenden Menschenmassen von Zombies inspiriert ist, nicht umgekehrt.
Ich meine nur, dass es wichtig ist, alle möglichen Assoziationen eines genutzten Bildes zu reflektieren und zu überlegen, was man da auch unbewusst auslöst oder mitträgt. Das Bild der Zombiehorden vor Tor/Zaun/Mauer birgt einen Beigeschmack der Einwanderungsdebatte, dem wir uns bewusst sein sollten.
Was wir mit diesem Bewusstsein dann machen, ist jedem selbst überlassen.