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Das Mausolibrarium

Die Nicht-Raute von Wickrathberg gibt mir Gelegenheit, mal etwas anzusprechen, was ich schon länger ansprechen und vor allem vorschlagen wollte. Aber zunächst etwas Vorgeschichte, sonst ist dieser Text nicht langweilig genug.

Gräber, ihre Funktion und die Kirche
Auch wenn mir als Atheist (bzw inzwischen eher Ignostiker oder Apatheist) gerne nachgesagt wird, mir sei nichts heilig, so halte ich doch den Letzten Willen und den Respekt davor für einen der wichtigsten Werte der menschlichen Zivilisation und das meine ich durchaus so hoch gehängt, wie ich es hier schreibe. Die Erinnerung an einen Menschen ist alles, was nach seinem Ableben von ihm bleibt und entsprechend sollte diese auch behandelt werden. Verblassen wird sie auch ohne unser Zutun früh genug.
Der Letzte Wille kann natürlich nicht uneingeschränkt gelten, aber so lange er niemanden unzumutbar beeinträchtigt und nicht zu irgendwelchen größeren Problemen führt, ist er zu gewähren. Damit steht er für mich auf einer Stufe mit den Menschenrechten. Das gilt übrigens nicht nur für die Grabgestaltung, sondern auch für andere Teile des Letzten Willens, die Existenz etwa von Pflichtanteilen am Erbe finde ich eine Unverschämtheit, da Entscheidungen über die Verteilung der Erbschaft allein dem Vererbenden zustehen und nur in Ermangelung eines rechtskräftigen Letzten Willens von anderen vorgenommen werden dürfen.
Nun versuchen immer wieder Gruppen, vor allem Religionsgemeinschaften, die Rechte der Toten durch eigene Maßgaben zu beschränken, wofür gerne Begriffe wie Pietät verwendet werden. Pietät ist ursprünglich einer dieser von sich aus inhaltslosen Begriffe, die je nach grade nützlichem Gebrauch mit Inhalt gefüllt werden, ähnlich Begriffen wie Bildung und Kultur (letztere als Kultur im engeren Sinne). Man kann Pietät in der modernen Verwendung aber als den Respekt gegenüber den Toten zusammenfassen.
Nun ist es nicht grade besonders respektvoll den Toten gegenüber, ihnen einfachste Wünsche zu verwehren. Klar kann man jetzt sagen, man kann ja auf einem anderen Friedhof bestattet werden, aber was, wenn jemand in seinem Heimatort beigesetzt werden möchte und dort nur ein konfessioneller Friedhof vorhanden ist?
Auch wenn ich auf Facebook vorgeschlagen habe, alle Friedhöfe städtisch zu machen, um das Problem zu lösen, ist das doch nur eine halbgare Lösung – religiöse Gruppen versuchen schon ewig und durchaus erfolgreich, auch auf die Regeln auf nicht-konfessionellen Friedhöfen Einfluss zu nehmen, zumeist werden sie gar als Experten geladen für wasauchimmer. Der Bevormundung durch die Religionen entkommt man so also nicht, die mischen sich wie so oft nämlich gerne auch in die Angelegenheiten jener ein, deren Angelegenheiten sie schlichtweg nichts angehen.

Das ist also die eine, m.E. naheliegende Forderung, die ich hier aufstellen will: Schmeisst die Religiösen aus den Friedhöfen raus. Sie können die Friedhöfe gerne nutzen und ihre eigenen Gräber gestalten, wie sie wollen, aber sie sollen endlich (wie in so vielen anderen Dingen) lernen, sich um ihren eigenen Kram zu kümmern und den Rest der Menschheit in Ruhe zu lassen.
Und insbesondere sollen sie endlich lernen, dass man Respekt nicht einfach einfordert. Respekt verdient man sich, die beste Art von Respekt verdient man sich aus Gegenseitigkeit. Bringt den Toten den Respekt entgegen, den ihr von den Hinterbliebenen fordert. Ihr Christen kennt das, ist eine Abwandlung der Goldenen Regel, wir Ungläubige nennen es den Kantschen Imperativ, aber das ist essenziell das selbe.

Die Idee: Das Mausolibrarium
Und hier ist der Grund, aus dem dieser Beitrag nicht in die in diesem Blog vorhandenen Kategorien passte. Und die größere Idee, die ich seit etwa zwei Jahren mit mir heurmtrage, für die es nun einen Anlass gibt.

Meine Prämisse ist die, dass Gräber der Erinnerung an die verstorbenen Personen dienen. Das war historisch nicht immer so, ursprünglich waren sie wohl dazu da, dass herumliegende Leichen keine Raubtiere anlockten, aber bereits seit der Zeit der Neanderthaler sind Gräber aufwendig in Gedenken an die Toten gestaltet und werden mit Grabbeigaben ausgestattet.
Nun ist es aber eine Tatsache, dass Gräber nur eingeschränkte Möglichkeiten haben, diese Aufgabe zu erfüllen. Was ein Grab vom Toten bewahrt sind bestenfalls Spurenelemente und selbst das nur, wenn das Grab sehr durchdacht und in Kenntnis der beerdigten Person gestaltet wird. Die meisten Friedhofssatzungen machen diese Unpersönlichkeit des Grabes durch all zu enge Vorgaben in der Grabgestaltung nur noch schlimmer, alle Gräber sehen im Grunde gleich aus.
So manchem war das schmerzlich bewusst. Einige, die genug Geld und/oder Macht hatten, taten etwas dagegen.

Man kann nicht sagen, es hätte nicht funktioniert - Bild © 2006 Ricardo Liberato

Ja, ich will auf Mausoleen hinaus. Allerdings nicht ganz so groß und auch nicht ein Mausoleum für jeden, dann hätten wir sehr bald ganze Totenstädte und dafür ist auf der Erde schlichtweg kein Platz.

Die Tatsache ist, wer erinnert werden will, muss der Welt etwas hinterlassen. Nur die wenigsten schaffen das. Und noch weniger schaffen es, in dieser Erinnerung irgendwie eine Mitsprache zu haben. Doch die moderne Welt bietet jedem die Möglichkeit, etwas zu hinterlassen.
Ich spreche von einer Bibliothek der Toten.

Die Idee ist ein Kolumbarium, allerdings mit mehr Individualität für die Verstorbenen als jede andere Art der normalen Bestattung sie bietet. Jeder Verstorbene erhält dort einen Urnenplatz (hinter Panzerglas) und das Recht, ein zu Lebzeiten vorbereitetes Totenbuch präsentieren zu dürfen (oder auch mehrere). Wie viel Platz er dazu hat, hängt davon ab, wie die Möbel gebaut werden, sprich wie viele Urnen auf wie viel Regalfläche entfallen.
Der Zugang ist öffentlich, Bücher können bei Beschädigung durch eine hauseigene Druckerei aus digitalen Vorlagen ersetzt werden. Was in den Büchern steht, ist allein Sache der Verfasser. Beleidigendes, nicht jugendfreies oder sonstwie bedenkliches Material kommt in eine nichtöffentliche Abteilung, wo nur (gegebenenfalls Erwachsene) Angehörige Zugriff haben.
Verweigert werden können dem Toten in dieser Einrichtung nur physisch unmögliche oder unzumutbare Wünsche (Urnenbestattung etwa ist Pflicht, weil ganze Leichen zu viel Platz brauchen), Wünsche, die sich auf eine andere als die eigene Grabstätte beziehen und solche, die den Grund- und Menschenrechten widersprechen. Aber er kann so viele Rauten in und auf sein Buch drucken lassen, wie er will und wie auf den zur Verfügung stehenden Platz passen.

Das ganze Konzept könnte privat betrieben werden. Es könnte sich aus Beiträgen jener finanzieren, die dort in Zukunft bestattet werden wollen, sagen wir beispielsweise 10 € im Monat bis zum Tode, womit man das zeitlich unbegrenzte Recht auf ein dort angelegtes Grabregal erhält.
Nur zwei Dinge sind sicherzustellen: Dass kommerzielle Interessen nicht über den Interessen derer stehen, die dort bestattet wurden und dass die Einrichtung weltanschaulich-religiös neutral bleibt.

Was wir damit bekommen würden wäre eine Art von Grabstätte, die endlich allen die Möglichkeit bietet, mehr zu hinterlassen als nur einen Stein mit Namen und Lebensdaten. Und für die Besucher ein Fenster in Leben, Ideen und Ansichten derer, die vor ihnen gelebt haben, seien dies nun eigene Vorfahren oder Unbekannte, in deren Bücher man bei einem Besuch hineinstöbert.

Ein paar Hürden gibt es noch: Wie gesagt mischen sich die Kirchenleute ständig in Dinge ein, die sie nichts angehen, so auch in die Bestimmungen für nicht-kirchliche Bestattungen. Und auch sind privat betriebene Grabstätten in Deutschland vom Gesetzgeber nicht gern gesehen. Ob die Bestattung in einer solchen Einrichtung die Friedhofspflicht erfüllen kann, muss noch geklärt werden.
Oh, und natürlich die Tatsache, dass es für den Start einer Finanzierung und natürlich eines geeigneten Gebäudes bedarf, wobei letzteres ersteres voraussetzt. Mal sehen, als wie erfolgversprechend es sich in den nächsten Tagen erweist, so etwas anzustoßen. Oder ob jemand anders die Idee aufnimmt.

Kurz noch zum Begriff: Mauso- von Mausoleum, was heutzutage ein Oberbegriff für Grabgebäude ist und nicht mehr nur das Grab des Mausolos bezeichnet, weshalb ich diese Ausgliederung für machbar halte. Theoretisch wäre auch Nekrolibrarium denkbar, wenn Mauso- nicht auf Zustimmung trifft. -libr- von Latein liber für Buch, -arium ist der Lokativ zu -ārius, mit dem ich mich in diesem Blog schon einmal dezidiert beschäftigt habe und der für Örtlichkeiten das tut, was -ārius für Menschen tut.